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Wofür fehlt die Zeit?

Unsere Tage sind stets gefüllt mit wichtigen und weniger wichtigen Terminen und Aufgaben. Schreiben Sie uns, was Sie tun würden, wenn Sie für einen Tag, eine Woche oder ein paar Monate von allen Alltagspflichten befreit wären.

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Michael Krämer, Präsident Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP)

Eigene Entscheidung

Führungskräfte haben keine Zeit, sich um ihre Mitarbeiter zu kümmern und berufstätige Eltern haben keine Zeit für ihre Kinder – ähnliche Beispiele lassen sich leicht finden, da sie in unserer Gesellschaft weit verbreitet sind. Jeder Betroffene kann viele rationale Begründungen nennen, warum Zeitnot unausweichlich zu sein scheint. Wir leiden darunter, aber ändern nichts daran. Seien wir ehrlich: Jeder von uns trifft Entscheidungen, die dazu beitragen, dass die Zeit knapp ist, zum Beispiel für den herausfordernden Beruf, eine Familie oder spannende Freizeitbeschäftigungen. Unser Gestresstsein gehört dazu. Wir genügen gesellschaftlichen Erwartungen und sichern damit unseren materiellen Wohlstand. Der Wunsch, mehr Zeit zu haben, steht auf der Rangliste weit unten. Im Gegenteil: Der „Genuss“ von sehr viel freier Zeit könnte schnell zum Überdruss führen. Die meisten von uns wären hilflos, wenn der Wunsch sich tatsächlich erfüllen würde. Wir hätten mehr Zeit, wenn wir arbeitslos würden, wenn wir keine Familie mehr hätten und so weiter. Wer würde dies wollen? Es ginge uns schon besser, würden wir uns darauf besinnen, womit wir unsere Zeit tatsächlich verbringen, und uns nicht ständig überfordern. Mein Tipp für einen ersten Schritt zu mehr Wohlbefinden: Illusionen aufgeben und sich selbst einschließlich der eigenen Grenzen akzeptieren.

Hermann Strasser, Leser

Sinn braucht Zeit

Durch die beschleunigte Wissensproduktion wissen wir immer mehr und häufen immer mehr Wissen in kürzerer Zeit an – mit der paradoxen Folge, dass wir immer weniger die Zukunft voraussagen können. Dazu kommt, dass uns der Reichtum an Gütern in eine Armut an Zeit abgleiten lässt, nicht zuletzt angetrieben von den Märkten. So wird unsere Gegenwart verkürzt und in Stücke gerissen. In Sinn-Stücke möchte man meinen – und hoffen. Das Handeln des postmodernen Menschen ist aber nicht so sehr auf Sinn- und Bedeutungsproduktion, sondern auf die Herstellung von Waren und Diensten ausgerichtet. Und so wird der Mensch immer mehr zu einem Drifter, der sich eher an den Optionen von morgen als an den Perspektiven der Zukunft orientiert. Ihm droht der Sinn abhanden zu kommen, denn Sinn braucht Zeit – Zeit zum Wachsen, zur Verbreitung und zur Verinnerlichung. Wenn wir das nicht schaffen, haben wir nur eine Alternative: die Ewigkeit nicht in Unendlichkeit, sondern in Unzeit zu verwandeln, auf dass der ewig lebt, der in der Gegenwart lebt. Oder wir rufen zum Widerstand gegen das Regime der Beschleunigung auf, wie das der Jesuit und katholische Soziallehrer Friedhelm Hengsbach unlängst getan hat. Denn die Zeit gehört uns.

Nicolas Toma, Leser

Auf der Suche nach der Zeit verpasst man leider den Moment.

Robert J. Wierzbicki, Professor für Onlinemedien, Hochschule Mittweida

Moderne Zeiträuber

Die Entwicklung des menschlichen Zeitgefühls hat mit der Integration sensorischer Informationen in unserem Gehirn zu tun und als solche unterliegt sie neuronalen Mechanismen. Als Konstrukt unseres Gehirns ist Zeit eine Illusion. Sie hilft uns, Ereignisse aus unserem Leben sinnhaft aufeinander beziehen zu können und für die Zukunft zu planen. Junge Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind, organisieren heute ihr Leben mit Hilfe der sozialen Netzwerke. Als Folge des sogenannten FOMO-Effekts (Fear Of Missing Out, also der Angst, etwas zu verpassen) kommt hierbei oft die Angst auf, falsche Entscheidungen in Bezug auf die Zeitnutzung zu treffen. Das erzeugt Stress und macht krank. Die junge Generation hat das Internet als eine Plattform zur Selbstrealisierung und Selbstdarstellung entdeckt. Besonders motivierende Aktivitäten erzeugen im Menschen bekannterweise das Gefühl des völligen Aufgehens in der ausgeübten Tätigkeit. In der Wissenschaft spricht man von einem sogenannten Flow-Zustand. Bekanntestes Beispiel ist hier das Versinken im Computerspiel. Internetaktivitäten und Spielen von Computer-Games rauben uns die Zeit, aber unser Gehirn scheint dies nicht zu stören. Im Gegenteil. Wir werden mit dem Ausstoß des Neurotransmitters Dopamin belohnt, was für das Erleben des Glücksgefühls verantwortlich ist. Es greifen dieselben Mechanismen wie beim Konsumieren von Drogen. Was folgt, ist eine Sucht, die kaum aufzuhalten ist.

Eva Lücke, Leserin

Sinnvoll gefüllt

Mein Arbeitsleben liegt einige Jahre hinter mir. Man sollte also meinen, dass ich alle Zeit der Welt habe, um was auch immer zu tun und zu lassen. Es ist aber so, dass ich das einerseits nicht nur tun konnte, sondern auch getan habe: etwa ein nachberufliches Studium, um nur ein Beispiel anzuführen. Damit ergab sich dann wieder eine Zeiteinteilung. Mit erneutem Eintritt in einen Chor, der Anmeldung zum Bogenschießen und der Geburt meines Enkels waren die Tage, Wochen und Monate dann ähnlich belegt, wie vorher im Beruf, und sie sind es nach wie vor. Was soll ich sagen? Ich glaube, ich möchte von meinen „Pflichten“ gar nicht befreit sein. Kleine „Freizeiten“ ergeben sich ohnehin. Mein Enkel ist in den Ferien oft nicht in der Stadt, der Chor macht dann ebenfalls Pause, mein Gesangslehrer auch. Dann lese ich lange liegengebliebene Bücher oder fahre bei sonnigem Wetter spontan zum See und mache eine Schiffsrundfahrt. An Zeit fehlt es mir nicht wirklich.

Cordula Nussbaum, Keynote-Speakerin für Zeitmanagement und Zielerreichung

Keine Langeweile

„Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit“, sagt ein afrikanisches Sprichwort über uns Westeuropäer. Und dieser Satz wird ständig wahrer. Wir hetzen von Termin zu Termin, getrieben vom Anspruch, perfekt zu sein und ständig Höchstleistung zu bringen. Wer jetzt noch zu den „kreativen Chaoten“ zählt, dem fehlt die Zeit sowieso an allen Enden. Als Querdenker und vielseitig interessierter Mensch wollen sie am liebsten überall dabei sein, alles ausprobieren. Sie sehen die Welt als Meer der Möglichkeiten und wollen alle Chancen nutzen. Das Resultat: Der Tag hat einfach zu wenig Stunden. Diese Tipps helfen: 1) Entdecken Sie, wie hoch Ihr „Kreativer-Chaot“-Anteil ist. Wie wichtig sind Ihnen flexibles Tun, Spontanität, neue Erfahrungen? Je wichtiger, desto mehr sind Sie ein „kreativer Chaot“. 2) Machen Sie sich als solcher klar, dass ein Nein zu einer Möglichkeit kein Verzicht für immer bedeutet. 3) Denken Sie dazu in kurzen Zeitabständen. Was Sie heute entscheiden, ist nicht für die Ewigkeit. Machen Sie, was heute am attraktivsten ist. Und geben Sie sich die Erlaubnis, später das Rad weiterzudrehen. 4) Denken Sie in langen Zeitabständen. Erlauben Sie sich, heute nicht alles erleben zu müssen. Laut Statistik werden wir mindestens 80 Jahre alt – Zeit genug, viel zu erleben. 5) Halten Sie es wie der schottische Unternehmer Sir Angus Grossart, der sagte: „Mein Bestreben ist es, lieber an Erschöpfung als an Langeweile zu sterben.“

Franziska Giffey, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Knappes Gut

Jeder kennt das: Es fehlt die Zeit – für Familie, Kinder, Freunde, für sich selbst. Aufgabe der Politik ist es daher, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Menschen ihr Leben nach ihren Wünschen gestalten können. Immer mehr junge Eltern entscheiden sich etwa dafür, die Familienarbeit gleichberechtigt aufzuteilen. Das unterstützen wir mit dem Elterngeld, dem Elterngeld Plus und dem Partnerschaftsbonus. So können Mütter früher in den Job zurück und Väter werden unterstützt, wenn sie ihre Arbeitszeit reduzieren möchten. Auch Kitas und Kindertagespflege sind sehr wichtig. Darum investieren wir in den kommenden vier Jahren 5.500 Millionen Euro in die Kindertagesbetreuung: für bessere Qualität und weniger Gebühren, für mehr Kapazitäten und Fachkräfte. Doch nicht nur mit kleinen Kindern ist die Zeit oft knapp, sondern auch, wenn die Eltern älter werden, wenn Angehörige Pflege brauchen. Leider ist es in der häuslichen Pflege wie in Pflegeheimen heute oft so, dass die Pflegerinnen und Pfleger nicht genug Zeit haben, um sich ausreichend zu kümmern. Dabei wünschen sich alle Fachkräfte, nicht nach der Stoppuhr eine Satt-und-sauber-Pflege machen zu müssen. Und wir müssen mehr Menschen für den Pflegeberuf gewinnen. Deshalb unterstützen wir die neue Pflegeausbildung, die ab 2020 startet mit Ausbildungsvergütung und ohne Schulgeld. Wir wollen dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Dazu gehören auch eine bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen.

