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Wie digital ist die Landwirtschaft?

Auf den ersten Blick scheint der Agrarsektor weniger mit Digitalisierung zu tun zu haben: Wer von morgens bis abends den Acker bestellt oder im Stall steht, bei dem geht es schließlich eher um Gummistiefel und Mistgabel als um Bits und Bytes. Dass das ein überholtes Klischee ist, zeigt allein schon der Blick ins Cockpit eines modernen Traktors. Schreiben Sie uns, wie es tatsächlich um die digitale Krume steht.

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Erna Schleich, Leserin

Schub für mehr Nachhaltigkeit

Die Digitalisierung ist aus dem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken. Was den wenigsten Menschen bewusst ist: dies gilt auch für die Landwirtschaft. Smart Farming oder Precision Farming wird bereits seit mehreren Jahren erfolgreich eingesetzt. Ob bei der Düngung, dem Pflanzenschutz und auch bei der Tierhaltung. Die Digitalisierung ist hilfreich und kann mitunter auch ein Tierleben retten: Durch den Einsatz von Drohnen können junge Wildtiere vor der Heuernte vom Feld verscheucht werden. Wenn die letzten Hürden – wie mangelnde Infrastruktur oder hohe Anschaffungskosten – gemeistert werden, kann das einer nachhaltigeren Landwirtschaft einen immensen Schub verleihen. Ob diese allerdings eine Antwort auf die großen Herausforderungen der Zeit wie Klimaveränderung und Bevölkerungswachstum ist, bleibt abzuwarten.

Joachim Rukwied, Präsident Deutscher Bauernverband (DBV)

Nicht mehr ohne

Digitalisierung ist ein Chancen- und Zukunftsthema – insbesondere auch für die Landwirtschaft. Unsere Branche kann davon in hohem Maße profitieren, weil sie mit Boden, Wasser, Luft und Tieren umgeht und hier die Entwicklungspotenziale, auch mit Blick auf den Klima- und Umweltschutz, besonders groß sind. Die Digitalisierung wird von einer immer effizienter werdenden Datenerfassung über Sensortechniken, der Datenverarbeitung über Algorithmen und verschiedene Formen der Künstlichen Intelligenz beschleunigt – einzig schwache Netzabdeckungen im ländlichen Raum bremsen diesen Fortschritt in den Betrieben noch aus. Die Digitalisierung der Landwirtschaft kann auch zu mehr Akzeptanz in der Gesellschaft beitragen. Präzisionstechniken helfen, den Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln noch weiter zu optimieren, Pflanzen individueller zu ernähren und Unkraut punktgenau zu bekämpfen. In den Ställen unterstützen Sensortechniken eine Tierwohl-fördernde Haltung. Hightech hilft zusätzlich, den Tieren eine bestmögliche Tiergesundheit und Wohlbefinden zu ermöglichen. Außerdem werden digitale Hofmanagementsysteme die Landwirte auch betriebswirtschaftlich unterstützen, um vor allem die Bürokratie leichter bewältigen zu können. Wir gehen davon aus, dass inzwischen fast jeder Landwirt in irgendeiner Weise digitale Techniken einsetzt – vorausgesetzt, sie funktionieren unter Praxisbedingungen und rechnen sich unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten.

Andreas Schweikert, Bereichsleiter Landwirt- schaft, Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom)

Durch und durch digital

Die Landwirtschaft in Deutschland ist digitaler, als viele denken. Von Apps zur Diagnose von Pflanzenkrankheiten bis hin zu Drohnen zur Kartierung der Ackerflächen: Mehr als 80 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe setzen bereits digitale Anwendungen ein. Der technologische Fortschritt ist seit jeher ein fester Bestandteil der Landwirtschaft. Noch vor 70 Jahren ernährte ein Landwirt etwa zehn Personen, heute sind es über 135. Ohne Traktoren und mechanische Erntemaschinen wäre das nicht möglich gewesen. Technologie und Natur sind dabei kein Widerspruch. Im Gegenteil. Die Digitalisierung ist ein Werkzeug, um mithilfe von Daten die Umwelt besser zu verstehen und zu schützen. Über Sensoren und Satelliten kann der Stickstoffbedarf von Pflanzen exakt bemessen und Düngemittel effizienter eingesetzt werden. Durch Künstliche Intelligenz gestützte Systeme im Stall analysieren den Gesundheitszustand der Tiere und können auftretende Krankheiten frühzeitig erkennen. Durch die Digitalisierung wird die Landwirtschaft nicht zuletzt für Verbraucherinnen und Verbraucher nachvollziehbarer. Digital erfasste Informationen über die Herkunft und Herstellung von Lebensmitteln können direkt zum Endkonsumenten weitergegeben werden und ermöglichen die transparente Rückverfolgbarkeit vom Acker bis zum Teller.

Rüdiger Voss, Leser

Mehr Transparenz

Darüber hatte ich bis vor kurzem noch nie nachgedacht. Aber ich fand es dann doch so spannend, dass ich mich letztens auf dem Wochenmarkt mit einer Bäuerin am Eier-Stand darüber unterhielt. Was bringt die Digitalisierung für sie? Sie meinte: vor allem eine Arbeitserleichterung. Aber auch schaffe es Transparenz für den Konsumenten, erklärte sie mir. Durch den Code könne man die Herkunft nachverfolgen – und dieser wird ja auch nicht händisch draufgestempelt.

Sanna Karolszyk, Leiterin Corporate Communications DACH, Corteva Agriscience

Mission Zukunft

Die Digitalisierung ist in der Landwirtschaft längst angekommen. Ob Melkroboter, Drohnen oder Sensoren, Precision, Smart oder Digital Farming – digitale Lösungen sammeln und analysieren Daten, vereinfachen Entscheidungen in Bezug auf Saatgutauswahl und Zeitmanagement und steigern die Effizienz. Die Agrarbranche steht vor großen Herausforderungen. Noch nie war es so wichtig, Effizienzsteigerung und Umweltschutz zu vereinen. Bis 2050 werden vermutlich rund drei Milliarden mehr Menschen auf der Welt sein. Das bedeutet für die Landwirtschaft, dass sie deutlich mehr Nahrungsmittel auf weniger Fläche produzieren muss. Digitale Lösungen können dabei helfen, die Effizienz des eigenen Betriebs zu steigern, die Abläufe zu verbessern und wettbewerbsfähig zu bleiben. Sie ermöglichen außerdem eine höhere Transparenz der Produktionsverfahren. Das schafft Vertrauen und kann Landwirtschaft und Verbraucher wieder näher zueinander bringen. Apropos digital: Die Landwirtschaft ist sogar schon im Gaming-Bereich angekommen und zeigt, wie viel Faszination sie auslösen kann – auch bei Menschen, die gar nichts mit ihr zu tun haben. Der „Landwirtschafts-Simulator 19“ – ein Spiel, bei dem man seinen eigenen landwirtschaftlichen Betrieb bewirtschaftet – knackte bereits zehn Tage nach Verkaufsstart die Millionen-Marke. Seit dem letzten Jahr hat das Spiel sogar seine eigene E-Sports-Liga, die wir als Hauptsponsor begleiten: die Farming Simulator League.

