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Welche Innovationen verändern die Landwirtschaft?

Glyphosat ist tot, es lebe Glyphosat! Trotz der hitzigen Diskussion um das krebsverdächtige Unkrautvernichtungsmittel will Hersteller Bayer an seinem Verkaufsschlager festhalten – es funktioniert einfach zu gut. Dabei passieren gerade eine Menge innovativer Dinge in der Landwirtschaft: Schreiben Sie uns, welche die Zukunft des Ackerbaus nachhaltig verändern werden.

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Joachim Rukwied, Präsident Deutscher Bauernverband

Landwirtschaft ist digital

Nachhaltigkeit, Tierwohl, Klima- und Insektenschutz – das sind Themen, die Verbraucher und Landwirte beschäftigen. Gerade in diesen Bereichen wird sich durch Innovationen vieles weiter verbessern: Digital Farming und Precision Farming sind die Schlagworte, die die moderne Landwirtschaft derzeit beschreiben. Viele Höfe sind bereits mit digitalem Hightech ausgestattet. Ob im Stall, auf dem Feld oder im Management – die neuen Technologien lassen die Betriebe effizienter, nachhaltiger und damit auch klima- und ressourcenschonender arbeiten. Der Einsatz beispielsweise von Melkrobotern, Drohnen, Wetter-Apps oder GPS-gesteuerten Landmaschinen unterstützt die Bauern in ihrem Alltag. Sensortechniken, mit denen die Tiere permanent überwacht werden, sorgen für die bestmögliche Tiergesundheit. Datenmanagementsysteme helfen dabei, Ernteverfahren zu optimieren und die Betriebe auch wirtschaftlich zu stärken. Dafür brauchen wir aber schnellstmöglich flächendeckend ein gigabitfähiges Netz und auch einen stabilen Mobilfunk auf dem Land. Die Landwirtschaft entwickelt sich im Sinne eines nachhaltigen Wirtschaftens weiter. Die nächste Generation an bestens ausgebildeten Landwirten wird zeigen, dass sie viel Gespür für eine moderne und nachhaltige Landwirtschaft hat. Mit Innovationen und neuen Methoden wird es gelingen, erfolgreich zu wirtschaften und gleichzeitig die gesellschaftlichen Anforderungen an die Landwirtschaft zu erfüllen.

Otto Ulrich, Gestörte Beziehung

Gestörte Beziehung

„Fridays for Future“ fordert einen grundlegenden kulturellen Wandel. Nur, wenn dies ernst genommen wird – und es muss ernst genommen werden – was ist die neue Blickrichtung? Die eingefahrene vertraute Perspektive – Wachstumszwang, immer mehr Maschinen, also immer höherer Energieverbrauch und immer mehr CO2-Emissionen, wird wohl keine Zukunft haben dürfen. Genau gesehen geben die Klimaaktivisten längst auch die neue Richtung vor, die eigentlich eine verloren gegangene uralte ist: die Rückbindung an das Lebendige, an Mutter Erde. Sie ist für uns nur noch ausbeutbare Materie, ein Ressourcenlager. Längst ist sie krank. Aus Landbau wurde Agrarindustrie, aus Bodenschätzen werden Rohstoffe. Wir haben verlernt, die Erde als lebendigen Organismus zu verstehen, ihn zu schützen, ihm zurückzugegeben, was er uns gibt. Die Wüstenbildung von heute, Ergebnis unseres lieblosen Umgangs mit unseren Böden, darf nicht mehr mit weiterer Vergiftung fortgesetzt werden. Humusbildung ist dringlichst angesagt. Einer biodynamischen Landwirtschaft gehört die Zukunft, um unseren Planeten und seine Biosphäre zu heilen. Wenn wir wieder ein gesundes Verhältnis zu unserer Mutter Erde haben, wird sich auch das Klima wieder harmonisieren – etwas, was wir alle brauchen, wenn wir überleben wollen.

Jutta Zeisset, Agrarunternehmerin und Marketingtrainerin

Reden, reden, reden

Die Zukunft der Landwirtschaft wird sehr vielfältig. Daher ist es wichtig, sich dabei nicht zu verrennen, sondern sich auf ein bestimmtes Gebiet zu spezialisieren. Schwierig ist es hingegen, Landwirten vorzuschreiben, welchen Weg sie dabei am besten gehen sollen. Die Landwirtschaft ist bunt, denn jeder Mensch ist anders – und das soll auch so bleiben, denn nur dann sind wir authentisch. Was aber alle Landwirte brauchen, ist die Kommunikation mit Konsumenten. Egal ob mit einem Hoffest oder einer eigenen Website. Ich persönlich habe mich dabei auf den digitalen Weg begeben und kommuniziere mit meinen Konsumenten viel über Facebook und Instagram. 2002 habe ich den Hof meiner Eltern übernommen. Aus dem Zwei-Personen-Betrieb ist mittlerweile ein ganzes Unternehmen geworden – mit eigenem Hofladen und Museums-Café. Bald wird es auch einen Online-Shop für Gebäck geben. Wenn wir zum Beispiel frische Nussecken aus unserer Backstube anbieten, stelle ich diese auf Instagram. Das zieht auf jeden Fall Kundschaft an. Bei meinen Social-Media- und Online-Marketing-Kursen erkläre ich immer, wie wichtig Öffentlichkeitsarbeit ist – egal ob online oder offline. Gemeinsam mit Thomas Fabry habe ich dafür den Alexa-Skill „Frag den Landwirt“ eingerichtet. Darüber kann man seit diesem Jahr Alexa über sein Smartphone fragen, was zum Beispiel Weidemilch ist oder wie viele Babys ein Schwein bekommt. Kommunikation soll ja auch eine Form der Aufklärung sein.

Michael Welling, Sprecher Johann Heinrich von Thünen-Institut – Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei

Tierwohl 4.0

Wird in der Öffentlichkeit über Landwirtschaft diskutiert, kommt die Rede schnell auf die Nutztierhaltung. Den Tieren soll es, wenn sie uns schon Milch, Eier und Fleisch liefern, während ihres kurzen Lebens gut gehen. Doch was heißt eigentlich gut? Hier wird es häufig diffus, denn jeder Mensch hat dazu eigene Vorstellungen und die Tiere selbst kann man nicht fragen. Oder doch? Gibt es Indikatoren, die zeigen, wie es dem Tier geht? Hier ist die Wissenschaft gefragt. Im Thünen-Institut wurde zum Beispiel für Milchkühe ein Indikatoren-Katalog erarbeitet, mit dem sich das Tierwohl unter verschiedenen Haltungsbedingungen objektiv bewerten lässt. Darauf basierend werden derzeit Prototypen für ein nationales Tierwohl-Monitoring entwickelt. Ein objektives Monitoring des Tierwohls kann unter anderem auf bereits routinemäßig erfassten Indikatoren wie Daten zur Milchkontrolle fußen. Es hilft der Politik bei der Standortbestimmung und ermöglicht es ihr so, Maßnahmen zur Verbesserung anzustoßen. Entscheidend für die Zukunft der Nutztierhaltung in Deutschland wird sein, ob es gelingt, einen nationalen Konsens herzustellen, welches Tierwohlniveau wir wollen und wie es finanziert wird. Hierzu bedarf es eines offenen Diskurses zwischen Gesellschaft, Landwirten, Handel und Politik. Gelingt dies, wäre das eine wegweisende Innovation. Gelingt es nicht, wird sich ein Teil unserer Tierproduktion perspektivisch ins Ausland verlagern.

Moritz Schulte, Leser

Synergieeffekte

Wenn man sich die bisherigen landwirtschaftlichen Revolutionen ins Gedächtnis ruft, wird einem klar, dass es immer Wechselwirkungen mit anderen Entwicklungen gab. Die Mechanisierung der Landwirtschaft ging Hand in Hand mit der industriellen Revolution und die Entwicklungen in der Chemie führten zu Pflanzenschutzmitteln und Kunstdünger. Zurzeit sind Digitalisierung und damit die Präzisierung der Landwirtschaft ein heißes Eisen. Richtig interessant wird es aber, wenn man, auch unter Berücksichtigung des Bevölkerungswachstum und der knappen Flächen, über Landwirtschaft, die in die Höhe geht, nachdenkt. Auch bisher uninteressante Flächen wie Wüsten oder Landwirtschaft auf dem Meer könnte Zukunft haben. Es ist aber auch ein beruhigender Gedanke, dass man bei aller Digitalisierung Lebensmittel immer noch analog auf dem Feld und im Stall wachsen lässt und dass die Natur immer Grundlage unserer Ernährung bleiben wird.

