Antwort schreiben

Zum Voten von Antworten musst du angemeldet sein.

Logge dich ein oder registriere dich.

×

Wo steht die Energiewende?

61 Prozent der Deutschen sind mit der Entwicklung der Energiewende unzufrieden, zwölf Prozent mehr als noch 2017. Steht die hehre Vision einer sauberen Bundesrepublik vor dem Scheitern oder malen wir, typisch deutsch, mal wieder den Teufel an die Wand? Verraten Sie uns Ihre Meinung.

Antwort schreiben

Miguel Arias Cañete, EU-Kommissar für Klimaschutz und Energie

Gemeinsame Mission

Wie es uns die führenden Klimaforscher in ihrem Bericht über die Folgen der Erderwärmung um 1,5 Grad ins Stammbuch geschrieben haben: Wir müssen jetzt dringend und gemeinsam handeln. Und wir haben bereits einen ehrgeizigen gesetzlichen Rahmen geschaffen, der es der Europäischen Union ermöglichen sollte, die Treibhausgasemissionen bis 2030 über die bisher angestrebten 40 Prozent hinaus um 45 Prozent im Vergleich zu 1990 zu reduzieren. Aber wir müssen auch weiter vorausschauen, bis ins Jahr 2050. Wir werden dieses Ziel nur erreichen, wenn wir die Art und Weise, wie wir unsere wirtschaftliche Entwicklung vorantreiben, tiefgreifend verändern. Wir brauchen ein Modell, das Klimaneutralität und Wohlstand für alle EU-Bürger vereint und fair gegenüber unseren Industrien ist. Aus diesem Grund hat die Europäische Kommission eine Strategie für ein klimaneutrales Europa bis 2050 vorgeschlagen, die einen sozial gerechten Übergang auf kosteneffiziente Weise ermöglichen soll. Wir müssen auf das hören, was die große Mehrheit der europäischen Bürger – insbesondere die zukünftigen Generationen – uns sagen. Wir müssen uns auf das Ziel eines klimaneutralen, wohlhabenden und fairen Europas im Jahr 2050 einigen und auf dieser Grundlage die Maßnahmen ergreifen, von denen wir wissen, dass sie uns das ermöglichen. Ich ermutige daher alle europäischen Parteien und deren Spitzenkandidaten in ihren Programmen für die Europawahl, ihre Vision zu diesen wichtigen Themen zu formulieren und dementsprechend zu entwickeln.

Nick Heubeck, Student und Initiator einer Petition für einen früheren Kohleausstieg

Wir verspielen die Zukunft

Die Energiewende ist tot. Zwar sind sich die Experten einig, dass wir so schnell wie möglich auf erneuerbare Energien umsteigen müssten. Die Bundesregierung spielt jedoch auf Zeit. Zeit, die ich als junger Mensch längst nicht mehr habe. In der Bevölkerung gibt es seit Jahren eine überwältigende Mehrheit für wirklichen Klimaschutz. Denn der Klimawandel spielt sich nicht nur in den Inseln des globalen Südens oder an den Gletschern im fernen Norden ab. Er wird jeden von uns ganz persönlich betreffen – durch Hitzewellen und neuartige Krankheiten die alten Menschen, uns junge durch Ernteausfälle, Überschwemmungen und Stürme und hunderte Millionen Menschen, die der steigende Meeresspiegel von den Küsten vertreibt. Die Wissenschaft mahnt deshalb bereits seit Langem: Wir dürfen die planetaren Grenzen auf keinen Fall überschreiten. Mit dem Kohleausstieg 2038 und dem geplanten Bau der Gaspipeline nach Russland werden wir die Abkehr von fossilen Energieträgern jedoch nicht ansatzweise schnell genug schaffen. Deshalb unterstützen meinen Aufruf nach einem Kohleausstieg vor 2030 auf Change.org auch weit über 80.000 Menschen. Denn wir haben verstanden, dass die Energiewende der einfachste Hebel ist, einen Beitrag zu den Pariser Klimazielen zu leisten. Wir wissen, dass die Bundesregierung in diesem Moment unsere Zukunft verspielt und damit der Welt das Signal gibt: Selbst wir als Industrienation begreifen die Chancen der Energiewende nicht.

Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme, Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin

Taten statt Worte

Seit Wochen gehen bundesweit junge Menschen unter dem Motto „Fridays for Future“ für wirksamen Klimaschutz auf die Straße. Gemeinsam mit über 20.000 Wissenschaftlern haben wir uns mit der Erklärung „Scientists for Future“ hinter die Forderungen der Schüler gestellt. Ohne eine radikale Veränderung unserer Lebensweise und unserer Energieversorgung wird die Erde unweigerlich in eine lebensfeindliche Heißzeit driften, mit katastrophalen Auswirkungen für die junge Generation. Wollen wir das verhindern, müssen wir das Pariser Klimaschutzabkommen erfüllen. Dazu brauchen wir in den nächsten 20 Jahren eine Energieversorgung ganz ohne Erdöl, Erdgas und Kohle. Für Deutschland ist der Weg noch weit. Erneuerbare Energien deckten 2018 gerade einmal 14 Prozent unseres Energiebedarfs. Darum brauchen wir jetzt einen Kohleausstieg bis 2030, keinen Einbau neuer Erdöl- und Erdgasheizungen ab 2020 und keine neuen Benzin- und Dieselmotoren ab 2025. Kapazitäten von Solar- und Windkraftanlagen müssen vervielfacht und Batterie- und Gasspeicherkapazitäten schleunigst erschlossen werden. Das bedeutet einen radikalen Umbau in kürzester Zeit, der auch die Geschäftsmodelle der großen Energie- und Automobilkonzerne bedroht. Anstatt deswegen die Energiewende weiter zu verzögern und zu verschleppen, könnten wir auch die enormen Chancen für Wirtschaft und Gesellschaft erkennen und unsere Kinder nicht nur mir warmen Worten, sondern mit echten Taten unterstützen.

Michael Zimball, Leser

Es braucht den Protest

Viele Länder haben sich seit der Klimakonferenz in Paris auf Deutschland verlassen. Jetzt, im Jahr 2019, fühlen sich viele Menschen weltweit von Deutschland enttäuscht. Kohleausstieg erst 2038, Dieselskandal und viel zu wenige Schritte bei der Entwicklung der neuen Energien. Auch das Elektroauto ist eher nicht die Lösung. Hier haben die Lobbyisten der Politik wieder die Feder geführt. Vielleicht ist ja der Antrieb mit Brennstoffzelle doch die bessere Lösung. Wir müssen wieder auf die unabhängigen Wissenschaftler hören. Die Aktionen von Greta Thunberg aus Schweden müssen weltweit weitergeführt werden und wir als Erwachsene dürfen die Jugendlichen nicht im Regen stehen lassen. Wir, die Etablierten, sollten uns schämen, dass wir nicht viel früher dafür eingetreten sind, unsere Welt zu schützen. Aber wir haben es immer noch in der Hand, nicht noch weiter hinter Paris zurückzufallen. Also auf zu den Freitagsaktionen der Schülerinnen und Schüler, um denen den Rücken zu stärken.

Silke Laimer, Leserin

Die Energiewende steht noch ganz am Anfang. Die ersten Schritte sind oft die schwersten.

Andreas Löschel, Ökonom und Vorsitzender der Expertenkommission zum Monitoring-Prozess „Energie der Zukunft“ der Bundesregierung

Noch viel zu tun

Die Energiewende in Deutschland kommt in etlichen Feldern nicht wie gewünscht voran. Zwar macht der Ausbau der erneuerbaren Energien weitere Fortschritte, diesen stehen jedoch erhebliche Defizite, etwa bei der Steigerung der Energieeffizienz, gegenüber. Die Entwicklungen im Verkehrssektor gehen sogar in die falsche Richtung: CO2-Emissionen und Energieverbrauch sind zuletzt angestiegen. Das deutsche Klimaschutzziel für das Jahr 2020 wird deutlich verfehlt und auch das Erreichen des Ziels für 2030 ist mit der jetzigen Dynamik nicht möglich. Dazu müssten die jährlichen Treibhausgasemissionen dreimal stärker gesenkt werden als in den letzten zwei Dekaden. Die Bestandsaufnahme zeigt: Die Energiewende muss wieder einen höheren Stellenwert auf der politischen Agenda bekommen. Es gibt viel zu tun. Die erneuerbaren Energien müssen rasch weiter ausgebaut und besser in den Strommarkt integriert werden. Es braucht erhebliche Anstrengungen, insbesondere in den Bereichen Verkehr und Gebäude. Kohlekommission, Mobilitätskommission, Klimakabinett – es bewegt sich einiges. Wichtig für den weiteren Erfolg ist nun der richtige Rahmen für die Energiewende. Dazu braucht es eine umfassende Reform der Energiepreise, durch die aufkommensneutral bestehende Umlagen und Abgaben durch einen CO2-bezogenen Zuschlag ersetzt werden. Dies macht erneuerbare Energien wettbewerbsfähig und ermöglicht den Ersatz von fossilen Energien im Wärme- und Transportbereich.