Sonoko D. Bellingrath-Kimura, Programmleiterin Landnutzung und Governance, Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF)

Neue Werte schaffen

Die Digitalisierung bietet bereits jetzt der landwirtschaftlichen Praxis große Chancen, standortangepasste und umweltfreundliche Bewirtschaftung durchzuführen. Die Menge der zur Verfügung stehenden Informationen steigt stetig, etwa durch Luftaufnahmen von privaten Drohnen oder Satelliten. Auch Traktoren werden immer mehr mit Sensoren und GPS-Steuersystemen ausgestattet. Eine kleinteiligere Bewirtschaftung kann immer einfacher durchgeführt werden, da sich mithilfe von Sensoren und autonomen Maschinen punktgenaue Bepflanzungs-, Unkrautregulierungs- und Düngungsmaßnahmen durchführen lassen. Diese Technologien können nicht nur dafür eingesetzt werden, die Produktivität und Ressourceneffizienz zu erhöhen, sondern auch um Erosions- und Grundwasserschutz, erhöhte Kohlenstoffspeicherung im Boden und Biodiversität zu erreichen. Diese ökologischen Leistungen können wiederum durch digitale Technologien erfasst und als „Produkt“ nachgewiesen und verkauft werden. So bietet die Digitalisierung Möglichkeiten, neue bioökonomische Werte zu schaffen, indem man nicht nur die Erträge, sondern auch die ökologischen Leistungen als Produkt auf dem Markt anbietet. Neue Landschaften könnten dadurch entstehen, die räumlich und funktional vielfältig sind. Im Projekt DAKIS – Digitales Wissens- und Informationssystem für die Landwirtschaft, das vom Bundesforschungsministerium gefördert wird, werden diese Aspekte intensiv erforscht und Zukunftsvisionen erarbeitet.

Günther Ahrens, Leser

Gläserne Anbieter

Was ist das nur für eine besondere Zeit. Vor einem Jahr hätte ich nicht gedacht, dass wir im November 2020 unsere Einkäufe im Internet bestellen und nach Hause liefern lassen. Doch ich muss sagen, dass ich sehr positiv überrascht bin und jetzt auch mal was zum Thema Digitalisierung sagen will. Bei unserem Einkauf achten wir genau auf die Herkunft und die Produktionsbedingungen, zumindest so gut es geht. Denn ehrlich gesagt würde ich mir wünschen, dass sich die landwirtschaftlichen Betriebe digital öffnen würden, damit wir uns die Bedingungen vor Ort anschauen können. Im Internet ist genug Platz dafür und technisch ist ja eine Videoübertragung auch kein Problem mehr, wie wir alle gelernt haben.

Skadi Petermann, Landwirtin und Agrar-Influencerin

Nur noch einen Klick entfernt

Soziale Medien sind beliebter denn je, fast jeder junge Mensch nutzt sie und lässt sich durch Beiträge unterschiedlichster Menschen und Branchen inspirieren. Social Media beeinflusst uns und gibt uns Einblicke in einen uns fremden Alltag. Warum sollte man dieses Potenzial nicht auch für die Landwirtschaft nutzen? Im Jahr 2016 gründete ich meinen eigenen Instagram-Kanal. Von da an gestaltete ich meinen Alltag transparent, festgehalten in Stories oder Feed-Beiträgen, und ließ viele Menschen daran teilhaben. Mittlerweile sehen mir dabei knapp 18.600 Menschen zu. So gelingt es mir, meinen Beruf greifbarer zu machen und meinen Berufsalltag aus einer ganz persönlichen Perspektive zu zeigen. Durch die Transparenz weiterer Landwirtinnen und Landwirte im Netz können wir unsere Mitmenschen aktiv an unserem Berufsalltag teilhaben lassen und ihnen so persönliche und interessante Einblicke in die moderne Landwirtschaft gewähren. Die Digitalisierung ermöglicht uns die Interaktion mit den Verbrauchern und begleitet uns im modernen Betriebsgeschehen. Ob Melkroboter, Futterautomaten, sensorische Datenerfassung oder unsere Social-Media-Präsenz: Landwirtschaft ist digitaler denn je. Die Digitalisierung erleichtert stückweise unseren Betriebsalltag. Dennoch bleiben unsere menschlichen Sinne die wichtigsten und zuverlässigsten Begleiter in diesem naturverbundenen Beruf.

Thomas Stenzel, Leser

Zeichen der Zeit

Digitalisierung der Landwirtschaft – an und für sich eine gute Idee und ab einer gewissen Betriebsgröße sicher angemessen. Aber jetzt mal ehrlich: Ich bin Kleinbauer, kein IT-Spezialist. Woher soll ich die Zeit nehmen, mir die modernste Technik anzueignen? Auch widerstrebt es mir, mich von einem System oder einem Anbieter abhängig zu machen. Aber man kann die Zeit nicht anhalten: Mein Sohn wird bald den Hof übernehmen, er wird das eine oder andere verändern, ob es mir gefällt oder nicht.

Verena Meister, Leserin

Digital als Chance

Die Landwirtschaft in vielen Entwicklungsländern steht am Scheideweg. Soll sich die oftmals familiär geprägte, bäuerliche Landwirtschaft in ihrer eigenen Struktur weiterentwickeln oder wird der Irrweg der sogenannten entwickelten Länder gegangen und eine industrielle Landwirtschaft schädigt Menschen und Natur? Digitale Technologien können helfen, effizient und umweltschonend zu arbeiten und Nischen zu besetzen. Auch bei der Vermarktung können neue Wege gegangen und bestehende Strukturen umgangen werden, die die Wertschöpfung in die falschen Taschen leitet. Hier ist ein nichtkommerzieller Wissenstransfer u^nd vor allem ein Umdenken in der Entwicklungspolitik gefragt.

Lena Luig, Referentin Landwirtschaft und Ernährung, INKOTA-Netzwerk

Echter Nutzen für alle

Digitale Instrumente in der Landwirtschaft sind in Ländern des globalen Südens bisher bis auf Großbetriebe in Brasilien und Argentinien wenig verbreitet. Einfache Tools wie Wetter-Apps oder Apps zur Erkennung von Pflanzenkrankheiten können Kleinbäuerinnen und -bauern unterstützen, Ernteausfälle zu verringern und so im besten Fall ihre Einkommen zu steigern. Es braucht jedoch unbedingt Tools, die ohne ständige Internetverbindung auskommen. Bislang ist nur etwa die Hälfte der Menschen weltweit online. Zwischen dem globalen Norden und Süden, zwischen urbanen und ländlichen Räumen und auch zwischen Männern und Frauen besteht eine große Kluft. Zudem ist die Gefahr, dass datenschutzrechtliche Fragen in Ländern ohne adäquate Datenschutzgesetzgebung unter den Tisch fallen und Bäuerinnen und Bauern zum Spielball von Agrar- und Digitalkonzernen werden, die häufig primär ihre Produkte verkaufen möchten. Hinsichtlich der Datenspeicherung ist es zentral, Speicherkapazitäten in den Ländern aufzubauen, in denen die Daten erhoben werden. Es sollte darum gehen, digitale Instrumente mit und für die Bäuerinnen und Bauern zu entwickeln, die deren Bedürfnissen entsprechen und tatsächlich zu einer ökologisch nachhaltigen und selbstbestimmten Landwirtschaft beitragen. Wir sollten vorsichtig sein, die Digitalisierung im Agrarbereich um ihrer selbst willen voranzutreiben, sondern vor allem danach gehen, was wem wirklich nutzt, um Hunger und Armut zu überwinden.

