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Wer forscht für unsere Gesundheit?

Normalerweise arbeiten die Mediziner und Wissenschaftler in der Gesundheitsforschung -von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – in ihren Laboren in aller Ruhe vor sich hin. Wie überlebenswichtig die Arbeit dieser Männer und Frauen tatsächlich ist, zeigt sich in Wochen wie diesen, in denen „normalerweise“ ein Wort aus einer vergangenen Zeit zu sein scheint.

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Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung

Gut gerüstet

In diesen Wochen und Monaten der Corona-Pandemie schlägt die Stunde von Wissenschaft und Forschung. Das Interesse an wissenschaftlicher Erkenntnis ist groß wie lange nicht mehr. Sie leitet unser Handeln und auf sie richtet sich die Hoffnung vieler Menschen, gerade wenn es um die Suche nach Medikamenten gegen die vom Coronavirus ausgelöste Lungenerkrankung COVID-19 und nach einem Impfstoff geht. Dabei können wir großes Vertrauen in die starke und weltweit bestens vernetzte deutsche Wissenschaft setzen. Die deutsche Forschungslandschaft ist im Bereich Gesundheit vielfältig und stark. Auch im weltweiten Vergleich kann sie sich sehen lassen. Von dieser Stärke profitieren wir in der aktuellen Corona-Pandemie. Forschung lebt von Zusammenarbeit – national und international. Darauf setzen auch wir in der aktuellen Krise. Deutschland ist Gründungsmitglied der internationalen Impfstoffallianz CEPI. Für sie haben wir 140 Millionen Euro zusätzlich bereitgestellt, um der Suche nach einem Impfstoff einen kräftigen Impuls zu geben. National haben wir den Aufbau eines einmaligen Forschungsnetzwerks gestartet, um die deutschen Universitätskliniken im Kampf gegen die Corona-Pandemie noch stärker zu vernetzen. 150 Millionen Euro stehen dafür bereit. Forschung ist ein zentraler Schlüssel im Kampf gegen Corona. Die Bundesregierung tut alles dafür, dass sie die besten Bedingungen für ihre wertvolle Arbeit im Dienste unserer Gesellschaft hat.

Gerd Geißlinger, Gesundheitsforschungsbeauftragter Fraunhofer-Gesellschaft

Mit vereinten Kräften

Auf 375,6 Milliarden Euro beliefen sich die Gesundheitskosten in Deutschland 2017 laut aktuell verfügbarer Zahlen. Das sind 4.544 Euro pro Einwohner, Tendenz steigend. Sparversuche gehen zunehmend zulasten der Patienten – mit teils dramatischen Auswirkungen, wie uns die aktuelle Situation mit überlasteten Krankenhäusern in ganz Europa vor Augen führt. Damit Gesundheit bezahlbar bleibt, arbeiten 45 von 74 Fraunhofer-Institute interdisziplinär daran, kostenintelligente und innovative Verfahren für die translationale Medizin zu entwickeln. Ziel ist die schnellere Überführung von Ergebnissen der präklinischen Forschung in die Anwendung. Dies gelingt durch neue Schnittstellen und Kooperationsformate zwischen den vier großen medizinischen Bereichen Drugs, Diagnostics, Data und Devices – die vier D. Dafür müssen Ärzte, Naturwissenschaftler, Informatiker und Ingenieure Hand in Hand arbeiten. Fraunhofer vereint diese Berufsgruppen wie keine andere Forschungsorganisation unter einem Dach und kann somit alle vier Bereiche optimal addressieren. So forscht Fraunhofer – nicht nur im Kampf gegen Covid-19 – etwa an der Entwicklung von Impfstoffen, der Umnutzung bereits verfügbarer Medikamente für neue Indikationen oder dem virtuellen Roboter-Screening nach geeigneten Wirkstoffen. Da in der Arzneimittel- und Diagnostikforschung große Datenmengen intelligent ausgewertet werden müssen, fließt hier auch das Know-how unserer KI- und Big-Data-Institute ein.

Soo-Youn Lee, Marktforscherin Healthcare

Komplexer als gedacht

Die Covid-19-Pandemie rückt die Pharmaforschung, die sonst gerne kritisch beäugt wird, in ein hoffnungsvolleres Licht. Meines Erachtens wird das ihrer tatsächlichen Leistung auch gerecht. Sichere Medikamente und Impfstoffe stehen uns nur deshalb zur Verfügung, weil sie von Industrie und Wissenschaft langwierig entwickelt wurden. Dabei gerät häufig eines aus dem Blick: Die Pharmaindustrie agiert nicht losgelöst, sondern innerhalb eines komplexen Geflechts von Akteuren unserer Gesundheitswirtschaft, die auf verschiedenen Ebenen an Entscheidungsprozessen beteiligt sind. Der Staat etwa gibt mit gesetzlichen Rahmenbedingungen und Lenkungsmechanismen gesundheitspolitische Ziele vor. Die Pharmaindustrie verfolgt neben ökonomischen Zielen auch das soziale Ziel, gemeinsam mit öffentlichen Forschungseinrichtungen die Gesundheitsversorgung weiterzuentwickeln. Wie feingliedrig sich dieses System auffächert, wird am medizinischen Alltag der Ärzte deutlich. Bei der Therapiegestaltung für Patienten können sie sich an Leitlinien orientieren, welche von Experten erarbeitet werden, die häufig selbst Ärzte und Forscher in einer Person sind. Denn klinische Studien, also die Erprobung neuer Wirkstoffe an Patienten, werden dort durchgeführt, wo auch sonst die medizinische Versorgung stattfindet: in Krankenhäusern und Praxen. Ich würde es begrüßen, wenn die Wertschätzung für den gesellschaftlichen Beitrag der Pharmaforschung auch über die Pandemie hinaus erhalten bliebe.

Klaus Cichutek, Präsident Paul-Ehrlich-Institut, Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel

Der Prozess läuft

Die schnelle Ausbreitung der Sars-CoV-2-Pandemie zeigt uns, dass wir mit der Impfstoffentwicklung schnell sein müssen. Aber alle Forschung ist hier willkommen, wenn sich deren Ergebnisse mit Daten beweisen lassen. Das Mittel der Wahl sind momentan neue Impfstoffplattformen basierend auf Erbmaterial des Erregers. Aus Vorarbeiten zur Impfstoffentwicklung gegen Mers-CoV ist bekannt, welcher Erregerbestandteil in solchen Impfstoffen enthalten sein müsste. Aber Impfstoffe müssen nicht nur eine ausreichende Wirksamkeit haben, sondern auch von hoher Qualität sein und eine gute Verträglichkeit aufweisen. Sorgfalt bei der Bearbeitung von Genehmigungsanträgen steht an erster Stelle. Als Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel nutzen wir alle regulatorischen und verfahrenstechnischen Möglichkeiten, die Genehmigungs- und Beratungsverfahren zu beschleunigen. Zuletzt haben wir nach mehreren vorbereitenden Beratungen klinische Prüfungen zu Covid-19 innerhalb weniger Tage genehmigt. Wir sind zuversichtlich, dass eine erste klinische Impfstoffprüfung der Phase eins in Deutschland bereits Kürze beginnen wird und weitere im Verlauf dieses Jahres folgen werden. Dies setzt voraus, dass in den laufenden nichtklinischen Untersuchungen keine Verträglichkeitsprobleme entdeckt werden und die Impfstoffkonstrukte die spezifische Immunantwort erzeugen. Dann kann die Herstellung eines geeigneten Impfstoffs gelingen.

