Antwort schreiben

Zum Voten von Antworten musst du angemeldet sein.

Logge dich ein oder registriere dich.

×

Wer finanziert den Mittelstand?

Kleine und mittelständische Unternehmen sind das Rückgrat der deutschen Wirtschaft: 3,6 Millionen Betriebe stellen mehr als die Hälfte aller deutschen Arbeitsplätze und brauchen vor allem eine Sache, um erfolgreich arbeiten zu können: Geld. Verraten Sie uns, wo es herkommen soll.

Antwort schreiben

Hans-Werner Grunow, Unternehmensberater und Buchautor

Solide Basis

Wichtigster Finanzier des deutschen Mittelstands sind die Unternehmen selbst. Über einbehaltene Gewinne hat der Mittelstand seine Finanzausstattung in den vergangenen 20 Jahren auf eine solide Basis gestellt und die Finanzierungsstrukturen weitgehend krisenfest gemacht. Die Eigenkapitalquote stieg von sieben Prozent im Jahr 1998 auf 29 Prozent im Jahr 2018. Der Bankkredit, damals mit einem Bilanzanteil von fast 40 Prozent die wichtigste Finanzierungsquelle, kommt heute nur noch auf 21 Prozent. Gleichzeitig werden für den Mittelstand – infolge des Ausbaus gruppeninterner Wertschöpfungsketten mit stärkeren Unternehmensverflechtungen – sogenannte Verbundfinanzierungen immer wichtiger: Etwa 15 Prozent der benötigten Mittel werden auf diese Weise arrangiert. Und rund ein Zehntel der Bilanz entfällt auf Lieferantenkredite. Kaum eine Rolle für den Mittelstand spielen dagegen Kapitalmarktfinanzierungen. Gleiches gilt für die direkte Finanzierung von mittelständischen Unternehmen seitens der Investoren ohne Einschaltung von Intermediären wie zum Beispiel Banken oder Kapitalanlagegesellschaften. An dieser Struktur kann nur ein wirklich innovatives Instrument etwas verändern. Im Durchschnitt betrachtet ergibt sich also ein sehr günstiges Bild. Doch bei einigen mittelständischen Unternehmen sieht es weniger gut aus. Hier ist es künftig wichtig, Prozesse zu optimieren und sich gegenüber Finanziers möglichst attraktiv zu präsentieren.

Horst Fittler, Hauptgeschäftsführer Bundesverband Deutscher Leasing-Unternehmen (BDL)

Leasen statt kaufen

Der Mittelstand, das erfolgreiche Wirtschaftsmodell Deutschlands, und die mittelständisch geprägte Leasing-Wirtschaft sind eng miteinander verknüpft. Drei von vier mittelständischen Unternehmen ziehen Leasing regelmäßig für ihre Investitionspläne in Betracht. Für 40 Prozent ist Leasing sogar die erste Wahl im Wettbewerb der Finanzierungsinstrumente. Der Kredit folgt erst mit größerem Abstand. Marktbefragungen zeigen, dass die Leasing-Kunden besonders die Beratung auf Augenhöhe schätzen: Vom Mittelstand für den Mittelstand. Denn in ihrer Struktur spiegelt die Leasing-Wirtschaft die Unternehmenslandschaft in Deutschland wider. Zudem verfügen Leasing-Gesellschaften über eine ganz spezifische Objekt- und Branchenkenntnis. Neben der professionellen Beratung überzeugt Leasing mit einer Reihe von Vorteilen: Die Planbarkeit und Transparenz der Investitionskosten ist ein entscheidendes Argument, Leasing zu nutzen. Investitionsgüter können mit Leasing schneller und einfacher durch neue, modernere ersetzt werden. Zudem bieten Leasing-Gesellschaften zahlreiche ergänzende Services wie Wartung, Reparatur oder Schadensmanagement an, die für die Kunden einen deutlichen Mehrwert darstellen. Es wundert daher nicht, dass seit Jahren über die Hälfte aller außenfinanzierten Investitionen in Deutschland mittels Leasing realisiert wird. Leasing stellt damit einen unverzichtbaren Grundpfeiler der Unternehmensfinanzierung dar.

Mario Ohoven, Präsident Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) und European Entrepreneurs (CEA-PME)

Finanzierungsmodelle der Zukunft

Deutschlands Mittelstand ist hoch innovativ und überaus erfolgreich. Damit das so bleibt, brauchen die Unternehmen die passende Finanzierung. Mittelständler haben hierbei dank ihres guten Renommees vergleichsweise geringe Schwierigkeiten. So beurteilen einer Umfrage des BVMW zufolge denn auch zwei Drittel der Klein- und Mittelbetriebe ihre Finanzierungssituation als gut oder sehr gut. Sie verfügen zudem über eine wachsende Eigenkapitalquote und beziehen staatliche Fördermittel ein. In erster Linie sichern die mittelständischen Unternehmen ihre Liquidität jedoch durch den klassischen Kredit bei der Hausbank. Die Beziehung zur Hausbank ist eine ganz besondere: Laut der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) halten mehr als 90 Prozent der Mittelständler ihrer Hausbank im Schnitt 20 Jahre die Treue. Ausschlaggebend ist vor allem der persönliche Kontakt zum Kreditinstitut. Das Hausbankprinzip bildet demnach auch in Zukunft das Fundament der Mittelstandsfinanzierung. Doch historisch niedrige Zinsen und die Folgen der Basel-Regulierungen lassen Banken bei der Kreditvergabe, insbesondere gegenüber Neukunden, zunehmend zurückhaltender werden. Umso mehr zeigen Mittelständler Interesse an alternativen Wegen der Finanzierung, wie zum Beispiel Fintechs. Der Vorteil liegt auf der Hand: Fintechs bieten schnelle und maßgeschneiderte Lösungen, die sich den Bedürfnissen der Betriebe anpassen – ein Modell mit Zukunft für den deutschen Mittelstand.