Katrin Hofmann, Leserin

(Fast) wie die Großen

Digital anbauen und züchten, das geht auch im kleinen Maßstab. Meine Eltern zum Beispiel bauen leidenschaftlich gern Tomaten an. Dafür zimmern sie sich jede Session ein kleines Gewächshäuschen an einer anderen Stelle im Garten zusammen. Neuester Helfer ist ein automatisches Bewässerungssystem, dass die Pflanzen in bestimmten Bewässerungszyklen selbstständig gießt – und das immer zu günstigen Tageszeiten und nur mit der notwendigen Wassermenge. Gerade in den immer trockeneren Sommern hilft das, Wasser zu sparen, denn Ressourcen verschwenden macht meinen Eltern wirklich schlechte Laune. Meine Cousine wiederum züchtet Hasen. Und damit sie immer und überall sehen kann, wie es ihren Schätzchen geht, hat sie im Stall eine Webcam aufgestellt. Die schlägt sogar Alarm, wenn jemand nachts einbrechen sollte – egal ob Fuchs oder menschlicher Hasendieb. Mit einem Klick ist sie über ihr Smartphone live im Stall dabei. Nicht nur die großen landwirtschaftlichen Betriebe profitieren also von digitalen Technologien. Auch bei den vielen Gärtnern und Tierhaltern hat die smarte Zukunft schon begonnen.

Petra Döring, Leserin

Umdenken kostet

Ich glaube, dass wir alle davon profitieren, wenn die Landwirtschaft auch endlich im 21. Jahrhundert ankommt. Das ist nicht böse gemeint, ich sehe eher unglaubliche Chancen und Innovationen, die erst langsam Einzug in die Landwirtschaft halten. Ich glaube, dann kann noch effektiver und effizienter gearbeitet werden und davon profitieren letztlich wir alle. Aber es handelt sich hierbei nun mal um Investitionen, die zunächst erstmal getätigt werden müssen. Doch bei den Billigpreisen, die wir als Gesellschaft bereit sind zu zahlen, sehe ich da ehrlich gesagt eher schwarz. Auch hier zeigt sich, dass ein grundsätzliches Umdenken extrem wichtig ist, das würde schon viele Probleme lösen und vieles vereinfachen.

Hartmut Matthes, Geschäftsführer Bundesverband Lohnunternehmen (BLU)

Potenziale erkennen und nutzen

Eines der ersten digitalen Werkzeuge für die Landwirtschaft war Anfang der 1980er-Jahre BTX, Bildschirmtext. Er gehörte damals als Vorläufer von Internet und E-Mail zu den Wegbereitern einer neuen Technologie. Heute finden wir wie selbstverständlich digitale Lösungen auf unseren Höfen. Ob in der Administration, in der Automation von Maschinen und Anlagen sowie in der Prozessteuerung – denn ohne geht es heute nicht mehr. Das Besondere aber bleibt: Der Anbau von Getreide oder die Produktion von Milch sind das Ergebnis biologischer Prozesse. Sie lassen sich im Gegensatz zum Automobilbau oder der Logistik kaum standardisieren. Digitalisierung hilft dem Landwirt, die Zusammenhänge besser zu verstehen und zu lernen, nachhaltig mit Boden, Pflanze und Tier umzugehen. Ökonomie und Ökologie – beide profitieren. So unterstützen beispielsweise die satellitengestützte Analyse der Biomasseentwicklung auf dem Acker oder die Erfassung des Bewegungsprofils einer Milchkuh der Betriebsleitung, bessere Entscheidungen zu treffen. Automatische Lenksysteme ermöglichen eine Einsparung von bis sieben Prozent an Kraftstoff, optische Systeme erkennen unerwünschte Pflanzen, die gezielt mechanisch gehackt werden. Nahinfrarotsensoren bestimmen die Nährstoffgehalte von Gärrestsubstraten aus Biogasanlagen und erlauben eine bedarfsgerechte Ausbringung auf dem Feld. Aber bei all den Chancen – jedes Werkzeug ist nur so gut, wie es genutzt wird.

Josef Wackermund, Leser

Erst der Anfang

Denkt man an Landwirtschaft, denkt man an Acker und freilaufende Hühner. Dabei ist jeder Schritt in der Wertschöpfungskette, von Feld und Stall bis zur Gabel, bereits digital. Doch das war nur der Anfang: Heute reden wir von intelligenten Pflanzenbaustrategien und vollautomatischen Zuchtstellen, UV-Lampen, die das Sonnenlicht ersetzen, und intelligenten Bewässerungssystemen. Die heutige Landwirtschaft gilt es, neu zu entdecken.

Manfred Winkler, Leser

Netzausbau jetzt

Die Landwirtschaft kann nur so digital sein, wie es die Infrastruktur zulässt. Und daran hapert es in diesem Land gewaltig. Ok, von 5G als Standard für Anwendungen der Zukunft sind wir noch meilenweit entfernt. Aber dass es im Jahr 2020 immer noch weiße Flecken auf der Karte der Netzabdeckung gibt, ist ein Unding. Da sind Länder, die über eine noch größere Fläche mit einer viel geringeren Bevölkerungsdichte verfügen, schon viel weiter. Ich sehe hier gar nicht mal so sehr den Staat in der Verantwortung. Der Telekommunikationsmarkt ist privatisiert und dann sollten die Unternehmen, die mit ihren Angeboten nicht schlecht verdienen, auch bereit sein, in das Angebot zu investieren und alle teilhaben zu lassen.

Michael Reber, Landwirt

Altes Wissen neu erzählt

Anfang dieses Jahres habe ich mithilfe von über 130 Baumpaten einen Hektar meines intensiv genutzten Grünlands mit Streuobstbäumen bepflanzt. Agroforst heißt dieses Konzept für innovative Landnutzung. Jeder der 20 Bäume trägt aktiv zum Klimaschutz bei, reduziert schädliche Treibhausgase und bietet wichtige Lebens- und Rückzugsräume für Insekten, Vögel oder Wildtiere. Außerdem sorgen sie für Windschutz im Winter und für Schatten im Sommer, das Laub für den Humusaufbau im Boden. Auch wenn die Baumpaten-Aktion gezeigt hat, wie positiv das Feedback in der Bevölkerung ist, fehlt es mir und anderen innovativen Landwirten an der politischen Unterstützung. Beispielsweise verliert man seinen wertvollen Ackerstatus, wenn man sich für ein Agroforstsystem auf dem Acker entscheidet. Kein Wunder also, dass es oft schwerfällt, Verpächter von einem Agroforst zu überzeugen. Darüber hinaus würde ich mir wünschen, dass allgemein mehr Wissen zum Boden vermittelt werden würde. Wenn ich mit meinem 81-jährigen Vater rede, von dem ich den Hof übernommen habe, merke ich, dass uns in den letzten Jahrzehnten sehr viel Wissen verloren gegangen ist. Natürlich hilft uns bei vielem die Digitalisierung. Ich dünge mein 200 Hektar großes Feld mithilfe einer GPS-Steuerung. Das schont meinen Geldbeutel und die Umwelt. Dennoch darf Digitalisierung nur unterstützend sein, eine alleinige Lösung beim Klimaschutz bietet sie nicht.

