Antwort schreiben

Zum Voten von Antworten musst du angemeldet sein.

Logge dich ein oder registriere dich.

×

Was ist das neue Arbeiten?

Die Digitalisierung gilt seit langem als Technologie, die die Arbeitswelt verändern wird. Passiert ist vergleichsweise wenig, bis ausgerechnet ein Virus die Zeitenwende einläutete: Heute sind Homeoffice und Videokonferenzen kaum noch wegzudenken. Verraten Sie uns, was sich in Ihrer Arbeitswirklichkeit verändert hat – und wie Sie dazu stehen.

Antwort schreiben

Anette Fintz, Führungscoach

Der Krise einen Sinn abtrotzen

Leider wird New Work zu oft mit agil oder Lean Management gleichgesetzt. Also mit Methoden, die Mitarbeitende flexibler macht beziehungsweise ihren Einsatz optimieren. Mit der Bedeutung des Begriffs im ursprünglichen Sinn hat das allerdings nichts zu tun. Hier geht es weder um ein bisschen weniger schuften und ein bisschen mehr chillen, noch um schönere Selbstausbeutung beim Duzen in Sitzschaukeln und Telefonieren beim Lauftraining. Es geht – nach dem Begründer der New-Work-Bewegung Frithjof Bergmann – darum, das zu tun, was man im tiefsten Inneren wirklich tun möchte. Das Problem: Viele wissen eigentlich gar nicht genau, was sie tun möchten, wenn sie ganz frei in ihrer Wahl wären. In den vergangenen Monaten hatten viele Menschen zwangsläufig Zeit, sich genau darüber Gedanken zu machen. Sie haben sich selbst neu erlebt: im Homeoffice, im Kurzarbeiterfrei oder in systemrelevanten Tätigkeiten. Sie haben Vereinbarkeiten und Unvereinbarkeiten sowie die Währung Wertschätzung kennengelernt. Sie haben erfahren, wann und wo sie ihr Potenzial am besten entfalten. Das gilt es zu nutzen. Statt uns einem „New Normal“ zuzuwenden, sollten wir uns hin zu „New Work“ bewegen, in der es darum geht, selbstgewählte Aufgaben zum Nutzen aller zu erfüllen. Wer jetzt nicht nur Kassensturz, sondern auch einen Kultur-Check macht, der ergreift die große Chance, der Corona-Krise einen Sinn abzutrotzen.

Kay Mantzel, Experience Manager

Rein in den Work-Life-Flow

Das neue Arbeiten ist zunächst ein ständiger Veränderungsprozess. Was wir Anfang dieses Jahres so bezeichnet haben, können wir in Zeiten der aktuellen Pandemie nicht mehr neu nennen – und in einem Jahr wird uns das noch deutlicher erscheinen. Vor allem geht es beim neuen Arbeiten nicht um eine reine Abgrenzung von Office zu Homeoffice. Momentan sind wir im Vergleich zum Office vor Covid-19 quasi verpflichtet, im Homeoffice zu arbeiten. Das neue Arbeiten sollte aber auch eine Wahlfreiheit für die Mitarbeiter enthalten, selber entscheiden zu können, was die beste Umgebung für eine bestimmte Tätigkeit ist. Damit entsteht zusätzlich die Möglichkeit des Out-of-Office. Wenn ich keinen Präsenztermin habe – und wir stellen gerade fest, dass viel mehr Meetings als gedacht virtuell möglich sind – kann es sowohl meinem Arbeitgeber als auch meinen Kunden egal sein, von wo ich arbeite. Eine Videokonferenz aus oder vor meinem Bulli schafft sogar mehr persönliche Nähe als der gleiche Termin vor neutraler Kulisse. Wichtig ist dabei, dass es ein Klima von Vertrauen und Verantwortung gibt: Unternehmer müssen ihren Mitarbeitern vertrauen, dass sie die Verantwortung für ihren Job übernehmen. Genauso müssen Mitarbeiter dem Unternehmen vertrauen, dass dieses seiner Verantwortung zum Mitarbeiterschutz gerecht wird. Damit ist das neue Arbeiten in erster Instanz eine Frage der Unternehmenskultur.

Michael Kirchner, Leser

Verarmte Interaktion

Die Digitalisierung in der Arbeitswelt wird fortschreiten. Das ist im Prinzip gut für Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Kunden und Bürger. Es gibt aber Grenzen, die im wohlverstandenen Interesse aller eingehalten werden sollten. Meine Erfahrungen als Dozent mit Vorlesungen über Videokonferenzen mögen das exemplarisch zeigen: Eine wichtige Voraussetzung für eine gute Kommunikation ist der Blickkontakt zwischen dem Dozent und den Teilnehmern der Lehrveranstaltung. Wird die Kamera von einzelnen Teilnehmern ausgeschaltet, kann der Dozent nicht erkennen, ob seine Ausführungen ihr Ziel erreichen. Aber auch bei den kleinen Videobildern auf dem Bildschirm lassen sich viele wichtige Merkmale der Mimik und Körpersprache nicht erkennen. Diese sind aber für eine gelungene Interaktion notwendig. Die Vermittlung von Wissen und die inhaltliche Auseinandersetzung mit Lerninhalten durch Diskussion erscheinen bei Videokonferenzen deutlich erschwert. Auch insoweit stößt eine Digitalisierung an ihre Grenzen.

Ralph Bruder, Professor für Arbeitswissenschaft, Technische Universität Darmstadt

Das neue Normal

Der starke Impuls, ausgelöst durch die Corona-bedingten Einschränkungen in Richtung einer Digitalisierung von Abläufen, wird Arbeit nachhaltig verändern. So wird in vielen Unternehmen und Institutionen zukünftig die Frage zu beantworten sein, warum nicht – wie schon während Corona geübt – auch weiterhin von zu Hause gearbeitet werden kann. Prozesse wurden komplett umgestellt und Organisationen werden nicht wieder zu einem vorherigen Zustand zurückkehren wollen. Damit die aktuell gelebte Agilität auch nachhaltig Bestand hat, spielt die Beachtung menschbezogener Bedürfnisse eine entscheidende Rolle. Dies betrifft die nur zu verständliche Forderung nach einer Technik, die zu einer wirklichen Vereinfachung von Abläufen und eben nicht zu einer Anpassung von gut funktionierenden Abläufen an technische Unzulänglichkeiten führt. Es betrifft ganz besonders die Förderung der Eigenverantwortung von Beschäftigten. Eine von allen Beteiligten gewollte und dann auch entsprechend geschulte Eigenverantwortung ist beispielsweise die Voraussetzung für erfolgreiches Arbeiten von zu Hause. Schließlich sollte eine weitere Corona-Erfahrung nicht zu schnell wieder vergessen werden. Der direkte, nicht durch Technik vermittelte Kontakt zwischen Menschen ist wertvoll für das Wohlbefinden, aber auch für den wirtschaftlichen Erfolg. Zukünftige Arbeit misst den zwischenmenschlichen Kontakten daher eine hohe, zu schützende Bedeutung zu.

Kerstin Sarah von Appen, Organisationsentwicklerin & New-Work-Autorin

New Work braucht auch New Leadership

Ein neues Führungsverständnis ist gefragt, um neue Konzepte des Arbeitens zu ermöglichen und den Begriff New Work mit Leben zu füllen. Gerade in einer Zeit wie dieser, so dynamisch und unsicher, müssen Führungskräfte noch stärker als bislang eine orientierende Rolle wahrnehmen. Sie müssen Sinn, Vision und Werte vermitteln, Vertrauen schaffen und gemeinsames Vorankommen fördern. Balancierte Selbstführung, innere Stabilität und Reflexionsfähigkeit sind dabei essenzielle Führungsfähigkeiten, um das Beste in Organisationen zu entfalten. Die Haltung von Führungskräften beeinflusst maßgeblich die Unternehmenskultur. Eine gelebte Vertrauenskultur ist das Fundament, um all das, was für eine neue Arbeitswelt gerade diskutiert wird, zum Klingen zu bringen: Umgehen mit Veränderungen, Zusammenarbeit über Bereichsgrenzen hinweg, Selbstverantwortung. Führungskräfte sollten immer mehr zu Ermöglichern werden und von Kontrolle auf Empowerment umschalten – mit einer empathischen, coachenden Haltung auf Augenhöhe. Das heißt keinesfalls, dass Führung überflüssig wird. Führungskräfte tragen nach wie vor die Verantwortung für die Formulierung von Zielen, Strategien und Ergebnissen, müssen jedoch Autonomie zulassen und zunehmend Kontrolle über die Umsetzung abgeben. Für alle New-Work-Ansätze gilt: Es bedarf der ehrlichen Bereitschaft der Führungsebene, sich auf neue Wege einzulassen – und des gegenseitigen Vertrauens, diese Wege zu gehen.

