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Wie digital ist das Klassenzimmer?

Frontalunterricht war gestern – oder? Wir diskutieren, welche Konzepte heute in der Schule angewandt werden und welche Materialien dafür zur Verfügung stehen. Teilen Sie uns mit, wie Sie sich Schule heute wünschen.

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Tobias Himmerich, Business Angel im Bereich Bildung

Die Zukunft hat schon begonnen

Wie digital das Klassenzimmer in zehn oder 20 Jahren aussehen wird, ist keine einfache Prognose. Ich glaube, dass es keine Revolution, sondern eine Evolution geben wird. Wir als Business Angel schauen besonders auf Angebote, die die „alte“ mit der „neuen“ Lernwelt verknüpfen. Also auf Tools, Plattformen und Technologien, die es sowohl den Lehrkräften als auch den Schülerinnen und Schülern ein bisschen einfacher machen, die Lernziele zu erreichen. Ideen, die die Schulwelt radikal umbauen wollen, vergessen oft, dass der entscheidende Faktor in der Schule immer noch die Lehrerinnen und Lehrer sind. Gerade für Startups, die oft mit innovativen Lösungen in die Schule drängen, ist das ein wichtiger Tipp: Die Lehrkräfte müssen die Tools einsetzen können und wollen. Wenn die Angebote nicht genutzt werden (können), dann kann das Startup auch nicht überleben. Dabei ist es sicher, dass es trotz des Digitalpakts Schule noch Jahre dauern wird, bis wir in jeder Schule stabiles und schnelles Internet haben werden. Der allgemeine Trend jedoch geht ganz klar in Richtung Individualisierung des Lernens – mit Hilfe digitaler Tools. Technologien wie die Künstliche Intelligenz stecken heute noch in den Kinderschuhen. Doch dass sie in der Zukunft die Schule und die Art des Lernens nachhaltig beeinflussen werden, ist längst keine Utopie mehr.

Udo Beckmann, Bundesvorsitzender Verband Bildung und Erziehung (VBE)

Mündige Generation

In allen Lebensbereichen nutzen wir die Annehmlichkeiten der Digitalisierung. Ist das digitale Angebot im Vorteil, wird es eher genutzt als das analoge. Genau das wünschen wir uns auch für die Schule. Eine vom VBE in Auftrag gegebene Umfrage unter Schulleitungen zeigt jedoch ein verheerendes Bild: Auch 2019 hat nur jede dritte Schule Zugang zu schnellem Internet und WLAN und mindestens einen Klassensatz an digitalen Endgeräten. Das zeigt: Die Fortschritte bei der Ausstattung der Schulen halten nicht Schritt mit der Entwicklung von Gesellschaft und Arbeitswelt. Während die Digitalisierung im Alltag Einzug gehalten hat, bleibt sie in der Schule weiter außen vor. Manche beruhigt das, weil sie darauf beharren, dass Kinder frühestens mit 14 Jahren mit Digitalem in Berührung kommen sollten. Es ist aber realitätsfremd, sie davon fernhalten zu wollen, wenn ihnen Erwachsene den permanenten Umgang mit Smartphone und Co. vorleben. Deshalb ist es besser, Kindern und Jugendlichen die Mechanismen der Technologie beizubringen, als darauf zu vertrauen, dass sie selbst ihren Medienkonsum regeln und die komplexen Prozesse verstehen. Eine Lehrkraft wird stets unter pädagogischen Gesichtspunkten abwägen, wann der Einsatz digitaler Endgeräte sinnvoll ist. So liegt denn in der Vermittlung von Medienkompetenz in der Schule eine große Chance: den kontrollierten, informierten und damit mündigen Umgang mit den Möglichkeiten der Digitalisierung zu erreichen.

Dennis Schmidt, Leser

Sprung in die Zukunft

Den Unterricht fortschrittlicher zu gestalten und an die moderne Zeit anzupassen, ist auch ein wichtiger Schritt, um im internationalen Vergleich besser abzuschneiden. Beim Thema Digitalisierung hinkt Deutschland immer noch hinterher und muss die Infrastrukturen an den Schulen unbedingt modernisieren. Ich hoffe, dass der beschlossene Digitalpakt einen Beitrag leisten wird, um den Schulen die benötigte Ausstattung zur Verfügung zu stellen.

Michael Schratz, Schulforscher

Neue Dimensionen

Die digitale Wende fordert Schule heute zweifach: Einerseits erfolgt eine Deprivatisierung des Unterrichts, da die Lehrkräfte im virtuellen Klassenzimmer nicht mehr die Tür hinter sich schließen können. Digitale Medien eröffnen einen intermediären Raum, der als „virtueller Pädagoge“ eine nicht zu unterschätzende Wirkung ausübt. Das bisherige abgeschlossene Klassenzimmer sieht sich in zunehmendem Maße um eine Vielzahl an virtuellen Räumen und Plattformen erweitert. Gingen Schülerinnen und Schüler früher noch mit ihren Lehrkräften in die Bibliothek, genügt heute ein rascher Klick und den Kindern und Jugendlichen eröffnet sich ein schier unüberschaubarer Informations- und potenzieller Wissenspool. Andererseits wird die bisherige didaktische Planbarkeit von Unterricht durch die Unvorhersehbarkeit dessen, was die Lernenden im Durchsurfen des Internets alles zutage bringen, infrage gestellt. Die Stromschnellen des Datenstroms werden vielfach thematisiert und erfordern von den Lehrenden, nahe am Geschehen zu bleiben. Die größte Herausforderung für die Lehrkräfte als Steuerleute besteht daher darin, wie sie ihren Unterricht in den zwei Welten des realen und virtuellen Klassenzimmers navigieren, ohne den Boden zu verlieren. Denn die Behaglichkeit des Bezugs auf die guten Erfahrungen der Vergangenheit ist gestört und die Sicherheit ist vielfach verloren gegangen – und brauchbare Alternativen sind noch wenige in Sicht.

Walter Junghans, Leser

Ich hoffe, dass mit der Digitalisierung auch eine Abkehr vom Frontalunterricht einhergeht und an unseren Schulen endlich kreativere Lernformen Einzug halten werden.

Irene Helbling, Leserin

Kompass mitgeben

Die Vorbereitung der Schüler auf das Leben als Bürger und Erwachsener stellt meines Erachtens eine der maßgeblichsten Aufgaben dar, welche die Institution Schule erfüllen muss. Es lässt sich leicht vorhersagen, dass der Umgang mit digitaler Technik in unserer Gesellschaft weiter zunehmen wird. Wer den Umgang mit diesen Praktiken nicht souverän beherrscht, läuft Gefahr, außen vor gelassen zu werden. Ich sehe es zudem als erwiesen an, dass sich der Umgang mit digitaler Technik am Besten in den Jugendjahren erlernen lässt. Die Schule kann zudem dafür sorgen, dass nicht nur die reine praktische Anwendung gelehrt, sondern auch der psychologische und soziale Umgang antrainiert wird. So kann Phänomenen wie Internetsucht und der Verbreitung von Fake News pädagogisch Einhalt geboten werden.

Simone Schubert, Leserin

Die Schulen müssen digitalisiert werden, unbedingt. Aber welche negativen Einflüsse könnten digitale Medien dann in der Schule auf die Kinder haben? Und wie sieht es mit Suchtprävention aus? Hoffentlich sind wir auch auf solche Fragen vorbereitet.