Karin Bauer, Leserin

Innere Unruhe

Oft fehlt mir die Zeit, mit meiner lustigen alten Nachbarin zu reden. „Ich muss weiter, ich habe keine Zeit“, sage ich dann. Und während sie mir etwas erzählt, denke ich daran, dass ich noch das Fahrradlicht reparieren und den Müll rausbringen muss. Dadurch, dass ich ihr nur mit halbem Ohr zuhöre, repariert sich das Fahrradlicht nicht und der Müll bleibt, wo er ist. In mir breitet sich der Gedanke aus: „Das Gespräch dauert mir zu lange, dafür fehlt mir die Zeit.“ Meistens fehlt mir auch die Zeit, die Verkäuferin beim Bäcker wirklich anzuschauen und wahrzunehmen. Ich kaufe ein Brot, in Gedanken bin ich aber schon bei den Aufgaben, die mich in den nächsten Stunden und später am Abend erwarten. Einen schönen Nachmittag wünscht sie mir zum Abschied. „Danke, Ihnen auch“, sage ich, während ich schon zur Tür rausgehe und daran denke, was ich heute noch erledigen und planen muss. Und wieder bekomme ich das ungute Gefühl, mir fehlt die Zeit. Ja, mir fehlt sogar die Zeit, die man braucht, um ein Brot zu kaufen. Während dieser schönen, einfachen und eigentlich stressfreien Aufgabe. Dabei wird die Zeit ja nicht mehr, wenn ich eine Sache tue und dabei an die nächste denke. Schaue ich die Verkäuferin aber wirklich an und bin mit meinen Gedanken nur in der Gegenwart, verschwindet plötzlich das Gefühl, keine Zeit zu haben. Die Zeit fehlt plötzlich gar nicht mehr, sie ist einfach da. Zeit zu haben ist manchmal so einfach, wie ein Brot zu kaufen.

Ingrid Teunissen, Leserin

Selbstbeschränkung

Zeit kann nicht fehlen, nicht verloren sein, nicht zu viel sein, und wir können sie auch nicht haben. Zeit ist nur ein Konstrukt des Verstands, um die Tatsache zu beschreiben, dass sich Dinge verändern. Es sind die eigenen Prioritäten, vermeintliche und tatsächliche Abhängigkeiten, die uns am freiheitlichen Tun hindern. Wäre ich ohne meine Hindernisse, so würde ich jeden Tag auf einer Säuglingsstation die neugeborenen Babys von drogenabhängigen Müttern in meinen Armen halten und schaukeln und wärmen.

Anne Kissner, Fitness-Youtuberin

Weg mit den Ausreden

Zeit ist das Einzige, wovon wir Menschen immer zu wenig zu haben scheinen. Trotzdem glaube ich, dass wir es in der Hand haben zu entscheiden, was wir mit der wenigen Zeit anstellen. Dabei bekomme ich immer wieder zu hören, dass die Zeit für den Sport fehlt. Es gibt nun mal Wichtigeres, oder etwa nicht? Die Frage erinnert mich an meine Studentenzeit. Damals habe ich genau diese Ausrede immer vorgeschoben und so gut wie gar keinen Sport getrieben. Manchmal braucht man eben einen Augenöffner, der einem zeigt, dass es nie die Zeit war, die gefehlt hat, sondern die eigenen Prioritäten falsch gesetzt waren. Erst als ich diese überdacht hatte, konnte ich den Sport im Alltag unterbringen. Neben der geistigen Anstrengung am Schreibtisch gehörte bald Sport einfach dazu. Ich spreche nicht von einem Halbmarathon am Tag, sondern von einer kleinen Joggingrunde nach dem Feierabend, Fahrradfahren mit dem Partner oder einem kurzen Intervalltraining in der Mittagspause. Letzteres ist genau das, was mich zum Sport gebracht hat und was ich noch heute meinen Zuschauern nahebringen möchte. 15 bis 30 Minuten körperliche Anstrengung am Limit setzt nicht nur Endorphine frei, sondern erlaubt es uns, den Körper auch mal auf Hochtouren zu bringen. Letztendlich muss man sich nur eins vor Augen führen: Zeit hat man nicht, Zeit macht man sich. Unser Körper ist das Wertvollste, was wir haben. Und genau dafür lohnt es sich, hin und wieder Zeit zu machen.

René Marcel Jörgenson, Leser

Keine Zeitfrage

„Ich habe keine Zeit“ ist wohl die weitverbreitetste und zugleich schlechteste Ausrede, die es gibt. Zeit ist etwas, von der wir alle gleich viel haben. Vielmehr beschreibt dieser Satz, dass man keine Lust oder etwas Wichtigeres zu tun hat. Das ist vollkommen in Ordnung, aber man kann das seinem Gegenüber klar kommunizieren: „Deine Katzengeschichten interessieren mich nicht“ oder „Ich habe etwas Besseres vor, als mit dir ins Kino zu gehen“, das wären ehrliche Antworten. Wenn man sich dessen bewusst wird, dass es keine Zeitfrage ist, sondern eine Frage der Lust, wird man gegenüber sich selbst ehrlicher. Vor nicht so langer Zeit habe ich selbst noch oft diese Ausrede verwendet und bin meinen Wünschen nicht nachgegangen. Das tue ich jetzt. Ich wollte etwa für mich eine neue Sportart entdecken und fand Fahrradfahren toll. Aber mich mit dem Thema erst mal zu beschäftigen, war mir zu aufwendig. Das passende Fahrrad finden, eine fahrradtaugliche Ausrüstung zulegen – und von den bevorstehenden Wegen will ich gar nicht erst sprechen. Ein Freund von mir hat diesen Wunsch in mir erkannt und mich eines Tages zu seinem Fahrradladen des Vertrauens gebracht. Raten Sie mal, wer sich ein Fahrrad zugelegt hat und jetzt jeden Tag Zeit hat, mit dem Fahrrad unterwegs zu sein?

Felix Plötz, Entrepreneur und Autor

Barriere im Kopf

Freitag, später Nachmittag. Ich fahre gerade den PC herunter. Schon wieder Freitag, ich kann es kaum glauben. Freue ich mich darüber? Nein, es erschreckt mich eher. Wieder ist eine Woche vergangen, wieder viel zu schnell. Der Sommer ist fast vorbei, bald ist es November. Mit zu viel Regen, Nässe, Kälte. Und nicht viel später ist das Jahr schon rum. Wieder ein Jahr. Großartig! Die Zeit scheint zu rasen – und ich mit ihr. Nur voran komme ich dabei nicht. Irgendwie besteht mein Leben nur noch aus Älterwerden und nicht mehr aus Leben. Es besteht nur noch aus Büro, völlig kaputt nach Hause kommen, ab und zu den Kontostand checken. Eat, work, sleep, repeat. Ich rase und stagniere gleichzeitig. „Was zum Teufel mache ich hier eigentlich?“, schießt es mir in letzter Zeit immer häufiger durch den Kopf. Was ist bloß aus meinen Träumen geworden? Warum habe ich meine Idee immer noch nicht verwirklicht? Diese Geschäftsidee, von der alle meinen, sie sei so großartig. Finde ich ja auch. Aber würde ich dafür kündigen? Ich weiß es nicht. Das Risiko wäre mir zu groß. Und deswegen fange ich nicht an. Nie. Eat, work, sleep, repeat – der Teufelskreis verpasster Chancen und verflogener Träume. Dass es trotzdem geht, wusste ich lange nicht. Ideen verwirklichen. Ein Startup gründen. Und das nebenbei. Das klingt wie ein Wunschtraum, oder? Unrealistisch. Dachte ich auch. Bis ich es einfach gemacht habe. So wie Tausende. Jeden Tag. Was ist mir dir?

Max Blust, Leser

Urlaub vom Gehirn

Es fehlt die Zeit zum Planen und dann noch die Energie zum Verwirklichen. Wenn wir Zeit für uns haben, sind wir glücklich, mal nichts zu machen. Typisches Ereignis: Vorhaben werden wochenlang akribisch geplant, wie mit Freundin und Freunden etwas zu unternehmen, und am Ende der Woche liegt man doch nur mit seiner Liebsten auf der Couch. Auf einmal sind die Prioritäten anders gesetzt und man möchte nur noch den Fernseher ein- und sich selbst ausschalten.