Nele Graf, Professorin für Personal und Organisation, Hochschule für angewandtes Management

Lernen als Schlüssel

Der griechische Philosoph Heraklit wusste schon: „Nichts ist so beständig wie der Wandel.“ Und so ist es auch mit der Arbeitswelt. Dabei halte ich drei Aspekte heute für besonders wichtig: Erstens ändern sich viele Rahmenbedingungen – Smart Working, Vertrauensarbeitszeit und Mobile Devices eröffnen hier neue Freiheitsgrade für alle Beteiligten. Zweitens ändern sich Arbeitsprozesse – agiles Arbeiten, fachbereichsübergreifende Teamarbeit und Hierarchiereduktion erfordern neue Verantwortungen und Methodenkompetenzen der Mitarbeiter. Drittens ändern sich die Arbeitsplätze – neue Tätigkeiten kommen hinzu, andere verschwinden oder neue Jobs entstehen. Das neue Arbeiten heißt also vor allem eines: Lernen. Sei es der verantwortungsvolle Umgang mit neuen Freiheiten, selbstgesteuerter Projektarbeit oder dem Aneignen neuer Anforderungen – Lernen wird zu dem entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Für das gesunde und erfolgreiche Bestehen in dieser neuen Arbeitswelt brauchen wir andere Kompetenzen. Neben Selbststeuerung und Selbstdisziplin sowie (virtuelle) Kommunikationskompetenz und Umgang mit Unsicherheit in Bezug auf neue Prozesse ist insbesondere die Lernkompetenz bei sich ändernden Anforderungen ein Schlüssel zum Erfolg. Mit Lernkompetenzanalysen und der Ausbildung agiler Lerncoachs können Mitarbeiter und Organisationen dabei unterstützt werden, das Lernen wirksamer zu gestalten. Denn die beste Antwort auf den Wandel ist Lernen.

Ayelt Komus, Professor für Organisation und Wirtschaftsinformatik, Hochschule Koblenz

So individuell wie wir

Das neue Arbeiten wird sich vor allem dadurch auszeichnen, dass es „das“ Arbeiten kaum geben wird. Noch mehr als heute wird Arbeit kaum abgrenzbar, nur schwach strukturiert, dynamisch, sehr individuell und unterschiedlich sein. Die Digitalisierung ermöglicht neue und vielfältige Arbeitsformen und macht diese Vielfalt zugleich zu einer notwendigen Voraussetzung. Nine-to-five-Arbeit im festen Büro nach Vorgabe mag es zukünftig noch geben – nur wird die eine zunehmend geringere Rolle spielen. In einer Welt, in der Zusammenarbeit überall und zu jeder Zeit erfolgen kann und Wertschöpfungsnetzwerke und Erfolgsfaktoren im permanenten Wandel sind, wird sich auch die Form der Arbeit dynamisch entwickeln. In den letzten Wochen haben auch Zweifler gesehen, dass wir nur einen kleinen Teil der möglichen Formen nutzen, um Arbeit zu organisieren. Besondere Herausforderungen sind Selbstorganisation und Eigenverantwortung, aber vor allem auch Führung und die intelligente Nutzung der neuen Möglichkeiten. Ziel darf es nicht sein, bestehende Arbeitsformen einfach zu elektrifizieren. Neue Möglichkeiten müssen nutzbringend gestaltet werden – etwa durch Kombinationen verschiedener Formate, durch neue Führungs- und Organisationsformen oder auch durch Automatisierung und Künstliche Intelligenz, zum Beispiel mit Bots. Es gilt, neue Formen der Arbeit passend zu den Erfordernissen und Präferenzen zu entwickeln – individuell, intelligent, mutig und fantasievoll.

Stephan Grabmeier, Autor, Speaker und Innovationsberater

Mehr geht nicht – aber besser

Am Scheideweg der Wirtschaftsgeschichte ist es an uns: Wollen wir mit viel Lobbyismus und Geld ins endliche Spiel zurück oder nutzen wir das Momentum und prägen durch neues Arbeiten eine bessere Wirtschaft? Jede Krise löst einen Wandel aus. Das mögen wir Menschen nicht. Kommt es jedoch drauf an, sind wir hochgradig anpassungsfähig. Die jahrelangen Diskussionen über Homeoffice haben mit einem Schlag aufgehört: Geht doch! Der Crashkurs im digitalen Leben beamt die Technologie aus der Zukunft in die Gegenwart. Die Krise liefert eine Steilvorlage für neues Arbeiten. Der Höhenflug vergangener Jahrzehnte ist gebaut auf Antigravitation. Der schier endlose Konsumwahn, lineare Wachstumsraten und die Lustbefriedigung haben unsere Industrien immer größer und schamloser gemacht. Im Lockdown haben Menschen auf einmal nur das gekauft, was sie wirklich brauchten. Nach nur zwei Monaten muss die Wirtschaft gerettet werden? Neues Arbeiten stellt zuerst die Frage nach dem Sinn. Wofür stehen wir jeden Tag auf? Wozu gibt es unser Unternehmen? Was ist unser Beitrag für eine bessere Wirtschaft? Unternehmen haben keinen Selbstzweck, sie sind Teil unserer Gesellschaft. Indigene Völker treffen wichtige Entscheidungen immer für sieben Generationen – also für ein unendliches Spiel. Für unsere Enkelfähigkeit stellt sich die Frage: Was ist unser Beitrag, um die Welt für uns und unsere nächsten Generationen zu einem besseren Ort zu machen?

Illa Lauterbach, Leserin

Austausch gesucht

Am 16. März wurde meine Schule wegen Corona geschlossen. An diesem Tag wurde ich von der Digitalisierung überflutet wie eine Straße vom Hochwasser. Du stehst bis zu den Knien im Wasser und musst etwas tun. Unterrichten. Homeoffice. Sofort. Nach zwei Wochen war ich bereit, schulische Plattformen waren eingerichtet, eine vernünftig geplante Routine begann sich einzustellen. Die digitale Form der Unterrichtskommunikation ist jedoch eine sehr verdichtete, ausschließlich sachorientierte Art des Austauschs. Angemessen wäre eigentlich das individuelle Arbeiten mit dem Kind – bei der bisherigen Organisation von Schule eine Überforderung. Es müssten Kommunikationsformen entwickelt werden, die das beiläufige soziale Zusammensein ermöglichen. Austausche, irgendwo zwischen Smalltalk und Fachgespräch, schaffen die Bindungen und Verbindungen, die Vertrauen und Kreativität fördern. Mediale Lösungen für diese Situationen können die physische Präsenz nicht kopieren, vielleicht aber eine Zeit lang ersetzen, wenn die Kommunikationspartner in der Lage sind, die Zeichen und Signale einer sich neu bildenden Körper- und Zeichensprache im digitalen Raum zu entwickeln und auszudifferenzieren. Wie kann eine Gesellschaft in Quarantänezeiten sozialen Zusammenhalt herstellen, aufrechterhalten, fördern? Das ist die Frage an die Schule, an die Arbeitswelt, an alle gesellschaftlichen Gruppen, an die Politik. Diese Arbeit steht noch bevor.