Nina Toller, Gymnasiallehrerin und Bloggerin

Anspruch trifft auf Wirklichkeit

In meiner Idealvorstellung von Unterricht sehe ich Schüler, die sehr viel eigenverantwortlich lernen und kollaborativ arbeiten. Dazu verfügt jede Schule über einen Breitband-Internetanschluss mit stabilem WLAN und ein Lernmanagementsystem mit allen Arbeitsmaterialien. Die Schüler nutzen ihr eigenes mobiles Endgerät, können aber auch auf Geräte zurückgreifen, die sie von der schuleigenen IT-Abteilung ausleihen. Die Lehrkräfte lernen bereits in ihrer gesamten Ausbildung, digitale Medien einzusetzen. Sie bereiten ihren Unterricht gemeinsam in Teams vor und nutzen zur Zusammenarbeit digitale Werkzeuge. Sie reflektieren ihren Unterricht und wägen ab, wann sie auf analoge oder digitale Möglichkeiten zurückgreifen. Diese Szenarien sollten 2019 durchaus möglich sein. Dennoch wird oft berichtet, Deutschland verschlafe die Digitalisierung. Der lang diskutierte Digitalpakt bietet noch keine Hilfe, da die Schulen nicht wissen, wie sie an das Geld kommen können. Hier muss bessere Aufklärungsarbeit geleistet werden, die Schulen brauchen bei den Anträgen Unterstützung. Projekte dieser Art sind also wichtig, werden aber nicht allein zu einer nachhaltigen Verbesserung im Bereich Digitalisierung beitragen. Vielmehr wäre eine umfangreiche Reform „aus einem Guss“ wünschenswert, die sowohl die Infrastruktur der Schulen als auch die Lehrkräfteausbildung, die Lehrpläne und die operativen Prozesse an den Schulen umfasst.

Ilka Hoffmann, Leiterin des Organisationsbereichs „Schule“, Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW)

Primat der Pädagogik

Beim Thema Schule und Digitalisierung klaffen Anspruch und Realität besonders weit auseinander. Oft wird die mangelnde Bereitschaft der Lehrkräfte, sich mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen, als Problem genannt. Diese Sichtweise greift viel zu kurz, wie eine Mitgliederstudie der GEW zeigt: 82 Prozent der Befragten mahnen die Verbesserung der digitalen Ausstattung der Schulen als wichtig beziehungsweise sehr wichtig an. Als drängendste Anforderungen benennen die Lehrkräfte Grundlagen wie die technische Wartung und Betreuung der digitalen Ausstattung. Auch der Infrastruktur und der Verfügbarkeit eines WLAN-Netzes messen sie sehr hohe Bedeutung bei. Dass umfassende Fortbildungsangebote dringend nötig sind, haben 85 Prozent als sehr bedeutend bewertet. Letzteres zeigt die Bereitschaft der Lehrkräfte, die Herausforderungen der Digitalisierung anzunehmen. Allerdings gibt es offenbar keine umfassenden, flächendeckenden Angebote schulinterner Fortbildung. Sinnvoll ist der Einsatz digitaler Medien aber nur, wenn er innerhalb eines guten Unterrichtskonzepts stattfindet. Für dessen Entwicklung brauchen die Schulen Zeit und die Unterstützung durch schulinterne Fortbildungen. Beides fehlt häufig. Wir wollen nicht, dass die Digitalindustrie den Schulen Konzepte überstülpt. Der Digitalpakt Schule ist ein Anfang: Die Finanzierung muss zum einen verstetigt und zum anderen durch die Entwicklung pädagogischer Konzepte flankiert werden.

Daniel Jung, Bildungsunternehmer und Mathe-Youtuber

Gestalter sind gefragt

Die Digitalisierung im Bildungssystem schlägt gerade fehl. Es reicht nicht, vorhandene Schulbücher einfach zu digitalisieren, die dann in der Schule auf Tablets bearbeitet werden. Damit bleibt inhaltlich alles beim Alten. Verstaubte Lerninhalte werden digital einfach weitergeführt, anstatt diese zu revolutionieren. Es reicht nicht, einem alten Gaul einen Motor anzubauen. Wir brauchen neue nachhaltige Konzepte, die zeitgemäß sind – und jedem klarmachen, wofür man eigentlich lernt. Das sollte definitiv nicht nur eine sehr gute Note durch bloßes Auswendiglernen sein. Wir müssen ein Grundverständnis vermitteln, was Bildung eigentlich bedeutet. Fächer müssen neu gedacht und definiert werden. Sie müssen alltagstauglicher sein – und mit anderen Fächern besser kombiniert werden. Die Digitalisierung ist dabei ein erweiterter Arm, den wir dankend annehmen sollten. Bereits 2011 gab es an US-amerikanischen Unis Professoren, die ihre kompletten Vorlesungen auf Youtube gestellt haben. Und so fing auch ich an, meine eigenen Erklärvideos in kurzen Einheiten ins Netz zu stellen – nicht als Ersatz zum Schulunterricht, sondern als Ergänzung. Wenn zum Beispiel Schüler gemeinsam mit ihren Lehrern ein eigenes Erklärvideo drehen und online für andere Schüler zur Verfügung stellen, dann wäre das Erfolgsgefühl und damit auch der Lernerfolg garantiert. Kurzum: Für die Zukunft des Bildungssystems braucht es mehr Gestalter – Kritiker haben wir schon genug.

Louise Herog, Leserin

In der Diskussion muss auch der Einfluss, den die Digitalisierung der Schulen auf den Lehrplan hat, bedacht werden. Wir müssen nicht nur die Medien modernisieren, auch die Inhalte brauchen ein passendes Upgrade.

Diana Bartl, Gründerin Bildungsinitiative „Wertvoll macht Schule“

Digital – schon genial

Die Digitalisierung ist ein großes Thema im Bildungsbereich. Im Alltag hat die Digitalisierung uns und unsere Kinder längst erfasst – im Schulbereich stehen wir erst am Anfang eines Prozesses. Dieser hält ganz neue Aufgaben für uns bereit und betrifft nicht nur die technische Ausstattung, sondern auch Methoden und Inhalte des Unterrichts. Von den Grundschulen, die bundesweit an unserem Bildungsprogramm teilnehmen, wissen wir, dass Lehrkräfte zunehmend die Vorteile der Digitalisierung für den Schulalltag erkennen. Hier wollen wir als Bildungsinitiative gerade Schulen und Lehrkräfte darin unterstützen, die Digitalisierung Schritt für Schritt in den Unterricht zu integrieren – je nach Bedarf und ohne zu überfordern. Dabei geht es nicht darum, Stift und Papier zu ersetzen. Wir brauchen ein Stück digitale Welt im Klassenzimmer, wenn wir wollen, dass unsere Kinder verantwortungsvoll, umsichtig und smart mit neuen Medien und Technologien umgehen. Digitalisierung findet in der Schule ihren Platz, ohne reiner Selbstzweck zu sein. Das Feedback zu unseren digitalen Unterrichtsideen ist sehr positiv. Die Kinder sind motiviert bei der Sache. Dabei erwerben sie einerseits Medienkompetenzen und nehmen andererseits verschiedenste Unterrichtsinhalte besser auf. Unser Fazit: Die Digitalisierung bietet in der Schule mehr Vorteile als Nachteile, wenn es uns gelingt, sie sinnvoll in Inhalte und Gestaltung des Unterrichts aufzunehmen.

Janine Hoferer, Leserin

Lehrer 4.0

Natürlich denke ich bei der Frage sofort an die Ausstattung. Wie steht es um Smartboards, Tablets, VR-Brillen und Laptops? All diese Technologien bergen riesiges Potenzial, jedoch braucht es Menschen, die es auch entfesseln können. Die besten Geräte nutzen wenig, wenn sich die Lehrkräfte nicht mit ihnen auskennen. Es dreht sich hier nicht mehr nur um Medien, die zum Wissenstransfer genutzt werden, sondern um solche, die Wissen direkt vermitteln können. Diese Medien tragen die Möglichkeit in sich, dass Schüler selbstverantwortlicher und selbstregulierter lernen können, was in vielen Lehrplänen gefordert wird. Dafür müssen die Lehrkräfte mit an Bord sein. Eine neue Lehre in den Schulen benötigt auch eine neue Lehre im Studium. Das digitale Klassenzimmer braucht nicht nur Geräte, sondern auch gut ausgebildete Pädagogen.