Karl-Heinz Kogel, Professor für Phytopathologie, Justus-Liebig-Universität Gießen

Ingieneure der Natur

Die stärksten Innovation in der Landwirtschaft kommen auch in Zukunft aus der Pflanzenzüchtung, insbesondere aus den neuen Züchtungstechniken wie dem Genom Editing, kurz CRISPR/Cas genannt. An zweiter Stelle zu nennen sind der Einsatz von Biologicals, also von nützlichen Mikroorganismen, die die Boden- und Pflanzengesundheit und den Ertrag deutlich steigern werden. Diese Innovationen werden einerseits getrieben durch Fortschritte in der Genomforschung und andererseits durch neue Erkenntnisse in Ökologie und Mikrobiologie. Sie werden dazu führen, dass der Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel weitgehend obsolet wird. Hochinnovative neue Pflanzenschutzverfahren, wie der Einsatz von RNA-Molekülen, die entweder gesprüht oder von der Pflanze selbst produziert werden können, werden die Toolbox im Pflanzenschutz ergänzen. Der Einsatz heute noch verwendeter problematischer Stoffe wie den für nützliche Bodenmikroorganismen hochtoxischen Kupferpräparaten, gerade auch im heutigen Bio-Anbau, wird dadurch in den nächsten 25 Jahren zu Ende gehen.

Hubertus Paetow, Präsident Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG)

Nachhaltigkeit braucht Innovation

Ernährungssicherheit, Ressourceneffizienz und nachhaltige Produktionsverfahren sind Errungenschaften, die wir vor allem dem technischen Fortschritt in der Landwirtschaft zu verdanken haben. Die moderne Landtechnik spielt als Lösung für mehr Umweltschutz und Biodiversität, aber auch bei der Bekämpfung des Klimawandel eine zentrale Rolle. Denn sie bietet maßgeschneiderte und an den jeweiligen Standorten angepasste Systeme, um Ressourcen effizient und nachhaltig zu nutzen. Die Agritechnica, die Weltleitmesse der Landtechnik, die von der DLG vom 10. bis 16. November in Hannover veranstaltet wird, ist der internationale Marktplatz für landtechnische Innovationen. Der hier vergebene DLG-Neuheitenpreis zeichnet besonders zukunftsweisende Entwicklungen aus. So müssen nach den Prinzipien des integrierten Pflanzenbaus bereits bei der Bodenbearbeitungstechnik alle Möglichkeiten der Vorsorge gegen Bodendegradation, Humusschwund und Schädlinge genutzt werden. Beim Thema Kraftstoffverbrauch stellen Neuentwicklungen bei der Geräte-Elektrifizierung von Traktoren einen großen Schritt in Richtung E-Mobilität dar. Dank neuer Sensortechnologie in der Düngung steigt die Dosiergenauigkeit und klimaschädigende Emissionen können so deutlich gesenkt werden. Auch intelligente Datenmanagement-Systeme zur Prozessoptimierung, Qualitätssicherung und Rückverfolgbarkeit gewinnen für eine nachhaltige Landwirtschaft weiter an Bedeutung.

Sylvia Pütz, Leserin

Ideales Versuchsfeld

Eine richtige Innovation für die Landwirtschaft wäre ein Brennstoffzellenantrieb für Landtechnik. Die Voraussetzungen sind günstig: Die Traktoren und selbstfahrenden Geräte sind groß genug und der Platz für die Wasserstofftanks vorhanden. Außerdem sind die Abläufe im Betrieb zum großen Teil planbar, sodass die Reichweite keine Rolle spielt. Die meisten Landwirte sehen sich heute schon als Energiewirte, da sie auf die unterschiedlichsten Arten selber Energie produzieren. So wäre ein CO2-neutraler Betrieb machbar. Die Agrarbrache wäre damit Vorreiter für viele andere Wirtschaftszweige.

Michael Reber, Landwirt

Zurück zur Basis

Der Boden ist unsere Lebensgrundlage. Aber was machen wir mit ihm? Wir treten ihn mit Füßen, nicht nur buchstäblich, sondern auch im übertragenen Sinn: Straßen- und Wohnungsbau entziehen uns unsere Lebensgrundlage dauerhaft, ebenso wie Wind- und Wassererosion. Dabei schlummert so viel Potenzial in ihm. Würden wir es schaffen, weltweit auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen wieder Humus aufzubauen, so könnten wir große Teile des vom Menschen emitierten CO2 wieder einbinden, ganz einfach über die Grundlage von Leben auf der Erde: die Photosynthese. Die Innovation ist also eigentlich keine. Wir müssen nur die natürlichen Prozesse wieder verstehen und versuchen, sie in den heutigen landwirtschaftlichen Betrieben anzuwenden. Die Natur imitieren ist das Mittel der Wahl. In der Natur gibt es nur sehr wenige unbewachsene Flächen. Heißt: die Felder bewachsen halten. Mit Pflanzengemengen zu arbeiten erhöht auch die Vielfalt an Biologie im Boden, denn die ist essenziell, wenn wir mit Nährstoffen effizienter umgehen wollen. Organischer Dünger ist nicht böse, wenn er richtig angewendet wird – er ist die Basis. Idealerweise kommen die Tiere wieder auf die Felder. Da gibt es sehr spannende Beispiele. Wir könnten also sehr viele Fliegen mit einer Klappe schlagen. Leider steht dem ganz aktuell noch sehr viel Bürokratie hier in Deutschland und in Europa entgegen. Aber mit einem gesellschaftlichen Konsens werden wir es schaffen.

Kathrin Specht, Agrarwissenschaftlerin Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS)

Landbau wird urban

Das 21. Jahrhundert wird oft als das „Jahrhundert der Städte“ bezeichnet, da erstmalig in der Menschheitsgeschichte die Mehrheit der Weltbevölkerung in Städten lebt. Die meisten Lebensmittel haben lange Transportwege hinter sich, bevor sie diese Menschen erreichen, da unser modernes Landwirtschaftssystem auf der räumlichen und zeitlichen Trennung von Produktion und Konsum basiert. Die Überwindung großer Distanzen benötigt viel Energie und CO2, denn die Lebensmittel müssen nicht nur zu den Konsumenten gefahren oder geflogen, sondern während der Transportphasen auch gekühlt, gelagert und überdies für den Transport verpackt werden. Die urbane Landwirtschaft holt das Bewusstsein für die Lebensmittelerzeugung zurück in die Stadt. Angebaut wird beispielsweise auf Brachflächen, Gemeinschaftsflächen oder Dächern. Dabei liegen die stärksten Argumente für städtischen Anbau neben der reinen Lebensmittelbereitstellung in der Verkürzung der Wege und der effizienteren Ausschöpfung ungenutzter Energiequellen. In der Stadt fallen viele nutzbare Ressourcen wie Regenwasser, Abwärme von Häusern und Fabriken oder organische Abfälle an. Weltweit etablieren sich innovative Konzepte und der Lebensmittelanbau in der Stadt entwickelt sich zunehmend vom Hobby zu einem möglichen Geschäftsmodell. So klein der momentane Beitrag der urbanen Landwirtschaft für die Stadt noch zu sein scheint, so wichtig sind die adressierten Themen für die Städte der Zukunft.