Christof Otte, Sportwissenschaftler und Schmerztherapeut

Mit freiem Blick Richtung Zukunft

Wenn ich an die Arbeitswelt von morgen denke, sehe ich Bewegung. Bewegung ist das Allheilmittel und die einzige Prävention gegen Bewegungsmangel. Das Organ, das wie kein anderes auf Bewegung angewiesen ist, ist unser Gehirn. Es benötigt Informationen aus unserem Bewegungsapparat, um den gesamten Organismus zu koordinieren. Dabei interagieren Gehirnbereiche in komplexen Netzwerken. So ist die Motorik unserer Augen für koordinierte Körperbewegungen mitverantwortlich. Immer wieder beobachte ich in meiner Praxis, dass Menschen mit zum Beispiel Nackenverspannungen eine gestörte Koordination ihrer Augenbewegungen haben. Das Problem tritt insbesondere bei Menschen an Bildschirmarbeitsplätzen auf, da hierbei der Blick überwiegend in die Nähe gerichtet ist. Was fehlt, ist der Blick in die Ferne, den unsere körperlich tätigen Vorfahren in der freien Natur den ganzen Tag hatten. Die ständige Anspannung der Augenmuskeln für das Fokussieren der Nähe stimuliert durch die Verschaltungen im Hirnstammbereich unsere Rumpfmuskulatur einseitig und verspannt unsere Muskeln, insbesondere im Nacken. Wenn ich an das neue Arbeiten denke, sehe ich große Bildschirme, die deutlich weiter entfernt vom Auge als heute platziert sind und mit einer entsprechenden bewegungsverführenden und bedarfsgerechten Arbeitsumgebung größere Augen- und Kopfbewegungen zum Wohle unseres Gehirns zulassen.

Britta Redmann, Rechtsanwältin für Arbeitsrecht und Mediatorin

Agilität ist Trumpf

Das Ziel von Unternehmen sollte sein, nicht nur im Normalmodus richtig gut performen zu können, sondern dies auch im Pandemiemodus zu bewältigen. Und das ohne Panik, souverän in der Umsetzung und wissend, dass man damit Erfolg hat und deswegen zufrieden sein kann. Kurz: Agilität mit einem entspannten Lächeln. Was ist das Gute, das Unternehmen aus der Krise mitnehmen? Das diejenigen, denen es gelingt, eine schnelle Anpassungsfähigkeit in ihrem Arbeitsalltag zu leben, sogar gestärkt aus Herausforderungen wie Corona und der damit verbundenen weltweiten Wirtschaftskrise hervorgehen können. Das bedarf einer flexiblen und agilen Arbeitsweise sowie jeweils angepassten arbeitsschutzrechtlichen Bedingungen, die es Betrieben und Mitarbeitenden ermöglicht, je nach aktueller Situation zwischen einem Arbeiten im Krisenmodus und dem „Normalzustand“ zu wechseln. Letztendlich ist eine hochgradig agile Arbeitsweise gefordert, die es ermöglicht, sofort auf gesundheitliche, wirtschaftliche oder sonstige Marktereignisse zu reagieren – ja diese sogar im besten Fall zu antizipieren. Je trainierter Unternehmen hier in der Umsetzung sind, je gewohnter es für Mitarbeitende sein wird, innerhalb kurzer Zeit in einen anderen Arbeitsmodus umzuswitchen, desto stabiler und sicherer werden Menschen und Unternehmen bei zukünftigen Herausforderungen sein. Es wird unumgänglich sein, tradierte Geschäftsmodelle an eine agile Unternehmenskultur anzupassen.

Janpeter Meindl, Leser

Kampf um Exzellenz

Firmen werden gestärkt aus der Krise hervorgehen, wenn die Mitarbeiter die besten Rahmenbedingungen erhalten. Das ist sicher kein Großraumbüro mit Präsenzpflicht. Homeoffice wird zur Regel – nicht ganz uneigennützig. Man hat wohl erkannt: Die besten Köpfe kommen nur, wenn man sie nicht der Konkurrenz überlässt, die die neue Zeit bereits eingeläutet haben.

Hubertus Heil, Bundesminister für Arbeit und Soziales

Dem Wandel einen Schritt voraus

Mit der Corona-Krise hat die Digitalisierung einen ungeplanten Schub erhalten. Millionen Beschäftigte haben in den vergangenen Monaten im Homeoffice gearbeitet. Statt in der Teeküche traf man sich im Mitarbeiter-Chat und die Teambesprechung fand per Videokonferenz statt. Die mobile Arbeit hat in vielen Fällen gut funktioniert. Doch was fehlt, sind verbindliche Regeln. Wir brauchen einen rechtlichen Rahmen, damit zum Beispiel Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die im Homeoffice arbeiten, vor ständiger Erreichbarkeit geschützt werden. Faire Arbeitsbedingungen, soziale Sicherheit und Arbeitsschutz sind in Zeiten der Digitalisierung wichtiger denn je. Das gilt auch für die Themen Weiterbildung und Qualifizierung. Denn der Strukturwandel hin zu einer digitalisierten und klimaneutralen Wirtschaft kann nur dann gelingen, wenn die Beschäftigten von heute fit sind für die Arbeit von morgen. Schon jetzt sehen wir, dass sich das Gesicht vieler Jobs verändert: Wer am Fließband arbeitet, braucht zunehmend IT-Wissen. Und wo früher ein Zollstock ausreichte, kommt heute ein 3D-Scanner zum Einsatz. Deshalb fördert die Bundesregierung Weiterbildungen und begleitet Unternehmen und Beschäftigte auf dem Weg in die digitale Zukunft. Unser gemeinsames Ziel muss es sein, dass aus dem technologischen Fortschritt ein Gewinn für uns alle wird.

Janpeter Meindl, Leser_In

Der Mensch macht das Unternehmen- nicht umgekehrt

Ein Virus muss als Katalysator herhalten, was sich längst vorher abgezeichnet hat. Nicht diejenigen Firmen werden gestärkt aus der Krise hervorgehen, wo der autokratische Chef in seinen Mitarbeiter nicht mehr sieht als die lästige Payroll, sondern die, wo die Mitarbeiter die besten Rahmenbedingungen erhalten, bei denen sie ihre individuelle Leistung erbringen können (sicherlich kein Großraumbüro mit Präsenzpflicht). Nur so wird sich der bestmögliche Gewinn einstellen. Und der ist nicht nur monetär, sondern vor allem der, dass die Mitarbeiter gerne arbeiten, sie nicht in Korsette gezwungen werden und vor allem: Gesund bleiben! Der Krankenstand hat sich im ersten Halbjahr 2020 drastisch verringert. Wie kommt das nur? Siemens zeigt, wie es geht. Das HomeOffice wird zur Regel. Nicht ganz uneigennützig: Man hat wohl erkannt, dass die besten Köpfe nur kommen, wenn man sie nicht der Konkurrenz überlässt, die die neue Zeit bereits eingeläutet haben. Was wir im Moment erleben, ist nicht weniger als die Ausprägung der sechsten großen Entwicklungswelle der Menschheit nach dem Ökonomen Kondratjeff, der unter den Stalinisten in Russland mit seinem Leben für seine Wirtschaftstheorien bezahlt hat. Der Mensch wird der prägende Faktor dieser sechsten Welle sein.

Schreib' uns deine Antwort!

Welche Überschrift willst Du Deiner Antwort geben?

Wie sieht die Stadt von morgen aus?

Zu voll, zu teuer, zu anfällig für Pandemien und andere Katastrophen: Die Stadt von heute ist ein Auslaufmodell, das hat spätestens die Corona-Krise gezeigt. Ideen für den urbanen Raum gibt es viele, doch welche davon werden sich durchsetzen? Schreiben Sie uns, wie Sie sich die Stadt der Zukunft vorstellen.

Antwort schreiben

Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer Deutscher Städtetag

Der Wandel kommt schneller als gedacht

Corona hat die Städte verändert. Während des Lockdowns haben wir gespürt, wie wertvoll pulsierendes Leben für uns ist, wie sehr wir auf Begegnungen und Kontakte angewiesen sind. Herausforderungen wie Digitalisierung, Verkehrswende oder Klimaschutz, die die Städte seit einiger Zeit umtreiben, werden uns weiter begleiten. Womöglich wird einiges schneller gelingen, anderes wird schwieriger. Die Corona-Zeit hat die digitale und die analoge Welt zusammenrücken lassen. Städtische Verwaltungen sind flexibler geworden. Sprechstunden per Web-Meeting, Bürgerservices aus dem Homeoffice oder die Entwicklung und Einführung von Apps zum Infektionsschutz waren in kurzer Zeit möglich. Ein Digitalisierungsschub durch Corona scheint möglich. Manche Probleme aber haben sich verstärkt. Der Einzelhandel war schon vorher im Umbruch, die Pandemie schüttelt ihn weiter durch. Wir müssen neue Nutzungsideen für Innenstädte ausprobieren. Oder die Kultur. Überlebt mein Kino? Wie retten wir die Clubs? Und schließlich der Verkehr. Zu Beginn des Lockdowns waren viel weniger Autos unterwegs. Wir haben gemerkt, wie sehr das unser Gefühl für die Stadt verändert hat. Der öffentliche Raum ist viel mehr als nur Parkplatz. Die Verkehrswende hin zu einer anderen Mobilität ist ein Schlüsselthema der Stadt der Zukunft.