Gregor Schmid, Leser

Direkt verbunden

Ich finde es faszinierend, wie sich die Landwirtschaft immer wieder neu erfindet. Die Bauern haben es geschafft, sich den stetig verändernden Bedingungen anzupassen, um die Ernährung der wachsenden Bevölkerung sicherzustellen. Da die Landwirtschaft leider aus dem Bewusstsein der meisten Menschen verschwunden ist, bekommen viele nicht mehr mit, dass die moderne Landwirtschaft eine Branche ist, die nicht nur einen starken Bezug zur Natur hat, sondern inzwischen auch hochtechnisiert ist. Die Digitalisierung kann helfen, die Landwirtschaft zukunftsfähig zu machen, und bietet gleichzeitig Chancen, Landwirte und Konsumenten wieder näher zusammenzubringen. Bei einigen Produkten kann man zum Beispiel direkt mit dem Produzenten verlinkt werden, um über einen Livestream zu sehen, wie es im Stall gerade aussieht.

Dörte Schulz, Leserin

Digital ist besser

Wenn Mensch und Tier glücklich sind und gut behandelt werden, kann die Landwirtschaft so digital sein, wie es geht. Das gilt übrigens auch für andere Branchen. Lieber ein glückliches Schnitzel vom ultramodernen Bio-Hof als ein Stück Fleisch von Tieren, die zwar traditionell, aber dafür nicht tiergerecht gehalten werden.

Bettina Hueske, Landwirtin und Agrar-Influencerin

Auf Höhe der Zeit

Die heutige Landwirtschaft ist vernetzt und digitalisiert. Mit dem Smartphone kann ich die Gesundheit jeder einzelnen Kuh überwachen, nachts über eine Kamera im Stall nach dem Rechten sehen, Daten online sammeln sowie Schnittstellen mit Beratern und externen Firmen schaffen. Große Maschinen fahren mit modernster Technik, um unsere Umwelt zu schonen und den wichtigen Lebensraum Natur zu erhalten. Wir nutzen diese Möglichkeiten ganz bewusst, um uns stetig zu überprüfen und unsere Arbeit zu verbessern. Dass unser Beruf nicht nur modern und technisiert, sondern auch im Alltag spannend, bunt und vielseitig ist, versuche ich Menschen aus der Stadt seit Jahren zu vermitteln. Ich zeige Kindern, wo die Milch herkommt und erkläre Erwachsenen, wie komplex und anspruchsvoll die Tierhaltung ist. Außerdem gebe ich seit einigen Jahren online einen Einblick in unsere täglichen Herausforderungen. Was mir hierbei persönlich besonders am Herzen liegt: Die Bevölkerung soll sehen, wie wichtig uns jedes einzelne Tier ist und dass jede Kuh einen Namen und einen eigenen Charakter hat. Wir schätzen unsere Tiere sehr und sind stolz auf die guten Lebensmittel, die sie täglich produzieren. Wir leben in einer Welt, in der das Leben fast nur noch online stattfindet. Diesen Wandel können und sollten wir für uns nutzen und dafür sorgen, dass unsere landwirtschaftlichen Betriebe durch mehr Akzeptanz noch über Generationen bestehen bleiben können.

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Wie wird aus einer Idee ein Unternehmen?

2003 programmierte ein junger Mann namens Mark Zuckerberg eine Seite, auf der man die Fotos von Studenten seiner Uni nach Attraktivität bewerten konnte. Dass der heutige Facebook-Chef damit den Grundstein für eines der mächtigsten Unternehmen unserer Zeit schuf, war damals aber wohl noch niemandem klar. Verraten Sie uns, wie aus einem guten Gedanken ein erfolgreiches Geschäftsmodell wird.

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Wolfgang Zimmermann, Leser

Werkzeugkasten für Lückenfinder

Eine erfolgreiche Gründung beginnt mit einer guten Idee, Marktforschung, Businessplan und dann Schritt für Schritt weiter. So oder so ähnlich steht es in den Existenzgründer-Broschüren. Doch stimmt diese Vorgehensweise mit der Realität überein? Gerade beim Innovator, der wirklich Neues in die Welt setzt, ist auch der Weg neu. Im Unterschied zu anderen bewegt er sich in unbekannten Gefilden. Hier geht es um Chancenintelligenz, um das Potenzial, das darin liegt, Lücken zu finden und um die Energie des Mitreißens. Drei zentrale Punkte: Das Steuern in die Zukunft geht nur in eine grobe Richtung, nutzt Umstände und Zufälle ebenso wie das Prinzip des leistbaren Verlusts. Es geht hier immer um den nächsten vielversprechenden Schritt. Die handelnden Personen haben dabei ein ausgeprägtes Mindset, Beobachtungen anzustellen und Lücken zu finden. Was fehlt? Wie kann man es anders machen? Wer kann mitmachen? Das sind oft einfache, aber augenöffnende Fragen, die Unternehmertum ausmachen. Dazu kommt Glück und der Sinn für das Ergreifen der Chance, ins Glück zu stolpern. Schließlich: Energie und der Wille, sein Vorhaben unbeirrt und gegen alle Widerstände zu realisieren. Ein Stück Ignoranz vor Warnungen und die Fähigkeit, Gefolgschaft zu gewinnen, oft mit hohem Freiraum, aber auch mit dem leisen Druck: Bitte bis fast zum Umfallen. Erst diese Umsetzungskraft macht aus der Idee tatsächlich eine marktfähige Innovation.

Tijen Onaran, Unternehmerin

Gespür für das morgen

Aus einer Idee wird dann ein Unternehmen, wenn du deiner Zeit voraus bist. Nehmen wir als Beispiel mein Unternehmen Global Digital Women, das aus einem Netzwerk erwachsen ist. Mein Ziel: Die Wirtschaft diverser und inklusiver zu machen. Das wollte ich erreichen, indem ich Frauen aus Digitalberufen vernetze, um ihnen Austausch zu ermöglichen und sie sichtbarer zu machen. Dafür habe ich vor sechs Jahren in Berlin einen Stammtisch ins Leben gerufen. Beim ersten Treffen waren zwölf Frauen – aber es wurden sehr schnell viele mehr: Heute sind es über 30.000 Frauen aus 20 Ländern. Mit meiner Idee, die Sichtbarkeit und Vernetzung von Frauen zu bündeln, habe ich ein entscheidendes Thema adressiert: den Bedarf nach mehr Vielfalt in der Wirtschaft. Somit bin ich nicht danach gegangen, welchen Bedarf es schon gab, sondern habe den Bedarf selbst definiert. Das Entscheidende bei der Realisierung einer Idee ist, das Gespür dafür zu haben, was morgen sein wird. Heute reden zwar alle über Diversität und Inklusion, aber setzen nicht um. Zeigt man Unternehmen aber, was ihnen die Beantwortung von Diversitäts- und Inklusionsfragen bringen kann, kommen diese auch von der Erkenntnis zur Umsetzung. So entsteht aus einem definierten Bedarf eine tatsächliche Nachfrage. Kurz gesagt also: Die Idee darf nicht dem Zeitgeist entsprechen, sie muss diesem immer einen Schritt voraus sein – dann wird aus der Idee auch ein Unternehmen.