Christine Zimmermann-Lössl, Vorstand Association for Vertical Farming

Alternative zum Feld

Die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelproduktion insgesamt tragen in ihrer jetzigen Form ohne Zweifel zu unseren prekären Umwelt- und Klimaveränderungen bei. Neue nachhaltigere Produktionsformen sind gefragt. Vertical Farming könnte eine Lösung sein. Der Anbau von Gemüsen, Salaten, Beeren und Kräutern geschieht hier in geschlossenen Systemen, die wie Regale aussehen, in Gebäuden, auf Dächern, in Kellern, alten Fabriken oder Containern. Für Licht sorgen LED-Lampen. Das Klima, also Temperatur und Feuchtigkeit, aber auch der CO2-Gehalt, wird so reguliert, dass die Pflanzen ihre optimale Wachstumsumgebung erhalten und auf den Tag genau geerntet werden können. Diese geschlossenen Systeme haben nicht nur den Vorteil, ohne Pestizide und Herbizide auszukommen, sondern sparen auch enorme Mengen Wasser ein. Düngemittel werden maximal wiederverwertet, da alles in einem Kreislaufsystem fließt. Vertical Farming ist heute noch eine Nischenproduktion, die vor allem in Ländern wie Japan, Singapur, USA und Kanada Einzug gehalten hat und zurzeit für frische, leicht verderbliche Nahrungsmittel eingesetzt wird. Der Anbau von Getreidearten ist in Vertical-Farming-Systemen heute auch schon möglich, aber noch nicht ökonomisch vertretbar. Das wird sich in Zukunft ändern und Vertical Farming ohne Zweifel eine der Säulen der Nahrungsproduktion werden. Wir brauchen gesunde nährstoffreiche Produkte ohne lange Transportwege, die das Klima und die Natur nicht belasten.

Tarik Özkök, Leser

Innovation ist auch in der Vergangenheit zu finden

Die Landwirtschaft leidet, an zuviel richtungsloser Optimierung. Denn Innovation wird heute oft mit beschränkten Blick in den Verheißungen der Technik gesucht. Auskömmliche kleinbäuerliche Landwirtschaft wird immer schwerer, wenn Technik nicht nur im Dienste der Lebensförderung steht, sondern in die Abhängigkeit der Industrie führt. Die Innovation, die Landwirtschaft weiter bringt, ist ein lebendiges Denken, das in der Lage ist, größere Zusammenänge bewußt zu machen und das Verhältnis von Mensch und Natur neu zu verstehen. Das intuitive Wissen der Naturreligionen und Mystiker ist den Menschen mit der Naturwissenschaft seit 300Jahren immer mehr verloren gegangen. Die Objektivierung der Naturwissenschaften geschah um den Preis, dass man, um der Exaktheit willen, nur noch tote Natur (seziert und analysiert) in den Blick nahm und das gestaltbildende Leben aus dem sie entsprang, nur noch als Funktion seiner Wirkungen kennt. Würde man sich auf Goethes phänomenologischen Ansatz in der Naturwissenschaft besinnen, wäre es möglich, ganzheitlicher zu denken. Der Mensch würde die Natur dann nicht mehr als technisch manipulierbares Ausbeutungsobjekt ansehen, sondern sich selbst als deren Kind, Partner und kreativen Weitergestalter verstehen. So wird es, meiner Ansicht nach, seit fast 100 Jahren in der Biologisch-Dynamischen Landwirtschaft erfolgreich versucht.

Dr. Otto Ulrich, Leser

"Mutter Erde" - ein neues Politkfeld

„Fridays for Future“ fordert einen grundlegenden kulturellen Wandel – nur, wenn dies ernst genommen wird, und es muss ernst genommen werden – was ist die neue Blickrichtung? Die eingefahrene vertraute Perspektive: Wachstumszwang, immer mehr Maschinen, also immer mehr Energieverbrauch, also immer mehr CO2 Emissionen wird wohl keine Zukunft haben dürfen. Genau gesehen geben die Klimaaktivistin längst auch die neue, es ist eine verlorende gegangene uralte Richtung vor, es ist eine Rückbindung an das Lebendige, an die Mutter unseres Leben, eben, an „Muttererde“, unserer Heimat – sie ist für uns nur noch ausbeutbares Materie, ein Ressourcenlager, längst ist sie krank. Aus Landbau wurde Agrarproduktion, aus Bodenschätzen werden Rohstoffe, wir haben verlernt, wir heute haben es nie lernen können, die Erde, unsere Mutter als lebendigen Organismus zu verstehen, zu schützen, ihm zurück zugegeben, was er uns gibt. Die Wüstenbildung von heute, Ergebnis unseres ehrfurchtlosen und lieblosen Umgangs mit unsere Mutter, darf nicht mehr mit weiterer, gar gesteigender Vergiftung - schon gar nicht wenn damit die Abkehr vom Hunger in der Welt begründet wird - fortgesetzt werden. Humusbildung ist dringlichst angesagt, einer biodynamischen Landwirtschaft, die einzige Chance unseren „blauen Planeten, seine Biosphäre zu heilen, zu gesundend, muss politisches Förderziel werden. Zentrales Kriterium dabei hat

Otto Ulrich, Leser

"Mutter Erde " - ein neues Politikfeld

\"Fridays for Future\" fordert auf, die Blickrichtung zu ändern - Rückbindung an die Lebensgesetze der Erde als Organismus. Gefordert ist Humusbildung anstatt Wüstenbildung. Biologisch-dynamische Präparate anstatt Glyphosat. Politik hat das Lebendige zu fördern, das Werdende und nicht das Gewordene heilt \"Mutter Erde\".

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Welche Technologien stehen vor dem Durchbruch?

Rasen wir bald mit Überschallgeschwindigkeit in einem Tunnel in 14 Minuten von Berlin nach Leipzig? Tauchen wir dank Quantencomputern in ein neues Computerzeitalter ein? Und wann erlöst uns die Kalte Fusion endlich von unseren Energiesorgen? Verraten Sie uns, welche Technologien schon bald keine Zukunftsmusik mehr sein werden.

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Manfred Fischedick, Vizepräsident Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie

Das E-Zeitalter beginnt

Aufgrund der erreichten technischen Fortschritte und der Entscheidung großer Automobilunternehmen, ihr Fahrzeugangebot in den nächsten Jahren weitgehend auf elektrische Antriebe umzustellen, bestehen heute kaum noch Zweifel, dass sich die Elektromobilität durchsetzen wird. Dies gilt vor allem für den Bereich der urbanen Mobilität, wo geringe Reichweiten ausreichen. Herausfordernd sind momentan noch der Ausbau der Ladeinfrastrukturen sowie die Verringerung der Beladungszeiten. Letzteres könnte sich aber schnell erledigen, sollte sich der Austausch von Batterien statt ihre Beladung an der Strom-Zapfsäule durchsetzen. Auf der anderen Seite muss der Energie- und Materialbedarf bei der Batterieherstellung verringert sowie geeignete Recyclingstrukturen aufgebaut werden, um die Voraussetzungen für die massiv zunehmende Zahl von Elektrofahrzeugen zu schaffen. Wenn zeitgleich der Anteil erneuerbarer Energien im Strommix steigt, können die ökologischen Potenziale der Elektromobilität voll ausgespielt werden. Bislang weniger im Fokus stehen indirekte Anwendungen, zum Beispiel die Elektrifizierung der Autobahnen und der damit gekoppelte Einsatz von Oberleitungs-Lkws. Jenseits der Elektromobilität wird es aber auch Anwendungsbereiche für Wasserstofffahrzeuge mit Brennstoffzellen geben. Mit diesen lassen sich hohe Reichweiten erzielen und zudem Bereiche erschließen, in denen Elektromobilität an ihre Grenzen kommt – wie im Schiffsverkehr.