Christa Reicher, Leserin

Lehren der Pandemie

Die Stadt von morgen wird so aussehen wie bisher – und doch ganz anders. Dabei ist der Baubestand eine wichtige Ressource, den es aus Gründen der Nachhaltigkeit möglichst zu erhalten und weiterzuentwickeln gilt. Die Gestalt der Stadt von morgen wird sich also nicht grundlegend ändern können, wohl aber die Parameter in der Stadtplanung. Spätestens seit der Corona-Krise hat sich gezeigt, wie wichtig der Freiraum als Ort der gesellschaftlichen Teilhabe oder auch nur als Ergänzungsraum zur privaten Wohnung ist. Die Pandemie hat die soziale Zweiteilung unserer Gesellschaft offensichtlich gemacht: in eine Gruppe, die über einen privaten Garten verfügt, und eine Gruppe, die mehr denn je auf öffentliche Freiräume angewiesen ist. Statt einer baulichen Nachverdichtung in den Innenstädten werden Fragen der qualitätsvollen Freiraumentwicklung, der Rückgewinnung von Verkehrsraum als Stadtraum und nicht zuletzt gesellschaftliche Fragen von Akzeptanz und Leistbarkeit zunehmend relevant. Die Antworten auf diese Fragen sind Bausteine einer resilienten Stadt von morgen. Die derzeitige Pandemie geht vorüber, aber die Klimakrise wird bleiben und sich verstärken. Also muss das Leitbild des klimasensiblen Städtebaus unser Handeln leiten – ob als Planer, als Politiker oder einfach nur als engagierter Bürger der Stadt.

Rebecca Peters, Stellvertretende Bundesvorsitzende Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club (ADFC)

Träume werden Realität

Akustisch wäre das so: Man hört entspannte Menschen plaudern und Kinder spielen. Man hört Vögel zwitschern, Blätter rauschen, vielleicht einen Trinkbrunnen plätschern. Und wenn man ganz genau hinhört, gibt es da noch das Tickern von Gangschaltungen und das Surren von leichten Elektrofahrzeugen und Wasserstoffbussen. Die Stadt der Zukunft ist eine Stadt für Menschen in Bewegung, mit sicheren und breiten Geh- und Radwegen, viel Grün, Sport- und Spielplätzen und Plätzen zum Verweilen. Die Innenstadt ist eine quirlige Fußgängerzone, die nur morgens und abends beliefert wird. Die Außenbezirke sind autoreduziert. Radschnellwege führen aus dem Umland in die Stadt hinein, für lange Pendelstrecken gibt es ein hervorragendes Bus- und Bahnsystem. Es ist eine Stadt, in der man kein Auto braucht, weil die Wege kurz sind und es bessere Alternativen gibt. Wer ein Auto benötigt, leiht sich eins oder lässt sich günstig fahren. Es ist eine Stadt voller Lebensqualität mit guter Luft, wenig Lärm und viel Platz, um sich zu bewegen und um Menschen von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Die Stadt der Zukunft ist ein Ort für alle, wo man sich gerne aufhält und nach der Arbeit die Stühle vor die Tür stellt, um zu reden und zu schauen – anstatt sich hinter Bildschirme zurückzuziehen. Die Stadt der Zukunft ist die Stadt, von der wir alle träumen – jetzt müssen visionäre BürgermeisterInnen und PlanerInnen sie nur noch umsetzen.

Nadine Späthmann, Leserin

Mehr miteinander statt nebeneinander und mehr Grünflächen statt Beton.

Vitali Klitschko, Bürgermeister der Stadt Kyjiw

Digitale Metropolen

Die Städte der Welt sind derzeit mit akuten Problemen im Bezug auf Ökologie, Energieversorgung, Ressourcenmangel und Urbanisierung konfrontiert. Die Corona-Pandemie zeigt, dass sie für globale Herausforderungen nicht bereit sind und flexibler und koordinierter darauf reagieren müssen. Dabei stehen kommunale Entscheider gleichzeitig vor der Aufgabe, sich auf neue Strategien in der Stadtentwicklung zu konzentrieren. Ich liebe meine Stadt sehr und ich bin von ihrem Potenzial überzeugt. Wir tun alles, um Kyjiw zu einer europäischen und globalen Hauptstadt zu entwickeln. Sie soll Lebensqualität und gleichzeitig wirtschaftliche Attraktivität bieten. Kyjiw hat als erste ukrainische Kommune smarte Technologien und Innovationen in der Stadtverwaltung implementiert. Dabei arbeiten wir eng mit einem deutschen Partner aus Berlin zusammen. Die Kyjiwer sind in diese Entwicklungen aktiv einbezogen. Sie nutzen digitale Angebote der Verwaltung, die Vorteile der E-Demokratie, Sicherheitssysteme und E-Business. Diese Verwaltungstools erlauben Budgeteinsparungen und effiziente Verwaltungsentscheidungen. Unsere Entwicklung basiert auf hochqualifizierten Fachkräften in der IT-Branche, Kreativwirtschaft und Pharmaindustrie. Diese Branchen sind heute entscheidend für die Stadtwirtschaft. Außerdem schaffen wir in Kyjiw neue Begegnungszonen und Naherholungsgebiete. In meinen Augen ist die Stadt der Zukunft eine Stadt, in der es sich komfortabel und angenehm leben lässt.

Yannick Kantor, Leser

Hoffentlich ganz bunt und grün.

Rupert Voß, Leser

Raum für Vielfalt

Die meisten prosperierenden Großstädte haben auch ohne Corona ein schwerwiegendes Problem: fehlender Wohnraum. Man wird daher nicht umhinkommen, weiter zu verdichten und neue Wohnungen zu bauen. Nachdem jahrelang am Bedarf vorbei entwickelt wurde, wird in Zukunft hoffentlich wieder mehr in gesellschaftlich relevante und innovative Projekte investiert. Die Bedürfnisse der Menschen haben sich nämlich gewandelt: Sie wollen Lebensraum mit Herz, in dem sie ihre Kinder großziehen und mit allen Annehmlichkeiten modernen Lebens alt werden können. Wohnkonzepte und -alternativen, die eine reale und heterogene Gesellschaft abbilden, müssen daher dringend vorangetrieben werden. So sind zum Beispiel Mehrgenerationenprojekte tolle Lösungen, um Senioren aktiv in die Gesellschaft einzubinden und Alterseinsamkeit vorzubeugen. Auf der anderen Seite profitieren etwa Familien mit Kindern von den Erfahrungen und der Fürsorge der Älteren. Insbesondere Wohnquartiere mit zusätzlich integrierten Pflege- und Betreuungsangeboten, Kinderbetreuung, Nahversorgung und Gewerbe funktionieren als nachhaltiges Modell für genau diesen Strukturwandel. Dabei muss jede Stadt solche modernen und nachhaltigen Quartiere allen Menschen zugänglich machen – in Form von bezahlbarem Wohnraum. Denn sonst weitet sich die Schere zwischen Arm und Reich, die gesellschaftliche Mitte wandert ab und die Stadt von morgen wird zu einer Stadt von gestern.