Aribert Peters, Stellvertretender Vorsitzender, Bund der Energieverbraucher

Hört die Signale

Effizienz, erneuerbare Energien und Bürgerenergie anstelle von Atom- und Fossilenergie, kurz die Energiewende: Sie wird von Verbrauchern gefordert. Und auch bezahlt. Aber von der Fossilindustrie hintertrieben, deren Lobby großen Einfluss auf die Politik hat. Mit Unwahrheiten, Auslassungen, Bremsen, mit Paragrafengestrüpp, Deckeln und Verboten als Folge. Statt den Ausbau Erneuerbarer Energien zu beschleunigen, wird er gebremst, Solar- und Windindustrie ins Ausland vertrieben. Verkehrswende und Gebäudewende wurden noch nicht ernsthaft begonnen. Die Früchte des beträchtlichen Verbraucherengagements werden uns vorenthalten: Sicherheit und günstige Preise. Der deutliche weltweite Vorsprung wird verschenkt. Wenn uns jetzt Schüler vormachen: „Stopp, wir machen nicht mehr mit“, wenn Gerichte die Regierungen zur Vernunft zwingen müssen, dann haben sie recht damit. Wir wissen zu gut, was zu tun ist. Tun wir es gemeinsam, jeder an seinem Platz. Das Klima geht kaputt, die Fossilvorräte gehen zur Neige – und wir tun so, als könne es so weitergehen, lassen die Politik weiterwursteln. Wir müssen jetzt die Weichen richtig stellen, damit wir möglichst rasch in einer erneuerbaren nachhaltigen Zukunft ankommen. Noch ist die Welt zu retten. Wir sollten innehalten, um unsere Verantwortung zu spüren. Kriegen wir die Kurve? Viele mutige Verbraucher, ganze Gemeinschaften und Kommunen sind nicht mehr Teil des Problems, sondern der Lösung.

Thomas Söllner, Leser

Alles auf Anfang

Die Hoffnung, die in die Energiewende gesetzt wurde, wandelt sich zunehmend in Ernüchterung. Die Gründe dafür liegen in einer unguten Mischung aus Wunschdenken, politischem Opportunismus und mangelnder Fachkompetenz. Es verbietet sich eigentlich, ein funktionierendes System außer Betrieb zu nehmen, solange kein neues zuverlässiges System existiert. Gesicherte Kraftwerksleistung etwa kann nie allein durch eine wetterabhängige Stromerzeugung ersetzt werden. Das Ende für Atom- und Kohlekraftwerke ist beschlossen, ohne dass geklärt wäre, wie ihr Ersatz aussehen soll. Setzt man auf zentrale oder dezentrale Erzeugung? Die Aufgabe der Politik wäre es, dafür die Rahmenbedingungen zu schaffen und sich in der Bevölkerung um die notwendige Akzeptanz zu bemühen. Es geht leider nicht, im Norden die Windkraft auszubauen und dann die notwendigen Stromtrassen nach Süddeutschland zu blockieren. Und wer auf dezentrale Erzeugung setzt, muss den Menschen auch erklären, dass dafür überall in der Nähe von Wohn- und Gewerbegebieten kleine bis mittlere Kraftwerke gebaut werden müssen. Derzeit stellen Atom- und Kohlekraftwerke rund um die Uhr die dafür notwendige gesicherte Kraftwerksleitung zur Verfügung. Wie das an einem kalten, trüben und windstillen Wintertag künftig funktionieren soll, hat noch niemand plausibel dargelegt. Daher droht das nächste große Infrastrukturprojekt in Deutschland krachend zu scheitern. Ein Neustart ist darum dringend notwendig.

Hans-Josef Fell, Präsident Energy Watch Group und ehemaliger Bundestagsabgeordneter, Bündnis 90/Die Grünen

Ende vor dem Anfang

Das von mir mitentworfene Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), im Jahr 2000 unter Rot-Grün verabschiedet, hat der Welt den Schlüssel zu wirksamem Klimaschutz gegeben. Die Klimagasemissionen müssen vollständig gestoppt werden, so wie das auch die junge Klimaaktivistin Greta Thunberg auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos forderte. Das EEG hat die dafür notwendigen Nullemissionstechnologien marktreif gemacht. Solar- und Windenergie sind heute günstiger als fossile und atomare Energie. Daher setzen sie sich nun global durch – in China, den USA, Indien, Australien, Lateinamerika. Aber nicht mehr in Deutschland. Mit den EEG-Reformen seit 2010 ist der Ausbau der Erneuerbaren massiv eingebrochen, von rund 40 Milliarden US-Dollar in 2010 auf etwa zehn Milliarden in 2018. In der Solarbranche hat man so etwa 80.000 Jobs vernichtet. Nun wurde mit der Umstellung auf Ausschreibungen auch das Schrumpfen der Wind- und Bioenergiebranche verordnet. Stattdessen bräuchte es eine neuartige EEG-Vergütung für Investitionen, die ganzjährig lokale 100 Prozent erneuerbare Vollversorgung schaffen. So kommt Versorgungsicherheit dezentral von unten. Hohe Kosten für überregionalen Netzausbau werden vermieden. Ein Abbau aller Subventionen für Erdöl, Erdgas und Kohle wird die erneuerbaren Energien beflügeln, auch bei Heizungen und im Verkehr. Zudem müssen die hohen Genehmigungshürden für Wind- und Wasserkraft beseitigt und Forschung und Entwicklung gestärkt werden.

Gerd Eisenbeiß, Leser

Nur wenn die Menschheit die Verbrennung jedes einzelnen Kohlenstoffatoms aus Kohle, Öl und Erdgas teuer macht, kann eine weitgehend klimaneutrale Energiewirtschaft gelingen.

Franz Alt, Journalist und Buchautor

Ein bisschen ist nicht genug

2019 produzieren wir in Deutschland bereits 40 Prozent Ökostrom. Das ist etwa achtmal so viel wie im Jahr 2000. Aber bei der Verkehrs-, der Landwirtschafts- und der Wärmewende haben wir seither kaum Fortschritte erzielt. Deutschland hat keinen Verkehrsminister, sondern lediglich einen Autominister. Auch deshalb sind uns China, Japan, Südkorea, Kalifornien und Frankreich bei der E-Mobilität weit voraus. Selbst in dem vergleichsweise kleinen Land Norwegen fährt inzwischen jeder zweite neue Pkw elektrisch. Aber es kann keine wirkliche Energiewende geben ohne Verkehrswende, Landwirtschaftswende und Bauwende. „Unsere Zukunft hängt davon ab, was wir heute tun“, sagte Gandhi einst. Um die völkerrechtlich verpflichtende Energiewende bis zur Mitte des Jahrhunderts hinzukriegen, muss die Politik das bevorstehende Klimaschutzgesetz so gestalten, dass alles, was neu gebaut wird, auch emissionsfrei ist. Ab sofort darf kein Kraftwerk mehr zugelassen werden, das keine erneuerbare Energien benutzt. Ab 2025 dürfen in Deutschland nur noch Elektroautos zusätzlich auf die Straße. Der öffentliche Verkehr muss sich bis 2030 mindestens verdoppeln. Auch in der Landwirtschaft müssen die Emissionen bis 2030 um 30 Prozent sinken. Rund ein Drittel aller Emissionen hierzulande entstehen in Gebäuden. Deshalb muss der Bauminister endlich den Klimaschutz für sich entdecken. Denn vor allem hier gilt: je später, desto teurer und komplexer.

Schreib' uns deine Antwort!

Welche Überschrift willst Du Deiner Antwort geben?

Wieviel Kultur steckt im Essen?

