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Welche Innovationen verändern unser Leben?

Unterhalten wir uns bald mit Hologrammen statt über Zoom? Wird die Genschere zu Kindern aus dem Katalog führen? Löst die Kernfusion alle unsere Energieprobleme auf einen Schlag? Und was könnten all diese Veränderungen mit unserem Leben machen? Fragen über Fragen: Schreiben Sie uns, welche Innovation Sie sich für Ihr Leben wünschen.

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Karl-Heinz Land, Strategieberater, Autor und Investor

Transformation mal drei

Technologischer Fortschritt und die Digitalisierung sind die Hebel zu mehr Nachhaltigkeit. Drei Treiber spielen hier eine wesentliche Rolle: die Plattformökonomie, die Serviceökonomie und die Dematerialisierung. Die Plattformökonomie beschreibt den Wegfall des Mittelsmannes zwischen Unternehmen und ihren Kunden. Eine Plattform nutzt Netzwerkeffekte und wird mit jedem zusätzlichen Nutzer wertvoller. Die Serviceökonomie basiert auf der Aufschlüsselung von vorhandenen Daten in einzelne Elemente oder bestimmte Merkmale. Sie bildet die Grundlage für die Sharing Economy und verschiedene digitale Service-Modelle. Die Dematerialisierung wiederum beschreibt die Umwandlung analoger Produkte in digitale Formate. Physische Dinge werden zur Software, die zusammen mit Services physische Produkte ersetzen. Diesen Dreiklang gilt es zu verstehen und zu nutzen, um in Zukunft weiterhin an der Wertschöpfung beteiligt sein zu können. Denn er macht vor keiner Branche Halt. In Zeiten von Corona merken wir mehr denn je, dass wir nicht drum herumkommen, die Digitalisierung weiter voranzutreiben. Wer nun glaubt, dass man Produkte wie ein Auto nicht dematerialisieren kann, da sich der Fahrer immer physisch in das Fahrzeug setzen wird, hat sich getäuscht. Durch das Zusammenspiel von Plattformökonomie, Serviceökonomie und Dematerialisierung ist es möglich, Ressourcen zu schonen und besser zu verteilen – und so implizit für mehr Nachhaltigkeit zu sorgen.

Auma Obama, Stifterin

Starke Stimmen für eine starke Zukunft

Für mich ist die wichtigste Innovation, Kindern und Jugendlichen eine Stimme zu geben. Freiheit und Selbstbestimmung kann man nur erlangen, wenn man die Opfermentalität aus den Köpfen junger Menschen sowie deren Familien herausbekommt. Das schafft man, indem man ihnen zuhört, mit ihnen über Identität und Selbstbewusstsein redet und sie provoziert, Stellung zu nehmen. So haben sie eine Chance zu lernen, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Viele wissen oft nicht, dass sie eine Stimme haben und das Recht auf eine eigene Meinung. Es geht hierbei auch darum, den Charakter zu entwickeln. So merken sie, dass sie, wenn sie selbst mitwirken, viel mehr erreichen können. Nur dann sind sie motiviert und arbeiten hart. Sie brauchen aber die Möglichkeiten dazu und unsere Unterstützung. Sauti Kuu heißt auf Kiswahili „Starke Stimmen“. Wir versuchen, jungen Leuten Mut zu machen, damit sie sich selbstbewusst in eigener Verantwortung etwas aufbauen. Zugleich sollten sie lernen, dass ihr Land eine äußerst wertvolle Ressource ist. Ein Schatz, der, wenn man ihn gut pflegt, langfristig auch wirtschaftliche Sicherheit bietet. Es gilt, die Verantwortung zu übernehmen, für das, was mit dem eigenen Leben passiert. Unsere Vision ist es, Menschen dabei zu unterstützen, ihr eigenes Potenzial zu leben, sich dadurch selbst zu verwirklichen und für sich selbst, ihre Familien und Gemeinschaften selbstbestimmt zu sorgen.

Maximilian Böhr, Leser

Das Internet hatte wohl den größten Einfluss auf unser Leben – leider nicht nur in positiver Hinsicht.

Anne M. Schüller, Keynote-Speaker, Autorin und Business-Coach

Wer probiert, gewinnt

Überall auf der Welt definieren Visionäre gerade das Mögliche neu. Vor allem die technologischen Innovateure sind wie auf Speed. Quasi jedes Jahr kann es fortan einen Gutenberg-Moment geben – den sprunghaften Markteintritt einer disruptiven Idee, die die Menschheit neu handeln lässt und damit die ganze Welt ein Stück weit verändert. Wer da nicht mitagiert, wird weginnoviert. Große Neuerungen können aber nur dort gelingen, wo es die passenden organisationalen Strukturen und Mindsets gibt. Kein Unternehmen wird Innovationssprünge erzielen, wenn es seine Mitarbeiter dafür belohnt, ihre Arbeit „at target, on budget, in time“ abzuliefern, also Punktlandungen auf vorgegebene Ziele zu machen. Im Neuland gibt es keine Erfolgsgarantien. Märkte, die noch nicht existieren, können nicht analysiert, höchstens hoffnungsvoll vorgedacht werden. Ein Alptraum für den klassischen Manager. Der will keine Abenteuer, sondern exakte Zahlen und einen fixen Plan, sozusagen eine Vollkaskoversicherung für neue Ideen. Das zwingt alle im Unternehmen zu Kleinmut und Konformismus. Wer Innovationen erschaffen will, die die Menschen tatsächlich in ihr Leben lassen, braucht eine Ausprobier- und Experimentierkultur, die das Neu- und Andersdenkendürfen für alle Beschäftigten zu einer tagtäglichen Selbstverständlichkeit macht. Die Zukunft der Unternehmen liegt in den Händen unkonventioneller Ideengeber, die mit jungem, wildem, kühnem Tun Umbrüche wagen.

Moritz Mottschall, Senior Researcher Ressourcen und Mobilität, Öko-Institut – Institut für angewandte Ökologie

Leiser Wandel

E-Autos haben heute schon viele Vorteile gegenüber konventionellen Fahrzeugen. Erstens sinken die Treibhausgas-Emissionen beim Fahren, auch wenn der deutsche Strommix genutzt wird. Ein Mittelklasse-E-Pkw verursacht mit durchschnittlich etwa 60 Gramm Treibhausgasen pro Kilometer nur ein Drittel der Emissionen eines vergleichbaren Dieselfahrzeugs. Denn man profitiert vom stetigen Zubau an erneuerbarem Strom in Deutschland. Allerdings ist die Herstellung der Elektrofahrzeuge energieaufwendig: Ein Mittelklasse-E-Fahrzeug startet das Fahrzeugleben im Schnitt mit rund sechs Tonnen höheren Emissionen als ein Verbrenner. Trotzdem hat das batteriebetriebene Auto bei 180.000 Kilometern im Vergleich zum Verbrenner etwa die Hälfte der Gesamtemissionen eingespart. Dies gilt für reine Elektrofahrzeuge. Bei Plug-in-Hybriden hängt der Umweltnutzen stark davon ab, wie viel tatsächlich elektrisch gefahren wird. Zweitens ist die Batteriekapazität heutiger Fahrzeuge deutlich gestiegen, sodass die elektrische Reichweite für die meisten Menschen im Alltag ausreicht. Für Urlaubsfahrten oder längere Dienstreisen kann eine Ausweichoption notwendig sein. Drittens können Elektroautos heute bereits deutlich günstiger sein als vergleichbare Verbrenner. Die Gesamtkosten aus Anschaffung, der Nutzungszeit und dem Wertverlust können aufgrund der aktuellen Kaufprämie bei einem Diesel um ein Drittel und bei einem Benziner um ein Viertel über denen eines E-Pkw liegen.

Gerd Eisenbeiß, Leser

Auf dünnem Eis

Wissenschaft und Forschung werden auch weiterhin so viele Innovationen in unser Leben bringen, dass es unmöglich ist, sie hier zu benennen. Insbesondere Physik, Informationstechnik und Biologie bilden den Mutterboden, aus dem zahlreiche Innovationen wachsen werden. Vieles wird unser Leben erleichtern und hoffentlich die Erde vor weiteren Zerstörungen bewahren. Aber: Vieles wird auch unsere Lebensrisiken auf andere Weise steigern und Ursache großer Katastrophen sein können. So machen wir uns in Wirtschaft und Gesellschaft in einer Weise vom Funktionieren einer digitalen Infrastruktur und der erforderlichen Stromversorgung abhängig, dass zufällige oder feindlich veranlasste Störungen oder gar Ausfälle ganze Zivilisationen zusammenbrechen lassen können. Nicht nur die derzeitige Pandemie mit ihren sektiererischen Reaktionen zeigt, wie dünn das Eis ist, das wir Zivilisation nennen und auf dem wir uns so sicher fühlen.