Günter Hudasch, Erster Vorsitzender Berufsverband der Achtsamkeitslehrenden in Deutschland (MBSR- Verband)

Innehalten

Unser Leben ist so hektisch geworden, dass man eher fragen müsste: Wofür fehlt die Zeit eigentlich nicht? Schlaf, Essen, Familie und Freunde – selbst diese elementaren Bedürfnisse kommen für viele oft zu kurz. Da erscheint es geradezu radikal, sich Zeit zu nehmen, um eigentlich nichts zu tun, außer zu atmen. Das ist es, was wir tun, wenn wir Achtsamkeit üben: Wir halten inne, um den eigenen Körper und die Atmung zu spüren. Dafür können wir uns hinsetzen, die Augen schließen und wahrnehmen, was da ist – Umgebungsgeräusche, das Fließen des Atems, die eigenen Gedanken. Innehalten können wir auch im Alltag, um zum Beispiel beim Duschen die Wärme des Wassers auf der Haut wahrzunehmen. So kommen wir zu uns, statt „außer uns“ zu sein. Mit regelmäßiger Übung wächst die Fähigkeit, uns weniger den automatischen Reaktionen zu überlassen, die in stressigen Situationen oft reflexartig in uns ausgelöst werden. Stattdessen können wir bewusster entscheiden, wie wir reagieren möchten. Braucht es dafür Zeit? Ja. Aber weniger, als viele denken. Schon 20 Minuten am Tag können den Alltag positiv beeinflussen. Sie bedeuten, ein Stück Freiheit zu gewinnen und die Schönheit des Lebens zu genießen, statt sich von den vermeintlichen Zwängen des hektischen Lebens (an-) treiben zu lassen. Achtsamkeitsmeditation kann man in achtwöchigen Kursen erlernen und dann ein Leben lang für sich oder mit anderen weiter trainieren und praktizieren.

Maike Wischmann, Leserin

Zeit ist relativ

Der Zeit ist immer da, sie fehlt nicht. Doch wo immer es gelingt, aus dem Zeitrahmen zu fallen, da beginnt ein neuer Lebenszeitraum. Es gibt Tage, an denen bleibe ich einen ganzen Tag im Schlafanzug, schaue nicht auf die Uhr, lasse mich gehen und treiben. Es gibt kein geregeltes Essen, die Küche bleibt kalt, morgens Chips und Limonade, abends mal sehen. Es gibt Tage, da haben wir keinen Plan. Wir entscheiden beim Spaziergang, ob es nun links herum geht oder doch noch X Kilometer gerade aus. Es gibt nur noch Spontanität. Es gibt kein vorher oder nachher, sondern wir sind mittendrin und überraschen uns selbst. Es gibt Tage, oft im Urlaub, da fällt alles von einem ab, die Zeit scheint plötzlich zu fließen, zu verfließen. Stunden im Café nur gucken, in der Natur sein und leer werden, nichts tun und sich nicht langweilen. In dieser oft kurzen Zeit von einigen Tagen bin ich schneller gewachsen und weiser geworden. Und kommt man nach Hause, scheint die Zeit wie angehalten gewesen zu sein.

Ingrid Staufer, Leserin

Zeit fehlt nicht. Es fehlt maximal an der Zeit zur freien Einteilung. Zu viel Zeit wird fremd bestimmt verplempert – von Arbeitgebern mit starren Arbeitszeiten und den damit verbundenen unnötig langen Zeiten zum Pendeln.

Carl Batliner, Leser_In

Schlaf optimieren

Schlafen macht 1/3 unseres Lebens aus, dennoch schlafen viele nicht gut, es gilt diese Zeit effektiver zu nutzen

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Was suchen wir im Internet?

Das Internet ist der Innovationsmotor unserer Zeit, doch viele Möglichkeiten der digitalen Welt bleiben ungenutzt, wenn man sie nicht kennt. Verraten Sie uns, was Sie im Internet suchen – oder schon gefunden haben.

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Paul A. Kirschner, Lernpsychologe und Ehrenprofessor der Offenen Universität der Niederlande

Entzauberter Mythos

Digital Natives sind junge Menschen, die in die digitale Welt hineingeboren wurden und für die Informations- und Kommunikationstechnologien normal sind. Als Gruppe umgibt sie etwas Magisches: Sie haben sich neue Wege des Seins erschlossen, sind von Natur aus technikversiert, Multitasker, teamorientiert und kooperativ. Die Forschung zeigt aber auch: Studenten, die in hohem Maße diese Technologien verwenden, nutzen sie primär zur Selbstermächtigung und Unterhaltung. Sie sind noch nicht wirklich versiert darin, sie dafür einzusetzen, das eigene Lernen zu verbessern, sondern sind eher Konsumenten als Schöpfer von Inhalten. Zudem verwenden sie nur eine begrenzte Auswahl überwiegend etablierter Technologien wie Smartphones, Mediaplayer, Google und Wikipedia. Auch fehlt ihnen ein tieferes technologisches Wissen. Ihre Fähigkeiten beschränken sich meist auf einfache Office-Anwendungen, E-Mailen, Nachrichten schreiben, Facebook und im Internet surfen. Die aktuelle Generation von Lernenden verhält sich wie Schmetterlinge, die planlos über die Informationen auf ihren Bildschirmen hinwegflattern, ohne sich ihres Werts bewusst zu sein. Sie werden zum Klicken auf Links verführt und vergessen dabei oft, wonach sie eigentlich suchen. Dieses Herumflattern führt – bestenfalls – zu einem sehr fragilen Netzwerk von Wissen. Mit anderen Worten: Der Digital Native mit all seinen magischen Fähigkeiten existiert ebenso wenig wie das Einhorn oder der Yeti.

Brett Atwood, Außerordentlicher Professor für Strategische Kommunikation, Washington State University

Unbegrenzte Freiheit

Soziales Engagement spielt eine Schlüsselrolle in der menschlichen Erfahrung. Wir suchen nach Verbindungen, die es uns ermöglichen, Erfahrungen auszutauschen und unser authentisches Selbst auszudrücken. Viele Menschen können sich jedoch in der physischen Welt eingeschränkt fühlen. Vielleicht ist es die Angst vor Urteilen von Freunden oder der Gesellschaft. Möglicherweise beeinträchtigen auch körperliche Merkmale, kulturelle Unterschiede oder Mobilitätsprobleme ihre Fähigkeit, effektiv zu kommunizieren oder gehört zu werden. Das Internet oder die sozialen Medien sind dafür keine Garantie, da unsere virtuellen Identitäten häufig mit unseren Identitäten und Verpflichtungen der realen Welt verbunden sind. Deshalb fragen wir uns zum Beispiel: Wie viele „Likes“ bekomme ich, wenn ich ein bestimmtes Foto teile? Wie reagieren Menschen, wenn ich meine wahren politischen Ansichten poste? Virtuelle Welten wie Second Life können da einen Unterschied machen. Sich in einer virtuellen Welt zu bewegen, die neue Wege der Kommunikation ermöglicht, wirkt sehr befreiend. In einer Parallelwelt, in der alles machbar erscheint, kann sich jeder eine neue Identität schaffen, während er auf Entdeckungsreise geht und neue Erfahrungen teilt. In virtuellen Welten können wir uns neu erfinden und mit Gemeinschaften jenseits von geografischen und kulturellen Grenzen verbinden. So entstehen neue Erinnerungen und Freundschaften, die sich jeder frei aussuchen kann.

Dorothee Bär, Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung

Netz der Möglichkeiten

Für mich ist „das Internet“ zuallererst ein kleines Stückchen Heimat, egal wo ich bin. Denn es hilft mir, mich schnell zurechtzufinden, mich mit meiner Familie und meinen Freunden auszutauschen oder im Zweifelsfall auch schnell nach Hause zu kommen. Gleichzeitig ermöglicht es den Blick über Franken, Bayern, Deutschland, Europa hinaus. Es verbindet über riesige Distanzen und bietet die Gelegenheit, Menschen kennenzulernen, die einem sonst nie begegnet wären. Und das unabhängig von Alter, Bildungsstand oder Heimatort. Plötzlich kann man Verbindungen knüpfen, von denen man früher niemals auch nur eine Ahnung gehabt hätte. Es ist also im wahrsten Sinne des Wortes ein Netz, in dem man aufgefangen wird, in dem man sich aber auch mal verheddern kann. Gleiches gilt natürlich für jedes Unternehmen, jede Universität, jede Behörde. Über das Internet lassen sich Ideen oder Daten schneller austauschen, vernetzen, weiterspinnen, zusammenführen, unabhängig von Ort und Zeit. Es ist auch ein riesiges Netz der Ideen, die sich dort verknüpfen. Und oft entstehen aus diesen Verknüpfungen ganz neue Ideen, neue Anwendungen und neue Möglichkeiten, wenn sie in einem anderen Kulturkreis, an einem anderen Ort oder mit anderem Blickwinkel betrachtet werden. Ich bin begeistert, in dieser Zeit mit so vielen tollen Chan- cen und Optionen leben zu dürfen, daran mitarbeiten und gestalten zu können und Teil des Ganzen zu sein.

Torben Bastian, Leser

Kurz und schnell

Das Internet ist wunderbar geeignet zum Kurznachrichten lesen. Jeden Morgen checke ich eine App, die mir alle Schlagzeilen des Tages anzeigt. Nur wenn ich mich eingehender mit einem Thema beschäftigen möchte, kaufe ich eine gedruckte Zeitung. Längere Texte am Bildschirm lesen ist mir zu anstrengend.