Sag mir, was du isst, und ich sag dir, wer du bist. Tatsächlich ist Essen mehr als der kleinste gemeinsame Nenner der menschlichen Bedürfnispyramide. Wie wir essen, spiegelt auch ein Stück unserer Persönlichkeit und unserer kulturellen Identität wider. Erzählen Sie uns, was Sie alles mit Essen verbinden.

Antwort schreiben

Christian Rach, Koch, Buchautor und Moderator

Zutiefst menschlich

Warum essen wir, was wir essen? Wie kam der Mensch als einziges Wesen der Welt darauf, zu kochen? Die Antwort steckt schon in dem lateinischen Wort „cultura“, was soviel bedeutet wie Pflegen, Bebauen oder Ackerbau. Kultur ist also das, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt. „Das Universum beginnt mit dem Brot“, das haben schon die alten Griechen gesagt. Nicht umsonst wurde im Olymp Ambrosia, das Brot der Götter, gereicht. Die Griechen verehrten auch die Göttin Demeter, zuständig für Ackerbau und Fruchtbarkeit. Sie soll den Menschen den Getreideanbau und das Brotbacken beigebracht haben. Also den Eingriff des Menschen in die Natur: die Kultur. Die Verarbeitung der produzierten Lebensmittel mit Feuer hat uns schließlich zum Kochen gebracht. Kochen fängt im Kopf an. Es ist eine abstrakte Leistung, weil Essen mehr ist als die reine Nahrungsaufnahme. Natürlich wird auch der Überlebenstrieb befriedigt, aber wenn man anfängt zu kochen, ist das Ganze eine kulturelle Errungenschaft, für die eine geistige Abstraktion erforderlich ist, die sich in einem kollektiven Erinnern an überlieferte Traditionen manifestiert – im Kleinen und Regionalen. Mit dem Einzug der Globalisierung hat sich das kulturelle Verständnis des Essens grundlegend gewandelt: Wir haben erkannt, dass Essen und Trinken ein Kulturgut ist, und zwar weltweit, über alle Grenzen hinweg.

Maike Menzel, jüngste Sterneköchin Deutschlands

So schmeckt Heimat

Kultur und Essen gehen immer miteinander einher. Allein unsere Lage und die Demografie einer jeden Stadt haben stets das Angebot bestimmt. Natürlich wurde von jeher an den Küsten der Meere weitaus mehr Fisch verarbeitet und verspeist. Hier findet man auch eine weitaus größere Palette an Fischgerichten. Im Vergleich dazu standen in Bayern, woher ich stamme, mehr die Fleischgerichte im Vordergrund. Die Süßgewässer boten natürlich nicht ein so reichhaltiges Angebot an Fischen. Bayern war von jeher mehr auf die Viehzucht angewiesen als die Küstenbewohner. Das spiegelt sich natürlich auch in der Speisenauswahl wider. Unter anderem prägten die bayerischen Königsfamilien unsere Essensgewohnheiten, mit deftigen Gerichten, bestehend aus Braten und Knödel und mit einem großen Angebot an Wurstwaren wie Weißwürste, Sülzen und vieles mehr. Auch die katholische Kirche diktierte oftmals den regionalen Speiseplan. Einige weitere Spezialitäten unserer bayerischen Esskultur, die auch viel im römisch-katholischen Bayern zu finden sind, sind die Schmalzgebäcke, zum Beispiel zur Kirchweih. Nicht zu vergessen: die hervorragenden Käse aus dem Alpenraum. Und die Laugenbrezel, die laut Geschichte eine christliche Fastenspeise war. Ich persönlich finde es schön, dass sich die Kultur in den Speiseangeboten der jeweiligen Regionen noch immer widerspiegelt. Das verleiht Charakter und lässt oftmals schon beim Essen ein Heimatgefühl aufkommen.

Hanni Rützler, Ernährungswissenschaftlerin

Evolution der Prozesse

99,9 Prozent. Denn abgesehen von Waldpilzen, Wildkräutern, wilden Beeren und den immer seltener werdenden Meeresfischen, die nicht aus Aquakulturen stammen, ist praktisch alles, was wir essen, ein Kulturprodukt. Ackerbau und Viehzucht stehen am Beginn unserer Zivilisation. Und das Anbauen und das Züchten sind Kulturtechniken, die – von der steinzeitlichen Auslesezüchtung bis zur Zucht mithilfe der modernen Genschere – unsere Lebensmittel prägen. Ganz zu schweigen vom Kochen. Ein Sauerbraten – auch wenn er noch so bio ist – ist Kultur. Unsere Äpfel sind Kultur und unser Getreide ist Kultur. In den Debatten um „natürliche“ versus „künstliche“ Lebensmittel vergessen wir das gerne. Die entscheidende Frage, die uns auch bei den großen aktuellen Ernährungsthemen Gesundheit und Nachhaltigkeit unter den Nägeln brennt, ist also nicht, wie viel Kultur in unserem Essen steckt, sondern welche Kultur. Wir müssen uns also fragen, ob und wie wir die Produktionsgrundlagen unserer Lebensmittel und die Erhaltung unserer Ökosysteme und der Biodiversität auch angesichts einer immer noch wachsenden Weltbevölkerung sicherstellen und verbessern können. Und welche, auch völlig neuen Kulturtechniken – von Hightech-Indoor-Farming über Perma-Veggies bis zu In-Vitro-Meat – uns dabei nützen können. Dazu gehört auch, wie sich unsere Esskultur, zum Beispiel in Richtung Plant Based Food, verändern kann, um auch den Kriterien gesund und nachhaltig zu entsprechen.

Soo-Youn Lee, Leserin

Erlebte Kultur

Wenn man Menschen wirklich kennenlernen möchte, sollte man mit ihnen gemeinsam essen. Denn am Essen und an der konsumatorischen Art des Essenden – ob gesund oder ungesund, lustvoll oder kontrolliert, mit Bedacht oder gar Ignoranz – lässt sich auch auf das persönliche Erleben der Person schließen. So auch neulich, als eine langjährige Freundin mit ihrem Sohn zu Besuch war. Zum Abschied stellte ich den beiden als Reiseproviant bunt belegte Brote, Obst und Schokopudding für die Zugfahrt zusammen. Auf jedes in Papier gewickelte Brot schrieb ich ihre Namen und malte ein kleines Herz dazu. Meine Freundin war so verzückt, dass sie beschloss, zwei Brote sofort auszupacken und zu essen. Was hat sie daran so berührt? Die Kindheitserinnerung an das Pausenbrot? Die Freude über ein frisches Brot? Die Wegzehrung als Ausdruck unserer freundschaftlichen Verbundenheit? Im sinnlichen Erleben des Essens verbinden wir uns unweigerlich mit dem eigenen Kulturkosmos. Damit meine ich Erinnerungen aus der Vergangenheit, wie die wärmende Suppe aus der Kindheit oder die Pasta aus dem Italienurlaub, die familiären Wurzeln, aber auch unsere gegenwärtige Haltung zum Leben. Kultur durchströmt unseren Lebensalltag in allen Facetten als beständiger Teil von uns. Und doch werden wir uns ihrer nur im kulturfremden Kontext gewahr. Selbst im Kurzurlaub sehnen wir uns bisweilen nach gewohntem Essen. Jeder sollte seine Kultur leben dürfen, und essen, was ihm daran schmeckt.

Thomas Platt, Maler, Autor und Restaurantkritiker

Kandinsky in der Küche

Wenn man die moderne Küche als komplexes adaptives System zu beschreiben sucht, entdeckt man erst, wie viel Kultur in ihr steckt. Man könnte auch sagen: wie wenig Natur. Bereits bei Aufzucht, Ernte, Konfektionierung, Transport, Lagerung, Verpackung und Verteilung der Rohstoffe kommen derart viele kulturelle Techniken zu Anwendung, dass man, noch bevor die Produkte überhaupt die Küche erreichen, von ihr als einem zentralen Bestandteil der Kultur sprechen muss. Mit der servierfertigen Speise — egal ob Omas Eintopf, industrielles Fertiggericht oder Signature Dish der Hochgastronomie — tritt dann neben die Zubereitung beziehungsweise der Denaturierung der Zutaten noch etwas, das gerne einmal übersehen wird: der Ausdruck. Mit ihm zeigen sich Material und Form in einer beinahe an die Kunst grenzende Wechselbeziehung, die in Hinblick auf die herrschende Kultur äußerst aufschlussreich ist. Im Bereich der Sterneküche, in der das Design des Essens eine besondere Rolle spielt, reichen die Ausdrucksformen vom Symbolismus und Konstruktivismus bis zum abstrakten Expressionismus und von dort weiter zu aleatorischen Tendenzen. Wenn ihnen Geschmacksfindungen, Kombinationen, Beschaffenheiten und Temperaturen entsprechen, wird das Reich der Hochkultur betreten. Und irgendwann wird jeder ein Kalbsbries von einem Kandinsky unterscheiden können.