Gerrit Becker, Leser

Wenn diese Pandemie mal nicht eine super Motivation für unsere Gymnasiasten ist: Jetzt ein gutes Abi schreiben und dann Medizinforscher werden.

Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter Arbeitsgruppe Arbovirologie, Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) Hamburg

Schutz vor der nächsten Pandemie

Kein Mensch weiß, wie viele Virenarten auf der Welt existieren. Schätzungen reichen bis zu 1031 – das ist eine Zehn mit 31 Nullen. Was wir aber sicher wissen, ist: Alle Viren, die uns Menschen in den vergangenen Jahrzehnten Ärger gemacht haben, sind zoonotische Viren. Also Viren, die von Wirbeltieren auf den Menschen übertragen wurden. Diese Viren stehen im Zentrum unseres Interesses. Ihre Wirtstiere leben oft in abgelegenen tropischen Regionen. Wir reisen daher regelmäßig nach Afrika und Südostasien und suchen im Dschungel nach Wirbeltieren und den mit ihnen vergesellschafteten Viren – erst mit Fallen, dann mit molekularbiologischen Labortechnologien. Nach einer solchen Expedition geht es ins Labor. Wir wollen wissen: Können diese Viren menschliche Zellen infizieren? Machen sie Menschen krank? Wie leicht lassen sie sich übertragen? Nach Jahren mit aufwändigen Laborexperimenten mit den aktiven Viren haben wir Antworten und können einschätzen, welches Risiko von einem Virus ausgeht. Und wenn wir die genetischen Eigenschaften dieser Viren und die Struktur ihrer Proteinbestandteile kennen, können wir sogar eine zuverlässige Diagnostik – die nun dringend benötigten Schnelltests – entwickeln oder auch Impfstoffe. Die könnten wir einsetzen, sobald es zu einer Epidemie mit einem dieser Viren kommt. Das Problem dabei: Allein die Zahl der Säugetier-Viren wird auf mehr als 300.000 geschätzt. Es gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Friedhelm Mannig, Leser

Helden von heute

Ich empfinde es als sehr wohltuend, dass viele in der Gesellschaft jetzt klarer sehen und erkennen, wer die wahren Helden in der Gesellschaft sind. Nicht Instagram-Influencer und Popsternchen, sondern Pflegekräfte, Mediziner und Forscher. Der Zusammenhalt in unserem Land wird nicht durch das Trällern eines Liedchens bestimmt, sondern durch die herausragende Spitzenforschung, die es uns hoffentlich bald mit der Entwicklung eines Impfstoffes ermöglichen wird, unser liebgewonnenes Alltagsleben wieder aufzunehmen und gesund zu bleiben. Woran Politiker oftmals scheitern, machen meines Erachtens Forscher in mustergültiger Weise vor: eine effektive und intelligente Zusammenarbeit auf globaler Ebene. Viele Probleme der Welt lassen sich nur lösen, wenn Menschen kooperieren. Ich bin überzeugt davon, dass die akute Pandemie, aber auch andere Gesundheitsrisiken, durch universale Forschungsnetzwerke lösbar sind. Ich ziehe auch meinen Hut vor Forschern, die in der jetzigen Situation Tag für Tag komplexe Zusammenhänge verständlich erklären, damit alle Bürger den Ernst der Lage begreifen können, ohne zu verzweifeln. Und deswegen trägt der Held von heute kein Designerkleid, sondern einen Kittel.

Stephan Sieber, Professor für Organische Chemie, Technische Universität München

Entwaffnen statt töten

Antibiotika gelten als zuverlässige Medikamente gegen bakterielle Infektionen. Allerdings werden Antibiotika-resistente Keime zunehmend zum Problem. Woran liegt das? Beim Teilungsprozess von Bakterien kommt es immer wieder zu spontanen Fehlern, sogenannten Mutationen. Erfolgt eine solche Mutation in einem Angriffsziel des Antibiotikums, kann dieses nicht mehr binden und der entsprechende Bakterienstamm überlebt. Es kommt zu einer Selektion dieser resistenten Spezies. Das ist das grundlegende Dilemma aller antibiotischen Wirkstoffe. Eine Alternative dazu ist das Entwaffnen: Bakterien sind nicht per se schädlich. Schadhaft sind vor allem ihre Giftstoffe, die sie herstellen. Gelänge es, diese Giftstoffe auszuschalten, dann würden sie keinen Schaden mehr anrichten und über kurz oder lang über die Immunantwort eliminiert. In meiner Arbeitsgruppe entwickeln wir Wirkstoffe, die einen zentralen Regulator der Infektionskraft von Bakterien ausschalten. Die behandelten Bakterien produzieren keine Toxine mehr und sind entsprechend nicht mehr infektiös. Und da die Bakterien nicht getötet werden, fehlt der Selektionsdruck für Resistenzen. Außerdem bleibt das essenzielle Mikrobiom der Darmflora geschützt und wird nicht wie bei einer Antibiotika-Behandlung ebenfalls entfernt, was zu Nebenwirkungen führen kann. Unser Augenmerk richtet sich nun darauf, aus dieser spannenden Grundlagenforschung einen neuen therapeutischen Ansatz zu entwickeln.

Fritz Lerke, Leser

Netzwerk mit Erfolg

Aus meiner Sicht ist es ein immenser Vorteil des Forschungsstandortes Deutschland, dass ein Zusammenspiel von Universitäten, öffentlichen medizinischen Instituten und der Pharmaindustrie möglich ist. Natürlich ist im Zuge der Corona-Krise der Fokus der Öffentlichkeit auf Entwicklungen im Zusammenhang mit der Bekämpfung des Virus fixiert. Das heißt aber nicht, dass alle anderen Krankheiten plötzlich verschwunden sind. Gerade bei der Erforschung von Medikamenten bei chronischen Krankheiten und der Krebstherapie hat sich meines Erachtens sehr viel getan in den letzten Jahren, wofür zahlreiche Patienten sehr dankbar sind.