Axel Gedaschko, Präsident Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW)

Haute Couture vom Band

In Deutschlands Ballungsregionen fehlen aktuell rund 800.000 Wohnungen, die Lage bleibt angespannt. Ein wichtiger Baustein, um hier Abhilfe für eine bezahlbarere Stadt von morgen zu schaffen, ist das serielle Bauen. Langwieriges „Stein auf Stein“ auf der Baustelle ist dabei passé: Stattdessen werden beim seriellen Bauen Gebäudeteile – ähnlich wie in der Automobilbranche – mithilfe industrieller Prozesse im Werk mehrfach vorproduziert, vor Ort nach dem Lego-Prinzip aufeinandergestapelt und miteinander verbunden. Sowohl Bauherren als auch Nachbarn profitieren von deutlich kürzeren Baustellenzeiten. Zusätzlich bringt das serielle Bauen neue Kapazitäten in der von Fachkräften leergefegten Baubranche. Die Wohnungswirtschaft leistet hier Pionierarbeit und bietet mit einer eigenen Rahmenvereinbarung quasi einen Katalog, aus dem Bauherren architektonisch anspruchsvolle Wohngebäude auswählen und diese individuell gestalten können. Das spart viel Zeit, da Teile der Projektausschreibung und Planung von vornherein erledigt sind. Weiterer großer Vorteil: der Festpreis, der bei Bestellung zugesichert wird. Er gewährleistet, dass auch bei unvorhergesehenen Verzögerungen keine Verteuerung eintritt. Die ersten Rückmeldungen von Bewohnern der seriell gefertigten Wohngebäude: durchweg positiv. Unterschiede zum normalen Wohnungsbau sind am Ende nicht erkennbar – eben Haute Couture, aber vom Band.

Reinhold Gütter, Leser

Mit Leben füllen

Die Stadt von morgen ist zu 98 Prozent bereits gebaut. In ihren Hüllen findet dann etwas anderes statt, wenn sie flexibel nutzbar sind. Mehr Wohngemeinschaften, wenn das Wohnen teuer bleibt. Mehr Vereinslokale und Ladenpraxen, wo der Einzelhandel sich zurückzieht. Die öffentlichen Parkanlagen werden noch stärker als bisher zu Treffpunkten aller Altersgruppen. Auf den Straßen fährt man mit maximal 30 Kilometer pro Stunde. Ob die Städte ärmer werden, hängt davon ab, wie ungleich die Einkommen und Vermögen insgesamt verteilt sind. Weil sie immer Orte der Zuwanderung waren, bleiben sie vielfältiger als das Land. Ein Auslaufmodell waren sie nie.

Laura Bruns, Designforscherin und Kulturmanagerin

Kreative Spielwiese

Wie kann die Stadt von morgen durch Teilhabe und Einbezug aller entstehen? Für mich ist das weniger die formelle Beteiligung der Öffentlichkeit, wie sie in Paragraph drei des Baugesetzbuchs festgelegt ist. Es sind vielmehr die kleinen, alltäglichen Handlungen, das wilde Urbanisieren und die vielen subkulturellen und gemeinwohlorientierten Biotope, die überall dort entstehen können, wo Flächen der Verwertungslogik des Marktes entzogen sind. Jedoch drohen im Zuge der Stadterneuerung eben jene Strukturen zu verschwinden. Der Immobilienmarkt scheint mehr und mehr zu bestimmen, wer in unseren Städten leben kann und an ihrer Entwicklung teilhat. Umso wichtiger ist es, die kulturelle Vielfalt und Ausdrucksfähigkeit einer Stadtgesellschaft zu schützen. Denn sie trägt entscheidend zu Identität und Zusammenhalt bei. In meiner Stadt von morgen werden eben jene kreativen Andersmacher von Politik und Verwaltung aktiv unterstützt. Neue und bisweilen unkonventionelle Vergabe- und Förderlogiken sorgen für Möglichkeitsräume, die dem wirtschaftlichen Ertragsprinzip entzogen sind. Dabei wird verstärkt auf die Erprobung von Commoning-Formaten und die Entwicklung neuer Eigentumsmodelle gesetzt. So entstehen unkonventionelle Strukturen der Kooperation zwischen den verschiedenen Akteuren. Improvisation ist nicht länger Notlösung, sondern Gestaltungsmöglichkeit von städtischen Veränderungsprozessen – für mehr selbstgemachte Nischen und kreative Freiräume.

Jakob Springer, Leser

Grüne Oasen

Die Stadt von morgen muss grün sein. Durch den Klimawandel heizen sich Innenstädte immer weiter auf und üppiges Straßengrün kann nicht nur das Auge erfreuen, sondern auch ei- nen wichtigen Beitrag zum Stadtkli- ma leisten. Fassaden und Dachflächen bieten ebenfalls Platz für Pflanzen und damit auch Lebensräume für die städtische Tierwelt. Durch den Mobilitätswandel werden Verkehrsflächen frei, die begrünt werden können. Aus der vierspurigen Stadtstraße entsteht eine zweispurige Straße mit begrün- tem Fahrradboulevard in der Mitte. So könnte die Stadt von morgen aussehen.

Tobias Kollewe, Präsident Bundesverband Coworking Spaces Deutschland (BVCS)

Entwicklungsschub für Stadt und Land

Die Anzahl der Coworking Spaces ist in den vergangenen Jahren sehr stark angestiegen. Die Nachfrage nach flexiblen Angeboten wächst auf Seiten der Unternehmen gerade in wirtschaftlich unsteten Zeiten. Und auch die zunehmende Mobilitätsbereitschaft von Arbeitnehmern und der Wunsch der Generation Y nach Flexibilität, ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit und einer Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben erfordern neue Angebote seitens der Kommunen und der Arbeitgeber. Coworking Spaces können sowohl im urbanen als auch im ländlichen Raum eine Antwort auf die dringenden Fragen beider Regionen sein: Schaffung von Infrastruktur, Reaktivierung brachliegender Flächen und Verminderung der Abwanderung auf dem Land, Reduzierung von Pendlerströmen, Flächenoptimierung und Quartiersentwicklung in der Stadt. Corona hat gezeigt, dass dezentrales Arbeiten technisch und organisatorisch möglich ist. Homeoffice kann aber dauerhaft keine Alternative zu einem „Arbeitsplatz“ sein. Coworking Spaces bieten Plug-and-Play-Arbeitsplätze mit kompletter Infrastruktur. Dezentral organisierte Spaces mit mehreren Standorten sind gerade dann eine mögliche Antwort, wenn sie Angebote in der Stadt und im ländlichen Raum kombinieren. Die öffentliche Hand muss Rahmenbedingungen schaffen und Coworking-Initiativen mit Know-how, Fläche und Fördermitteln unterstützen – im Rahmen von Regionalentwicklung und Wirtschaftsförderung.

Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin

Mittelpunkt Mensch

Die Stadt von heute ist von Nutzungskonflikten und überkommenden Prioritäten geprägt. In der Stadt von morgen sind Wohnen, Arbeit, Freizeit, Kultur, Shopping, Erholung, Urban Gardening und Kreativität nicht länger künstlich getrennt. Sie werden zusammengedacht und es entsteht eine einzigartige Stadt der kurzen Wege. Für diese Vision müssen wir den Stadtraum neu verteilen, Flächen anders denken. Der Schlüssel liegt in der Mobilitätswende, denn nur der Straßenraum gibt uns die Chance zur Umverteilung und damit zur Umgestaltung. Kurze Wege und ein intelligenter, klima- und umweltfreundlicher Mix aus Individual-, Fuß-, Rad- und öffentlichen Nahverkehr ermöglichen es, unsere Städte zu Metropolen zu machen, in denen der Mensch im Mittelpunkt steht. Berlin mit seinen vielen Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen, seiner engagierten Stadtgesellschaft, den innovativen Startups und Unternehmen ist der Thinktank für diese Stadt von morgen. Auf dem Gelände des Noch-Flughafens Tegel haben wir nach der Schließung ab 2021 mit der Urban Tech Republic die einmalige Chance, diese neue Berliner Mischung beispielhaft zu entwickeln. Dort und in ganz Berlin beweisen wir, wie sich Stadt durch eine intelligente Verteilung von Flächen neu erfinden lässt. Das geschieht im Dialog mit denen, die Zukunft denken und allen, die in dieser Stadt der Freiheit und Gleichheit leben wollen. So entsteht eine wirkliche Smart City.