Marc S. Tenbieg, Geschäftsführender Vorstand Deutscher Mittelstands-Bund (DMB)

Neue Chancen nutzen

Der Mittelstand steht immer wieder vor der Herausforderung, notwendige Investitionen zu finanzieren oder Kapital für Innovationsprojekte zu beschaffen. Auch wenn die Förderlandschaft auf nationaler und europäischer Ebene viele Angebote bereithält, verzichten gerade kleinere Unternehmen auf solche Unterstützung. Der Grund ist einfach: Die Bürokratie der Fördergeldbeantragung hat ihre Tücken und es fehlt häufig das geeignete Personal zur Beantragung. Für kleine mittelständische Unternehmen hat sich die Finanzierungssituation in den letzten Jahren kaum verbessert. Es gilt: Je kleiner das Unternehmen desto schwieriger ist der Zugang zu klassischen Krediten – trotz niedriger Zinsen. Kapitalnachfragende Unternehmen haben nicht immer ausreichende Sicherheiten. Traditionell schätzen Unternehmen noch die individuelle Betreuung der Hausbank. Nur scheut man auf Bankenseite die Vergabe von mittel- bis langfristigen Krediten, da diese mit starken Unsicherheiten verbunden sind. Kein Wunder also, dass die Bedeutung des klassischen Bankkredits abnimmt. Selbstständige greifen dann eher auf private Rücklagen zurück – soweit diese überhaupt ausreichend vorhanden sind. Hier lohnt es sich, über den Tellerrand zu schauen. Dank Internet und Digitalisierung sind andere Finanzierungsformen auf dem Vormarsch. Private Geldgeber, Factoring, Leasing und Crowd-Financing können gute Alternativen sein. Sie in die eigenen Überlegungen aufzunehmen, kann sich lohnen.

Helmut Karrer, Vorstand Deutscher Factoring-Verband

Attraktive Alternative

Factoring, also der Verkauf von Forderungen, wird immer beliebter – gerade im Mittelstand. Allein die Umsätze der Mitglieder des Deutschen Factoring-Verbands stiegen 2018 um vier Prozent auf rund 242 Milliarden Euro. Die Kundenzahl nahm überproportional sogar um 20 Prozent auf nunmehr 43.830 Kunden zu. Viele Anbieter haben dabei mittelständische Kunden für sich als Tätigkeitsfeld erkannt. Von der Anzahl der Factoring-Kunden werden zwischenzeitlich sogar schon über 92 Prozent im Segment bis zehn Millionen Euro Factoring-Umsatz bedient, dem typischen Umsatzsegment für kleine und mittlere Unternehmen. Die Factoring-Quote, also das Verhältnis des Gesamtumsatzes zum Bruttoinlandsprodukt, liegt bereits bei über sieben Prozent, was bedeutet, dass über sieben Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts durch Factoring abgebildet werden. Dies zeigt, welche erhebliche Bedeutung Factoring inzwischen für die Unternehmensfinanzierung, gerade auch des Mittelstands, erlangt hat. Dies verwundert nicht, wenn man sich die grundsätzlichen Vorteile der Finanzierungsalternative Factoring ansieht: sofortige Liquidität statt hoher Außenstände, verlässliche und sichere Finanzplanung, Einräumung längerer Zahlungsziele gegenüber Debitoren, Erhöhung der Eigenkapitalquote und besseres Rating, Sicherheit durch Schutz vor Zahlungsausfällen oder Entlastung beim Debitorenmanagement. Und das sind nur einige der Gründe, die Factoring heute so attraktiv machen.

Konrad D. Brück,

Unternehmer Staat

Der Staat sollte sich seiner Verantwortung bewusst sein und seine Subventionen, die als Zuschüsse oder in anderer Form Unternehmen zugutekommen und dort schnell verfrühstückt werden und den Appetit auf mehr wecken, in Unternehmensbeteiligungen stecken. Der Vorteil besteht darin, dass die Gesellschaft dann direkten Einfluss auf das Unternehmen hat und damit Faktoren berücksichtigen kann, die nicht nur der bloßen Gewinnmaximierung dienen. Ein positives Beispiel sind kommunale Wohnungsbauunternehmen, die in der derzeitigen Situation ein wichtiger Player auf den aufgeheizten Wohnungsmarkt sind. Der Staat hat dann auch einen direkten Einfluss auf Standortentscheidungen und Personalpolitik und kann seine Ziele, beispielsweise in Richtung Inklusion, Nachhaltigkeit und Klimaschutz, direkt beeinflussen.

Daniela Lorenz, Professorin für Unternehmensfinanzierung, Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Überblick behalten

Traditionell findet die Finanzierung mittelständischer Unternehmen in erster Line über eine Innenfinanzierung durch Eigenmittel statt, gefolgt von Fremdfinanzierungsmaßnahmen mit Bankkrediten. Dabei stellt die Hausbank oftmals den wichtigsten oder gar einzigen Finanzpartner dar. Motiviert durch den persönlichen Kontakt und langfristige Planungssicherheit birgt diese Finanzierungsstruktur jedoch die Gefahr einer Abhängigkeit und damit letztlich schlechterer Finanzierungskonditionen. Hinzukommt, dass zunehmende regulatorische Anforderungen an Banken ihre Kreditbereitstellung einschränken, was zu Finanzierungsengpässen für Mittelständler führen kann. Alternative Finanzierungswege sind entweder nicht bekannt oder werden oftmals ohne Prüfung abgelehnt. Als Konsequenz machen mittelständische Unternehmen zu wenig Gebrauch von alternativen Finanzierungsinstrumenten, beispielsweise von Leasing oder der Beantragung von Fördermitteln, und diversifizieren ihren Finanzierungs-Mix nicht ausreichend, etwa über die Etablierung mehrerer Bankverbindungen. Der notwendigen Diversifikation steht insbesondere eine mangelnde Markttransparenz entgegen: Speziell für Mittelständler ohne professionelles Finanzmanagement gestaltet es sich aufgrund der großen Vielfalt an Finanzierungsalternativen äußert schwierig, den Überblick zu behalten. Ein entsprechender Anbieter- und Produktvergleich stellt dabei eine zeit- und kostenintensive Herausforderung dar.