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Wie kann eine Welt nach der Krise aussehen?

Während Tag für Tag die Infiziertenzahlen steigen und Regierungen weltweit immer schärfere Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus ergreifen, fällt es schwer, den Blick auf ein Morgen danach zu richten, das noch Wochen oder gar Monate entfernt ist. Dabei ist es gerade dieser Blick nach vorn, der uns heute die Kraft geben kann, die wir brauchen – denn die Zukunft muss lange nicht so düster ausfallen wie momentan von vielen befürchtet.

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Klaus Zeh, Präsident Deutscher Familienverband

Rückgrat des Staates

Die vergangenen Wochen waren für die meisten Familien wegen der Corona-Krise extrem belastend. Angst vor Ansteckung und ein völlig umgekrempelter Alltag prägten die Zeit. Ausgangsbeschränkungen, Heimarbeit, Notbetreuung für Kinder, Heimunterricht, aber auch soziale Distanz mussten Familien bewältigen. Nicht zuletzt konnten sie Ostern in diesem Jahr nur im kleinen Kreis feiern. Immer mehr werden nun die existenziellen Sorgen für Familien sichtbar. Die Löhne fallen aus oder sinken dramatisch. Selbstständigkeit steht oft auf dem Spiel. Es gibt noch keine abschließenden Antworten auf die Frage, wann wieder Normalität einkehren wird. Aber es gab auch gute Nachrichten für Familien: Die Bundesregierung unterstützt sie mit Maßnahmen wie Lohnersatz bei Kita- und Schulschließungen, einem Notfall-Kinderzuschlag und Lockerungen beim Elterngeld. Der Deutsche Familienverband setzt sich weiterhin auf Bundes-, Landes- und regionaler Ebene dafür ein, dass zusätzliche direkte Hilfen für Familien folgen. Familien sind das Rückgrat der Gesellschaft, ohne sie ist kein Staat zu machen. Sie müssen in erster Linie ermutigt und unterstützt werden. Familien sind selbst aktiv. Sie finden neue Wege, sich gegenseitig zu stützen und die Kontakte aufrechtzuerhalten. Damit helfen sie nicht nur sich selbst, sondern tragen wesentlich zur Überwindung dieser Krise bei. Wir verdanken den Familien, dass wir zuversichtlich in die Zukunft blicken können.

Achim Berg, Präsident Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und Neue Medien (Bitkom)

Der Bremsenlöser

Wir erleben derzeit eine Disruption unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft, wie wir sie uns vor einigen Wochen noch nicht haben vorstellen können. Und wir stellen dabei fest: Es sind vor allem digitale Technologien, die dafür sorgen, dass unser Gemeinwesen weiter funktioniert. Von diesen positiven Erfahrungen müssen wir profitieren, wenn der Corona-Virus seinen Schrecken verloren hat. Zum Beispiel im Gesundheitswesen: Seit Jahren blockieren Besitzstandswahrer die Digitalisierung in den Arztpraxen. Dabei sind Online-Sprechstunden längst eine hervorragende Ergänzung zum Arztbesuch und Apps können Diagnose und Therapie unterstützen. Aber sie werden durch regulatorische Auflagen verhindert oder unattraktiv gemacht. Zum Beispiel in der Bildung: Viele Schulen entdecken gerade Lern-Apps und stellen fest, dass digitale Lernmaterialen Büchern und Fotokopien überlegen sein können. Dies gilt nicht nur in Zeiten von Homeschooling, auch in normalen Zeiten können Kinder so individuell lernen. Zum Beispiel in der Arbeitswelt: Unternehmen und Beschäftigte stellen fest, dass Videokonferenzen bequem und einfach sind – und oft auch noch effizienter als klassische Meetings. Auch Geschäftsprozesse werden umgestellt, etwa indem Papierakten digitalisiert oder Verträge digital signiert werden können. Wir wissen nicht, wie lange uns die Corona-Krise noch in Atem hält. Aber eins steht fest: Unsere Welt wird nach ihr digitaler sein.

Richard David Precht, Philosoph und Autor

Ein Land in der Neufindung

Die Corona-Krise bietet uns die Chance, mit größerem Abstand auf unser Leben, unsere Gewohnheiten, unser Konsumverhalten und unsere Ansprüche zu schauen. Viele Menschen machen derzeit die Erfahrung, dass sie wieder spüren, was in ihrem Leben wirklich zählt. Dazu gehört, sich als verletzliches biologisches Wesen zu betrachten. Eine Erfahrung, die uns das Tor öffnet, endlich mit aller Kraft den Umbau zu einer wirklich nachhaltigen Marktwirtschaft anzugehen, die die Umwelt weniger zerstört als bisher. Eine zweite Erfahrung ist die Bedeutung des Sozialen. Das gilt einmal für all die Menschen, auf die wir so dringend angewiesen sind – in aller erster Linie Pflegekräfte, die endlich ihrer Bedeutung gemäß bezahlt werden sollten. Das gilt aber auch für die Alltagskultur der vielen Geschäfte, Restaurants und so weiter, die wir als soziale Biotope vor den globalen Online-Giganten schützen sollten. Eine entsprechende Online-Besteuerung und mehr Unterstützung für die schwächeren Marktteilnehmer tut dringend Not.

Enrieke Saalfeld, Leserin

Positiver Lerneffekt

Ich hoffe, dass die Menschen aus dieser Krise das Richtige mitnehmen und der ein oder andere vielleicht doch seine Prioritäten überdenkt. Wir könnten nach Corona in einer Welt aufwachen, in der systemrelevante Berufe wertgeschätzt werden. In einer Welt, in der die Aussagen von Wissenschaftlern ernster genommen werden als irgendwelche Social-Media-Posts von Influencern. Vergessen wir auch folgendes nicht: Wenn ein Teil der Deutschen sich durch Homeoffice den Arbeitsweg sparen könnte, wäre das auch nicht so schlecht für das Klima.

Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Global vorsorgen

Der Blick in die „Post-Corona-Zeit“ von Entwicklungsländern fällt schwer, weil die Pandemie dort später ankam als in Europa. Wo wir seit Jahren die Gesundheitssysteme stärken, Personal schulen, Labore ausstatten und Impfschutz forcieren, sieht es besser aus als in Slums und überfüllten Flüchtlingscamps: Social Distancing und einmal stündlich Händewaschen? Keine Chance. Dazu kommt: Noch bevor Corona Indien oder Afrika erreichte, waren Millionen Menschen über Nacht arbeitslos, als europäische Firmen ihre Aufträge stornierten. Jobverlust heißt dort sofort: Armut, Hunger, Not. Sozialer Sprengstoff, der in seiner Radikalität ganze Staaten bedroht. Die Welt nach Corona? Sie wird die Welt vor einem anderen neuartigen Virus sein. Das globale, durch Lieferketten verbundene Dorf wird enger, Mensch und Tier kommen einander näher – kurze Wege also für pandemiefähige Erreger. Darum brauchen wir einen Weltkrisenstab für die aktuell zu koordinierenden internationalen Maßnahmen, dessen Struktur für weitere Pandemien erhalten bleiben muss. Wichtig ist auch ein internationales Netzwerk, das Infektionskrankheiten identifiziert, die Mensch und Tier gleichmaßen betreffen können, die Human- und Tiermedizin abgleicht und Impfstoffe generiert. Hoffnung macht eine Corona-Melde- und Steuerungs-App, die schon in Nigeria, Ghana und Fiji im Einsatz ist. Covid-19 und seine Nachfolger bezwingen wir nur global und solidarisch, sonst holen sie uns immer wieder ein.

Anders Indset, Publizist

Eine Zivilisierung der Gesellschaft

Die Menschheit erwacht gerade aus einem 75-jährigen Nickerchen. Denn nach dem Höhepunkt von Konsum und Wohlstand befinden wir uns im kollektiven Lockdown durch Covid-19 und sind nicht vorbereitet auf das, was danach kommt. Der Neustart wird nur gelingen mit einer Zivilisierung der Gesellschaft. Mit einer von der (Quanten-)Technologie getriebenen positiven Vision einer Utopie: Quantopia. In Quantopia ersetzen Liebe und Solidarität Egoismus und Abschottung. Es geht nicht mehr darum, zu gewinnen und zu verlieren, sondern darum, möglichst lange mitzuspielen – um die Unendlichkeit. Die nationalistische Isolierung von psychotischen Egomanen wie Donald Trump, Wladimir Putin und Kim Jong-un muss durch weibliches Leadership ersetzt werden. Wir brauchen außerdem eine regionale Selbstversorgungsfähigkeit und Zugehörigkeit, Identität, und gleichzeitig mehr Globalisierung und gegenseitige Abhängigkeit. Für das „Raumschiff Erde“ stehen die größten Herausforderungen noch bevor: Es besteht das Risiko noch radikalerer Pandemien. Dazu kommen existenzielle Bedrohungen wie der ökologische Kollaps und der Umgang mit exponentieller Technologie. All dem können wir nur begegnen, wenn Dogmen und Religionen ersetzt werden durch selbstdenkende Wesen, die an partizipierende Kulturen glauben. Meine Vision für den Neustart: ein humanistischer Kapitalismus mit praktischer Philosophie.

Anke Meissner, Leserin

Nicht vergessen

Die Krise macht deutlich, wer in unserem Land wirklich systemrelevant ist und allen, die gerade nicht ihrem „normalen“ Leben nachgehen können, Mut macht und für einen Hauch von Normalität sorgt. Die Wertschätzung für die Menschen an Supermarktkassen, in Pflegeheimen, bei Stadtreinigung und Ordnungsamt, für Postzusteller und Bauarbeiter wird, hoffe ich, bleiben. Der Mensch vergisst recht schnell, was war, doch sollten wir nicht vergessen, wer uns in der Krise zur Seite stand, und diesen Menschen auch übermorgen den gebührenden Respekt zollen.

Jo B. Aschenbrenner, Wirtschaftsanwältin und Autorin

System auf dem Prüfstand

Durch die Corona-Krise ist der Ruf nach einer sinnorientierten, agilen und dezentralen Unternehmensführung noch lauter geworden, so laut, dass er mittlerweile auch die Vorstandsetagen unserer globalen Firmen erreicht. Wenn den Wirtschaftsteilnehmern bisher die Ausbeutung unserer natürlichen Ressourcen, die Spaltung in Mächtige und Machtlose sowie die Komplexität unserer vernetzten Welt als Gründe noch nicht ausgereicht haben, sollten sie nach dieser Krise nun endlich ihre gemeinsame Pflicht, diese Transformation mitzugestalten, erfüllen. Dabei ist es egal, ob sie bislang in der Werkshalle Güter produziert oder im Mahagonizimmer die Strategie festlegt haben. Die einen müssen lernen, Macht an ein dezentrales Steuerungssystem abzugeben, die anderen, ihre Macht und Verantwortung in dem System auszuüben. Alle sind gleichermaßen aufgefordert, in ihre persönliche, authentische Macht zu gelangen, um so dem Sinn des Unternehmens immer wieder von neuem Geltung zu verschaffen – während und nach der Krise. In meiner Arbeit setze ich mich damit auseinander, wie diese Veränderung in den Menschen und in den Unternehmen gelingen kann: Sie benötigt konkrete Regeln für die Selbstorganisation der Arbeit, das Miteinander und das Eigentum am Unternehmen. Mit diesen Regeln im Dienste der Freiheit wird es gelingen, den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen.

Alexandra Lauck, Leserin

Angestrengte Geister

„Die Erde wird der schönste Platz im All“, sang die Berliner Band Mutter 1994. Hat sie recht behalten? Zu denken, dass die Post-Corona-Welt eine Bessere wird, ist vor allem der Wunsch danach, dass sich die Krise für etwas lohnt. Derzeit investieren wir für diesen Lohn nichts Geringeres als uns selbst. Neben Social Distancing wäre eine Investition wert, den Gedanken von seiner wirtschaftlichen Logik zu lösen. Denn es geht darum, eine Not zu überstehen, während dieser wir nicht gleichzeitig von der Couch aus Missstände revolutionieren. Der Ausnahmezustand kreiert nicht selbstständig eine Welt „danach“. Solange es Menschen gibt, die an Händewaschen aus Wassermangel gar nicht erst zu denken brauchen, kann die Welt ad hoc keine bessere werden. Was sich dennoch lohnen würde, wäre, sein Privileg zu investieren, indem man sich zum Handeln bemüht, Verantwortung für die Welt zu übernehmen, in der wir leben wollen. Mutter hat zehn Jahre später den Song „Wer hat schon Lust, so zu leben“ veröffentlicht. Scheinbar konnten sie sich noch nicht einmal selbst recht geben.