Kurt Sigl, Präsident Bundesverband eMobilität (BEM)

Die mobile Wende ist da

Durchbruch heißt bei uns in der Elektromobilität nicht Marktreife eines Produktes für übermorgen, sondern brechende Dämme auf Seiten der Kundennachfrage heute. So einen Durchbruch erleben wir dieser Tage bei der Umrüstung von Flotten und Fuhrparks auf Batterie-elektrische Lösungen. Vor allem mittelständische Unternehmen und zahlreiche Kommunen in Deutschland haben damit begonnen, die Zukunft in ihren Alltag zu holen. Objekt der Begierde sind sogenannte E-Kits, mit denen sich Nutzfahrzeuge umrüsten lassen. Retrofitting heißt das Verfahren. Die Umrüstung ist in Kommunen auch deshalb ein großes Thema, weil sie teuren Spezialfahrzeugen bei Stadtreinigungen, Abfallbetrieben, Polizei und Feuerwehr ein emissionsfreies zweites Leben bescheren. Lärm- und abgasfrei, robust und wartungsarm sind die Fahrzeuge im Stop-and-go-Verkehr in Innenstädten und Ballungsräumen besonders wirtschaftlich. Während Pkw im Schnitt gerade einmal 30 Minuten am Tag bewegt werden, sind Transporter den ganzen Tag auf Achse. Auf diese Weise lassen sich die Vorteile des Elektroantriebs für Mensch und Umwelt, aber auch die besondere Wirtschaftlichkeit schneller und nachhaltiger verwirklichen. Besonders vorbildlich sind die Unternehmen, die einen Teil der Aufladeenergie auch noch durch werkseigenen Solarstrom produzieren. So wird E-Mobilität mit erneuerbarer Energie hergestellt – alltagspraktisch und ressourcenschonend. Ein Durchbruch auf breiter Strecke.

Carsten Maschmeyer, Investor

Die Kraft des Algorithmus

Künstliche Intelligenz (KI) ist die Top-Technologie der Zukunft. Sie wird in Unternehmen zu großen Veränderungen führen und unseren Alltag erleichtern. Darauf können wir uns freuen, denn KI ist schon vielfach erprobt und hat bewiesen: sie funktioniert. Ob als Sprachassistenten, als virtuelle Hilfe bei der Online-Reisebuchung oder bei der automatischen Schichteinteilung von Mitarbeitern. Aber das ist erst der Anfang, es kommt noch viel mehr. Dafür drei Beispiele. 1. Mobilität: Wenn KI im Verkehr die Vernetzung und Steuerung übernimmt und selbstfahrende Autos im Einsatz sind, werden bis zu 90 Prozent der Fahrzeuge in Großstädten überflüssig. Das spart Kosten und Emissionen und reduziert Unfälle. 2. Datenverarbeitung: Ob Vertragskündigungen, Fragen oder Adressänderungen: Briefe müssen bisher manuell ausgewertet werden. KI wird die Dokumentenverarbeitung revolutionieren, denn sie erledigt diese bisher eintönige Arbeit verlässlicher und schneller. 3. Medizin: KI unterstützt schon jetzt Ärzte bei der Analyse von Bildaufnahmen, etwa bei der Diagnose von Brustkrebs. Die Ergebnisse sind genauer und sparen Zeit. Denn während bisher mehrere Ärzte jedes Bild beurteilen müssen, immer noch mit hohen Fehlerquoten, identifiziert KI präziser die Problemfälle. Es wird nicht mehr lange dauern, bis KI in vielen weiteren Gesundheitsfeldern den Ärzten bei der Diagnose hilft. Also: Freuen wir uns darauf, wie die KI unseren Alltag verbessern kann.

Harald Lubasch, Leser

Was lange Zeit nur Theorien waren, treffen nun auf Technologien, die sie verwirklichen – Datenmengen, die in Quantencomputern ausgewertet den nächsten Quantensprung ermöglichen.

Ralf Widtmann, KI-Entwickler und Unternehmer

Die nächste Stufe

Was wir unter dem Begriff Künstliche Intelligenz (KI) zusammenfassen, ist ein in den 1950ern geborenes Forschungsfeld, eine mittlerweile milliardenschwere Industrie mit mannigfaltigen Ausprägungen und Anwendungsgebieten, das Spielfeld eines interkontinentalen Technologiewettlaufs und Gegenstand polemischer Diskussionen. Letzteres gerade deswegen, weil oft der Anspruch und die Erwartungen missverstanden werden. Die utopische generelle KI, die selbstständig alles lernt, ist entweder weit entfernt oder prinzipiell unmöglich. Tatsächliche KI-Anwendungen und -Methodiken sind dagegen hochfragmentiert und lösen jeweils ein spezialisiertes Teilproblem. Zum Beispiel das Verarbeiten von geschriebener Sprache oder das Erkennen von Bildinhalten. Es gibt aktuell laufend Durchbrüche im Bereich der Sprachverarbeitung. Dazu gehören etwa Systeme, die beim Beantworten offener Fragen in bestimmten Situationen besser sind als Menschen. Kurz vor dem Durchbruch zu stehen scheint ein methodischer Ansatz: die Kombination von symbolischer KI, also klassischen Algorithmen, und Connectionist KI, also zum Beispiel neuronalen Netzwerken. Die Methode ist vielversprechend für Probleme mit vielen unterschiedlichen Teilaufgaben, sich stark ändernden Umfeldern und wenigen Trainingsdaten. Diese Probleme sind so vielfältig wie die Entscheidungsfindung in neuen Situationen, die Orientierung von Robotern in Haushalten oder die persönliche Finanzberatung sein.

Claudia Kessler, Initiatorin Stiftung Erste deutsche Astronautin

Grenzen verschieben

Die Weltraumforschung sollte es sich in den nächsten Jahren zum Ziel setzen, regelmäßiger und kostensparender Astronauten ins All zu befördern. Aus meiner Sicht haben Weltraumreisen an sich eine große Bedeutung für die Menschheit. Je mehr Menschen die Erde aus der Perspektive des Kosmos sehen und davon berichten, desto rapider wächst das Bewusstsein für die Verletzlichkeit unseres Planeten. Die Sinnlosigkeit von Krieg und Umweltzerstörung erlangen aus der Perspektive des Weltalls ein dramatisches Bewusstsein. Ein weiteres Ziel sollten erneute Flüge auf den Mond sein, die die Nasa bereits mit der ersten Astronautin überhaupt auf dem Erdtrabanten durchführen will. Deutschland und Europa müssen im Allgemeinen darauf achten, in der Weltraumforschung nicht den Anschluss an die USA und andere aufstrebende Weltraumnationen zu verlieren. Es muss mehr Geld investiert und auf die Gleichberechtigung im Weltraumwesen hingearbeitet werden. Eine mögliche Kolonialisierung anderer Planeten wird nur mit Frauen möglich sein. Ich hoffe nicht, dass die Menschheit gezwungen sein wird, den Planeten zu verlassen. Dennoch werden wir eines Tages andere Planeten beheimaten, da der Mensch neugierig ist und einen ausgeprägten Expansionsdrang besitzt. Astronauten benötigen einen technischen Hintergrund. Bestenfalls sind sie Wissenschaftler oder Ingenieure. Sie oder er müssen bereit sein, neue Wege zu gehen und mutige Entscheidungen zu treffen.

Franjo Buchheim, Leser

Welt retten

Ein wirklicher Durchbruch wären für mich Innovationen, die unser größtes Problem lösen: die Klimakrise. Wir brauchen zum Beispiel Technologien, die uns dabei helfen, all das CO2 wieder einzufangen, das für den Treibhauseffekt sorgt. Daher steht für mich die permanente Speicherung von Klimagasen ganz oben auf der Prioritätenliste.Technologien, wie man Kohlendioxid binden oder in seine nutzbaren Bestandteile zerlegen kann, finde ich daher besonders vielversprechend. In rund 30 Jahren könnte etwa die Einspeisung von CO2 in Gesteine Alltag werden. Bis es aber soweit ist, scheint mir die radikale Reduzierung des CO2-Ausstoßes die wichigste Innovation zu sein.