Rupert Voß, Leser

Lebensraum mit Herz – bezahlbar und für ALLE

Die meisten prosperierenden Großstädte haben auch ohne Corona ein schwerwiegendes Problem: fehlender Wohnraum! Man wird daher nicht umhinkommen, weiter zu verdichten und neue Wohnungen zu bauen. Nachdem jahrelang am Bedarf vorbei entwickelt wurde, wird in Zukunft hoffentlich wieder mehr in gesellschaftlich relevante und innovative Projekte investiert. Die Bedürfnisse der Menschen haben sich nämlich gewandelt: Sie wollen Lebensraum mit Herz, in dem sie ihre Kinder großziehen und mit allen Annehmlichkeiten modernen Lebens alt werden können. Wohnkonzepte und -alternativen, die eine reale und heterogene Gesellschaft abbilden, müssen daher dringend vorangetrieben werden. So sind z. B. Mehrgenerationenprojekte tolle Lösungen, um Senioren aktiv in die Gesellschaft einzubinden und Alterseinsamkeit vorzubeugen. Auf der anderen Seite profitieren z. B. Familien mit Kindern von den Erfahrungen und der Fürsorge der Älteren. Insbesondere Wohnquartiere mit zusätzlich integrierten Pflege- und Betreuungsangeboten, Kinderbetreuung, Nahversorgung und Gewerbe funktionieren als nachhaltiges Modell für genau diesen Strukturwandel. Dabei muss jede Stadt solche modernen und nachhaltigen Quartiere allen Menschen zugänglich zu machen – in Form von bezahlbarem Wohnraum. Denn sonst weitet sich die Schere zwischen Arm und Reich, die gesellschaftliche Mitte wandert ab und die Stadt von morgen wird zu einer Stadt von gestern.

Schreib' uns deine Antwort!

Welche Überschrift willst Du Deiner Antwort geben?

Was macht Unternehmen zukunftsfähig?

Wer sich in diesen Tagen durch die Umfragen der Industrie- und Handelskammern klickt, bekommt ein gutes Gefühl dafür, wie schwarz viele Unternehmen ihre Zukunft einschätzen. Doch wer einen Silberstreif am Horizont sehen will, darf den Kopf nicht in den Sand stecken. Verraten Sie uns, was Unternehmen jetzt brauchen, um den nächsten Sonnenaufgang zu erleben.

Antwort schreiben

Sandra Blühdorn, Leserin

Vom größten Lehrmeister lernen

Nachhaltigkeit, Innovation und Resilienz benötigen Unternehmen zur Zukunftsfähigkeit. Die Nachhaltigkeit unternehmerischen Handelns muss zentral sein in unserer heutigen Zeit. Hier geht es um menschenfreundliches Führen, eine Unternehmenskultur, in der sich Mitarbeiter entfalten können, ressourcenschonendes Wirtschaften, der respektvolle Umgang mit allen Beteiligten im Produktions-/Dienstleistungsprozess. Auch der Innovationsprozess muss an dieser Nachhaltigkeit ausgerichtet sein. Die Sustainable Developmental Goals der UN bieten hier eine klare Ausrichtung. Resilienz befähigt Mitarbeiter, mit Veränderungen umzugehen und Ungewissheit auszuhalten. Unternehmen müssen dabei mutig, neugierig und offen sein, eine Kultur gestalten, in der Neues ausprobiert werden darf und Scheitern zugelassen ist. Die Natur kann dafür unsere größten Lehrmeister sein: Sie ist das resilienteste System, lernend und adaptiv. Altes wird verabschiedet, Neues entsteht. Alles hat seine Funktion und steuert in jeder Lebensphase einen Beitrag zum Gesamtsystem bei. Die Kreislaufwirtschaft überträgt den Kreislauf des Lebens in wirtschaftliches Handeln. Biomimikry hilft im Innovationsprozess: Hier werden Modelle, Systeme und Elemente der Natur nachgeahmt, um neue Ideen, Produkte oder Lösungen zu entwickeln. Wir müssen lernen, den Kreislauf des Lebens auf die Unternehmen von heute zu übertragen, um zukunftsfähig zu bleiben.

Titus Dittmann, Unternehmer

Besiege die Angst

Corona hat die Wirtschaft komplett aus dem Tritt gebracht. Diese Krise wirft viele Fragen auf. Aber aus meiner Erfahrung sind betriebswirtschaftliche Fragen wie die nach einer Umstellung der Lieferketten zum Beispiel weniger interessant. Mich beschäftigt die pädagogisch-soziologische Ebene. Sie steht über allem, solange man mit Menschen arbeitet und Menschen als Kunden hat. Hier kommt ein entscheidender Faktor zum Tragen: Angst. Die Angst vor Unbekanntem wie dem neuen Coronavirus, die Angst vor Einschnitten, Veränderungen, davor, wie es überhaupt weitergeht. Angst ist normal, aber sie kann ein Arschloch sein und die größte Bremse im Leben. Angst in den Köpfen und Herzen lähmt. In meinem Leben habe ich Ängste immer wieder besiegen müssen, insbesondere als mein Unternehmen in der schwersten Krise war, und ich mit dem Rücken zur Wand stand. Erst als ich mich von meiner Angst befreit hatte, konnte ich wieder handeln, um die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zu sichern. Setzt euch mit euren Ängsten bekennend auseinander, lasst sie hinter euch. Das öffnet einen gesunden Weitblick auf alles: auf eine klare oder neue Vision, auf nötige Veränderungen. Das schafft die Voraussetzung, um Herzen wieder brennen zu lassen und gerade in oder nach einer Krise Vollgas zu geben. Der Skateboarder steht nach dem Sturz auf, klopft sich den Dreck aus den Klamotten und versucht den Trick immer und immer wieder. Ohne Angst. Bis er funktioniert.

Werner Schönenkorb, Leser

Auf dem Weg zum Homo Digitalis

Ich habe lange in der Zukunftsbranche Informationstechnik gearbeitet und bin für maßvollen digitalen Wandel und New-Work-Konzepte. Die Unternehmen sollten dabei mit Offenheit und Augenmaß agieren und eigene Wege gehen – mit Mut zum Anderssein. Insbesondere scheint mir dabei wichtig, eine achtsamkeitsbasierte Kultur zu etablieren, in der Führen als Kunst der Intervention in sich selbst regelnde soziale Systeme verstanden wird. Im klassischen Führungsverständnis gibt es oft keinen Platz für Zweifel und Zweifler. Vor allem wenn Komplexität abgebaut werden soll, entstehen Management-Pathologien und Selbsttäuschungen. Das fünfgliedrige Kompetenzmodell sollte daher die Basis bilden, um Führungskräfte fit für die Zukunft zu machen. Die Kunden sollten begeistert werden durch möglichst begeisterte Mitarbeiter, die auf Basis maßgeschneiderter New-Work-Konzepte arbeiten. Dadurch wird die Fluktuation eingedämmt und das Betriebsklima deutlich optimiert. Ein ganzheitliches Energie- und Stimmungsmanagement setzt dabei neue Kräfte frei und ersetzt klassische Zeitmanagement-Systeme. Dadurch werden Selbstorganisationsfähigkeit der Mitarbeiter, Empowerment und Kollaborationsfähigkeit ermöglicht. Last but not least sollte der digitale Arbeitsplatz, ergänzt um geschäftsprozessorientierte KI, zum Einsatz kommen. All diese Maßnahmen können den Mitarbeitern den Weg zum Homo Digitalis ebnen und Unternehmen eine Zukunftsperspektive geben.

Sybille Kircher, Sprachwissenschaftlerin und Entwicklerin von Markennamen

Mehr als tausend Worte

Ein starker Markenname bleibt auch in Zukunft eine fundamentale Säule für den Unternehmenserfolg. Er macht das Unternehmen, seine Produkte und Services für dessen Zielgruppen attraktiv und unverwechselbar. Marken und Menschen ticken sehr ähnlich: Haltung ist gefragt. Wofür steht man? Wie unterscheidet man sich? Auch Offenheit für Neues sowie Lern- und Veränderungsbereitschaft sind Schlüsselfaktoren. Und eine der wichtigsten Fragen überhaupt: Zu wem möchte man tragfähige Beziehungen aufbauen, von denen alle Beteiligten profitieren? Wie gelingt das? Überzeugende Antworten hierauf sind die Voraussetzung für eine erfolgreiche Markenführung und ein starker Markenname ebnet den Weg dorthin. Deshalb darf ein Name niemals banal sein, indem er Produkteigenschaften oder Banalitäten auslobt. Nicht das rationale „Was“ entscheidend, sondern das emotionale „Wie“. Wir sehnen uns nach dem Menschlichen in der Marke. Sei es, weil sie uns stolz macht, weil sie uns Sicherheit oder Orientierung gibt oder weil sie uns träumen lässt. Neben diesen zeitlosen Namensanforderungen kommen künftig neue, große Herausforderungen auf Unternehmen zu. Denn Markennamen gehen schon heute ganz selbstverständlich auf Weltreise. Durch die Digitalisierung sind alle Marken zu Global Playern geworden. Wir brauchen also Markennamen, die sicher durch viele verschiedene Kulturen navigieren, ohne dabei stromlinienförmig zu sein.