Frédéric Laloux, Organisationsökonom und Autor

Krisen als Chance

Krankenschwestern, die mit am Corona-Virus Sterbenden arbeiten, wissen, was diese am meisten bereuen: „Ich wünschte, ich hätte weniger gearbeitet und mehr Zeit mit meinen Liebsten verbracht, wäre nicht immer dem gefolgt, was andere von mir verlangt haben, und wäre näher bei mir gewesen.“ Darauf wird sich die Welt nach der Krise ausrichten: weniger Kram, weniger Arbeit, um Platz zu schaffen für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Für Liebe und Freundschaft, für die Möglichkeit, zu sich selbst zu finden und einen Beitrag für etwas Größeres zu leisten. Der Corona-Virus tötet gerade ein Prozent der Menschen, die mit ihm in Kontakt kommen. In Wirklichkeit vernichtet menschliches Handeln Jahr für Jahr in gleicher Weise alles, was ihm ausgesetzt ist: Populationen von Insekten, Vögeln und Fischen, fruchtbare Böden, Regenwald, Mangroven, Korallenriffe. Wir sind der Corona-Virus für die Natur. Mit einem Unterschied: Der Virus wird ab einem bestimmten Punkt abebben. Wir dagegen verhalten uns wie ein ständig wiederkehrendes Unheil. Tausende Spezies sterben jedes Jahr aus. Der Corona-Virus bietet uns die Chance, eine andere Welt zum Leben zu erwecken, die sich weniger um Besitz dreht, die weniger hektisch und erfüllt von destruktivem Handeln ist. Es könnte eine Welt sein, die die Dinge in den Fokus nimmt, die wirklich zählen – und in der Krankenschwestern keine Reue-Klagen mehr hören.

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Welche Chancen bietet E-Health?

Wir wollten schon seit längerem wissen, wie es eigentlich um das digitale Gesundheitswesen in Deutschland bestellt ist – dass aber ausgerechnet die Coronavirus-Krise aus einem spannenden ein notwendiges Thema macht, hätten wir in der Redaktionskonferenz zu Beginn des Jahres auch nicht gedacht. Verraten Sie uns, ob Videosprechstunden eine gute Alternative zum Besuch einer übervollen Arztpraxis sein können und welche ungeahnten Möglichkeiten der Sektor noch zu bieten hat.

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Hans-Jürgen Bickmann, Vorsitzender Ärztlicher Beirat Telematik NRW

Die Revolution rollt

E-Health wird erst zusammen mit Künstlicher Intelligenz eine echte Alternative zur klassischen Medizin. Die algorithmengestützte Verarbeitung medizinischer Informationen leitet einen Disruptionsprozess in der Medizin ein. Diagnostik und Therapieentscheidung fußen auf einer Patientenuntersuchung, die im klassischen Setting orts- und zeitgleich erfolgt. Alles läuft im Kopf des Arztes zusammen, der mit Wissen und Gewissen zu entscheiden hat. Das Gegenszenario: Digitalisierte Vitaldaten werden von einem KI-System auf der Basis medizinischer Leitlinien und des momentan weltweit verfügbaren Schul- und Erfahrungswissens verarbeitet. In kurzer Zeit entdeckt das System Bagatellerkrankungen mit derselben Leichtigkeit wie äußerst seltene. Oder es entdeckt eine Nosologie, die wir bisher nicht kannten. Es bedeutet den Abschied vom ärztlichen Individuum. In der Forschung bedarf es der intuitiven Intelligenz Einzelner, die durch die richtige Fragestellung und Hypothesenbildung Entwicklungsprozesse auslösen, von denen Generationen profitieren. Das Gegenszenario: Algorithmengestützte Recherchen in Vital-, Umwelt- und Sozialdaten führen zeit- und regionsbezogene medizinische Entitäten zusammen, etwa in der Epidemiologie, und erfassen Zusammenhänge, für die es bislang generationenlangen Lernens bedurfte. Die Qualität medizinischer Forschung bestimmen künftig Algorithmen, für deren Entwicklung wir immer neue geniale Köpfe brauchen.

Jan Purr, Landarzt

Ein langer Anfang

Wenn das Ziel ist, Patienten trotz der Mangelressource Arzt gleichbleibend gut oder sogar noch besser als heute zu versorgen, kommt man an Digitalisierung und Delegation nicht vorbei. Und wenn es „nur“ die Delegation von Hinhören und Rückmelden ist. Als Landarzt wünsche ich mir einen möglichst kompatiblen und komfortablen Informationstransfer, die Zusammenführung von Befunden in einer zentralen Patientenakte und die Vernetzung aller mit möglichst jedem. Aber wo bleibt der gemeinsame Standard auch bei Datentransfer und Datenschutz? Und wo die Interkonnektivität all der vielen guten Ansätze bis hin zu den persönlichen Health-Apps? Die Insellösungen dominieren. Und Edge auf dem Land ist als Mobilfunkstandard einfach zu langsam. Die Information unserer fahrenden Arzthelferinnen und -helfer landet zwar per VPN in unserer Patientenkartei, weiterhin bietet aber der direkte Griff zum Handy den schnelleren Informationsfluss. Digitalisierung mit menschlicher Komponente will ich es empathisch positiv nennen. Unsere Patienten profitieren trotzdem gerade jetzt von der digitalen Medizin, wo Corona unseren Praxisalltag massiv einschränkt. Aber der Informationsfluss, der digitale als auch der persönliche analoge vor Ort, reißt nicht ab und gibt uns Rückmeldung. Mittels Videosprechstunde und zentrale Datenerfassung versorgen wir unsere Patienten vielleicht ein wenig besser. Und der wichtige Sektor Pflege? Nun, wir haben ja immer noch unserer Telefone.

Bosco Lehr, Leiter Institut für E-Health und Management im Gesundheitswesen, Hochschule Flensburg

Potenziale nutzen

Aktuell gewinnen aufgrund der Covid-19-Pandemie innovative E-Health-Lösungen an Bedeutung. Die exponentielle Verbreitung von Covid-19 zeigt die Notwendigkeit einer zeitnahen Auswertung der infizierten Fälle mithilfe von digitalen Monitoring-Tools. Apps wie die Corona-App des Robert-Koch-Instituts tragen zu einer Eindämmung der Epidemie bei. Insbesondere telemedizinische Lösungen unterstützen die Durchbrechung der Infektionsketten. Vor diesem Hintergrund ist die Nachfrage nach telemedizinischen Lösungen bei den größten Anbietern in Deutschland in den letzten Wochen stark gestiegen. Der hohe Patientennutzen liegt auf der Hand: Sie können sich die Warte- und Kontaktzeiten in der Arztpraxis ersparen sowie elektronische Rezepte übermitteln lassen. Für medizinische Leistungserbringer kann mithilfe von E-Health-Lösungen ein zeitnaher Austausch medizinischer Daten ermöglicht und die Diagnostik verbessert werden. Auch im Bereich der Pflege und Betreuung im häuslichen Umfeld spielen E-Health und Ambient Assisted Living eine wichtige Rolle, da sie zur Sicherheit und Erhöhung der Lebensqualität im Alltag beitragen. Bislang kommen digitale Technologien in der Regelversorgung in Deutschland noch nicht flächendeckend zum Einsatz. Die Gesundheitsversorgung wird erst dann nachhaltig von digitalen Gesundheitsdiensten profitieren, wenn sie optimal in die Versorgung integriert und die Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit gewährleistet sind.