Gundi Günther, Leserin

Soziales Event

Wir essen, so gut es geht, gesunde Sachen. Mein Mann, der Hauptkoch in unserem Haushalt, achtet besonders auf gute Qualität, schaut auch gern mal über die Landesgrenzen in mediterrane Gefilde und kocht italienisch und spanisch. Und wir essen gern in einem geschmackvollen Ambiente – entweder zu Hause an einem nett gedeckten Tisch oder in einem schönen Lokal. Vor allem aber wird geredet. Wir gehören nicht zu den sich anschweigenden Tischpartnern, haben uns immer viel zu erzählen und nutzen deshalb am Tisch keine Social-Media-Unterhaltungskiller. Bei Festen mit unseren Freunden gibt es auch ein sehr schönes Ritual: Jeder bringt ein Highlight aus seiner Küche mit und so entsteht bei jeder Feier ein zauberhaftes und überaus vielfältiges Buffet.

Barbara Methfessel, Ernährungswissenschaftlerin

Familiär geprägt

Menschen müssen essen, um zu leben. Aber was, wie und auch wie viel sie essen, ist alles kulturell organisiert. Für den instinktarmen Allesesser Mensch ist also nicht die Frage, wie viel, sondern welche Kultur sein Essen bestimmt. Der Mensch isst nicht, was ihm schmeckt, sondern ihm schmeckt, was er isst. Die familiale Esskultur liefert die Grundlage für die Geschmacksprägungen: Erfahrungen von Geschmack, verbunden mit den Gefühlen, die das Essen begleiten. Im positiven Fall wird durch das gemeinsame Essen nicht nur sozialer Halt geboten, sondern auch die Grundlage für die Verbindung von Genuss und Gesundheit gelegt. Weniger hilfreich ist die Konditionierung auf die Vielfalt der Kombinationen von nicht so gesundheitsförderlichen Fett-, Zucker- und Geschmacksverstärkervarianten, sei es als Süßigkeit, Snack oder Gericht, die auf entsprechende Ergebnisse der Lebensmitteltechnologie setzt. Falls diese Angebote des Marktes die Familien nicht schon längst erreicht haben, dann dringen sie spätestens ab der Pubertät neben die familiale Esskultur und fordern ihren Platz bei den Geschmacksvorlieben. Mit der Pubertät entwickelt sich aber auch das Reflexionsvermögen. Wird dies für eine selbstbestimmte Auswahl aus der Vielfalt der Genussmöglichkeiten genutzt, dann kann Genuss zusammen mit Gesundheit, Nachhaltigkeit und anderem mehr leitend werden. Doch das erfordert Wissen und Handlungskompetenz. Und wo wird diese noch vermittelt?

Yasemin Aslan, Leserin

Einfach unvergesslich

Essen bedeutet Wahrnehmung mit allen Sinnen. Beim Zubereiten fühlen wir die Beschaffenheit der einzelnen Zutaten. Wir kneten, rollen, schneiden und rühren. Dabei nehmen wir schon die ersten Gerüche wahr. Vieles verbinden wir mit früheren Erfahrungen. Je nachdem, welchen kulturellen Hintergrund wir haben, verbinden wir die Geräusche und Gerüche mit der Kindheit, mit Omas Küche oder mit Erlebnissen im Urlaub. Beim Zubereiten eines Couscous-Salats mit meiner Genuss-AG erinnerte sich ein russischer Schüler beim Schneiden der Frühlingszwiebeln daran, dass sein Opa diese gerne zu allem einfach so dazu aß. Er hatte durch diese Erinnerung eine Verbindung zu dem zubereiteten Essen. Das ist ein Beispiel dafür, dass im Essen immer Kultur mit drinsteckt.

Ursula Hudson, Vorsitzende Slow Food Deutschland

Kultur und Landschaft schmecken

Essen ist nicht nur der größte Beziehungsstifter, sondern auch ein wichtiger Kulturvermittler. Lebensmittelerzeugung hat mit dem Aussehen unserer Kulturlandschaften zu tun, Rezepturen und Zubereitungen gehören zu unserem kulturellen Erbe. Mit der Vielfalt auf unseren Tellern schützen wir also nicht nur unsere Umwelt und unser Klima, sondern wir bewahren damit auch die wunderbare weltweite kulinarische Diversität und unsere Identität. Die Kartoffel, der Apfel oder die Zwiebel aus kleinbäuerlicher Landwirtschaft vom Bodensee schmecken anders als ihre Pendants aus Norddeutschland. In ihnen entfaltet sich der regionaltypische Geschmack von Sorte, Boden und Klima. Bei tierischen Produkten wirken sich neben Rasse und Haltungsform auch die regionalen Futtermittel auf den Geschmack aus: Die Milche von Kühen, die sich von Alpweide, Silage oder Kraftfutter ernährt haben, schmecken unterschiedlich. Neben den spezifischen Produktionsbedingungen verleihen das Wissen und das Können von Lebensmittelhandwerkern unserer Nahrung ihren individuellen Geschmack. Deshalb macht sich Slow Food für den Erhalt dieses Handwerks stark und möchte Menschen wieder für lokaltypische Obst-, Reb- und Gemüsesorten sowie Tierrassen begeistern. Mit Projekten wie der „Arche des Geschmacks“ schützen wir alte Sorten und Rassen, die von unseren Speiseplänen zu verschwinden drohen.

Monika Rohs-Dressel, Leserin

Schein oder Sein?

Ein spannendes Spiel in der Schlange an der Supermarktkasse: aus dem Inhalt des Einkaufswagens der anderen auf Essverhalten, Lebenssituation und Persönlichkeit schließen. Was es da wohl am Wochenende zu Essen gibt? Rotkohl und Fleisch – eher konservativ und älter. Bio-Tofu, Smoothie und eingeschweißte Rote Beete – eher jung und öko. Viele Süßigkeiten und Einhorn-Cornflakes – Kinder und die Eltern beide voll berufstätig. Haben sie gesunde Ernährung schon aufgegeben? Oder ist alles ganz anders? Und was ist aus dem Inhalt meines Einkaufswagens zu erkennen? Möchte ich, dass Bekannte oder Kollegen sich darüber Gedanken machen?

Stevan Paul, Foodjournalist und Kochbuchautor

Jünger des Zeitgeists

Im Strudel von kulinarischen Trends, TV-Kochshows und einem ewigen Strom hochgejazzter Food-Foto-Bildwelten in den sozialen Medien beginnen wir, uns von einer gewachsenen und lebendigen Esskultur zu entfernen. Immer öfter bedeutet Essen einfach Pop. Ernährung ist zum Mittel der Selbstdarstellung, der vermeintlichen Selbstoptimierung geworden. Essen als Religion und Glaubensbekenntnis. Wir kennen uns aus mit Superfoods und Sous-vide-Garmethoden, kaufen teure Küchenmaschinen und die zugehörigen Rezepthefte, die uns den Nutzen erklären – aber kaum jemand versteht sich noch auf die Zubereitung einer guten Kartoffelsuppe. Wir verlernen das Kochen und die Fähigkeit, Kochen auch zu verstehen. „Ohne ist das neue Mit“, heißt es darüber hinaus – bis nichts mehr übrigbleibt außer lustfeindlicher Verzicht, Verbot und Selbstkasteiung. Wir folgen zeitgeistigen Trends und Marketingversprechen, statt individuell für uns selbst zu sorgen, statt endlich wieder zu kochen – und zu genießen –, was uns guttut. Es geht mir dabei nicht um einen Konservatismus um jeden Preis, sondern um die Belebung und Weiterentwicklung unserer gewachsenen Koch- und Genusskultur – auf der Basis von Handwerk und Wissen, nicht als popkulturelle Nische oder Distinktionsmerkmal.

