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Wie bleibt Energie sicher und bezahlbar?

Die Tage von Atomkraftwerken und Kohlemeilern in Deutschland sind gezählt. Wir werden also zunehmend abhängiger von Wind-, Wasser- und Sonnenenergie – die Natur interessiert sich bekanntermaßen nicht für Nachfragespitzen. Verraten Sie uns, wie wir trotz der Umstellung auf erneuerbare Energien die Versorgungssicherheit zu bezahlbaren Preisen gewährleisten können.

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Guido Gluschke, Direktor Institute for Security and Safety (ISS), Technische Hochschule Brandenburg

System mit Hindernissen

Kostengünstige Energie für jeden basiert auf der Idee, unterschiedliche Energiequellen in einem europäischen Energiemarkt zu bündeln und dort für jeden Abnehmer flexibel bereitzustellen. Diese Idee lässt sich nur umsetzen, wenn verschiedene Energieerzeuger mithilfe digitaler Kommunikation das Stromnetz bedarfsgerecht steuern. Gleichzeitig findet eine Energiewende hin zu dezentralen, erneuerbaren Energieträgern statt, die eine bedeutsame digitale Transformation benötigt. Die Gesetze der physischen Massen, die heute in Großkraftwerken durch riesige Turbinen wirken und unser Energienetz stabilisieren, müssen zukünftig durch Informationstechnologie ausgeregelt werden. Ein Angriff auf diese digitalen Regelmechanismen würde zwangsläufig zu Energieausfällen führen. Die Bedrohungsoberfläche steigt enorm, sei es durch mehr vernetzte Systeme oder durch eine Vernetzung dieser Systeme mit Verbrauchern und anderen Teilnehmern des Netzwerks wie Solaranlagen oder Elektroautos. Wer haftet, wenn nicht Sie, sondern Ihr Haus, Auto oder Kühlschrank ein Kraftwerk hackt? Dies ist selbst für Juristen Neuland. Während für die Zulassung neuer Fahrzeuge demnächst eine Cyber-Security-Regulierung erlassen wird, ist das für Gebäudetechnik nicht erkennbar. Sicherer Strom wird nur möglich sein, wenn ein strategisches Vorgehen zur digitalen Sicherheit auf europäischer Ebene implementiert wird. Die aktuellen Bestrebungen lassen diese notwendige Weitsicht vermissen.

Thomas Speidel, Präsident Bundesverband Energiespeicher

Mitten im Wandel

Neben Sicherheit und Bezahlbarkeit ist CO2-Freiheit ein weiterer wichtiger Aspekt unserer Energieversorgung. Anders als bei fossilen Großkraftwerken ist die regenerative Erzeugung dezentralisiert und folgt nicht dem Bedarf sondern der Verfügbarkeit von Wind, Sonne oder Wasser. Das ändert vieles. Zum Aspekt der Sicherheit: Dezentrale Systeme sind im Sinne der Systemverfügbarkeit in der Regel sicherer als zentrale Systeme. Das erschließt sich leicht, denn Ausfälle sind örtlich begrenzt und Redundanzen höher. Der berühmten „Dunkelflaute“ wird durch erheblichen regenerativen Erzeugungsüberschuss in Verbindung mit Netzausbau, allen Arten von Speichern und insbesondere der Sektorenkopplung begegnet. Zudem ist die Digitalisierung in allen Bereichen unabdingbar und von höchster Priorität. Denn zum Schutz vor externen Angriffen sind dezentrale Systeme auf sichere IT-Strukturen angewiesen. Zum Aspekt der Kosten: Im Finanzbereich gilt das Motto „Whatever it takes“. Das muss erst Recht für den Erhalt des Planeten gelten. Ist die Kostenwälzung dabei noch richtig? Nein. Unter der Maßgabe des Ziels müssen alle Systembeteiligten regulatorisch neu orchestriert werden. Das gilt für energiepolitische Instrumente wie auch für Steuern, Abgaben und Netzentgelte. Dabei wird es ein Neuaufsetzen benötigen, denn mit „weiteren Balkonen“ an den Bestandsregularien steigen die Kosten. Wirtschaft und Privatverbraucher sind auf eine bezahlbare CO2-freie Energie angewiesen.

Marco Gerhardt, Leser

Alle mitnehmen

In Großbritannien und den USA steht F als Schulnote für ungenügend. Fridays for Future, also F F F, steht sinnbildlich für unsere aktuelle Klimabilanz. Die jungen Leute gehen für die richtige Sache auf die Straße, aber die meisten von ihnen mussten noch nie eine Stromrechnung bezahlen. Viele Perspektiven verändern sich, wenn man älter wird. Auch für diese Generation wird dies der Fall sein. Vor kurzem habe ich gelesen, der Durchschnittsdeutsche verdient 3.100 Euro brutto im Monat. Wer auch immer dieser Durchschnittsdeutsche sein soll, an einer Kasse sitzt er sicherlich nicht, auch pflegt er nicht meine Mutter. Aber genau für diesen Personenkreis, der unser tägliches Leben erst in der Form, wie wir es führen, ermöglicht, ist ein steigender Strompreis auch eine existenzielle Frage. Auf keinen Fall sollten wir Energie – Licht an, Licht aus – für selbstverständlich nehmen. Uns vielleicht dreimal überlegen, ob wir den Wasserhahn beim Zähneputzen laufen lassen. Aber wer den Euro insbesondere in dieser schwierigen Zeit dreimal umdrehen muss, der fragt sich zurecht: Wo geht die Reise hin? Kann ich noch leben neben der Arbeit oder muss ich alles in Miete und Lebenserhaltungskosten investieren?

Andreas Girbardt, Bürgermeister Gemeinde Goldisthal

Gewinn für die Region

In unserer Gemeinde wurde zur Jahrtausendwende eines der größten Pumpspeicherwerke Europas errichtet. Wie der Name schon sagt, muss das Wasser zunächst aus einem Wasserspeicher im Tal in einen höher gelegenen Speicher auf eine Bergkuppe gepumpt werden. Es ist also kein reines Wasserkraftwerk, sondern ein Energiespeicher. Die Eingriffe in die Natur waren unbestritten hoch. Es wurden mehrere Hektar Wald gerodet und eine Umgehungsstraße neu errichtet. Inzwischen haben sich die Eingriffe aus meiner Sicht kompensiert. Zwar mussten Waldflächen weichen, aber dafür sind mit dem rund 8,5 Hektar großen unteren Speicherbecken neue Lebensräume entstanden. Dort wurden zum Beispiel spezielle Flachwasserzonen für Wasservögel angelegt, die seither verstärkt beobachtet werden können. Selbst der seltene Schwarzstorch ist häufig anzutreffen. Für Bewohner der Region und Touristen sind die entstandenen Wasserspeicher zudem beliebte Ausflugsziele zum Wandern und Entspannen. Mein Fazit: Wasserkraftwerke sind mit erheblichen Eingriffen in die vorhandene Naturlandschaft verbunden. Mit entsprechenden Ausgleichsmaßnahmen entwickeln sich aber in und um den Wasserspeicher neue Lebensräume für einen größeren Artenreichtum. Ich sehe in der Nutzung der Wasserkraft eine gute wirtschaftliche Lösung, die langfristig auch mit dem Naturschutz vereinbar ist. Leider gibt es in Deutschland zu wenig Standorte, die für ein Wasserkraftwerk geeignet sind.

Michael Kirchner, Leser

Fossiler Sockel

Es ist sicherlich richtig, alle Potenziale der erneuerbaren Energien für unsere Stromversorgung auszunutzen. Aller- dings gibt es sowohl beim Ausbau des Übertragungsnetzes in Gestalt der so- genannten Stromautobahnen als auch von Windenergieanlagen und Wind- parks erhebliche Defizite. Solange die entsprechenden Genehmigungsver- fahren durch den Gesetzgeber nicht deutlich von Hindernissen für eine zügige Entscheidung entschlackt wer- den, laufen wir Gefahr, dass Strom am Ende zum Luxusgut und für viele Bürger unbezahlbar wird. Angesichts dieser Sachlage sollte ein Sockel aus verfügbaren heimischen fossilen Ener- gieträgern für längere Zeit erhalten bleiben. Erst wenn das Angebot aus erneuerbaren Energieträgern stabil ist, kann auf den Sockel verzichtet werden.

Simon Richter, Leser

Weiterdenken

Atomkraftwerke galten lange als die Lösung für unsere Energieproble- me. Mit der Endlagerung hatte sich damals aber noch niemand befasst. In meinen Augen sollte mehr in die Forschung gesteckt werden, um dieses Problem endgültig zu lösen. Statt- dessen wird in Windkrafträder investiert, die, nachdem sie ausrangiert werden, auch irgendwo verrotten müssen. Vieles wird auch heute nicht zu Ende gedacht. Nur neu bauen und auf das Beste hoffen, das wird uns wie in der Vergangenheit auch in Zukunft auf die Füße fallen. Wohin mit dem Schrott? Ähnlich wie viele Bohrinseln im Meer versenken, kann nicht die Lösung sein. Weiterdenken ist daher die Devise. Noch nie war der Satz „Heute schon an morgen denken“ passender. Nur wird es jetzt mal Zeit, dass das auch passiert. Ich hoffe auf derzeitige und zukünftige Weitsicht.

Patrick Graichen, Direktor Agora Energiewende

Der Motor stockt

Deutschland schaltet 2022 das letzte Atomkraftwerk ab und hat 2019 den Kohleausstieg beschlossen. Künftig liefern vor allem Windräder und Solaranlagen den Strom – klimafreundlich, sicher und bei neuen Anlagen zu Kosten, die niedriger sind als bei allen anderen Kraftwerken. An den wenigen Tagen, an denen es sowohl dunkel als auch windstill ist, springen dann Gaskraftwerke ein. Diese werden schon heute mit vergleichsweise klimafreundlichem Erdgas betrieben. Künftig verbrennen sie aus Ökostrom erzeugtes Methan und werden so treibhausgasneutral. Allerdings ist Deutschland bei der Umsetzung der Energiewende langsam geworden. So wie wir heute bauen, werden erneuerbare Energien bis 2030 nur auf einen Anteil von 55 Prozent am Strommix kommen und nicht wie vereinbart auf 65 Prozent, damit wir unsere Klimaschutzziele erreichen. Das liegt vor allem am stockenden Ausbau von Windrädern an Land. Die Bundesregierung versäumt hier seit drei Jahren, die Handbremse zu lösen und einen klaren Weg für den Zubau an Windkraftanlagen vorzugeben. Tausende Arbeitsplätze sind dadurch schon verloren gegangen. Auch ein stärkerer Ausbau von Photovoltaik und Windenergie auf See kann diese Versäumnisse nur teilweise aufholen. Das gilt insbesondere, wenn die Stromnachfrage durch zusätzlichen Strombedarf in der Industrie noch ansteigt. Deswegen brauchen wir ausreichend Flächen für den Bau von Windrädern und schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren.

Dörte Wichert, Leserin

Das Prinzip Sparen

Die beste Energie ist die, die nicht verbraucht wird. Effizienz ist das Zauberwort, mit dem Haushalte und Wirtschaft Kosten sparen und etwas für die Umwelt tun können. Es gibt diverse technische Lösungen, aber die beste Lösung ist immer noch, den gesunden Menschenverstand einzusetzen.

Stefan Huber, Leser

Generationenaufgabe

Günstige Energie ist die treibende Kraft unserer Wirtschaft und unseres persön- lichen Komforts. Schon früh wurde er- kannt, dass eine ungehemmte Nutzung zu negativen Auswirkungen auf die Umwelt und auch im sozialen Gefüge führt. Die Bereiche Mobilität, Produk- tion, Kommunikation und Wärme wer- den dadurch mit zusätzlichen Kosten belastet. Von jedem Einzelnen wird beim Verbrauch und auch in der Erzeu- gung viel mehr Eigeninitiative erwartet, um Energie als kommunales Gut sicher und bezahlbar zu halten. Erster Ansatz einer Lösung ist es, den Konsum auf heutigem Niveau zu überdenken und Erkenntnisse bei der Einsparung be- kannt zu machen. In Großbritannien müssen Großverbraucher inzwischen eine Reduktion des Energieverbrauches nachweisen, um die Lücke von aktuel- ler Produktion zur nachhaltigen Erzeu- gung zu schließen. Der zweite Ansatz, die Eigenerzeugung wäre mit Photovol- taik, Kleinwindanlagen, Speichern oder Forsten sehr einfach. Doch wird dies gerade in der Novelle des Erneuerbare- Energien-Gesetzes durch Kosten für nicht genutzte Netzdurchleitung beim Eigenverbrauch torpediert. Energie wird durch verantwortlichen Konsum, angepasste Erwartungen in die Sicher- heit und Mitarbeit zur Generierung er- schwinglich bleiben.