Anja Förster, Autorin und Unternehmerin

Kreative Störungen

Innovation und Fortschritt können sich nur dann entwickeln, wenn die herrschenden Verhältnisse zugunsten neuer Ideen gestört werden. Das bedeutet aber nicht, dass die Störung willkommen ist. Diejenigen, die am Status quo rütteln, sind die natürliche Bedrohung aller Komfortzonenbewohner und Vorrechteverteidiger. Wird jemand so richtig deutlich in seiner Absicht, die alten Denkroutinen zu hinterfragen, zeigen die meisten Organisationen Abstoßungsreaktionen. Damit sind wir beim entscheidenden Knackpunkt angekommen: Um nicht im Tiefschlafmodus des Erfolgs zu verharren, braucht es kreative Störungen des Normalbetriebs und Dauerskepsis am Weiter-so. Menschen, die diese Veränderung in ihren Organisationen vorantreiben, bezeichne ich als „Rebels at Work“. Gleichzeitig sorgen die Beharrungs-, Selbstselektions- und Konformitätskräfte dafür, dass die Geburtshelfer des Neuen marginalisiert werden, damit möglichst alles so bleibt wie es ist. Also greift man in den Organisationen, die um die Bedeutung der Veränderer wissen, zu einem Kunstgriff: Veränderer werden in Sonderprojekte, Inkubatoren oder unternehmenseigene Thinktanks gesteckt, wo sie vor den Konformitätskräften geschützt sind – und leider auch weit entfernt sind von der „normalen“ Organisation. Das kann man so machen, aber oberstes Ziel einer innovativen Organisation muss es sein, erst gar keine Schutzräume zu benötigen. Veränderung muss die neue Normalität werden.

David Matusiewicz, Professor für Gesund- heitsmanagement, FOM Hochschule für Oekonomie und Management

Zeiten ändern sich

Das Gesundheitswesen befindet sich zwischen etabliertem Stillstand und disruptiven Sprüngen, zwischen Innovationsfeindlichkeit und medizinischer Meisterleistung, zwischen Mensch und Maschine. Als die Corona-Krise Anfang des Jahres auch Deutschland erreichte, ging es in einem Land der Dichter und Denker, in dem alles eigentlich gerne in aller Ruhe über Monate oder Jahre ausdiskutiert wird und alle erst einmal befragt werden müssen, dann doch ganz schnell. Innovationen im Gesundheitswesen wie Telemedizin oder digitale Patientenpfade haben einen Schub bekommen. Und so emanzipierte sich auch der Mensch und nimmt das Projekt „Gesundheit“ in den kommenden Jahren immer mehr selbst in die Hand. Der Mensch fordert den Einsatz von exponentiellen Technologien wie Künstliche Intelligenz, Robotik, Virtual Reality/Augmented Reality oder Blockchain zunehmend ein. Wieso sollte das im Gesundheitswesen auch anders sein als in anderen Branchen? Das Gesundheitswesen als eher digital rückständiger Sektor hat das größte Potenzial von allen Branchen, was die Digitalisierung und die Innovationsfähigkeit betrifft. Das erleben wir diese Tage und die Kritiker sind verstummt. Vergleichen wir den heutigen Innovationsgrad und das vorhandene Potenzial der nächsten Jahre mit einer Bergwanderung, so sind wir erst am Fuße des Aufstiegs angekommen – denn gerade die Kombination der Technologien wird in den nächsten Jahren interessant.

Karl Lauterbach, Bundestagsabgeordneter und Gesundheitsökonom

Mehr Segen als Gefahr

Aus meiner Sicht wird bisher noch unterschätzt, welche Innovationen in der Medizin von der Künstlichen Intelligenz ausgehen werden. Die KI durchdringt alle Bereiche der Medizin gleichzeitig. Die Digitalisierung erlaubt eine immer präzisere Abbildung von anatomischen Strukturen bis hin zu molekularmedizinischen Prozessen. Bildgebung und Funktionsdiagnostik verschmelzen. Gleichzeitig kann KI die Präzision der Bilder dramatisch verbessern und die Aufnahmezeiten verkürzen. In der Diagnostik können KI-Systeme in Teilen eine Sensitivität und Spezifität für Differenzialdiagnosen ermöglichen, die von gut trainierten Ärzten nicht erreicht werden können. Durch die Vernetzung werden die entsprechenden Befunde überall im Gesundheitssystem zugänglich. Damit verbessert sich nicht nur die Kooperation der Disziplinen. Es wird auch immer leichter, qualifizierte Zweitmeinungen und Befundvergleiche einzuholen. Gleichzeitig werden diese Systeme für Training und Fortbildung von Ärzten eine unschätzbare Ressource sein. In der Medizin sind daher die meisten zum jetzigen Zeitpunkt absehbaren Einsatzgebiete der KI eher ein Segen als eine Gefahr. Schon die Analyse von großen Datenmengen zur Testung wissenschaftlicher Hypothesen für die Krankheitsentstehung ist ohne KI-Verfahren oft nicht möglich. Dabei wird KI nicht in Konkurrenz zum ärztlichen Personal stehen, sondern ein wichtiges Instrument zur Ergänzung und Verbesserung einer guten Medizin werden.

Jürgen Flemming, Pressereferent Bundesverband der Krankhaus-IT-Leiterinnen/Leiter (KH-IT)

Der Weg ist noch weit

Digitalisierung ist als Schlagwort gerade in Zeiten der Corona-Pandemie in aller Munde. Durch diese besonderen Umstände konnte die Videosprechstunde plötzlich ohne Probleme durchstarten. Auch die Online-Terminvereinbarung und phasenweise die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung per Telefon wurden plötzlich möglich. Pragmatismus und Offenheit gegenüber technischen Neuerungen wurden zum Vorteil der Patienten normal. Aber was ist darüber hinaus passiert? Im Krankenhaus hat sich da bislang nur wenig bewegt. Einerseits fehlen die finanziellen Mittel, andererseits aber auch qualifiziertes Personal. Bei der finanziellen Ausstattung bewegt sich in naher Zukunft einiges, die Aufholjagd beim Personal wird noch dauern. Was bringt das den Patienten? Hoffentlich medizinisches und pflegerisches Personal, das dank besserer Technik weniger Zeit mit händischer Dokumentation verschwendet und sich daher besser um die Patienten kümmern kann. Und Patienten, die ihre Daten selber verwalten und datenschutzkonform anderen Leistungserbringern in anderen Sektoren zur Verfügung stellen können. Auch Angehörige von Patienten sollten dann bessere und zeitnahe Informationen über deren Status im Verlauf der Behandlung erhalten. All das sind Zukunftsvisionen, aber sie sind keineswegs neu. Die Kompromissbereitschaft durch Corona und die Bereitschaft der wichtigen Akteure, auch durch finanzielle Förderung die Digitalisierung voranzubringen, lassen neue Hoffnung aufkeimen.

Günter Kohlbecker, Leser

Altes weicht Neuem

Ob Veränderungen durch Innovation für den Einzelnen ein Vor- oder Nachteil sind, sollte jeder für sich selbst entscheiden. Wobei sich diese individuelle Bewertung im Laufe der Zeit ändern kann. Zu bedenken ist, dass fast alle Entwicklungen nicht aufzuhalten sind. Zwei Beispiele: Es gibt momentan einen sanften Übergang vom analogen Brief hin zur virtuellen Nachricht. Den Brief wird nur der Empfänger lesen. Wer dagegen die Mail außer dem Empfänger liest, wird der Absender nicht erfahren. Zudem haben sich fast kryptische Abkürzungen eingebürgert. Die derzeitige Endstufe sind Smileys. Die Kunst des Schreibens mit seinen individuellen Ausdrucksformen durch verschieden weiche Bleistiftminen oder dem Füllfederhalter gerät in Vergessenheit. Bei den Mails versucht man dieses Manko durch Farben, andere Schrifttypen oder Fettdruck unzureichend auszugleichen. Oder nehmen wir die Innovationen beim Auto. Die absolut notwendigen Informationen beschränkten sich früher auf wenige Punkte wie Geschwindigkeit oder Tankinhalt. Heute besteht bei den vielen meist elektronisch übermittelten Informationen die Gefahr, dass der Fahrer unnötig abgelenkt wird oder sich in einer falschen Sicherheit wiegt, weil er der Elektronik völlig vertraut. Bei vielen Innovationen ist zudem eines zu berücksichtigen: Es werden private Daten erzeugt, von Dritten gespeichert und weiterverwendet.