Wolfgang Loggen, Leser

Mit allen Sinnen

Kultur kommt von „cultura“, was so viel wie „Pflege“ oder „Bearbeitung“ bedeutet. So steckt in jedem Essen nur die Kultur, die ihm gegeben wird. Meine Formen der Bearbeitung, der Zubereitung, der Aufnahme eines guten Essens sind: Beim Kauf Massentierhaltung und Überfischung der Meere nicht zu unterstützen und ein Stück Fleisch oder Fisch stets als ein Stück Natur beziehungsweise Leben zu sehen, ökologischen Landbau zu fördern, auf Fertigprodukte möglichst zu verzichten und auf ein unnötiges Überangebot nicht zu reagieren. Ich brauche zum Beispiel in meiner Küche keine zehn verschiedenen Salzsorten. Für mich isst, einem alten Sprichwort folgend, das Auge immer mit. Entsprechend einladend ist mein Tisch gedeckt. Ich versuche meinen Gästen zu zeigen, dass ich mich um ein gutes Essen bemüht habe, ohne dass es Mühe war, sondern letztlich ein mich befriedigendes Geschenk. Gutes Essen schlägt sich vom Gaumen auf die Stimmung bei Tisch nieder und führt zu entspannten Gesprächen. Wenn dann Wein für zusätzliche Gaumenfreuden sorgt, habe ich eine der ältesten Kulturen mit auf den Tisch gebracht. Essen wird nicht zum reinen Sättigungsakt und artet nicht in Gefräßigkeit aus. Zu guter Letzt: Ich versuche, (fast) keine übriggebliebenen Lebensmittel wegzuschmeißen. Guten Appetit!

Silke Schneider-Flaig, Journalistin und Autorin

Benimm mit Sinn

Essen ist überlebenswichtig. Trinken auch. Doch wie viel Kultur steckt im Essen? Esskultur ist, von den zubereiteten Speisen abgesehen, grundsätzlich an Tischmanieren und Tischsitten erkennbar. Diese sind kein vornehmes Getue, sondern haben mit Logik und Respekt gegenüber den Personen, die kochen, einladen oder am Tisch sitzen, zu tun. Grundsätzlich gilt die Formel: Andere Länder, andere Sitten. Während zum Beispiel in China Rülpsen und Schmatzen zum Essen gehören, ist dies in Deutschland eine visuelle und akustische Unverschämtheit. Ähnlich sehen es Chinesen, wenn man sich die Nase putzt, was hierzulande nur wenige stört. Tischmanieren haben auch einen praktischen Zweck. Wer Sektgläser am Stiel hält, vermeidet, dass sich der Sekt erwärmt und schal schmeckt. Wer Kartoffeln mit dem Messer schneidet, lässt sich den Genuss entgehen, der entsteht, wenn man mit der Gabel einzelne Stücke abtrennt. Denn dann hat man mehr Oberfläche, um die Soße aufzunehmen. Und wer bei Mehr-Gänge-Menüs das Besteck korrekt von außen nach innen abträgt, braucht sich nicht zu sorgen, dass er Fleisch mit einem Fischmesser schneiden soll. Gastrokritiker mit schlechten Tischmanieren sind übrigens so glaubhaft wie jene, die Auszeichnungen an Restaurants verleihen, die nicht mehr existieren. Mönche ernähren sich in der Fastenzeit von Bier. Hierfür braucht man kein Besteck. Aber Fasten ist hier eine religiöse Einstellung und damit wieder eine andere Philosophie.

Tim Raue, Sternekoch

Der nächste Schritt

Essen ist zu allererst Leben – denn wir essen, um zu überleben. Dass sich daraus ein vielfältiger Genuss entwickelt hat, ist höchst angenehm. Von Genuss zur Kultur ist es nochmal ein großer Schritt, den man bereit sein muss, gehen zu wollen. In Deutschland verbindet man mit Kultur sofort die schönen Künste. Ein Koch gilt als Handwerker. Die Stellung des Berufes und auch des Kochens an sich ist hier nicht vergleichbar mit der Anerkennung in skandinavischen Ländern, wo man etwa am Osloer Flughafen von einer Installation des besten Kochs des Landes, Esben Holmboe Bang, begrüßt wird. Es ist auch nicht vergleichbar mit jener für Virgilio Martines aus Peru, wo die Kinder aus den Slums früher Fußballer werden wollten und heute Koch. Ich erwarte diese Form der Wertschätzung nicht auch bei uns. Aber hierzulande ist Essen kulturell abgeschlagen. Das mindert meine Motivation, Gäste glücklich zu machen, um keinen Deut. Doch wünsche ich mir, dass wir uns zukünftig mehr damit auseinandersetzen, warum wir essen. Die industrielle Lebensmittelbearbeitung der letzten 40 Jahre hat uns Fettleibigkeit, Zuckerabhängigkeit und zahlreiche Unverträglichkeiten beschert. Glücklicherweise hat Essen für junge Menschen heute einen wichtigen kulturellen Wert in ihrem Leben. Wir sollten sie und ihren Weg, sich gesund und von frischen Lebensmitteln zu ernähren, unterstützen und Restaurants, die diese Genusskultur realisieren, mit unserem Besuch beehren.

Achim Siwek, Leser

Auf dem Holzweg

Die Nahrungsmittelindustrie will uns glauben machen, dass wir, statt zu kochen, lieber auf deren Produkte vertrauen sollten. Auch Gastronomen wird eingeredet, Fertigmischungen wären einfacher zu handhaben und preiswerter als selbstgemachte Produkte. Aber weder die verwendeten Zutaten noch das daraus gemachte Essen hat Kultur. Ohne den Einsatz von bereits gewürzten Zutaten und Fertigmischungen sind viele Familien nicht mehr in der Lage, ein Essen zu produzieren. Durch jahrzehntelange Werbung für Fertigprodukte wurde Verbrauchern suggeriert, dass das Zubereiten von Speisen ein Zeitfresser ist. Das selbstgemachte Essen in den Familien, vielleicht mit einem Rezept der Großmutter, Restaurants mit Qualitätsanspruch: Wo immer auf Frische und Saisonalität Wert gelegt wird, ist auch Kultur. Und die gilt es, unbedingt zu bewahren.

Manfred Jenschke, Leser

Die einfachen Freuden

Essen ist das Bedürfnis, Körper und Seele Gutes zu tun. Es ist die Liebe und die Wertschätzung zu den einzelnen Produkten. In der Einfachheit liegt die Wurzel eines guten Essens. Wer kennt nicht den Duft von frischen Tomaten oder frischem Basilikum? Wie emotional reagiert unser Geruchssinn, wenn eine frische Pizza auf unserem Teller liegt, dazu ein Glas Wein. Menschen fremdeln in solchen Momenten nicht mehr. Über das Essen zueinanderzufinden und diesen kulturellen Beitrag in seiner Einfachheit zu bewahren, sollte uns immer dazu anspornen, mehr mit offenen Augen und guter Nase nach den Produkten zu suchen, die uns Freude machen.

Schreib' uns deine Antwort!

Welche Überschrift willst Du Deiner Antwort geben?

Wie digital ist der Mittelstand?

Antwort schreiben

Peter Altmaier, Bundesminister für Wirtschaft und Energie

Wissenstransfer fördern

Die digitale Transformation bietet Unternehmen große Chancen, stellt aber gerade die rund 3,6 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) und Handwerksbetriebe vor enorme Herausforderungen. Studien zeigen, dass der Mittelstand die Möglichkeiten der Digitalisierung noch zu wenig nutzt. Die KMU verfügen häufig nicht über ausreichende Ressourcen und Know-how, um den digitalen Wandel neben dem Tagesgeschäft zu bewältigen. Das Bundeswirtschaftsministerium hat deshalb bundesweit 25 Mittelstand-4.0-Kompetenzzentren ins Leben gerufen: ein flächendeckendes Netz aus Anlaufstellen für KMU rund um die Digitalisierung. Hier können KMU kostenfrei digitale Geschäftsmodelle weiterentwickeln und testen und digitales Expertenwissen aufbauen. Gerade bei neuen Technologien, die nun sukzessive anwendungsreif werden, benötigen KMU Unterstützung. Im Fokus steht die Künstliche Intelligenz (KI), es geht um Smart Services und Smart Data. Hier entstehen neue Arbeitsplätze und Wertschöpfung, hier muss Deutschland seine Forschungserkenntnisse in die Unternehmen bringen – gerade auch in KMU. Damit dieser Transfer häufiger, schneller und erfolgreicher gelingt, haben wir eine Transferinitiative gestartet. Wir wollen von den Akteuren wissen, wo es hakt und Abhilfe schaffen. Außerdem sollen KI-Trainer aus den Kompetenzzentren in die Unternehmen gehen und dazu beitragen, dass KMU fit für das KI-Zeitalter werden und „KI made in Germany“ zur Marke wird.