Sebastian Funk, Lehrer an einer digitalen Vorreiterschule

Alle profitieren

An meiner Schule unterrichten wir seit acht Jahren mit digitalen Medien. Grundlage ist dabei die Eins-zu-eins-Ausstattung unserer Schülerinnen und Schüler sowie aller Lehrkräfte mit Tablets. Dabei sind diese ein weiteres, eben digitales, Werkzeug für optimales Lernen und Lehren. Alle Unterrichts- und Lernräume sind mit WLAN, Beamern, Whiteboards und flexiblen Möbeln ausgestattet. Die Kombination aus moderner technischer Ausstattung und angenehmer Lernumgebung ist es, die sowohl die Lernenden als auch die Lehrenden motiviert. Dies zeigt sich nicht nur im alltäglichen Unterricht. Gerade das individuelle Lernniveau unser Schüler wird durch die diversen Möglichkeiten der digitalen Technik nachweislich verbessert. Dank digitaler Lernkurse, Lektüren als E-Book oder Material, dass von den Lehrkräften selbst erstellt und angeboten wird, ist der Lernort variabel. Schule kann so neu gedacht werden. Konkret bedeutet das, dass wir sehr viel besser auf die Bedürfnisse des einzelnen Schülers eingehen können. Lernt der eine besser in der Gruppe, braucht die andere eher Ruhe. Mit der digitalen Technik ist die Realisierung der Schülerbedürfnisse kein Problem. Eine Online-Recherche mit anschließender Präsentation und Diskussionsrunde kann so im Klassenraum, unter den Bäumen auf dem Schulhof oder von zu Hause aus vorbereitet werden. Digitale Technik im Klassenzimmer bereichert nicht nur das Lernen, sondern auch das Lehren enorm.

Dirk Scholz, Leser

Im Investitionsstau

Klassenzimmer können immer nur so digital sein, wie die Politik fähig oder auch unfähig ist. Wenn es in die Schule reinregnet, weil das kaputte Dach seit Jahren nicht repariert wird und die Toiletten wochenlang wegen Verstopfung nur eingeschränkt nutzbar sind, ist den Schülern und den Lehrkräften ein digitales Klassenzimmer egal. In der Schule meines Sohnes gibt es engagierte Lehrkräfte, die aber auch damit beschäftigt sind, die veraltete Technik am Laufen zu halten und die selber nicht wissen, wie in Zukunft der Unterricht gestaltet werden kann, weil nicht die fehlende digitale Ausstattung das Problem ist, sondern weil schlicht und einfach Räume für den Unterricht fehlen. Man kann sich immer wieder wundern, warum steigende Schülerzahlen für die Politik scheinbar völlig überraschen vom Himmel fallen. Sie muss ihre Hausaufgaben machen und schnell ausreichend neue Schulen bauen und bestehende Schulen sanieren. Damit die digitalen Klassenzimmer auch irgendwo untergebracht werden können.

Jens Kosche, Vorstand game – Verband der deutschen Games-Branche

Spielerisch lernen

Die Klassenzimmer in Deutschland sind leider noch viel zu wenig digital. Wir brauchen dringend nicht nur die entsprechende Infrastruktur samt schnellem Internet, sondern auch eine Integration digitaler Lernmittel in alle möglichen Schulfächer. Wenn das geschafft ist, sollten wir vielleicht auch darüber nachdenken, wie man digitale Spiele nutzbringend einbringen kann. Digitale Spiele haben im modernen Medienangebot längst ihren festen Platz neben Filmen, Büchern oder Musik. Sie erfüllen den großen Wunsch, die durch das Fernsehen geprägte mediale Realität interaktiv zu machen, bieten Impulse zum aktiven Handeln und Möglichkeiten zum sozialen Austausch. Bei richtiger Anleitung können sie an Schulen einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen zu fördern. Spielerische Elemente finden unter dem Stichwort Gamification bereits Eingang in andere Lebensbereiche, warum also nicht auch in die Pädagogik? Viele Kernkompetenzen, die Gamer durch das Computerspielen entwickeln, können im schulischen und später im beruflichen Alltag genutzt werden. Denn Fähigkeiten wie Fleiß und Ausdauer, Teamfähigkeit und Ressourcenmanagement sind in der Arbeitswelt überall gefragt.

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Wer hilft bei seltenen Krankheiten?

Sie werden die „Waisen der Medizin“ genannt und sind eine besondere Herausforderung auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Haben Sie beruflich oder in Ihrem privaten Umfeld Erfahrungen mit seltenen Krankheiten gemacht? Dann sind wir gespannt auf Ihren Beitrag.

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Stefanie zu Sayn-Wittgenstein, Kinderkrankenschwester und Leiterin Projektmanagement Care-for-Rare-Foundation

Im Namen der Kinder

Als Kinderkrankenschwestern sehen wir die Hilflosigkeit und die Angst in den Augen der Eltern, deren langer Weg durch die Sorge um ihr Kind, das an einer Seltenen Erkrankung leidet, geprägt ist. In der Kinderklinik sind wir für sie wichtige Ansprechpartner. Wir hören zu, trösten, pflegen und sind die Brücke zu den Ärzten. Leider finden wir in Zeiten des Pflegekraftmangels kaum noch Zeit, um diese Zuwendung geben zu können. Darum freue ich mich umso mehr, dass wir in der Haunerschen Kinderklinik in München einem neuen Programm entgegensehen dürfen, das die Bedürfnisse der erkrankten Kinder und ihrer Eltern als wesentlichen Bestandteil des Heilungsprozesses unterstützt. Die Care-for-Rare Foundation sammelt Spenden, um die Einrichtung dieses Programms mit dem Titel „Child Life Specialists“ zu unterstützen. Child Life Specialists sind Sozialpädagogen, die durch Ausbildung, Einfühlungsvermögen und mehr Zeit im Klinikalltag befähigt sind, zusammen mit uns Kinderkrankenschwestern und den Ärzten auf die körperlichen, seelischen und entwicklungsbedingten Bedürfnisse der Kinder und ihrer Familien einzugehen. Unsere kleinen Patienten, die lange Krankheitswege hinter sich haben, sind traumatisiert. Sie haben Angst, sie verstehen oft nicht, warum wir ihnen beim Blutabnehmen oder anderen Eingriffen wiederholt Schmerzen zufügen. Es bedarf Zeit und liebevolle Zuwendung, um das seelische und körperliche Trauma dieser Kinder nicht größer werden zu lassen.

Dirk Seifert, Vorstandsvorsitzender Mukoviszidose Landesverband Berlin-Brandenburg

Hoffnung geben

Als Vater eines inzwischen 23-jährigen Sohnes mit Mukoviszidose beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit Hilfemöglichkeiten für Betroffene in Berlin und Brandenburg. Der Landesverband war für mich und meine Familie in der ersten Zeit nach der Diagnosestellung mit seinen vielfältigen Unterstützungsangeboten eine große Hilfe. Bald schon engagierte ich mich dort ehrenamtlich. Damals inspirierten mich und den damaligen Leiter der Kontakt- und Beratungsstelle zwei Laufveranstaltungen, die auf die Krankheit aufmerksam machen und auf diesem Weg Spenden sammeln wollten: der französische Staffellauf „Relais de l’espoir“, an dem wir teilgenommen hatten, und der Ditzinger Lebenslauf. Wir übernahmen die Idee und hoben unseren eigenen Benefizlauf aus der Taufe: den Muko-Freundschaftslauf. Einmal im Jahr kommen seitdem Betroffene, Angehörige, Freunde, Behandler und Spender nach Potsdam, um sich auszutauschen, zu helfen, selbst zu laufen oder einfach nur zu spenden. So sind bis heute mehr als 500.000 Euro an Spenden zusammengekommen, die direkt in Projekte und Hilfsangebote fließen und den Betroffenen unmittelbar zugutekommen. Mit dem Lauf sind für mich sehr schöne Erfahrungen und Erlebnisse verbunden, die ich persönlich nicht missen möchte. Es gibt Betroffene, die von Anfang an dabei sind, aber leider auch Betroffene, die dazu nicht mehr in der Lage oder verstorben sind. Dieser Lauf spendet neben Geld auch Trost und Hoffnung.