Martin Aufmuth, Gründer und Erster Vorstand Ein Dollar Brille e. V.

Sehen heißt Leben

Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 2019 bräuchten rund 950 Millionen Menschen eine Brille, können sich aber keine leisten oder haben keinen Zugang zu augenoptischer Versorgung. Neben Problemen bei der Alltagsbewältigung bleibt den Betroffenen oft auch der Zugang zu Bildung und Arbeit versperrt – Armut ist damit vorprogrammiert. Um das zu ändern habe ich vor acht Jahren die Organisation Ein Dollar Brille gegründet. Ihr Ziel ist der Aufbau einer augenoptischen Grundversorgung und die Versorgung mit qualitativ hochwertigen, günstigen und vor Ort produzierten Brillen in Entwicklungs- und Schwellenländern. Dafür bilden wir lokale Fachkräfte in Optik, Brillenproduktion und Management aus. Die betroffenen Menschen erreichen wir unter anderem über eigene Shops und Augenkampagnen. Bis heute haben wir bereits über 260.000 Menschen in neun Ländern mit Brillen versorgt. Außerdem hat unsere Organisation in den Projekten rund 220 Arbeitsplätze geschaffen, darunter auch für Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Am meisten bewegen mich die Momente, wenn Menschen ihre neue Brille aufsetzen und vor Freude strahlen, wenn sie zum ersten Mal in ihrem Leben richtig sehen können. Sobald die Corona-Krise es uns erlaubt, planen wir neue Projekte auch in Kolumbien und der Elfenbeinküste. Mit einer Spende, aber auch durch aktive Mitarbeit oder eine Partnerschaft können Sie unsere Arbeit unterstützen: www.eindollarbrille.de

Sabine Körcher, Leserin

Ungleich innovativ

In der heutigen Zeit bekommen wir doch kaum noch echte Innovationen zu sehen. Technische Neuerungen werden als Innovationen vermarktet und Jahr für Jahr kommt ein neues Smartphone oder ein neues Auto raus. Nach Definition mag das auch innovativ sein, aber jeden Tag mit neuem Schnickschnack zugekleistert zu werden, ist meiner Meinung nach alles andere als reformierend. Ich hätte gerne wieder jemanden, der sich traut, neue Wege zu gehen. Aber was wäre das Resultat? Innovationen fordern oftmals Opfer, schaut man sich etwa die Medizin an. Aber diese übersehen wir ja sehr gerne, damit wir ein paar Jahre länger leben können oder hunderte Euros in eigentlich sinnlose Technik stecken. Innovation ohne Profit wünsche ich mir, einfach mal der Welt etwas schenken, ohne etwas im Gegenzug zu verlangen. Wer traut sich mal so einen Schritt zu gehen?

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Wie erkennt man seltene Krankheiten?

Husten, Schnupfen, Abgeschlagenheit: Das könnte nur eine Erkältung sein, oder Corona. Schon die Diagnose häufiger Krankheiten ist oft kompliziert genug, bei seltenen Krankheiten wird sie zur Suche nach der Nadel im Heuhaufen – denn es gibt Tausende davon. Schreiben Sie uns über eigene Erfahrungen und alles andere, was bei der Diagnose helfen könnte.

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Christine Mundlos, stellvertretende Geschäftsführerin und Leiterin Wissensnetzwerk und Beratung, Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen (ACHSE)

An die Seltenen denken

Für die meisten Seltenen Erkrankungen gibt es bis heute keine wirksame Therapie. Wenige Betroffene bedeuten wenig Forschung, wenig Erkenntnisgewinn, wenig Aufmerksamkeit und Unterstützung für die besonderen Anforderungen beim Umgang mit diesen Krankheiten. Oft vergehen Jahre mit unzähligen Arztbesuchen, bis die Beschwerden überhaupt einer Erkrankung zugeordnet werden können. Der Leidensdruck der Betroffenen und deren Angehörigen ist enorm. Hier fängt das Netz der ACHSE auf. Wir unterstützen, informieren, nennen Ansprechpartner, wo wir können – auch wenn die „erste Hilfe“ in unserer krankheitsübergreifenden Beratung oft erst einmal nur ein offenes Ohr und Zeit ist. Ratsuchende Ärzte und andere Therapeuten können sich bei Fragen im Umgang mit Seltenen Erkrankungen an mich wenden. Ein Arzt kann nicht alle 8.000 Seltenen Erkrankungen kennen. Er kann sie aber in Betracht ziehen und nach Expertise oder Rat suchen. Es ist grundsätzlich wichtig, Seltene Erkrankungen im Hinterkopf zu haben. Nicht alle unbekannten Erkrankungen sind selten, nicht alle Symptome lassen auf eine Seltene Erkrankung schließen – auch psychosomatische Leiden können dahinterstecken, sie tun es aber eben oft auch nicht. Deshalb ist es prinzipiell gut, den Patienten nicht als „unklar“ abzuhaken, sondern zu schauen, wo er Hilfe findet. Viele Betroffene sind erleichtert, wenn sie endlich eine Diagnose erhalten. Sie ist der erste wichtige Schritt zur Krankheitsbewältigung.

Gabriele Kessler, Vorstandsvorsitzende Rett Deutschland – Elternhilfe für Kinder mit Rett-Syndrom

In den Fokus gerückt

Jennifer wurde im Februar 1990 scheinbar gesund geboren. Doch im Dezember 1999 erhielten wir die Diagnose Rett-Syndrom. Dazwischen: ein Ärztemarathon. Mit etwa 1,5 Jahren veränderte sich unsere Tochter, entwickelte sich nicht wie erwartet. Wir erlebten die üblichen Beschwichtigungen: hysterische Mutter, Spätzünder, ist einfach etwas ruhiger. Aber je mehr Zeit verstrich, desto mehr zeigten sich Defizite gegenüber Gleichaltrigen. Erst bei dem Göttinger Neurologen Folker Hanefeld fühlten wir uns in guten Händen. Das Wort Rett fiel erstmals, aber so richtig „passte“ es nicht. Erst nach vier weiteren Kontrollen in Göttingen konnte Rett mittels Gentest nachgewiesen werden. Nicht nur, dass Rett eine seltene Erkrankung ist, meine Tochter ist zudem noch atypisch, was die Diagnose zusätzlich erschwerte. In der Rett Elternhilfe fanden wir schnell eine Heimat und Antworten auf die vielen unbeantworteten Fragen. Mit viel Aufklärungsarbeit hat es unser Verein Rett Deutschland geschafft, diese seltene Erkrankung in den Fokus der Ärzte zu bringen. Heute erhalten viele Eltern bereits im Alter von 1,5 bis zwei Jahren eine Diagnose. Leider kennen immer noch nicht alle Kinderärzte das Krankheitsbild. So auch bei der kleinen Anna aus meinem Nachbarort. Im Alter von 15 Monaten wiesen die Eltern den Arzt darauf hin, dass „etwas nicht stimmt“. Erst nach einem Arztwechsel wurde 16 Monate später ein Gentest veranlasst, der den Eltern Gewissheit gab.

Klaus Reinhardt, Vorstandsvorsitzender Hartmannbund – Verband der Ärzte Deutschlands

Zugang zu Expertise

Gerade bei der Diagnose von seltenen Krankheitsbildern gibt es vergleichbar wenig Expertise. Das führt dazu, dass zwischen Beschwerdebeginn und Diagnose oft eine lange Zeit liegt – in erster Linie natürlich für die Patientinnen und Patienten, aber auch für die Kolleginnen und Kollegen ist das eine belastende Situation. Bei Unmöglichkeit einer Diagnosestellung sollten die behandelnden Ärzte deshalb eher auch an die Möglichkeit einer seltenen Erkrankung denken. Immerhin werden allein im ambulanten Versorgungsbereich jährlich rund eine halbe Million Menschen mit seltenen Erkrankungen behandelt. Dabei erweist es sich als Manko, dass Hausärzten oft der strukturelle Zugang zu Spezialambulanzen – in der Regel an Universitätskliniken – fehlt. Hier sollten von den Kassenärztlichen Vereinigungen Netzwerke etabliert oder bestehende gepflegt und ausgebaut werden. Denn wie so oft liegt auch hier der Schlüssel zum Erfolg in der pragmatischen Kooperation unterschiedlichster Spezialisten. Künstliche Intelligenz allein wird das Problem nicht lösen. Dass die notwendige Zeit für derartig komplexe Diagnoseverfahren in der Arztpraxis leider in der Regel Mangelware ist, macht die Sache nicht einfacher, darf uns aber nicht daran hindern, die notwendige Netzwerkarbeit in Angriff zu nehmen.