Ali Mahlodji, Startup-Gründer, Keynote-Speaker und Autor

Nur keine Angst

TV-Sendungen wie „Die Höhle der Löwen“ suggerieren, dass eine gute Vision ausreicht, um als Unternehmer erfolgreich zu sein. Fakt ist: In der echten Welt wartet niemand auf Visionäre. „Visionen haben in der echten Welt nichts verloren“, so ein weit verbreiteter Irrglaube unserer Gesellschaft, obwohl wir in einer Welt leben, die sich andere Menschen für uns ausgedacht haben. Angefangen von unserem Konsumverhalten bis zur Art und Weise, wie wir kommunizieren oder uns ernähren. Wir sind die Protagonisten einer erdachten Welt von Visionären, die ihre Ideen auch umgesetzt haben. Von Visionären, die ihre Ideen aus ihrem Kopf und ihrem Herzen in die „echte“ Welt gebracht haben, indem sie einfach gemacht haben. Und zwar mit dem Erstbesten, was möglich war. Egal wie peinlich der erste Wurf auch war, sie haben sich mit jedem Feedback weiterentwickelt. Zur selben Zeit haben sie ihre Idee so vielen Menschen wie möglich erzählt, um Verbündete zu finden – die besser sind in dem, worin die Visionäre nicht gut sind und die Idee mit- und weiterentwickeln. Der größte Hemmschuh ist allerdings immer die Angst, hinzufallen. Das ist der Augenblick, an dem man durch die Angst durchgehen muss, egal ob man sich blamiert. Denn eines dürfen wir nicht vergessen: Wir alle haben laufen gelernt, in dem wir täglich mit Lust und Anlauf zigmal auf die Schnauze gefallen sind. Doch das war notwendig, sonst hätten wir niemals gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen.

Bastian Halecker, Startup-Unternehmer und Business Angel

Für jede Lösung das richtige Problem

Eine Geschäftsidee ist im Wesentlichen nicht viel wert. Gründer werden erfolgreich, wenn sie ein reales Problem lösen und entsprechend kommerzialisieren. Wenn sie scheitern, liegt das selten daran, dass sie nicht die richtige Lösung entwickelt haben. Viel häufiger liegt der Fehler ganz am Anfang: bei der Identifikation des richtigen Problems. Dieser Schritt wird zunehmend bedeutsamer, da es einfach zu viele Lösungen gibt und es gleichzeitig schwieriger wird, gute Probleme zu finden. Eine solche Suche muss auf Nischen ausgerichtet sein, ist aufwendig und dauert schnell mehrere Monate. Neben Daten sollte dabei auch auf Kollaboration mit „Problem-Ownern“ gesetzt werden. Ziel ist es, ein Problem aufzudecken, das möglichst noch niemand gelöst hat und die Nutzer selbst sich dessen kaum bewusst sind. Der Aufwand lohnt sich. Wenn es gelingt, als Einziger für ein bestimmtes Problem eine Lösung zu finden, dann ist die Marktdurchdringung einfacher und der Erfolg wahrscheinlicher. Deutschland bietet hier besonders im B2B-Bereich gute Chancen. Die mittelständische Wirtschaft hat mit ihren Problemen beziehungsweise ihrem Zugang zu Problemen ein zunehmend wertvolles Asset. Wenn es gelingt, diese komplexen Probleme mit guten Technologie-Lösungen, allen voran Deep-Tech-Themen wie Künstlicher Intelligenz, zu verknüpfen und über Kollaborationen Ressourcen zu bündeln, werden viele neue zukunftsfähige (Tech-)Unternehmen entstehen.

Ertan Özdil, Gründer und Geschäftsführer weclapp

So gelingt der Start

Ihre Idee? Brilliant. Ihr Unternehmen? Gegründet. Und dann? Wie findet das Produkt zum Kunden? Wen und was brauchen Sie, damit Ihr Unternehmen sich entwickelt? Zur Unternehmensgründung kann man sich viel kostenlosen Rat besorgen. Machen Sie das! Als Unternehmer werden Sie zum Multitalent. Damit Sie sich aber nicht verzetteln, müssen Sie Ihre Geschäftsprozesse kennen und den Workflow festlegen. Sie brauchen ein Team, bei dem jeder weiß, was er zum gemeinsamen Erfolg beitragen muss. Effizient wird das mit einer klaren Aufgabenverteilung rund um die Frage: Wie wird aus meinem Produkt eine bezahlte Rechnung? Mein Tipp, um smart zu starten: cloudbasierte Software, die dabei unterstützt, diesen Workflow zu organisieren. ERP, Enterprise Resource Planning, ist der Schlüssel, um solche Prozesse zu strukturieren. Cloudbasierte ERP-Software hilft dabei, dass Geschäftsprozesse effizient, automatisiert und zuverlässig bearbeitet werden. Ein gutes ERP-System kann aus Kollegen ein Team machen, weil es die Arbeit der Einzelnen miteinander verbindet. Weitermachen statt nachfragen. Arbeiten, wo und wann es möglich ist. Dabei sollte die Software mitwachsen können. Gerade mit neuesten Technologien wie Künstlicher Intelligenz und Maschinellem Lernen lässt sich der Business-Alltag noch effizienter und flexibler gestalten. Denn die wichtigste Aufgabe jedes Unternehmers bleibt nun einmal: das eigene Geschäftsmodell weiterentwickeln.

Dirk Kreuter, Verkaufstrainer

Verkaufen ist Handwerk

Die meisten Unternehmer scheitern nicht an der Qualität oder am Produkt, sondern daran, dass sie nicht in der Lage sind, ihre Kunden zu überzeugen, das Produkt zu kaufen. Nehmen Sie ein Produkt wie den Staubsauger. Es gibt heute keinen Haushalt, der nicht mindestens einen in der Kammer stehen hat. Ein solches Produkt wünscht sich doch jeder Unternehmer, mit so einer Erfindung kann man nur reich und berühmt werden – oder? Tatsächlich kennt fast niemand James Murray Spangler, den Erfinder des tragbaren Staubsaugers. Denn erst sein Cousin William Henry „Boss“ Hoover, der das Patent zwei Jahre später kaufte, machte daraus den heutigen Verkaufshit. Der hatte zwar keine Ahnung von der Technik, dafür aber von Verkaufen. Bei anderen Produkten wie Coca-Cola lief es ähnlich und auch heute sind mehr als 80 Prozent aller Startups innerhalb der ersten drei Jahre wieder weg vom Fenster. Sie möchten nicht so enden und andere Menschen von Ihrer Idee überzeugen? Sie möchten Kunden von Ihren Produkten oder Dienstleistungen überzeugen? Nun, Überzeugen ist nichts anderes als Verkaufen. Als Unternehmer müssen Sie (sich) verkaufen: bei Investoren, bei Ihrer Bank, bei den Partnern, den Mitarbeitern und nicht zuletzt auch bei Ihren Kunden. Sie sind kein Verkäufer? Dann holen Sie sich einen ins Unternehmen. Und fangen Sie an, Verkaufen zu lernen. Ja, Präsentieren, Überzeugen und Verkaufsrhetorik lassen sich genauso erlernen wie jedes andere Handwerk.