Holger Storf, Projektleiter se-atlas, Medical Informatics Group (MIG), Universitätsklinikum Frankfurt/Main

Wegweiser auf fremdem Terrain

Wer mit einer Seltenen Erkrankung konfrontiert ist, steht am Anfang oft vor einer schier unlösbaren Frage: An wen kann ich mich mit einer solchen Erkrankung eigentlich wenden? Der se-atlas gibt diesen Menschen auf innovative Weise einen Überblick über die Versorgungsmöglichkeiten, die ihnen in Deutschland zur Verfügung stehen. Das initial vom Bundesministerium für Gesundheit geförderte Informationsportal für Seltene Erkrankungen richtet sich an Betroffene, Angehörige, Ärzte, nicht-medizinisches Personal und die breite Öffentlichkeit gleichermaßen. Im se-atlas finden sie sowohl Daten zu Versorgungsmöglichkeiten als auch zu Selbsthilfeorganisationen. Die Darstellung erfolgt sowohl in Form einer interaktiven Landkarte als auch in ausführlicher Auflistung der Anlaufstellen. Zentral wird eine Übersicht der etablierten Zentren für Seltene Erkrankungen mit ihren Versorgungsangeboten gegeben. Seit dem Start des Portals im Februar 2015 ist die Datenbasis stetig gewachsen und kontinuierlich verbessert worden. Eine große Rolle spielt dabei die Einschätzung des Angebots von Selbsthilfeorganisationen. Wir hoffen, mit dem se-atlas Menschen mit Seltenen Erkrankungen und deren Angehörigen oder behandelnden Ärzten eine Orientierung in der deutschen Krankenversorgung geben zu können. Denn Menschen mit Seltenen Erkrankungen brauchen unsere Hilfe. Weitere Informationen finden Sie unter: www.se-atlas.de

Bärbel Zschau, Leserin

Mit Krankheit leben

Ich denke da an ein Kind mit einer seltenen Stoffwechselerkrankung. Je älter es wurde, um so offensichtlicher wurde seine geistige und körperliche Entwicklungsverzögerung. Eine kausale Behandlung gibt es nicht, nur diätetisch kann der gesundheitliche Verfall zeitlich etwas aufgehalten werden. Die Eltern tragen geduldig und mit viel Liebe diese Last. Unterstützung haben sie sich in einer Selbsthilfegruppe geholt. So sind sie immer im Kontakt mit Eltern, deren Kinder ein ähnliches Schicksal teilen. Über die Krankenkasse erhalten sie Hilfsmittel zur Pflege und Mobilität. Stundenweise wird das Kind in einer Fördereinrichtung betreut, mit Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie. Aber am Ende bleibt der Wunsch, dass chronische Erkrankungen wie diese auch kausal behandelt werden könnten.

Tobias von den Berg, Leser

Ich finde, dass es eine Verpflichtung der Pharmaindustrie ist, auch für Menschen mit Seltenen Erkrankungen Medikamente zur Verfügung zu stellen. Die Gewinne, die mit anderen Medikamenten erzielt werden, die teilweise schon vor Jahrzehnten entwickelt wurden und sich praktisch von alleine verkaufen, sollten für diese Forschung genutzt werden.

Vera Hartmann, Leserin

Unsichtbarer Kampf

Bewusst wurde mir das Thema Seltene Erkrankungen durch eine Broschüre, die mir im letzten Jahr zum „Tag der Seltenen Erkrankungen“ in die Hände fiel. Es ist paradox, dass einerseits in der Masse viele Menschen von ihnen betroffen sind, andererseits aber von einer einzelnen Erkrankung nur sehr wenige. Ich finde es bewundernswert, dass es Ärzte gibt, die eine Art siebten Sinn für Krankheiten entwickelt haben, die sich schwierig diagnostizieren lassen, und die nicht aufgeben, bis sie Antworten auf die Fragen des Patienten haben. Genauso anerkennenswert ist die Arbeit, die professionelle und ehrenamtliche Pflegekräfte leisten, da sich die Bedürfnisse der Erkrankten bestimmt stark von anderen Krankheiten unterscheiden. Ich wünsche allen, die an einer Seltenen Erkrankung leiden, gute und professionelle Hilfe.

Sandra Mösche, Vorstand Elterninitiative Apert-Syndrom und verwandte Fehlbildungen (EAS)

Vernetzung hilft

Kraniofaziale Syndrome sind selten. Das erzeugt Berührungsängste, mit denen sich die Eltern eines erkrankten Kindes als allererstes konfrontiert sehen. Denn ihnen wird ein Kind geboren, das an Schädel und Gesicht deformiert ist. Aus Berührungsangst wird schnell Panik, weil niemand da ist, der aufklären kann. Diese Aufgabe erfüllt die Selbsthilfe, denn wir haben Erfahrung im Umgang mit der Erkrankung. Die frisch gebackenen Eltern müssen zunächst beruhigt werden: Ihr Kind benötigt nicht sofort eine Operation. Sie haben Zeit, es erstmal kennenzulernen. Es kann normal ernährt werden und braucht keine besondere Ausstattung. Tipps für die Zeit in der Klinik und Geschichten aus dem Alltag mit einem betroffenen Kind bieten emotionale Stütze. Am Ende des Erstgesprächs steht Erleichterung, denn Berührungsängste weichen einem optimistischeren Blick in die Zukunft mit dem neuen Baby. Unsere zweite Aufgabe ist Informieren. Durch enge Kooperation mit Spezialmedizinern haben wir fundiertes Fachwissen in petto, das wir gern weitergeben – an Eltern und an behandelnde Ärzte. Klare Angaben, in welchen Zeiträumen welcher Spezialist aufgesucht werden sollte und welche Probleme auch der Kinderarzt zu Hause gut lösen kann, geben den Eltern Sicherheit. Nun weichen die Unsicherheiten im Umgang mit medizinischem Halbwissen einem soliden Fahrplan, der den Eltern Möglichkeiten zum Handeln eröffnet. Im Klinikalltag ist dafür keine Zeit – bei uns schon.

Miriam Schlangen, Leiterin der Geschäftsstelle Nationales Aktionsbündnis für Menschen mit Seltenen Erkrankungen (NAMSE)

Das Versorgungsnetz wächst

Im Jahr 2013 wurde der Nationale Aktionsplan für Menschen mit Seltenen Erkrankungen veröffentlicht. Zentrale Empfehlung des NAMSE war damals die Implementierung eines dreistufigen Zentrenmodells. Diese unterscheiden sich nicht in der Qualität der Versorgung, aber im angebotenen Leistungsspektrum. Die Typ-C-Zentren sollen dabei für die krankheitsspezifische ambulante Versorgung zuständig sein. Hat ein Patient also einen gesicherten Befund oder eine klare Verdachtsdiagnose kann er in diesen Zentren versorgt werden. Die Typ-B-Zentren arbeiten ebenfalls krankheitsspezifisch, bieten neben der ambulanten Versorgung aber auch die stationäre Behandlung an. Eine Besonderheit stellen die Typ-A-Zentren dar. Diese setzen sich aus mehreren Typ-B-Zentren zusammen und kümmern sich auch um Patienten, bei denen bislang noch keine Diagnose gestellt werden konnte oder deren Diagnose unklar ist. Darüber hinaus nehmen sie eine Lotsenfunktion wahr, um Patienten mit einem besonderen Diagnostik- oder Therapiebedarf an die richtige Stelle der Versorgung zu lotsen. Sie arbeiten also bundes- und gegebenenfalls europaweit. Für die Typ-A- und die Typ-B-Zentren liegen bereits vom NAMSE verabschiedete Kriterienkataloge vor, die auf www.namse.de zu finden sind. Ein Zertifizierungsverfahren gibt es bislang aber noch nicht. Gleichwohl existieren heute schon „selbsternannte“ Zentren für Seltene Erkrankungen, die nach dem beschriebenen Prinzip arbeiten.

Helmut Becker, Leser

Ich finde, dass bei solchen Themen immer die zu kurz kommen, die sich alltäglich für Kranke aufopfern: die Krankenschwestern und Pfleger, die endlich gerecht bezahlt werden müssen.

Sonja Peters, Leserin

Eines unserer Nachbarskinder hat Mukoviszidose. Ich finde es rührend, wie die ganze Familie zusammenhält und gemeinsam ihren Alltag meistert, damit das Familienleben so normal wie möglich ablaufen kann.