Johanna Haberer, Professorin für Christliche Publizistik, Friedrich-Alexander- Universität Erlangen-Nürnberg

Zurück zu sich finden

Wollen Sie eine heuchlerische oder eine ehrliche Antwort? Die heuchlerische Antwort hieße: Ich recherchiere, ich vernetze mich mit interessanten Personen, ich bilde eine Community mit Menschenrechtsgruppen, Asylverteidigern und anderen Christen. Kurz, ich generiere Wissen und Gemeinschaft und bin am Puls der Zeit. Die ehrliche Antwort: Ich suche Zerstreuung. Das Internet ist ein Generalangriff auf meine Aufmerksamkeit. Ich verdaddle meine kostbare Lebenszeit, indem ich entfernt bekannten Leuten beim Leben zusehe. Die menschliche Aufmerksamkeit ist ein seltenes und flüchtiges Gut, das zwischen unwillkürlichen Reaktionen und willentlicher Konzentration hin und her changiert. Das wissen alle Religionen. Von der Meditation bis zum Gebet: Religionen üben es ein, die menschliche Aufmerksamkeit zu bündeln und zu lenken. Damit ein Mensch ganz bei sich und beim anderen oder ganz bei seiner Arbeit sein kann. Das Internet bewirkt, dass wir außer uns sind. Nicht nur als Einzelne, sondern auch als Gesellschaften. Wir sind zerstreut, empört, gereizt. Das schmerzt, wenn man unentwegt darum ringen muss, dass der andere vom Handy aufsieht oder ein Gespräch führt. Das ist aber auch ein Problem für unser Zusammenleben: weil wir Wichtiges von Unwichtigem nicht mehr unterscheiden können. Dies erfordert neue Formen von Lebenskunst. Das Christentum lehrt die Kunst, sich zu konzentrieren, die Kunst aufzumerken und die Geister zu unterscheiden.

Jimmy Wales, Mitbegründer Online-Enzyklopädie Wikipedia

Neues Grundbedürfnis

Wenn wir über unsere Wünsche und Erwartungen an das Internet sprechen, müssen wir auch bedenken, dass es kein Einbahnstraßenmedium ist. Natürlich wollen sich Menschen im Netz informieren: Wir lesen Nachrichten, Updates von unseren Freunden und Artikel bei Wikipedia. Doch einzigartig ist das Netz vor allem, weil wir Dinge teilen: Fotos mit Freunden auf Facebook, Gedanken auf Twitter – und Wissen – und versuchen damit nützlich und hilfreich für andere zu sein. Im Kontext von Wikipedia bedeutet das eine Gemeinschaft von Millionen von Ehrenamtlichen, die zusammengekommen sind, um ihr Wissen mit anderen zu teilen. Wir diskutieren, debattieren, recherchieren glaubwürdige Quellen, wir suchen und teilen Wissen über die wichtigsten, obskursten und albernsten Dinge der Welt. Der grundlegende soziale Impuls, nützlich zu sein, etwas beizutragen und Bedeutung darin zu finden, anderen etwas beizubringen, ist das Herzstück des Projekts. Diese Bedürfnisse existierten auch schon, bevor es das Internet oder Wikipedia gab. Doch in Diskussionen über das Internet wird dieser Aspekt manchmal übersehen. Wir sprechen über „Big Money“ und Großplattformen und vergessen dabei die alltäglichen Akte der Freundlichkeit und des Teilens. Ich denke, das ist die Essenz, die wir nie vergessen sollten und die das Internet in unserer Kultur zu etwas Besonderem macht.

Valeriya Stradinger, Leserin

Spielwiese der Eitelkeiten

Schon lange ist bekannt, dass der Mensch von all seinen Grundbedürfnissen vor allem von einem intakten sozialen Umfeld stark abhängig ist. Es ist ihm unmöglich, auf Dauer allein zu sein und keine soziale Interaktion zu haben. Das Internet eröffnet eine neue Dimension des sozialen Miteinanders, des Kommunizierens und auch des Vergleichens. Wir befriedigen unser mimetisches Bedürfnis – sehen und gesehen werden, vor allem sich mit anderen in ähnlichen Situationen vergleichen und Gleichgesinnte finden. Aus dieser Perspektive ist auch der immense Erfolg der sozialen Netzwerke wie Facebook, Instagram und Co. unschwer nachzuvollziehen. Wir sind dazu bereit, Informationen über uns im Internet preiszugeben, egal wo diese landen und was damit passiert, nur um unsere voyeuristischen Triebe befriedigen zu können. Die Sensationslust des Menschen kennt in diesem Fall keine Grenzen. Das Internet ist eine Schaubühne, auf der jeder zu jeder Zeit seinen Emotionen, positiven wie negativen und auch anonym, freien Lauf lassen kann. Jeder hat das Gefühl, es drehe sich nur um ihn, seine Meinung sei wichtig, seine Restaurantbewertung ruinös – umso schwerer ist es, offline wieder zum „Niemand“ zu werden. Letztendlich drücken wir uns nur davor, allein zu sein und uns mit uns selber auseinanderzusetzen. Die Selbstreflektion tritt ihren Platz an die nie endenden Sensationen des Netzes ab. Trumps Haare sind ja auch einfach wichtig.

Hubert Mayr, Leser

Fiktion wird Realität

Als unser erstes Enkelkind noch in der Schulzeit für ein Jahr nach Amerika gegangen ist, hat mein Sohn uns gezeigt, wie man über das Internet telefonieren und sich gegenseitig dabei sehen kann. Anfangs haben wir natürlich große Augen gemacht, schließlich war ein „Bildtelefon“ für uns über Jahrzehnte eine Fiktion von übermorgen. Heute skypen wir regelmäßig und ganz selbstverständlich mit unseren Enkeln, die derzeit in Köln und Stuttgart leben. Es ist natürlich etwas ganz anderes, wenn wir uns an den Feiertagen hier bei uns zu Hause mal wieder „richtig“ treffen, aber mit dem Internet kam auch die Verstreuung quer durch das Land. Da geht es uns nicht anders als den meisten Familien hier in unserem Bekanntenkreis, in dem die Kinder und besonders die Enkel ihr Glück in anderen, größeren Orten und Städten gesucht und gefunden haben.

Alois Obermüller, Leser

Digitales Kochstudio

Meine Frau hat im Internet für sich einige Anlaufstellen gefunden, an denen sie ihre Kochrezepte für andere Menschen vorstellt. Sie bekommt dort sehr viele Komplimente für ihre Kochkünste und gibt andere Menschen auch Ratschläge, wie sie ihre Gerichte am besten zubereiten und auch verbessern können. Wenn ihr andere Leute vorschlagen, wie sie ihre Rezepte verbessern kann, dann gefällt ihr das aber nicht so sehr. Den Ärger darüber schreibt sie aber nicht zurück, den darf ich mir dann anhören.

Kerstin Mayrberger, Professorin für Lehren und Lernen an der Hochschule mit Schwer- punkt Mediendidaktik, Universität Hamburg

Begleitetes Surfen

Das Internet birgt eine Vielfalt an spannenden Inhalten – von Informations- bis Unterhaltungsangeboten ist alles dabei und weckt die kindliche Neugierde, wenn der Weg ins Netz über den Browser oder eine App erst einmal gefunden ist. Und alles in unterschiedlicher Qualität. Gerade Neulingen im Netz – und das müssen nicht immer nur Kinder sein – hilft es, wenn sie bildlich gesprochen nicht bei einem Sprung ins unbekannte kalte Wasser gleich Gefahr laufen, in der Fülle und Breite von online verfügbaren Angeboten zu ertrinken. Langjährige medienpädagogische Erfahrungen zeigen, dass es förderlich ist, wenn Kinder gemeinsam mit (älteren) Geschwistern, Freunden oder Erwachsenen das Internet in einem für sie passenden zeitlichen und inhaltlichen Umfang erkunden und dabei mit speziell für Kinder aufbereiteten Inhalten starten – etwa mit speziellen Kindersuchmaschinen. Begleitende Gespräche über das Verhalten beim Surfen und die eigenen Gewohnheiten im Umgang mit dem Internet können dazu beitragen, frühzeitig das eigene Medienhandeln bewusster wahrzunehmen und altersangemessen zu reflektieren. Elternratgeber zum Thema Medienerziehung helfen dabei. Langfristig lernen die Kinder so von Anfang an nicht nur ein schlichtes Regelwerk von Verboten für das sich ständig verändernde Netz, sondern können auch Souveränität im Umgang mit dem Internet und damit Autonomie entwickeln, wovon sie später als Jugendliche und Erwachsene profitieren.

Detlef Scholz, Erster Vorsitzender Fachverband Medienabhängigkeit e.V.