Vincent Galdi, Leser

Mut zum Unternehmertum

In den Gründungsgeschichten erfolgreicher Unternehmen nimmt die Idee in der Rückschau eine oft überragende Rolle ein, geradezu so, als wäre eine gute Idee der Garant für Erfolg. Doch gute Geschäftsideen gibt es zuhauf, wenige große und sehr viel mehr kleine. Den Mut zu haben, eine Idee aufzugreifen und diese konsequent mit Herz und Verstand umzusetzen, ist entscheidend dafür, ob die Idee schließlich zu einem Unternehmen gedeihen kann. Und um diesen Mut zum Risiko aufzubringen, braucht es eine Persönlichkeit, die einen großen Drang nach persönlicher und beruflicher Freiheit mitbringt. Nach zwei desillusionierenden Exkursen in Großunternehmen trieb auch mich in erster Linie der Wunsch nach beruflicher Freiheit um, als ich mich entschloss, den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen. Die Anfänge waren schwer und bescheiden, doch im Laufe der Zeit wuchs das Unternehmen durch kontinuierliche, kleinteilige Arbeit und viel Herzblut heran. Heute könnte ich mir ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis mit jedem Jahr weniger vorstellen, weil mir die Freiheit, meine Persönlichkeit in meiner Arbeit auszudrücken, zu kostbar ist. Gerade in diesen turbulenten Zeiten, wo durch Corona die Existenzen vieler Selbstständiger gefährdet sind, sollten Gründungswillige dennoch die Chancen zur beruflichen Freiheit durch eine Unternehmensgründung nicht unterschätzen.

Diana Scholl, Leiterin politische Kom- munikation, Bundesver- band mittelständische Wirtschaft, Unternehmer- verband Deutschlands (BVMW)

Neu beflügelt

Wenn es darum geht, aus einer Idee ein Geschäft entstehen zu lassen, muss dies nicht immer bedeuten, dass dadurch ein neues Unternehmen gegründet wird. Wenn man einen Blick auf die Unternehmen außerhalb der Startup-Welt wirft, findet man viele, gerade Familienunternehmen, die bereits seit mehreren Generationen bestehen oder auch kurz vor der Übergabe an die nächste Generation stehen. Viele Nachfolger haben eigene Ideen und Ansätze, wie sie das Unternehmen fortführen, weiterentwickeln oder auch umstrukturieren wollen. Das kann durch eigene Interessen oder ganz einfach den eigenen Stil geprägt sein. Was, wenn zum Beispiel die nächste Generation eines Süßwarenherstellers Süßes nicht mag oder stärker auf bewusstes Essen fokussiert ist? Vielleicht sogar weniger oder gar keinen Zucker mehr in der Produktion einsetzen möchte? Dadurch können in einem bestehenden Unternehmen neue Geschäftsfelder eröffnet und komplett neue Zielgruppen oder Branchen erschlossen werden. Viele Nachfolger, gerade der jüngeren Generation, schauen oftmals aus einer anderen Perspektive auf ihr eigenes Produkt – und genau das kann den eigenen Betrieb enorm beflügeln. Aus einer solchen Idee kann dann auch ein ganz neues Unternehmen entstehen.

Sir Richard Branson, Unternehmer

Echt unwiderstehlich

Viele meiner besten Ideen sind aus Frustration entstanden – über miserablen Service, schlechte Produkte, komplizierte Lösungen, die keine sind. Diese Marktlücken muss man füllen. Als wir Virgin Atlantic 1984 mit einem geleasten Jumbo-Jet erstmals von London nach New York schickten, war das vor allem eine Reaktion auf die gähnende Langeweile der staatlichen Fluglinien. Fliegen sollte doch Spaß machen, unterhaltsam sein und trotzdem bezahlbar bleiben – genau das Gegenteil war der Fall. Und so haben wir uns immer wieder Dinge ausgedacht, die heute selbstverständlich erscheinen: Bildschirme am Sitz zum Beispiel oder eine Bar in der Business Class. Virgin Atlantic hat die ganze Flugbranche aufgemischt und die Kunden haben das nie vergessen. Den Menschen etwas zu bieten, das ihr Leben angenehmer macht, war daher immer meine wichtigste Maxime. Was noch? Wer glaubt, alles alleine machen zu können, stößt schnell an seine Grenzen. Von Anfang an habe ich mir Mitstreiter gesucht,die (fast) alles besser können als ich. Auf andere Vertrauen und Verantwortung zu delegieren, ist unverzichtbar. Und zuletzt muss man auch verlieren lernen. Nicht wenige unserer Ideen sind kläglich gescheitert, zum Beispiel der Versuch, mit Virgin Cola die Dominanz von Coca-Cola und Pepsi zu brechen. Entscheidend ist, dass man die richtigen Lehren daraus zieht und nicht aufgibt. Virgin ist gerade auch wegen seiner Misserfolge zur globalen Marke gewachsen.

Mark Harwardt, Professor für E-Commerce und Handelsmanagement

Erhöhe deine Chancen

Viele Gründer gehen davon aus, dass eine gute Geschäftsidee oder ein gutes Produkt für den Erfolg ausreichend sind. Das dies nicht so ist, kann anhand von vielen, auch prominenten Beispielen belegt werden. So scheiterte Walt Disney zunächst mit seinem Zeichentrickstudio in Kansas, bevor er schließlich in Kalifornien neu startete und erfolgreich wurde. Auch das nötige Timing und Glück sind bei der Entwicklung eines Unternehmens nicht zu unterschätzen: Die Gebrüder McDonald gelten zwar als Fast-Food-Pioniere, doch würde es den McDonalds-Konzern in seiner jetzigen Form nicht geben, wenn die Brüder nicht zufällig Milchshake-Maschinen bei einem Verkäufer namens Ray Kroc bestellt hätten. Auf das Timing hat man zum Teil nur wenig Einfluss, wie die aktuelle Corona-Pandemie zeigt. Auch das Glück kann man nicht einplanen. Dennoch gibt es Aspekte bei der Entwicklung eines Geschäftsmodells, auf die man Einfluss nehmen kann – und auch sollte. Die Fachliteratur ist voll von Vorgehensmodellen und Hilfsmitteln, die eine umsichtige Planung unterstützen und sich bereits in der Praxis bewährt haben. Eine Orientierung an diesen Modellen und Hilfsmitteln bietet Gründern den Vorteil, dass in diesen nahezu alle erfolgskritischen Faktoren berücksichtigt werden, etwa die Zielgruppendefinition, der Kundennutzen oder die Kosten- und Erlösstruktur. Dies kann zwar immer noch keinen Erfolg garantieren, aber es erhöht die Chancen auf Erfolg signifikant.

