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Was ist die Zukunft des Wohnens?

In Deutschlands Großstädten fehlen bereits heute knapp zwei Millionen bezahlbare Wohnungen, während gleichzeitig Mieten und Wohnungspreise immer weiter steigen. Eine ganze Wagenladung an Konzepten – von der Nachverdichtung bis zum Bau winziger Tiny Houses – verspricht Linderung. Verraten Sie uns, welche Ideen das Zeug dazu haben, zur Zukunft unseres Wohnens zu werden.

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Manfred Jost, Präsident Verband Wohneigentum

Vision Smart Home

Freitagnachmittag, 15:30 Uhr. Auf dem Heimweg von der Arbeit nimmt Uwe mit seinem Smart-phone Kontakt mit der „Zentrale“ seines Hauses auf: „Hallo (Alexa, Siri oder dergleichen), akti-viere Plan B fürs Wochenende, Raum fünf und sechs sind nicht belegt (die Kinder sind bei den Großeltern). Heute Abend kommen Gäste. Überprüf den Inhalt des Kühlschranks und sende mir eine Liste seines Inhalts. Pass die Heizzeiten für heute Abend an und deaktiviere die Alarmanla-ge (Wintergrill im Garten). Starte die Waschmaschine, nachdem die Autobatterie geladen ist. Ab 0:00 Uhr kann die Tiefkühltruhe auf minus 36 Grad heruntergekühlt werden.“ Vision oder bald Alltag? Smartphones steuern bereits heute Heizungs-, Lüftungs- und Alarmanlagen, smarte Tür-klingeln, Kameraüberwachungen, Bewegungsmelder. Sie überwachen die Luftqualität einzelner Räume, schlagen Alarm bei Fehlfunktionen. Doch mehr elektronische Geräte verbrauchen mehr Energie. Die zunehmende Digitalisierung der Gebäudetechnik erhöht den Nutzungskomfort und versucht, den Energieverbrauch zu zügeln. Die Gebäude werden insofern energieeffizienter, als deren Energie nur dann und dort verbraucht wird, wenn und wo sie vor Ort vorhanden ist. Wohnraum muss so flexibel sein, dass er sich unseren Bedürfnissen anpasst und nicht umge-kehrt. Künftig werden Digitalisierung und Vernetzung der Gebäudetechnik immer wichtiger und können einen Beitrag für die Versorgungssicherheit der Quartiere leisten.

Karsten Tichelmann, Professor für Architektur, Technische Universität Darmstadt

Nach innen wachsen

Was wäre, wenn bis zu 2,5 Millionen neue Wohnungen in ungesättigten Wohnungsmärkten entstehen, also dort, wo sie dringend benötigt werden? Ohne zusätzliche Pendlerströme, ohne neues Bauland auszuweisen und ohne zusätzliche Flächen zu versiegeln. Und das kostengünstig und energieneutral, weil das Grundstück und die Infrastruktur zum Wärmen und Versorgen schon vorhanden sind. Der Schlüssel für mehr Wohnraum in unseren Städten ist die Innenentwicklung, eine höhere Flächeneffizienz und Dichte. Diese neuen Wohnungen entstehen auf vorhandenen Wohngebäuden und im Kontext von Nichtwohngebäuden – doch eine höhere städtische Dichte muss gut gemacht sein. Was können wir von Stadtteilen wie Kreuzberg in Berlin, Bornheim in Frankfurt am Main, Schwabing in München oder Eimsbüttel in Hamburg lernen? In diesen Stadtteilen wird gerne gewohnt und gelebt. Sie sind gemischt in jeder Hinsicht und weisen eine dreifach höhere Einwohnerdichte auf als der restliche Teil ihrer Stadt. Dichte ist durchaus attraktiv und bereichernd. Die städtischen Transformationen hin zu mehr qualitätsvoller Dichte und Mischung ist gleichzeitig die Chance für mehr Attraktivität und baukulturelle Gestaltungsqualität, für ernsthaften Klimaschutz und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Aber dafür bedarf es Bewusstsein, Sensibilität und Unterstützung. 2,5 Millionen bezahlbare Wohnungen hängen von unseren gesellschaftlichen Entscheidungen und der Qualität der politischen Umsetzung ab.

Lukas Siebenkotten, Präsident Deutscher Mieterbund

Ende der Schonzeit

Um angesichts der Wohnungskrise in Deutschland effektiv gegensteuern zu können, bedarf es auch radikaler Lösungen, die sowohl die extremen Mietpreissteigerungen als auch die nicht hinnehmbare Verdrängung von Mietern stoppen. Insbesondere muss der Bestand an öffentlichen Wohnungen in der Hand von Bund, Ländern und Kommunen deutlich erhöht werden. Eine Chance, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und zu erhalten, liegt in der Wiedereinführung eines gemeinnützigen Wohnungssegments mit dauerhaften Sozialbindungen. Für kommunale und kirchliche Wohnungsunternehmen, Genossenschaften oder Stiftungen müssen unternehmensbezogene Förderinstrumente entwickelt werden, damit dauerhafte Anreize zum Erhalt preiswerter Wohnungsbestände mit unbefristeten Mietpreis- und Belegungsbindungen entstehen. Eine entscheidende Rolle spielt außerdem die Bodenpolitik. So dürfen öffentlicher Boden nicht länger privatisiert und kommunale Grundstücke nur noch in Erbpacht vergeben werden. Baureife Grundstücke dürfen nicht aus Spekulationsgründen brachliegen – hier brauchen wir verpflichtende Baugebote. Des Weiteren muss der aktuelle, galoppierende Mietenanstieg durch einen bundesweiten Mietenstopp von zunächst fünf bis sechs Jahren bekämpft werden, der allenfalls noch Mieterhöhungen in Höhe der Inflationsrate zulässt. Der Bund muss hier die entsprechenden Gesetzesänderungen herbeiführen. Dann verdient der Begriff Soziales Mietrecht weiterhin seinen Namen.

Stefan Hochstadt, Leser

Gemeinsam statt teuer

Angesichts steigender Wohnkosten wird die Zukunft des Wohnens in der Überwindung des Privaten, nein, des Privatistischen liegen. Wohnen kostet Geld, Flächen, Materialien und Energie, also Ressourcen. Mehr Wohnfläche bedeutet mehr Baustoffe, bedeutet mehr Ausbeutung der natürlichen Speicher. Mehr Wohnfläche bedeutet mehr Energiebedarf trotz besserer Dämmung, bedeutet also mehr CO2-Ausstoß und damit einen (zu) hohen Beitrag zur globalen Erwärmung. Mehr Wohnfläche bedeutet mehr Gebäude und mehr Versiegelung, weniger Natur. Unsere Wohnungen gleichen immer mehr Warenhäusern mit einer zunehmend unüberschaubar werdenden Zahl von Gegenständen, für die wir Platz bereithalten müssen. Das ist oft genug ökonomisch nicht gerade rational, vor allem aber ist es ökologisch und sozial kontraproduktiv. Künftig werden wir unsere privaten Räume begrenzen auf kleine Rückzugsräume. Die meisten unserer täglichen Aktivitäten lassen sich gemeinsam in bester und komplexester Weise effizienter erledigen. Eine gemeinschaftlich genutzte Küche braucht weniger Platz, bringt Menschen zusammen und Vielfalt in die Köpfe und auf den Tisch. Gemeinsam genutzte Waschmaschinen, Trockner, Geräte jeglicher Art schonen den Geldbeutel und die Umwelt und sorgen ganz nebenbei für soziale Kompetenz. Wir überwinden die Marktförmigkeit des Lebens, indem wir wiederentdecken, was früher durchaus selbstverständlich war: das gemeinsame, das gute Leben.

Julia Krüger, Leserin

Der ökologische Fußabdruck prägt das Wohnen der Zukunft. Die Erstellung von Wohnraum und sein Betrieb sollten so klimaneutral wie möglich sein.

Arnt von Bodelschwingh, Stadtforscher

Wohnen beim Arbeitgeber

Die Gesellschaft verändert sich und damit auch das Wohnen. Für kleinere, ältere oder mobilere Haushalte brauchen wir in Zukunft andere Wohnungen als noch vor wenigen Jahrzehnten. Wenn wir heute angesichts großer Nachfrage neu bauen, muss es also darum gehen, dass diese Wohnungen auch in Zukunft zum Bedarf passen. Und um bezahlbare Angebote dort zu schaffen, wo sie benötigt werden, brauchen wir möglichst viele (neue) Akteure, die zur effektiven Marktentlastung beitragen. Hier beobachten wir derzeit einen Trend: Vom Handwerksbetrieb bis zum Dax-Konzern erkennen immer mehr Arbeitgeber die Herausforderungen, die ihre Belegschaften beim Thema Wohnen haben, und reagieren darauf, indem sie selbst aktiv werden. Gerade dort, wo geeigneter Wohnraum knapp ist, erweisen sich Mitarbeiterwohnungen zunehmend als ein gewichtiger Vorteil beim Wettbewerb um die besten Köpfe. Die Beschäftigten profitieren von bezahlbaren unternehmensnahen Wohnungen, die zu ihren Bedürfnissen passen. Für den Arbeitgeber sind sie ebenfalls ein Gewinn, denn er baut so eine stärkere Bindung zu umworbenen Fachkräften auf. Auch die Städte profitieren, weil es auf jede zusätzliche Wohnung ankommt. Die realisierten Lösungen reichen von Neubauten auf unternehmenseigenen Reserveflächen bis hin zum überbauten Parkplatz für das Azubi-Wohnen. All das sind gute Beispiele für unorthodoxe, aber passgenaue Lösungen, die auf dem Wohnungsmarkt der Zukunft dringend benötigt werden.