Jochen Homann, Präsident Bundesnetzagentur

Aus der Balance

Die Entgelte für das Stromnetz machen für Haushaltskunden ein knappes Viertel des Strompreises aus. Über diesen Teil wacht die Bundesnetzagentur. Die Netzentgelte sind in den letzten drei Jahren nicht mehr gestiegen und damit nicht verantwortlich für den Anstieg der Strompreise im vergangenen Jahr. Es bleibt aber eine zentrale Aufgabe, auch für die Zukunft sicherzustellen, dass nur solche Kosten in die Netzentgelte einfließen, die für eine sichere Stromversorgung und für das Gelingen der Energiewende erforderlich sind. Ein Bestandteil der Netzentgelte sind die Kosten für die Stabilisierung des deutschen Stromnetzes. Wenn im Norden viel Windstrom produziert wird, der nach Süden, wo er gebraucht würde, nicht abtransportiert werden kann, weil das Stromnetz nicht ausreichend ausgebaut ist, muss Erzeugung im Süden teuer hoch- und im Norden gegen Entschädigung heruntergefahren werden. 2019 fielen für diese Stabilisierung des Stromnetzes Kosten von 1,2 Milliarden Euro an. Das ist zwar weniger als im Vorjahr, die niedrigeren Kosten sind allerdings nur eine Momentaufnahme. An der grundsätzlichen Problematik hat sich nichts geändert. Ändern wird sich das erst, wenn das Stromnetz besser ausgebaut ist und der Windstrom ohne Engpässe nach Süddeutschland transportiert werden kann. Dann sinken auch die Kosten für die Systemstabilisierung wieder.

Michael Nachtmann, Leser

Element mit Zukunft

Wir müssen einfach auf die richtigen Energieformen setzen. Elektroautos sind meiner Meinung nach nicht zukunftsfähig. Es wird Braunkohle verbrannt, um Strom zu erzeugen, mit dem dann die Akkus geladen werden. In der Nordsee ist ausreichend Wind vorhanden, auch Windräder zur Stromerzeugung. Der Strom kann von dort jedoch nicht transportiert werden. Mit dem in der Nordsee erzeugten Strom könnte Wasserstoff hergestellt werden, der dann als Treibstoff für Wasserstoffautos verwendet werden kann. Als Verbrennungsrückstand entsteht Wasser. Meiner Meinung nach ist das die Zukunft.

Eberhart Liesching, Leser

Das Denken umstellen

Der Bedarf an Energie auf diesem Erdball wächst stetig. Langsam, aber sicher wächst sogar der Bedarf an ihrer Sauberkeit. Das erstgenannte Bedürfnis könnte ruhig langsamer wachsen, das zweitgenannte schnel- ler, überall – allen Bewohnern die- ser Erde zuliebe. Zu bewerkstelligen ist dies nur mit einer Änderung des Bewusstseins der meisten Menschen. Atom-, Kohle- und Ölstrom sind dre- ckig und unsicher, das ist eine Tat- sache – das denkt jedoch nicht jeder. Wasserkraftwerke, Windräder und Solarstromflächen erzeugen sauberen Strom. Dass diese jedoch als so häss- lich empfunden werden, liegt haupt- sächlich an der Sichtweise. Um die kilometerlangen Reihen von Hoch- spannungsmasten bis an den Hori- zont kommen wir nicht herum, wenn überall Strom hinsoll. Stromsparen ist auch effektiv und die sauberste Stromquelle überhaupt, aber leider noch nicht stark genug im Bewusst- sein verankert. Für diese Bewusst- seinsänderung sollten sich Menschen aller Couleur einsetzen: vom einfa- chen Arbeiter bis zum Präsidenten. In allen muss das Bedürfnis nach sau- berer Energie eingepflanzt sein.

Frank Zichter, Leser

Volk der Stromerzeuger

Sichere und bezahlbare Energie muss fair sein und weder Mensch noch Natur ausbeuten. Grüne Energie ist leider ein ausgebrannter Begriff, obwohl das die Zukunft und die Antwort auf die Frage ist. Wenn alle anfangen würden und könnten, sich autark mit Energie zu versorgen, würde das die Umwelt zusätzlich entlasten. Wenn ich mich um meinen eigenen Strom kümmern muss, dann kann ich diesen auch sicher und bezahlbar gestalten.

Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der Geschäftsführung Deutsche Energie-Agentur (dena)

Mehr Engagement wagen

Eine sektorenübergreifende Energiewende funktioniert wie ein umfassendes Investitions- und Innovationspaket: Sie setzt Anreize für Klimaschutztechnologien, kurbelt Industrie und Dienstleistungen an und schafft so Beschäftigung entlang der Wertschöpfungskette. Dabei beschränkt sich die Investitionsnachfrage nicht auf die typischen Felder der Energiewende, sondern setzt Impulse in verschiedensten Wirtschaftssektoren. Hier profitiert die Stahlindustrie von den Bestellungen der Windindustrie ebenso wie der Handwerksbetrieb in der Nachbarschaft, der eine Solaranlage aufs Dach oder eine Wärmepumpe in den Keller baut. Erneuerbare-Energien-Technologien sind zudem ein kontinuierlich starker Exportfaktor. Klimaneutralität bis 2050? Wird erreicht, wenn alle Knöpfe in die richtige Richtung gedreht werden. An den passenden Rahmenbedingungen hakt es vielfach noch, was zu unnötigen Kosten führt. Zudem verzögert dies den Umbau auf die modernen und klimafreundlichen Technologien und Infrastrukturen. Die Energiewende muss zusammen gedacht werden, schließlich bedingt vielfach das eine das andere. Ein deutlich engagierterer Ausbau der erneuerbaren Energien ist grundlegend – nicht nur für die Stromversorgung in Haushalt und Industrie. Er wird auch zunehmend für andere Bereiche gebraucht: für mehr batterieelektrische Fahrzeuge, Wärmepumpen und zur Wasserstoffproduktion.

Wolfgang Kröger, Risikoforscher an der ETH Zürich

Der Mix macht’s

Mit der Stromwende sollen Kohle und Kernenergie ersetzt werden, und zwar allein durch Wind- und Sonnenenergie. Das kostet jährlich bis zu 70 Milliarden Euro, gesamthaft so viel wie die Wiedervereinigung. Der Strompreis ist bereits jetzt Spitze in Europa und wird wohl weiter steigen. Zwar ist die Stromwende bisher recht erfolgreich, aber zunehmender Widerstand verzögert den Ausbau samt Netz- und Speicherinfrastruktur und lässt eine Ökostromlücke befürchten – künftig umso mehr, als sich der Strombedarf durch E-Mobilität, Digitalisierung und Gebäudeklimatisierung verdoppeln wird. Wind- und Solaranlagen wären bis 2050 auf das Sechsfache der heute installierten Leistung zu steigern, notfalls CO2-freier Strom zu importieren, wie es aber auch anderen Ländern vorschwebt. Nur: Jüngste Ereignisse zeigen, dass ökonomische Stabilität oder gar Solidarität zwischen Staaten in Zweifel stehen. Höchst fahrlässig wird diese Strategie, missachtet man zudem das bewährte Prinzip der Diversifizierung. Vielmehr müsste – das Gebot der Dekarbonisierung beachtend – eine heimische Stromproduktion sichergestellt werden, und zwar über einen Mix, der jetzt, um Zeit zu gewinnen, den Weiterbetrieb laufender Kernkraftwerke zulässt und künftig einen bescheidenen Anteil Kernkraft einschließt. Es gibt bereits Anlagenkonzepte, die die Furcht vor schweren Unfällen gänzlich nehmen, die Atommüllproblematik entspannen und damit sozialverträglich werden könnten.

Günther Pflügler, Leser

Ungenutzte Potenziale

Meiner Meinung nach liegt der Schlüssel zur Sicherung der Energie- versorgung aus alternativen Energien in der Technik der Energiespeiche- rung. Dabei muss nicht nur das Ab- decken von Bedarfsspitzen, sondern auch die Sicherung der Grundlast gewährleistet sein. Sonne und Wind stehen dafür in ausreichender Menge zur Verfügung. Bei der Technik der Energieumwandlung und -weiterlei- tung sind wir deutlich fortgeschrit- tener als in der Technik des Spei- cherns. Ein ebenso wichtiger, leider zu wenig beachteter Lösungsweg ist der sorgsame Umgang mit Energie. Die Einsparpotenziale sind gewaltig, werden aber aufgrund der derzeit immer noch günstigen Energiepreise nicht ausgeschöpft. Jedes Kilowatt eingesparte Energie braucht nicht erst erzeugt, gewandelt, transpor- tiert oder gespeichert werden. Allein die Energieverluste bei diesen Vor- gängen sind exorbitant. Wenn wir uns für den achtsamen Umgang mit Energie sensibilisieren, wird der Be- darf deutlich sinken. Wenn wir unse- ren Verbrauch reduzieren, kann der eingesparte Preis als Umlage in die Umstellung auf erneuerbare Ener- gien und die Entwicklung von Spei- chermedien investiert werden, ohne den Einzelnen mehr zu belasten.

Joachim Schubert, Leser

Ohne Gas geht nichts

Selbst die grünen Strom- und Fernwärmenetze werden nach dem Kohleausstieg im Jahr 2038 eine witterungsunabhängige Strom- und Heizreserve brauchen, um wochenlange Dunkelflauten im Winter überbrücken und Netzschwankungen ausgleichen zu können. Deshalb werden in Netzschwerpunkten gasbefeuerte Regel- und Heizkraftwerke sowie zusätzliche Strom- und Wärmespeicher, zum Beispiel Pumpspeicher, Power-to-Gas und Salzbadspeicher, benötigt. So wurden in den letzten Jahren beispielsweise in Köln, Düsseldorf und Kiel gasbefeuerte Regel- und Heizkraftwerke anstelle von Kohleblöcken gebaut. In Berlin werden derzeit vier Heizkraftwerke diesbezüglich nach- beziehungsweise umgerüstet. Weitere werden folgen müssen, wenn wir in Notzeiten nicht auf Kohlestrom aus Polen und Atomstrom aus Frankreich angewiesen sein wollen. Was die Preise dafür betrifft, so müssten private Profiteure zurückgedrängt werden. Das heißt: Die Energiewirtschaft müsste wieder in öffentliches Eigentum zurückgeführt werden.

Stefanie Ahl, Leserin

Bunter Mix

Aus meiner Sicht bleibt Energie sicher und bezahlbar, wenn sie aus vielen verschiedenen Quellen kommt, die sich gegenseitig ergänzen. Allein die heimischen Quellen wie Sonnenenergie, Gezeitenkraft, nachwachsende Rohstoffe und Erdwärme sind größtenteils noch unerschlossen, sodass der Mix an nachhaltigen Energiequellen in Zukunft noch bunter werden kann.

Bernhard Kollroß, Leser

Konsequent weitergehen

Die Frage, ob die Gewährleistung der Versorgungssicherheit mit erneuerbaren Energien zu bezahlbaren Preisen möglich ist, wird seit geraumer Zeit in unserer Gesellschaft diskutiert. Von vielen Menschen wird die Abkehr von der bisherigen Energiewirtschaft und die Umstellung auf erneuerbare Energie mittlerweile als alternativlos anerkannt. Welche Schritte sind notwendig, um die Transformation hin zu einer CO2-neutralen Gesellschaft zu erreichen? Der eingeschlagene Weg der europäischen Energiewende muss konsequent weitergegangen werden. Das Beharren auf alten bestehenden Anlagen und Gewohnheiten ist aus vielen Gründen nachvollziehbar, aber nie war das Zitat „Stillstand ist Rückschritt“ wahrer als in unserer heutigen Zeit. Es braucht eine Politik, die erneuerbare Energien fördert, die offen ist für neue Technologien, die es Bürgern ermöglicht, selbstproduzierten Strom zu verbrauchen oder ins Stromnetz einzuspeisen, die Energiesparen belohnt. Den bestehenden Energieunternehmen muss ein klarer Weg vom Status quo hin zur nachhaltigen Zukunft aufgezeigt werden. Wir werden Unternehmen brauchen, die die Energiesicherheit der Zukunft sicherstellen, aber vor allem brauchen wir aufgeklärte Bürger, die mit dezentralen Projekten selbst die Energiewende gestalten. Wenn es die Politik schafft, dass sich jeder Bürger als Teil der Energiewende sieht, wird die Versorgungssicherheit mit erneuerbaren Energien zu bezahlbaren Preisen gelingen.