Daniel Kotlarz, Leiter Forschungsgruppe CED, Dr. von Haunersches Kinderspital, Ludwig-Maximilians-Universität München

Es gibt Hoffnung

Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) sind in ihrer Lebensqualität enorm eingeschränkt, da sie unter heftigen Bauchschmerzen, Durchfällen und Unterernährung leiden. Leider zeigen vor allem Kleinkinder seltene lebensbedrohliche Formen, die häufig nicht behandelbar und wissenschaftlich kaum verstanden sind. In einem interdisziplinären Team am Dr. von Haunerschen Kinderspital haben wir daher mit Unterstützung der Care-for-Rare Foundation die Herausforderung angenommen, durch intensive Forschung Patienten mit frühkindlicher CED ein besseres Leben zu ermöglichen. So können uns Patienten und Ärzte weltweit Blutproben zur Diagnostik übersenden. Mithilfe hochmoderner Genanalysen konnten wir bereits erste genetische Ursachen für CED aufklären und in Einzelfällen große therapeutische Erfolge erzielen. Bei vielen Patienten kann aber noch immer keine definitive Diagnose gestellt werden. Um weitere Durchbrüche für innovative Therapien zu ermöglichen, muss die Forschung weitergehen. Allerdings ist selbst in einem wohlhabenden Land wie Deutschland die Finanzierung entsprechender Projekte schwierig. Unsere Patienten sind große Kämpfer und wir möchten sie in ihrem Kampf unterstützen. Wir versuchen, die strukturellen und ökonomischen Zwänge durch gemeinschaftliche Anstrengungen im Team aufzufangen. Im Kampf gegen Seltene Erkrankungen brauchen wir aber auch die gesellschaftliche Unterstützung. Jeder kann helfen.

Sarah Heinz, Leserin

Gemeinsame Aufgabe

Wenn man sich in dieses Thema einliest, wird man zunehmend ratloser. Die Pharmaindustrie könnte gewiss bei mehr Erkrankungen Therapien entwickeln, das ist aber durch die hohen Kosten und die geringe Zahl der Patienten wirtschaftlich schwierig. Einerseits verständlich, aber wo bleibt der Patient? Eine Lösung könnte ein Fonds sein, mit dem das Gesundheitssystem und die Pharmaindustrie Unternehmen, die zu Seltenen Erkrankungen forschen, bezuschusst.

Christine Mundlos, Leiterin Beratung und Wissensnetzwerk, Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen (ACHSE)

Hilfe zur Selbsthilfe

Ratsuchende wenden sich oft in Situationen großer Unsicherheit und mit hohem Leidensdruck an die ACHSE. Für unsere Beraterinnen ist es erst einmal wichtig, die Betroffenen aufzufangen, ihnen zuzuhören, ihre Sorgen und Nöte zu erfassen. Für die Anfragenden ist es schon ein erster Erfolg, mit jemandem in Ruhe reden zu können, der ihre Probleme ernst nimmt. Im Schnitt vergehen sechs Jahre zwischen dem Auftreten der ersten Symptome und der Diagnosestellung einer Seltenen Erkrankung. In der Zeit dazwischen liegen Momente großer Hoffnung und tiefer Verzweiflung – weil die Patienten keine Hilfe erfahren, die ihre Lebenssituation verbessert. Da sich nur wenige Mediziner mit Seltenen Erkrankungen auskennen, wandern Patienten bei der Suche nach der richtigen Diagnose von Arzt zu Arzt. Es ist dann nur eine Frage der Zeit, bis der erste Arzt den Verdacht auf ein psychisches oder psychosomatisches Geschehen äußert und die Betroffenen sich auch noch dagegen wehren müssen. Bei der ACHSE-Beratung finden sie Gehör. Meine Kolleginnen vermitteln an passende Organisationen der Patientenselbsthilfe und andere Institutionen. Sie geben ganz praktische und sozialrechtliche Ratschläge, um die Eigenverantwortung der Anfragenden zu stärken. Ebenso wichtig ist die Unterstützung von Betroffenen und Angehörigen, damit sie ihre Handlungsfähigkeit wiedererlangen und ihr eigenes Leben möglichst aktiv gestalten können. Wir sind für Sie da: www.achse-online.de

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Wie ist der Planet noch zu retten?

Wer die Kohlekraftwerke bis 2038 laufen lässt, muss sich nicht wundern, wenn die selbstgesteckten Klimaziele krachend verfehlt werden. Dass Deutschland bei der Energiewende nicht alleine hinterherhinkt, macht die Sache nicht besser. Neue Ideen braucht das Land – und zwar schnell. Schicken Sie uns Ihre.

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Uwe Schneidewind, Präsident Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie

Engagement wirkt

Die Menschheit steckt in einem Dilemma: Nie war sie technologisch und ökonomisch so stark. Eine ökologisch und sozial faire Weltgemeinschaft ist greifbar. Gleichzeitig wird täglich deutlich, wie zerbrechlich diese Aussichten sind: wiedererstarkende Nationalismen, erodierende Demokratien, wachsende militärische Konflikte bei einem immer schneller kollabierenden Ökosystem. Was muss das Handeln in Deutschland in einer solchen Situation leiten? Zum einen ein differenziertes Verständnis gesellschaftlicher Veränderungsprozesse. Umfassende gesellschaftliche Veränderungen verlaufen nicht linear. Sie bauen sich oft über lange Zeit auf und kommen dann plötzlich zu einem Durchbruch. Beim Fall der Mauer oder beim deutschen Atomausstieg im Jahr 2011 haben wir das in der jüngeren deutschen Geschichte erleben dürfen. Die Fridays-for-Future-Bewegung führt uns aktuell vor, wie schnell sich politische Prioritäten verändern können, wenn Themen lange vorbereitet waren. Daher gilt: Auch in vermeintlich ausweglosen Lagen lohnt es, weiterzukämpfen. Manchmal ist der Durchbruch näher als man denkt. Ein zweiter Aspekt ist die Bedeutung von Mustern. Gesellschaftliche Veränderung läuft über das Prägen von Mustern, die andere motivieren und mitreißen. Darum sind inspirierende Experimente und Vorreiterbeispiele in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft so wichtig. Dies sollte Kompass für alle Engagierten in Zivilgesellschaft und Politik in Deutschland sein.

Nikita Zimov, Klimaforscher und Direktor Pleistocene Park (Sibirien)

Klimahelfer auf vier Hufen

Die sibirischen Permafrostböden sind eines der größten CO2- und Methan-Reservoire der Erde – und eine tickende Zeitbombe. Sollten die dort eingeschlossenen Treibhausgase in die Atmosphäre entweichen, wird das den Klimawandel massiv verstärken. Schon heute sind sie in manchen Gegenden ein Grad wärmer als vor zehn Jahren – und die Entwicklung beschleunigt sich. Das Problem: Hat die Schmelze erst einmal begonnen, folgt eine Kettenreaktion, die nicht mehr aufzuhalten sein wird. Doch dank ambitionierter Naturschutzprojekte wie dem Pleistocene Park gibt es noch Hoffnung. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, in der sibirischen Tundra wieder die großen Pflanzenfresserherden anzusiedeln, die in früheren Zeiten übers Land zogen. Wie das den Klimawandel stoppen soll? Erstens durch schiere Körpermasse: Bisons und Wildpferde verdichten den Schnee im Winter so stark, dass er wie eine Isolationsschicht wirkt, die den Boden kühl hält. Außerdem fungieren die Tiere quasi als „Hausmeister“, indem sie das Pflanzenwachstum stabilisieren. Erste Versuchsreihen in der freien Wildbahn haben gezeigt, dass die Idee in der Praxis sogar noch besser funktioniert als in der Theorie. Jetzt geht es „nur“ noch darum, den Maßstab zu vergrößern. Und dafür benötigen wir Ihre Hilfe, sei es in Form von Spendengeldern oder öffentlicher Aufmerksamkeit. Sibirien mag von Europa aus gesehen weit entfernt wirken, aber der Klimawandel ist ein Problem, das uns alle angeht.