Eva Becks, Leserin

Alternativlos wichtig

Wir dürfen nicht vergessen, dass wir die Diskussion um digitale medizinische Versorgung hier in Deutschland in einem funktionierenden Gesundheitssystem führen. Wenn ich da in viele andere Gegenden der Welt schaue, frage ich mich: Was ist dort eigentlich die Alternative zu E-Health? Die medizinische Versorgung ließe sich da schon mit ein paar günstigen telemedizinischen Anwendungen verbessern. In vielen Regionen Afrikas zum Beispiel kommen die Menschen ja auch gut ohne ein dichtes Bankennetz aus und regeln ihre finanziellen Dinge trotzdem effizient und sicher: über ihr Mobiltelefon. Und Mobilität kann auch bei E-Health der großen Trumpf sein.

Nicole Hegmann, Patientenvertreterin für Mastozytose im Gemeinsamen Bundesausschuss

Bedingt einsatzbereit

Mit E-Health werden Dienste im Gesundheitswesen in Bereichen wie Patientensicherheit, Gesundheitskompetenz, Behandlungsqualität, Interdisziplinarität und koordinierte Versorgung elektronisch zusammengefasst. So sollen sämtliche Abläufe verbessert und alle Beteiligten vernetzt werden. Wer sich aber ausgiebig mit dem Thema E-Health befasst, kommt unweigerlich zum Ergebnis, dass es an vielen Stellen noch klemmt. Längst nicht alle Programme sind heute schon ausgereift. Diese Erfahrung haben wir selbst schon gemacht. Kürzlich testeten einige unserer Mastozytose-Patienten eine Diagnose-App. Jeder bekam anhand der Symptome eine andere Diagnose, jedoch niemand Mastozytose – und dies, obwohl auch seltene Krankheiten in den entsprechenden Bibliotheken hinterlegt sind. Hinzu kommt, dass viele Arztpraxen mit der Digitalisierung noch nicht Schritt halten und entweder ungenügend oder gar nicht für E-Health-Programme ausgerüstet sind. Zum jetzigen Zeitpunkt sind also weder die Daten vollständig erfasst, noch alle Beteiligten gut vorbereitet. Keinesfalls darf auch außer Acht gelassen werden, dass insbesondere die Qualitäts- und Sicherheitslücken erhöhter Aufmerksamkeit bedürfen. Insgesamt muss man festhalten, dass bei der digitalen Medizin noch ein erheblicher Verbesserungsbedarf besteht. Gerade bei seltenen Erkrankungen wird es noch einiger Zusammenarbeit aller Beteiligten bedürfen, bis die Künstliche Intelligenz umfassend genutzt werden kann.

Helene Freiberg, Leserin

Kontrolle behalten

Neben all den Vorteilen, die E-Health bietet, dürfen auch die Schattenseiten nicht vergessen werden. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Arbeitsmoral in Deutschland nachgelassen hat und der Weg zum Arzt und einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung schneller eingeschlagen wird als noch vor einigen Jahren. Wie läuft das dann digital? Wird es noch einfacher gemacht, krank zu machen? Oder werden bezüglich AUs andere Regelungen gelten? Ich zumindest kann mir sehr gut vorstellen, dass die Entscheidung, zu Hause zu bleiben, weil man keine Lust auf Arbeit hat oder sich ein bisschen unwohl fühlt, durch digitale Prozesse stark vereinfacht wird. Vielleicht sehe ich das aber auch zu drastisch.

Gundi Günther, Leserin

Pro Gesundheit

E-Health und ganzheitliche Medizin gehören für mich zusammen. Vielleicht würden gebündelte Gesundheitsinformationen Ärzten bei einer schnelleren und sicheren Diagnose helfen. Vielleicht ist bei dieser Art Gesundheitsüberwachung ein großer Vertrauensvorschub notwendig, aber mit mehr digitaler Sicherheit fürs System möglich, damit Vertrauen keine Vertrauensfrage ist. Vielleicht würde unser hervorragendes Gesundheitssystem noch ein paar Pluspunkte mehr bekommen, wenn der Gesundheitsbereich sich mehr auf Non-Profit-Organisationen ausrichtet. Vor allem aber sollte eines das globale Ziel aller sein: gesunde Menschen mit einem gesunden Körper und einem gesunden Geist.

Barbara Kronfeldner, Leiterin Referat „Medizinische Fachangestellte“, Verband medizinischer Fachberufe

Feuertaufe bestanden

Die Corona-Pandemie zeigt uns Medizinischen Fachangestellten, was mit E-Health möglich ist. Viele Patientinnen und Patienten gehören zur Risikogruppe und sollten derzeit die Wohnung nur im Ausnahmefall verlassen. Online-Terminvereinbarungen sind hier ein wichtiger Weg zur Steuerung von chronisch und akut Erkrankten sowie infektiösen Patienten. Getrennte Sprechstunden lassen sich leichter managen. Als ausgesprochen hilfreich stellt sich die Videosprechstunde heraus. Dadurch können insbesondere bekannte Patienten von den Ärzten weiterhin sehr gut versorgt und die Medikation angepasst werden. Online-Versichertenstammdatenmanagement, Arztbrief, Medikationsplan, Arbeitsunfähigkeit, Impfausweis und Heilmittelverordnung als digitale Anwendungen sind weitere Beispiele, die dazu beitragen können, die Betreuung der Patienten von bürokratischen Hürden zu befreien und die interprofessionelle Zusammenarbeit zu stärken. Für mich als Medizinische Fachangestellte, die auch in Pflegeheime und die häusliche Umgebung fährt, könnten zudem mobile telemedizinische Sets mit digitalen Anwendungen wie EKG, Lungenfunktionsprüfung und Stethoskop zum Einsatz kommen, die ich kompakt in einem Rucksack überall hin mitnehmen kann. Die Akzeptanz all dieser Methoden hat durch die Corona-Pandemie zugenommen. Jetzt gilt es, ihre Einführung in den Praxisalltag fortzusetzen – natürlich unter Wahrung des Datenschutzes und gemeinsam mit den betreffenden Gesundheitsberufen.