Michael Gregor, Leser

Anders bauen

Meiner Ansicht nach kann unsere gegenwärtige Art des Bauens und Wohnens nicht fortgeführt werden. Obwohl immer mehr Menschen vom Land (oder Ausland) in die Großstädte ziehen, wird der wenige frei werdende Baugrund oft zur Errichtung von überdimensionierten Luxusapartments genutzt, bei denen sich wohlsituierte Pärchen erquicken können. Gleichzeitig werden in den ländlichen Regionen immer noch neue Baugebiete ausgewiesen, in denen sich Familien den Traum vom eigenen Haus verwirklichen, Geschossbauweise gilt dort oftmals immer noch als Tabu. Und die dortigen Baupreise werden dann noch durch ein umsinniges Baukindergeld angeheizt. Etwas mehr Bescheidenheit beim Wohnen, verbunden mit einer nachhaltigeren Bauweise, könnte schön viel bewirken.

Siegbert Lühne, Leser

Der Preis der Vielfalt

„Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso töten wie mit einer Axt.“ Mit dieser Äußerung spielte der hauptsächlich im Berliner „Milljöh“ tätige Künstler Heinrich Zille auf die katastrophalen und krankmachenden Wohnverhältnisse in der Zeit um 1900 an. Heutzutage sind wir von solchen Zuständen natürlich weit entfernt. Es ist dennoch höchst bedenklich, wenn selbst Polizisten und andere Staatsbedienstete sich in der Innenstadt keine Wohnung mehr leisten können. Die Verdrängung aus den Innenstädten greift auch schon im Mittelstand um sich. Ob Mitpreisbremsen diesen Trend in der Zukunft umkehren können oder sich nur noch die Finanzelite in der City eine Wohnung leisten kann, wird neben Bürgerinitiativen und der Politik auch Gerichte beschäftigen. Ich kann nur hoffen, dass unsere lebenswerten Städte auch in Zukunft von Menschen aller Couleur bewohnt werden. Egal ob Rentner, Student, Banker oder Müßiggänger. Die bunte Mischung verschiedener Lebenswelten macht das Flair einer wahren Metropole aus.

Klaus Wetterling, Leser

Große Gegensätze

Die Größe der Wohnungen und die Zahl der Autos ist in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gewachsen. Trotz eines Ausbaus der Straßen in die Ballungszentren haben die Staus durch die allgemeine Verkehrszunahme und den zusätzlichen Pendlerverkehr so zugenommen, dass Bürger diesem Stress ausweichen wollen, indem sie versuchen, in die Zentren umzuziehen. Somit bleiben die Mieten dort hoch und zwingen die Gemeinden, Maßnahmen zu treffen, damit Beschäftigte der Schulen, Krankenhäuser oder Müllabfuhren in der Stadt ihres Arbeitsplatzes verbleiben. Die Auseinandersetzungen um die Mieten, die Verdichtung beim Bauen und die Erhaltung von Frei- und Grünflächen werden eher zu- als abnehmen. In Städten wie München, Berlin und Frankfurt am Main sieht man, dass die Gemeindevertreter gewählt werden, die versprechen, zukünftig wieder mehr Wohnanteile preiswert zur Verfügung zu stellen. Außerhalb der urbanen Zentren stellt sich die Situation anders dar: Der ländliche Raum leidet unter Abwanderung und unzureichender Infrastruktur, es fehlt zum Teil an Arbeitsplätzen. Hilfreich wären Ansätze, die Verlagerung von Bundes- und Landesbehörden in diese Gebiete durchzusetzen. Dies würde den Wohnungsbau in den Gemeinden um die Ballungsgebiete stärken und ihre Einwohnerzahlen stabilisieren.

Francesco Piccolin, Leser

Fehlendes Puzzleteil

In einer nach Flexibilität schreienden Arbeitswelt braucht es auch eben- so flexible Wohnkonzepte für all die Teilzeit-Arbeitsnomaden. Gerade für Arbeitnehmer, die temporär oder zur Einarbeitung in eine andere Stadt zie- hen müssen, ist es schwer, überhaupt eine Wohnung zu finden. Wer bei den oft schmalen Angeboten für Zwi- schenmieten bei Privatpersonen nicht fündig wird, dem bleiben oft nur Fe- rienwohnungen als Alternative. Doch die sind für diese Zwecke gar nicht gedacht und völlig überteuert. Denn was für Urlaubsaufenthalte praktisch erscheint, stellt bei mehrmonatiger Miete eine enorme finanzielle Be- lastung dar – und zwar nicht nur für den Arbeitgeber. Im Zweifel muss der Arbeitnehmer selbst einen Teil der Kosten tragen. Hier müsste ein ganz neues Marktsegment entstehen – mit Wohnungen, in denen sich zu günsti- gen Mieten und flexiblen Mietdauern eine Zeit lang wohnen lässt. In jeder größeren Stadt würde ein an das Co- Working-Prinzip angelegtes Co-Li- ving-Konzept funktionieren.

Rainer Class, Leser

Verteilt euch

Wie so oft handelt es sich um ein Verteilungsproblem. Also muss gesteuert werden. Damit die Leute bereit sind, aufs Land zu ziehen, sollte der öffentliche Verkehr billiger und schneller werden. Und um dort die Haus- und Grundstücksbesitzer in Bewegung zu bringen, müssen steuerliche Anreize gesetzt werden. Vielmehr ist eigentlich nach meinem Ermessen nicht notwendig. Ich denke, dass es bei Abflauen der Konjunktur sowieso zur Normalisierung der Wohnpreise kommen wird.

Michael Hövel, Eigentümer eines energie-autarken Einfamilienhauses

Nutze die Möglichkeiten

Wenige Jahre zur Miete in einem Haus mit einer modernen Ölheizung haben uns gezeigt: Der Versuch, mit fossiler Anlagentechnik und Verbrennungsmotoren CO2 einzusparen, ist weitgehend sinnlos, wenn die CO2-Emissionen bis 2050 um 90 Prozent sinken sollen. Außerdem macht Energiesparen überhaupt keinen Spaß. Bei der Suche nach Wegen, unsere Energieversorgung in die eigene Hand zu nehmen, kamen wir auf das Sonnenhaus-Konzept. Eine Solarthermie-Anlage übernimmt in Verbindung mit einer Holzheizung die Wärmeversorgung. Photovoltaik mit Batterie versorgt das Haus komplett mit Strom und deckt zusätzlich 20.000 Kilometer E-Mobilität im Jahr – eine Unabhängigkeit, die mit einer Wärmepumpe nicht zu erreichen ist. Umstellungen in der Lebensweise erfordert das Wohnen im Sonnenhaus keine. Wir verheizen heute so viel Holz im Ofen wie früher, brauchen jetzt aber kein Öl mehr. Die seit 25 Jahren erprobte solare Haustechnik funktioniert problemlos. Einzig unsere Einstellung zu Energie hat sich geändert. Durch den Überblick über Erzeugung und Verbrauch nutzen wir die Energie der Sonne ganz intuitiv, wenn sie zur Verfügung steht. Nachdem unsere persönliche Energiewende geschafft ist, sehen wir der Zukunft gelassen entgegen. Für Wohnen und Mobilität erzeugen wir keine CO2-Emissionen mehr, unsere Energiekosten sind auf null Euro gesunken und die Wirtschaftlichkeit des Konzepts ist nach unter 20 Jahren erreicht. Wir haben unser Haus der Zukunft gefunden.

Pia A. Döll, Präsidentin Bund deutscher Innenarchitekten (bdia)

Urbane Spielwiese

Unser Leben ist individualisierter und mobiler als je zuvor. Doch auch digitale Nomaden haben den Wunsch nach einem Zuhause oder einem Rückzugsort. Das kann ein Hotel oder ein Serviced Apartment sein – je nachdem, in welchem Lebensabschnitt sie sich befinden. Einrichtungstrends sind Geschmackssache, die richtige Aufteilung und Nutzung des Raums im Zusammenspiel mit Licht, Stoffen, dem Boden und den Wänden ist das eigentliche Kunststück bei der Frage nach der Zukunft des Wohnens. Über 80 Prozent unserer Lebenszeit verbringen wir in Innenräumen. In Zukunft werden die Menschen noch stärker auf nachhaltige Materialien achten und regionale Produkte nachfragen, während Individualität weiter eine große Rolle spielt. Häuser sind immobil, Innenräume dagegen flexibel gestaltbar. Alte Möbel lassen sich recyclen, Wände einziehen oder einreißen, Räume umbauen. In den nächsten Jahren werden die Städte voller. Somit kommt dem Bauen im Bestand eine steigende Bedeutung zu. Er kann Teil des Klimaschutzes sein, da er weniger Flächenverbrauch, Energie und Stoffmengen bedeutet und damit weniger CO2-Emissionen verursacht als ein Neubau. Innenarchitektinnen und -architekten sind hier spezialisierte Gestalter und Planer – ob bei der Nachverdichtung, bei Trends wie Micro Living oder der energetischen Sanierung. Die Zukunft entscheidet sich also nicht nur am Neubau und an der Flächenerschließung, sondern an der intelligenten Nutzung unseres Bestands.