Sabine Krüger, Leserin

Früh übt sich

Seltene Krankheiten sollten schon früh im Medizinstudium behandelt werden, damit angehende Ärzte ein Gefühl dafür bekommen, wie viele Krankheiten es gibt und dass man bei Diagnosen in alle Richtungen denken soll.

Nadja Ehmke, Leiterin Klinische Exomanalyse, Institut für Medizinische Genetik und Humangenetik, Charité Berlin

Was Daten erzählen

Neue Sequenziertechnologien in der Humangenetik machen es möglich, dass bei Patienten mit dem Verdacht auf eine seltene, genetisch bedingte Erkrankung immer häufiger der gesamte DNA-Bereich ausgelesen wird. Dabei fallen Gigabytes von Daten an, die verarbeitet und gesichtet werden müssen. Die DNA von zwei nicht verwandten Menschen unterscheidet sich an zirka 30.000 Positionen. Es ist daher enorm wichtig, krankmachende von nicht krankmachenden Genvarianten zu unterscheiden. Dazu arbeiten Bioinformatiker und Ärzte eng zusammen, um eine schnelle und sichere Diagnose stellen zu können. Zurückgreifen können sie dabei auf unsere innovative Software VarFish, mit der sich Patientendatensätze jenseits der konventionellen klinischen Diagnostik effizient auswerten lassen. Das im Internet frei verfügbare Programm integriert eine große Zahl an offenen Datenbanken und Werkzeugen zur Datenauswertung und ermöglicht seinen Benutzern die Konzentration auf das Wesentliche: die medizinische Fragestellung. Bislang wird bei etwa 50 bis 60 Prozent der Patienten mit Verdacht auf eine genetisch bedingte Erkrankung keine Ursache im Rahmen der Routinediagnostik gefunden. Mithilfe von VarFish können die Patientendaten nun im Rahmen klinischer Studien noch einmal analysiert werden, um neue Krankheitsursachen zu identifizieren. Dieser translationale Ansatz wird langfristig die Diagnoserate bei seltenen Erkrankungen im klinischen Alltag verbessern.

Yvonne Bovermann, Mitglied des Präsidiums, Deutscher Hebammenverband (DHV)

Auch ein Fall für die Hebamme

Hebammen können ein Teil des Netzwerks sein, welches Eltern und ihre Kinder auffängt und begleitet, wenn sie sich der Diagnose einer seltenen Erkrankung stellen müssen. Bereits vor der entscheidenden Diagnose sind Hebammen oft Vertrauenspersonen geworden – denn jede Frau, die ein Kind auf die Welt bringt, hat Anspruch auf Hebammenbetreuung. Hebammen sind dicht bei der Familie und verbringen relativ viel Zeit mit dem Neugeborenen. Dabei fällt manchmal der Hebamme auf, dass ein Kind sich nicht so entwickelt, wie es sollte. Manche überwinden die Neugeborenengelbsucht nicht, nehmen nicht an Gewicht zu, reagieren anders als erwartet. Die wesentliche Aufgabe der Hebammen ist es dann, Kontrollen bei Ärztinnen und Ärzten zu veranlassen und den Weg bis zur Diagnose zu unterstützen. Oft sind Hebammen noch in den Familien, wenn auffällige Befunde die Familien erreichen. Natürlich beginnt nun die Betreuungen durch spezialisierte Ärztinnen und Ärzte. Wird bei Neugeborenen eine Erkrankung erkannt, arbeiten Hebammen ergänzend zu den Fachärztinnen und -ärzten. Sie beraten die Mutter zum Beispiel bezüglich des Stillens und der sonstigen Ernährung des Kindes. Kann die Mutter nicht mehr Stillen, wird sie durch die Hebamme beim Abstillen und bei der Flaschenernährung beraten. Hebammen sind Expertinnen, die im häuslichen Umfeld umfassend Beratung und Unterstützung sichern können.

Jens König, Oberarzt Pädiatrische Nephrologie, Uniklinikum Münster und Koordinator Forschungsverbund NEOCYST

Zusammen verstehen

Erbliche zystische Nierenerkrankungen sind sehr selten, gleichzeitig jedoch eine der häufigsten Ursachen eines chronischen Nierenversagens im Kindesalter. Die Krankheiten verlaufen sehr unterschiedlich, zudem können die Symptome denen anderer Erkrankungen ähneln. Einige Kinder werden schwer krank geboren und schon im Mutterleib können Nieren-Zysten erkennbar sein, andere werden fast unbemerkt und plötzlich im Schulkindalter dialysepflichtig. Zystische Nierenerkrankungen richtig zu diagnostizieren, ist jedes Mal aufs Neue eine große Herausforderung für die behandelnden Ärzte. Um sie besser verstehen zu können, haben sich Kliniker, Genetiker und Wissenschaftler im Netzwerk NEOCYST zusammengeschlossen. Wir wollen herausfinden, wie Zysten entstehen und was wir dagegen tun können, um Kinder vor einer Dialyse und einer notwendigen Nierentransplantation zu bewahren. Die unterschiedlichen Arbeitsgruppen im Forschungsverbund bringen unterschiedliches Spezialwissen ein. Unsere Zusammenarbeit ist dabei der Schlüssel. Nur durch die enge Verzahnung der einzelnen NEOCYST-Arbeitsgruppen wird es möglich, klinische und genetische Patientendaten mit neuen molekularen Erkenntnissen zu verbinden sowie diese an Bioproben betroffener Patienten zu überprüfen und hieraus Therapiestrategien zu entwickeln. Das gewonnene Erkrankungsverständnis hilft Behandlern, Prognosen über Krankheitsverläufe zu stellen und so Ängste betroffener Familien zu lindern.

Nicole Hegmann, Patientenvertreterin für Mastozytose im Gemeinsamen Bundesausschuss

Spiel mit dem Zufall

Bei seltenen Krankheiten dauert es in der Regel längere Zeit, bis die Symptome richtig gedeutet und in einen Zusammenhang gebracht werden. So kann es oftmals jahrelang dauern, bis solche Patienten eine Diagnose erhalten. Erschwerend kommt hinzu, dass nur sehr wenige spezialisierte Fachärzte über die jeweiligen Krankheiten Bescheid wissen. Die Betroffenen müssen neben den enormen körperlichen und psychischen Belastungen zusätzlich in den meisten Fällen die Erfahrung machen, als Simulanten oder Psychosomatiker abgestempelt zu werden. Immer noch allzu häufig kommen sie nur rein zufällig irgendwann im Verlauf ihres jahrelangen Leidensweges auf die Spur ihrer seltenen Erkrankung. In Deutschland gibt es einige wenige Zentren für seltene Erkrankungen. Dies bedeutet für die Patienten extrem lange Wartezeiten auf einen Termin und beschwerlich lange Reisewege. Haben die Betroffenen endlich eine Diagnose erhalten, stellt sich die Frage der angemessenen Therapien. Bei seltenen Erkrankungen gibt es kaum Standardtherapien, welche für alle Patienten gleichermaßen angewendet werden können. In den meisten Fällen müssen die Therapien auf individuelle Verträglichkeit und Ansprechen der Patienten abgestimmt und die Wirksamkeit erprobt werden. Wir stellen in unserem Mastozytose Selbsthilfe-Netzwerk immer wieder fest, wie beschwerlich das Leben mit einer seltenen Krankheit trotz Betreuung durch sehr gute Fachärzte sein kann. www.mastozytose-info.de

Ann-Christin Ermisch, Mutter einer Tochter mit Turner-Syndrom und Bloggerin (xmalanderssein.de)

Ich wollte wissen

Augenscheinlich ist meine Tochter mit ihren acht Jahren und 116 Zentimetern klein. Bereits bei der Schuleingangsuntersuchung, später im Gespräch mit der Klassenlehrerin und nun bei der neuen Kinderärztin wurde diese Tatsache angesprochen. Man riet mir zur diagnostischen Abklärung. Würde ich den Grund nicht bereits kennen, wäre ich verunsichert und diverse Untersuchungen hätten angestanden. Kurz nach meinem positiven Schwangerschaftstest wurden fetale Auffälligkeiten erkannt, eine vermehrte Flüssigkeitsansammlung im Nackenbereich. Trisomie 21 lautete die Verdachtsdiagnose. Der frühe Fehlbildungsausschluss brachte kein Ergebnis. Das vage Gefühl und die Anzeichen, dass etwas nicht so war, wie es sein sollte, blieb. In der 21. Woche wurde ein erneuter Befund gestellt. Nach der genetischen Beratung entschied ich mich für eine Chorionzottenbiopsie. Ich wollte wissen. In der 24. Woche wurde mir anhand einer Broschüre die Diagnose meines ungeborenen Kindes erklärt. Wenig ermutigende und auf Statistiken beruhende Wahrscheinlichkeiten bekam ich präsentiert. Monosomie X. Ullrich-Turner-Syndrom. Davon hatte ich noch nie gehört. Selten sei das. Ich entschied mich für das wachsende Leben und hoffte, dass das kleine Herz weiter schlagen würde. Für uns war dies genau die richtige Entscheidung. Es gibt Offensichtliches, was nicht übersehen werden kann, dessen Ursprung nicht offensichtlich sein muss – den Wert des Lebens jedoch nicht schmälert.