Alejandro Agag, Gründer und CEO Formel E

Das E in Zukunft

Wir alle teilen die Vision einer sauberen Zukunft, in der wir in unseren Städten saubere Luft atmen und unsere Energie erzeugen, ohne die Erde dabei aufs Spiel zu setzen. Aber diese Zukunft wird es nicht geben, wenn wir jetzt nicht handeln. Um CO2-neutral zu werden, müssen wir alle unsere Anstrengungen beschleunigen und besser zusammenarbeiten – sowohl als Individuen in unserem eigenen Zuhause und als auch als Akteure in der Arbeitswelt. Die Formel-E steht dabei in der vordersten Reihe. Sie trägt dazu bei, den Umstieg auf Elektroantrieb zu beschleunigen und ist Werbung für eine saubere Technologie für unsere Mobilität. Zudem hilft sie dabei, E-Fahrzeuge effizienter und erschwinglicher zu machen, sodass diese zur natürlichen Wahl für die alltägliche Fortbewegung werden. Die Formel E wird immer attraktiver für die großen Namen im Motorsport und für renommierte Automobilmarken. In der kommenden Saison werden Mercedes-Benz und Porsche dabei sein und an der Seite von Marken wie Audi, BMW, Jaguar und Nissan zeigen, dass die Zukunft elektrisch ist. Wir hoffen, dass die Formel-E als Plattform den Technologietransfer vorantreiben und die Produktion von E-Autos und die Entwicklung neuer E-Modelle ankurbeln wird. Motorsport ist schnell, aber wir müssen uns alle noch sehr viel schneller bewegen, um die potenziell zerstörerische und irreparable Schädigung unserer Umwelt, die aus der Nutzung fossiler Treibstoffe resultiert, aufzuhalten.

Encore Courage, Leser*in

Vor- statt rückwärts

Schluss mit Lobbyismus und kurz gedachten Goodwill-Szenarios. Dafür neue Ideen und Innovation fördern, die uns allen auch zukünftig unsere geliebten Rückzugsorte in der Natur erhalten.

Marco Voigt, Mitgründer Greentech Festival

Celebrate Change

Im Moment jagt eine Angstwelle die nächste. Jeder fragt sich: Ist die Erde noch zu retten? Schluss mit dem Panikmachen, jetzt ist Handeln gefragt. Technologischer Fortschritt ist unser stärkster Verbündeter im Kampf gegen den Klimawandel. Verbote und Verzicht werden den Planeten nicht retten, sondern wir müssen den Menschen Lust auf Veränderung machen. Das ist genau der Ansatz des Greentech Festivals, das ich 2018 zusammen mit dem ehemaligen Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg und Sven Krüger ins Leben gerufen habe. Unter dem Motto „Celebrate Change“ haben wir die erste globale Plattform für grüne Technologien geschaffen, um Menschen aus aller Welt für einen nachhaltigen Lebensstil zu begeistern. Von Flugtaxis über Elektro-Hypercars bis hin zu fleischlosen Trend-Burgern aus den USA: Bei uns kann man heute schon die Welt von morgen erkunden. Als Innovationstreiber suchen wir weltweit nach den besten nachhaltigen Ideen, Projekten und Vordenkern und geben ihnen die Bühne, die sie brauchen. Mit unserem erfolgreichen Debüt im Mai in Berlin haben wir ein Momentum geschaffen, indem wir grüne Zukunft endlich erlebbar gemacht haben. Nur mit der Kraft zukunftsweisender Technologien können wir die Menschen von einem Wandel zu mehr Nachhaltigkeit überzeugen und die Klimafrage lösen. Dafür machen wir uns stark.

Marie-Luise Abshagen, Referentin Nachhaltige Entwicklung, Forum Umwelt und Entwicklung

Politik muss liefern

Um den Planeten zu retten, brauchen wir vor allem eins: politische Entscheidungen, die genau das zum Ziel haben. Dafür mangelt es weder an Erkenntnissen noch an Konzepten. 2015 hat sich die Weltgemeinschaft 169 Nachhaltigkeitsziele gesetzt, die sehr detailliert auflisten, welche Herausforderungen uns in den nächsten Jahren begegnen werden und wie diese zu lösen sind. Das reicht von Umweltschutz, über die Verbesserung der Sozialsysteme bis hin zu Steuerpolitik. Davon wurde aber fast nichts umgesetzt, auch nicht von Deutschland. Im Gegenteil: Weltweit nimmt die Zerstörung von für unser Überleben zentralen Ökosystemen wie dem Amazonas zu. Wir verschmutzen Meere, Flüsse und Land mit Müll und Chemikalien. Und der Wunsch, immer so weiterzumachen, scheint in manchen Bereichen von Politik und Wirtschaft ungebrochen. Mittlerweile verhandelt Deutschland mit anderen Staaten sogar darüber, wie man in der Tiefsee Bergbau betreiben will. Was wir brauchen, ist ein Stopp der Zerstörung immer neuer Ökosysteme und endlich eine Politik, die das Wohl aller Menschen auf dem Planeten zum Ziel hat. Von der Verschiebung der Verantwortung auf den Konsumenten halte ich wenig, dazu sind die Aufgaben zu komplex und zu vielseitig. Natürlich kann jeder Einzelne mithelfen, indem er etwa deutlich weniger Fleisch isst, weniger Auto fährt und regional einkauft. Aber die Bedingungen dafür, dass dies gerecht und für alle zugänglich ist, muss die Politik liefern.

Franz-Josef Thelen, Leser

Jetzt anpacken

Zuvörderst gilt global: Das Bevölkerungswachstum muss eingedämmt werden. Zweitens sollte weltweit alles getan werden, um die weitere Abholzung großer Waldgebiete zu stoppen. Länder, die dies trotzdem tun, sollten mit harten Sanktionen belegt werden. Auch hier bei uns ist vieles machbar: Wer etwa eine unbebaute Fläche bebaut, sollte eine spezielle Steuer zahlen, aus deren Aufkommen Aufforstungen und Renaturierungen anderer Flächen bezahlt werden können. Und bei alldem muss der Wahlspruch lauten: „Geht nicht, gibt´s nicht.“ Das Klima duldet momentan keine Bedenkenträger.

Adrian Finzelberg, Berater für nachhaltige Produkt- und Businessinnovation

Fairness als Strategie

Starke Marken und Produkte haben seit jeher einen massiven Einfluss auf die Entwicklung unserer Gesellschaft und die Art und Weise, wie wir den Planeten behandeln. Unternehmen, die in Zukunft erfolgreich sein werden, haben bereits heute verstanden, dass nur überleben kann, wer es zunehmend bewussteren und kritischeren Verbrauchern ermöglicht, einen positiven Einfluss auf Gesellschaft und Umwelt zu nehmen. Die Kunden von morgen unterstützen zerstörerische Innovationen nicht länger um jeden Preis und hinterfragen, kritisieren und boykottieren alle Marken, die ihren Verpflichtungen blind gegenüberstehen. Die geänderten Marktbedingungen haben ein rasantes Wachstum an Unternehmen zu Tage gefördert, die an innovativen Lösungen für derzeit unlösbare Herausforderungen arbeiten. Mit Fokus auf Fairness, dem Einsatz von neuen Strategien und einem direkten Draht zum Kunden. Der Ansatz macht sich bezahlt, denn mehr und mehr Studien zeigen, dass sich ganzheitliche Fairness als neue Leitstrategie für alle bezahlt macht. Das Ergebnis? Neben leidenschaftlicheren und leistungsstärkeren Mitarbeitern und glücklicheren, loyaleren Kunden kann Fairness deutlich höhere Gewinne für alle Stakeholder hervorbringen – und das selbst kurzfristig. Führungskräfte müssen jetzt eine starke, positive Vision für die Zukunft entwickeln und mit ihrem Handeln belegen, um die Veränderungen zu überleben, die mit der vierten industriellen Revolution einhergehen.

Volker Knittel, Leser

Schiefe Bilanz

Die weltweite Wirtschaft beruht auf einem gut funktionierenden System von Angebot und Nachfrage. Leider sind dabei sogenannte öffentliche Güter wie saubere Luft, sauberes Trinkwasser oder Artenvielfalt bisher ohne Preis, welcher der individuellen Nutzung oder gar dem (endgültigen) Verbrauch zugeordnet werden könnte. Nachhaltigkeit hat aber nur dann eine Chance, wenn diese einfach zu vermitteln ist. Niemand will für jede Entscheidung – ob beim Einkauf oder bei der Mobilität – jeweils eine Ökobilanz aufstellen oder bei einem Umweltverband nachfragen, ob diese oder jene Entscheidung nun akzeptabel ist. Jeder hat doch die Möglichkeit, seinen individuellen ökologischen Fußabdruck zu ermitteln. In einem nachhaltigen Wirtschaftssystem wäre es nur konsequent, wenn die Personen mit den höchsten Emissionen diejenigen mit den geringsten Emissionen, also für deren Verbrauchsverzicht, alimentieren. Vielleicht wäre das sogar die Grundlage für ein nachhaltiges Steuersystem.