Jeannine Fiedler, Kunsthistorikerin und Kuratorin

Alles geht

Lange bevor Immersion und Kontingenz die virtuelle Realität als Medien-Hypes ablösten, hatten Moden und Interior Designs ihre Gesetzmäßigkeit verloren. Design-Epochen auszurufen, haben die in Auflösung begriffenen individualisierten Gesellschaften abgeschafft. Alles geht. Nichts anderes bedeuten die oben erwähnten Labels. Im Turbo-Kapitalismus dürfen Möblierungen ohnehin nicht von Dauer sein – wie man es einst von den kompletten Ensembles in den Wohnungen unserer Großeltern erwartete. Angesichts der Ungewissheiten unseres Daseins verheißen Möbel, Stoffe oder Teppiche andererseits die Illusion einer körperhaft überschaubaren Welt. Auf diese heimeligen Objekte werden wir so lange nicht verzichten wollen, wie die Vision des Bauhaus-Designers Marcel Breuer vom Sitzen auf einer elastischen Luftsäule virtuelle Realität geworden ist. Bevor nicht auch die Möbel- und Lifestyle-Industrien den Schwenk auf nachhaltige Materialien, also ein Umdenken fort von Masse und Konsumzyklen vollzogen haben, wird das Wohnen in biografischen Versatzstücken mit Ikea-Lieblingssessel, Selbstgetischlertem, wenigen Erbstücken und den obligatorischen Antiquitäten des 20. Jahrhunderts von Bauhaus über Skandinavien bis Eames und Bertoia vermutlich die Norm bleiben. Aber lassen sich an diesen Objekten nicht auch wunderbar Lebensleistungen und Karrieresprünge ablesen? Zudem können sie von uns Nomaden der Gegenwart flexibel in jede neue Wohnsituation eingepasst werden.

Julianne Becker, Mitgründerin eines Coworking-Projekts auf dem Land

Raus aufs Land

Ländliche Gemeinschaften erleben gerade eine Art Renaissance, die nach neuen Typen von Innovatoren ruft und zugleich auf die dort bereits aktiven Kreativen belebend wirkt. Dank neuer Technologien sind Barrieren gefallen, die einst den Fortschritt auf die Städte beschränkten. Die neuen Möglichkeiten haben eine starke Wirkung auf die Entwicklung von Projekten und Geschäftsmodellen. Dadurch ist das Potenzial entstanden, die Lücken zu füllen, die durch die massive Abwanderung in die Städte entstanden sind. Auf lange Sicht könnte so Raum für eine zunehmend offene, sichere und inklusive Gesellschaft geschaffen werden. Wir haben eine großartige Chance, den Austausch und den Transfer von Werten, Lebenstilen und Wissen voranzutreiben. Davon können Landmensch und Stadtmensch gleichermaßen profitieren. Es existiert bereits eine wachsende Gemeinde aus Machern, Aktivisten und Visionären, die ländliche Gebiete zu ihrem Zuhause gemacht und Raum für eine inklusive Entwicklung bereitet haben. Für Städter eröffnet sich hier die Chance, ihre eigenen Lebenskreise zu erweitern und zugleich ihren ländlichen Gegenübern die Hand zu reichen – denn Inklusion funktioniert nur in beide Richtungen. Die momentane Entwicklung hält permanente wie temporäre Lebenslösungen bereit, die oft im Geiste der Sharing Economy gestaltet sind. Sie bietet die großartige Chance, uns die Naturlandschaft wieder für eine längere Zeit als Lebensmittelpunkt zu erschließen.  

Romy Reimer, Soziologin und Leiterin des Modellprogramms „Gemeinschaftlich wohnen, selbstbestimmt leben“

Inklusive Quartiere

Für die Zukunft des Wohnens würde ich mir wünschen, dass sich Quartiere stärker für Menschen mit unterschiedlichen Anforderungen an das Wohnumfeld öffnen. Es braucht mehr und neue Wohnangebote für Menschen mit Unterstützungsbedarf. Ambulant betreute Wohngemeinschaften etwa ermöglichen den Verbleib im vertrauten Wohnumfeld, wenn ein Pflege- oder Betreuungsbedarf den Auszug aus der bisherigen Wohnung erforderlich macht. Damit jedoch keine „Inseln“ im Quartier entstehen, braucht es Wohnkonzepte, die die soziale Dimension des Wohnens in den Vordergrund stellen. Denn kommende Generationen werden stärker auf Unterstützungsnetzwerke jenseits der Familie angewiesen sein. Gemeinschaftliche Wohnprojekte zeigen vielerorts, wie Wohnen anders als gewohnt gedacht werden kann: Soziale Kontakte, regelmäßige Aktivitäten und wechselseitige Unterstützung im Wohnalltag sind hier eine Selbstverständlichkeit. Zunehmend entdecken auch traditionelle Genossenschaften und Wohnungsunternehmen die Vorteile gemeinschaftlichen Wohnens und integrieren Projektgruppen bei Neubauvorhaben. Weiterhin entstehen Projekte, die gemeinschaftliches Wohnen mit Angeboten zur Versorgung, Teilhabe, Pflege und Beratung verbinden. Im Modellprogramm „Gemeinschaftlich wohnen, selbstbestimmt leben“ des Bundesfamilienministeriums werden seit vier Jahren viele innovative Wohnformen gefördert. Sie zeigen, wie Wohnen in Zeiten des gesellschaftlichen Wandels neu gedacht werden kann.

Sigurd Larsen, Professor für Architektur und Raumgestaltung, Berlin International University of Applied Science

Zusammen leben

Schon in naher Zukunft werden ältere Menschen einen weitaus größeren Teil unserer Bevölkerung stellen als bisher. Diese demografische Veränderung sollten wir als Architekten als Chance sehen, die Zukunft des Wohnens und Zusammenlebens neu zu denken und mit neuen Ideen und Konzepten zu experimentieren. Um Vereinsamung und Ausgrenzung in einer alternden Gesellschaft zu verhindern, sollten wir verstärkt in Gemeinschaften statt in kleinen Familienstrukturen denken. Gleichzeitig verändert sich unsere Beziehung zu Eigentum und Besitz. Gemeinsam genutzte Räume, innen wie außen, ersetzen nicht nur private Quadratmeter, sondern werden zu gemeinschaftsfördernden Treffpunkten. Lokal produzierte Lebensmittel können dank moderner Technologie mehr und mehr in unseren Lebensraum einziehen, durch die Gemeinden mitgetragen werden und gleichzeitig die Lebensqualität verbessern. Diese neue Senioren-Generation unterscheidet sich von vorherigen. Ein gesteigertes Gesundheitsbewusstsein und moderne Medizin haben nicht nur die Lebenserwartungen angehoben, sondern tragen auch dazu bei, dass unsere Ältesten fitter und agiler sind. Die Art und Weise, wie wir in Zukunft Wohn- und Lebensraum gestalten, ermöglicht es uns, diese Generation als wichtigen Teil unserer Gesellschaft zu integrieren. Es ist ein jahrhundertealtes Lebensmodell, nur dieses Mal denken wir es vertikal und dicht beieinander in grünen Städten, voll von Bewegung, Kultur und Freizeit.

Michael Voigtländer, Forschungsleiter Finanz- und Immobilienmärkte, Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Schnell und günstig

Günstige Wohnungen sind in Deutschland Mangelware und auch in Zukunft wird es in diesem Segment erheblichen Bedarf geben. Gleichzeitig ist mehr Flexibilität gefragt, denn die Bedarfe können sich ändern. Das bedeutet, dass es häufiger Ersatzneubau geben kann. Vor diesem Hintergrund sollten wir über die Art des Bauens neu nachdenken, vor allem aber prüfen, ob alle 3.300 Normen im Wohnungsbau tatsächlich erforderlich sind. In den Niederlanden hat man sehr gute Erfahrungen mit einer Verschlankung der Bauordnung gemacht. Die Baukosten sind dort seitdem langsamer gestiegen als in Deutschland und es wird mehr auf modulares Bauen gesetzt. Durch Standardisierungen lassen sich etwa Reihenhäuser deutlich günstiger herstellen, ohne dass Abstriche bei Komfort, Ästhetik und Energieeffizienz gemacht werden müssen. Gerade bei studentischem Wohnen kann man auch grundlegend über Standards nachdenken. Ist es sinnvoll, dort die gleichen Energiestandards wie im Einfamilienhaus-Segment anzulegen? Ist es für Studierende wirklich zwingend, dass alle Leitungen verputzt sind, oder haben sie nicht vielmehr den Wunsch, möglichst günstig zu wohnen? In den letzten Jahrzehnten ging es immer nur darum, die Qualität des Wohnungsbaus zu steigern. Künftig sollten auch die Kosten stärker in den Blick genommen werden. Durch Digitalisierungen kann noch viel Potenzial genutzt werden. Dass die Herstellungskosten für Wohnungen immer weiter steigen, ist kein Naturgesetz.