Gesa Miczaika, Stellvertretende Präsidentin Bundesverband Deutsche Startups

Über Umwege ans Ziel

Der erste und größte Fehler, den man als Gründer machen kann, ist, keine Fehler zu machen. Denn nur wer nichts macht, kann auch nichts falsch machen. Untätigkeit und die Angst davor, Entscheidungen zu treffen, ist der sichere Weg in den Misserfolg. Was ich häufig sehe, ist, dass die Geschäftsidee auf der Grundlage von ungeprüften Annahmen entwickelt wird. Das führt oft dazu, dass man eine fabelhafte Lösung für ein Problem findet, welches nicht existiert. Ich rate Gründern dazu, so früh wie möglich mit möglichst vielen potenziellen Kunden über die eigene Idee zu reden. Ebenfalls problematisch: Viele Gründer beschäftigen sich zu sehr damit, Geld von Investoren oder Förderprogrammen einzusammeln, anstatt die offensichtliche Alternative in den Blick zu nehmen: Das beste Geld ist immer noch das Geld des Kunden. Damit das Geld kommt, muss unter anderem der Businessplan stimmen. Du musst dein Unternehmen durchdrungen haben, damit es funktioniert. Etwas ganz anderes als Zahlen aber mindestens genauso wichtig: Du musst dir darüber im Klaren sein, mit wem du deine Reise antreten möchtest. Gerade in stürmischen Zeiten zeigt sich, welches Gründerteam funktioniert und welches nicht. Bei allen Warnungen: Fehler gehören zum Leben wie zum Gründen dazu. Man sollte keine Angst davor haben, bei mutigen Entscheidungen auch mal einen Fehler zu begehen, im Gegenteil. Gar keine Entscheidung zu treffen, ist oft einer der größten Fehler, den man machen kann.

Mario Behrens, Leser

Wie sagte man früher: Zur Gründung bedarf es den Techniker und den Betriebswirt, der Entwickler gepaart mit dem Unternehmer. Das hat sich geändert, denn heute findet man schnell einen Unternehmer. Wichtiger geworden sind die Idee und der Wille, diese in die Tat umzusetzen.

Wolfgang Zimmermann,

Die erfolgreiche Gründung: Blick in den Werkzeugkasten der Lückenfinder

Ein erfolgreicher Gründung beginnt mit einer guten Idee, Marktforschung, Businessplan und dann Schritt für Schritt weiter. So oder so ähnlich steht es in den Existenzgründer-Broschüren. Doch stimmt diese Vorgehensweise mit der Realität überein? Doch gerade beim Innovator, der wirklich Neues in die Welt setzt, ist auch der Weg neu. Im Unterschied zu den anderen bewegt sie/er sich in unbekannten Gefilden. Hier geht es um Chancenintelligenz, das Potential das darin liegt die Lücken zu finden und die Energie des Mitreißens, auch bis zum Umfallen. Drei zentrale Punkte: Das Steuern in die Zukunft geht in eine grobe Richtung, nutzt Umstände und Zufälle ebenso das Prinzip des leistbares Verlustes. Es geht hier um Intelligenz und Schlauheit für den nächsten vielversprechenden Schritt. Unternehmertum und die handelnden Personen haben dabei ausgeprägtes Mindset, Beobachtungen anzustellen, denen Lücken auffallen: Was fehlt, wie kann man es anders machen, wer kann mitmachen, oft einfache aber Augen öffnende Fragen. Dazu kommt ein Sinn für Glück und das Ergreifen der Chance ins Glück zu stolpern“. In einem Wort: die Gabe der „serendipity“. Der Philosoph Peter Sloterdijk:„Wer auf das Prinzip Gelegenheit hört, hat die Hälfte des Weges zum Unternehmer zurückgelegt.“Last: Energie, Wille, sein Vorhaben unbeirrt und gegen Widerstände zu realisieren, ein Stück Ignoranz vor Warnungen und die Fähigkeit, Gefolgschaft zu schaffen.

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Wer hilft in der Not?

Wer die 110 wählt, landet bei der Polizei, mit der 112 erreicht man Feuerwehr und Rettungsdienste. So weit, so gut. Dass sich aber bei weitem nicht jeder Notfall mit einer dreistelligen Nummer lösen lässt, ist auch klar. Schreiben Sie uns, wie man sonst noch helfen kann – oder erzählen Sie uns Ihre ganz persönliche Geschichte von der Hilfe in der Not.

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Michaela Maria Müller, Autorin und Mitglied einer Freiwilligen Feuerwehr

Jeder kann helfen

Ich bin Mitglied einer Freiwilligen Feuerwehr, einer von vielen: In Deutschland gibt es rund 23.700 Feuerwachen mit etwa 1,1 Millionen aktiven Feuerwehrleuten. Das ist ein enges Helfernetz. Die meisten von uns, fast 95 Prozent, tun dies ehrenamtlich, das heißt, sie nehmen regelmäßig an Einsätzen, Übungen und Ausbildungen teil. Im Alltag haben wir normale Berufe, vom Landwirt bis zur Lehrerin. Dazu kommen Berufs- und Werksfeuerwehren in größeren Städten und Betrieben. Die Antwort auf die Frage, wer in der Not hilft, scheint auf den ersten Blick einfach zu sein: Wenn Menschen, Leben oder Besitz in Gefahr sind, sind Feuerwehr und Rettungskräfte zur Stelle. Aber wie tun sie das? „Teamwork ist, wenn alle das Gleiche wollen: Leben retten“, las ich neulich auf der Scheibe eines Rettungsfahrzeugs. Ein guter Claim, dachte ich: Im Einsatzfall ist der kleinste gemeinsame Nenner zugleich der größte und wichtigste. Doch das Teamwork geht noch viel weiter. Alle Anwesenden am Unfall- oder Einsatzort sind gefragt: die Ersthelfer, die Autofahrer, die eine Rettungsgasse bilden, die Umstehenden, die ein Helfen der Einsatzkräfte schnell und zügig möglich machen. Man sagt manchmal, die Feuerwehr sei wie eine Familie. Denn so unterschiedlich wir alle sind, wenn es „brennt“, helfen wir. Trotzdem trifft es nur zum Teil zu, denn zur klassischen Familie fehlt da noch jemand: Frauen. Auf neun Feuerwehrmänner kommt derzeit nur eine Kameradin.