Daniel Kotlarz, Molekulargenetiker, Dr. von Haunerschen Kinderspital, Ludwig-Maximilians-Universität München

Ein steiniger Weg

Kinder mit seltenen Erkrankungen können sehr unterschiedliche und komplexe Krankheitsverläufe zeigen. Das Erkennen einer seltenen Erkrankung stellt die Ärzte vor eine große Herausforderung. Für die Diagnosestellung gibt es keine Patentrezepte. Insbesondere sollte aber an seltene Erkrankungen gedacht werden, wenn die Patienten bereits eine leidvolle Odyssee von Arztbesuchen erlebt haben und konventionelle Behandlungen erfolglos geblieben sind. Dementsprechend stellt die Erfragung der Krankengeschichte eine entscheidende Grundlage in der Diagnosefindung dar. Um der genauen Krankheitsursache weiter auf die Spur zu kommen, ist häufig eine multidisziplinäre Zusammenarbeit unabdingbar. Zudem ist oftmals eine standortübergreifende Expertise nötig, um eine innovative Spezialdiagnostik zu ermöglichen. Da seltene Erkrankungen meist auf eine genetische Ursache zurückzuführen sind, kann die endgültige Krankheitsursache etwa durch Anwendung einer innovativen molekulargenetischen Diagnostik aufgeklärt werden. Um zermürbende seltene Krankheiten früher zu erkennen und damit die Behandlung für Patienten nachhaltig zu verbessern, ist es notwendig, das Bewusstsein für seltene Krankheiten zu stärken. Am Dr. von Haunerschen Kinderspital sorgt beispielsweise die Care-for-Rare Foundation dafür, dass die Öffentlichkeit für das Thema Seltene Krankheiten sensibilisiert wird und dass Ärzte klinisch wie wissenschaftlich in diesem Bereich besser ausgebildet werden.

Frank Kaiser, Direktor Instituts für Humangenetik und Leiter Essener Zentrum für Seltene Erkrankungen (EZSE), Universitätsklinikum Essen

Blick in die Gene

Die korrekte klinische Diagnose einer seltenen Erkrankung ist oftmals schwierig, weil sie häufig wenig bekannt sind und sich auch nur teilweise durch äußerlich auffällige Charakteristika manifestieren. Rund 80 Prozent der seltenen Erkrankungen haben eine genetische Ursache. Daher sind neue molekulargenetischen Diagnostikverfahren und deren Einbindung in die medizinische Routineversorgung von immenser Bedeutung. Ohne die Anwendung dieser Techniken werden noch immer häufig mehrere Fehldiagnosen gestellt und Patienten berichten von langjährigen „Leidenswegen“ bis zur richtigen Diagnose. Natürlich ist es trotz umfassender genetischer Diagnostik nicht immer möglich, die krankheitsursächliche Mutation zu finden. Dies kann darin begründet sein, dass man nur einen Teil des Genoms anschaut und die klinische Relevanz einzelner genetischer Varianten nicht eindeutig zuordnen kann. Eine Kombination moderner genetischer Analyseverfahren mit molekularbiologischer Expertise zur physiologischen Analyse einzelner Varianten, eine detaillierte klinische Charakterisierung der Patienten und die Anwendung moderner computergesteuerter Analysen, auch auf Basis Künstlicher Intelligenz, werden zukünftig die Grundlage einer frühzeitigen Diagnose von seltenen Erkrankungen bilden. Die richtige Diagnose ist der erste wichtige Schritt, um analysieren zu können, ob eine geeignete Therapie verfügbar ist und wie den Patienten bestmöglich geholfen werden kann.

Luisa Böhme, Leserin

Lange verunsichert

Ich kenne die Situation, dass man jahrelang eine Diagnose für eine Krankheit sucht, aus meiner eigenen Familie. Neben den Auswirkungen der Krankheit ist die Ungewissheit das Schlimmste. Man ist total verunsichert und hat keine Perspektive für die Zukunft. Die Verunsicherung kann den ganzen Alltag dominieren und belastet das Familienleben extrem. Wenn man dann in langen, schlaflosen Nächten im Internet sucht, verstärken sich die Sorgen und Ängste nur noch. Seriöse Angebote gibt es fast gar nicht und insbesondere Foren, die vor Halbwahrheiten und unqualifizierten Beiträgen nur so strotzen, sorgen für weitere Unruhe. Zum Glück gibt es aber Organisationen und engagierte Ärzte, die einem weiterhelfen oder wissen, wo man Rat und Hilfe finden kann.

Victor Kaufmann, Leser

Furchtbares Gefühl

Ich kenne als Vater das furchtbare Gefühl, wenn die Kinder krank sind und man nicht weiß, was es ist. Bisher ist alles gut gegangen und mehr als die üblichen Kinderkrankheiten ist nicht dabei gewesen. Ich wünsche allen Eltern Kraft und Mut und gute Ärzte, wenn es etwas Ernstes ist.

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Wohin kann die Reise gehen?

Miami, Mallorca oder Melbourne stehen momentan für viele nicht zur Debatte: Corona hat die Welt gefühlt wieder zu einem kleineren Ort gemacht – und viele Menschen haben dabei gemerkt, dass das Reiseglück nicht in der Ferne liegen muss. Verraten Sie uns Ihre neuen (oder alten)
Traumdestinationen, die nicht weit um die Ecke liegen.

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Christoph Carnier, Präsident Verband Deutsches Reisemanagement (VDR)

Einfach unverzichtbar

Geschäftsreisen und der persönliche Kontakt werden wichtiger Bestandteil der Geschäftstätigkeit von Unternehmen bleiben. Sie dienen einem unternehmerischen Zweck und sind eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Bei vielen Mitarbeitern wächst zudem der Wunsch, Geschäftspartner auch wieder persönlich zu treffen. Fast alle Unternehmen erlauben zumindest in begründeten Ausnahmefällen wieder nationale und internationale Dienstreisen. Wir nehmen momentan wahr, dass der Trend nach oben zeigt. Wir gehen zwar davon aus, dass die Corona-Pandemie Anzahl und Struktur der Geschäftsreisen verändern wird. Die überwiegende Mehrheit der Geschäftsreise-Experten unserer Mitgliedsunternehmen rechnet allerdings mit Rückgängen von zehn bis maximal 30 Prozent. Auch im Hinblick auf Nachhaltigkeits- und Klimaschutzaspekte des Reisens sollte man dies differenziert betrachten. Die persönliche Verständigung wird wichtig bleiben und ist nicht dauerhaft durch virtuelle Kommunikation zu ersetzen. Für eine der größten Volkswirtschaften und eine starke Exportnation bleiben Geschäftsreisen ein notwendiges Erfolgsinstrument. Regionale Wertschöpfung etwa in Gastronomie, Einzelhandel und Dienstleistungssektor entsteht nicht durch Videokonferenzen. Es ist wichtig, dass die notwendigen Geschäftsreisen in Zukunft – unter Beachtung der Sicherheits- und Hygienebestimmungen – so sicher, aber auch so effektiv wie möglich durchgeführt werden können.

Monika Menzel, Leserin

Ruhe finden

Wohin die Reise gehen kann? Bei mir jedenfalls nicht groß weg vom Haus. Seit März plagt mich eine atypische Herzmuskelentzündung, die nicht weggehen möchte. Zunächst wurde also der Städtetrip zu Ostern abgesagt, dann der Sommerurlaub in Großbritannien. Stattdessen: Verlängerte und verstärkte Aufenthalte auf der Gartenliege unterm Baum. Tagelang. Wochenlang. Monatelang. Ich schaute den Blättern beim Wachsen zu und beobachtete die Vögel bei ihren letzten Nestverschönerungen. Die kennen mich nun schon ganz gut, haben mich in die Kategorie „harmlos“ eingestuft und hüpfen ganz nah an der Gartenliege herum. Ich trank Tee, lernte ein neues Strickmuster, hörte Podcasts und tagträumte mich hin und wieder in andere Welten. Ich tat alles, was ich in dieser Intensität vorher nie gemacht hatte – und das ganz ohne schlechtes Gewissen. Nichtstun war mir ja sozusagen ärztlich verordnet worden. Mit der Tatenlosigkeit stellte sich eine innere Ruhe ein, die ich so vorher nicht kannte. Ich fand das Gegenstück zu Effizienz und Produktivität. Es eröffnete sich ein Raum für einen anderen Modus. In diesem Sommer ging die Reise zu mir selbst.