Wolfgang Lucht, Leiter Abteilung Erdsystemanalyse, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Zivilisiert euch

Um die Erde in der Umwelt- und Klimakrise zu retten, müssen wir konsequent die Folgerungen aus unserem Wissen ziehen und zum Beispiel jetzt ein starkes Klimaschutzgesetz verabschieden und die weitere Vergiftung der Natur stoppen. Vor allem aber müssen wir uns selbst retten. Wir könnten uns in die Augen sehen und uns fragen, wie wir eigentlich gemeint waren, wie es steht mit unseren Ambitionen und Vorstellungen. Atemlosigkeit, Selbstbezogenheit und Kurzsichtigkeit sind das Gegenteil der Ideale, die uns wichtig sind. Das Ausmaß der Umweltzerstörung weist auf tief gestörte Machtstrukturen hin. Die Umweltkrise ist längst zur Systemkrise geworden. Das zivilisatorische Versprechen eines erfüllten und vielfältigen guten Lebens wird von den Strukturen der kapitalistischen Moderne überwältigt. Was uns retten kann, ist daher mehr als nur verbessertes Wissen, mehr als Management und Technologien. Wir brauchen eine Kultur der Nachhaltigkeit. Die Integrität des eigenen Ichs, des Planeten und der Bedingungen, unter denen wir leben, sind dafür zentral. Wer vermeintliche Freiheiten verteidigt, indem er Raubbau, Verwüstung und Wegsehen fördert, hat nicht verstanden, dass vielmehr Verbundenheit mit Natur und Zukunft, Mitmenschlichkeit, Mitgeschöpflichkeit und Nachdenklichkeit überzeugende Antworten auf die Herausforderung unserer Zeit enthalten. Nur eine Gesellschaft, die dies versteht, kann sich zurecht noch als Zivilisation bezeichnen.

Hannes Jaenicke, Schauspieler und Umweltaktivist

Keine Ausreden mehr

Plastik ist die Pest der modernen Zivilisation. Inzwischen sprechen wir von einer Umweltverschmutzung von katastrophalem Ausmaß. Jede Stunde landen 675 Tonnen Plastikmüll im Meer, acht Millionen Tonnen davon sind das Gesamtgewicht der Plastikflaschen, die jedes Jahr in unseren Weltmeeren – und letztlich wieder auf unseren Tellern – landen. In jedem Quadratkilometer schwimmen rund 18.000 Plastikteile und 100.000 Meeressäuger verenden qualvoll durch Müll, den sie verschlucken. Es kann doch nicht sein, dass das immer so weitergeht. Die Bundesregierung muss endlich mehr aktiven Einsatz gegen den Plastikwahnsinn zeigen – aber auch wir Verbraucher. Es muss sich jeder bewusst machen, dass pro Stunde allein in Deutschland zwei Millionen Plastikeinwegflaschen verbraucht werden. Jeder Einzelne muss daher seinen eigenen Plastikverbrauch hinterfragen und nach Alternativen suchen, diesen zu reduzieren. Und das geht doch so einfach: Plastiktüten durch Baumwollbeutel ersetzen, Gemüse mit Schale nicht nochmal in Plastik einpacken und so weiter. Und auch abgefülltes Wasser zu kaufen, macht absolut keinen Sinn, denn bestes Wasser kommt bereits aus dem Hahn. Eine Familie verbraucht schnell Tausende Einwegplastikflaschen. Sind wir eigentlich noch zu retten? Man merkt, dass schon einiges im Wandel ist in Deutschland – aber das ist einfach noch nicht genug. Da sind uns andere Länder meilenweit voraus.

Zakia Soomauroo, Leserin und Doktorandin

Arm gegen reich

Seit Jahrzehnten kämpfen Wissenschaftler darum, ihren Stimmen Gehör zu verschaffen, nur spiegeln sich ihre Erkenntnisse nicht in der Politik wider. Einzelne Änderungen wie Recycling sind wichtig, reichen aber bei weitem nicht aus. Wir müssen anfangen, unsere Privilegien zu überprüfen und sehen, wer für den Klimawandel verantwortlich ist. Und wir müssen alle Menschen dazu befähigen, über die gesellschaftlichen Zusammenhänge der Umweltkrise nachdenken zu können.

Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energien, Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Berlin

Die Zeit drängt

Die künftige Energieversorgung muss vollständig auf erneuerbaren Energien basieren. Nur so können wir die Heißzeit noch abwenden und das Pariser Klimaabkommen einhalten. Dass das technisch und ökonomisch möglich ist, zeigen zahlreiche wissenschaftliche Studien. Nach jahrelangem Energiewende-Dornröschenschlaf muss nun die Transformation im Expresstempo erfolgen. Von heute 14 Prozent Anteil erneuerbarer Energien müssen wir bis 2035 auf 100 Prozent kommen. Dafür haben in Deutschland nur die Windkraft zusammen mit der Photovoltaik ausreichend Potenziale. Dass jetzt ein schnellerer Kohleausstieg und mehr Windräder gefordert werden, ist richtig. Um wirklich glaubhaft zu sein, müssten aber erst einmal die absurden Abstandsregeln geändert werden, die zum Beispiel in Bayern den Windenergiezubau ganz zum Erliegen gebracht haben. Auf Bundesebene müssen alle Gesetze, die den schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien blockieren, abgeschafft werden. Gleichzeitig brauchen wir ein ambitioniertes Speichereinführungsprogramm, um schnell aus der Kohle aussteigen zu können. Das Ende des Verbrennungsmotors und der Öl- und Gasheizung müssen wir gleich mitbeschließen. Ja, wenn wir die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder nicht grillen wollen, brauchen wir schnelles Handeln und Mut zu neuen Wegen. Aber es ist möglich, birgt enorme Chancen und wird Deutschland zu einem innovativen, zukunftsfähigen und besseren Land machen.

Svenja Schulze, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit

Der richtige Anstoß

Erderhitzung, Berge von Plastikmüll, Insektensterben und Schadstoffe in Luft, Böden und Wasser – viele Menschen sorgen sich um den Zustand unserer Erde. Sie wollen sich für den Umweltschutz engagieren. Aber es wird ihnen nicht leichtgemacht. Das Flugzeug ist oft billiger als die Bahn, das Steak vom Discounter billiger als das aus dem Bioladen und das Auto mit Verbrennungsmotor billiger als das E-Auto. Hier kommt die Politik ins Spiel, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Ich will es mit meiner Politik einfacher machen, sich im Alltag für den Schutz unserer Umwelt zu engagieren. Dazu motivieren, gewohnte Verhaltensweisen zu überdenken. Das fängt schon bei den kleinen Dingen an. Beispiel Plastikmüll: Für viele ist es mittlerweile normal, den eigenen Einkaufsbeutel immer dabei zu haben. Trotzdem gibt es noch viel zu viel Plastik im Supermarkt. Als ersten Schritt habe ich daher ein Verbot von Einweg-Plastiktüten angestoßen. Weitere Schritte werden folgen, zum Beispiel bei unnötigen Verpackungen von Obst und Gemüse. Zu den richtigen Rahmenbedingungen gehört auch, dass der Ausstoß von CO2 endlich einen Preis bekommen soll. Denn klimafreundliches Verhalten sollte sich auch im Geldbeutel widerspiegeln. Wenn das Angebot stimmt, wenn die Politik die Voraussetzungen schafft, dann erwarte ich auch von jedem Einzelnen, dass er mitzieht. Dann zahlt sich Umweltschutz doppelt aus – nicht nur für kommende Generationen, sondern auch für die heutige.

Maria Rerrich, Leserin

Mobile Inflation

Warum muss man für Urlaubsreisen eigentlich in die Ferne fliegen? Schöne Strände, Bergregionen und Naturparks, fremde Kulturen, anspruchsvolle Bildungsziele und teure Wellnesshotels sind mit der Bahn zu erreichen. Und mit Schülern muss man nicht nach Barcelona oder Stockholm fliegen, solange Lübeck, Rostock, Aachen oder Trier nur vom Hörensagen bekannt sind.