Maximilian Adler, Leser

Homo adapticus

Wagen wir einen Blick in das Land der aufgehenden Sonne. In China gibt es für die westliche Welt kaum vorstellbare Lösungen, der Wohnungsnot Herr zu werden. Perfekt gestaltete Zehn-Quadratmeter-Wohnungen sind nur ein Beispiel. Wir werden uns immer mehr mit solchen Alternativen beschäftigen müssen, denn Wohnraum wird teurer und wächst bei weitem nicht so schnell wie die Bevölkerung. Also müssen neue und auch ungewöhnliche Maßnahmen in Betracht gezogen werden. Möglicherweise müssen wir in Zukunft auch ein paar Abstriche machen und uns anpassen. Wohngemeinschaften oder eben wesentlich kleinere Wohnung werden zur Tagesordnung gehören. Aber auch bei der Ausstattung und Energieversorgung wird sich einiges ändern. Häuser werden sich bestmöglich autark mit Energie versorgen, sodass gleichzeitig dem Klimawandel kontra gegeben wird. Alles in allem wird sich hier einiges verändern und ich bin gespannt wie wir diese Frage in zehn Jahren beantworten.

Felix Marquardt, Leser

Über den Dächern

Als Kind war ich ein großer Fan der Zeichentrickserie „Die Jetsons“. Besonders fasziniert hat mich die fröhliche, optimistische Vision einer von Kreativität und Technologie geprägten urbanen Zukunft. Die Menschen streben immer mehr in die Städte. Und wir brauchen intelligente Lösungen, um das Zusammenleben aller Bürger auf eine soziale und umweltbewusste Art und Weise zu bewältigen. Interessant finde ich beispielsweise Conceptual-Living-Konzept: Durch den Einsatz von multifunktionalen Möbeln und variablen Wandmodulen wird die Wohnung in diverse Funktionsbereiche eingeteilt. So kann ein Zimmer praktisch gleichzeitig als Homeoffice und Wohnzimmer genutzt werden. Aber nicht nur die Inneneinrichtung sollte smarter werden. Meiner Meinung nach löst der Hochhausbau nicht nur das Problem des Wohnmangels, sondern kann darüber hinaus auch einen effektiven Beitrag für eine fortschrittliche urbane Infrastruktur darstellen. Urban Gardening über den Dächern der Stadt – oder, wie bei den Jetsons, Hochhäuser als Landeplätze für Flugtaxis. Verkehrs- und Wohnprobleme lösen sich dann in den Wolken auf.

Horst Evers, Autor und Kabarettist

Wer billig baut, baut zweimal

Es wäre klug, wenn wir die Zukunft des Wohnens umsichtig und groß- zügig planen würden. Schon heute will in einer Stadt wie Berlin fast je- der, der es sich leisten kann, in einer Wohnung leben, die vor über hundert Jahren erbaut wurde. Während 60er- Jahre-Bauten reihenweise abgerissen werden, würde niemand ernsthaft die Gründerzeithäuser anrühren. Warum? Sie bieten hohe Substanz, große Le- bensqualität und zeitlose Schönheit. Schon wegen der gebotenen Nachhal- tigkeit können wir es uns nicht mehr leisten, alle 40 Jahre neu zu bauen. Unsere neuen Gebäude sollten auf eine hohe Lebensdauer ausgerichtet und an die klimatischen Bedingungen sowie an die Energieerzeugung der Zukunft angepasst sein. Statt Nachverdichtung sollten wir auf ausreichend unver- siegelten Raum auch in den Städten setzen und neuen öffentlichen Raum durch intelligente Verkehrskonzepte gewinnen. Doch wäre dies alles bezahl- bar? Nicht wenn man wahllos Investo- ren umwirbt und denen sagt, sie sollen überall bauen, wo und wie es sich für sie lohnt. Mit einem gewissen Prozent- satz „bezahlbarer“ Wohnungen. Wir benötigen Gemeinsinn und Planung. Die eigentliche Zukunftsfrage lautet: Schaffen wir es, das Wohnen nicht nur über den Markt zu regulieren? Wie stellen wir sicher, dass alle Menschen und Berufsgruppen, die wir in unseren Städten benötigen, sich diese Städte auch leisten können? Hier bräuchten wir wirklich intelligente Lösungen. Nix billiges.

Hendrik Mansch, Leser

Wohn-Tetris

Die Zukunft des Wohnens wird auch innenarchitektonische Veränderungen mit sich bringen. Es gibt jetzt schon Möbel, die multifunktional genutzt werden können. Schranktüren, die in der Wand verschwinden und einen Schreibtisch preisgeben. Oder Stühle, die verlängert werden können, sodass mehrere Leute darauf sitzen können. Platz will und muss sinnvoll genutzt sein, das wird neben dem Design definitiv am wichtigsten werden. Denn wir werden es in Zukunft mit immer kleineren Wohnungen zu tun haben. So können wahre Raumwohnwunder entstehen, in denen die Einrichtung optimal eingepasst wird. Im Grunde erinnert das alles ein wenig an Tetris.

J. J., Leserin

natürliche Baumaterialien und hohe Flexibilität für nachhaltiges Wohnen

Aufgrund des voranschreitenden Klimawandels und der Ressourcenknappheit stehen wir zunehmen vor neuen Herausforderungen, die fordern, dass wir uns grundlegend mit unserem Umgang mit der Umwelt auseinandersetzen. 60% des europaweiten Müllaufkommens wird durch den Bausektor produziert. Gebäude müssen anders konstruiert werden, um diese Zahl zu senken. Hierfür gibt es verschiedene Ansätze: Gebäude mit ausschließlich lösbaren Verbindungen, Gebäude mit erneuerbaren, lokalen und nachwachsenden Rohstoffen, die dem natürlichen Stoffkreislauf wieder zugeführt werden können und Gebäude aus rezyklierten Materialien zu errichten. Neben der verbesserten Öko-Bilanz bietet Holz, welches in unserer Gegend einer der sinnvollsten natürlichen Baustoffe ist, durch industrielle Vorfertigung, geringere Bauzeiten, geringere Kosten sowie eine präzisere bauliche Umsetzung. Im Hinblick auf unsere zunehmend verstädterte Gesellschaft sind wir uns einig: Nachverdichtung muss sein. Jedoch nicht zu jedem Preis. Vielmehr rücken Nutzungsüberlagerung, Kleinteiligkeit und Kombinierbarkeit der Einheiten in den Vordergrund. Gebäude für eine Standard-Familie mit 3 Kindern zu planen ist nicht mehr nachhaltig, vielfältige Familienformen sind der neue Standard. Wer benötigt wirklich sechs Zimmer wenn die Kinder aus dem Haus sind? Es müssen Grundrisse entstehen, die sich ohne großen Aufwand an die verschiedenen Lebenssituationen der Bewohner anpassen können.

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Wie gelingt Inklusion?

Jeder ist anders, und das ist auch gut so. Ein schöner Satz, bei dem der Teufel in der Umsetzung steckt: Wenn jeder anders ist, wie soll die Gesellschaft dann allen gerecht werden, egal ob hochbegabt oder gehandicapt, ob biodeutsch oder mit Migrationshintergrund? Verraten Sie uns Ihr Rezept für eine gelungene Inklusion auf allen Ebenen.

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Alhassane Baldé, Rennrollstuhlsportler

Der Gleichmacher

Sport ist ein absoluter Inklusionsmotor. Durch Sport werden viele Menschen zusammengebracht – egal welcher Hautfarbe, Religion, Orientierung und Kultur, egal welchen Alters oder eben ob mit oder ohne Behinderung. Beim Sport tritt es in den Hintergrund, aus welchem Land jemand kommt oder welche Unterschiede wir haben, ob jemandem ein Arm oder Bein fehlt, ob er im Rollstuhl sitzt oder sehbehindert ist. Es geht darum, zusammen zu schwitzen, Spaß zu haben, sich gegenseitig zu pushen, bis an die Grenzen zu gehen und ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Beim inklusiven Sporttreiben wird ein Wir-Gefühl erzeugt, das auch darüber hinaus Strahlkraft haben und bis in die Gesellschaft vordringen kann. Wir haben in Deutschland schon viel erreicht und einige Verbesserungen auf den Weg gebracht, doch es liegt auch noch viel Arbeit vor uns. Wir brauchen zum Beispiel noch mehr Vereine, die Angebote für Menschen mit und ohne Behinderung machen. Ein Meilenstein wäre auch die Austragung von Paralympischen Spielen in Deutschland – das wäre nicht nur ein Traum für alle Athletinnen und Athleten, sondern würde darüber hinaus dem Sport von Menschen mit Behinderung einen riesigen Schub geben. Zudem hätte es positive Auswirkungen auf die Barrierefreiheit im öffentlichen Raum und damit auch auf die Teilhabe von Menschen mit Behinderung am öffentlichen Leben.