Ina Wachs, Leserin

Ich hoffe, wie wir alle, auf ein baldiges Ende der aktuellen Lage. Die Reise kann somit eigentlich nur in die „Normalität“ gehen. Weg von der Angst und wieder hin zur Hoffnung.

Thomas Bareiß, Beauftragter der Bundesregierung für Tourismus

Mit Verantwortung durch die Pandemie

Die Antwort erscheint denkbar einfach: Ans Ziel. Jedoch haben sich die Ziele in jüngster Zeit verändert. Sie werden kürzer und sie werden weniger. Deutschland ist gerade ein großes und schönes Ziel. Deutschland wird in diesem Sommer neu entdeckt. Vor allem von den Deutschen selbst und unseren Nachbarn. Das ist gut, denn es gibt hier viel zu sehen, zu erleben, zu entdecken. Nur eines kann uns Deutschland nicht geben: die Antwort auf das Fernweh. Kürzlich war die Entdeckung der Welt eine Selbstverständlichkeit und seit neuestem ist nur noch der Traum von weiter Ferne ganz nah. Zu Hause verspüren wir immer stärker den Wunsch nach Reisen in Freiheit. Gleichzeitig kämpfen die Unternehmen der Tourismuswirtschaft ums Überleben. Und dennoch müssen wir auch die Ausbreitung des Coronavirus verhindern, weshalb jedem derzeit Reisenden sein tägliches AHA-Erlebnis garantiert ist: mit Abstand, Hygiene und Alltagsmasken. Das ist neu, aber auch Teil eines notwendigen Dreiklangs von Verantwortung, Vertrauen und Verständnis. Er sollte im Gepäck sein, wohin auch immer die Reise gehen soll. Wir müssen auch darauf vertrauen, dass unsere Mitmenschen so umsichtig und rücksichtsvoll agieren wie wir selbst. Und wir müssen Verständnis dafür aufbringen, dass einige Dinge anders sind. Wenn wir diesen Dreiklang verinnerlicht haben, dann stellen wir die Frage neu. Die Antwort kann dann lauten: Überall hin und zwar hoffentlich bald.

Norbert Kunz, Geschäftsführer Deutscher Tourismusverband (DTV)

Deutschland entdeckt sich wieder

Jeder verbindet mit Ferien etwas anderes, aber die meisten eint das Ziel, etwas anderes zu erleben, Abstand zwischen sich und die tägliche Routine zu bringen. Auch der räumliche Abstand spielte dabei bislang oft eine Rolle. Viele Menschen haben während Corona für sich entdeckt, dass große räumliche Distanz zum Alltag jedoch gar nicht das ist, was sie brauchen. Sie reisen in diesem Sommer in die Nähe, in deutsche Urlaubsregionen, selbst als Auslandsreisen wieder möglich sind. Dahinter stehen ein gestiegenes Sicherheitsbedürfnis, das Bedürfnis nach Abstand und Flexibilität, der Wunsch, im Notfall schnell wieder nach Hause zu können. Das Reiseziel Deutschland wird dabei wiederentdeckt. Viele haben die heimische Umgebung bereits im Lockdown erkundet und das in den Sommerferien fortgesetzt. Inlandsreisetipps sind gefragt, Ferienwohnungen ausgebucht, Camping ein neuer Trend und Wandern, Rad- oder Kanufahren die neuen, besonders beliebten Aktivitäten. Nicht unwesentlich ist aber auch ein neues Nachhaltigkeitsbewusstsein: Muss ich wirklich fliegen für den Badeurlaub oder sind die Möglichkeiten hier nicht genauso attraktiv? Deutschland ist in seinen touristischen Angeboten sehr vielfältig; es gibt eine Menge zu entdecken: wunderschöne Landschaften, tolle Gastgeber, individuelle Angebote, alles ist da. Dahin kann die Reise gehen.

Dennis Michel, Leser

Ein Jahr genügt

Deutschland hat sehr schöne Seiten und ich muss gestehen, dass ich unser Land zum Teil jetzt erst wirklich kennengelernt habe. Dennoch freue ich mich auch darauf, wieder sorglos in die Ferne zu reisen.

Steffen Reich, Leiter Naturschutz und Kartographie, Deutscher Alpenverein (DAV)

Abseits der bekannten Pfade

Die Alpen sind natürlich immer eine Reise wert. Wichtig ist dabei eine gute Planung – um im Gebirge sicher unterwegs zu sein und damit die Anreise nicht im Stau endet. Denn es zieht immer mehr Menschen in die Berge. Besonders jetzt, wo viele typische Urlaubsländer nicht als Ziel infrage kommen, leiden insbesondere die bekannten Destinationen unter den Besucherströmen: Bergdörfer versinken in Blechlawinen, die Woche für Woche durch den Ort rollen. Anwohner beschweren sich über zugeparkte Wohngebiete, Abgase und Lärm. Und auch für die Besucher und Besucherinnen ist der Ausflug kein Spaß mehr: Nach stundenlanger Anreise über verstopfte Straßen sind die Parkplätze überfüllt und der Gipfel nicht so einsam wie erwartet. Dann spricht man von „Overtourism“ – wenn Einheimische und Gäste den Tourismus als „zu viel“ und die Infrastruktur als überlastet empfinden. Sollte die Reise also doch nicht in die Alpen gehen? Doch. Overtourism betrifft nicht die Alpen, sondern nur ein paar Hotspots. Wer sich einen etwas weniger prestigeträchtigen Fleck in den Alpen sucht und im besten Fall mit Bahn und Bus anreist, kann sich auf eine Reise mit atemberaubenden Weitblicken in einer einzigartigen Natur- und Kulturlandschaft freuen. Es müssen aber nicht unbedingt immer die Alpen sein. Bergbegeisterte finden auch in den Mittelgebirgen ihr Gipfelglück.

Silvía Kloppburg-Bergfried, Leserin

Urlaub neu entdecken

Zu jedem Jahresende fängt bei uns die Planung für den Urlaub im kommenden Jahr an. Danach wird gebucht und es beginnt die Vorfreude. Dieses Jahr hatte sich unsere Vorfreude im März erledigt. Corona, Einreiseverbote, Einschränkungen im Leben vor Ort, Stornierungen. Glück im Unglück – wir hatten eine Pauschalreise gebucht und bekamen unser Geld schnell wieder. Vor wenigen Wochen saßen ich mit meinem Mann gemeinsam am Rhein und wir überlegten, wo und wie wir Urlaub machen können. Anfangs dachten wir, wir warten, bis alles wieder normal ist, und buchen dann. Aber mittlerweile haben wir festgestellt, dass Urlaub eine neue Bedeutung erlangt hat. Kurzfristig in die Länder mit grüner Ampel und am besten noch heute ist die neue Devise – denn gerade ist es günstig und vor allem menschenleer. Freunde waren in Rom und konnten fast alle Attraktionen allein besichtigen, ohne Wartezeit. Wir kommen gerade aus Venedig und fliegen als nächstes nach Wien. Wir waren bestimmt schon zehnmal in Venedig, aber noch nie habe ich diese Faszination von Stadt erlebt wie in den letzten Tagen. Kein Gedränge, kein Anstehen, kein Gefühl von Stress. Meine Empfehlung ist, den Urlaub neu zu entdecken – am besten heute noch.

Dominik Verhoeven, Leser

Die Auswahl sinkt

Am Anfang des Jahres dachten wir an eine kleine Europa-Tour. Wir hatten Städte ausgesucht und Flüge gebucht. Im April erreichte uns dann die Nachricht, dass einzelne Teile unserer Flüge storniert wurden. Wir hatten Glück, im Nachgang wurden alle Flüge storniert und wir erhielten unser Geld wieder. Nun stehen wir vor der gleichen Frage wie am Anfang des Jahres: Wohin geht unser nächster Urlaub? Urlaub ist möglich, aber Corona hinterlässt seine Spuren. Ampelsysteme, mögliche Quarantäne und Einschränkungen im Land sind die Informationen, die man aktuell benötigt, um in den Urlaub zu gelangen. Die Frage nach dem schönsten Strand ist leider nicht mehr relevant.