Cem Özdemir, Bundestagsabgeordneter Bündnis 90/Die Grünen

Zug um Zug weniger Flug

Wer gerade mit der Bahn, im Bus oder mit dem Rad unterwegs ist, tut dies wahrscheinlich nicht, um unseren Planeten zu retten. Aber die Klimakrise ist da: Wir stoßen viel zu viel CO2 aus und das hat auch damit zu tun, wie wir uns von A nach B bewegen. Der Verkehr ist für rund ein Fünftel der Klimagase verantwortlich. Ohne Verkehrswende ist also kein wirksamer Klimaschutz möglich. Das heißt für mich nicht, von oben zu diktieren, wer sich wie zu bewegen hat. Wir wollen die Menschen mit attraktiven Alternativen im wahrsten Sinne des Wortes zum Umsteigen bewegen. Jeder, der nicht gerade von Flugtaxis träumt und jede, die kein Benzin im Blut hat, landet da bei der zentralen Rolle von Bus und Bahn. So ist es bemerkenswert, wenn selbst die Luftfahrtbranche in der Debatte um Alternativen zum innerdeutschen Fliegen nicht protestiert. Was zur Alternative fehlt, ist eine Politik, die bei der Schiene klotzt statt kleckert. Um Bahnfahren zur ersten Wahl zu machen, müssen wir die Fahrzeit zwischen möglichst vielen Fahrzielen im Inland und im nahen Ausland auf maximal vier Stunden senken. Das geht, wenn wir jetzt massiv in den Ausbau des Netzes investieren. Nicht zuletzt muss Bahnfahren günstiger werden. Umso besser, dass sich fast alle Parteien im Bundestag für eine Mehrwertsteuersenkung auf Bahntickets aussprechen. Die muss aber auch kommen, damit es endlich heißt: Zug um Zug weniger Flug.

Joachim Schubert, Leser

Besser als ihr Ruf

Auf den ersten Blick sieht es aus, als ob Kohlekraftwerke schuld daran sind, dass Klimaziele verfehlt werden. Aber: 1990 wurden bei der Produktion einer Kilowattstunde 764 Gramm CO2 ausgestoßen, 2017 waren es 489 Gramm. Das ist eine Abnahme um 36 Prozent. Bis 2020 wird der Zielwert von 40 Prozent erreicht sein. Ein vorzeitiges Abschalten von Kohlekraftwerken ist dafür nicht erforderlich. Die Wirkungsgradverbesserung durch den Einsatz neuer Technik in modernen Kohle- und Kombiblöcken zahlt sich aus. Die deutschen Stromerzeuger haben ihre Hausaufgaben gemacht, was man von anderen Branchen nicht behaupten kann.

Julia Pongratz, Professorin für Physische Geografie und Landnutzungssysteme, Ludwig-Maximilians-Universität München

Speicher gesucht

Um maximal zwei Grad darf die globale Mitteltemperatur gegenüber der vorindustriellen Zeit ansteigen, so wurde es im Pariser Klimaabkommen niedergelegt. Mit den derzeitigen Anstrengungen steuern wir auf drei bis vier Grad zu. Wie können wir das Zwei-Grad-Ziel erreichen? Ohne eine rasche Reduktion der Emissionen aus fossilen Energien auf nahe Null wird es nicht gehen. Darüber hinaus kommen in den meisten Szenarien Negativemissionstechnologien zur Anwendung. Durch sie wird Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufgenommen und gespeichert. Aufforstung zählt prominent dazu, denn Wälder speichern schon heute etwa ein Viertel aller menschgemachten Emissionen – eine gigantische Dienstleistung der Vegetation. Wälder können auch die Temperaturen vor Ort verändern – erwärmen, wenn dunkle Koniferen schneereiche Gebiete erobern und viel Sonnenlicht absorbieren, aber oft auch kühlen durch hohe Verdunstung. Solche Effekte sind zwar nicht leicht zu bestimmen, müssen aber für eine vollständige Einschätzung von Aufforstung als Klimaschutzmaßnahme auch auf lokaler Skala berücksichtigt werden. Global gesehen können durch Aufforstung wohl ein bis zwei Milliarden Tonnen Kohlenstoff pro Jahr gespeichert werden. Dem stehen jedoch menschgemachte Emissionen von derzeit elf Milliarden Tonnen gegenüber. Was es also braucht, ist – neben einer weitgehenden Reduktion der fossilen Emissionen – ein ganzes Portfolio aus Negativemissionstechnologien.

Markus Erlwein, Pressesprecher Volksbegehren Artenvielfalt

Jeder kann etwas tun

In Anlehnung an einen bekannten Popsong kann tatsächlich jeder „nur mal kurz den Garten retten“. Ein naturnaher Garten mit heimischen Blüh- und Staudenpflanzen und ein paar wilden Ecken ist ein erster Schritt und für jeden machbar. Wer also bei der Gartenarbeit tendenziell etwas fauler ist und nicht gleich alles weg- und aufräumt, der tut etwas gegen das Artensterben. So reicht es, wenigstens einen Teil der Rasenfläche nur noch einmal im Jahr zu mähen. Dann fangen heimische Blumen ganz von alleine an zu blühen. Diese locken Insekten an, die wiederum Nahrung für Vögel und andere Gartentiere sind. Ein Verzicht auf den Einsatz von Gift im Garten ist ein weiterer Schritt für mehr Artenvielfalt. Denn die Schädlingsbekämpfung gelingt auch mit natürlichen Alternativen. Der Kauf von bienenfreundlichen Pflanzen gilt auch für den Balkon. Ein weiterer wichtiger Aspekt, den auch Nicht-Gartenbesitzer umsetzen können, ist der Kauf von Bio-Lebensmitteln. Denn beim Anbau werden keine chemischen Pestizide verwendet. Der Verzicht auf Spritzgifte und Monokulturen schont zudem selten gewordene Ackerpflanzen, Insekten und Vögel. Der Bio-Anbau garantiert Randstreifen, Hecken und kleine Biotope, die gefährdeten Arten einen wichtigen Platz zum Leben bieten. Und schließlich kann jeder Mitglied beim Landesbund für Vogelschutz in Bayern werden. Wir geben der Natur eine starke Stimme und setzen uns auch weiterhin gegen das Insekten- und Artensterben ein.

Luisa Neubauer, Klimaschutzaktivistin

Historische Chance

Wenn dieses Magazin am 20. September erscheint, hat jeder die Möglichkeit, einen Teil zur Rettung unserer Lebensgrundlage beizutragen: Heute gehen auf der ganzen Welt Millionen von Menschen auf die Straße, um für die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens und die Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 Grad zu demonstrieren. Dieser Tag wird einer der bedeutsamsten klimapolitischen Tage des Jahres sein. Nicht, weil er der Klimakrise etwas entgegen setzten wird – auch am 20. September werden wie an jedem anderen Tag 1.300 Tonnen CO2 pro Sekunde in die Atmosphäre geballert werden. Dieser Tag wird auf ganz andere Art und Weise zum Gamechanger: Als größter globaler Klimastreik aller Zeiten hat er das echte Potential dazu, eine Disruption auszulösen, die gewaltig genug sein wird, Politiker auf der ganzen Welt wenige Tage vor Beginn des UN-Klimagipfels aufzuwecken. Nur mit einer solchen massiven Disruption ist die Klimakatastrophe noch aufzuhalten. Dafür muss die gesamte auf fossilen Rohstoffen basierende Weltwirtschaft transformiert werden. Und damit muss sofort losgelegt werden. Allen, die daraufhin so gerne behaupten, hier im kleinen Deutschland könnten wir ohnehin nichts ausrichten, kann ich nur antworten: Wenn wir es in Deutschland nicht schaffen, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, ist es utopisch, dass es weltweit klappt. Auch dafür ist der 20. September übrigens entscheidend: Während wir auf die Straße gehen, verständigt sich die Klimakabinett auf ein Klimaschutzgesetz. Die Bundeskanzlerin, die später mit einem Beschluss in der Tasche zum Gipfel nach New York reisen wird, hat heute die Möglichkeit, eine unfassbare Chance am Schopf zu packen. Für Pillepalle haben wir keine Zeit mehr. Das weiß niemand besser als Frau Merkel.

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