Jörg Habersack, Leser

Energiewende mit Backup-Plan

Der Ausbau der erneuerbaren Energien muss so weit vorangetrieben und geografisch gestreut werden, dass an 80 bis 90 Prozent der Zeit der Energiebedarf voll gedeckt werden kann. Für Zeiten, an den

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Was will mein Tier?

Wenn Hasso wieder mal seinen Futternapf nicht anrührt, Felix laut miauend sein Frauchen begrüßt und Polly in der Voliere Loopings fliegt, ist guter Rat teuer: Die 34 Millionen Haustiere, die es in Deutschland gibt, haben Wünsche und Bedürfnisse – und wollen verstanden werden, auch wenn sie nicht reden können. Schreiben Sie uns, wie Sie Ihr Tier lesen.

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Andreas Knieriem, Direktor Zoologische Gärten Berlin

Sichere Obhut

Die Frage nach den Bedürfnissen der Tiere ist ein elementarer Bestandteil unserer täglichen Arbeit. Sie stellt sich sowohl Tierpflegern im direkten Umgang mit ihren Schützlingen als auch Tierärzten und Kuratoren, die sich auf wissenschaftlicher Basis mit den körperlichen und geistigen Ansprüchen von Tieren beschäftigen. Für uns als zoologische Einrichtung, die Wildtieren einen bestmöglichen Ersatzlebensraum schaffen möchte, sind aktuelle Forschungsergebnisse und Untersuchungen darüber, was welches Tier benötigt, um physisch und psychisch gesund zu sein, essenziell. Glücklicherweise gab und gibt es auf diesem Gebiet immer weitere Fortschritte. Was wir bei der Frage nach den Empfindungen der Tiere in menschlicher Obhut oft vergessen, ist die Situation vieler bedrohter Tierarten in ihrem natürlichen Lebensraum. Wie geht es den Tieren dort, in den letzten Fleckchen intakter Natur, die ihnen immer weniger Schutz bieten können? Schuppentier, Nashorn und Malaienbär werden zur Herstellung von Heilmitteln gejagt und getötet. Orang-Utan, Okapi und Jaguar müssen mit ansehen, wie ihr Zuhause, der tropische Regenwald, unserer steigenden Nachfrage nach Palmöl, Fleisch und Edelmetallen weichen muss. Das Wohlergeben unserer Tiere in den Zoologischen Gärten Berlin ist mir eine ebenso wichtige Angelegenheit wie die Sensibilisierung unserer Besucher für den verantwortungsvollen Umgang mit unseren Ressourcen und den Schutz von Lebensräumen.

Nina Ruge, Moderatorin und Autorin

Früh übt sich

Vor wenigen Monaten hatte ich mein Revival als Lehrerin: 25 Zweitklässler blicken mich erwartungsvoll an. Also gleich interaktiv starten: „Wer von euch hat ein Haustier?“ Fünf Finger zeigen auf. „Und wer von euch hätte gern ein Haustier?“ Die meisten Händchen schießen in die Höhe. „Ich möchte einen Hund!“ „Nein, eine Katze!“ „Einen Labrador!“ Meine Aufgabe ist jetzt eine ziemlich diffizile. Eben habe ich eine Sehnsucht geweckt – und jetzt soll ich Kinderträume in der Realität landen lassen. Möglichst sanft natürlich – und mit positiver Emotion. Ohne die lernt man ja bekanntlich nix. Das Lernziel also: Ich will 25 Sieben- bis Achtjährige dazu bringen, am Ende der Doppelstunde aus tiefer Überzeugung zu bekennen: „Ich finde einen Hund toll. Aber ich habe mir überlegt: Es würde einem Tier bei uns nicht so gut gehen, wie es das braucht. Also besser nicht.“ Oder: „Ich finde eine Katze toll. Und jetzt weiß ich, wie viel Zeit und Geld sie braucht. Das möchte ich mit meiner Familie besprechen. Ich glaube, wir kriegen das hin.“ Je früher gelernt, gespürt, erfahren, desto besser: was wir Erwachsene als artgerechte Haltung bezeichnen und Kinder als „liebes Tier“. Zum Glück bin ich nicht allein mit dieser besonderen Mission. Eine Tierärztin ist an meiner Seite und mit ihr der Bundesverband praktizierender Tierärzte. Rund 100.000 Grundschulkinder haben wir mir mit diesem Unterricht zu Mini-Tierschützern gemacht. Unser Motto: Liebe fürs Leben!

Mario Ludwig, Biologe und Sachbuchautor

Das Leid mit der Tierliebe

Unsere mit Abstand beliebtesten Haustieren – Hund und Katze – kommt heute eine andere Funktion als in vergangenen Zeiten zu. Haben Bello und Mieze früher den Hof bewacht beziehungsweise das Haus mäusefrei gehalten, sind sie heute offizielle Familienmitglieder, die im Bett mitschlafen. Wogegen ja auch nichts einzuwenden ist, solange die geliebten Vierbeiner entfloht und entwurmt sind. Aber Hunde und Katzen sind eben keine Menschen, sondern Hunde und Katzen. Und als solche sollten sie auch behandelt werden. 2019 ist ein Buch des Tierpathologen Achim Gruber mit dem Titel „Das Kuscheltier-Drama“ erschienen. Gruber beklagt darin bitterlich, dass wir Menschen mittlerweile unsere Haustiere so sehr vermenschlichen, dass sie darunter leiden. Und in einigen Fällen scheint Gruber da durchaus Recht zu haben. Manchmal projizieren Menschen nämlich ihre eigenen Bedürfnisse und Befindlichkeiten einfach auf ihre Haustiere – koste es, was es wolle. So stülpen etwa Vegetarier oder Veganer ihren Hunden oder Katzen oft eine vegetarische beziehungsweise vegane Lebensweise über, weil sie der Meinung sind, dass das auch gesund, ethisch oder ökologisch korrekt für das entsprechende Tier wäre. Eine Vorgehensweise, die bei Tiermedizinern, um es vorsichtig zu formulieren, höchst umstritten ist. So raten etwa die allermeisten Veterinärmediziner, aber auch der Deutsche Tierschutzbund von einer vegetarischen oder veganen Katzenernährung dringend ab.

Barbara K., Leserin

Einfach Hund sein

Mein Hund versteht zwar besser, was ich will, als umgekehrt, aber was ich weiß ist, was er nicht will: als Deko verwendet werden. Mein Hund hat ein eigenes Leben und ist nicht mein Accessoire oder Statussymbol.

Martin Rütter, Hundetrainer und Buchautor

Verstehen leicht gemacht

Ein Hund braucht nicht viel, um glücklich zu sein – aber dennoch mehr, als wir denken. Ein Hund ist ein Hund und muss dies auch bleiben dürfen. Wichtig ist, dass er nicht vermenschlicht, dafür aber gefordert wird – körperlich wie geistig. Ein monotoner Spaziergang ist für viele Hunde todlangweilig. Deswegen sollte der Mensch seinem Hund etwas Spannendes bieten. Such- oder Apportierspiele sind nur zwei Beispiele für Beschäftigungsformen. Außerdem sollte der Halter, auch wenn es manchmal schwer fällt, konsequent bleiben. Und damit ist jetzt nicht Härte oder Grobheit gemeint. Nehmen wir ein Beispiel: Immer sonntags darf der Hund mit am Frühstückstisch sitzen und bekommt sein Leberwurstbrötchen, an den anderen Tagen aber nicht. Das kapiert kein Hund und verunsichert ihn nur. Ein Hund benötigt klare Regeln, nur so kann er Vertrauen zu seinem Menschen aufbauen und sich auch in schwierigen Situationen auf ihn verlassen. Weiterhin ist es wichtig, die Sprache des Hundes zu lernen. Ein Knackpunkt ist nämlich, dass der Mensch das Verhalten seines Hundes oft nicht richtig deutet. So wird das Anspringen bei der Begrüßung fast immer als Freude empfunden. Meistens ist es aber nicht freundlich gemeint, sondern als Korrektur am Menschen, der den Hund nicht mit nach draußen genommen hat. Und ganz wichtig: Für einen Hund muss man Zeit haben. Er ist kein Spielzeug, das man bei Bedarf rauskramt und dann wieder wochenlang verstauben lässt.

Henriette Mackensen, Leiterin Referat Heimtiere, Akademie für Tierschutz, Deutscher Tierschutzbund

Individuell wie wir

Tiere haben ihrer Art entsprechend verschiedene arteigene Bedürfnisse, zum Beispiel was Sozialkontakte, Futter oder klimatische Bedingungen angeht. Wer ein Haustier hat, weiß auch: Jedes Tier ist eigen, hat genau wie wir Menschen individuelle Vorlieben, mag etwa ein bestimmtes Fressen gern, sucht sich Lieblingsplätze, ist schüchtern oder draufgängerisch, will also dieses oder jenes oder eben auch nicht – und zeigt das auch. Nur darauf zu achten, was mein Tier will, kann allerdings leicht irreführen und sogar gefährlich sein. Mein Hund möchte Schokolade essen, was Vergiftungen hervorrufen kann, er will über die Straße rennen, achtet dabei aber nicht auf Autos: Solche quasi unnatürlichen Gefahren hat der Mensch in das Leben des Tieres gebracht und das Tier kann auf sie nicht unbedingt instinktiv richtig reagieren. Unsere Haustiere sind über Generationen hinweg an das Leben mit dem Menschen angepasst und deshalb auch auf uns und unseren Schutz in vielen Situationen angewiesen. Ein gutes Gleichgewicht schaffen wir also, indem wir immer wieder fragen: Was braucht mein Tier, um seine arteigenen Bedürfnisse, aber auch seinen spezifischen Charakter ausleben zu können? Dazu gehört an erster Stelle sicher ein Besitzer, der sehr gute Fachkenntnisse zur Tierart hat und gleichzeitig in der Beziehung zum Tier auch stets aufmerksam beobachtet und interpretieren kann, was der geliebte Vierbeiner ganz individuell sagen will.

Britta Kiehn, Leserin

Kleine Geheimnisse

Wir sprechen zwei verschiedene Spra- chen: sie kätzisch, ich menschisch. Nachdem sie täglich mehrfach ihr Tor zur Welt, die Katzenklappe, durch- schreitet, muss sie bei Wiederkehr von Erlebtem berichten. Ausführlich und gerne wird auch auf Nachfrage meiner- seits geantwortet. Ich vermute, es geht um den Mikrokosmos Garten, um den Kater von nebenan, der keine Revier- grenzen kennt, und um die bevorste- hende erfreuliche Thunfischmahlzeit. Groß war die Sorge, als sie zehn lan- ge Tage nicht nach Hause kam. Nach ihrer unverhofften Heimkehr – an meinem Geburtstag, am Weltkatzen- tag – verlor sie keinen Laut über ihren Verbleib. Dieses Geheimnis bewahrt sie bis heute, trotz vieler vertraulicher Gespräche mit mir. Es spielt ohnehin keine Rolle, sie ist ja wieder da.

Birgit Großmann, Leserin

Zauberwort Empathie

Egal, ob man an die Möglichkeit ei- ner echten Tierkommunikation glaubt oder nicht, man versteht tierische Mit- bewohner, wenn man sich in sie hin- einfühlt. Sieht man nicht bereits am Gesichtsausdruck, wie sie drauf sind? Schmerz, Angst, Zufriedenheit oder Hunger? Zudem lernen viele Tiere „Menschisch“: Mein Kater versucht tatsächlich, die menschliche Sprache nachzuahmen. Und meine Stute hat mir beigebracht, dass ihr Schnauben bedeutet, sie ist rundum zufrieden mit dem, was wir gerade machen. Je länger man mit einem Tier zusammenlebt, desto besser versteht man, was es will.