Sebastian Zilch, Geschäftsführer Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg)

Keine Zukunftsmusik

Beim Thema E-Health denken viele zuerst an die neueste App, die mit innovativen Features begeistert, oder an futuristische Visionen vom roboterbetriebenen Krankenhaus. Dabei sind digitale Lösungen nicht erst seit Kurzem ein fester und unerlässlicher Bestandteil des Gesundheitswesens. Etwa in Arztpraxen, wo Software bei der Verschreibung von Rezepten oder der Terminvereinbarung hilft. Oder in Kliniken, wo durch IT zahlreiche Abläufe, beispielsweise im OP-Bereich, organisiert sowie Ärzte und Pflegekräfte bei der Befundung, Dokumentation, Planung und Behandlung unterstützt werden. Trotzdem könnten wir in Sachen Digitalisierung des Gesundheitswesens viel weiter sein. Grund dafür ist, dass das Thema jahrelang politisch vernachlässigt und das große Potenzial für unsere Gesellschaft verkannt wurde. Eben dieser Mehrwert für die Gesundheitsversorgung rückt in Zeiten von Corona verstärkt in den Fokus: Wir lernen, wie wichtig es ist, zuverlässige Prognosen abgeben zu können und medizinisches Wissen zu erlangen. Dafür braucht es strukturierte Daten, die genutzt werden können. Zugleich zeigt sich auch, dass der eingeschlagene Weg mit E-Rezept, Videosprechstunden und elektronischer Patientenakte der richtige ist und einen wichtigen Beitrag für eine digitale Versorgung nicht nur bei zukünftigen Krisen, sondern vor allem auch im Normalfall leistet. Jetzt heißt es: dranbleiben.

Markus Mai, Präsident Landespflegekammer Rheinland-Pfalz

Pflege 4.0

Auch für die berufliche Pflege kann das Etablieren eines flächendeckenden E-Health-Systems eine große Chance darstellen. Durch die Vernetzung verschiedener Heilberufe ließe sich vor Ort eine kompetente Versorgung mit interprofessioneller Abstimmungsmöglichkeit gewährleisten. Dies würde insbesondere in der ambulanten Pflege, der ambulanten psychiatrischen Versorgung oder der Wundversorgung ein hilfreiches Mittel sein. Weiterhin könnte ein Pflegenotruf mit Sensoren gekoppelt werden. Somit wäre ein längerer „betreuter“ Aufenthalt im eigenen Zuhause möglich und die Pflege hier eine sichere Stütze. Durch E-Health-Anwendungen könnten auch achtsame Verhaltensweisen, etwa zur Sturzvermeidung, gefördert und individuelle Prophylaxen wie Mobilitätsübungen unterstützt werden. Den Einsatz von Pflegerobotern sollte man dagegen mit Vorsicht angehen. Der für die berufliche Pflege so wichtige menschliche Kontakt kann nur durch Pflegefachpersonen hergestellt werden. Als „Achtsamkeitsassistenten“ könnten Robotern allerdings eine verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen und zum Beispiel kontinuierlich an die Getränke- und Medikamentenzunahme erinnern. Bei standardisierten Aufgaben wie dem Materialtransport oder bei physisch anstrengenden Arbeiten wie Heben oder Mobilisieren wären Roboter ebenfalls legitime Hilfsmittel. Der Einsatz sollte dabei unter Beaufsichtigung einer Pflegefachperson stattfinden und auch ethische Aspekte müssen immer Beachtung finden.

Claudia Kraft, Leserin

Ich denke, dass uns die aktuelle Krise zeigt, dass E-Health-Systeme das Gesundheitssystem entlasten können. Dennoch finde ich, dass der direkte Kontakt zum Arzt des Vertrauens auch in Zukunft das Fundament der Gesundheitsversorgung bilden sollte.

Dominik Groß, Direktor Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Universitätsklinikum der RWTH Aachen

Wollen wir alles, was wir können?

E-Health verspricht Lösungsoptionen für viele aktuelle Probleme des Gesundheitswesens. Doch sie ist mehr als die elektronische Gesundheitskarte. Gerade die Nutzung internetbasierter Produkte und Dienstleistungen wie Gesundheits-Apps durch Patienten birgt neben den bekannten Chancen auch Fallstricke: So fehlt es bei vielen Anwendungen an objektivierbaren Standards, zum Beispiel einem Qualitätssiegel, und an Evidenznachweisen. Ebenso wichtig wären erweiterte Aufklärungspflichten von Anbietern, die Ahndung sittenwidriger Nutzungsbedingungen und die Festschreibung von Anbieterverantwortlichkeiten bei den Themen IT-Sicherheit, Funktionsfähigkeit, Datenverarbeitung und Transparenz der Datenflüsse sowie der optionalen Einschränkung der Datenweitergabe durch den Nutzer. Zudem bedarf es einer klaren Zuschreibbarkeit von Verantwortung und der Klärung von Haftungsfragen. Weitere Erfordernisse sind die Integration derartiger Dienstleitungen in Prozesse und Strukturen der klassischen medizinischen Versorgung durch die Verbesserung der Schnittstellen. Auch die Erhöhung der Zugangsgerechtigkeit durch bedarfsgerechte Angebote für weniger zahlungskräftige, bildungsferne, technophobe oder netztechnisch benachteiligte Bürger ist ein ethisches Gebot. Grundsätzlich muss gelten: Technik ist kein Selbstzweck, sondern sollte das Ziel haben, menschliche Handlungsspielräume zu erweitern und das soziale Zusammenleben zu verbessern.

Stefan Köhler, Leser

Beste Prophylaxe

Ich nehme Arztpraxen zunehmend als Paradoxon wahr: Eigentlich geht man hin, um gesund zu werden, steckt sich aber im überfüllten Warteraum mit einer anderen Krankheit an und wird noch kränker. Man kommt mit Rückenschmerzen und bekommt noch eine Erkältung dazu. Ich hoffe, dass digitale Praxislösungen Abhilfe schaffen können und man sich nicht mit jeder Kleinigkeit diesem Infektionsrisiko aussetzen muss.

Jürgen Kretschmer, Sprecher Bundesarbeitsgemeinschaft der PatientInnenstellen (BAGP)

Die Angst vor dem Daten-GAU

Die gesundheitliche Versorgung in Deutschland ist verbesserungsbedürftig. Momentan ist E-Health fast der einzige Ansatz zur Weiterentwicklung der medizinischen Versorgung. Dabei muss für die Patienten der nachgewiesene Nutzen elektronischer Anwendungen an erster Stelle stehen. Bisher ist dieser jedoch wenig sichtbar oder evident: Elektronische Patientenakte, elektronisches Rezept und dergleichen können dieses Versprechen bisher nicht einlösen. Die aktuelle Ausnahme: Video- und Online-Sprechzeiten in Zeiten von Corona. Das zweite zentrale Kriterium für die Akzeptanz von E-Health-Anwendungen sind Datensicherheit und Datenschutz. So funken alle Apps Daten an privatwirtschaftliche Auftragsverarbeiter. Es kann nicht kontrolliert werden, was mit diesen Daten weiter passiert. Daher fordern wir als Patientenorganisation, dass alle staatlich geförderten E-Health-Anwendungen und deren Datenflüsse im deutschen Gesundheitssystem verbleiben und so abgesichert werden, dass eine Nutzung durch die Privatwirtschaft ausgeschlossen ist. Der Glaube und die Hoffnung an E-Health-bedingte Versorgungsverbesserungen sind nachvollziehbar, allein es fehlen Sicherheit, Patientenorientierung und Nutzennachweise. Bei der Entwicklung von E-Health-Produkten müssen die Patienten beteiligt werden und sie müssen unabhängige und neutrale Informationen und Unterstützung erhalten, um die erforderliche digitale Gesundheitskompetenz zu erwerben.