Sebastian Hallensleben, Portfoliomanager Digitale Technologien und KI, Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE)

Digitales Vertrauen

Mit leistungsfähiger Künstlicher Intelligenz ist es heute möglich, digitale Inhalte nach Belieben zu fälschen. Deepfakes, OpenAI und Lyrebird sind nur einige der Werkzeuge, die jedermann zur Verfügung stehen. Wie reagieren wir, wenn Dichtung und Wahrheit im digitalen Raum immer näher beieinander liegen, wenn automatisch beliebige Produktreviews generiert werden können, wenn sich Reputationen mit emotionsheischenden Fälschungen zerstören lassen und wenn der politische Diskurs von überzeugenden Bots vergiftet wird? Wie können wir unsere Wirtschaft und Gesellschaft trotzdem voranbringen, anstatt uns mit kollektivem Zynismus abzuwenden? Die gute Nachricht: Wir verfügen längst über die technologischen Grundlagen, um echtes „digitales Vertrauen“ zu schaffen. Dabei geht es nicht primär um Vertrauen in die digitalen Inhalte selbst, sondern um deren Quellen – und zwar ohne einen aus guten Gründen unpopulären Klarnamenzwang. Wir werden in den kommenden Jahren einen Durchbruch von Vertrauensnetzen und -infrastrukturen sehen, die uns Halt und Orientierung geben. Dabei ist Vertrauen keine absolute Größe. Vertrauen in einen anderen Menschen im digitalen Raum ist immer individuell und subjektiv. Eigentlich ist das wie früher auf dem Dorf, wo sich Menschen auf analogem Weg allmählich ein Bild davon gemacht haben, wem sie wie sehr vertrauen und glauben möchten – jetzt aber digital und für das „Global Village“.

Martin Rambick, Leser

Vom Schach zum Krebs

Nachdem Garri Kasparov Mitte der 1990er von Deep Blue geschlagen und der Begriff Künstliche Intelligenz (KI) global bekannt wurde, blieb es lange Zeit ruhig um diese Technologie. Den nächsten großen Auftritt hatte sie erst vor einigen Jahren, als uns das noch viel komplexere Spiel Go bekannt gemacht wurde und es hieß, die KI hätte nun die Oberhand gewonnen. Mittlerweile sind die Anwendungsbeispiele bedeutend vielfältiger. Da uns nun auch die technologische Infrastruktur zur Verfügung steht, KI weiterzuentwickeln, sollten wir gespannt sein, was in den nächsten Jahren hier auf uns zukommen wird. Meine Hoffnung sind Entwickler, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und verstehen, mit welchem Feuer sie hier spielen.

Frank Thelen, Investor

Die Welle rollt

Historisch betrachtet standen noch nie so viele und entscheidende Technologien vor dem Durchbruch: Künstliche Intelligenz, das Mobilfunknetz 5G, Blockchain, 3D-Druck, Roboter, die Genschere CRISPR, Quantencomputer. Durch diese Technologien werden Innovationssprünge möglich, die heute für viele noch schwer vorstellbar sind. Künstliche Intelligenz, Sensoren, Big Data und neue Chips ermöglichen schon sehr bald autonomes Fahren, den nächsten Durchbruch in der Mobilität nach der Entwicklung von der Kutsche zum Auto. Dank 3D-Druck-Technologie wird die Produktion von Möbeln, aber auch von ganzen Häusern um ein Vielfaches günstiger und on demand verfügbar. Drohnen und Roboter werden eine große Rolle in der Logistik spielen – vor allem für den Transport auf der sogenannten letzten Meile. Allen Technologien voran wird die Künstliche Intelligenz einen Einfluss auf beinahe jeden Industriezweig haben. Es ist noch nicht abzusehen, wann hier der Durchbruch erreicht ist und wir an Sprachassistenten wie Alexa oder Siri nicht mehr verzweifeln. Fakt ist aber, dass die Entwicklung dieser Technologie ab einem bestimmten Punkt exponentiell verläuft und ab da quasi nicht mehr zu bremsen ist. Das mag aktuell noch schwer zu begreifen sein, aber dieser Durchbruch wird kommen und viele Chancen und Möglichkeiten mit sich bringen, uns aber auch vor einige gesellschaftliche Herausforderungen stellen.

Heinrich Möllersleben, Leser

Doppelbödig

„Der Mensch erfand die Atombombe, doch keine Maus der Welt würde eine Mausefalle konstruieren“, mahnte schon Albert Einstein, der als ehemaliger Patentamtsangestellter sicher kein Technologiefeind gewesen ist. Doch auch als Freund des technologischen Fortschrittes sollte man bedenken, dass dieser von ethischen Werten flankiert werden sollte, um dystopischen Zukunftsszenarien à la Terminator präventiv zu begegnen. Die Neugierde und der Wissensdrang der Menschheit sind schwer zu limitieren. Dennoch müssen moralische Grenzen gesetzt werden – nicht nur, um Katastrophen zu verhindern, wie sie Einstein im Fall der Atomtechnologie andeutet, sondern auch, um sich das Menschsein per se zu bewahren.

Jens-Uwe Meyer, Autor und Keynote Speaker

Anwender gesucht

Der Treiber von Innovation wird in den kommenden Jahren nicht eine einzelne Technologie sein. Es ist die nutzenstiftende Kombination von Technologien. Ob Künstliche Intelligenz, Blockchain oder 5G: Innovation ist zwar technologiegetrieben, aber trotzdem steht die Technologie dabei nicht im Mittelpunkt. Innovation wird heute vielmehr darin bestehen, neue Kundenbedürfnisse zu entdecken und innovative Anwendungsfälle zu schaffen. Diese Anwendungsfälle nutzen zwar neue Technologien, aber der wesentliche Treiber ist die Schaffung eines neuen Kundennutzens. Entsprechend werden die Unternehmen zu digitalen Gewinnern, die es verstehen, die neuen Technologien gezielt zu bündeln und anzuwenden. Nehmen wir als Beispiel 5G: Die Technologie kann beispielsweise in der Baubranche perfekt dazu genutzt werden, um dem Fachkräftemangel zu begegnen – wenn beispielsweise Kranführer Geräte aus mehreren hundert Kilometern Entfernung steuern können. Die technologische Grundlage ist die geringe sogenannte Latenzzeit – also die Tatsache, dass die Steuerung fast in Echtzeit erfolgt. Die eigentliche Innovation besteht aber im Aufbau des Geschäftsmodells „Kranführer Remote Service“. Die Innovation hört also nicht bei der Lösung einer technischen Fragestellung auf. Häufig sind damit Umstrukturierungen von Unternehmen verbunden. Der technologischen Innovation folgt die Nutzeninnovation und dann die Innovation in den Strukturen von Unternehmen.

Moritz Dressel, Kurator Technik-Museen Sinsheim und Speyer

Zurück in die Zukunft

Die Entwicklung des ersten Automobils ist nun 133 Jahre her, die des antreibenden Aggregats geht sogar bis auf das Jahr 1670 zurück. Von verschiedensten Antriebsarten haben wir geglaubt, sie seien die Zukunft. Doch die meisten Ideen wurden wieder verworfen. Schauen wir auf die Geschichte der Automobilentwicklung, dann finden wir schon in den frühen Jahren den Einsatz von Elektromotoren. Ein Beispiel dafür ist der in Sinsheim ausgestellte Columbia von 1904. Doch war damals schon die Reichweite der Batterie zu gering. Um diese zu erhöhen, setzte man seine Hoffnung in den Hybridantrieb. Was man damals schon in der Automobilindustrie für eine gute Idee hielt, sehe ich auch heute noch als die Zukunft der automobilen Fortbewegung an. Denn die Erzeugung des Stroms für den Elektroantrieb direkt im Fahrzeug erspart viel Gewicht für Batterien und sorgt für hohe Reichweiten sowie schnelleres Aufladen. Um ein möglichst breites Spektrum an Kraftstoffen verwenden zu können, bietet sich hier die Brennstoffzelle an. Diese kann sowohl mit Wasserstoff als auch mit anderen Brennstoffen, wie zum Beispiel Erdgas oder Methanol, betrieben werden. Ich denke, dass keine einzelne Technologie vor dem Durchbruch steht, sondern dass die Zukunft der automobilen Fortbewegung in der Verbindung der einzelnen Technologien liegt.

Maja Schmitz, Leserin

Human first

An beeindruckenden Technologien mangelt es derzeit wohl kaum. Ich würde mir wünschen, dass der Durchbruch kommender Technologien vor allem daran gekoppelt wird, wie diese in der Praxis funktionieren. Aktuell gibt es schon genug unausgereifte Prototypen, mit denen wir in den letzten Jahren beworfen wurden. Es muss doch möglich sein, Fortschritt und Achtsamkeit zu gewährleisten.