Beziehungen gestalten

Das Internet erweitert unsere Möglichkeiten, nach Antworten auf unsere existenziellen Fragen zu suchen: Wo finde ich Schutz und Geborgenheit? Wie kann ich mich mit anderen verbinden? Auf welche Weise kann ich gut wachsen? Wo ist mein Platz in dieser Welt? Einige finden die Antworten im virtuellen Raum tatsächlich eher als im physischen, manche glauben, sie gefunden zu haben, und wieder andere jagen ihnen ein Leben lang vergeblich nach. Ein Klient äußerte kürzlich seine Vorstellung eines paradiesischen Lebens: Das über Elektroden mit einem Computer verbundene Gehirn steuert direkt alles Erleben in einer imaginären Welt. So wäre der persönliche Energiebedarf auf ein Minimum gesenkt und das Spektrum an Erfahrungen nur noch durch die eigene Vorstellungskraft beschränkt. Auch er war also zur Überzeugung gelangt, niemand anderen außer sich selbst zu brauchen – vielleicht gespeist durch die wärmende Gewohnheit einsamer Tage und Nächte und verstärkt durch die Erinnerung an frustrierende Begegnungen. Die psychologische Forschung sammelt allerdings immer mehr Indizien dafür, dass gelingende Beziehungen unser eigentliches Lebenselixier sind. Nutzen wir die virtuelle Suche also vor allem zur Gestaltung dieser Beziehungen, hält das Internet Großartiges für uns bereit. Die Kunst besteht nun darin zu erkennen, was, wann, wofür, in welchem Maße und unter welchen Bedingungen hilfreich ist. Wie so häufig sind auch hier die Grenzen fließend.

Corinna Okonek, Leserin

Sicherheit durch Information

Meine letzte Onlinesuche betraf „mit KleinkindinLondon“,dawireinenkurzen London-Trip innerhalb unseres Sommerurlaubs planen. Da ich die letzten Male in London ohne Kind unterwegs war, versucht man sich ja doch lieber ein wenig darauf vorzubereiten. Die meisten Blogs und Webseiten gaben wirklich schöne und praktikable Tipps. Der allgemeine Tenor vieler Seiten war, dass diese große und doch auch sehr hektische Stadt eine sehr kinder- und familienfreundliche Atmosphäre bietet. Die Londoner Taxen seien geräumig genug, um den Kinderwagen zu verstauen und bieten ebenfalls Kindersitze, die Londoner seien offen und hilfsbereit, gerade was das Durchkommen mit Kinderwagen betrifft. Außerdem geben die zahlreichen Parks und Spielplätze einem genügend Raum, um sich in einer großen Stadt zu entspannen. Meine Internetsuche gab mir ein positives Gefühl und bestärkte mich noch mehr in meiner Vorfreude.

Constanze Heller, Leserin

Eine gute Frage. Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen im Internet ihre Zeit versurfen. Man sollte wirklich wissen, was man im Internet sucht.

Stefan Mey, Freier Journalist und Autor

Parallelwelt

Ein Darknet schirmt sich vom sonstigen Internet ab und hält neugierige Blicke von Behörden, Geheimdiensten und der Werbewirtschaft fern. Am verbreitetsten ist das Darknet auf Basis der Anonymisierungssoftware Tor. Tor leitet Datenverkehr über einen Pfad von drei zufällig ausgewählten Internetknoten um. Das verschleiert die verräterischen IP-Adressen, die Postadressen des Internets. Mithilfe eines Tor-Browsers können Sie anonym im klassischen Internet surfen, zudem gibt es eine Tor-basierte Internet-Endung namens .onion, das eigentliche Darknet. Was passiert dort? Erstens ist das Darknet eine „Einkaufsmeile“ mit illegalen Marktplätzen, auf denen vor allem üblich verdächtige Rauschmittel wie Cannabis gehandelt werden. Zweitens gibt es wirkliche Abgründe. Am übelsten ist der Tausch kinderpornografischer Bilder in hermetisch abgeriegelten Darknet-Foren. Drittens gibt es ein politisches Darknet. Medien wie die „New York Times“ und die „taz“ haben abhörsichere Postfächer für Whistleblower im Darknet eingerichtet. Zudem verfügen wichtige linke IT-Kollektive wie Riseup, Systemli und Indymedia über Darknet-Präsenzen – als alternative, anonyme Zugangstüren zu ihren Inhalten, die eigentlich im normalen Netz stehen. Für mich ist das Darknet trotz seiner Widersprüche ein wichtiger Ort – als Gegenmodell zum sonstigen Internet. Dessen politisch bedenkliche, schrankenlose Überwachbarkeit macht mir mehr Angst als der Zustand des Darknets.

Cornelia Wolf, Leserin

Selbstvergewisserung

Der erste Griff zum Smartphone morgens ist für mich schon zur Gewohnheit geworden, und wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis so umhöre, geht es fast allen so. Erst einmal die E-Mails und Kurznachrichten checken und in den sozialen Netzwerken schauen, was es an Neuigkeiten gibt. Wenn ich mich ins Internet einlogge, suche ich eine sachliche Information zu einer Veranstaltung, eine Adresse, Namen oder Fakten. Oder eine schnelle Information, weil ich einen zufälligen Gedanken hatte oder eine Idee. Das muss ich dann gleich mal googeln. Oft suche ich aber einfach nur Zerstreuung im Netz, getarnt als Akt der Informationsrecherche. Ich suche Anbindung und Ablenkung. Ich würde das nicht als gut oder schlecht bezeichnen. Für mich geht es eher um die Sensibilisierung dafür und dass ich mich ab und zu mal frage, was ich denn da suche.

Henning Wolfien, Leser

Teil des Alltags

Ich nutze das Internet hauptsächlich zur Moderation meiner sozialen Gruppen, in denen ich aktiv bin, wie zum Beispiel „Wohnwagen und Wohnmobil“. Aber auch zur Kommunikation auf Whatsapp und Telegram und zur Kontaktpflege mit der Familie und Freunden. Ich suche also den sozialen Kontakt, aber immer nur als Ergänzung oder im Vorlauf zu dem realen und persönlichen Kontakt. Ich sehe das Internet aber auch als Nachschlagewerk zur Schließung meiner Wissenslücken. Zu vielen Fragen betreffs Allgemeinwissen, Politik oder auch zu all den alltäglichen Fragen suche ich die Antworten im Netz.

Christian Vollmann, Startup-Gründer und Business Angel

Offline vernetzt

Ich bin überzeugt, dass die Menschen langsam begreifen, dass es mit der zunehmenden Individualisierung nicht ewig so weiter gehen kann. Ich glaube, dass der Wunsch nach Gemeinschaft immer stärker wird – gerade in Zeiten, in denen das Weltgeschehen immer unübersichtlicher und bedrohlicher wirkt. Die globalen sozialen Netzwerke des Internets haben uns lange vorgegaukelt, dieses Gemeinschaftsgefühl zu befriedigen. Doch der Traum ist geplatzt. Jemand, der tausende Facebook-Freunde auf der ganzen Welt hat, fühlt sich noch lange nicht zugehörig und aufgehoben. Im Gegenteil: Studien zeigen, dass die Vereinsamung zunimmt und so gesundheitsschädlich ist wie zwei Schachteln Zigaretten am Tag. Umso mehr freut es mich, dass über das soziale Online-Netzwerk für Nachbarn, das ich gegründet habe, ein echtes Gefühl von Nähe und Vertrauen entstehen kann. Es ist hyperlokal statt global: Der Radius für die Kommunikation ist begrenzt, Klarnamen sind Pflicht. In meiner täglichen Arbeit sehe ich, wie sich Nachbarn online kennenlernen und dann offline treffen; sie helfen sich, teilen und tauschen und kümmern sich zusammen um ihr Viertel. Plötzlich bewegen sie sich abseits der ausgetretenen Pfade ihrer Filterblase. Die Anonymität bricht auf, die Identifikation mit der eigenen Umgebung steigt. Durch die Summe vieler positiver Erfahrungen im geschützten digitalen Raum können Menschen den Mut fassen, sich auch analog offener zu begegnen.

Constanze Arndt, Leserin

Bester Reisebegleiter

Zurzeit bin ich im Internet auf der Suche nach tollen Tipps und Empfehlungen für den anstehenden Urlaub mit meinem Freund in Griechenland. Bevor es eine Woche mit dem Segelboot aufs Meer hinaus geht, verbringen wir noch einige Tage in Thessaloniki, wo wir uns bereits eine schöne Unterkunft gemietet haben. Als ich den Namen der Stadt in die allseits beliebte Suchmaschine eingegeben hatte, wurde mir direkt nach dem ersten Treffer „Thessaloniki Wetter“ der am naheliegendste Vorschlag „Thessaloniki Strand“ angeboten. Mit einem Klick hatte ich sogleich die wunderschönsten Strandbilder vor mir. Neben den Empfehlungen der einschlägigen Reiseportale erschien ein spezieller Reiseblog ganz oben. Ich halte von den ersten Einträgen meist nicht so viel, da ich immer unterstelle, dass sich die Klicks und Rankings irgendwie erschlichen wurden. Auch die Tripadvisor-Vorschläge schaue ich mir ehrlich gesagt nicht an, dafür ist mein Freund dann vor Ort zuständig, da wir dieses Portal hauptsächlich zur Erkundung von Restaurants und Bars nutzen. Letztendlich habe ich mir den ersten Blogeintrag aber doch angesehen. Der Artikel über Thessaloniki hat mich jetzt schon mit seinen authentisch wirkenden Berichten und Fotos so überzeugt, dass ich mir gar nichts mehr weiter anschauen müsste, um mich auf die Tage auf dem Festland zu freuen und um die Stadt und ihre Umgebung zu erkunden.