Peter Altmaier, Bundesminister für Wirtschaft und Energie

Günstige Bedingungen

Für innovative Geschäftsideen brauchen Unternehmen eine solide Finanzierung. Damit der Mittelstand auch in Zukunft die Triebfeder einer dynamischen Wirtschaftsentwicklung in Deutschland bleibt, ist der zuverlässige Zugang zu geeigneter Finanzierung eine maßgebliche Voraussetzung. Dafür kommen Eigenmittel und Finanzierungsangebote von Kreditinstituten sowie privaten Kapitalgebern in Betracht. Zusätzlich unterstützt die Bundesregierung kleine und mittlere Unternehmen sowie Freiberufler, Gründungsinteressierte und Startups mit einem vielfältigen Finanzierungsförderangebot. Diese Programme stellen zinsgünstige Kredite, Beteiligungskapital oder Zuschüsse für Gründungsvorhaben und Wachstumsinvestitionen bereit. Damit sollen insbesondere junge Unternehmen in allen Phasen unterstützt werden. Ein entscheidender Erfolgsfaktor speziell für Startups und junge Technologieunternehmen ist ein ausreichender Zugang zu Wagniskapital. Deutschland soll als Investitionsstandort für Wagniskapital international wettbewerbsfähig werden. Mit passgenauen Instrumenten verfolgen wir eine doppelte Förderstrategie: Dringend benötigtes Kapital wird aus öffentlichen Mitteln zur Verfügung gestellt und so gleichzeitig privates Kapital mobilisiert. Ohne Geld bleibt eine Idee oft nur eine Idee. Aber nicht nur die Finanzierung ist wichtig, sondern auch die Wertschätzung von Unternehmertum in der Gesellschaft. Dafür setze ich mich etwa mit meiner Gründungoffensive ein.

Schreib' uns deine Antwort!

Welche Überschrift willst Du Deiner Antwort geben?

Was ist die Zukunft der Landwirtschaft?

Den neuen Mobilfunkstandard 5G brauche man nicht an jeder Milchkanne, befand Forschungsministerin Anja Karliczek im vergangenen November. Dabei ist die Landwirtschaft schon heute stärker digitalisiert als die meisten anderen Branchen. Schreiben Sie uns, wenn Sie wissen, was die Zukunft außer selbstfahrenden Traktoren noch bereithält.

Antwort schreiben

Joachim Rukwied, Präsident Deutscher Bauernverband (DBV)

Wandel braucht Verlässlichkeit

Ohne Veränderung geht es nicht – das wissen auch wir Landwirte. In einer Gesellschaft, die immer mehr Umwelt- und Klimaschutz einfordert, muss auch die Landwirtschaft ihre Verantwortung übernehmen. Deshalb hat der Deutsche Bauernverband eine eigene Klimastrategie entwickelt, in der wir uns selbst Emissionsreduktionsziele setzen, und mit unserer Ackerbaustrategie wollen wir den Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln noch weiter reduzieren. Denn auch wir brauchen sauberes Grundwasser und Artenvielfalt. Wir übernehmen unseren Teil der Verantwortung: Im vergangenen Jahr haben die deutschen Bauern etwa über 230.000 Kilometer Blühstreifen als Nahrung und Lebensraum für Insekten angelegt – ein Band, das fast sechs Mal um die Erde reicht. Schon jetzt werden von Bauern etwa 1,4 Millionen Hektar ökologische Vorrangflächen angelegt, was in etwa der Fläche Schleswig-Holsteins entspricht. Trotzdem kann die Landwirtschaft noch mehr machen. Doch bei allem Wunsch nach Veränderung ist es entscheidend, dass die Balance zwischen Ökologie und Ökonomie erhalten bleibt. Veränderungen hängen immer unmittelbar an den Investitionen der Bauern und diese müssen auch in den Bilanzen darstellbar sein. Deshalb sagen wir: Wandel braucht Verlässlichkeit – sowohl bei den politischen Rahmenbedingungen als auch an der Ladentheke. Wir Bauern sind bereit, die Zukunft der Landwirtschaft umwelt- und klimafreundlich zu gestalten.

Philipp Duelli, Junglandwirt und Hofnachfolger

Gegensätze überwinden

Einerseits sollen wir ökologischer arbeiten: weniger düngen, Wiesen weniger mähen und die Felder mit Bibern und Wölfen teilen, auch wenn Nutztiere darunter leiden. Andererseits wächst die Bevölkerung und ihr Bedarf an Lebensmitteln. Und nicht jeder kann und will sich das Fleisch meiner Mutterkuhherde leisten, dessen Preis einiges über dem Discounter-Durchschnitt liegt. Kaum anders sieht es mit unserer Biogasanlage aus. Atomkraft und Kohle sollen eingestellt werden. Zugleich muss ich unsere ökologische Wärme- und Stromproduktion bald drosseln, weil sich mit geringerer Förderung nicht wirtschaftlich arbeiten lässt. Solche Gegensätze frustrieren. Landwirte geben auf. Wer weitermacht, wird größer. Es passiert genau das, was die Bevölkerung nicht möchte. Produzieren wir in Zukunft nur noch halb so viele deutsche Lebensmittel – diese allerdings biologisch – und kaufen anderswo günstige zu, die nach geringeren Standards produziert wurden? Nein, sicher wird mehr als bisher ökologisch erzeugt, doch der Großteil wird konventionell erwirtschaftet: so ertragreich und ökologisch wie möglich. Das geht mit verbessertem Technikeinsatz und Forschung im Pflanzenbau. Ich werde meine Mutterkühe weiter extensiv auf Weiden aufziehen und das Fleisch direkt vermarkten. Zugleich wird auf unseren Feldern mit intelligent eingesetztem Dünger und Pflanzenschutzmitteln die beste Ernte wachsen. Konventionell und ökologisch sind keine Gegensätze, sie ergänzen sich.

Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Wir stärken die Kleinbauern

Hunger ist Mord. Eine Welt ohne Hunger ist möglich. Wir haben das Wissen und die Möglichkeiten, zehn Milliarden Menschen zu ernähren, ohne dabei den Planeten zu plündern. In 14 Grünen Innovationszentren in Afrika und Asien zeigen wir, dass sich die Erträge enorm steigern lassen – mit bodenschonenden Anbautechniken, trockenresistentem Saatgut und angepasster Mechanisierung. Zudem bietet eine innovative Landwirtschaft Arbeitsplätze für junge Menschen auf dem Land, die dringend Lebensperspektiven brauchen. Bis 2024 werden allein durch die Innovationszentren die Lebensbedingungen für mehr als elf Millionen Menschen verbessert und die Einkommen von mehr als 1,6 Millionen Betrieben gesteigert. In Kenia fördern wir eine bodenschonende Landwirtschaft. Bodendeckende Pflanzen werden zusammen mit Mais angebaut. Die Böden speichern so Feuchtigkeit. Allein bei Mais und Bohnen konnten wir die Erträge fast verdoppeln. Unser Innovationszentrum in Mali fördert ressourcenschonenden Reisanbau. Dadurch werden 80 Prozent weniger Saatgut und 30 Prozent weniger Wasser gebraucht. Kleine Staudämme helfen, die unregelmäßig gewordenen Niederschläge besser zu nutzen. Kleinbauern können so mehrmals im Jahr ihre Felder bestellen. Und in Nigeria haben wir ein System zum Versand von Wetterinformationen per SMS aufgebaut. Die Kleinbauern planen jetzt ihre Aussaat und Düngung nach den Vorhersagen und steigern ihre Ernten. So kann sie aussehen, die Zukunft der Landwirtschaft.

Katharina Helming, Leiterin Programmbereich „Synthese der Landschaftsforschung“, Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF)

Kraft aus dem Boden

Gesunde Böden sind die beste Versicherung gegen die Folgen des Klimawandels. Sie können bis zu 50 Prozent ihres Volumens an Wasser aufnehmen und langsam an Pflanzen abgeben. So puffern sie Starkregen und lange Trockenphasen ab. Bodenlebewesen verwandeln Pflanzenreste und Mist zu Humus und machen natürliche Nährstoffe verfügbar, organischer Kohlenstoff wird im Boden gespeichert und trägt so zum Klimaschutz bei. Eine nachhaltige Landwirtschaft setzt daher alles an die Gesunderhaltung der Böden. Dazu gehören etwa eine ganzjährige Bodenbedeckung zur Vermeidung von Bodenerosion, eine reduzierte Bodenbearbeitung und Fruchtfolgen mit vielfältigen Ackerkulturen, deren Wurzelsysteme den Boden lockern und tiefgründig biologisch erschließen. Vielfältig strukturierte Landschaften schützen vor Bodenerosion und bieten nebenher viele Lebensräume. Für die Bewirtschaftung kleinerer Felder werden derzeit Technologien entwickelt. Böden sind sehr unterschiedlich, angepasste Lösungen sind nötig. So ist bei Moorböden die Wiedervernässung wichtig. Sie dient dem Boden- und Klimaschutz, weil damit der Humusabbau gemindert wird. Eine pflegende Bodenbewirtschaftung ist aber letztlich nur möglich, wenn nicht nur die Produktion im Vordergrund steht. Wirksamer Bodenschutz setzt deshalb auch an unseren Ernährungsgewohnheiten an: Mit der Vermeidung von Lebensmittelverschwendung und der Reduktion des Fleischverzehrs können wir alle zur Bodenerhaltung beitragen.

Sonja Moor, Öko-Landwirtin

Vom Land her denken

In Zukunft braucht es eine kleinteilige regionale Landwirtschaft. Das haben auch Wissenschaftler weltweit bestätigt. Wir brauchen Bauern, die sich an ihre Umgebung anpassen. Jede Fläche hat eigene Eigenschaften, auf die eingegangen werden muss. Nicht der Bauer, sondern das Land gibt vor, was gezüchtet werden kann. Die Industrie interessiert sich nicht für die Umgebung. Mit Kunstdünger wird angebaut, was Geld bringt. Davon profitieren ausschließlich die Unternehmer. Kleine Betriebe hingegen behandeln das Land als ihren Schatz, als ihr Erbe, das sie an nachfolgende Generationen weitergeben. Nur durch die Rückbesinnung auf traditionelle Werte kann es eine nachhaltige Landwirtschaft geben. Hier in Brandenburg, wo mein Mann und ich unseren Hof seit 2003 haben, gibt es über 5.000 landwirtschaftliche Betriebe mit ganz unterschiedlichen Konzepten. Und das ist es auch, was die Zukunft der Landwirtschaft ausmacht: Diversität. Alle können sich mit ihren Eigenschaften einfügen und gemeinsam füllen wir ein großes Spektrum aus. Wir bauen aktuell zertifiziertes Heu an und stellen Brennholz her. Dass ich meine Karriere als Filmproduzentin an den Nagel gehängt habe, um ausgebildete Landwirtin zu werden, habe ich nie bereut. Dennoch wünsche ich mir für die Zukunft, dass die Menschen hier in Brandenburg und auch in anderen ostdeutschen Regionen genauso viel verdienen wie im Westen. Denn oft scheitern gute Ideen an ihrer Umsetzung, weil das Geld fehlt.