Bettina Tietjen, Fernsehmoderatorin und Autorin

Neue Nähe

Ich liebe Camping. Sobald sich der Frühling ankündigt, zieht es mich nach draußen, ohne festes Ziel der Sonne entgegen. Urlaub mit unserem selbstausgebauten Wohnmobil bedeutet für mich Freiheit. Ich brauche nichts langfristig zu planen, kann jeden Morgen neu entscheiden, wohin die Reise geht. Mindestens sechs Wochen im Jahr waren wir bisher in unserem Van in ganz Europa unterwegs, von Schweden bis Apulien, von Holland bis Galizien. Inspirierende Roadtrips. Nie lange Stillstand, immer wieder aufbrechen, Neues entdecken, das war unser Prinzip. Dann kam Corona. Die Angst hat das Fernweh verdrängt. Zu Hause bleiben, das Schöne auch mal nebenan suchen – dagegen habe ich mich anfangs gesträubt. Doch während der Dreharbeiten zu meiner Reise-Sendung „Tietjen campt“ habe ich festgestellt, dass ein Sonnenuntergang über dem Schweriner See genauso romantisch sein kann wie am Mittelmeer – auch wenn meine geliebte Hängematte nicht unter Pinien, sondern unter Eichen baumelt. Und trotz Masken und Abstandsgebot hat man auch beim Campen auf einmal das Gefühl, enger zusammenzurücken. Da, wo wir vielleicht früher innerlich auf Distanz gegangen wären, suchen wir jetzt die Nähe zum anderen, auch wenn dessen Klappstuhl zwei Meter entfernt steht. Vielleicht wird mir jener Septemberabend am Elbstrand, als ich fröstelnd zusammen mit fremden Menschen zur Gitarre deutsche Schlager sang, intensiver in Erinnerung bleiben als so manche laue Nacht mit Pizza auf der Piazza.

Marco Klein, Leser

Reisen für alle

Die Reise soll dahin gehen, wo es den Kindern gefällt. Dieser Satz kann bei vielen Stirnrunzeln und Bilder von kinderbestimmten Eltern hervorrufen, die sich zum Diener ihres eigenen Nachwuchses degradieren. Gemeint ist aber vielmehr, dass eine Reise erst dann richtig spannend und entspannend ist, wenn es allen Familienmitgliedern gefällt. Der aufoktroyierte Familienurlaub am immer gleichen Ferienziel ist genauso öde und stressanfällig wie ein durchorganisierter Urlaub, bei dem sich alle den Prinzen und Prinzessinnen unterzuordnen haben. Wichtig ist eine gute Balance, damit jeder seine Freiräume hat und genug Zeit für gemeinsame Aktivitäten bleibt. Ob die Reise dann zur Oma in den Garten, nach Sri Lanka an den Strand oder auf den Mount Everest geht, ist zweitrangig. Eltern sollten Reiseziele aus beider Perspektive aussuchen. Denn Eltern und Kinder sollen gleichzeitig entspannen, Abenteuer erleben und Zeit füreinander haben. Dann hat man das richtige Reiseziel gefunden.

Johannes Kromka, Leser

Entdecke die Welt

Früher führten mich meine Reisen an Orte, an denen ich nichts tat, außer mich in die Sonne zu legen. Mittlerweile sind Reisen für mich Möglichkeiten, um Erinnerungen zu schaffen und über mich selbst hinauszuwachsen. Auf die höchsten Berge möchte ich steigen und die unterschiedlichsten Kulturen kennenlernen. Früher hieß Urlaubsvorbereitung: Reise buchen, Tasche packen und fertig. Heute trainiere ich fast täglich für meine Reisen, um meine körperlichen Grenzen auszuloten und meine Willenskraft zu testen. Sie verändern mein Leben und meine Sichtweise auf mich. Vor allem aber sollte jeder von uns diesen Planeten und seine Geschöpfe erleben, mal Neues ausprobieren und sich trauen, Risiken einzugehen. Das Leben spielt sich nicht in der eigenen Komfortzone ab, sondern darüber hinaus.

Claudia Burgund, Leserin

Wer weiß das schon

Ich lasse mich überraschen, denn Krisen wie die aktuelle zeigen wunderbar, dass wir meistens sowieso nur reagieren können. Ich versuche stets positiv zu bleiben und aus jeder Situation auch etwas Positives zu ziehen. Jeder Einzelne entscheidet selbst, wo die Reise hingehen kann, und wird dennoch überrascht sein, wo er letztlich landen wird. Das gilt für den Lebensweg genauso wie für den nächsten Urlaub. Denn meistens wissen wir weder hierzulande noch in fremden Ländern, was uns hinter der nächsten Ecke erwartet. Wenn ich aber raten müsste, so würde ich sagen, dass die Reise in eine Zukunft geht, in der die Menschheit vielleicht ein ordentliches Stück zusammenwächst.

Toma Kubiliute, gehörlose Globetrotterin

Mit den Augen hören

Als ich nach meiner einjährigen Weltreise nach Deutschland zurückkehrte, bekam ich einen Kulturschock, weil mir die Lockerheit und Offenheit fehlte, die mir überall auf meiner Reise begegnet war. Und auch, weil viele Menschen hier immer noch Angst vor uns hörgeschädigten Menschen haben. Ich bekam direkt wieder Fernweh und wollte am liebsten wieder weg. Die Leute da draußen akzeptierten mich so, wie ich bin. Nach meiner Rückkehr zog ich nach München um und fahre am Wochenende oft spontan in die Natur und in die Berge. Hauptsache wenigstens ein bisschen reisen. Die Natur ist wie eine Therapie für meine Reisesucht. Leider kann Bayern kein Ersatz für Afrika sein. Ich freue mich schon sehr darauf, wieder reisen zu können. Von den Reisen, die ich in meinem Kopf geplant habe, wird Tansania sicher am schönsten. Was ungewöhnlich für mich ist: Bayern ist viel ruhiger als die Gegenden in Afrika, Asien und Südamerika, die ich sonst bereist habe. Dort fand selbst ich es recht laut, obwohl ich taub bin. Aber ich bin stark visuell orientiert und sehe alles außer Geräusche. Ich sehe jede Bewegung, jede Mimik, jedes Lächeln. Außerdem liebe ich es, die einheimischen gehörlosen Menschen zu treffen und mir von ihnen ein Stück ihrer Gebärdensprache beibringen zu lassen. Auf diese Weise an ihrer Kultur teilhaben zu können, fasziniert mich sehr. Übrigens: Die Gebärdensprache ist nicht international. Jedes Land hat seine eigene Gebärdensprache.

Ulrike Reiser, Leserin

Fairer Austausch

Die Frage kann man auch gesellschaftlich betrachten: Wohin bewegt sich die Menschheit in Zeiten von Pandemien, Populismus und Klimawandel? Wird alles schlimmer oder leiden wir auf hohem Niveau? Ich denke, dass wir im Augenblick zwar auf rauer See, aber noch nicht im Sturm in die richtige Richtung segeln. Wir haben den großen Vorteil, dass wir alles, was uns bewegt, diskutieren können, und so im fairen Austausch auch Lösungen für Probleme finden, mit denen alle leben können. Wichtig ist, dass hier nicht Interessengruppen mit falschen Karten spielen und versuchen, demokratische Prozesse zu unterlaufen.

Gundi Günther, Leserin

Natur vor der Tür

Wir wollen es mal mit noch mehr Natur versuchen. Unser nächster Urlaub wird eine Reise mit dem Wohnmobil sein. Geplant schon vor langer Zeit, als es Corona noch nicht gab, aber tatsächlich erst jetzt in die Tat umgesetzt – und daran „Schuld“ sind nicht zuletzt unsere begeisterten Womo-Freunde. Unabhängig von Zeit und Ort wollen wir schöne Weingüter in der Pfalz besuchen und auf noch schöneren Golfplätzen Golf spielen. An diesen wunderbaren Plätzen in der Natur, so das World Wide Web, sollen weintrinkende und golfende Wohnmobilfahrer herzlich willkommen sein.

Bernd Stoiber, Leser

Gärten der Welt

Nach 41 Jahren Arbeit ging mein Arbeitsleben dieses Jahr zu Ende. Ich hätte schon früher in Rente gehen können, wollte es aber nicht. Jetzt wurde ich mehr oder weniger dazu gezwungen. Vorgestellt habe ich mir das alles natürlich anders. Ich habe mir immer vorgestellt, wenn ich mich entscheide in den Ruhestand zu gehen, dann beginne ich diesen mit einer langen Reise in ferne Länder. Aus den fernen Ländern sind nun die nahen Gärten meiner Nachbarn geworden. Was ich jedoch feststellen musste, ist, dass der Ruhestand nicht so furchterregend ist, wie ich mir diesen immer weismachen wollte. Letztens habe ich gelesen: „Die Welt ist so alt.“ Und sie wird noch älter werden.