Ronald Lindner, Tierarzt und Tierverhaltenstherapeut

Kaum erkannter Schatz

Hunde wollen keinen Zwinger, Vögel keinen Käfig und Katzen sind am liebsten frei – dies ist aus tierischer Sicht völlig klar. Wenn es um die Bedürfnisse unserer Haustiere geht, sind wir Menschen eher inkompetente Übersetzer der jeweiligen Tiersprache. Dabei hat jede Tierart ihren ureigenen Anspruch an eine artgemäße Haltung, in der das Ausleben möglichst aller angeborenen Verhaltensmuster möglich sein muss. Tiere wollen nicht nur nicht leiden, sie wollen sich wohlfühlen. Nicht der Mensch sollte seine Vorstellungen vom glücklichen Leben den Tieren aufzwingen, sondern diese beobachten, studieren und mit dem jeweiligen tierischen Normalverhalten abgleichen, um Wohlbefinden zu sichern. Insbesondere Hunde und Katzen sind mit hochsozialen und bindungsfördernden Fähigkeiten ausgestattet. Dabei gilt es, die oft hohe Anpassungsfähigkeit und Bereitschaft der Tiere, sich in unser Leben einzufügen, nicht überzubeanspruchen. Hunde, die als „Bauplan“ eine weltweit einmalige emotional-soziale Werkzeugkiste in die Mensch-Tier-Beziehung einbringen, fungieren oft als Katalysatoren unserer Emotionen. Sie beschwichtigen uns, minimieren negativen Stress, indem sie uns kontaktieren – und wir entspannen ein Stück weit, indem wir das Zusammensein genießen. Dabei begreifen wir noch immer nicht ansatzweise, welchen Schatz wir an unserer Seite haben. Wir Menschen stehen noch ganz am Anfang des Verstehens und Wertschätzens im Zusammenleben mit Tieren.

Susanne Starcke, Leserin

Beidseitiger Pakt

Haustiere sind toll, aber man sollte sie in ihren arttypischen Bedürfnissen wahrnehmen. Hinzu kommen die indi- viduellen Persönlichkeiten, die je nach Tier dazu führen, dass Bedürfnisse mehr oder weniger deutlich gemacht werden. Ich staune immer wieder da- rüber, wie unterschiedlich Tiere re- agieren. Als Besitzerin eines Haustiers gehe ich einen Vertrag mit dem Tier ein. Es erfreut mich mit seiner Gesell- schaft und ich bin dafür verpflichtet, es gut zu versorgen. Dazu muss ich mich darauf einlassen, dass die Bedürfnisse des Tieres nicht unbedingt immer mei- nen Bedürfnissen entsprechen.

Udo Kopernik, Vorstand Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) und Leiter VDH-Akademie

Kleine Opportunisten

Könnten Hunde schreiben, fiele es ihnen vermutlich leicht, eine Antwort auf die Frage „Was will mein Mensch?“ zu finden. Hunde sind in der Lage, unsere Körpersprache viel besser zu interpretieren als zum Beispiel unsere nächsten Verwandten aus dem Tierreich, die Menschenaffen – das haben Forscher am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften bereits vor Jahren herausgefunden. Vielleicht können Hunde es sogar besser, als es uns selbst gelingt. Den anderen ohne Worte so gut zu verstehen, bietet einem Opportunisten Vorteile. Sind Hunde so? Ich selber lebe nun schon fast mein ganzes Leben mit Hunden zusammen und bin davon überzeugt: sie sind so. Auch kann ich mir gut vorstellen, was sie wollen: einfach mehr. Jedoch nicht in dem uns so vertrauten Reflex „höher, schneller, weiter“ oder im Sinne von „mehr Rendite“. Hunde wollen von den schönen Dingen mehr. Mehr Zeit mit uns. Mehr Spaziergänge. Mehr Spiele. Mehr Schmusen. Mehr Nähe. Mehr Ruhe. Am besten vielleicht in Kombination, sprich: mit ins Bett. Dann auch wieder mal mehr Abstand. Und auf jeden Fall: mehr Spaß und Freude. Alles Dinge, die guttun. Auch uns. Dafür lassen sich Hunde gerne Sachen einfallen, die uns Lachen machen. Das kann durchaus in unseren Augen Blödsinn sein. Ist dem Hund aber egal, Hauptsache, wir schmunzeln. Allerdings wollen Hunde auch von Dingen mehr, die nicht nur guttun. Mehr futtern zählt dazu. Aber das ist dann auch schon wieder menschlich

Alexander Pickelmann, Leser

Eingespieltes Team

Was will unser Kater Yuma, wenn er mehrmals am Tag mehr oder weniger laut miauend vor uns sitzt, uns mit seinem Kopf anstößt oder sich an uns reibt? Er wurde als Einzelkatze bei uns auf dem Sofa vor neun Jahren geboren und meine Frau hat ihn, gerade daumengroß, in ihrer Hand gewärmt. Mit Mühe und Not haben wir ihn in den ersten Wochen über die Runden gebracht, da er auch nachts Wärme gebraucht hat, um nicht zu erfrieren. Anlass zu viel Heiterkeit hat er dann in der Zeit, während er herangewachsen ist, geboten, da er mit riesigen Fledermausohren und einem kleinen Hängebauch gar nicht wie ein Kater ausgesehen hat. Inzwischen ist er ein Bild von einer Siamkatze mit strammen sechs Kilogramm. Nachdem seine Begleiterin aus einem früheren Wurf der Züchterin letztes Jahr gestorben ist, sind meine Frau und ich seine Mitkatzen geworden. Er sagt uns deutlich, wann er Fressen braucht oder wann er Zuwendung und auf dem Schoss meiner Frau ruhen und gekrault werden will. Dabei benutzt er verschiedene Laute, mal bittend, mal fordernd – und wenn er kurz draußen war, müssen wir ihm zuhören, was er zu erzählen hat. Falls wir zu laut sind, schimpft er uns mit ärgerlichem Gemaunze. Wir wissen eigentlich fast immer, was er uns mitteilen möchte, und sehen ihn als Familienmitglied.

Boris Kreb, Leser

Frodo spricht mit uns

Unser neues Familienmitglied Frodo, ein grau-silber melierter Maine Coon Mix Kater, unterhält uns lautstark. Er ist schon stolze neun Jahre alt und macht sich wenig Mühe, uns zu verstehen. Wir mussten lernen, ihn zu verstehen. Es beginnt schon am Morgen mit einem freudigen Miau und einem schnellen Trab zur Terrassentür. Nach einem halbstündigen Erleichterungs- und Kontrollgang verlangt er lautstark wieder Einlass. Nun wird gefrühstückt, um anschließend die notwendigen Streicheleinheiten einzufordern. Nach einem beherzten Satz vom Schoß ist man als Katzenbetreuer erstmal entlassen. Nach der Fellpflege wird ausgeruht. Das Mittagessen wird wieder lautstark mit erhobenem Schwanz und unablässigem zwischen den Beinen Rumstreichen eingefordert. Dieses Ritual kann bis zu einer Stunde dauern. Anschließend geht’s wieder raus. Das Abendmahl findet unter ähnlichen Ritualen statt. So weit, so gut. Nun kommt der Punkt, an dem wir versuchen, ihm beizubringen, uns zu verstehen. Frodo sieht auch nach mehrmaliger Erklärung nicht ein, pünktlich um 22 Uhr zu Hause zu sein. Langsam wird es peinlich, unseren Kater mit einer Rascheltüte nach Hause zu locken. Deswegen haben wir eine hochmoderne Katzenklappe installiert. Nun wird täglich mit Frodo die Funktion der Katzenklappe trainiert. Leider geht seine Lernbereitschaft gegen Null. Es liegt wohl an uns, die richtige Sprache zu finden, die er verstehen will.

Gerda Gouders, Leserin

Mein Tier ist ein Hund, ein elf Jahre alter Bordercollie-Spitz-Mischling. Als er noch klein war, rührte er mal den ganzen Tag sein Futter nicht an. Jeder, der zu nah an seinem Napf vorbeiging, wurde angeknurrt. Nach eingehender Recherche stellten wir fest: Der Hund ist geistig nicht ausgelastet. Er hatte sich selbst eine Aufgabe gesucht, nämlich seinen Napf zu bewachen. Etwas Ähnliches machte er auch mit Schuhen. Er stahl einen Schuh und bewachte ihn. Von da an beschäftigten wir ihn mit Such- und Apportierspielen. Er ist dabei ein richtiger Streber, dabei hat man seine volle Aufmerksamkeit. Unser Hund braucht geistige Beschäftigung, um zufrieden zu sein. Zu Hause hat er seinen Platz, das ist sein Rückzugsort. Auch den braucht er. Zweimal am Tag bekommt er sein Futter, immer um die gleiche Zeit. Er liebt Rituale, sie geben ihm Sicherheit. Dazu gehören auch Fell bürsten und Schmusemassagen. Da sieht man so richtig, wie er sich entspannt und es genießt. Manchmal stupst er mit seiner Nase, so nach dem Motto: bitte nicht aufhören. Manchmal wird er auch ganz starr, da merkt man, jetzt wird es ihm zu viel, er steht auf und geht auf seinen Platz. So wie der Mensch den Hund lesen lernen muss, gilt dies auch umgekehrt für den Hund. Wobei der Hund viel bessere Antennen hat, was gerade beim Menschen abgeht. Es gilt darauf zu achten, dass der Hund sich an uns Menschen orientiert und nicht umgekehrt. Unser Hund versucht dies schon mal umzudrehen. Die Zauberformel hier ist unerbittliche Konsequenz. Das nimmt ihm den Stress, immer auf den Menschen aufzupassen. Dann kann der Hund auch mal chillen. In dem Film „Oben“ gibt es so ein Übersetzungshalsband für Hunde, so eins hätte ich gerne.

Janine Kasten, Leserin

Nicht gesucht und doch gefunden

Seit zirka drei Wochen habe ich derer zwei: die beiden Zwergkaninchen Gretchen und Liese-Lotte. Nach eingehendem Studium der Körpersprache meiner tierischen Mitbewohner besteht aber inzwischen Grund zur Annahme, dass ich es mit Mutter und Sohn zu tun habe. Das war mir neu. Aber was soll’s, süß sind sie trotzdem. Ihn werde ich umtaufen – in Lotto. Denn ohne den Vierer bei der Mittwochsziehung hätte ich die Schutzgebühr gar nicht so ohne Weiteres aufbringen können. Und die gehört nun einmal dazu, wenn man Haustiere zu sich holt. Neben all den anderen Utensilien, die gebraucht werden, damit sie sich wohlfühlen. Das Außengehege steht gedanklich schon. Nach den Eisheiligen baue ich es auf. Momentan haben sie im Kaninchenzimmer alles, was sie brauchen: Futter von allen Seiten, Möglichkeiten, in Deckung zu gehen, frisches Wasser, frisches Heu und natürlich Mohrrüben. Ich finde, dass unser Souterrain etwas von seinem Schrecken verloren hat. Jetzt, da ich weiß, ganz hinten, am Ende des langen, dunklen Flurs, wohnen zwei niedliche Vierbeiner. Die können übrigens mindestens genauso hoch springen wie ein Massai – wenn man sie denn lässt.

Stefan A. Pillokat, Leser

Gefährte mit Charakter

Dasselbe wie ich auch: in Ruhe leben können und es sich im Kleinen gutgehen lassen. Die beiden Hunde in unserer Familie könnten unterschiedlicher nicht sein. Wenn Herrchen oder Frauchen vom Gassigehen nach Hause kommt, möchte der große Schlanke am liebsten gleich wieder los. Einer ohne Rast und Ruh sozusagen. Der andere, ein kleiner, sehr cleverer Bursche, geht an manchen Tagen erst gar nicht (mit mir) mit. Das hat weniger mit dem Wetter zu tun, als dass er seinen Lieblingsmenschen, meine Frau, nicht verlassen will – nicht einmal auf Zeit. Er nimmt das Einladungsleckerli zum anstehenden Rundgang an, um sich dann unverrichteter Dinge unter eine Gartenbank oder an einen seiner Ruheplätze zurückzuziehen. Was also will der Kleine? Er will zu Hause bleiben, um ja keinen Moment, in dem ihm maximale Zuwendung zuteilwerden könnte, zu verpassen. Und warum will der Große raus? Vielleicht, weil er den Drang zu laufen verspürt. Aber vor allem, um zu erkunden, zu erschnüffeln, wer heute schon unterwegs war, und dabei das Neueste über denjenigen zu erfahren, der ein Zeichen gesetzt hat. Dann bin ich bei uns wohl der Große. Ich möchte auch gerne wissen, was es draußen Neues gibt, und wenn es nichts gibt, dann bin ich gerne draußen, einfach um zu rennen. Auf geht’s, Gassi!