Hartmut Matthes, Geschäftsführer Bundesverband Lohnunternehmen (BLU)

Hand in Hand mit der Gesellschaft

In allen Lebensbereichen erleben wir Veränderungen. Auch die Landwirtschaft kann sich dem nicht entziehen. Die größten Herausforderungen resultieren dabei aus einer wachsenden Weltbevölkerung, dem sich verändernden Konsumverhalten sowie dem Schutz natürlicher Ressourcen. Mit den Mitteln einer bäuerlichen Landwirtschaft der vergangenen Jahrhunderte ist es unmöglich geworden, diesen Aufgaben gerecht zu werden. Der Einsatz heutiger Metho-den und Werkzeuge kommt an Grenzen. Die oft formulierte Forderung nach einer Agrarwen-de betrifft aber nicht nur die Bauern. Vielmehr sind gesamtgesellschaftliche Anstrengungen erforderlich, die im wesentlich mit Verhaltensänderungen einhergehen müssen. Kosten für externe Effekte aus Produktion, Verarbeitung, Handel und Konsum müssen zukünftig stärker eingepreist werden. Eine nachhaltige Produktion von Nahrungsmitteln sollte sich stärker an der Kreislaufwirtschaft orientieren und regionale Aspekte stärker berücksichtigen. Zudem sollte der technische Fortschritt für mehr Effizienz bei den eingesetzten Ressourcen wie Bo-den, Wasser, Nährstoffe und Energie sorgen. In Familie, Schule und Gesellschaft muss das Bewusstsein für Ernährung wieder in den Mittelpunkt rücken. Die „Geiz ist geil“-Mentalität suggeriert billig. Wertschätzung für die Lebensmittel und ihrer Natürlichkeit dagegen hilft, den Dialog zwischen Erzeugern und Verbrauchern zu verbessern. Den dummen Verbraucher oder den dummen Bauern gibt es nicht.

Sven Plöger, Meteorologe und Wettermoderator

Zeit der Extreme

Schaut man sich die Klimamodelle von vor 20, 30 Jahren an, stellt man nüchtern fest: Viele der damaligen Vorhersagen treffen heute ein. Die Landwirtschaft ist dabei, wenn man so will, Klimaopfer und Klimatäter zugleich. Sie trägt ein großes Paket an Emissionen mit sich herum und ist zweifellos in der Pflicht, es schnell zu verkleinern. Aber sie leidet auch massiv unter den Folgen der Klimaänderung. Doch wie sehen diese meteorologisch aus? 2018 war dafür genauso eine Blaupause wie das vor allem im Norden Deutschlands extrem nasse Jahr 2017. Der Grund: „Standwetter“. Die Hochs und Tiefs kommen langsamer voran und eine Wetterlage setzt sich deshalb teils wochenlang durch. Der Grund dafür liegt weit entfernt im Eis der Arktis. Das zieht sich immer schneller zurück und so wird die Polregion stark erwärmt. Damit nimmt aber der Temperaturunterschied zwischen Äquator und Pol ab – und somit auch die Luftströmung, die diese Unterschiede ausgleicht. Unseren Hochs und Tiefs fehlt quasi der Anschieber. Extreme Trockenheit mit Hitzebelastung und zu viel Nässe liegen in Zukunft eng beieinander. Westwetterlagen werden weniger dominant, so dass sich extremere Luftmassen schneller abwechseln – mit der Folge von Hagelstürmen und Gewittern. Verblüffend ist: Auch die Gefahr von Spätfrösten nimmt zu. Das ist deshalb so, weil die Vegetation früher aus der Winterruhe erwacht und im Februar und Anfang März viel eher nochmal mit eisigen Nächten zu rechnen ist.

Willi Kremer-Schillings, Bauer, Blogger, Buchautor

Der nächste Schritt

Die Landwirtschaft wird sich in drei Richtungen entwickeln. Die erste Richtung: Der überwiegende Teil ist einfach groß. Viele Hektar, viele Tiere, viel Elektronik, digital. Der Bauer als Manager, der überwacht, analysiert, steuert. Menschen werden durch Maschinen ersetzt, wie überall. Bio und konventionell gleichen sich immer mehr an. Sie liefern normierte Ware, für jedermann erschwinglich. Die zweite Richtung: Individuell. Dieser Markt ist deutlich kleiner. Seit jeher gibt es eine Käuferklientel, die das Besondere liebt. Sie wollen regionale Süßkartoffeln oder Auberginen? Bekommen Sie. Das Schnitzel vom Weideschwein, von einer alten Rasse? Kein Problem. Ist etwas teurer und hat nicht jeder. Die dritte Richtung: Global Player. Impossible Burger, Innocent Meat. In zehn Jahren werden die Alternativen „ohne Tiere“ aus dem Labor ein Drittel des heutigen Fleischverzehrs ersetzen. Die Investoren sind multinationale Konzerne wie Apple, Google und Amazon, die groß bei Lebensmitteln einsteigen. Gleiches gilt für die pflanzliche Form des Fleisches. Erbsen, Bohnen und andere Eiweißquellen werden in den unternehmenseigenen Fermentern veredelt. Die Argumente: Es ist gut für die Umwelt und kein Tier musste sterben. Essen als moralisches Glaubensbekenntnis. „Wir sollten alle weniger Fleisch essen.“ Diese Botschaft wird marketingmäßig so weit verstärkt, bis das Fleisch von Tieren einen ähnlichen Ruf hat wie die Zigarette oder das Dieselauto.

Niels Grüne, Vorstand Gesellschaft für Agrargeschichte

Zurück in die Zukunft?

Die Agrargeschichte liefert keine Patentrezepte für die Zukunft. Sie bietet aber Anregungen – speziell dazu, wie ökonomische Umbrüche gesellschaftliche Akzeptanz finden können. Bis vor 200 Jahren lebten in Europa noch drei viertel der Menschen von der Landwirtschaft. Man darf sich die vorindustrielle Welt zwar nicht harmonisch vorstellen, denn Verteilungskämpfe waren allgegenwärtig. Was sich seitdem mit der Mechanisierung und Chemisierung jedoch gewandelt hat, ist das Faktum, dass die agrarische Wertschöpfung von einem immer kleineren Prozentsatz der Bevölkerung getragen wird. Paradoxerweise führte dieser steile Leistungsanstieg zu einer Marginalisierung des Primärsektors und einer soziokulturellen Entbäuerlichung ländlicher Räume. Parallel sind indes jene Ansprüche enorm gewachsen, die sich aus dem Verbraucher-, Tier- und Artenschutz, aus ökologischen Bedenken und aus exportbedingten Marktverzerrungen außerhalb Europas ergeben. Kurzum: Das Spektrum der landwirtschaftlichen Stakeholder hat sich stark diversifiziert und geht längst weit über den Kreis der Produzenten hinaus. In historischer Sicht lautet die zentrale Herausforderung an eine moderne Agrarpolitik daher: Das alte und stets aktuelle Thema des Interessenausgleichs darf nicht mehr nur als das Problem einer bestimmten Wirtschaftsbranche, sondern muss als eine gesellschaftlich breit abgestützte, demokratisch zu moderierende Querschnittsaufgabe begriffen werden.