Manfred Witten, Leser

Weg mit den Barrieren

Inklusion von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist seit vielen Jahren ein Thema. Trotzdem sind die Lehramtsstudiengänge nach wie vor getrennt nach gegliedertem Schulsystem und Förderschule. Mein Vorschlag: Bildet auch die Lehrer für Regelschulen für die Inklusion aus. So bekommen wir in absehbarer Zeit an allen Schulen sonderpädagogisch geschulte Lehrkräfte, die Inklusion können. Wenn ich den Begriff der Inklusion erweitern darf, dann fasst er für mich auch Schüler aus bildungsfernen Haushalten oder mit Migrationshintergrund ein. Eine Tendenz junger Eltern scheint mir in diesem Zusammenhang alarmierend. Oft wird da gefragt: „Welche Grundschule ist für unser Kind die richtige?“ Dabei schließen sich dann Schulen mit hohem Migrationsanteil oder in den sozial schwächeren Wohngebieten einer Stadt aus. Eltern erwägen sogar einen Umzug, um dem Kind eine bestimmte Schule „zu ersparen“. Andere wählen eine Schule in freier Trägerschaft, damit ihr Kind unter „Gleichen“ ist. Dieser Trend steht gegen jeglichen Inklusionsgedanken und schwächt den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Grundschüler sollten wohnortnah beschult werden, den Schulweg allein zurücklegen, ihre Freunde im Wohnumfeld finden und sich auch gegenseitig besuchen und die volle Bandbreite unserer Gesellschaft dabei erleben können. Dazu gehören Menschen aus anderen sozialen Schichten und Kulturen genauso wie Menschen mit Förderbedarf.

Raul Krauthausen, Aktivist für Inklusion und Barrierefreiheit

Selbst loslegen

Wenn Inklusion gelingen soll, müssen wir den Wert der Tat erkennen. Und dem ganzen Gerede dagegen nicht allzu viel Bedeutung beimessen. Seit über zehn Jahren reden wir in Deutschland über Inklusion – weil die Bundesregierung endlich die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieb. Damit landete ein Raumschiff mit der Aufschrift „Inklusion“ irgendwo in der Nähe Berlins. Und seitdem reden wir. Doch passieren tut wenig. Oft höre ich die Beschwörungsformel: „Zur Umsetzung von Inklusion müssen zunächst die Barrieren im Kopf abgebaut werden.“ Nun, über Barrieren könnte ich eine Menge berichten, auch über die inneren. Aber ich rede mir seit zehn Jahren den Mund fusselig, wobei mich ein Eindruck beschleicht: Der Aufruf an die Barrieren im Kopf ist meist nur eine Schönwetterrede, hinreichend unscharf und vor allem ein cleveres Manöver, um keine Verbindlichkeit zu schaffen. Inklusion wird dadurch aufgeschoben, auf den Sankt Nimmerleinstag. Daher fängt meiner Meinung nach Inklusion dort an zu gelingen, wo wir Menschen mit Behinderung selbst unser Schicksal in die Hand nehmen. Die meisten Gespräche über Inklusion finden über uns statt, nicht mit uns. Inklusion ist nicht nett, sondern bedeutet den Abbau von Diskriminierung. Vorbild ist mir die Umweltbewegung: Veränderung begann nicht mit netten Filmchen, sondern als Konflikte auf die Straße gebracht wurden oder die Politik harte Grenzen gesetzt hat und Lösungen attraktiver werden als ein „Weiter so“.

Ruth Moser, Leserin

Wenn man jeden und jede als das betrachtet, was er und sie ist, braucht man keine Inklusion. Wir sind alle Menschen, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Behinderung, Alter oder sexueller Orientierung.

Aletta Gräfin von Hardenberg, Geschäftsführerin Charta der Vielfalt

Entdecke das Potenzial

Es ist wichtig, die eigenen Stereotype aufzubrechen, die man mit der Vielfalts-Dimension Behinderung verbindet. Viele Menschen denken noch immer an eine Person im Rollstuhl. Der überwiegende Teil von Behinderungen ist allerdings nicht sichtbar, zum Beispiel bei chronischen Krankheiten oder psychischen und seelischen Erkrankungen. Gerade letztere nehmen in unserer modernen Arbeitswelt stark zu. Damit ist der Kreis von Menschen mit Behinderungen deutlich höher, als die meisten wahrnehmen. Wir sehen Behinderungen in einem positiven Sinn als unterschiedliche geistige und psychische Fähigkeiten und damit als Potenzial, das für Organisationen ein großer Gewinn sein kann. Dieses erkennen immer mehr Arbeitgebende in Deutschland und etablieren ein Diversity Management. Aus gutem Grund, denn Inklusion hat viele Vorteile: Sie trägt zur Fachkräftesicherung bei, stärkt die Vielfalt im Betrieb und macht Teams leistungsfähiger und innovativer – und ist damit ein wichtiger Wettbewerbsfaktor. Die Charta der Vielfalt zeichnet gemeinsam mit ihren Partnern, der Bundesagentur für Arbeit, der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und dem Unternehmensforum, besonders gute Beispiele mit dem Inklusionspreis für die Wirtschaft aus. Gemeinsam wollen wir Impulse dafür geben, wie die Potenziale von Menschen mit Behinderung genutzt werden können. Der Inklusionspreis für die Wirtschaft wird am 27. April bereits zum achten Mal verliehen.

Uwe Runkel, Direktor einer Berliner Gemeinschaftsschule und Jakob-Muth-Preisträger

Schule für alle

Die Herausforderungen einer inklusiven Schule bestehen in der fehlenden flächendeckenden Schaffung von räumlichen und personellen Rahmenbedingungen innerhalb jeder einzelnen Schule, dem selektiv und damit elitär angelegten deutschen Bildungssystem und den nicht vorhandenen inklusiven Strukturen in unserer Gesellschaft überhaupt. Dieses Dilemma lässt einer Schule nur die Wahl, sich mit den eigenen Ressourcen selbst auf den Weg zu machen. Dazu gehört als erster und unabdingbarer Schritt, eine Haltung zu entwickeln, wie: „Jeder, der zu uns kommt, ist richtig.“ Außerdem braucht es den Willen, dass kein Kind, sei die Problemlage augenscheinlich erst einmal auch noch so groß, gezwungen werden muss, die Schule zu verlassen. Inklusion muss letztlich damit verbunden werden, dass alle Kinder den größten Teil ihrer Schulzeit gemeinsam miteinander und voneinander lernen. Die Bildungsbiografie jedes Kindes ist einzigartig und muss daher individuell betrachtet und weiterentwickelt werden. Bisher trägt jede einzelne Schule selbst die Verantwortung für den Aufbau multiprofessioneller Teams, die Einleitung innovativer und kreativer Unterrichtsentwicklung und die Implementierung kooperativer Projekte. Unter den bestehenden Grundvoraussetzungen ist all dies ein langer und zeitweise auch steiniger Weg. Belohnt wird er durch das Sichtbarwerden einer oft enormen Entwicklung jedes einzelnen Kindes und den Effekt einer größeren Bildungsgerechtigkeit.

Sonja Mattes, Leserin

Filter ausschalten

Arbeitgeber tun sich nach wie vor schwer, Menschen mit Behinderung einzustellen. In Zeiten des Fachkräftemangels sollten sich Unternehmen darauf besinnen, individuelle Talente zu fördern – unabhängig davon, ob sie ein Handicap haben oder nicht.

Friedhelm Julius Beucher, Präsident Deutscher Behindertensportverband (DBS)

Zugang für alle

Sport überwindet Grenzen und bietet Möglichkeiten zur Teilhabe an der Gesellschaft. Zweifelsfrei hat sich seit dem Inkrafttreten der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen vor elf Jahren einiges getan. Dennoch muss sich vieles mehr ändern, damit eine gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft Wirklichkeit wird. Unüberwindbare Hürden sind in der Praxis viel zu häufig noch Sportstätten, die nicht barrierefrei sind und somit das wohnortnahe Sporttreiben für Menschen mit Behinderung einschränken oder gar ausschließen. Diese Barrieren müssen abgebaut werden – im öffentlichen Raum, in Sportstätten und auch in den Köpfen. Darüber dürfen wir nicht nur reden, sondern müssen handeln und Änderungen einfordern. Es bedarf dringend einer politisch vorgegebenen Strategie, beim Neubau und der Sanierung von Sportstätten immer auch die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung mitzudenken. Und es bedarf noch mehr Vereine, die sich für Menschen mit Behinderung öffnen. Wir haben einiges erreicht und können stolz darauf sein, aber es gibt noch viel zu tun. Das ist und bleibt eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung und ist insbesondere wichtig für die deutsche Sportlandschaft. Wir müssen jetzt gemeinsam die Weichen für die Zukunft stellen. Deshalb muss in einem neuen „Goldenen Plan“ für Sportstätten in Deutschland die barrierefreie Sportstätte die Regel sein.

Maria Jahn, Leserin

Inklusion lässt sich nicht einfach von oben verordnen, sondern muss auch ermöglicht werden. Aus meiner Sicht bringt es nichts, Inklusion in den Schulen nur zu implementieren, wenn die Lehrkräfte nicht entsprechend ausgebildet sind und die Klassengrößen endlich verringert werden.