Lena Sommerfeld, Leserin

Mut zur Veränderung und der Glaube an die gute Tat. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Natürlich hängt das auch immer vom Arbeitsumfeld ab.

Mario Ohoven, Präsident Bundesverband mittelständische Wirtschaft – Unternehmerverband Deutschlands

Deutschland braucht eine Reformagenda

Die Corona-Krise stellt den deutschen Mittelstand vor gewaltige Herausforderungen. Ganze Branchen, wie die Gastronomie, das Tourismusgewerbe oder der Messebau, sehen einer ungewissen Zukunft entgegen – mit fatalen Folgen für Millionen mittelständische Unternehmer und Selbstständige. Man muss kein Prophet sein, um eine massive Insolvenzwelle im zweiten Halbjahr zu prognostizieren. Das Konjunkturpaket der Bundesregierung lindert die Folgen der Corona-Krise, setzt allerdings zu stark auf den privaten Konsum als Konjunkturmotor. Umso mehr sind die Liquiditätshilfen für kleine und mittlere Unternehmen zu begrüßen. Dies gilt ebenso für die steuerlichen Erleichterungen für Investitionen, wie die Wiedereinführung der degressiven Abschreibung und die Ausweitung des steuerlichen Verlustrücktrags. Doch das kann nur der Anfang sein. Unsere Klein- und Mittelbetriebe müssen rasch und nachhaltig entlastet werden, damit sie auch in Zukunft international wettbewerbsfähig sind. Dafür braucht es eine politische Reformagenda: weniger Steuern und Abgaben, mehr Flexibilität, zum Beispiel bei der Arbeitszeit. Die Bewältigung der aktuellen Krise muss mit innovativer Strukturpolitik einhergehen. Im Zentrum einer Post-Corona-Agenda steht eine Wirtschaftspolitik, die die Digitalisierung unseres Landes fördert, ohne dabei globale Ziele wie die Klimaneutralität aus den Augen zu verlieren. Das kann nur mit einem starken Mittelstand gelingen.

Peter Zec, Kommunikations- und Designberater

Design heißt Zukunft

Wie werden wir in Zukunft leben? Im Design geht es um genau diese Frage. Gut gestaltete Produkte haben eine permanente Verbesserung der von uns geschaffenen Umwelt zum Ziel, wodurch unsere Existenz zukunftsfähig bleibt. Zu keinem Zeitpunkt in den letzten Jahrzehnten war dies so bedeutsam wie in Anbetracht der Corona-Pandemie, die unsere Vorstellungen vom Miteinander, aber auch den Stellenwert der Medizin verändert. Aktuell müssen Chancen genutzt und akute Probleme zielgerichtet gelöst werden. Dies gelingt Unternehmen mit einem starken Designanspruch besonders gut: Sie können schnell auf sich wandelnde gesellschaftliche Anforderungen reagieren und innovative Produkte hervorbringen, die bahnbrechende Umwälzungen begleiten oder sogar anstoßen. Damit investieren sie zum einen in das Erreichen einer besonderen Qualität der Güter. Zum anderen tragen sie auf lange Sicht zu einer Wertsteigerung ihrer Marke bei – wie das Beispiel Apple zeigt, das auf diesem Weg im Jahr 2017 zum wertvollsten US-Unternehmen aufstieg. Ob im Bereich Kommunikations- und Computertechnik, Medizintechnik oder Konsumgüter – es braucht Firmen, die die gute Gestaltung ihrer Produkte nicht als Schmuckwerkzeug und bloßen Kostenfaktor ansehen, sondern als integralen Bestandteil der Unternehmensstrategie verstehen. Design ist und bleibt ein Wachstums- und Werttreiber, der Unternehmen erfolgreich und zukunftsfähig macht.

Sören Korau, Leser

Es klingt natürlich einfacher als es ist, aber Corona hat gezeigt, dass vie- le Unternehmen von Monat zu Mo- nat leben und alles mit der heißen Nadel stricken. Rücklagen zu bilden, sichert das Überleben in Krisenzei- ten. Wir müssen lernen, nachhaltig zu wirtschaften.

Katharina Kühn, Leserin

Verantwortung annehmen

Viele Branchen sind absatz- und erfolgsgetrieben, ohne wirkliche Rücksichtnahme auf Produktions- und Arbeitsbedingungen. Es gilt, dem permanenten Druck von Shareholdern, der Konkurrenz und ständig neuen Anforderungen standzuhalten. Dagegen stehen die weltweiten Bewegungen wie #fridaysforfuture und #blacklivesmatter. Sie sind Spiegelbilder eines immer breiter werdenden gesellschaftlichen Umdenkens und fordern eine grundlegende Verhaltensänderung, insbesondere von Politik und Wirtschaft. Um zukunftsfähig zu bleiben, müssen Unternehmen mit diesem gesellschaftlichen Wandel Schritt halten. Gerade jetzt, wo die Auswirkungen der Corona-Krise wie ein zusätzlicher Beschleuniger wirken. Unternehmen sollten mit ihrem Angebot echten Nutzen stiften und für ihre Interessenten gut zugänglich sein. Ein ehrlicher, direkter Austausch mit den Kunden, auch bei schwierigen Themen, schafft Transparenz und Vertrauen. Dazu sind Unternehmen gefordert, proaktiv Verantwortung zu übernehmen und Position zu beziehen – für menschliches Wohl, Fairness und den Erhalt der natürlichen Ressourcen. Wer sich jetzt auf den Weg macht, mit Engagement, Innovation, Ehrlichkeit, Menschlichkeit und Demut, gewinnt Zukunftsfähigkeit aus einer resilienten Position heraus.

Wolfgang Grupp, Textil-Unternehmer

Handeln verpflichtet

Um zukunftsfähig zu sein, geht es nicht nur darum, Trends schnell zu erkennen. Es geht vor allem darum, Trends auch schnell umzusetzen. Am Anfang der Corona-Krise fragte mich eine Klinik, ob ich auch Masken herstellen könnte. Hätte ich damals gesagt, dass ich nochmal eine Nacht drüber schlafen müsse, wäre ich vielleicht schon am nächsten Morgen den Auftrag los gewesen. Ich habe stattdessen direkt zugesagt und mir ein Muster schicken lassen. Zwei Wochen später mussten wir unsere Testgeschäfte, die die Hälfte des Umsatzes ausmachen, Corona-bedingt schließen. Der Masken-Auftrag hat uns in dieser heiklen Situation enorm geholfen. Mehr noch: Wir haben sogar dank der hohen Nachfrage samstags produziert. Diese Geschichte zeigt, dass Unternehmen nur erfolgreich seien können, wenn ihre Inhaber bereit sind, auf eine zügige Umsetzung von Ideen zu setzen und dafür auch die volle Verantwortung zu tragen. Wenn es nicht um mein eigenes Geld geht, ärgert es ich mich nicht so sehr, wenn ich es verliere. Wenn ich aber bei jeder Entscheidung weiß, dass ich für diese auch voll hafte, dann handele ich überlegter. Auch der Staat sollte sich überlegen, ob er diejenigen, die selbst für ihr Unternehmen in Haftung stehen, steuerlich entlastet. Dann würde es sicherlich auch seltener zu Insolvenzen kommen. Und vielleicht hätte es dann auch kein Sterben der großen Kauf- und Versandhäuser gegeben.