Schreib' uns deine Antwort!

Welche Überschrift willst Du Deiner Antwort geben?

Wie modern ist Tradition?

Mit „Früher war mehr Lametta“ bejammerte Opa Hoppenstedt in einem Loriot-Sketch von 1978 den Verlust liebgewonnener Bräuche. Die Glitzerstreifen aus Stanniol sind auch 40 Jahre später nicht en vogue, ganz im Gegensatz zur Renaissance vieler Traditionen. Schreiben Sie uns, was Sie davon halten.

Antwort schreiben

Max Raabe, Sänger und Gründungsmitglied Palast Orchester Berlin

Zeitlos schön

Für mich ist die Musik der 1920er-Jahre nach wie vor modern. Wenn ich mit dem Palast Orchester ein empfindsames Stück aus dieser Epoche aufführe, berührt es das Publikum auch heute noch, ohne dass ich die Pointe übersetzen muss wie etwa eine Anekdote aus dem Mittelalter. Darüberhinaus schreibe ich mit Popfachkräften wie Annette Humpe oder den Jungs von Rosenstolz eigene Stücke, die diese Haltung, Geschichten zu erzählen, in die Gegenwart tragen. Das Spannende dabei ist: Es gibt keinen Bruch zwischen traditionell und modern. Wie gut alle Stücke harmonieren, konnten wir eben erst bei unserer MTV-unplugged-Aufzeichnung feststellen. Unsere Gäste wie Namika, LEA, Samy Deluxe, Lars Eidinger und Herbert Grönemeyer haben jeweils ihre eigenen, sehr persönlichen Interpretationen aus Liedern unseres Archivs gestaltet. Pawel Popolski beweist beispielsweise stichhaltig, dass „Kein Schwein ruft mich an“ eigentlich eine Polka ist. Oft sind es auch Abwandlungen, die für Abwechslung sorgen. Der größte Teil unseres Repertoires stammt aus der Zeit der Weimarer Republik. Heute haben wir den Luxus, das Beste aus dieser Epoche aussuchen zu können, denn es hat auch in dieser Zeit schlechte Kopien und banale Plattitüden gegeben. Doch darunter gibt es einen enormen Schatz, den man nur heben muss. Hoffentlich entwickelt sich daraus eine Tradition, sodass auch folgende Generationen von Musikern diese Ära auf die Bühne bringen.

Hans Peter Wollseifer, Präsident Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH)

Brücke in die Zukunft

Viele Menschen verbinden mit Handwerk im besten Sinne Tradition. Sie denken an Frauen und Männer, die mit ihren Händen etwas aus Holz, Stein, Stoff oder Mehl erschaffen. Das hat etwas Ursprüngliches und Althergebrachtes, eben Traditionelles. Wenn also das Handwerk für Tradition steht, dann scheint mir: Tradition ist Trend. Die Sehnsucht der Menschen nach ihren Wurzeln, nach Identität, Individualität und Originalität drückt sich im Do-it-yourself-Hype aus. Sie nähen Kleider, schleifen Kommoden ab und streichen Wände. Oft mithilfe von Youtube-Tutorials. Denn: Woher sollen sie es können, wenn es an Schulen keinen Werkunterricht mehr gibt? Und wenn Eltern nicht mehr mit ihren Kindern heimwerken? Bei aller Traditionsverbundenheit wandelt sich auch das Handwerk gewaltig. Technologischer Fortschritt und Digitalisierung prägen heute unsere Gewerke. Drohnen von Dachdeckern fliegen zur Schadensaufnahme über die Dächer. Roboter und CNC-Fräsen kommen in Tischlereien zum Einsatz. 3D-Scanner formen in Orthopädiewerkstätten passgenaue Gliedmaßen ab. Dabei passt sich das Handwerk nicht allein dem Fortschritt an, es befördert ihn und macht ihn vielfach erst möglich. Es wird keine Energiewende und höhere Gebäudeeffizienz ohne Heizungs- und Klimainstallateure geben, kein Smart Home ohne Elektroniker und keine Mobilitätswende ohne Kfz-Mechatroniker. Tradition ist mehr als ein Relikt aus der Vergangenheit. Tradition schlägt die Brücke in die Zukunft.

Dirk Zingler, Präsident 1. FC Union Berlin

Hört einander zu

Über Tradition und Moderne wird wohl nirgends so intensiv diskutiert wie im Fußball. Nicht selten feiern Fans ihren Klub für sein Alter, obwohl das nicht ihr Verdienst ist. Ob uns der Fußball von vor hundert Jahren heute gefallen würde? Ich glaube kaum. Trotzdem geht im Fußball von dem Begriff der Tradition eine fast magische Faszination aus. „Gegen den modernen Fußball!“ ist der Hilferuf nach Mitbestimmung, Teilhabe und nach einem ursprünglichen Erlebnis in Zeiten von Halbzeitshows, Sitzplatzarenen und Klubs in Privatbesitz. Dem 1. FC Union Berlin wird gerne das Attribut Traditionsverein zugeschrieben und ja, mir gefällt das. Nicht, weil wir bei Union alles so machen, wie es immer schon war, sondern weil wir Fußball so organisieren, wie wir ihn gerne erleben: laut, bunt und intensiv. Wir, das sind die Mitglieder des Vereins, die Spieler, Sponsoren, Fans, Ultras, Mitarbeiter, Gremienvertreter, kurz: eine Vielzahl verschiedener Interessengruppen, die den Klub aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Unser Ansatz ist es, uns als Gemeinschaft zu begreifen, die das Wohl des Klubs in den Mittelpunkt stellt. Wir hören einander zu, wägen ab und entscheiden dann. In einer Zeit, in der das Zuhören selten geworden ist, mag das traditionell erscheinen. Für uns ist es modern, denn wir sind damit erfolgreich. Tradition und Moderne? Bei Union heißt das: Stehplatzstadion und LED-Banden, Bratwurst, Bier und Bundesligafußball.