Hildegard Kaiser, Leserin

Wiedergefunden

Ich suche nicht viel im Internet, aber ich möchte mich an dieser Stelle bedanken bei meinem früheren Schulkollegen Herbert Rahn. Ich habe nach der Schule meinen Mann kennengelernt und wir sind beruflich oft umgezogen. Dadurch habe ich den Kontakt zu meinen Schulfreunden verloren. Vor einigen Jahren hat Herbert unseren Schuljahrgang wieder zusammengebracht und uns alle benachrichtigt und mit Kontaktdaten versorgt. Er hat mir auch eine E-Mail-Adresse besorgt. Ich schreibe noch immer sehr gerne Briefe, aber ich schaue auch regelmäßig nach neuen E-Mails und antworte auch dort sehr gern. Vielen Dank, Herbert.

Key Pousttchi, Professor für Wirtschafts- informatik und Digita- lisierung, Universität Potsdam

Stille Revolution

Das Internet ist ein Informationsraum, der außerdem soziale Beziehungen und Zerstreuung bietet. Durch das Smartphone ist dieser Informationsraum ständig für uns verfügbar, egal wo wir gerade sind und was wir gerade tun. Manchmal verlieren wir uns auch so sehr in dieser virtuellen Welt, dass wir die reale Welt um uns herum nicht mehr wahrnehmen. Was suchen wir also? Als der Mensch vor ein paar tausend Jahren noch mit seiner Sippe im Wald lebte, war es für ihn lebenswichtig, stetig auf dem Laufenden zu sein, stetig in Verbindung mit seiner Sippe zu sein und ebenso stetig bei dieser um Status und Unterstützung zu werben. Das ist es auch im Internet, was wir suchen, wenn wir stundenlang Nachrichten lesen, auf Whatsapp chatten und tolle Stories von uns posten. Und natürlich Informationen, die wir für unser modernes Leben brauchen. Eine neue Dimension erhält das alles durch die neuartigen Formen der Datensammlung und -analyse mit ihren weitreichenden Folgen. Gegenüber den gesellschaftlichen Konsequenzen werden die ökonomischen in der Debatte unterschätzt: Die aktuelle Wette im Silicon Valley läuft auf eine Monopolisierung der Endkundenschnittstelle hinaus. Nicht nur der Einzelhandel, sondern auch Banken, Versicherungen und viele andere werden dabei feststellen, dass ihre Marge bald jemand anderem gehört. Möglicherweise sollten wir also nicht nur fragen, was wir im Internet suchen – sondern auch, wem das nützt.

Jeremy Bruns, Leser

Alles ist möglich

Ich bin beruflich mit Programmieren und elektronischer Musik beschäftigt – allein dafür bin ich stets auf der Suche nach Problemlösungen, Informationen und Musik. Bis vor kurzem wusste ich noch nicht mal, dass mit Künstlicher Intelligenz Musikstücke erstellt werden können. Das hat gerade vollkommen meine Neugier erweckt und genau so etwas treibt mich immer weiter dazu an, das Internet zu benutzen. Ist Ihnen auch so ähnlich schon mal ergangen, oder? Und das ist nur meine Geschichte. Studenten verbringen unendliche Tage mit der Recherche zu den Themen ihrer Abschlussarbeiten oder, falls alle Stricke reißen, finden sie jemanden, der Ihnen die für paar tausend Euro vorschreibt. Wissenschaftliche Artikel werden von Professoren mit Hilfe des Internets auf Plagiate geprüft. Illegale Geschäfte in kleiner und großer Manier werden ausgiebig im Darknet praktiziert. Anonymität stets gewährleistet – und DHL- und Amazon-Paketabholstationen erfüllen ihren Zweck. Die Automobilbranche hat sich durchs Internet zu einem Börsengeschäft entwickelt. Wichtige Zubehörteile in der Handwerksbranche werden günstig in Asien gekauft. Und nebenan verliebt sich angeblich alle elf Minuten ein Single über eine Dating-Plattform. Was ich mich dabei frage: Warum ist da nur die Rede von einem Single? Und habe ich nicht nach etwas anderem gesucht?

Gerhard Richter, Leser

Schnelle Hilfe

Ich suche im Internet oft nach Hilfen, wenn ich etwas reparieren oder ausbauen möchte. An unserem Haus und auf unserem Grundstück fällt eigentlich immer neue Arbeit an. Doch ich habe schon einige handwerkliche Herausforderungen mit Tipps und Anleitungen aus dem Internet selbst lösen können, für die ich früher einen Handwerker bestellt hätte. Ich kann besonders die Videoportale als wahre Fundgrube empfehlen. Auch wenn viele Videos nicht besonders oft angeschaut wurden, kann man auch immer in den Kommentaren noch interessante Anregungen finden. Oft gebe ich zuerst mein Problem als Frage in eine Suchmaschine ein, um mir etwas Hintergrundwissen anzulesen. Manchmal brauche ich mehrere Versuche, bis mir wirklich eine Lösung für mein Problem angezeigt wird. Aber mit der Zeit habe ich ein besseres Gefühl dafür bekommen, die besten Suchergebnisse zu erkennen. Für die Umsetzung ist es dann sinnvoll, sich noch einmal ein passendes Video anzuschauen.

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Wie schmeckt das gute Gewissen?

Genuss und Nachhaltigkeit müssen keine Gegensätze sein. Man kann sie auch gleichzeitig leben. Berichten Sie uns von Ihrer Entdeckungstour nach Produkten und Konzepten für einen verantwortungsvollen Lebensstil.

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Rainer Froese, Meeresbiologe Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (Geomar)

Aus Fehlern lernen

Meeresfrüchte sind gesund und schmecken gut. Und sie können bei vernünftiger Nutzung einen dauerhaften Beitrag zur Ernährung der wachsenden Menschheit leisten. Aber leider siegt Gier immer wieder über Vernunft und so sind die meisten Bestände von Meeresfrüchten überfischt. Viele sind vom Zusammenbruch bedroht und einigen – zum Beispiel unserem Aal – droht sogar das Aussterben. Was kann man also tun, wenn man mit gutem Gewissen Meeresfrüchte essen will? Man muss sich informieren. Das weitverbreitete MSC-Siegel hält leider nur bedingt, was es verspricht: Überfischung ist ausdrücklich erlaubt, nur bei Fängen aus Beständen, die vom Zusammenbruch bedroht sind, wird das Siegel entzogen. Die Einkaufsratgeber von Greenpeace oder dem WWF sind da schon kritischer, aber es ist durchaus mühsam, im Kleingedruckten nach Ausnahmen von der Überfischung zu suchen. Die Auszeichnung auf den Verpackungen ist auch nicht sehr hilfreich: das Fanggebiet FAO 27 deckt zum Beispiel den ganzen Nordost-Atlantik ab, und da gibt es sowohl gesunde als auch zusammengebrochene Bestände von Hering und Co. Verantwortungsbewusste Handelsketten wären eine mögliche Lösung. Also Druck auf die großen Handelskonzerne ausüben, damit die nur Meeresfrüchte anbieten, die a) nicht überfischt werden, b) eine gute Bestandsgröße haben und c) schonend, also nicht mit Grundschleppnetzen gefangen werden. Dann kann es wieder heißen: „Butter bei die Fische.“

Leona Ritter von Stein, Leserin

Wissen, was man isst

Nachhaltigkeit und gutes Essen – für mich zwei Dinge, die sich wunderbar kombinieren lassen und gleichzeitig Raum für Bedachtheit und Entschleunigung schaffen. In der heutigen Zeit sind wir es gewohnt, ständig und überall auf Nahrungsmittel aus der ganzen Welt zuzugreifen. Das bedeutet nicht nur hohe Energiekosten für den Transport, sondern auch eine völlige Entfremdung von unseren Lebensmitteln. In unseren Fertigprodukten werden Inhaltsstoffe aus der ganzen Welt zusammengewürfelt. Oft wissen wir nicht, was da eigentlich drin ist. Für mich ist das kein Zustand. Ich freue mich darüber zu wissen, wo mein Essen herkommt und dass ich es ohne schlechtes Gewissen genießen kann. Einen Einkauf auf dem Wochenmarkt, wo ich meinen Gemüsebauern kenne, ziehe ich immer dem in Plastik eingepackten Gemüse aus dem Supermarktregal vor. Saisonal zu essen schafft wieder mehr Raum, sich den Jahreszeiten bewusst zu werden. Wenn man einen Balkon oder Garten hat, ist der eigene Anbau von Obst und Gemüse der beste Weg, sich wieder mit unseren Nahrungsmitteln auseinanderzusetzen. Die Arbeit und die Zeit, die hinter dem Wachsen und Reifen einer Tomate im eigenen Garten stecken, machen einem deutlich, wie wertvoll diese eigentlich ist. Mein gutes Gewissen habe ich im Genuss meiner eigens angebauten Tomaten wiederentdeckt. Und wenn ich dann einmal reise, freue ich mich umso mehr, dort die lokalen Gerichte und Geschmäcker zu erleben.