Christian Überall, Professor für Industrie 4.0 und Digitalisierung, Technische Hochschule Mittelhessen

Ungehobene Schätze

Daten sind das neue Geld der Unternehmen – und das nicht nur ein Spruch. Seit der Einführung von digitalen Systemen steigt das Datenaufkommen stetig. Die gesammelten Daten können unter Verwendung von Predictive Analytics gewinnbringend genutzt werden. Ziel dabei ist, anhand der Analyse historischer Daten zukünftige Ergebnisse möglichst präzise vorherzusagen. Mit sogenannten Small-Data-Analysen können etwa ohne viel Analytics-Kenntnisse neue Absatzmärkte erschlossen oder neue Kunden gewonnen und gebunden werden. Dies lässt sich schon mit einfachen Assoziationsanalysen mit Open-Source-Programmen umsetzen. Big-Data-Analysen wiederum bieten die Möglichkeit, zum Beispiel Predictive Maintenance – auf Analyse von Zustandsdaten basierende proaktive Wartungsverfahren für Maschinen und Anlagen – zu realisieren. Diese Analysen basieren stellenweise auf simpler Mathematik. Eine einfache lineare Regression, die sogar Tabellenkalkulationsprogramme beherrschen, liefert für einige Anwendungen schon sehr gute Ergebnisse. Prinzipiell sollten Unternehmen sich nicht von dem Begriff Predictive Analytics abschrecken lassen, sondern anfangen, ihre Daten auszuwerten. Oft erkennen Unternehmen nach den ersten „kleinen“ Analysen, dass die Auswertung von Daten teilweise auch ohne tiefe mathematische und analytische Kenntnisse umgesetzt werden kann. Für die „großen“ Analysen können Spezialisten partiell hinzugezogen werden. Dann wird aus den Daten bares Geld.

Sascha Schmel, Geschäftsführer Fachverband Fördertechnik und Intralogistik, Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA)

Digital ist Pflicht

Für die Intralogistikhersteller galt schon immer: Wer nicht mit den Kundenanforderungen geht, geht irgendwann ganz. Die Kunden rufen zunehmend nach Digitalisierung, wenn es um ihre Logistikprozesse geht. Je transparenter der digitale Informationsfluss desto reibungsloser läuft der tatsächliche physische Materialtransport. Eigentlich ist das in der Intralogistikbranche kein neues Thema. Automatisierungslösungen gibt es schon seit vielen Jahren für den Materialfluss. Doch heute sind die technologischen Möglichkeiten für solche Projekte so vielfältig wie nie. Deshalb bieten Automatisierungslösungen das einfachste und größte Potenzial – und zwar für Hersteller und Kunden gleichermaßen. Neben automatisierten Transportgeräten sind auch Assistenzsysteme im Kommen – sei es für die Kommissionierung, zur besseren Materialflussplanung, zum Flottenmanagement und für Wartungsaufgaben. Logistik ist immer Teil eines Wertschöpfungsnetzwerks und muss auf vor- und nachgelagerte Prozesse abgestimmt sein. Sie hat damit per se einen Vernetzungscharakter. Gerade weil die Intralogistik dafür so viele spannende Digitalisierungsansätze bietet, haben auch mittelständische Anbieter gute Chancen, sich im Wettbewerb zu behaupten. In der Zukunft könnten Logistikprozesse nicht mehr nur automatisiert, sondern autonom ablaufen. Die Intralogistikbranche arbeitet mit Hochdruck an der Entwicklung passender Systeme, die künftig eigenständig arbeiten können.

Ingrid Schülke, Leserin

Chance für die Kleinen

Interessant wird es, wenn durch die Digitalisierung Unternehmen eine Chance haben, die sich im normalen Wettbewerb schwertun. Lokale Manufakturen haben durch digitale Tools die Möglichkeit, neue Märkte zu erschließen. Ein guter Bekannter von mir produziert seit einigen Jahren Honig in der Großstadt in bester Bio-Qualität. Eine besondere Spezialität von ihm sind aromatisierte Sorten wie Honig mit Whisky oder mit Karamell und Fleur de Sel. Bis vor kurzem war er damit ausschließlich auf lokalen Märkten aktiv, mit allen möglichen Vorteilen, aber eben auch mit vielen Nachteilen wie Mitbewerber oder unsicheres Wetter. Durch diverse Tools ist sein Honig mittlerweile weltweit verfügbar und er findet zunehmend Wiederverkäufer in Übersee. Es hat sich mit der Zeit eine wahre Fanbasis gebildet, die ihm Vorschläge macht, welche Sorten er als nächstes ausprobieren soll. Da kommen dann natürlich wilde Ideen wie Honig mit Wasabi oder Chilihonig auf.

Dominik Schroeder, Leser

Sozial verträglich

Aus meiner Sicht ist die Digitalisierung in vielen Bereichen sinnvoll und positiv für Unternehmen und ihre Kunden. Wenn diese Effekte aber auf Kosten von Menschen gemacht werden, profitiert maximal das Unternehmen davon und die Gesellschaft muss mit den Konsequenzen leben. Ein Beispiel hierfür ist der florierende Online-Handel. Hier wird versucht, die Kreatur Mensch so weit wie möglich kostenreduziert zu optimieren und ihn von einem vormals engagierten, gut ausgebildeten Fachhändler zum prekär bezahlten Erfüllungsgehilfen, vollbeladen mit Pakten, zu degradieren. Verödende Innenstädte mit leeren Geschäften, die dafür mit verkehrsgefährdend in der zweiten Reihe parkenden Altdieselfahrzeugen gepflastert sind und vor Verpackungsmüll überquellende Mülltonnen sind Auswüchse, die auch zur Digitalisierung gehören.

Anja Stitzel, Leserin

Schneller zum Job

zentimeterdicken Stellenteile der Wochenendausgaben der Tageszeitungen erinnert, kann man schon fast wehmütig werden. Viel einfacher ist es natürlich, sich über Online-Tools über offene Stellen zu informieren oder sich direkt bei den Unternehmen im Karrierebereich umzusehen. Ebenso werden in den Unternehmen durch die Digitalisierung Abläufe vereinfacht und beschleunigt und nicht zuletzt auch Papier gespart. Einen Vorteil hatte der gedruckte Stellenteil aber doch: Man wusste immer, dass die offene Stelle wirklich aktuell ist und wurde nicht durch Jahre alte, längst besetzte Stellenausschreibungen enttäuscht, die sich in zweitklassigen Jobbörsen ansammeln.

Sabine Fischer, Leserin

Am Scheideweg

Wenn man die Möglichkeiten der Kosteneinsparung betont, die durch die Digitalisierung von Prozessen möglich ist, dann sieht man bei Mittelständlern leuchtende Augen. Dies ist allerdings nur die halbe Wahrheit: Digitalisierung ermöglicht neue Wertschöpfungsketten, neue Businessmodelle und neue Angebote – und Digitalisierung macht vieles überflüssig. Was nützt der günstigste Prozess, wenn ihn keiner mehr braucht? Mittelständler stehen also vor der großen Herausforderung, nicht nur die eigene Branche und ihr zukünftiges Wertschöpfungspotenzial genau zu beobachten, sondern auch die möglichen Disruptoren, die aus ganz anderen Branchen kommen können, mitzudenken. Neu ist, dass der größte Konkurrent eines Fabrikanten nun jemand ohne Fabrik sein kann. So gesehen ist das unternehmerische Risiko für Mittelständler durch die Digitalisierung enorm gestiegen. Die wirklich entscheidende Frage lautet: Transformation oder Revolution? Ich empfehle einen klaren Fokus auf die Kundschaft und ihre Bedürfnisse. Das hohe Risiko, das der rasante Technologiefortschritt mit sich bringt, kann am besten mit einem robusten Vertrauensverhältnis zwischen Unternehmen und Kunden begegnet werden. Und dann nur ja keine Eitelkeit beim Loslassen alter Muster und Disruptoren des eigenen Geschäfts. Nur so behalten auch Mittelständler die Zügel in der Hand.