Lotte Tobisch-Labotýn, Schauspielerin und ehemalige Organisatorin des Wiener Opernballs

Eine Märchennacht für Erwachsene

Der berühmte Wiener Opernball ist einzigartig als ein nach wie vor imperial aufgezogenes Fest, bei dem es kein Widerspruch ist, dass ein sozialdemokratischer Bundespräsident samt Bundeskanzler wie franzisko-josephinische Repräsentanten im Frack mit Orden auftreten. Aus diesem Widerspruch ergibt sich nicht nur die Berühmtheit des Balles, sondern auch das Erfolgsgeschäft in puncto Geld und Werbung für die Stadt Wien und das Land Österreich. Der Erfolg meiner Arbeit, der mich natürlich sehr freut, lag einfach darin, den Opernball ernsthaft zu organisieren, aber nicht wirklich zu ernst zu nehmen. Er ist ein Teil der Wiener Balltradition, die aus dem Zusammenschluss einer Unzahl von Dörfern entstanden ist, die bei der großen Stadterweiterung 1862 eingemeindet wurden und die ihre eigenen Traditionen hatten, wozu auch die Balltradition gehörte. Daraus entstand diese unglaubliche Wiener Tanzfreude, die sich bis heute erhalten hat und nach wie vor die Menschen als ein Faschingsmärchen wirklich glücklich macht. Wenn ich heute, nachdem ich den Ball 23 Jahre nicht mehr mache, sozusagen „weltberühmt in Wien“ bin, dann liegt es wohl daran, dass ich die Menschen gerne glücklich sehe und ihnen Freude bereite. Dadurch erschien mir, obwohl keine Ballfanatikerin, die Arbeit am Opernball durchaus sinnvoll – nicht zuletzt im Sinne Gotthold Ephraim Lessings, der in seinem „Nathan“ so schön sagt: „Nicht die Kinder bloß speist man mit Märchen ab.“

Franz-Peter Falke, Präsident Markenverband

Zukunft heißt Veränderung

Marken sind Vertrauenskonstrukte und erwachsen aus der einzigartigen Beziehung zu ihren Kunden. Ein wesentlicher Teil dieser Bindung entsteht neben der produktbezogenen Leistung aus der Übereinstimmung der Werte der Marke und des Kunden. Daher reflektieren Marken auch immer Wertestrukturen der Gesellschaft und sind so seit jeher Teil unserer Kultur. Die Tradition einer Marke ist daher Ausdruck einer starken Beziehung, die über einen langen Zeitraum entstanden ist – und keineswegs eine Garantie für den morgigen Erfolg. Denn Marken werden nur dann auch erfolgreich bleiben, wenn sie gleichermaßen auf die Änderungen der Anforderungen an Produkte oder Services wie auch auf geänderte Wertestrukturen eingehen. Gerade im Umfeld gesellschaftlicher Veränderungen und der daraus resultierenden Verbrauchertrends haben Marken nicht nur eine Orientierungsfunktion, sondern werden zum vertrauensvollen Begleiter im Leben der Kunden und sorgen so für Stabilität gegenüber gesellschaftlichen, technischen oder globalen Herausforderungen. Wichtig bei all den Veränderungen ist es, dass sich jede Marke trotzdem selbst treu bleibt, keine Kompromisse bei den Markenwerten und der Qualität eingeht und ihr Markenversprechen hält. Damit können sie die Begeisterung wecken, die zeitlose Wertschätzung hervorruft und Quelle ihrer Wertschöpfung ist.

Sigrid Förster, Leserin

Ursprüngliche Kraft

Für mich ist die schönste und auch die modernste Tradition das Segeln auf alten Windjammern – nachhaltig aus Holz gebaut, nicht aus profanem Plastik. Diese Schiffe verkörpern Tradition, Eleganz und nutzen auf ganz moderne Weise die Naturgewalt des Windes zur Fortbewegung. Mein Lieblingsschiff wurde vor über 130 Jahren als viktorianischer Rennkutter für einen Lord in Southampton auf Kiel gelegt. Nach ihrer Zeit als Rennyacht diente sie der Schmuggelbekämpfung in den englischen Küstengewässern und als Hausboot. Seit einigen Jahren hat man die Gelegenheit, auf diesem Stück Geschichte zu segeln und die See zu erleben. Schon das Schwanken des Schiffs und die Gerüche unter Deck versetzen einen in eine andere Zeit. Der schönste Augenblick ist, wenn nach dem Auslaufen die Segel gesetzt werden und dann die Maschine gestoppt wird. Die einsetzende Stille, verbunden mit den Geräuschen von Wind und Wasser, macht einem bewusst, dass man nah an der Natur ist und sich vom Alltag immer weiter weg entfernt.

Gisbert L. Brunner, Uhrenjournalist und Buchautor

Konstant in Mode

Alle Welt redet von Ökologie und Nachhaltigkeit. Und das völlig zu Recht. Mechanische Armbanduhren leisten zweifellos einen zwar kleinen, aber keineswegs zu unterschätzenden Beitrag zum Schutz unserer Umwelt. Ihr Ausstoß an schädlichem CO2 ist nämlich gleich null. Um eine der traditionsreichsten Maschinen am Laufen zu halten, genügt – man mag es fast nicht glauben – eine Milliardstel Pferdestärke. Natürlich geht es auch hier nicht ohne Energie. Aber die kommt allein durch körperliche Bewegung zustande. Auch in anderer Hinsicht besitzt diese zeitbewahrende Tradition beachtliches Zukunftspotenzial. Bei regelmäßiger Pflege lassen sich die stoisch tickenden Objekte nämlich über Generationen hinweg vererben. Mit etwas Glück und Geduld wächst dabei auch noch der Wert. Mehr kann man eigentlich nicht erwarten. Die moderne Seite der Tradition zeigt sich schließlich auch bei der Herstellung. Umweltfreundliche Handarbeit besitzt auch im 21. Jahrhundert einen hohen Stellenwert. Viele Uhrenfabrikanten nutzen mittlerweile erneuerbare Energien, gewinnen die von Produktionsmaschinen erzeugte Wärme zurück und bereiten Flüssigkeiten sorgfältig auf. Bei Gebäuden in der Uhr-Schweiz heißt das Zauberwort „Minergie“. Folglich passt die konsequente Bewahrung des Überlieferten perfekt in unsere schnelllebige Zeit. Das Ticken der mechanischen Uhr ist und bleibt der Herzschlag menschlicher Kultur, auch wenn Smartwatches etwas anderes glauben machen.