Christine Chemnitz, Referentin für Internationale Agrarpolitik, Heinrich-Böll-Stiftung

Schätze dein Essen

320 Millionen Tonnen Fleisch wurden im Jahr 2016 weltweit produziert. Das ist ökologisch, sozial und auch ethisch nicht vertretbar. Das meiste Fleisch wird von Menschen in Industrieländern gegessen. Etwa 60 Kilogramm sind es pro Kopf und Jahr in Deutschland. Der Preis: Flächen, drei Mal so groß wie Deutschland, auf denen Gen-Soja als Futtermittel angebaut wird. Menschen, die dafür von ihrem Land vertrieben werden und dort keine Lebensmittel mehr produzieren können. Flüsse und Grundwässer, die von Gülle belastet sind. Gegen Antibiotika resistente Keime auf unserem Fleisch, weil Tiere unter schlechtesten Bedingungen gehalten und krank werden. Und nicht zuletzt Bauern, die ihre Landwirtschaft aufgeben müssen, weil sie von den Billigpreisen nicht leben können. Das gute Gewissen schmeckt anders: Es kommt nicht abgepackt aus dem Kühlregal. Fleisch verdient Wertschätzung. Dafür müssen Tiere artgerecht gehalten werden und Bauern fairere Preise erzielen. Tiere brauchen Platz und Gesellschaft. Wir brauchen eine Tierhaltung, die ohne Gentechnik und Antibiotika auskommt und die Böden und Biodiversität schützt. Das funktioniert nur mit einem deutlich geringeren Konsum und einer besseren Politik. Jeden Tag zwei Mal Fleisch zu essen ist kein Luxus, sondern Gedankenlosigkeit. Fast 90 Prozent der Menschen in Deutschland wollen eine bessere Tierhaltung – die Politik muss nun endlich liefern und die Rahmenbedingungen dafür schaffen.

Julia Rossteuscher, Leserin

Gesunde Mischung

Wenn man Helmut Schmidt diese Frage stellen könnte, würde er vielleicht antworten: „rauchig, mit einer leichten Mentholnote“. Wahrscheinlich würde er aber auch sagen: „Ich habe fast mein ganzes Leben geraucht, mein Gewissen hat sich aber nie damit belastet.“ Wenn man jeden Spaß und jeden Genuss auf die Goldwaage legt und es sich nur gutgehen lässt, wenn die CO2-Bilanz stimmt, läuft man Gefahr, zur verbiesterten Spaßbremse zu werden. Es läuft dann darauf hinaus, dass man zum Bilanzbuchhalter seines eigenen Lebensstils wird und darüber vergisst, was wirklich wichtig ist: für sich und die, die man liebt, das Beste aus der Zeit zu machen, die uns vergönnt ist. Wenn man dabei einen halbwegs nachhaltigen Lebensstil, gewürzt mit viel Spaß am Leben, zustande bringt, hat auch das Gewissen ein sanftes Ruhekissen, auf dem es sich ausruhen kann.

Alexa Iwan, Ernährungswissenschaftlerin und TV-Moderatorin

Mach den Anfang

Mein gutes Gewissen schmeckt bio. Ich bin davon überzeugt, dass wir als Gesellschaft sowohl im Sinne der Nachhaltigkeit als auch der Krankheitsprävention zu natürlichen und unbehandelten Lebensmitteln zurückkehren müssen. Der überhöhte Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, die Massentierhaltung sowie die technologische Verarbeitung von Lebensmitteln zu zum Teil völlig unnatürlichen Produkten laufen meinem persönlichen Verständnis von „gutem Essen“ zuwider. Das, was wir essen, hat enormes Potenzial, uns Menschen gesund und leistungsfähig zu halten. Ebenso trägt die ökologische Landwirtschaft dazu bei, unsere Böden auf Dauer fruchtbar zu halten und Nutztieren ein artgerechtes Leben zu ermöglichen. Ich möchte kein Fleisch von Tieren essen, die ihr Leben lang leiden mussten. Ich möchte keine Milch trinken, deren Fettmoleküle durch technologische Prozesse zerstört wurden, so dass mein Körper Substanzen aufnimmt, die es in der Natur gar nicht gibt. Ich möchte keinen Brokkoli essen, auf den Glyphosat gekippt wurde. Und ich möchte keinen Joghurt essen, dessen Geschmack aus dem Labor kommt. Deshalb bin ich sehr froh, dass sich in meinen Wohnort neben den üblichen Supermarktketten ein Bioladen angesiedelt hat. Dort kaufe ich alle Grundnahrungsmittel wie Gemüse, Obst, Milch, Käse, Eier, Brot und Öl. Den Rest hole ich je nach Bedarf und Saison auch woanders. Denn es geht nicht um Perfektion, sondern um Bewusstsein – und um das Signal.

Andreas und Cornelia Wobar, Winzer

Verborgenes Potenzial

Genuss und Nachhaltigkeit sind für uns als Winzer Motivation für unsere tägliche Arbeit. Wir bauen ausschließlich sogenannte pilzwiderstandsfähige Sorten (PIWIS) an. Damit reduziert sich der Pflanzenschutzmitteleinsatz gegenüber traditionellen Rebsorten um bis zu 70 Prozent und es folgt daraus ein sparsamer Ressourceneinsatz: Wir fahren weniger oft mit dem Traktor in den Weinberg, haben weniger Bodenverdichtung in den Reihen und reduzieren den CO2 -Ausstoß gegenüber traditionellen Rebsorten, die sechs bis zehn Mal mit Fungiziden behandelt werden. Wir achten auf einen Stoffkreislauf, der Rebschnitt verbleibt als Biomasse im Weinberg. Unsere Weinlese ist Handlese, nur gesundes Lesegut kommt in den Keller als Voraussetzung für hochqualitative, reintönige und fruchtige Weine. Der umweltschonende Weinanbau mit PIWIS hat nur einen großen Nachteil: Die Sorten sind noch wenig bekannt. In Deutschland werden nur 2,5 Prozent der Rebfläche mit PIWIS angebaut. In Blindproben überraschen PIWI-Weine immer öfter renommierte Fachjuroren und Sommeliers. In unseren Weinbergführungen mit Weinproben sind unsere Gäste immer sehr von der hohen Qualität und vom Geschmack überrascht. Der Geschmack der Weine war für uns bei der Sortenwahl ein wichtiges Kriterium. Wir bauen drei PIWI-Weißweine und einen Rotwein trocken aus und legen einen Teil des Rotweins ins Barrique. Genuss und Nachhaltigkeit sind miteinander vereinbar – davon sind wir überzeugt.

Marco Heinzmann, Leser

Bio und fair

Süß, leicht nussig, mit einem Hauch Vanille, zart schmelzend auf der Zunge. So schmeckt das gute Gewissen in Form eines Stücks Schokolade. Wenn ich dieses genieße, habe ich gleichzeitig ein richtig gutes Gewissen, wenn ich weiß, dass der Kakao in der Schokolade fair und biologisch angebaut wurde.

Sabine Huber, Leserin

Platz für kleine Sünden

Ich muss mir oft Kommentare anhören, dass ich essen kann, was ich will, und trotzdem schlank bleibe. Das liegt angeblich an meinem tollen Stoffwechsel. Die Wahrheit sieht aber anders aus. Ich esse tatsächlich schon immer sehr gern und auch etwas mehr im Vergleich zu der einen oder anderen Freundin. Aber ich treibe seit jeher auch sehr viel Sport, sodass ich mir die eine oder andere „Sünde“ leisten kann. Nach dem Sport schmeckt die übrigens am besten.

Frank Ochmann, Insektenkoch

Gesundes Essen für alle

Ich bin seit 16 Jahren Insektenkoch und war damals lediglich auf der Suche nach neuer Küche. Seit etwa sieben Jahren ist das Thema Insektenküche sehr populär: als Alternative zu Fleisch, aber auch als Proteinlieferant in Fragen der Welternährung. Hier in Europa ist Insektenküche inzwischen hip. Viele Startups versuchen, auf den Zug aufzuspringen, sie wollen ihre Burger aus Mehlwürmern oder Maden vermarkten. Allerdings landen so am Ende meist Zusatzstoffe im Essen – so schmeckt bestimmt kein gutes Gewissen. Ich lege Wert auf gesunde Küche mit Eigengeschmack. Die Hemmschwelle gegenüber Insekten sinkt, aber viele haben noch immer eine zwiespältige Haltung. Ich versuche, das durch meine Streetfood-Aktivitäten zu ändern, die ich seit drei Jahren intensiv betreibe. Hier kann jeder für ein paar Euro probieren, wie Insekten schmecken. Wenn man eine Botschaft vermitteln will, muss man vor allem da sein. Ich bin das seit 16 Jahren. Es ist ein langsamer Weg, aber inzwischen berate ich sogar Universitäten, etwa bei Fragen der Züchtung oder der Möglichkeit, Insekten als Rinderfutter zu verwenden. Qualität braucht Zeit, setzt sich am Ende aber auch durch. Meine Mission ist – vor allem an junge Köche gerichtet – das Bewusstsein zu schärfen. Es geht um so viel mehr als um Kochen und Geschmack. Es geht um CO2-Emission, Massentierhaltung, gesundes Essen ohne Zusatzstoffe und Nahrung für alle.