Günther Kurzwieler, Leser

Sicherheit im Gepäck

Wenn man älter wird, lässt die Gesundheit oft nach und man schleppt das ein oder andere Leiden mit sich herum. Was dagegen aus eigener Erfahrung nicht nachlässt, ist die Reiselust. Gerade als Rentner hat man dafür endlich die Zeit, die einem früher fehlte. Meine eigentlich einzige Sorge ist immer nur: Bin ich dort, wo ich hinreise, für den Fall der Fälle medizinisch gut versorgt? Ich hatte vor ein paar Jahren eine Herz-OP und gerade bei längeren Reisen würde ich mir manchmal wünschen, ich hätte die Möglichkeit im Gepäck, mir bei Problemen via Telemedizin Hilfe von meinem Hausarzt zu holen. Auch einem digitalen ärztlichen Service, den man aus dem Ausland über eine App erreichen könnte, würde mir eine ganz andere Sicherheit geben. Denn auf Reisen kann immer was passieren. Wenn ich da nur daran denke, mir würden irgendwo meine Medikamente abhandenkommen oder ich müsste ins Krankenhaus, dann wäre es doch toll, wenn ich die Ärzte vor Ort mit meinen behandelnden Ärzten von Zuhause oder einem dafür eingerichteten medizinischen Dienst meiner Krankenkasse direkt vernetzen könnte.

Thomas Weber, Leiter Arbeitsgruppe „Telemedizin und Telematik“, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR)

Schwerelos erprobt

Telemedizin setzt vereinfacht da ein, wo Patient und Arzt nicht zur gleichen Zeit im selben Raum sitzen. Gehen wir erstmal von der Erde aus. Gerade in ländlichen Regionen gibt es zwar oft Allgemeinmediziner, aber seltener Fachärzte. Für Sprechstunden wird in mehreren Ländern hierfür schon lange die Telemedizin genutzt, Patient und Arzt tauschen sich per Video aus. Jetzt, in Zeiten von Corona, werden über diese Technologie vermehrt auch Stadtbewohner behandelt. Im Weltall hingegen ist man schon lange auf die Telemedizin angewiesen. Auch wenn immer ein Arzt in der Crew ist oder ein Crewmitglied durch Kurzausbildungen medizinisch fit gemacht wurde, gibt es an Bord Systeme, die die Crew bei medizinischen Notfällen unterstützen, quasi sagen, was zu tun ist – und Kontakt zu einem Spezialisten auf der Erde herstellen können. Kleinere Eingriffe lassen sich problemlos in der Raumstation durchführen. Sollte aber ein Crewmitglied lebensbedrohlich erkranken, dann kann es von der internationalen Raumstation ISS mit einer Rettungskapsel zurück auf die Erde geschickt werden. Das schafft man heutzutage schon in etwa zehn Stunden. Aber eigentlich kommt so ein Notfall im Weltall so gut wie nie vor. Alle Astronauten werden jahrelang auf ihren Einsatz im All vorbereitet und im Vorfeld ausgiebig untersucht. Vier Wochen vor dem Start werden sie dann in Quarantäne geschickt. Wie sich das anfühlt, kennen ja jetzt viele von uns durch Corona.

Sebastian Vorberg, Vorstandssprecher Bundesverband Internetmedizin

Überfälliger Wandel

Auf einen Schlag erscheint in der Corona-Krise alles klar und leicht: Wir brauchen umfassende Fernbehandlung in der Medizin, und zwar sofort. Wir brauchen qualitative digitale Aufklärung und Diagnoseunterstützung für alle medizinischen Fragen. Wir müssen so viel Medizin wie möglich zu den Patienten nach Hause bringen. Und der Patient muss in die medizinische Verantwortung für sich und andere genommen werden. Kurz gesagt: Wir brauchen die umfassende Digitalisierung in der Medizin und die weitgehendste digitale und praxisunabhängige Patientenkommunikation. Sofort. Das Tabu Datenschutz oder eine taktische „Ja, aber“-Diskussion der unmotivierten Marktteilnehmer haben derartige Entwicklungen in Deutschland bisher stark eingebremst. Doch die Corona-Krise schlägt nun allseits und auf einen Schlag alle Bedenken gegen die digitalen Entwicklungen der Medizin in den Wind und zeigt, welche Argumente im Rahmen von medizinischer Betroffenheit zählen und welche nicht. Genau dieser Paradigmenwechsel hat gefehlt, um die Innovation der digitalen Medizin nun endlich auf den verdienten Nährboden einer offenen, tabufreien Diskussion zu stellen. Schon jetzt lässt sich erkennen, dass die neu gewonnenen Perspektiven nach der Corona-Krise nicht wieder einfach so verschwinden werden. Eine überfällige Öffnung der Diskussionen hin zur digitalen Medizin und zur Fernbehandlung wird bleiben. Darauf sollten sich alle Beteiligten am Gesundheitsmarkt einstellen.

Dr. Walter Freudenstein, Leser

Grenzen der digitalen Medizin

Ärzte sind per se eher zurückhaltend, was neue Techniken betrifft: E-Gesundheitskarte; Telematik-Infrastruktur und E-Rezept - lange angekündigt, störanfällig und unklarer Datenschutz. Vieles lässt sich in Zukunft online erledigen; auch die Vidio Sprechstunde ist im ländlichen Raum ein sinnvolles Medium - das wird durch die CORONA-Pandemie nochmal einen Schub bekommen. Der Patient schätzt allerdings das persönliche Gespräch und die Be-handlung durch den Arzt - das machen uns Schulmedizinern die Heilpraktiker und Homöopathen vor; da sollten sich die jungen Kollegen an einfache und bewährte Regeln erinnern: Zeit für eine gute Anamnese, gründliche Untersuchung und Therapieplanung. Eine Sterbebegleitung gibt es nicht als Vidio-Sprechstunde.

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