B.Kreb, Leser_In

FRODO SPRICHT MIT UNS

Unser neues Familienmitglied, Frodo ein grau-silber melierter Maine Coon-Mix Kater unterhält uns lautstark. Nachdem er schon stolze 9 Jahre alt ist macht er sich wenig Mühe uns zu verstehen, sondern wir mussten lernen ihn zu verstehen. Es beginnt schon am Morgen mit einem freudigen Miau und einem schnellen Trab zur Terrassentür. Nach einem halbstündigen Erleichterungs- und Kontrollgang, verlangt er lautstark wieder Einlass. Nun wird gefrühstückt, um anschließend die notwendigen Streicheinheiten einzufordern. Nach einem beherzten Satz vom Schoss, ist man als Katzenbetreuer erstmal entlassen. Nach der Fellpflege wird ausgeruht. Das Mittagessen wird wieder lautstark mit erhobenem Schwanz und unablässigen zwischen den Beinen rumstreichen eingefordert. Dieses Ritual kann bis zu einer Stunde dauern. Anschließend geht’s erstmal raus. Das Abendmahl findet unter ähnlichen Ritualen statt. Soweit, so gut. Nun kommt der Punkt wo wir versuchen ihm beizubringen uns zu verstehen. Frodo sieht auch nach mehrmaliger Erklärung nicht ein, pünktlich um 22:00 Uhr Zuhause zu sein. Langsam wird es peinlich mit einer Rascheltüte, unseren Kater nach Hause zu locken. Deswegen haben wir eine hochmoderne Katzenklappe installiert. Nun wird täglich mit Frodo die Funktion der Katzenklappe trainiert. Leider geht die Lernbereitschaft Frodo‘s gegen Null. Es liegt wohl an uns die richtige Sprache zu finden, die er verstehen will.

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Wie startet man in den Ruhestand?

Der letzte Handgriff auf Arbeit ist getan, der Abschiedssekt mit den Kollegen ausgetrunken, und plötzlich ist sie im Überfluss vorhanden: jede Menge Zeit, die sinnvoll genutzt werden will. Was tun mit den Jahren, die einem ab Eintritt in den (Un)Ruhestand bleiben? Verraten Sie uns Ihre Wünsche und Pläne für die goldene Zeit – oder teilen Sie Ihre Erfahrungen mit uns, wenn der Rentenstart bereits hinter Ihnen liegt.

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Wolfgang B., Leser

Meine Empfehlung: Ehrenamt

Vor über elf Jahren bin ich aus dem Berufsleben ausgeschieden. Seitdem habe ich genügend Abstand gewinnen können, diesen Wechsel emotionsfrei beurteilen zu können. Ich hatte zwar geahnt, dass mir diese Veränderung schwerfallen, aber nicht, welche psychische Belastung sie für mich werden würde. Schließlich hatte ich mich – so glaubte ich damals - gut darauf vorbereitet: Während der letzten fünf Berufsjahre hatte ich überlegt, wo meine Interessen im Ruhestand liegen könnten. Eigentlich habe ich von mir nur gewusst, dass ich nicht besonders sportlich bin und dass es viele Bereiche gibt, die mich nicht sonderlich interessieren oder motivieren würden. Politik kam für mich als überzeugter Wechselwähler trotz meines großen politischen Interesses nicht in Betracht. Nach Ansicht meiner Freunde bin ich ein guter Zuhörer. Daher kam mir die Idee, mal bei der Telefonseelsorge zu fragen, ob ich dort tätig werden könnte. Nach einem Vorstellungsgespräch bei der Leiterin der Einrichtung und einem Psychologen, hielt man mich für geeignet, die zweijährige nebenberufliche Ausbildung zu beginnen. Seit Abschluss dieser Ausbildung bin ich schon über zwölf Jahre dort „am Telefon“. Mein Alter und Lebenserfahrung sind von Vorteil, um den Anrufenden verständnisvoll und emphatisch zu begegnen. Es hat sich mir eine Welt eröffnet, die ich in meinem bisherigen Leben selbst nicht habe erfahren müssen. Dieses anonyme Ehrenamt bereichert mein Leben.

Franz Müntefering, Vorsitzender Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO)

Leben total

Ein Start in den Ruhestand wäre ein Paradoxon. Mit dem Industriezeitalter wurde für Männer der Beruf das eigentliche Leben – mit Schule als Vorbereitung und Rentnerzeit als Stillstand mit Abgesang. Frauen waren ohne Ruhestand, sie hatten zu tun. Da verändert sich gerade was. Der „Ruhestand“ wird bald vom Viertel zum Drittel der Lebenszeit, also noch wichtiger. Erste Frage: Was sagt das Grundgesetz? Rechte und Pflichten altern nicht. Wenn der Kopf klar ist, bist du mitverantwortlich, nicht nur für dich selbst. Selbstbestimmung und Mitverantwortung sind Zwillinge. Zweite Frage: Was ist mit der sozialen Sicherheit? Das klärt sich überwiegend in den Jahrzenten zuvor, an gerechten Löhnen und am Wohlstand des Landes auch morgen. Dritte Frage: Was machen mit dem Älterwerden? Die ballistische Lebenskurve ist beeinflussbar, wenn man will. Es ist klüger, man will. Und für dieses Handeln bietet sich die drei L an: Laufen, Lernen Lachen. Sich bewegen ernährt das Gehirn, also Körper und Geist. Neugierig bleiben ebenfalls, Kontakte halten, sich engagieren. Und Lachen ist Liebe zum Leben, echt gesund. Ach so, der Start: fällt aus. Der Wagen rollt schon. Die Uhr tickt weiter, solange sie tickt. Man sollte sich nicht zu lange im Rückspiegel spiegeln, die Aussicht rundum ist schön, die Kurven sind eng und die Chancen sind vorne. Das Resümee: „Ruhestand“ ist Leben total, was sonst. Das Leben ist ein Ganzes.

Volker Schmidtke, Referent Finanzdienstleistungen, Verbraucherzentrale Berlin

Gestreutes Risiko

Wenn man noch ein oder mehrere Jahrzehnte Zeit hat bis zum Rentenbeginn, macht es Sinn, einen Teil der Altersvorsorge mit Aktienfonds aufzubauen. Kostengünstige Fonds sind die sogenannten ETFs. Je jünger man ist, desto größer kann der Aktienanteil an der Altersvorsorge sein. Spart man über 30 Jahre regelmäßig in einen Aktienfonds, hat man auf die Gesamtlaufzeit de facto kein Verlustrisiko. Man sollte sich aber vorher klarmachen, was Investieren in Aktien bedeutet. Zum Beispiel, dass auch ein über Fonds sehr breit gestreutes Aktienportfolio vorübergehend die Hälfte oder mehr seines Wertes verlieren kann. Und man sollte in sich hineinhorchen, ob man das ohne schlaflose Nächte durchsteht. Wenn man über die gesetzliche Rente hinaus gerne einen größeren nicht schwankenden Anteil der Altersvorsorge möchte, sollte man über staatliche Förderung nachdenken. Für Angestellte ist als Baustein oft eine betriebliche Altersvorsorge empfehlenswert, für viele Eltern ein guter Riester-Vertrag. Riester kann auch Sinn machen, wenn man jetzt gut verdient, im Alter aber eher wenig zu erwarten hat und wenig Steuern zahlen wird. Das Ansparen in ETFs ist jetzt und im Alter sehr flexibel, die Rendite ist hoch, dafür auch die Wertschwankungen unterwegs. Die staatlich geförderten Bausteine haben meist wenig Rendite, profitieren aber von der Förderung und haben wenig oder keine Schwankungen. Mit beidem zusammen ergibt sich für viele eine sinnvolle Altersvorsorge.

Volker Negendank, Leser

Freie Entscheidung

Die Entscheidung, in den Ruhestand zu treten, sollte man jedem Menschen selbst überlassen und ihn nicht zwin- gen, ab dem gesetzlichen Alter die Arbeit einzustellen. Die Unternehmen sollten mit jedem Mitarbeiter dafür eine vernünftige Lösung suchen. Eine Reduktion der Arbeitszeit kann hier sinnvoll sein. Alternativen zu körperlicher Arbeit können über eine rechtzeitige Umschulung gefunden werden. So bleiben die Wege offen, mit den Kollegen verbunden zu bleiben.

Jana Lunz, Programm-Managerin Bereich Alter und Demografie, Körber-Stiftung

Mit Gründergeist zur Zugabe

Seitdem das Coronavirus unsere Kommunikation beherrscht, wird Alter vor allem mit gefährdeter Risikogruppe gleichgesetzt. Tatsächlich aber sind die älteren Generationen so divers wie all die jüngeren. Zu ihrem Selbstverständnis gehören auch in Pandemie-Zeiten das Recht auf Selbstbestimmung und gesellschaftliche Verantwortung. Wie bei der Berufstätigkeit wollen sie auch ihr Alter autonom und flexibel gestalten. Eine von der Körber-Stiftung beauftragte Forsa-Studie hat 50- bis 75-Jährige nach ihren Vorstellungen für das Älterwerden gefragt: 88 Prozent hielten das Potenzial der Älteren zur gesellschaftlichen Veränderung für unterschätzt, für 67 Prozent war es vorstellbar, länger als gesetzlich vorgesehen zu arbeiten, vorausgesetzt, es bringe Spaß und sei sinnstiftend. Sogar knapp 80 Prozent der Befragten trauten sich zu, im Alter etwas ganz Neues zu wagen. „Mit 70, da stehe ich doch noch voll im Saft“ – so hat es eine der Gründerinnen und Gründer 60plus ausgedrückt, die von der Körber-Stiftung mit dem Zugabe-Preis ausgezeichnet wurden. Der Preis würdigt sozialen Unternehmergeist jenseits des Ruhestands. Gerade die Erfahrungen, Kompetenzen und Netzwerke der Älteren sind die besten Voraussetzungen für einen erfolgreichen Neustart. Damit sich diese gesellschaftliche Mitgestaltung entfaltet, müssen wir uns vom gängigen Bild des Rentners verabschieden und neue Narrative vom Alter und die Chancen einer Gesellschaft des langen Lebens aufzeigen.

Renate Dehner, Leserin

Weiter mitmischen

Meiner Ansicht nach startet man am besten in den Ruhestand, indem man sich eine Aufgabe sucht, die Spaß macht, ein bisschen fordert und auf neue Wege führt. Es muss ja nicht unbedingt was Großes sein. Ich bin 67 Jahre alt und habe Anfang dieses Jahres einen eigenen Blog gestartet. Geschrieben habe ich schon vorher, aber mit einem eigenen Blog aufzu- treten, empfand ich schon ein biss- chen als Abenteuer, denn wie viele meiner Generation bin ich nicht be- sonders internetaffin. Da ältere Da- men (und Herren) im Netz schwer unterrepräsentiert sind, richtet sich mein Blog hauptsächlich an diese Gruppe. Ich habe allerdings nicht vor, Influencerin zu werden. Wofür auch – Rollatoren? Wir Best Ager sind zwar eine beliebte Zielscheibe für Werbung, aber da mitzumachen, dazu hätte ich wahrhaftig keine Lust. Denn was wird an uns meist als erstes hervorgehoben, wenn schon mal über uns berichtet wird? Vor allem bei uns älteren Damen unser „jugendliches Aussehen“. Jugendlichkeit ist ohne Frage eine feine Sache, aber Offen- heit in einem regen Geist finde ich sehr viel wichtiger – und das ist auch ein besserer Garant dafür, dass der Ruhestand eine befriedigende Zeit wird, die nicht dazu führt, dass man sich selbst zum „alten Eisen“ zählt.

Ingo Froböse, Leiter Institut für Bewegungstherapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation, Deutsche Sporthochschule Köln

Ruhestand ohne Stillstand

Der Ruhestand reißt uns aus gewohnten Bahnen, nimmt unserem Alltag den gelernten Rhythmus und stellt uns vor große Herausforderungen. Denn schaffen wir es nicht, die neugewonnene Zeit zu nutzen, unser Leben mit Ritualen und Qualitäten zu füllen, leiden Psyche und Physis gleichermaßen. Nicht nur, wenn wir dem Beruf und der Familie „zu Liebe“ unsere persönlichen Ressourcen lange hintenangestellt haben, macht es Sinn, diese genau jetzt in den Fokus zu rücken: durch Bewegung und Sport. Sie stärken unsere psychische Balance, unsere Muskulatur, unser Herz-Kreislauf-System, unsere Immunabwehr, senken Bluthochdruck und helfen uns, zu regenerieren. Dabei geht es nicht darum, direkt einen Marathon zu laufen, davon bin ich noch in keiner Lebenslage ein Freund gewesen, sondern darum, Ihrem Leben und Ihrem Organismus einen neuen Rhythmus zu schenken. Richtig dosiert ist Sport ein wahrer Superfaktor, der Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden verbessert und damit die Zeit mit neuer Lebensqualität anreichern kann. Was es dabei zu vermeiden gilt, sind sowohl zu hohe Ziele als auch Bewegungsmangel. Beides ist absolut schädlich für unseren Organismus, dem wir einen Neustart schenken können. Doch das wohl Wichtigste im Neu-Ruhestand ist es, von einer Fremdsteuerung zu einer sinnstiftenden Selbststeuerung zu gelangen, Disziplin und Rhythmen neu zu denken, auch wenn die Trampelpfade in unseren Gedanken Kreativität und Innovation gerne hemmen.