Andreas Bett, Leiter Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) Freiburg

Solarstrom wird Alltag

Die Photovoltaik ist heute die kostengünstigste Stromquelle überhaupt. Nicht nur in sonnigeren Regionen der Welt, auch hier in Deutschland kann man heute für weniger als fünf Cent pro Kilowattstunde Solarstrom erzeugen. In den letzten 15 Jahren konnten dank Marktanreizprogrammen und Massenproduktion die Kosten für Solarmodule um 90 Prozent gesenkt werden. Um die Energiewende in allen Sektoren mit bis zu 100 Prozent CO2-Freiheit zu realisieren, müssen wir in Deutschland mehr als zehnmal so viel Photovoltaik installieren, als wir heute haben. Das ist auch ohne Probleme machbar. Wir werden dabei allerdings nicht nur beim Ausbau auf Dächern und Freiflächen stehen bleiben. Solarmodule werden auch jetzt schon und künftig noch mehr in unsere bereits bebaute Umwelt integriert werden: in Fassaden von Gebäuden, als Panoramadächer in Autos, als schwimmende Einheiten auf nicht anderweitig genutzten Gewässern oder als Agrophotovoltaik, die mit aufgeständerten Modulen auf Agrarflächen eine doppelte Landnutzung erlaubt. Es ist ein riesiger Markt im Entstehen, für den die Technologie immer noch hier in Europa entwickelt und vorangetrieben wird. Die produzierenden Firmen aber sitzen derzeit in Asien. Es bedarf industriepolitischer Entscheidungen – konkret einer Wiederansiedlung der Produktion in Europa – um uns nicht für alle Zukunft bei unserer Energieversorgung ähnlich abhängig zu machen wie heute von Öl und Gas.

Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB)

Zurück zum Wesentlichen

Im Bau- und Immobiliensektor ist Nachhaltigkeit das Gebot der Stunde. Dabei geht es um mehr als Energieeffizienz, nämlich um Qualität. Es geht um die Umwelt, eine langfristige Wirtschaftlichkeit und nicht zuletzt die Menschen, die die Gebäude nutzen. Verschiedenste Technologien können helfen, den nachhaltigen Weg möglich zu machen. Dabei entsteht Innovation oft mit der individuellen Bauaufgabe, denn praktisch jedes Gebäude ist ein Unikat. Trotzdem muss nicht jedes Mal das Rad neu erfunden werden. Es geht darum, für die jeweilige Bauaufgabe die intelligenteste, nachhaltigste Lösung zu finden, anstatt sich gleich in die Suche nach der neuesten technologischen Finesse zu stürzen. Denn nicht alles, was smart ist, macht auch Sinn. Vieles ist Spielerei, wartungsintensiv und beim Einbau im Grunde schon veraltet. Vielmehr beschäftigen sich die wirklich spannenden Innovationen im Bauen beispielsweise mit den Ideen einer Circular Economy. Unsere Ressourcen sind endlich. Deshalb muss lineares Wirtschaften in zirkuläre Geschäftsmodelle überführt werden. Erste Lösungen gibt es, viele weitere werden folgen müssen. Genauso wichtig sind Architekten und Planer, die verstehen, Gebäude so zu konzipieren, dass ihnen der Weg in die Klimaneutralität gelingt – zum Beispiel über Lowtech-Ansätze. Und es gibt genug Beispiele, die zeigen, dass dies ohne Abstriche im Wohlempfinden der Nutzer möglich ist.

Dr. Andreas Kronenberg, Leser

Renaissance "alter" Ideen

Können wir in der Zukunft wirklich sensationell Neues erwarten, wo MINT Fächer kaum noch jemanden interessieren und wir das Denken den Computern überlassen? Wer hinterfragt denn noch Dinge oder überlegt gar wie man etwas besser machen könnte? Die Klimadiskussion zeigt wie wir uns in diffusen Ängsten verlieren. Die Klimadiskussion, der ich persönlich sehr skeptisch gegenüberstehe, wird – meiner Meinung nach – aber bewirken, dass wir wieder zur Technik zurückfinden. Und daher glaube ich fest, dass wir eine Renaissance von Ideen wie Überschall-Flugzeugen, Transrapid, Kerntechnik u.v.m. erleben werden. Auch wenn ich den Verbrennungsmotor nicht als das Übel aller Dinge sehe und seine Öko/live cycle – Bilanz sogar sachlich falsch in den Medien dargestellt sehe, wird es eine Verknappung von Öl geben, weshalb ich daran glaube, dass wir die Kernenergie nicht nur als Energiequelle wiederentdecken, sondern sogar als Antriebssystem. Nuklear angetriebene Autos, Züge, Flugzeuge sind Ideen der 60’er Jahre, aber erst jetzt haben wir die Materialien und die Erfahrungen um es universell sicher zu machen. Das Atomschiff „Otto Hahn“ gab es ja sogar in Deutschland für einige Jahre. Ich glaube auch daran, dass wir uns vom elektrischen Strom verabschieden müssen, weil die Leitungsverluste einfach zu groß sind. Wir werden Licht aus Plasmareaktoren übertragen und erst beim Verbraucher das Licht in andere Energieformen umwandeln.

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Wie lebt man mit Diabetes?

Wenn Zuckerkranke Zucker essen dürften, wären sie wohl kaum zuckerkrank. Richtig? Falsch, nur auf die richtige Menge kommt es an. Dafür, dass fast zehn Prozent aller Deutschen an der Stoffwechselerkrankung leiden, weiß die Allgemeinheit erstaunlich wenig darüber. Helfen Sie, daran etwas zu ändern, und schreiben Sie uns über Ihr Leben als Diabetiker – oder einfach, weil Sie sich auskennen.

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Barbara Bitzer, Geschäftsführerin Deutsche Diabetes Gesellschaft

Das Versorgungsnetz muss stimmen

Bei Diabetes Typ 2 ist ein gesunder Lebensstil die erste Maßnahme, um die Erkrankung hinauszuzögern. Betroffene sollten zunächst ihre Ernährung umstellen und sich mehr bewegen. Diese eigenverantwortliche Basistherapie trägt schon viel dazu bei, den Blutzuckerspiegel zu senken. Doch eine disziplinierte Umsetzung im Alltag ist nicht leicht und reicht allein oft nicht aus. Vor allem bei einem Typ-1-Diabetes, der meist bereits im Kindes- und Jugendalter diagnostiziert wird, kommt hinzu, dass die chronische Erkrankung lebenslang in allen Lebenslagen gemeistert werden muss. Hierzu gehören mehrmals tägliche Blutzuckermessungen, die Insulintherapie, regelmäßige Arztbesuche, vorausschauende Planung von Tagesablauf, Mahlzeiten und sportlichen Aktivitäten, Einschränkungen bei der Berufswahl und vieles mehr. Die täglichen Herausforderungen, die Diabetes mit sich bringt, ruft oft Ängste, Sorgen und Unsicherheiten hervor. Betroffene sollten uneingeschränkt vom Zusammenspiel ambulanter und stationärer medizinischer und psychologischer Hilfe profitieren können. Dazu gehört, dass Diabetesabteilungen nicht aus ökonomischen Gründen wegrationalisiert werden dürfen. Es gilt auch, Forschung und Lehre zu stärken. Die Politik ist gefragt, endlich die im Koalitionsvertrag verankerte „Nationale Diabetesstrategie“ zu verabschieden, um den über sieben Millionen Betroffenen flächendeckende und bestmögliche Versorgung und Lebensqualität zu ermöglichen.