Peter Borowka, Leser

Als eine der führenden Industrienationen können wir stolz sein auf unseren Mittelstand, der gespickt ist mit Weltmarktführern, die in ihren Sparten für Innovationen stehen. Und auch bei der Digitalisierung sind wir sehr weit vorne.

Ingo Radermacher, Keynote-Speaker, Autor und Unternehmensberater

Beginner werden Leader

Unsicher, komplex, von hoher Veränderungsdynamik: So nehmen wir unsere Jetztzeit wahr. Rapide ändern sich Produkte und Geschäftsmodelle, Märkte und Branchen – und vor allem die Anforderungen an das eigene Denken und Handeln. Gerade für Mittelständler ist die Fülle digitaler Möglichkeiten zweierlei: faszinierend – und erschlagend. Digital Leadership? Wo und wie damit beginnen? Es ist ein Spagat. Auf der einen Seite gilt es, das Digitale zu verstehen und anzuwenden – was über die Kompetenz, Smartphones, Laptops und Tablets bedienen zu können, weit hinausgeht. Wesentliche Punkte sind die Bedeutung der aktuellen Transformation für das eigene Geschäftsmodell und die zukunftsfähige und genuin eigene Verknüpfung der Produkte oder (Dienst-)Leistungen mit dem Digitalen, um Alleinstellungsmerkmale zu generieren. Auf der anderen Seite ist und bleibt Führung – gerade im Mittelstand – eine Aufgabe, die sich vor allem um Menschen dreht. Wie ist die persönliche Haltung, wie die Denkweise – und wie lebt eine Führungskraft vor, was sie von ihren Mitarbeitern fordert? Bei diesem Balanceakt zwischen informatischen und persönlichen Kompetenzen sind Führungskräfte alle – gleichgültig übrigens, ob Digital Native oder Digital Immigrant – zunächst einmal Beginner. Anfänger, die sich jeden Tag neu aufmachen. Wichtige Grundausstattung zur Erlangung der Meisterschaft: Mut, Innovationsfreude, Neugier, Ausdauer, Beweglichkeit und Haltung.

Sven Laumer, Professor für Digitalisierung in Wirtschaft und Gesellschaft, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Bewerbung 4.0

Unsere Studie „Recruiting Trends 2019“ zeigt, dass fast alle Großunternehmen die Digitalisierung der Rekrutierung positiv beurteilen. Auch haben nur 4,5 Prozent der Recruiter Angst, durch die Digitalisierung arbeitslos zu werden. Aber die Studienergebnisse zeigen auch, dass die Mehrheit damit rechnet, dass sich die Personalarbeit verändern wird. Die Digitalisierung macht auch vor kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) nicht halt. Bereits heute generieren KMU über die Hälfte ihrer Neueinstellungen über das Internet und bei über einem Drittel der offenen Stellen wird aktiv im Internet nach Kandidaten gesucht. Auch der Bewerbungseingang ist bereits digital und nur noch jede zwanzigste Bewerbung geht in Papierform ein. Jedoch steht der Einsatz von auf künstlischer Intelligenz (KI) basierten Systemen erst in den Startlöchern. In Großunternehmen werden Nutzungsszenarien für derartige Ansätze analysiert und positiv bewertet. Seit 2003 zeigen unser Daten, dass Themen im Vergleich zu den Großunternehmen in KMU etwa drei Jahre später aktuell werden. Somit ist davon auszugehen, dass KI-basierte Ansätze in den nächsten drei Jahren auch in KMU an Bedeutung gewinnen werden. Aber nicht nur die Unternehmen beurteilen KI positiv: Auch die Mehrheit der Bewerber begrüßt die Digitalisierung. Jeder Fünfte möchte sogar lieber von einer KI ausgewählt werden, da hiermit die Hoffnung verbunden ist, dass die Auswahl fairer und diskriminierungsfreier abläuft.

Corinna Pommerening, Keynote Speakerin und Unternehmensberaterin

Rein in das vernetzte Arbeiten

Die Digitalisierung ist mehr als nur eine technologische Weiterentwicklung und deren Integration. Leadership und Organisationsentwicklung müssen auf einen notwendigen Kurswechsel geprüft werden, um die Digitalisierung nachhaltig in Unternehmen zu verankern und die Transformation zu stärken. Das aktuelle Marktumfeld verlangt kundenzentrierte, co-kreative Prozesse, agile Arbeitsweisen und eine neue Fehlerkultur. Ein Verständnis dieser Notwendigkeiten und entsprechende Spielregeln führen zu Wettbewerbsvorteilen und bringen Unternehmen auf einen neuen Erfolgskurs. Eine Kultur des gemeinsamen Gestaltens basiert auf diesem gemeinsamen Bekenntnis. Denk- und Wissenssilos, die das kollaborative Arbeiten behindern, begrenzen oder sogar torpedieren, müssen im Unternehmen identifiziert und konsequent aufgelöst werden. Dazu braucht es Mut und vor allem geeignete Methoden, um diese eingefahrenen Strukturen erfolgreich zu verändern. Wertschöpfung 4.0 erfordert diesen kulturellen Wandel: Abteilungs- und unternehmensübergreifender Austausch und vernetztes Denken, das auf eine breiten Palette von Wissensressourcen zurückgreifen kann, fördern die Ideen und die Kreativität der Teams. Das sind essenzielle Voraussetzungen für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen und auch gleichzeitig die notwendige Basis, um sich als offene Organisation an digitalen Ökosystemen beteiligen und von der neuen Plattformökonomie profitieren zu können.

Hans Ullrich, Leser

Unternehmer, ihr müsst lernen, dass Fehler dazugehören. Sowohl bei euch als auch bei euren Mitarbeitern. Das ist der Schlüssel auf dem Weg in die digitale Zukunft.

Dirk Schiereck, Professor für Unternehmensfinanzierung, Technische Universität Darmstadt

Kalkulierbares Risiko

Der industrielle Mittelstand ist bei der Implementierung von Innovationen im Rahmen von Industrie 4.0 sowohl Nachfrager als auch Anbieter. Einerseits sind die eigenen Fertigungsanlagen zukunftsfähig aufzurüsten, andererseits sind die vertriebenen Produkte zunehmend digital und vernetzt. Dementsprechend sind Investitionen auf zwei Ebenen zu finanzieren: in der mittelständischen Produktion und beim Vertrieb. Zwei von drei mittelständischen Unternehmen in Deutschland befürchten dabei, dass die digitale Transformation sie finanziell überfordern könnte. Das ist eines der zentralen Ergebnisse der Studie „Finanzierungsmonitor 2019“, für die 200 Finanzentscheider aus dem deutschen Mittelstand befragt wurden und die wir wissenschaftlich begleitet haben. Dagegen sind die Voraussetzungen für eine Einbindung digitaler Daten in Kreditbeziehungen bereits heute sehr gut. 91 Prozent der befragten Unternehmen rüsten die ausgelieferten Produkte – zumindest teilweise – schon so aus oder haben konkrete Planungen dafür. Und 79 Prozent nutzen selbst Anlagen, die Daten an den Hersteller liefern – etwa über Wartungsverträge. Diese Daten könnten von den Hausbanken verwendet werden. 92 Prozent der Unternehmen wären prinzipiell bereit, die Daten ihren Kreditgebern zur Verfügung zu stellen, um diese bei Kreditvergabeentscheidungen zu überzeugen beziehungsweise während der Kreditlaufzeit die Performance der finanzierten Anlage zu überprüfen.

Ludwig Veltmann, Hauptgeschäftsführer Der Mittelstandsverbund – ZGV

Gemeinsam stark

Der Mittelstand ist seit über 100 Jahren die tragende Säule unserer Wirtschaft. Während früher vor allem materielle Ressourcen den Erfolg begründeten, bestimmen inzwischen optimale Vernetzung mit anderen Unternehmen, die Verfügbarkeit von Kundendaten und der Umgang mit digitalen Technologien die Zukunftsperspektiven eines mittelständischen Unternehmens. Wer heute die Daten hat, hat die Macht. Nichts bestimmt aktuell mehr den Wettbewerb. Noch hat der Mittelstand hier einen klaren Nachteil. Angesichts der wachsenden Bedeutung von Plattformen und den dort entstehenden Datenmonopolen ist es höchste Zeit, gegenzusteuern. Deshalb ist es der richtige Weg, Daten als Gemeingut auf großen Plattformen im genossenschaftlichen Sinne zu vergemeinschaften. Auch ein „Daten-für-alle“-Gesetz wäre begrüßenswert, wenngleich die Vorschläge hierzu noch nicht konkret genug sind. Selbstverständlich hilft nicht nur die Technologie und der Zugriff auf die Daten. Entscheidend sind die Menschen, die damit umgehen. Um Weltmarktführer zu bleiben und die Aufgaben von morgen meistern zu können, braucht der Mittelstand qualifizierte Fachkräfte. Der Mittelstandsverbund, der 230.000 mittelständische Handels-, Handwerks- und Dienstleistungsunternehmen vertritt, erarbeitet aktuell ein Whitepaper für Unternehmensentscheider zur Qualifizierung der Mitarbeiter und Optimierung ihrer Arbeitsbedingungen. Nur so wird die digitale Transformation im Mittelstand zu meistern sein.