Lydia Zoubek, Bloggerin

Inklusiv durch den Tag

Wenn es um Inklusion geht, dann fallen den meisten Schüler mit einer Behinderung an einer Regelschule ein. Manche dieser Schüler haben eine Assistenz oder einen Schulbegleiter. So weit, so gut. Aber was passiert mit ihnen außerhalb des Schulunterrichts? Damit meine ich nicht den Schulweg oder die freiwillige AG am Nachmittag, sondern die Freizeitgestaltung nach der Schule oder am Wochenende. Ich habe mein Abitur an einer Schule für blinde Kinder gemacht und hatte ein reichhaltiges Sport- und Freizeitangebot. Ein blinder, inklusiv beschulter Mann aus meinem Bekanntenkreis fühlte sich stets als die Ausnahme, weil er am Sportunterricht nicht teilnehmen konnte, außerhalb des Unterichts nur wenig Kontakt zu Mitschülern bestand und es keine gemeinsamen Freizeitaktivitäten gab. Gepaart mit einem überfürsorglichen Backround und fehlendem Unterricht in Mobilität und lebenspraktischen Fertigkeiten wurde ihm mit der Inklusion kein Gefallen getan. Es reicht eben nicht aus, einem behinderten Schüler einfach nur einen Schulbegleiter an die Seite zu stellen. Er sollte dieselben Dinge erlernen dürfen, die ein behinderter Schüler an einer Förderschule erlernt. Das stärkt nicht nur das Bewusstsein, sondern macht es ihm einfacher, später ein eigenständiges Leben zu führen, einen Beruf zu ergreifen oder eine eigene Familie zu gründen. Inklusion findet für mich nicht nur im Schulunterricht statt, sondern im gesamten Alltag eines Schülers mit Behinderung.

Kerstin Jonas, Leserin

Handeln statt reden

Inklusion bedeutet Einbeziehung aller in die Gesellschaft und betrifft daher jede und jeden. Dieser enorm hohe Stellenwert, den Inklusion für alle hat, sollte auch allen bewusst und vor allem erfahrbar gemacht werden. Geld, aber auch persönliche Anstrengungen müssten in die pädagogische Vermittlung dieser Einsicht fließen. Wir brauchen inklusive Bildung auf verschiedenen Ebenen unseres Lebens – in Kindergärten, Schulen, am Arbeitsplatz oder im privaten Umfeld. Inklusion kann nur erlebt und nicht verordnet werden. Dabei helfen könnte eine Ausweitung von bereits vorhandenen Mainstreaming-Ansätzen, die in gemeinsamen Prozessen in konkrete Schritte münden, damit endlich die Interessen aller berücksichtigt werden.

Anika Jansen, Ökonomin mit Schwerpunkt Fachkräftesicherung, Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Inklusion durch Digitalisierung

Je digitaler ein Unternehmen ist, desto eher stellt es Menschen mit Behinderung ein. Das ist das Resultat unserer Forschung. Dieses Ergebnis ist unabhängig von Betriebsgröße und Branche. Denn: Die Digitalisierung ermöglicht die Entwicklung und Nutzung von neuen Hilfsmitteln. Dazu gehören zum Beispiel Datenbrillen mit Vorlesefunktion und Gesichtserkennung, Exoskelette, eine Art Roboter zum Anziehen, oder mobile Endgeräte zum ortsunabhängigen Arbeiten. Viele Unternehmen sehen daher die Digitalisierung als Chance für Inklusion. Allerdings beschäftigen gut 45 Prozent aller Unternehmen keine Menschen mit Behinderung. Dabei stellen diese ein wertvolles Fachkräftepotenzial für Unternehmen dar. Mit den entsprechenden Hilfsmitteln können sie gut in den Arbeitsalltag integriert werden. In der freien Wirtschaft arbeiten 88 Prozent der Beschäftigten mit Behinderung als Fach- oder Führungskräfte. Und dieses Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft: Im Jahr 2019 gab es 154.696 arbeitslose schwerbehinderte Menschen. Nicht nur angesichts der teilweise hohen Fachkräfteengpässe sollten Unternehmen offen für diese Zielgruppe sein. Ein häufig genannter Grund, warum Unternehmen keine Menschen mit Behinderung beschäftigen: Sie wissen nicht genügend über rechtliche Rahmenbedingungen, finanzielle Förderungen und Hilfsmittel. Daher unterstützen Portale wie www.kofa.de und www.rehadat.de mit Hintergrundinformationen und Praxistipps.

Thorsten Drachsel, Leser

Vorurteile schwächen

Absolute Voraussetzung für Inklusion ist die Abschaffung technischer Barrieren, denen Menschen mit Behinderung im Alltag ausgesetzt sind. Aber damit wird es nicht getan sein. In unserer Gesellschaft ist es leider so, dass alles, was irgendwie anders oder fremdartig erscheint, mit Argwohn und Skepsis betrachtet wird. Bis wir alle Menschen mit ihren verschiedenen Talenten und Schwächen als Bereicherung für unser Gemeinwesen begreifen, liegt meines Erachtens noch ein weiter Weg vor uns. Vorurteile entstehen vor allem durch mangelnden Kontakt mit Menschen außerhalb der eigenen Peergroup. Deswegen ist es meine Hoffnung, dass wir unsere Herzen öffnen, um unsere Mitmenschen besser kennenzulernen.

Steffen Willwacher, Institut für Biomechanik und Orthopädie, Deutsche Sporthochschule Köln

Höher, schneller, weiter

Bein-Prothesen, die speziell für die Teilnahme an sportlichen Wettkämpfen verwendet werden, ermöglichen es heutzutage, dass Menschen nach einer oder mehreren Amputationen gemeinsam mit Nichtamputierten trainieren und oft auch an gemeinsamen Wettkämpfen teilnehmen können. Als in den 1970er-Jahren die ersten Wettkämpfe für Sportler mit Amputationen durchgeführt wurden, kamen noch rigide Prothesen aus Metall und Holz zum Einsatz. Heute stehen sehr leichte, elastische Carbon-Materialien zur Verfügung, die aber auch gerne mal mehr als 10.000 Euro kosten können. Der Hauptgrund dafür liegt darin, dass jede Prothese eine Einzelanfertigung ist. Erfahrene Orthopädie-Mechaniker müssen für jeden Sportler die Schaftelemente aus Carbon unter Berücksichtigung der individuellen Anatomie an das verbliebene Bein anpassen. Dies ist auch notwendig, da sehr hohe Kräfte und damit hoher Druck am Übergang zwischen Prothese und biologischem Bein wirken. Im paralympischen Sport müssen die Prothesen passiv sein, dürfen also keinen Motor oder Elektronik beinhalten. Weiterhin ist die Länge der Prothesensysteme begrenzt. Die Prothesenhersteller und Orthopädietechniker versuchen daher über eine Optimierung der Form und die Verringerung des Gewichts sowie durch eine noch optimalere Ausrichtung des Prothesenbeins, die Leistung der Sportler weiter zu verbessern.

Dimitri Habermann, Leser

Barriere im Kopf

In meinem Umfeld werden die Begriffe Inklusion und Integration oftmals für das gleiche gehalten. Aber das stimmt nicht. Denn nur, weil jemand integriert ist, heißt das noch lange nicht, dass er auch uneingeschränkte gesellschaftliche Teilhabe genießt. Ohne Inklusion bleibt er erst einmal der Andersartige. Oftmals wird die Forderung nach Integration auch als Aufforderung an diejenigen, die sich integrieren sollen, verstanden. Die Minderheiten sollen sich an die Mehrheit anpassen. Das hat nun wirklich gar nichts mehr mit Inklusion zu tun. Denn hier bereitet die Mehrheit, die auch mal die ein oder andere Barriere ohne Mühe überwinden und damit tolerieren kann, den Menschen den Weg, für die diese Barrieren sehr wohl ein großes Problem sind. Das beginnt bei barrierefreien Zugängen zu öffentlichen Einrichtungen oder zum Arbeitsplatz und endet dort, wo es in einer Gesellschaft normal geworden und kein Problem mehr ist, irgendeine Einschränkung oder Behinderung zu haben.

Jörg Schlömerkemper, Leser

Hoch lebe die Verschiedenheit

Inklusion ist der Anspruch und der Versuch, zwei Ziele miteinander zu verbinden, die zunächst kaum vereinbar scheinen: Kinder mit besonderem Förderbedarf sollen pädagogisch optimal gefördert werden und zugleich gleichberechtigt aufwachsen und in der Gesellschaft selbstbestimmt leben können. Aber spezielle Förderung grenzt aus. Ein gemeinsamer Unterricht aller Kinder wird den besonderen Bedürfnissen nicht ohne weiteres gerecht. Gelingen kann Inklusion gleichwohl, wenn nicht alle Schülerinnen und Schüler immer gemeinsam unterrichtet werden müssen. Hilfreich wäre zweierlei: Zum einen sollten alle – und zwar wirklich alle – Kinder in einem eigens für sie und mit ihnen entwickelten profilorientierten Lernprogramm individuell an den Anforderungen wachsen, die ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen entsprechen. Und zum anderen sollten sie in heterogenen Gruppen erfahren, dass sie ihre unterschiedlichen Fähigkeiten in die kooperative Arbeit einbringen können, dass sie dabei gebraucht werden und entsprechende Anerkennung erfahren. Das ist nicht einfach, aber als Perspektive könnte es einen Ausweg zwischen strikt getrennt und pauschal gemeinsam aufzeigen.