Hellmut Mehnert, Ehrenpräsident Deutsche Diabetes Union und Deutscher Dachverband Endokrinologie/Diabetologie

Besser beherrschbar

In der wechselvollen Geschichte des Diabetes spielt das Jahr 1921 eine entscheidende Rolle. Hier wurde das Insulin in eine injizierbare Form gebracht, wodurch Hunderttausenden Diabetikern ein Überleben ermöglicht wurde. Die Insuline wurden dann weiterentwickelt – bis hin zu den Analog-Insulinen, die jetzt vorwiegend in Gebrauch sind. Diabetiker leben heutzutage in vielen Bereichen anders als früher. Dazu beigetragen haben auch orale Antidiabetika. Hier hat es bedeutsame Fortschritte gegeben. Während die sogenannten Gliptine die körpereigene Insulinsekretion ohne Unterzuckergefahr anregen, wirken die Gliflozine durch eine vermehrte Zuckerausscheidung im Harn blutzuckersenkend und gewichtsreduzierend sowie günstig auf die Herz-Kreislauf-Situation. Diese Substanzen können zusammen mit Metformin sogar zu einer Triple-Therapie zusammengeführt werden, wodurch die sonst fällige Insulinbehandlung hinausgeschoben werden kann. Unentbehrlich ist inzwischen die Blut- oder Gewebezuckerselbstmessung. Hier wird auf dem Oberarm ein Sensor angebracht, von dem man mit einem Scanner die Gewebezuckerwerte unblutig messen kann. Bei Behandlung der diabetischen Netzhauterkrankung hat sich im Laufe der Jahre eine Lasertherapie durchgesetzt, mit der krankhaft veränderte Areale verödet werden. Sonst gilt, dass neben der guten Einstellung des Blutzuckers ohne Über- und Unterzuckerungen auch die Blutfette und der Blutdruck annähernd normalisiert werden sollten.

Rita Korus, Leserin

Eine Zahl ändert alles

Der Unterschied zwischen Diabetes Typ 1 und Typ 2 ist immens, denn eigentlich muss man hier von zwei unterschiedlichen Krankheiten sprechen. Schockierend ist vor allem, dass eine Typ-2-Erkrankung oftmals selbstverschuldet ist.

Jens Kröger, Vorstandsvorsitzender Deutsche Diabetes-Hilfe (diabetesDE)

Die Forschung liefert

Von den über sieben Millionen Betroffenen in Deutschland haben etwa 90 Prozent Diabetes Typ 2. Für das Jahr 2040 wurden jüngst 12 Millionen prognostiziert. Auslöser sind neben Übergewicht, mangelnder Bewegung oder genetischer Disposition auch Umweltfaktoren wie Stickoxide und Feinstaub. Wir gehen davon aus, dass es Untergruppen gibt, die in Zukunft noch gezielter anhand von klinischen Markern therapiert werden können. Zwar kann man diesen Diabetes-Typ durch eine radikale Lebensstiländerung zeitweise zurückdrängen, dauerhafte Heilungen aber sind selten. Aus einer aktuellen Umfrage bei über 1.500 Menschen mit Typ-2-Diabetes geht hervor, dass sich 71 Prozent bei dem Gedanken an Folgeerkrankungen sehr belastet fühlen. Dagegen helfen neue antidiabetische Medikamente, die zum Beispiel Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen nachweisbar länger leben lassen. Sie sind mittlerweile wichtige Bausteine in der Diabetestherapie. Der Diabetes Typ 1 ist dagegen eine Autoimmunerkrankung mit „absolutem Insulinmangel“. Eine Heilung ist bisher nicht möglich. Eine wichtige Unterstützung der Insulintherapie sind hier die kontinuierliche Glukosemessung (CGM) und Insulinpumpen. Ein erster wichtiger Schritt in der Versorgung Richtung künstliche Bauchspeicheldrüse ist dieses Jahr in Deutschland erfolgt. In Zukunft werden die Analyse von Glukosedaten und Bewegungs- und Ernährungsinformationen durch Computer wertvolle Therapieunterstützungen liefern.

Johann Lafer, Spitzenkoch

Weniger ist mehr

Eine diabetesgerechte Ernährung darf nicht mit völligem Verzicht gleichgesetzt werden. „Bewusst“ ist das Schlagwort, was aber für jeden Menschen gilt. Bewusst leben, bewusst essen. Für Diabetiker ist besonders ein bewusster Umgang mit Kohlenhydraten wichtig, damit der Blutzuckerspiegel stabil bleibt. Circa die Hälfte der Nahrung sollte aber wie auch bei Nicht-Diabetikern aus gesunden Kohlenhydraten wie etwa Vollkornprodukten bestehen, denn sie enthalten viele Nährstoffe. Für Menschen mit Diabetes Typ 2, also dem nicht angeborenen Typus, kann die richtige Ernährung die Lebensqualität steigern. Dabei ist die vegetarische Küche ein Glücksfall. Wer viel Gemüse – sei es gegart, gekocht, als Salat oder Suppe – isst, verhindert eine Übersäuerung des Körpers und fördert den Basen-Haushalt. Auch gesundes Fasten setzt auf eine basische Ernährung. Beim Intervallfasten wird beispielsweise ab 18 Uhr gar nichts mehr gegessen. Somit haben die Zellen genügend Zeit, sich zu regenerieren. Ich für meinen Teil schwöre auf Heilfasten. Wenn ich heilfaste, dann esse ich morgens einen Haferbrei, mittags eine eiweißreiche Kost und abends eine Basensuppe, begleitet von stillem Wasser oder Tee. Und das Tolle daran ist: Nach einer solchen Kur schmeckt das Mineralwasser wie Champagner. Egal also, ob man Diabetes hat oder nicht: Ab und zu auf etwas zu verzichten, tut gut. Und dann spürt man, dass der Spruch „Weniger ist mehr“ keine bloße Plattitüde ist.

Matilde Tropf, Leserin

Gut informiert

Langsam scheint es Politik und Wirtschaft zu dämmern, dass die zunehmenden Diabetes-Erkrankungen in der westlichen Hemisphäre etwas mit den Produkten der Lebensmittelindustrie zu tun haben könnten. In fast jedem käuflichen Erzeugnis der bedeutenden Nahrungshersteller findet sich der süchtig machende Zucker. Wir alle sollten als mündige Konsumenten handeln und nicht als Zuckerjunkies am Gängelband der Industrie.

Rüdiger Landgraf, Mitglied des Kuratoriums Deutsche Diabetes-Stiftung

Spiegelbild Haut

Diabetes mellitus ist ein Sammelbegriff für vielfältige Stoffwechselveränderungen. Diabetes-assoziierte Krankheiten sind daher zwar häufig, aber werden seltener mit Diabetes in Verbindung gebracht. So treten bei bis zu 80 Prozent der Menschen mit Diabetes Hautveränderungen auf. Die Funktionen der Haut können beeinträchtigt sein, was zu trockener, schuppiger, fettarmer Haut führt, die häufig juckt, leicht verletzlich ist und Risse bildet: eine Eintrittspforte für Pilze und Bakterien. Daneben kann es auch zu blasen- oder knotenbildenden Entzündungen der Haut kommen, deren Ursachen häufig ungeklärt sind. Sichtbar und damit für den Patient störend sind Pigmentstörungen. Vor allem bei langer Diabetesdauer wird die Haut weniger elastisch und verdickt sich an vielen Stellen. Diese Störungen können auch Sehnen und Gelenkkapseln betreffen und zu schnellendem Finger, steifen Gelenken und der Einklemmung von Nerven führen. Daneben gibt es noch eine Vielzahl weiterer Probleme an der Haut, die zum Teil mit der Güte der Stoffwechseleinstellung korrelieren oder auf allergisch-toxische Reaktionen auf Medikamente zurückgehen. Die Verbesserung des diabetischen Stoffwechsels und Früherkennungsstrategien haben diabetische Komplikationen an der Haut deutlich verringert. Es liegt aber insbesondere an den Betroffenen selbst, wie gut geschult sie sind, um die vielfältigen Probleme rechtzeitig zu erkennen und sich medizinische und psychosoziale Hilfe zu holen.

Elke Heida, Leserin

Warum hört man in den Medien kaum etwas über Diabetes, obwohl es als Volkskrankheit gilt? Es ist schon so viel passiert an Forschungsarbeit, die Wissenslage hat sich enorm verbessert und trotzdem werden es Jahr um Jahr mehr Diabetiker.