Friederike Feil, Ernährungs- und Stoff- wechselexpertin und ehemalige Profisportlerin

Gut investiert

Jeder kennt es, das schlechte Gewissen, wenn man mal wieder mit der Torte, dem Burger oder der Packung Chips über die Stränge geschlagen hat. Das schlechte Gewissen schmeckt für die meisten nach unnötigen Kalorien. Andere bekommen ihr schlechtes Gewissen eher beim Verzehr von tierischen Produkten. Die einen stellen ihre Diät dann auf fettarm und kalorienreduziert um, die anderen mutieren zum Veganer. Was macht man nicht alles fürs gute Gewissen. Als Nährstoff- und Stoffwechselexpertin weiß ich jedoch, dass wir unserem Körper mit beiden Ernährungsformen nichts Gutes tun. Viele essenzielle Nährstoffe, die unser Körper braucht, um optimal zu funktionieren, nehmen wir vorwiegend über tierische Produkte zu uns. Das sind vor allem B-Vitamine, Zink, Eisen, Lysin, Omega-3-Fettsäuren und Eiweiß. Und durch eine fett- und kalorienreduzierte Ernährung kommt der Körper in einen gefährlichen Mangelzustand. Die größte Gefahr für das gute Gewissen beim Essen sind für mich die modernen hochbearbeiteten Lebensmittel – Massenvernichtungswaffen, die wir uns selber geschaffen haben. Wir kaufen gemäß dem Motto „Geiz ist geil“ und schenken den Lebensmitteln keine Achtsamkeit mehr. Für mich ist gutes, hochwertiges Essen ein Akt der Selbstliebe. Die Zeit und das Geld, die man in sein Essen investiert, egal ob beim Einkauf oder bei der Zubereitung, ist Zeit und Geld, das man in sich selber steckt. Dann kommt das gute Gewissen von ganz alleine.

Lars Degger, Leser

Viel zu viel Müll

Wenn die (Bio-)Lebensmittel in Supermärkten in Plastik verpackt sind, dann kann ich mich als Verbraucher nur ärgern. Als Konsument hat man Verantwortung, aber ich finde es nicht richtig, den Verzicht auf Plastik allein dem Verbraucher zu überlassen. Das müsste auf jeden Fall gesetzlich strenger geregelt werden. Bei dem, was an Plastik an der Obst- und Gemüsetheke mitverkauft wird, kann keiner ein gutes Gewissen haben.

Lars Degger, Leser

Viel zu viel Müll

Wenn die (Bio-)Lebensmittel in SupermärkteninPlastikverpacktsind, dann kann ich mich als Verbraucher nur ärgern. Als Konsument hat man Verantwortung, aber ich finde es nicht richtig, den Verzicht auf Plastik allein dem Verbraucher zu überlassen. Das müsste auf jeden Fall gesetzlich strenger geregelt werden. Bei dem, was an Plastik an der Obst- und Gemüsetheke mitverkauft wird, kann keiner ein gutes Gewissen haben.

Ilka Petersen, Referentin für nachhaltige Landnutzung und Biomasse, WWF Deutschland

Die nachhaltige Wahl

Auf Palmöl verzichten würde bedeuten, nie wieder Nutella und Co., keine Tütensuppen und Fertigpizzen mehr zu essen. Bye-bye Kekse und Knabberzeug, tschüss Lippenstift, Gesichtscreme und Waschmittel. Palmöl findet sich in etwa jedem zweiten Produkt im Supermarkt. Komplett zu verzichten ist daher schwer. Und Palmöl mit anderen Pflanzenölen auszutauschen, löst das Problem nicht. Denn Öle aus Soja, Kokos, Raps und Sonnenblume benötigen weitaus mehr Fläche. So würde das Problem nur verschoben – im Fall von Soja zum Beispiel nach Lateinamerika. Für die Fütterung von Schweinen, Rindern und Geflügel wird ebenfalls Palmöl genutzt. Das heißt für unser Gewissen: weniger aber dafür besseres Fleisch wie Bio oder Wild. Dazu stehen frische regionale Lebensmittel auf dem Speiseplan und weniger Süßes und Fettiges. Das gute Gewissen macht also auch schlank. Umso mehr, wenn wir auch noch in die Pedale treten, statt ins Auto zu steigen, denn etwa 41 Prozent der deutschen Palmöl-Importe gehen in die Bio-Energie und fließen damit in den Tank. Mit einem gesünderen und bewussteren Konsum und einem umweltfreundlichen Verkehrssystem könnten wir rund die Hälfte des Palmöl-Konsums in Deutschland einsparen. Und was ist mit dem Rest? Der muss nicht unbedingt boykottiert werden. Es kommt bei allen Pflanzenölen darauf an, dass sie nach hohen ökologischen und sozialen Standards hergestellt werden. Daher ist fair und bio die beste Wahl.

Edeltraut Färber, Leserin

Verirrte Geschmäcker

Ich befürchte, dass viele Menschen beim Essen und Trinken nicht nachdenken und ihnen ihr Gewissen egal ist. Ich bin immer wieder überrascht, was so mancher Mitmensch sich und seinen Geschmacksnerven zumutet und was an der Supermarktkasse den Weg aufs Band findet. Wenn man sich die Personen dazu ansieht, entsteht vor dem inneren Auge ein Bild, das wohl niemals Einzug in Feinschmeckermagazine finden wird. Leider haben viele Menschen den Bezug zum natürlichen Genuss verloren. Künstliche Aromen, Farbstoffe und Zucker gaukeln ein Geschmackserlebnis vor, das ein natürliches Lebensmittel so niemals bietet. Am schlimmsten ist, dass viele Kinder genau diese künstliche Geschmackswelt als normal wahrnehmen und dann irritiert sind, wenn sie natürliche Lebensmittel auf den Teller bekommen. Dabei ist es gar nicht schwer, sich gut und gesund zu ernähren. Viele Marken haben das mittlerweile erkannt und verzichten auf Zusatzstoffe oder bieten Alternativen aus biologischem Anbau an. Wenn man sich ein bisschen mit Nahrungsmitteln beschäftigt und weiß, wann welches Obst und Gemüse Saison hat, kann man sich frisch und gesund ernähren. Wenn man dann noch seinen Fleischkonsum einschränkt, hat das gute Gewissen wieder eine Chance.

Johannes Wildermuth, Leser

Das Einmaleins der Nachhaltigkeit

Das Einfachste ist das Nachhaltigste. Dafür braucht es keine Konzepte, sondern ein waches, praktisches Denken. Grüne Kiste, eine Lebensmittelkiste vom regionalen Biohof mit regionalen Produkten. Keine unnötige Verpackung, keine langen Transportwege. Hauptsächlich biologische Lebensmittel einkaufen, das schont die Erde. Mahlzeiten frisch zubereiten, das ist schön für die Sinne, macht Freude und sorgt für die Gesundheit der Kinder, was nachhaltig ist, da die Kinder unsere Zukunft sind. Essen wird nicht weggeschmissen, es wird weiterverwertet. Mit dem Bus in die Stadt, in der Stadt laufen. Maximal eine Autowäsche im Jahr. Biologische Reiniger im Haushalt verwenden. E-Bike statt Zweitwagen, welches auch in bergiger Region für ein rasches Vorankommen sorgt – also Einkäufe ohne Auto. Kleidung wird unter Bekannten weitergegeben, aus alten Kleidern entstehen neue Dinge. Möbel werden aufgearbeitet und verändert statt neu gekauft. Wasser wird niemals weggeschüttet, sondern aufgefangen und zum Blumengießen verwendet. Duschen maximal ein Mal die Woche für zwei Minuten, sonst Waschen mit Waschlappen. Seife statt Duschgel, weil keine Verpackung. Wäsche an der Luft trocknen, kein Trockner. Wenn es geht, Produkte im Glas kaufen. Produkte von Firmen mit nachhaltiger Firmenphilosophie kaufen – das ist nachhaltig für die Welt und für die Menschen. Pädagogik leben und ausüben, was körperliche und seelische Gesundheit schafft.

Martin Schmidt, Akademischer Direktor i.R. Forschungs- und Praxisstelle für Paar- und Familientherapie an der LMU München

Dicke Luft

Ich arbeite schon seit mehreren Jahren in Stuttgart und der Geschmack der Luft ist hier wirklich ein anderer als im ländlichen Baden-Württemberg, wo ich aufgewachsen bin. Nicht umsonst haben wir hier in Stuttgart die höchste Feinstaubbelastung in ganz Deutschland – und trotzdem regen sich die Autofahrer darüber auf, dass sie ihr Auto gelegentlich mal stehen lassen und mit der Bahn zum Arbeitsplatz fahren sollen. Natürlich liegt es auch an der Kessellage, dass die Luft hier so schlecht ist. Aber das kann und darf kein Freibrief für uns sein. Wenn ich meine Eltern besuche und endlich wieder tief durchatmen kann, dann weiß ich wieder, wie das gute Gewissen schmeckt. In den nächsten Jahren werde ich Stuttgart definitiv wieder verlassen, denn ich kann meine Kinder nicht reinen Gewissens mit diesem „Geschmack“ in der Luft aufwachsen lassen.

Annemarie Frenzel, Leserin

Mein Gewissen schmeckt nach meinem Garten. Hier habe ich frisches Gemüse, je nach Saison. Das ganze wird abgeschmeckt mit einer leckeren Soße und frisch geernteten Kräutern.

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