Antonia Petri, Leserin

Eine Frage der Haltung

Wir, das Jugendfreizeit- und Bildungswerk Karlsruhe, arbeiten seit mehr als 20 Jahren inklusiv. Durch unsere inklusiven Ferienangebote sehen wir, wie wichtig es ist, bereits den Jüngsten unserer Gesellschaft Erfahrungen der Inklusion nahezubringen. Deshalb haben wir zwei besondere Angebote geschaffen, die es Kindern mit erhöhtem Pflege- und Betreuungsbedarf möglich macht, ohne eine Einzelassistenz bei uns mitzumachen. Das „Abenteuerland“ bietet den Kindern einen Freiraum, indem sie spielerisch miteinander lernen. Respekt, Wertschätzung und Gemeinschaft sind die Schlüsselbegriffe, die sie hier erfahren. Unser zweites Angebot „Auf dem Rücken der Pferde“ gibt den Kindern die Möglichkeit, gemeinsame Ferien auf dem Reiterhof zu verbringen. Bei Reitstunden und Pferdefüttern spielt es keine Rolle, welche Einschränkungen und Bedürfnisse ein Kind mitbringt. Um diese Konzepte weiterzuentwickeln und nachhaltig zu gestalten, bedarf es der Reflexion über bestehende Grenzen und Hürden, die man verändern oder gar aufbrechen muss. Deshalb besteht das Team aus Ehrenamtlichen, die mit einem hohen Betreuungsschlüssel und durch eine Pflegefachkraft ergänzt auch medizinische und pflegerische Aspekte auffangen können. Unser Resümee ist: Wir brauchen mehr Zusammenarbeit und Kooperationen zwischen allen Akteuren, die in dem weiten Feld der Inklusion stehen und arbeiten. Inklusion ist erst dann gelungen, wenn man nicht (mehr) darüber sprechen muss.

Adriana Fink, Leserin

Eingeschränkt frei

Die Digitalisierung hat für Menschen mit Behinderung viele Barrieren abgebaut. Gehörlose können zum Beispiel über Chats und Messengerdienste kommunizieren, wo es früher nur das Telefon gab. Blinden Menschen helfen Sprachdienste wie Siri oder Alexa bei der Steuerung von Geräten. Allerdings müsste Barrierefreiheit bei digitalen Angeboten noch stärker mitgedacht werden. Eine Webservice, der nur auf einem Betriebssystem funktioniert, schließt bestimmte Nutzer aus.

Theresia Degener, Professorin für Recht und Disability Studies, Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe

Warten auf die Wende

In den letzten zehn Jahren sind durch jene, die Inklusion wirklich wollen, viele Wege gefunden und geebnet worden. Aber es wurden auch zahlreiche Begründungen vorgelegt, warum Inklusion nicht machbar sei. Zwar hat sich die Zahl der Menschen, die ambulant betreut werden, verdoppelt, eine Deinstitutionalisierung der Betreuung fand aber nicht statt: Heute leben mehr behinderte Personen in Heimen als zum Zeitpunkt des Inkrafttretens der UN-Behindertenrechtskonvention, kurz UN-BRK, im Jahr 2008. Zwar wurden vielerorts die Schulgesetze geändert, aber bis auf wenige Ausnahmen die Vorgaben der UN-BRK gesetzlich nicht verankert. Die Inklusionsquote stieg bundesweit, jedoch sank die Exklusionsquote nur um 0,6 Prozent. Die Zahl der behinderten Kinder, die aus dem Regelschulsystem ausgegrenzt werden, hat sich also kaum verändert. Zwar ist die niedrigere Arbeitslosenquote bei Schwerbehinderten erfreulich, gleichzeitig stieg jedoch die Zahl der Werkstattbeschäftigten. Dabei schreibt die UN-BRK nicht den Ausbau, sondern den Rückbau der Werkstätten für Menschen mit Behinderung vor. Denn dies sind Sonderwelten, die behinderte Menschen diskriminieren, Orte, an denen sie nicht einmal den Mindestlohn erhalten und ihnen fundamentale Arbeitsrechte wie das Streikrecht nicht zustehen. Die rechtliche Betreuung wurde reformiert, aber Zwangsbehandlung und Bevormundung bleiben erlaubt. Das Menschenrechtsmodell von Behinderung ist in Deutschland noch nicht angekommen.

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Wie finden Startups und Mittelstand zusammen?

Früher konnte man glauben, bei Startups und Mittelständlern träfen Feuer und Wasser aufeinander: hier flache Hierarchien, dynamische Prozesse und große Innovationskraft, dort starke Netzwerke, große Markterfahrung und Stabilität. Wäre es nicht schön, all das miteinander zu verbinden? Geht nicht, sagen die einen. Geht doch, vermuten wir. Schreiben Sie uns, was Sie glauben.

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Olaf Scholz, Bundesministers der Finanzen

Fruchtbare Verbindung

Der deutsche Mittelstand ist nach wie vor das Rückgrat für den Wohlstand in unserem Land. In jüngerer Zeit gewinnen innovative Startups und neue Geschäftsmodelle infolge der Digitalisierung an Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung. Deshalb ist es wichtig, dass Startups und unsere mittelständische Wirtschaft besser zueinanderfinden, damit wir in Deutschland und Europa unsere Innovationsfreude und Wettbewerbsfähigkeit erhalten können. Eine solche Verbindung nutzt beiden Seiten: Startups profitieren von der Erfahrung und den Kundennetzwerken der etablierten Unternehmen – und der Mittelstand erhält wichtige, frische Impulse sowie den Zugang zu neuen Technologien und hochqualifizierten Fachkräften. Dieses Potenzial sollten wir stärker nutzen. Die Bundesregierung unterstützt bereits mit verschiedenen Vorhaben die Kooperation und Netzwerkbildung von Startups und dem etablierten Mittelstand. Und wir wollen die Rahmenbedingungen für den Mittelstand und für Startups in unserem Land weiter verbessern. Hierzu zählen unter anderem erhebliche Investitionen in den Ausbau der digitalen Infrastruktur, attraktive steuerliche Anreize durch das neue Forschungszulagengesetz sowie weitere Verbesserungen der Finanzierungsbedingungen für Startups. Gerade sind wir dabei, den im Koalitionsausschuss beschlossenen Beteiligungsfonds für Zukunftstechnologien auf den Weg zu bringen und die Mitarbeiterbeteiligung zu stärken.

Joël Kaczmarek, Business-Podcaster

Mit Empathie zum Ziel

Wir sind das Volk der Ingenieure, arbeiten akribisch und planen lieber einmal zu viel als zu wenig. Klischees, die uns allen geläufig und ein bisschen wahr sind. Doch was davon verträgt sich mit der Startup-Kultur, die auf schnelles Lernen und Weiterentwickeln setzt? Startups und Mittelständler halten spannende Potenziale füreinander bereit – schöpferische Zerstörung auf der einen und gewachsene Prozesse und Lösungen auf der anderen Seite. Mittelständler können mit Startups ihre Innovationspipeline und ihr Geschäftsmodell entwickeln, Startups demgegenüber erfahren Zugang zu tiefem Marktwissen, Prozessen und einer breiten Kundenbasis. Wären da nur nicht die Unterschiede in Kultur, Geschwindigkeit und Experimentierfreude, die Reibungsverluste erzeugen. So mancher Mittelständler setzt auf ein gewachsenes Geschäftsmodell, das zu disruptieren oft große, kurzfristige Abstriche bei unklarer Gewinnchance bedeutet. Startups reiben sich dagegen an den Strukturen des gewachseneren Partners auf. Am Ende steht Frust auf beiden Seiten. Sollen diese Potenziale erschlossen werden, bedarf es Empathie auf beiden Seiten für die Erwägungen und Eigenheiten des jeweils anderen. Daneben die Bereitschaft, sich auf neue Entwicklungen einzulassen und diese in möglichst kleinen Portionen anzugehen. Am Ende entscheidet häufig der Überlebenswille, denn für nahezu jeden Branchenteilnehmer gilt es, sich neu zu erfinden oder womöglich von der Bildfläche zu verschwinden.

Paul Wolter, Leiter Politik und Kommunikation, Bundesverband Deutsche Startups

Gegenseitiges Profitieren

Um sich als Startup einem kleinen oder mittelständischen Unternehmen zu nähern, gibt es den organisierten Weg über eigene Investoren und Kontakte oder den unorganisierten Weg, bei dem man einfach über branchenbezogene Messen oder Events auf Unternehmen zugeht. Inzwischen gibt es aber auch verschiedene Netzwerke, die Kooperationen zwischen Startups und Mittelstand erleichtern. Denn in einer solchen Zusammenarbeit steckt für beide Akteure ein riesiges Potenzial. Während Startups helfen können, die digitale Transformation bei mittelständischen Unternehmen voranzutreiben, verfügen diese meist über gewachsene Strukturen und Netzwerke, von denen wiederum Startups profitieren können. Aber natürlich können diese Kooperationen auch herausfordernd sein. In vielen Startups und im Mittelstand sind beispielsweise die kulturellen Unterschiede sehr groß. Während in vielen Startups eine sehr flache Hierarchie herrscht und alles auf schlanken und reaktionsschnellen Strukturen aufbaut, haben viele mittelständische Unternehmen ihren Fokus auf andere Prozesse gerichtet. Doch gerade, was die Themen Innovation und Digitalisierung angeht, sind inhabergeführte Unternehmen kulturell gar nicht so weit weg von Startups. Ich kenne einen schönen Fall von einem Familienunternehmen, bei dem der Sohn innovative Themen im Unternehmen vorantreibt, was aber ohne die aufgeschlossene Haltung des Vaters nicht klappen würde.