Stefanie Blockus, Diabetes-Patientin und Leistungssportlerin

Jetzt erst recht

Ich war 14 Jahre, als mein Arzt Diabetes Typ 1 diagnostizierte. Ich wusste nichts über die Autoimmunkrankheit. Erst in der Klinik verriet man mir, was mich fortan erwartete: Blutzucker messen, Tagebuch schreiben, Insulin spritzen, Diät einhalten. Mein Tagesablauf änderte sich von nun auf gleich. Es war keine einfache Zeit. Bis heute hat sich viel in der Diabetes-Therapie zum Positiven verändert. Es gibt neue Insuline, keine strikten Ernährungsregeln mehr, die Digitalisierung und die fortgeschrittene Technik erleichtern den Alltag ungemein. Diabetes ist jedoch weiterhin ein 24/7-Job ohne Urlaub, der einem viel abverlangt. Ich stehe heute mitten im Leben, der Diabetes ist „nur“ mein ständiger Begleiter, der mal mehr und mal weniger Aufmerksamkeit fordert. Ich passe den Diabetes an mein Leben an, nicht umgekehrt – natürlich immer mit Blick auf die Blutzuckerwerte. Höhen und Tiefen gehören dazu. Die Tiefen bewältige ich mit Hilfe der Diabetes-Community, die sich austauscht, Mut macht und füreinander da ist. Ich bin als Redakteurin im Diabetes-Bereich tätig, Fitnesstrainerin, habe an Marathons und Radrennen teilgenommen. Ich werde oft gefragt, was mich zu all dem motiviert, wenn die Krankheit im Alltag doch schon genug abfordert. Es ist der Diabetes selbst und eine gute Mischung aus Trotzreaktion, Ehrgeiz, Motivation und Beharrlichkeit, die mir das Diabetesmanagement jeden Tag aufs Neue abverlangt. www.diabetes-leben.com

Hans Röhr, Leser

Neue Erfahrung

Ich habe mich eigentlich noch nie wirklich mit dem Thema Diabetes auseinandergesetzt. Klar, ich wusste, dass es das gibt, aber hätte bis vor einiger Zeit nicht zwischen Typ 1 und Typ 2 unterscheiden können. Dann wurde bei meiner Cousine Diabetes Typ 2 festgestellt und die Krankheit hielt Einzug in meine Familie. Erst jetzt weiß ich, was Diabetes bedeutet und welche Auswirkungen die Krankheit auf den Körper und das komplette Leben nimmt. Mir sind dabei zwei Dinge aufgefallen. Erstens habe ich festgestellt, dass auch ich aufgrund meines Lebensstils – übergewichtig und sportfaul – nicht unerheblich gefährdet bin, selbst in naher Zukunft an Diabetes zu leiden. Und zweitens merke ich, dass dieses Thema in der Gesellschaft viel zu stiefmütterlich behandelt wird. An beidem muss sich etwas ändern.

Thomas Danne, Kinderdiabetologe

Erschwerte Bedingungen

In Deutschland sind mehr als 30.000 Kinder und Jugendliche am Diabetes Typ 1 erkrankt. Gerade Jugendliche leiden an der Autoimmunerkrankung, da sie oft mit dem Wunsch nach einem flexiblen Lebensstil kollidiert. Wer Diabetes hat, muss sich an bestimmte Regeln halten, zum Beispiel regelmäßig den Glukosespiegel messen und Insulin spritzen. Hinzukommt, dass die Hormone in der Pubertät die Insulinempfindlichkeit senken. Das erschwert nochmal die Behandlung. Aber auch Eltern trifft die Erkrankung ihres Kindes. Laut der 2018 bundesweit durchgeführten AMBA-Studie zu beruflichen, finanziellen und psychischen Folgen der Stoffwechselstörung ihres Kindes haben sich die Belastungen der Eltern im Vergleich zu Daten aus dem Jahr 2004 noch verstärkt. Und: Je jünger ein Kind an Diabetes erkrankt, umso ausgeprägter sind die Folgen, insbesondere für Mütter. Knapp 40 Prozent reduzieren in Folge der Diabetesdiagnose ihre Berufstätigkeit, etwa zehn Prozent geben sie ganz auf. Bei Vätern ergeben sich dagegen kaum Veränderungen. Aber es gibt auch Fortschritte zu vermelden, zum Beispiel im medizinisch-technischem Bereich. Sehr viele Kinder tragen inzwischen eine Insulinpumpe, die in regelmäßigen Abständen Insulin in den Körper abgibt. Ihr Leben ist dadurch weniger einschränkt. Außerdem gibt es kaum einen Beruf, der später nicht infrage kommt. Kinder mit Diabetes können genauso gut Nobelpreisträger oder Olympiasieger werden wie Kinder ohne Diabetes.

Udo Goldstein, Leser

Das Leben geht weiter

Ich habe seit 24 Jahren Diabetes und lebe damit sehr gut. Als mich die Diagnose erreichte und ich ins Krankenhaus zur stationären Einstellung überwiesen wurde, war mir, auch dank einer guten Therapie, schnell deutlich geworden, dass ich so viel wie möglich an Backgroundinformationen über Diabetes benötige, um mich neu auszurichten – vor allem, was die Essensgewohnheiten betraf. Ich habe unterschiedlichste Nährwerttabellen gekauft, um für mich selbst festzulegen, wie ich mich am besten ernähren kann. Dieses ist heute natürlich alles wesentlich einfacher. Es gibt sehr gute Apps, zum Teil kostenlos, die die Speisen und Getränke sehr komfortabel in Broteinheiten und in Kalorien umrechnen. Geholfen hat mir damals auch ein sehr gutes Buch einer Ärztin, die selbst Diabetikerin ist und intensiv Sport treibt. Sie beschreibt dort die Mechanismen, die diese Krankheit auslösen, aber auch die essenziellen Dinge, die bei Diabetes zu beachten sind. Auch die heutigen Möglichkeiten von Messgeräten, die über Sensoren am Körper sowohl bei hohen als auch bei niedrigen Zuckerwerten mit einem automatischen Signalton warnen, erleichtern die eigene Therapie. Als Fazit kann ich festhalten, dass, wenn keine weiteren körperlichen Dysfunktionen vorliegen, man mit dieser Krankheit gut leben kann.

Udo Walz, Star-Friseur & Autor

Ja statt jammern

Vor etwa 25 Jahren saß ich mit der Schauspielerin Inge Meysel beim Abendessen. Als sie bemerkte, dass ich in kürzester Zeit drei Liter Wasser trank, sagte sie: „Lass dich mal testen. Ich glaube, du hast Diabetes.“ Und sie hatte recht: Ich habe Diabetes. Doch das ist mir wurscht. Ich lebe damit und lass mich nicht einschränken – weder im Privaten noch bei der Arbeit. Klar, ein paar Sachen sollte man schon ändern, aber es ist, glaube ich, ein Fehler, diese Änderungen als Einschränkung wahrzunehmen. Ändern kann man an den Änderungen ja eh nichts – und durch Jammern sinkt der Blutzuckerspiegel auch nicht. Also trage ich eine kleine Insulin-Pumpe am Gürtel und esse einfach weniger Kohlenhydrate, damit es mir besser geht. Ein Leben mit Diabetes ist also auch nicht kompliziert. Es gibt lediglich ein paar Spielregeln, an die man sich halten sollte. Neuerdings mache ich regelmäßig Sport, meistens schwimme ich – auch wenn Sport in mir noch nie diese Freudensprünge ausgelöst hat wie gutes Essen. Wenn ich zu meinem Lieblingsitaliener gehe, dann bestelle ich keine Pizza oder Pasta. Dafür stelle ich mir mein eigenes Gericht ohne Kohlenhydrate zusammen – das klappt und schmeckt wunderbar. Und wenn mich dann doch mal die Lust auf ein Gläschen Wein packt, dann bestelle ich eine Weinschorle. Ja, vielleicht bin ich in den letzten 25 Jahren mit Diabetes kompromissbereiter geworden. Aber das sehe ich nicht als Schwäche, sondern als Stärke.

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