Christian Kalinke, Leser

Das Beste kommt noch

Es ist nicht entscheidend, was die Leute sagen, wenn du kommst, sondern wenn du gehst. So gesehen bin ich dank eines bewegenden Abschieds mit viel positiver Energie aus dem Berufsleben ausgeschieden. Das ist schon mal ein guter Anfang. Und wie geht es weiter? Zum Rentenstart habe ich drei Empfehlungen: 1. Gebe deinem Leben einen Sinn. Sinnvoll ist für mich, das Wissen, die Erfahrungen und mein Netzwerk aus über 40 Jahren im internationalen Management nutzbringend einzusetzen. Ich tue das insbesondere über meine gemeinnützige Veranstaltungsreihe, die ich vor 18 Jahren gegründet habe. Jetzt zählt für mich Shared Value und nicht Shareholder Value. 2. Gebe deinen Tagen Struktur. Ich genieße das selbstbestimmte Leben im Ruhestand, aber mein Alltag braucht eine Struktur. Ich schaffe bewusst Zeitfenster für Begegnungen mit Menschen, mit der Natur und vor allem mit mir selbst. Jetzt geht es mir um die „Let it be“- und nicht um die „To do“-Liste. 3. Gebe den Dingen einen Namen. Ich mache nun so vermeintlich unnütze Sachen wie ein Buch lesen, Spazieren gehen, im See ganzjährig schwimmen oder Musik hören. Dazu verwende ich Namen, um die Sinne zu schärfen. Wenn ich den Bruder See oder meinen Freund, das Buch, besuche, erzeugt das bei mir eine ganz andere Wahrnehmung. Jetzt gilt für mich „Mittendrin“ statt „Bling Bling“.

Michael Pleuser, Leser

Plötzlich Zeit

Nach 30 Jahren, fünf CEOs, Transformationen, Restrukturierungen und tausenden Flugmeilen in der ganzen Welt bleiben sofort 50 bis 70 Stunden pro Woche leer: ohne Mails, Teammeetings, Chats und was sonst noch so alles kontinuierlich auf einen hereinprasselt. Das, was vorher immer knapp und fremdbestimmt war, ist dann im Überfluss verfügbar: Zeit. Damit können all die Dinge, die bisher zu wenig davon abbekamen, nun mehr Raum einnehmen. Meine Liste ist lang, aber bei Bekannten und Freunden habe ich erlebt, wie schnell viele Vorhaben an der Realität scheitern können, seien es zum Beispiel gesundheitliche oder zulassungsbeschränkte Hindernisse, die die Alpenüberquerung oder das Unistudium unmöglich machen. Daher werde ich das Thema frei nach dem Motto „Weniger ist mehr“ angehen und zunächst zwei Vorhaben priorisieren: zum einen die Atlantiküberquerung mit einem Segelboot und zum anderen ein Buch schreiben. Ich bin sicher, dass dann immer noch ausreichend Zeit für weitere Aktivitäten besteht – natürlich auch vermehrt zusammen mit meiner lieben Frau.

Willi Weidenstraß, Deutschlands ältester aktiver Fußballtrainer

Leidenschaft hält jung

Im Jahre 1999 bin ich Rentner geworden und mit meiner Ehefrau auf die Insel Fehmarn gezogen. Nach ein paar Jahren als Trainer im Fußball-Herrenbereich war doch die Herausforderung, mit Jugendlichen zu arbeiten und ihnen einen Blick über Fußball zu vermitteln, größer. Dies bereitet mir auch persönlich mehr Freude. Trotz meines Alters haben wir ein freundschaftliches Verhältnis. Ich versuche möglichst nur das Gute im Training und im Spiel hervorzuheben und mit ihnen zu besprechen. So ist auch die Stimmung bei allen immer toll. Es macht mir riesigen Spaß, für das Training eigene neue Spielformen zu entwickeln, mit den Jungs im Training zu erarbeiten und im Spiel umzusetzen. Das ist Freude pur für beide Seiten. Außerdem betreibe ich in den Sommerferien meine Fußballschule und baue dazu auf dem Sportplatz meine selbstentworfenen und selbstgebauten Trainingsgeräte auf. Dort biete ich das einmal wöchentliche Coaching kostenlos für Einheimische und Urlauberkinder an. Dies alles hält mich jung. Meine Motivation ist der Fußball und die Jungs, es macht mir einfach Spaß – Riesenspaß. Die Kinder und Jugendlichen geben mir auch viel zurück und es ist sehr schön, ihre Entwicklung über die Jahre verfolgen zu können. Mein Motto nach über 55 Jahren als Trainer lautet: Man hört nicht auf mit dem Fußball, weil man zu alt ist, sondern wird alt, weil man mit dem Fußball aufhört.

Brigitte Aumayer, Leserin

Struktur geben

Nach fast 50 Jahren Berufstätigkeit ohne Pausen beende ich Ende Juni meine Tätigkeit als Beraterin und Abteilungsleiterin bei einer Privatbank. Manchmal wird mir doch etwas mulmig bei dem Gedanken, plötzlich keine tägliche Struktur mehr zu haben. Aber dann denke ich an die Möglichkeiten, die sich mir in Zukunft bieten: Ich kann endlich einmal länger schlafen und mich mit Freunden ohne Müdigkeit treffen, ohne Rücksicht auf die Urlaubszeiten der Mitarbeiter reisen – oder einfach mal tagsüber in der Stadt ohne Zeitdruck im Café sitzen. Das sind nur kleine Dinge, aber sie bedeuten für mich eine Portion Freiheit und Unabhängigkeit, die ich so bisher nicht hatte. Aber das reicht für ein erfülltes Leben nicht aus. Ich werde auch meine gemeinnützige Tätigkeit intensivieren. Ein Verein mit Schwerpunktförderung in Afrika wartet schon auf meine Entscheidung, ob ich als Vorstand weitermache. Das bedeutet, sich mit den Ärmsten auseinanderzusetzen und zu helfen, weitere Menschen zu finden, die bereit sind, sich ebenfalls zu engagieren. Und eine neue Stiftung wartet auf die Gründung. Ich bin es gewohnt, Dinge umzusetzen, und so denke ich, werde ich auch mein „nächstes Leben“ im Ruhestand organisieren und ihm eine Struktur geben. Ich freue mich auf den neuen Lebensabschnitt.

Renate Obermaier, Leserin

Plötzlich in Rente

Herrlicher Gleichklang der Tage / Die Sonne scheint / Der Baum grünt / Die Vögel zwitschern / Laut und ungestüm / Das Telefon läutet nicht / Und kein Termin droht / Bin ich denn gar nicht mehr wichtig? / Sei´s drum. / Ich sitze. / Warte nicht. / Wundere mich nur. / Dass die Sonne scheint, / der Baum grünt / und die Vögel zwitschern / Laut und ungestüm.

Uwe-Matthias Müller, Geschäftsführender Vorstand Bundesverband Initiative 50Plus

Unwort Ruhestand

67 ist das Alter, in dem die meisten Arbeitnehmer aufhören, morgens ins Büro oder an die Werkbank zu gehen. Aber ist das, was dann kommt, ein Ruhestand? Für viele Bürger nicht, denn über die Zeit ihres Renteneintritts hinaus engagieren sie sich in nachbarschaftlichen Hilfsorganisationen oder geben ihr berufliches Wissen an Jüngere weiter. Das ist auch verständlich, denn die wenigsten Arbeitnehmer sind mit 67 so ausgelaugt, dass sie nichts mehr tun wollen. Das zeigen auch statistische Zahlen, die eine Lebenserwartung von 87, 88 Jahren prognostizieren. Also hat jeder Neu-Rentner im Durchschnitt noch 20 Jahre Lebenszeit vor sich. Diese lange Zeitspanne gilt es sinnvoll zu nutzen. Und daher macht es viel Sinn, sich rechtzeitig zu überlegen, wie man die viele freie Zeit nutzen will. Dabei ist nicht nur zu bedenken, dass diese mit Spaß und Erfüllung einhergehen sollte, sie muss auch finanziert werden. Die meisten Bürger unterschätzen die Kosten der Zeit nach der aktiven Arbeit, gerade bei zunehmenden gesundheitlichen Einschränkungen oder gar bei Pflege. Und viele überschätzen die Rentenansprüche, die sie durch ein langes Arbeitsleben angesammelt haben. Daher ist es richtig, rechtzeitig eine private Altersvorsorge aufzubauen. Das dies in der Zeit der Nullzins-Politik besonders schwierig ist, ändert nichts an der Notwendigkeit. Denn der Ruhestand ist eben kein Stillstand, sondern ein Lebensabschnitt voller Freude und Erfüllung.

Sven Voelpel, Altersforscher und Professor für Betriebswirtschaft, Jacobs University Bremen

Fügung und Taktik

Im Laufe des Lebens nimmt das Glück zu. Das liegt hauptsächlich daran, dass junge Menschen nach vorne blicken und sich dabei fragen, was sie noch nicht erreicht haben und was sie noch besser machen können. Natürlich ist das auch wichtig, um weiterzukommen. Alte Menschen hingegen blicken auf ihr Leben zurück – und sind meist auch zufriedener mit dem Jetzt-Zustand. Da unser Gehirn so angelegt ist, dass wir uns mehr an positive Dinge erinnern, werden wir auch von der ganzen Sichtweise her positiver. Die Forschung hat gezeigt: Wenn wir optimistisch an Aufgaben herangehen, dann haben wir tatsächlich eine 37 Prozent größere Gehirnleistung. Allerdings ist es so, dass wir evolutionsbiologisch und historisch gesehen von einem katastrophischen Gehirn ausgehen. Das heißt, unser Gehirn ist ursprünglich auf negativ programmiert. Es kann ja gut sein, dass ein Säbelzahntiger an der nächsten Ecke lauert. Eine natürliche Angst macht uns umsichtiger – und gleichzeitig auch pessimistischer. Doch das sollte uns nicht negativ stimmen: Viele Studien haben gezeigt, dass man sein Gehirn systematisch umprogrammieren kann, indem man versucht, viermal mehr Positives wie Negatives zu sehen. Mit dieser Taktik wird man in allen Lebensbereichen deutlich produktiver. Und das drückt sich auch im Beruflichen aus: Wenn beispielsweise Führungskräfte eine positive Einstellung zum Thema Altern haben, dann steigt die Produktivität der älteren Mitarbeiter.

Manfred Olbrisch, Leser

Mitten im Leben

Für meinen Ruhestand gibt es nur einen einzigen Wunsch: das gemeinsame Leben mit meiner Partnerin und unserer Familie liebevoll weiterzuführen. Dieses Gefühl, angekommen zu sein, bedeutet mir sehr viel. Mit ihnen möchte ich weitergehen, bis unser Weg endet. Dazu habe ich nur einen einzigen Plan: mit der Zeit gehen. Internet, Smartphone und Digitalisierung sind feste Bestandteile unseres Alltags. Wer damit nicht umgehen kann oder sich verweigert, ist abgehängt vom Leben. Das möchte ich nicht für mich. Die zukünftigen Entwicklungen in den Bereichen IT und Biotech werde ich genauso nutzen wie Jüngere und vielleicht werde ich eines Tages mit einem durch KI-Algorithmen gesteuerten Roboter nicht nur eine Partie Schach spielen, sondern auch ein unterhaltsames Gespräch über die Probleme bei der Pflege meiner Gebissprothese führen – wer weiß.