Max Scherzinger, Leser

Falsch konditioniert

Während wir über flächendeckendes, schnelles Internet diskutieren und bei jeder Zugfahrt demonstriert bekommen, wie weit wir bereits von dem „flächendeckend“ weg sind – von dem „schnell“ ganz zu schweigen –, kann man am anderen Ende der Welt bei jedem Straßenhändler bargeldlos und digital bezahlen. Wenn die Digitalisierung in unserem Privatleben bereits so weit hinterherhinkt, dann kann ich mir schon vorstellen, wie es um unseren Mittelstand bestellt ist. Schließlich setzt sich der Mittelstand letztlich aus den Leuten zusammen, die in ihrem Privatleben digitale Mangelversorgung gewöhnt sind. Wer in seinem Alltag so wenig mit einer High-End-Digitalisierung in Kontakt kommt, wird sicherlich kaum die Ideen entwickeln, die sich in der High-End-Industrie am weltweiten Markt durchsetzen können. Ich glaube, die Zahl unserer Weltmarktführer wird bald rapide sinken.

Philipp Riederle, Unternehmensberater und Autor

Wir sind die digitale Generation

Ihr wollt uns als Kunden und Mitarbeiter? Gar nicht so einfach – das habt ihr wahrscheinlich schon festgestellt. Knapp eine Million offene Stellen und über 50.000 unbesetzte Ausbildungsplätze allein in Deutschland zeugen davon. Die schicke Stellenanzeige auf Facebook oder der nichtssagende Imagefilm auf Youtube? Locken schon lange keinen Millennial hinter dem Bildschirm hervor. Dank Bewertungsplattformen wie kununu haben wir euch schon vor dem ersten Kontakt durchleuchtet. Für ein altmodisches, analoges, veränderungsresistentes Arbeitsumfeld ist uns unsere Energie zu schade, wir wollen gestalten. Also: Wie ernst meint ihr es wirklich mit eurer digitalen Transformation? Kickertische, Bionade und ein Du? Nein, danke! Das ist viel zu kurz gedacht. Es geht darum, die neuen Anforderungen und komplexen Zusammenhänge zu verstehen. Und konsequent zu handeln. Unternehmensorganisation, Führungsverhalten, digitale Tools und Prozesse, Skills und Verhaltensweisen, Arbeitszeiten und Arbeitsorte. Überall dort gilt es, sich auf das digitale Zeitalter einzustellen. Denn nur dann seid ihr überhaupt in der Lage, Geschäftsmodelle zu entwickeln, die in der digitalen Marktordnung überleben. Und Produkte, die unsere Generation als Kunde begeistern. Also: Stellt euren gesamten Laden auf den Kopf, schafft innovative Arbeitsbedingungen, damit wir mit euch an eurer Zukunft arbeiten. Wir sind bereit. Ihr auch?

Thomas Schildhauer, Professor für Electronic Business & Marketing, , Universität der Künste Berlin

Mitarbeiterentwicklung 4.0

Der Umgang und das Lernen mit digitalen Medien ist fester Bestandteil des privaten und beruflichen Alltags. Eine Entwicklung, die auch für Unternehmen gewinnbringend genutzt werden kann, denn mit neuen Technologien wie Augmented Reality oder Sprachsteuerung werden neue Formen des Lernens ermöglicht. Weiterbildung hat damit das Potenzial, auf eine neue Stufe gehoben zu werden: Durch Lernen mit digitalen Medien wird es möglich, mit der Entwicklungsgeschwindigkeit der digitalen Transformation Schritt zu halten und gerade auch die eigenen Mitarbeiter auf dem aktuellen Stand zu halten. Die Kompetenzentwicklungsstudie Industrie 4.0, die 2016 im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unter meiner fachlichen Begleitung durchgeführt wurde, beschrieb konkrete Anforderungen an Weiterbildungen bezüglich der neuen Herausforderungen. Darauf aufbauend haben wir ein Lernsystem entwickelt, das wichtige Eigenschaften aufweist wie den rollenbasierten Zugang, individuelle Lernpfade, kontext- und situationsbezogene kleine Lerneinheiten, die ortsunabhängige Nutzung und die motivationsförderliche Aufbereitung der Inhalte. Das System ist inzwischen in vielen Unternehmen erfolgreich im täglichen Einsatz. Es zeigt sich: Neue Arbeitsmodelle und lebenslanges Lernen gehen Hand in Hand. Neue Formen des Lernens und Arbeitens sind im Rahmen einer Mitarbeiterentwicklung 4.0 nicht mehr voneinander zu trennen.

Michael B. Strecker, Leser

Daten für alle?

Daten sind der Treibstoff der Digitalisierung. Der Zugang zu erhobenen Daten wird in komplexen Liefernetzwerken individualvertraglich geregelt. Hier haben Großkonzerne, bei denen die Daten in der Regel anfallen, eine enorm starke Verhandlungsposition. Zwingende Vorgaben im Vertragsrecht könnten kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) helfen. Entfernten Zulieferern oder Unbeteiligten, die ihr Produkt, etwa einen Regensensor für Autos, verbessern oder ein neues, zum Beispiel eine Wetter-App mit den Daten des Regensensors, auf den Markt bringen wollen, fehlt jedoch oft bereits die Vertragsbeziehung zum faktischen Inhaber der Daten, die sie dafür benötigen. Im Gespräch ist daher ein „Daten für alle“-Gesetz mit zwangsweisen Zugangsrechten. Das zielt vor allem auf monopolistische Internetriesen, die Daten oft nur horten, ohne sie einer wirtschaftlichen Nutzung zuzuführen. Dabei könnten sie die nicht verbrauchbaren Güter teilen, ohne etwas zu verlieren. Doch wer programmiert die neuen Systeme, wenn in Deutschland gerade in KMU fähige Programmierer Mangelware sind? Sorgt der freie Datenzugang am Ende dafür, dass Internetriesen ihre Marktmacht mit den Daten von KMU weiter ausbauen? Damit das Gesetz nicht zum wettbewerbspolitischen Bumerang wird, wären zumindest Ausgleichsregelungen für die Erhebungs- und Bereitstellungskosten nötig. Eine Beschränkung auf spezifische Datensätze könnte verbleibende datenschutzrechtliche Bedenken abdämpfen.

Stephan Langer, Leser

Realitäts-Check

Wenn wir uns in Deutschland weiter in die Tasche lügen und glauben, dass wir bei der digitalen Transformation im globalen Vergleich vorne mit dabei sind, dann wird das Erwachen nur umso erschreckender sein. Ich empfehle hier eine Reise in die hochentwickelten Zentren in Mittel- und Ostasien, um sich mit der Realität auseinanderzusetzen.

Heinz Ohlig, Leser

Trügerische Sicherheit

Die kleinen und mittelgroßen Unternehmen sind das Rückgrat unserer Wirtschaft. Mit ihrer Leistung und ihren Produkten bilden sie die Grundlage für den weltweit guten Ruf der Marke „Made in Germany“. Allerdings müssen wir aufpassen, dass es mittelfristig keine Trennung zwischen den Begriffen Ingenieurskunst und Technologie gibt. Denn während man Deutschland mit Hochleistungsmaschinen und Konstanz verbindet, denkt man weltweit beim Thema Fortschritt immer mehr an den asiatischen und nordamerikanischen Raum als Herkunftsorte von Hochleistungstechnologie. Da in diesem Bereich die wirtschaftliche Zukunft entschieden wird, müssen die deutschen Unternehmen aufpassen, dass sie ihre Plätze an der Weltspitze halten können – sonst haben wir bald ein Problem.

Schreib' uns deine Antwort!

Welche Überschrift willst Du Deiner Antwort geben?