Georg Gerwing, Leser

Klein, aber oho

Zukunftsfähig ist leider erst mal ein kaum definierbarer Begriff. Welche Zukunft wünschen wir uns, welche scheint möglich, welche droht? Zahlreiche Firmen, von denen man irgendwann mal wusste, dass sie „nur Mist gemacht haben“, überleben lange Zeiträume. Waren sie mal zukunftsfähig? Vielleicht ja, vielleicht weil sie skrupellos genug waren, berechnend, rücksichtslos, bedenkenlos. Tönnies war mal sehr zukunftsfähig, bis gerade eben. Ich wünsche mir eine sehr andere Zukunft, in der die Zukunftsfähigkeit von Firmen anderen Vorstellungen und Wünschen folgt. Mein Zauberwort in dieser Beziehung heißt Verbindung, oder auch Verbundenheit. Das bedeutet Augenhöhe bei allen Menschen, die dort arbeiten. Das bedeutet viel Wissen über Lieferketten, über Materialien und ein daraus folgendes Dringen auf Nachhaltigkeit. Beides kann nur bedeuten: Firmen müssen klein bleiben wollen. Weltweit muss dieser Schub zu Wachstum, mehr Größe und der daraus resultierenden vermeintlichen Macht umgekehrt werden. Das ist eine echte Aufgabe.

Jonas Behrend, Leser

Der Druck steigt

Ich wünsche mir von der deutschen Wirtschaft mehr Mut für erst verrückte und im Nachhinein absolut sinnvolle Ideen. Mehr Geschäftssinn im Bereich Green Economy und mehr Hartnäckigkeit, wenn es im ersten Moment nicht gleich klappt, die Kunden zu überzeugen. Oft zählt ein langer Atem, um Erfolg zu haben. Wir haben gerade die einmalige Möglichkeit, nicht weiterzumachen wie bisher, sondern uns neu zu erfinden. Made in Germany steht immer noch für Qualität. Aber wie lange noch? Der Kostendruck auch von Kundenseite verschiebt die Produktion ins günstigere Ausland, um unsere Konsumgüter unter oft widrigsten Arbeitsbedingungen herzustellen und sie dann wieder um die halbe Welt zu schicken. Macht das Sinn? Wollen wir das? Am Ende sind es die Kunden, die entscheiden, ob es ein Unternehmen in zehn Jahren noch geben wird. Aktuell sehe ich hier für viele Unternehmen eher rot als grün.

Sibylle Stippler, Teamleiterin Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung, Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Jede Ära endet mal

Die aktuelle Krise offenbart, wie flexibel wir Veränderungen meistern. Sie lässt uns innehalten und Bekanntes neu bewerten. Es wäre wünschenswert, wenn diese Stärken bewusst bei der Planung von Unternehmensnachfolgen genutzt würden. Die Übergabe des Staffelstabs an die nächste Generation ist eine Zäsur in der Geschäftstätigkeit und in der Zusammenarbeit. Sie birgt Unsicherheiten für die beiden direkt Beteiligten, für Kunden, Lieferanten sowie für die Beschäftigten. Und sie ist weit mehr als ein formaler Akt. Der Altinhaber erkennt rational die Notwendigkeit einer Nachfolgesuche und bereitet den Übergabeprozess geschäftsmäßig vor. Dennoch kostet es ihn Überwindung, sich von seinem Lebenswerk zu lösen und einem anderen das Ruder zu überlassen. Der oder die Neue wird eigene Vorstellungen einbringen und die bisherige Praxis infrage stellen. Das erzeugt Reibung und Spannung, die im besten Fall als Impuls für Veränderung genutzt wird. Die Corona-Pandemie zeigt, wie Betriebe ihr Personal gut durch unsichere Zeiten navigieren: indem sie auf Vertrauen setzen und angemessen kommunizieren. Wenn die Unternehmensleitung Beschäftigte einbezieht, wo es machbar ist, dann ziehen sie mit, bei geplanten wie bei unerwarteten Veränderungen. Dies gilt auch für Unternehmensnachfolgen, denn neben den komplexen finanziellen und rechtlichen Aspekten geht es um eines: die Menschen mitzunehmen und so den Laden am Laufen zu halten.

Klaus-Dieter Kern, Leser

Unverzichtbar sein

Unternehmen, die anbieten, was der Mensch zum Leben braucht, haben immer eine Zukunft. Beispiele hierfür sind Wohnungsunternehmen oder Anbieter von Nahrungsmitteln, die auch die aktuelle Krise kaum vor Probleme stellt. Schwerer haben es da schon Unternehmen, auf deren Angebote man notfalls auch verzichten kann. Eine gute Strategie ist da, Angebote so zu gestalten, dass sie den Kunden als nahezu unverzichtbar erscheinen.

Hannah Sennser, Leserin

Gesetze des Marktes

Wenn das Kerngeschäft abnimmt, muss darauf reagiert werden. Ändert sich der Markt, dann muss sich auch das Angebot dahingehend anpassen. Neue Produkte und Dienstleistungen müssen geschaffen werden, um sich weiteren Märkten zu öffnen und nicht nur auf einem Bein zu stehen. Ähnlich macht man es doch auch bei „sicheren“ Aktiengeschäften. Es ist das Logischste der Welt: Das Gesetz des Stärkeren greift auch in der Wirtschaft. Wer sich nicht anpasst, wird aussortiert – und genau das führt dann in Zeiten wie diesen dazu, dass wir noch eine ordentliche Insolvenzwelle erleben werden. Es ist traurig, dass so viele Unternehmen sich an den Staat wenden müssen, um zu überleben, und nicht für sich selbst sorgen können. Am Ende überleben die, der wirtschaftlich stark und flexibel sind.

Lisa Franko, Leserin

Alle für ein Ziel

In Zeiten wie diesen ist es unglaublich wichtig, als Unternehmer den Blick nach vorn zu richten und sein Unternehmen nicht aufzugeben. Dies geht am besten, wenn alle mit ins Boot geholt werden. Das bedeutet offene und ehrliche Worte mit den Mitarbeitern, um nicht allein durch die schwere Zeit zu müssen. Den Mitarbeitern gibt es das Gefühl, wichtig zu sein und als Mensch gesehen zu werden. Weder Unternehmer noch Angestellte sind nur eine Zahl im System, hinter jedem Namen steckt eine Geschichte. Und hinter jedem Unternehmen steckt eine Vision – die immer in der Zukunft liegt. Also haltet an dieser fest, sie bringt euch in die Zukunft.

Marc S. Tenbieg, Geschäftsführender Vorstand Deutscher Mittelstands-Bund (DMB)

Im digitalen Turbogang

Corona ist eine Epochenzäsur: Gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen werden uns über viele Jahre hinweg begleiten. Die aktuelle Herausforderung für den Mittelstand ist eine doppelte: Es gilt für Unternehmen erstens, den wirtschaftlichen „Turnaround“ inmitten eines permanenten Krisenmodus zu meistern. Trotz Konjunktur-Milliarden aus Berlin ist das kein Selbstläufer. Zweitens und zeitgleich gilt es, sich heute mehr denn je krisen- und zukunftsfest aufzustellen. Für jeden Mittelständler ist das ein erheblicher Kraftakt. Der monatelange Lockdown kann jedoch auch als Chance für eine längst überfällige Digitalisierung begriffen werden: Im Mittelstand, wo Kontakte zu Kunden und Geschäftspartnern traditionell persönlich und oft noch analog waren und digitale Produkte und Services nicht selbstverständlich, ist quasi über Nacht die absolute Notwendigkeit digitaler Kommunikation und Prozessorganisation getreten. Klar im Vorteil waren dabei jene Unternehmen, die seit Jahren einen entschlossenen Digitalisierungskurs fahren. Doch auch bislang eher digitalisierungsskeptische Unternehmer erkennen die Zeichen der Zeit. Ein digitales Mindset ist die Grundvoraussetzung einer digitalen Transformation des Mittelstands. Durch die Digitalisierungs- und Infrastruktur-Milliarden aus dem „Zukunftspaket“ der Bundesregierung eröffnet sich ein gutes Zeitfenster, um dem eigenen Unternehmen einen längst überfälligen Digitalisierungsschub zu verpassen.

Schreib' uns deine Antwort!

Welche Überschrift willst Du Deiner Antwort geben?