Paul-Gerhardt Voget, Leser

Zweite Berufung

Acht Mädchen und Jungen der ersten und zweiten Klasse sitzen vor mir. Auf meiner linken Hand sitzt Jakob, ein Rabe, auf der rechten Ophelia, eine Störchin. Sie moderieren eine Vorlesezeit. Ihre Namen habe ich Michael Ende entliehen. Jakob ist frech, vorlaut und durchaus spitzfindig, Ophelia gibt sich ruhig, weise, hat stets ein kleines Gedicht parat, das die Kinder dann „mitnehmen“ können. Die beiden wohnen übrigens in einem über hundert Jahre alten, rot ausgeschlagenen Bandoneonkoffer – und sind inzwischen unverzichtbar für mich. Seit September letzten Jahres habe ich Zeit, lese für und mit Kindern in einer Kita und einem Hort einer Grundschule. Mein Ziel: Freude an Geschichten, an Büchern zu wecken oder wachzuhalten. Fantasie, Fragen, kurz: eigenes Denken zu begleiten. In einem nächsten Schritt werde ich an einer Grundschule einen Philosophiekurs starten. Ein entsprechendes Schreiben ist unterwegs. Nach 40 Berufsjahren mache ich vieles, was man eben so macht im Ruhestand. Zusätzlich habe ich eine großartige Möglichkeit gefunden und ergriffen, auf Kinder zu hören, mit ihren Fragen und Kommentaren meinen Horizont zu erweitern. Mit diesen Kindern, mit Ophelia, Jakob und vielen wunderbaren Büchern erlebe ich kleine, neue Glücksmomente.

Beate Hoerkens, Leserin

Wann, wenn nicht jetzt

Es sind vermutlich die Wenigsten, die in die neue Lebensphase hineinstolpern oder sich kaum von ihrer Arbeit trennen, in der sie bis dahin aufgegangen sind. Wir Anderen, vielleicht die Mehrheit, schätzten unsere Arbeit, allerdings in der Hoffnung, eines Tages auch unsere nicht gelebten Seiten zu erkunden. In meinem Fall war es die künstlerische Fotografie. Es ist etwas mühsam, sich selbst einen Weg zu bahnen, wenn eine klassische Ausbildung wie in jungen Jahren nicht mehr zur Debatte steht. Aber die Erfahrung sagte mir: Zuerst geht es ganz praktisch um das Erlernen des Handwerks. Ich suchte und fand im Internet meine erste Mentorin, die mich bis heute begleitet. Nicht zuletzt braucht es die eigene Lust am Lernen, die sich am besten von der Leidenschaft nährt, viel Geduld und eine gewisse Unbeirrbarkeit. Das Ergebnis sind meine Bücher und Bilderserien, eine Website, eine eigene Edition – alles andere als gute Einnahmequellen, aber genau das, was ich machen wollte. Im Grunde ist es nicht entscheidend, woran man sein Herz hängt. Aber es ist wichtig, beizeiten herauszufinden, was es wohl sein könnte, wenn man es nicht schon weiß. Denn es macht froh, oft glücklich, so ein Leben „nach seiner Façon“ und mit eigenen Zielen in größtmöglicher Freiheit.

Dorothee Döring, Kommunikationsberaterin und Autorin

Mentale Frischekur

Mit dem Thema „drittes Lebensalter“ habe ich mich vor ein paar Jahren aus eigener Betroffenheit intensiv auseinandergesetzt. Meiner Beobachtung nach sehnen die meisten Menschen zunächst den Ruhestand herbei, stolpern aber meist unvorbereitet in den neuen Lebensabschnitt, statt ihn im Voraus zu planen. In der ersten Orientierungsphase, die sich noch wie eine Urlaubsverlängerung anfühlt, fallen diejenigen, für die der Beruf der Lebensinhalt war, in ein tiefes Loch. Damit das nicht passiert, ist die Einstellung wichtig, mit der ein jeder seinen neuen Status „Rentner“ betrachtet. Wer sich guter Gesundheit erfreut und mental von heiterer Gelassenheit unterstützt wird, sucht sich neue Ziele, die er zum neuen Lebensinhalt machen möchte. Einer entdeckt dabei vielleicht die Gartenarbeit als Leidenschaft, ein anderer etwas, das gemeinsam mit anderen ausgeübt werden kann, zum Beispiel Musizieren oder Sport. Manche engagieren sich ehrenamtlich in Vereinen, wo sie nette Gleichgesinnte und damit Freunde und Zugehörigkeit finden, und beugen damit der Vereinsamung vor. Viele Verwitwete oder Geschiedene, die während ihrer Berufsphase keine Probleme mit dem Alleinsein hatten, versuchen, ein „spätes Glück“ über Dating-Portale im Internet zu finden. Für einen guten Start in den Ruhestand ist es wichtig, sich nicht treiben zu lassen, sondern Ziele zu verfolgen, die Lebensfreude vermitteln.

Berend Hartnagel, Leser

Agenda anpassen

Auf diese Frage gibt es keine schnelle Antwort. Daher in Kurzform: Freiberufler, Unternehmer, Beamte, Angestellte, Arbeiter – alle gehen sehr unterschiedlich über die Schwelle. Was tun? Wohnsitz Mallorca, Thailand oder Kanaren? Ehrenamt in Kirche, Gewerkschaft, Verbänden oder aktuell für Flüchtlinge? Fernsehen, Illustrierte, Parkspaziergänge? Bibliothek endlich durcharbeiten? Trennung und neuer Partner, gern ein paar Jahre jünger? Basteln, malen, fotografieren, reparieren? Ich selbst habe mir vorgenommen: Ausstellungen besuchen, Lesungen machen, Geschichten und Erzählungen für Fotobücher schreiben. Und die SZ lesen. Ich habe zudem eine jüngere Partnerin gefunden, für lange Gespräche über die Welt, die Kinder, die Nachbarn, über Gerechtigkeit, Solidarität und alles, was man sonst so im (Un-)Ruhestand anstellen könnte. Demnächst kann ich mit einer Geschichte zum Thema „Wie startet man in den Ruhestand?“ beginnen. Na, geht doch!

Bernd Graefe, Leser

Chance auf Neubeginn

Immer wieder lese ich von Unruhestand, von einem strukturierten Alltag und von einer Vielzahl von Aktivitäten und Terminen, die den neuen Lebensabschnitt ausfüllen sollen. Wenn man so startet, verpasst man die große Chance eines wirklichen Neubeginns. Ein solches Leben ist nichts anderes als die Fortsetzung des bisherigen, mit anderen Inhalten und Schwerpunkte, ohne, dass sich viel ändert. Selbstverständlich soll und will man körperlich und geistig aktiv bleiben, aber eben gerade nicht mit den Zwängen und Verpflichtungen, die bisher das Leben bestimmt haben. Ganz auf sich zurückgeworfen zu sein, ohne Terminstress, ohne permanente Selbstinszenierung und ohne sich immer wieder seiner Wichtigkeit zu versichern – das ist die wahre Perspektive für ein neues Leben. Müßiggang, Innehalten, Kontemplation, genussvolles Ruhen und Nachdenken – alles fast vergessene Tugenden in dieser hektischen Zeit. Vielleicht ist die Corona-Krise ein guter Zeitpunkt, darüber einmal nachzudenken.

Christian Pfeiffer-Belli, Leser

Anfang April bin ich 8o geworden und immer noch täglich im Büro. Eben habe ich die letzte Ausgabe meiner Zeitschrift für Sammler klassische Uhren fertiggestellt, die 154. seit 1978. Damals besaß ich einige Taschenuhren in einer Schachtel unter dem Bett und das war’s. Von Uhren hatte ich keine Ahnung. Es hat sich dann sehr gut entwickelt, ich habe auch etwa 6o Bücher publiziert, als Herausgeber, Themenfinder und gelegentlich auch als Autor. Und wie geht es weiter? Nach meinem offiziellen Ausscheiden aus dem Verlag sitze ich schon wieder am Beginn eines neuen Lebensabschnitts: Ich werde, so es klappt, die Website eines Deutschen Uhren-Auktionshauses betreuen und kümmere mich augenblicklich um Texte, die ich dort einstellen möchte. Von Ruhestand ist nicht viel zu sehen. Sicher ist dieses Leben nicht übertragbar, ich, der Seiteneinsteiger, der sein Hobby zum Beruf gemacht und sein Berufsleben alten Uhren gewidmet hat. Ich kann mir eigentlich keine schönere Arbeit vorstellen: Themen finden, Autoren suchen, Neuland betreten und täglich etwas entdecken, was irgendwie noch bearbeitet werden sollte – wie die Geschichte der Kreuz-Uhren oder der Taschenuhren mit wandernder Stunde um 17oo. Sicher ist es schwierig für einen Ingenieur oder eine Sachbearbeiterin, sich mit 65 aus dem Berufsleben zurückzuziehen. Essen, einkaufen, im Garten sitzen, Zeitung lesen – irgendwie ist das nicht recht befriedigend.

Franz-Josef Thelen, Leser

Zurück zu sich selbst

Mir haben beim Start in den Ruhestand drei Erfahrungen besonders geholfen. Da war zunächst die hilfreiche Frage eines Bekannten: „Was hast du denn früher gern gemacht und während der Berufsjahre vernachlässigt oder aufgegeben?“ Mir fiel das Mopedfahren und Kartenspielen aus der Jugendzeit ein. Inzwischen spiele ich regelmäßig in einer Skatrunde mit und erkunde begeistert mit meinem Roller unser Umland. Beides tut mir richtig gut. Gewinnbringend waren für mich anfangs auch die Aufenthalte in Büchereien, wo ich stundenlang in den vielen „Ruhestandsratgebern“ herumstöberte und so auf eine preiswerte Art die für mich passenden Anregungen finden konnte. Last but not least: Wenn man in einer Paarbeziehung lebt, verbringt man im Ruhestand natürlich noch mehr Zeit miteinander als vorher. Mir wurde plötzlich bewusst, dass meine Frau im Gegensatz zu mir mehrere gute Freundinnen hatte, mit denen sie sich regelmäßig traf und austauschte. Ich dagegen hatte meine alten Freunde zum Großteil aus den Augen verloren und spürte: Männergespräche fehlen mir. Also habe ich Adressen mühsam wieder ausfindig gemacht und dann gemailt oder angerufen. Heute sitze ich zweimal im Monat mit alten (und neuen) Freunden beim Frühstück in netten Cafés zusammen und wir reden über all das, wofür Ehegespräche nicht der richtige Platz sind. Meine Frau findet das übrigens gut.

Gunter Morche, Leser

Planvoll einsteigen

Um erfolgreich und stressfrei in die Rentenzeit zu starten, sollte rechtzeitig die Nachfolgefrage geklärt und gelöst werden. Ganz gleich, ob als Angestellter oder Selbstständiger: Bei mir hat sich ein rund zwölfmonatiger stufenweiser Vorlauf für das Einarbeiten bewährt. Auch nach der Jobübergabe konnte ich meinem Nachfolger noch eine Zeit lang helfen. Besonders schön beim Rentenstart war für mich, mir neue Ziele zu überlegen und viele Reisen zu planen. Auch mehr Zeit mit den Kindern und Enkeln zu verbringen, ist nach wie vor eine große Freude. Gleichzeitig bot sich die Gelegenheit, eine Veränderung anzugehen: den Verkauf des zu groß gewordenen Hauses mit Garten und der Umzug in eine altersgerechte Wohnung. Das war eine große Herausforderung, die aber nicht auf die lange Bank geschoben werden sollte. Das Ergebnis: Befreit von viel Ballast steigt die Lebensqualität und bringt einen neuen Energieschub.

Günther F. Haltrich, Leser

Innerlich bereit

Ruhestand fängt nach meiner Erfahrung lange vor dem tatsächlichen Abschied aus dem Berufsleben an. Die bewusste Vorbereitung ist wichtig: Hobbys intensiv pflegen, Aktivitäten planen, inklusive Plan B, falls irgendetwas die Planung durchkreuzt, etwa die Gesundheit nachlässt, der Partner frühzeitig verstirbt oder, wie derzeit Corona, äußere Einflüsse eine Planänderung erfordern. Ebenfalls zu beachten ist, sich nicht ungestüm in die neue Freiheit zu stürzen, aber auch nicht in das gefürchtete schwarze Loch zu fallen. Ich spreche aus Erfahrung, weil ich seit 15 Jahren einige Höhen und Tiefen des Ruhestands und Alterns erlebe. Psychische Vorbereitung hilft wesentlich. Wenn die finanziellen Möglichkeiten gegeben sind, um so besser. Jeder, der viele Berufsjahre überlebt hat, sollte die Zeit danach möglichst lange genießen können. Glücklich derjenige, dem es in den letzten Arbeitsjahren möglich war, den Start in den dritten Lebensabschnitt vorzubereiten. Hierzu könnten Arbeitgeber beitragen, indem sie zum Beispiel private Aktivitäten neben der Arbeitszeit ermöglichen. Solange die mentale Einstellung zu den Themen Alter und Ruhestand positiv ausfällt und einige Tipps beachtet werden, steht dem Genuss dieses Abschnitts nichts entgegen. Ich wünsche meinen Mitmenschen eine gute, friedliche und möglichst gesunde Restzeit.