Thomas Burgmann, Leser

Die Menschen zählen

Vergessen wir bitte nicht, dass es immer um Menschen geht. Ähnlich eines Generationskonflikts müssen auch hier beide Parteien lernen, die gleiche Sprache zu sprechen und sich gegenseitig zu verstehen und zu respektieren. Dann können Startups und Mittelstand bestimmt noch einiges voneinander lernen.

Marc Evers, Leiter Referat Mittelstand, Existenzgründung, Unternehmensnachfolge, Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK)

Gemeinsam stärker

Demografie, Digitalisierung und zunehmende konjunkturelle Unsicherheiten machen das Umfeld für Unternehmen immer komplexer. Das gilt besonders für den Mittelstand, wo viele Unternehmen häufig über keine eigene Innovations-Labs oder -Hubs verfügen. Doch auch hier ist der Innovationsdruck hoch. Gemeinsam mit Startups können Mittelständler Herausforderungen nicht selten in Chancen verwandeln. Die Möglichkeiten sind dabei so vielfältig wie der Mittelstand selbst. Häufig anzutreffen sind Entwicklungspartnerschaften, Zulieferverhältnisse oder auch lose Kooperationen. Wichtig ist, dass beide Seiten von Anfang an klarstellen, was sie voneinander erwarten und wie sie ein gemeinsames Win-Win schaffen wollen. Trotz mancher Unterschiede etwa in puncto Etikette oder Hierarchien, eines haben Mittelstand und Startups in Deutschland oft gemeinsam: die hohe Identifikation mit dem eigenen Unternehmen. Eigentum und Leitung liegen zumeist in einer Hand. Anknüpfungspunkte können Startups und Mittelständler etwa über die 79 Industrie- und Handelskammern finden. Als neutrale Partner bringen sie vor Ort branchenübergreifend Kleine und Große, Etablierte und Startups zusammen. Die Palette reicht von Fachausschüssen über Gründertalks und Wettbewerbe, Mentoren-Services und Pitching-Events mit Finanzierern bis hin zum Format „Start.up! Germany“, einer Roadshow für Startups aus aller Welt, die von den Auslandshandelskammern ausgewählt und begleitet werden.

Nick Martin Willer, Vorsitzender Kommission für Startups und Unternehmensgründungen, Bundesverband mittelständische Wirtschaft – Unternehmerverband Deutschlands (BVMW)

Zwei Welten nähern sich

Damit Mittelstand und Startups zusammenfinden, braucht es zunächst einen Rahmen, um sich kennenzulernen. Diesen bieten etwa Verbände wie der BVMW, die über Veranstaltungen und gezielte Vernetzungen Startups und Mittelstand zusammenbringen. Die Basis für eine mögliche Zusammenarbeit sind konkrete Synergien, die für beide Seiten einen relevanten Nutzen bringen. Klassischerweise sind das bei etablierten Unternehmen Bestandskunden und Erfahrungswerte und bei Startups innovative Produkte. So bekommt das Startup einen schnellen und sicheren Markteintritt und der Mittelständler eine innovative Erweiterung seines Produktportfolios. Damit die Zusammenarbeit möglichst reibungsarm läuft, braucht es Menschen, die Brückenfunktionen einnehmen. Das können externe Berater sein oder interne Mitarbeiter, die sich mit beiden Unternehmenskulturen gut auskennen. Diese unterscheiden sich etwa im Führungsstil, bei den Arbeitsbedingungen oder im unternehmerischen Fokus. Startups geht es häufig um schnellstmögliche Marktdurchdringung und exponentielles Wachstum, Mittelständlern eher darum, den Status quo zu sichern und auf solider Basis auszubauen. So oder so: Die Welten haben schon lange begonnen, sich anzunähern. Traditionelle Unternehmen adaptieren immer mehr agile Methoden und New Work für sich, um auch in der Zukunft wettbewerbsfähig zu sein. Und Startups, die eine gewisse Größe überschreiten, werden etablierten Unternehmen strukturell immer ähnlicher.

Olaf Künter, Leser

Näher als man denkt

Beide Parteien können so viel voneinander lernen. Startups bringen frischen Wind rein, neue Ideen und neue Arten, Unternehmen zu führen. Da sollte der eingefleischte Mittelstand ruhig mal genauer hinschauen. Doch von wem können Startups besser lernen als vom Mittelstand, der schon wissen sollte, wie der Hase läuft? So unähnlich sind sie sich nämlich gar nicht.

Mario Ohoven, Präsident Bundesverband mittelständische Wirtschaft – Unternehmer- verband Deutschlands (BVMW)

Win-Win-Situation

Arbeiten Startups und etablierte Mittelständler zusammen, profitieren davon beide Seiten. Die Kooperation eröffnet am Markt etablierten mittelständischen Unternehmen den Zugang zu neuen innovativen Technologien und somit auch zu einem erweiterten Portfolio und neuem Umsatzpotenzial. Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass mehr als drei Viertel der Klein- und Mittelbetriebe im Technologiebereich bereits erfolgreich mit Startups zusammenarbeiten. Und sogar 90 Prozent möchten mit Startups, die neue Produkte entwickeln, kooperieren. Startups wiederum profitieren von der Erfahrung etablierter Mittelständler. Außerdem erhoffen sie sich neue Unternehmenskontakte. Umso bedenklicher ist die seit Jahren sinkende Zahl der Unternehmensgründungen in Deutschland. Ende 2018 wurde mit 547.000 neuen Existenzgründungen der bisherige Tiefpunkt erreicht – ein Rückgang von 10.000 Existenzgründungen gegenüber dem Jahr zuvor. Zugleich wandern junge Startups aus dem IT-Bereich ins Ausland ab. Im Ergebnis drohen unserem Land die Unternehmer auszugehen. Mit der Kommission „Startups und Unternehmensgründungen“ setzt sich der BVMW gegenüber der Politik dafür ein, dass Startups und Unternehmensgründer bessere Rahmenbedingungen bekommen. Dazu gehören neben einer Vereinfachung der Gründungsfinanzierung vor allem ein Wagniskapitalgesetz und konsequenter Bürokratieabbau. Kurzum: Unternehmertum muss in Deutschland wieder attraktiv werden.

Denise Werber, Leserin

Trend der Zeit

Ist es nicht ein fließender Übergang? Eigentlich wird aus einem Startup mit der Zeit ein Mittelstandsunternehmen. Sie sollen wachsen, gedeihen und in einigen Jahren so stabil und eigenständig sein, dass sie die Wirtschaft maßgeblich mitgestalten können. Aber aktuell ist es ja modern, diese Startup-Philosophie zu leben, egal, wie groß das Unternehmen ist. Das scheint wahrscheinlich heutzutage einfach ein Muss zu sein. Die Unternehmen müssen sich wandeln und attraktiver werden für die paar Fachkräfte, die wir noch haben.

Alfred Möckel, Business Angel

Früh involviert

Nach aktuellem Global Competitiveness Index des Weltwirtschaftsforums ist Deutschland noch immer die Nummer eins in der Kategorie „Innovation Capability“. Viele Unternehmen leben hierzulande allerdings mehr von schrittweiser Innovation, statt wirklich disruptiv Neues zu schaffen. Die großen globalen Trends gehen nicht zuletzt deshalb an uns vorbei. Es ist daher dringend geboten, dem deutschen Mittelstand, dem Rückgrat unserer Wirtschaft, eine Frischzellenkur zu verpassen. Die Zusammenarbeit mit Startups bietet hier ungeahnte Möglichkeiten. Oft sind Mittelständler allerdings versucht, Startups als Corporate Venture zu sehr an sich zu binden und in bestehende Strukturen einzugliedern. Auch Hubs außerhalb der Standorte müssen nicht automatisch zu größeren Freiheitsgraden führen, denn es besteht die Gefahr, dass das unternehmerische Handeln rundgeschliffen wird. Gerade unternehmerisch denkende Gründer fühlen sich durch solche Strukturen stark eingeschränkt. Die besten Gründer sind somit dafür schwer zu gewinnen, die an sich sehr gute Idee wird konterkariert. Viel besser funktioniert es, wenn sich Mittelständler selbst als Business Angel in frühphasigen Startups engagieren, um damit ganz direkt mit unkonventionellen Ideen, neuen Techniken, Trends und den unterschiedlichsten Businessplänen konfrontiert zu werden. Das kann den Horizont erweitern und unseren Mittelstand besser dazu befähigen, neue Innovationen hervorzubringen.

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