Nicolas Flessa, Chefredakteur Zeitschrift „bauhaus now“

Untrennbar verbunden

Ich kenne mich. Nachdem ich diesen Beitrag fertiggestellt habe, werde ich ihn auf meinem virtuellen „Schreibtisch“ speichern. Auf einem Schreibtisch, der keine Füße mehr hat. Und doch ist er, wie jeder echte Schreibtisch, ein Spiegelbild der Seele seines Benutzers. Auf meinem Schreibtisch tummeln sich Dutzende von Dateien und natürlich ein PDF zum Bauhaus und der Moderne. Die Moderne hat sich immer auch als Zeitenbruch verstanden. Diese Lesart haben wir bis heute beibehalten, wenn wir anlässlich des Bauhaus-Jubiläums auch den Anbruch der Moderne feiern. Doch wie modern ist eine Moderne, die man feiert wie eine gute alte Tradition? Wer heute von Wurzeln, Heimat und Identität spricht, befindet sich leicht auf einer politisch abschüssigen Seite. Zu tiefgreifend war der Missbrauch, den diese Begriffe erfahren haben. Ist Tradition daher zwangsläufig antimodern? Ich glaube nicht. Als Walter Gropius seine Schule, die er allein der Gegenwart verpflichtet sehen wollte, benannte, orientierte er sich dafür an einer Institution des Mittelalters: der Bauhütte. Schöner kann man die gegenseitige Abhängigkeit von Tradition und Moderne kaum auf den Punkt bringen. Der Computer, auf dem ich diese Zeilen schreibe, steht übrigens auf einem realen Schreibtisch, den ich vor dem Sperrmüll bewahrte. Letztes Jahr fand ich heraus: Er stammt aus der Feder eines Bauhäuslers. Ein solcher Klassiker wird mein virtueller Schreibtisch wohl kaum werden – oder etwa doch?

Rainer Rother, Künstlerischer Direktor Deutsche Kinemathek

Im Gedächtnis bleiben

Ob Tradition modern sein kann, entscheidet sich bei Filmen heute zunächst nicht nach Bedeutung, Aktualität oder ästhetischer Innovation eines sogenannten alten Werks. Andere Künste bleiben mit ihrer Tradition präsent – in Ausstellungen, in Bibliotheken, im Repertoire. Die Öffentlichkeit entscheidet, was bleibt. Die Tradition des Films dagegen verschwindet durch einen technischen Umbruch. Die Präsentation, die Vertriebswege funktionieren nicht mehr, sie sind bis auf wenige noch auf analoges Filmmaterial eingerichtete Kinos und Filmmuseen vollständig digital geworden. Kino, TV, DVD und BluRay oder Video on Demand schließen „nur“ analog verfügbare Titel und damit das, was Tradition heißen könnte, aus. Grob gesprochen sind alle bis etwa 2010 entstandenen Filme unsichtbar geworden. Wieder sichtbar werden sie nur, wenn sie digitalisiert und damit in den neuen Vertriebswegen auch zeigbar werden. Was modern sein kann an der Tradition – bei über 100.000 abendfüllenden Titeln allein in der deutschen Filmgeschichte – wird zur Frage der Auswahl, der Priorisierung für die Digitalisierung. Ist Gerhard Lamprechts Film „Katzensteg“ tatsächlich der immens moderne Film, als den ihn der mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnete Regisseur Andres Veiel – zu Recht – beschrieben hat? Die Deutsche Kinemathek restauriert und digitalisiert ihn nun. Dann wird er als bislang unbeachtetes Meisterwerk erkennbar werden, das zur Tradition wie zu Moderne gehört.

Rainer Fein, Vizepräsident Zentralverband der Deutschen Goldschmiede, Silberschmiede und Juweliere

Sag es in Gold

Schon in vorchristlicher Zeit haben Goldschmiede in ihrem Beruf auf Tradition besonderen Wert gelegt. Dies haben wir uns bis heute bewahrt. Deshalb ist heute wie in der nahen Zukunft gerade in diesem Handwerk Tradition so modern wie noch nie. Wir setzen uns durch immer wieder neue Ideen in der Gestaltung von Schmuck mit dem Neuen, aber auch mit der Bewahrung von Altem auseinander. Gerade bei hochwertigem Schmuck legen immer mehr Kunden Wert auf Individualität. Die Gesellschaft hat heute viel mehr Möglichkeiten des Vergleichens. Genau darin liegt die Chance, sich von den Massenherstellern zu unterscheiden, indem man durch hohe Handwerkskunst wieder auf alte Traditionen Wert legt und sie zu neuem Leben erweckt. In der Branche zeigt sich, dass gerade Manufakturen, die sich mit alten Traditionen beschäftigen, großen Erfolg am Markt haben. Schmuck war und ist in der Zukunft eine Möglichkeit, sich zu individualisieren. Mit edlem Schmuck haben sich Menschen in alten Kulturen wie in der heutigen Zeit von der Masse abgesetzt. Um diese Handwerkskunst zu erhalten, bedarf es einer qualifizierten Ausbildung, die mit dem Abschluss der Meisterprüfung enden sollte. Dadurch wären die Perspektiven für junge, gut ausgebildete Goldschmiede und Goldschmiedinnen so gut wie noch nie. Einen Leitspruch halte ich gerade in der heutigen Zeit für unabdinglich, der da heißt: Das Alte bewahren und dem Neuen aufgeschlossen gegenüberstehen.

Schreib' uns deine Antwort!

Welche Überschrift willst Du Deiner Antwort geben?