Harald Koppmann, Leser

Gut vorbereitet

Es kommt darauf an, ob der Eintritt in den Ruhestand freiwillig und geplant oder plötzlich und gezwungenermaßen erfolgt. Wenn ich aus eigener Entscheidung aus dem Arbeitsleben ausscheide, kann ich mich darauf mental vorbereiten. Zunächst hieße das, den richtigen Zeitpunkt für das Ausscheiden zu finden. Dies ist sicherlich eine gemeinsame Entscheidung mit dem Partner, wie das gemeinsame Leben künftig gestaltet werden soll – etwa in Bezug auf Familie, Hobbys, Freundschaften oder neue Verpflichtungen, die freiwillig eingegangen werden. Ich habe diese Rahmenbedingungen für mich und meine Frau als gegeben angesehen: Wir freuen uns auf unsere Enkelkinder. Wir haben einen über Jahrzehnte gepflegten Freundes- und Bekanntenkreis, der zu unserem Leben dazugehört. Wir haben uns auf diesen Lebensabschnitt vorbereitet und sind in der glücklichen Lage, ihn genießen zu können. Der Ruhestand wird sicherlich ganz anders aussehen, wenn er ungeplant – ob durch Arbeitsplatzverlust oder durch Krankheit – plötzlich eintritt. Dann können die einst gefassten Pläne für den letzten Lebensabschnitt mit einem Mal gegenstandslos werden.

Joachim Kesting, Leser

Das Ziel gibt der Richtung einen Sinn

Meine Erkenntnis aus bisher fünf Jahren Ruhestand sind überwiegend positiv. Einige Jahre vor Renteneintritt habe ich mir Gedanken über meine Lebensgestaltung gemacht und bin zu dem Entschluss gekommen, mich vorab schon in ein Ehrenamtsprojekt einzubringen. Durch Kontakte über meinen Charity-Club habe ich mehrere Jahre deutschlandweit ein Gewaltpräventionsprojekt betreut und eingeführt. Dann kam der Übergang vom Berufsleben in den sogenannten „Ruhestand“. Ich machte mir Pläne für die Freizeit: Reisen, Sport und Bildung. Nach kurzer Zeit stellte ich fest, dass dieser Wunschtraum nicht ausreichend war, um ein zufriedenes, glückliches Leben zu führen. Nachdem im Netzwerk mein Rentnerdasein bekannt wurde, bekam ich Angebote für Ehrenämter aus den Bereichen Sport, Bildung und Soziales. Ich fühlte mich geehrt und nahm vorschnell alles an, was mir angeboten wurde. Im sportlichen Bereich war es eine Vorstandschaft, im Bildungsbereich eine Projektleitung und im Sozialbereich eine Betreuungsaufgabe. Mein Terminkalender war gut gefüllt, jedoch hatte es Auswirkungen auf mein Familienleben. Die Vorstandschaft habe ich nach vier Jahren beendet, zumal ich trotz hauptamtlicher Mitarbeiter ehrenamtlich die Aufgaben eines Geschäftsführers wahrnehmen sollte. Bildungs- und soziale Aktivität habe ich beibehalten.

Klaus Dresing, Leser

Carpe diem

Wichtig finde ich, dass man sich mental früh auf diese Zeit vorbereitet. Der Zeitpunkt ist ja lange im Voraus bekannt. Soweit es gesundheitlich möglich ist, sollte man bis zum Ende mit voller Kraft im Beruf aktiv sein. Das bedeutet auch jüngere Kollegen anzuleiten. Wenn man sieht, dass diese in Aufgaben hineinwachsen, ist das für den Erfahrenen eine Genugtuung. Zudem kann sich schon vor dem Ruhestand jeder fit halten durch Sport, ausgewogene Ernährung, die Teilnahme am sozialen und kulturellen Leben. Kontakte pflegen ist ein weiterer wichtiger Punkt. Bedenken Sie, dass es auch im aktiven beruflichen Leben immer ein Leben neben dem Beruf geben sollte. Starten Sie außerdem früh mit dem Abschied vom Berufsleben. Nehmen Sie am Ende die Vergangenheit nicht mit nach Hause. Kommen Sie zu einem Abschluss mit dem Beruf. Kümmern Sie sich auch um Ihren Partner. Das stärkt sehr den Zusammenhalt. Sie sollten gemeinsame Aktivitäten und Hobbys intensivieren, dies wird den Horizont für beide erweitern. Engagieren Sie sich für soziale oder gemeinnützige Aufgaben. Lassen Sie andere teilhaben an Ihren Erfahrungen. Sie machen sich nützlich und erfahren viel Genugtuung. Und der letzte Punkt heißt: Entschleunigung. Nun ist es möglich, seinen Tag frei zu planen und was besonders wichtig ist, geplante Dinge zu Ende zu bringen. Auch das trägt sehr zur Befriedigung bei.

Manfred Pelzer, Leser

Mein Stundenplan

Der Übergang von der Berufs- zur Pensionszeit verlief bei mir recht reibungslos: 40 Jahre lang war ich ein glücklicher Mathematiklehrer an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen und dort zuständig für die Erstellung des Stundenplans. Bei meiner Verabschiedung vor fünf Jahren hat mir mein Nachfolger einen Stundenplan für den neuen Lebensabschnitt mit auf den Weg gegeben: Los geht es jeden Tag mit zwei Stunden Fitness oder Schwimmen, dann habe ich zwei Stunden Französisch, Gartenarbeit oder Geige spielen, gefolgt von einer Stunde Kochen. Der Plan gibt mir eine klare Struktur für den Vormittag. Klingelte früher der Wecker um sechs Uhr, so tut er es jetzt um sieben Uhr. Natürlich nehme ich mir die Freiheit, den Plan zu modifizieren. So wird er zum Beispiel oft wetterbedingt umgestoßen und durch Wander- und Fahrradtouren in die nähere Umgebung ergänzt. Hinzu kommen Enkelbesuche und meine Arbeit in Vereinen. Meine Partnerin unternimmt dabei viele Dinge mit mir zusammen. Nun habe ich auch die Zeit, mich von ihrer Begeisterung für Literatur und Theater mehr und mehr anstecken zu lassen. In den letzten zwei Monaten ist der Plan jedoch Corona-bedingt erheblich aus den Fugen geraten – mit dem Effekt, dass unser Garten momentan sehr gepflegt aussieht.

Markus Lüdtke, Leser

Sanfter Übergang

Am besten, indem man bereits vorab auf der Zielgeraden seine Arbeitszeit schrittweise reduziert. Dann findet man schon vor dem Eintritt in den Ruhestand die Zeit für sinnvolle Tätigkeiten, welche über das berufliche Tagwerk hinaus Freude, Bestätigung und Struktur in den Alltag bringen. Das Herunterfahren aus der Vollbeschäftigung in den Ruhestand von 100 auf Null sehe ich absolut kritisch. Die mentale und körperliche Gesundheit leidet unter solchen abrupten Veränderungen massiv. Auch die Familie und der Partner profitieren meines Erachtens von einem sanfteren Übergang, in dem man sich neu finden und aufstellen kann.

Michael Gaertner, Leser

Strukturiert durch den Tag

Mein Rentnerleben begann für mich etwas plötzlich vor knapp zwei Jahren, aber zum Glück hatten wir, meine Frau und ich, uns schon vorher etwas Gedanken gemacht. Wir fanden, dass trotz Wegfall der Erwerbsarbeit weiter eine Tagesstruktur sinnvoll wäre – und das hat sich bewährt. Es sind oft nur Kleinigkeiten, wie zum Beispiel Wecker stellen und sich unter der Woche richtig anziehen. Ausschlafen und Schlabberlook gehen nur am Wochenende. Auch planen wir Aktivitäten wie Enkelbesuche, Ausflüge oder Museumsbesuche für eine Woche im Voraus und weichen dann nur ab, wenn wir beide einen triftigen Grund dafür feststellen. Auch wenn einige andere Vorsätze sich dann als nicht praktikabel herausgestellt haben, so ist doch ein sinnvoller Tagesablauf entstanden, dem wir gerne folgen. Darüber hinaus fordern uns unsere Ehrenämter in zunehmendem Maße, sodass Langeweile nie aufkommt. Ganz im Gegenteil: Wir fragen uns oft, wie wir früher Vollzeit im Büro untergebracht haben. Den früher belächelten Spruch „Rentner haben nie Zeit“ kriegen wir jetzt auch immer wieder mal zu hören. Tja, das scheint wirklich die Realität zu sein.

Rainer Class, Leser

Soziales Experiment

Meiner Meinung nach verhält sich das so, wie bei jedem Übergang im Leben: Es fängt etwas Neues an und die Freude überwiegt. Die Hauptänderung betrifft ja meist den Personenkreis, den man tagtäglich um sich hat und der sich nun reduziert. Das ist manchmal sehr befreiend und manchmal auch schade. Um die Personen, die man weiterhin kontaktieren will, kann man sich ja jetzt selbstverantwortlich kümmern, es ist nur nicht mehr so einfach und bequem wie vorher.

Regina Scholten, Leserin

Mein Mann wird dieses Jahr pensioniert. Ich freue mich am meisten auf das tägliche gemeinsame Frühstück. Wer bis 65 neben dem Beruf keine Hobbys, Ehrenämter oder dergleichen hat, wird sich schwertun, die freie Zeit sinnvoll zu gestalten und dem Tag Struktur zu geben.

Renate Birschel-Hoffmann, Leserin

Bewusster Übergang

Ich bin Grundschullehrerin und werde im Sommer 2020 pensioniert. Schon bei der Einschulung meiner letzten Klasse vor vier Jahren war meine Pensionierung Thema bei Eltern, Kollegium, Kindern und im privaten Umfeld. Seitdem habe ich viele Ereignisse sehr bewusst zum letzten Mal erlebt: die letzte Klassenfahrt, die letzte Weihnachtsfeier, den letzten Elternsprechtag. Gemeinsam mit meinen Schülern möchte ich noch eine Abschlusszeitung verfassen, Schatzkästen mit Erinnerungen aus der Grundschulzeit gestalten und ein schönes Abschlussfest feiern, bevor wir alle die Schule verlassen. Ich räume aber auch schon mein Arbeitszimmer auf und entsorge Materialien, die ich nie mehr brauchen werde. Das ist entlastend und erhöht die Vorfreude auf den Ruhestand. Wenn es so weit ist, möchte ich meine ehrenamtliche Mitarbeit im Team von „traurig-mutig-stark“ verstärken, einem Verein, in dem Kinder begleitet werden, deren Eltern sich getrennt haben oder die traurig sind, weil ein Familienmitglied gestorben ist oder im Sterben liegt. Vor allem freue ich mich aber darauf, dass der berufliche Druck wegfällt und ich mehr Zeit für unsere Enkelkinder haben werde.

Uwe Koop, Leser

Entdecke die Möglichkeiten

Gute Ratschläge gibt es viele: Gut vorbereitet sein, um die wegfallenden Strukturen abzufedern. Erstmal das Dauerurlaubsgefühl genießen. Danach das machen, was man immer schon tun wollte und diese Aktivitäten nicht mehr zwischen Arbeits- und Freizeitstress einschieben müssen. Zeit für seine Familie und Freunde intensivieren und diese genießen. Je nach Motivation noch etwas arbeiten. Ich mache das zum Beispiel als Berater, kann natürlich nicht jeder. Handwerker können im Freundeskreis kleine Arbeiten ausführen, die glücklich machen. Auch mal langweilen gehört dazu und über den Sinn des Ganzen nachdenken. Reisen, Sprachen lernen, ein Buch schreiben – man könnte bis ins Unendliche weiter aufzählen.

Werner Meyer zum Farwig, Leser

"Je älter man wird, um so mehr wächst in einem die Neigung zu danken" (Martin Buber)

Ich hatte mich eigentlich gut vorbereitet auf den Start in den Ruhestand oder besser gesagt auf meine neue Lebensphase: Osterurlaub auf Sizilien, Radtour durch Albanien. Eine Weiterbildung zum Kursleiter für Seniorensport. Dann kam Corona und alles war plötzlich anders. Ich war anfangs enttäuscht und traurig, dass meine Pläne so durchkreuzt wurden. Doch vielleicht habe ich auch etwas gelernt, was besonders für die nachberufliche Phase wichtig ist: die Dinge annehmen, wie sie sind und mit dem leben, was im Moment zur Verfügung steht. Und vor allem dankbar sein für das, was einem schon an Gutem und Schönem im Leben geschenkt worden ist. Mit dieser Dankbarkeit möchte ich offen bleiben für das, was kommt.

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