Jürgen Schmude, Präsident Deutsche Gesellschaft für Tourismuswissenschaften (DGT)

Wieder bewusster

Seit vielen, vielen Jahren fahren die meisten Deutschen normalerweise für ihre Haupturlaubsreise ins Ausland, nur ein Drittel bleibt in Deutschland. Dieses Jahr ist alles anders. In Zeiten von Corona – so haben uns die Politiker erklärt – ist es besser, Urlaub in Deutschland zu machen. Aber die beliebtesten Urlaubsdestinationen an Nord- und Ostsee, in den Mittelgebirgen und den Alpen haben gar nicht die Kapazität, dass wir alle Urlaub in Deutschland machen könnten, und sind auch ohne Corona in der Sommersaison gut gebucht. Auch die Destinationen aus der „zweiten Reihe“ sind dieses Jahr mit wenigen Ausnahmen „vollgelaufen“. Was waren die Alternativen? Balkonien – nicht jeder hat Garten oder Balkon bzw. will in der Stadt bleiben. Naherholung – Tagesgäste sind vielfach unerwünscht, weil sie viel Verkehr produzieren und wenig(er) Geld dalassen als Übernachtungsgäste. Virtuelle Reisen – die bieten zwar schöne Bilder, aber zum Reisen gehört mehr als nur das Visuelle. Reiseverzicht – da sich das Reisen zum Grundbedürfnis entwickelt hat, fällt uns das besonders schwer. Aber vielleicht nutzen wir die Corona-Krise dieses Jahr zum Nachdenken über unser vergangenes und zukünftiges Reiseverhalten: War jede Reise sinnvoll? Wozu und wie oft muss ich verreisen und wie lange? Vielleicht reisen wir ja nächstes Jahr – wenn es denn hoffentlich geht – wieder bewusster und schätzen letztendlich jede einzelne Reise wieder mehr. Gute Reise.

Toni Krahl, Leser

Das, was uns ausmacht

Ich habe von keinem Menschen in meinem näheren Umfeld gehört, dass er diesen Sommer größer verreist wäre oder das in den nächsten Monaten vorhat. Stattdessen haben sich viele beschränkt auf das, was man in normalen Jahren sonst immer noch zusätzlich macht: ab ins Auto und ein paar Tage rauf ans nächste Meer. Bei mir und den meisten Leuten aus Familie und Freundeskreis hieß das: Ostsee. Für mich als Kind der DDR ist das auch immer eine kleine Zeitreise in die Vergangenheit. Die große weite Welt war für mich damals dort zu Ende. Bis heute reise ich ab und zu an die Orte an der Ostseeküste, auf Rügen, Usedom oder dem Darß, an denen ich schon als Kind gewesen bin. Dann erlebe ich diese sentimentalen Momente, die mich mit meiner Vergangenheit verbinden, mit den glücklichen und sorglosen Tagen meiner Kindheit im Ostseesand. Vielleicht ist gerade die richtige Zeit dafür, auf eine Reise in die eigene Geschichte zu gehen. Jetzt, wo es mal nicht drum geht, noch irgendein fremdes Land mehr tausende Kilometer von zu Hause kennenzulernen. Vielleicht entdeckt man bei der Rückkehr an jene Orte etwas von sich wieder, was man schon fast vergessen hatte – und erinnert sich an das Kind, das man einst war.

Marc Rössner, Leser

Kaffee aus der Thermoskanne

Für mich ist immer auch der Weg das Ziel einer Reise. Ich liebe es, ganz früh morgens mit dem gepackten Auto, den verschlafenen Kindern und dem Kaffee aus der Thermoskanne, der eigentlich nur im Auto gut schmeckt, aufzubrechen und durch die langsam wach werdende Stadt dem weit entfernten Ziel entgegenzufahren. Beim Fliegen liebe ich besonders die Zeit nach dem Checkin, wenn man die Mitreisenden in den überteuerten Cafés oder den High-Class-Tand-Läden beobachten kann und sich zu jedem eine Geschichte im Kopf entwickelt. Die Krone des Reisens ist für mich das Segeln auf einem alten Windjammer. Schon der Geruch von Salz, Öl, Holz und einem Hauch Moder verursacht bei mir eine wohlige Gänsehaut. Wenn man dann weit auf der hohen See ist und kein Land mehr sieht, merkt man, was für eine kleine Kreatur man auf dieser großen, schönen Welt ist.

Enno Lenzen, Leser

Der kleine Urlaub

Ich habe diesen Sommer wegen Corona auf eine längere Reise verzichtet. Aber ab und zu muss man mal raus aus seiner Umgebung. Ich lebe in Berlin und da gibt es nichts Schöneres als zu einem der vielen Seen im Umland zu starten. Mein Paradies liegt nördlich von Berlin. Ein charmantes kleines Strandbad dort ist das Ziel meiner Alltagsflucht. Schon auf dem schmalen Feldweg, der zum See hin führt, beginnt meine Verwandlung. Ich verlangsame. Nachdem ich das weiße Holztor am Eingang passiert habe, lasse ich erst mal den Blick über die Szenerie schweifen. Das freundliche Lächeln der lässigen Betreiber zur Begrüßung, die idyllische Liegewiese unter den hohen Eichen und Buchen, am Ufer die Eisen-Rutsche und die alten Stege aus Weimarer Zeit, dazu diese typische Mischung aus Berliner Stadtflüchtlingen, die überall entspannt herumlümmeln – die ganze Atmosphäre holt mich ab in eine andere Welt. Ich bin angekommen. Ein kühles Bad im See erfrischt meine Gehirnzellen. Danach gibt es die obligatorischen Strandbad-Pommes und ein gutes Buch. Und wenn ich abends vorn auf dem Bootssteg sitze, den Blick gen Westen gerichtet in die langsam über den Baumwipfeln am anderen Ufer untergehende Sonne, fühlt es sich tatsächlich so an, als wäre ich weit weit weg.

Milosz Petarka, Leser

Zurück zur Familie

Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als meine Familie endlich wiederzusehen. Seit Jahren arbeite und lebe ich in Deutschland. Das Leben hier ist gut, viel besser als zu Hause, doch egal, wie gut ein Leben ist, die Familie kann es nicht ersetzen. Oft träume ich davon, alles hinter mir zu lassen und zurückzukehren. Werde ich meine Kinder noch immer unterstützen können, frage ich mich dann. Ihnen Bücher und Hefte kaufen, wenn mein Einkommen einbricht. Ich befürchte nicht. Und so bleibt mir und vielen anderen nichts weiter übrig, als ein Leben in Einsamkeit zu führen. Es kommen bessere Zeiten. Ganz bestimmt.

Petra Schulz, Leserin

Wie sehr hatten wir uns auf den Urlaub gefreut. Mit der ganzen Familie wollten wir an den Strand, Hotel mit Kinderbetreuung und dann die Stornierung sechs Tage vor Abflug. Ab jetzt heißt Urlaub für uns Camping in Deutschland. Die Angst vor Quarantäne macht uns aktuell zu sehr Angst.

Monika Menzel,

Wohin kann die Reise gehen? Bei mir jedenfalls nicht groß weg vom Haus. Seit März plagt mich eine atypische Herzmuskelentzündung, die nicht weggehen möchte. Zunächst wurde also der Städtetrip zu Ostern abgesagt, dann der Sommerurlaub in Großbritannien. Stattdessen: Verlängerte und verstärkte Aufenthalte auf der Gartenliege unterm Baum. Tagelang. Wochenlang. Monatelang. Ich schaute den Blättern beim Wachsen zu und beobachtete die Vögel bei ihren letzten Nestverschönerungen. Die kennen mich nun schon ganz gut, haben mich in die Kategorie „harmlos“ eingestuft und hüpfen nun ganz nah an der Gartenliege herum. Ich trank Tee, lernte ein neues Strickmuster, hörte Podcasts und tagträumte mich hin und wieder in andere Welten. Ich tat alles, was ich in dieser Intensität vorher nie gemacht hatte - und das ganz ohne schlechtes Gewissen: Nichtstun war mir ja sozusagen ärztlich verordnet worden! Mit der Tatenlosigkeit stellte sich eine Ruhe ein, die ich so vorher nicht kannte. Ich fand das Gegenstück zu Effizienz und Produktivität. Es eröffnete sich ein Raum für einen anderen Modus. In diesem Sommer ging die Reise zu mir selbst.

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