Katja Riemann, Schauspielerin

Entscheidung dafür

Was ist Not, wann beginnt sie? Wo wohnt sie und wer darf von sich behaupten, er oder sie sei in Not? Denn eins ist klar: schlimmer geht es immer. Ich habe weltweit Menschen kennenlernen dürfen, die unterstützend wirken, vor Ort sind und jene in Not nicht verlassen, sondern versuchen, deren Umstände heller zu machen, heiler, sanfter, leiser, gesünder. Das Wort Hilfe gefällt mir irgendwie nicht. Die Helfenden, sind sie dann die Gutmenschen für die einen und für die anderen Radikale und Schleuser? „Wer ist da in der Not“ wäre mir lieber. Das eröffnet keine Hierarchie, keine Bewertung, aber ich bin nicht die Fragestellende, sondern nur Zeugin humanitärer Arbeit. Die Unterstützung ist da, es gibt sie. Die Menschen sind vor Ort, zuletzt gesehen im Dschungel der Camps zweier griechischer Inseln. Es wird in der Not geholfen, von zumeist jungen Menschen aus der ganzen Welt, ungeachtet dessen, dass sie nicht die Bühne, die Aufmerksamkeit erhalten. Sie bringen Versorgung, Bekleidung, Unterricht, sichere Rückzugsorte, Rechtshilfe und Kommunikation mit guter Laune. Sie tun, was sie können, und sind aber gar keine Politiker oder CEOs weltumspannender Firmen. Sie sind Humanitäre oder Aktivisten, die mir wie eine Parallelwelt vorkamen, die zeigen, wie es gehen könnte, und die weder die Augenhöhe verlieren noch den Humor. Die Antwort ist also einfach: Jeder kann in der Not helfen, wenn er oder sie es denn will. Es ist nur eine Frage der Entscheidung.

Steffen Schmid, Leiter einer ehrenamtlichen Drohnen-Einsatzgruppe

Bereit für jede Lage

Bei einem schweren Unfall, Herzinfarkt oder Schlaganfall ist der Rettungsdienst oft der Retter in der Not. Doch was passiert, wenn die Lage größer wird? Bei einem Massenunfall auf der Autobahn, einem Vollbrand, Bombenfunden oder auch aktuell in der Pandemielage gerät der professionelle Rettungsdienst an seine Grenzen. Abhilfe schaffen in solchen Situationen die ehrenamtlichen Einsatzeinheiten der Hilfsorganisationen mit ihren (Sonder-)Fahrzeugen und Hilfsmitteln. Eines dieser Hilfsmittel ist zum Beispiel die Einsatzdrohne unserer Regionalgruppe. Seit Mai 2019 ist diese Einheit fest in der Metropolregion Rhein-Neckar etabliert und ermöglicht die Unterstützung von Einsatzleitungen aus der Luft heraus. Mit der neun Kilogramm schweren Einsatzdrohne, ausgestattet mit Wärmebild- und Zoom-Kamera, können nicht nur Großschadenslagen überblickt, sondern auch Personen schnell aufgespürt werden. Egal, ob es um die Erstellung eines Lagebilds bei Großschadenslagen, die Personensuche im unwegsamen Gelände oder das Aufspüren von Glutnestern bei Waldbränden geht: Die Einsatzmöglichkeiten einer Drohne sind vielfältig und weiter ausbaubar. Die Zukunft wird hier noch etliche neuen Einsatzmöglichkeiten aufzeigen. Wünschenswert wäre die flächendeckende Etablierung von Drohnen-Einheiten, die Einbindung in Alarm-Ausrücke-Ordnungen auf den Leitstellen sowie die frühzeitige Alarmierung, um definitiv in der Not helfen zu können.

Melinda Gates, Stifterin und Autorin

Heldinnen ohne Namen

Eines hat uns das Jahr 2020 gezeigt: Es sind Frauen, die uns durch Krisen tragen. Dabei denke ich nicht nur an berühmte Frauen wie Angela Merkel und die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern, die ihre Länder bislang auf beeindruckende Weise durch die Krise geführt haben, sondern auch an Initiativen außerhalb der politischen Machtsphären. In Indien ermöglichten Frauen in den ersten Pandemiemonaten über Graswurzelbewegungen die Produktion von persönlicher Schutzausrüstung in Heimarbeit. So konnten mehr als 100 Millionen Masken, 200.000 Schutzausrüstungssets und 300.000 Liter Handdesinfektionsmittel hergestellt werden. Frauen verhindern den Zusammenbruch des Bildungssystems, indem sie den Online-Unterricht ihrer Kinder begleiten. Weltweit sind etwa 70 Prozent aller Gesundheitsfachkräfte Frauen. Wenn also ein Mensch auf Covid-19 getestet, im Krankenhaus aufgenommen oder nach Überstehen eines schweren Krankheitsverlaufs vom Beatmungsgerät getrennt wird, tut das häufig eine Frau. Ich hoffe, unsere Gesellschaft erkennt in dieser Pandemie, dass Frauen einen essenziellen und bislang häufig unterschätzten Beitrag leisten. Immer wieder äußere ich mich zu geschlechtsbedingter Diskriminierung, da Frauen de facto mit mehr Hürden und Voreingenommenheit konfrontiert sind als Männer. In Zeiten von Covid-19 zeigen Frauen jedoch, dass sie mehr als nur Opfer einer brüchigen Welt sind. Sie sind auch die Architektinnen, die eine bessere aufbauen.

Selma Müller, Leserin

Kleine gute Tat

Für viele ist es die einfachste Methode, Menschen in Notsituationen zu helfen: man spendet an eine der großen Hilfsorganisationen. Die machen ja auch jede Menge Werbung, um neue Spender zu akquirieren – zum Beispiel direkt auf der Straße. Bestimmt sind vielen Lesern schon diese immer wahnsinnig motivierten jungen Spendenwerber begegnet, an denen man sich am liebsten im Slalomlauf und um keine Ausrede verlegen vorbeimogelt. Nur nicht hinsehen, sonst werde ich auch angesprochen. Dabei machen diese Organisationen insgesamt eine wichtige Arbeit, die Unterstützung verdient. Vor ein paar Wochen hat mich selbst ein junger Student im Einsatz für die UN in ein Gespräch verwickelt. Wir haben uns gut unterhalten und er erklärte mir, wofür meine Spende eingesetzt werden würde. Das hat mich überzeugt. Seit diesem Jahr spende ich an die UN-Flüchtlingshilfe.

Johannes Weigel, Leser

Hilfe unter Freunden

Vor drei Jahren sind wir durch Indonesien gereist. Am schönsten war es, wenn wir in das Leben der Menschen vor Ort eintauchen durften. Einer dieser Menschen hieß Rosyid. Er arbeitet als Fremdenführer in einem Nationalpark. Wir verbrachten viel Zeit zusammen und meine Freundin hat abends immer mit ihm Schach gespielt. Wir haben auch seine Familie kennengelernt. Er hat drei Kinder. Seitdem halten wir über Social Media Kontakt und tauschen ab und zu Erinnerungen aus. Die Pandemie in diesem Jahr hat ihn schwer getroffen, weil die Touristen wegbleiben und er kaum noch etwas verdient. Deshalb bat er uns um Hilfe. Wir haben ihm etwas Geld geschickt. Immerhin, es reichte, um seine Familie für ein paar Wochen ernähren zu können. All das Reisen hat die Welt ein wenig näher zusammengebracht, sodass direkte Hilfe heute einfacher ist als je zuvor.

Carola Rackete, Kapitän und Naturschutzökologin

Jetzt, nicht später

Ich war schon mehrmals in der Antarktis. Ich war auch da, als im Februar die argentinische Forschungsstation Esperanza 18 Grad Celsius gemessen hat, obwohl es eigentlich um die null Grad hätte sein müssen. Gleichzeitig stehe ich in engem Kontakt mit Wissenschaftlern, die mir schon 2011 gesagt haben: „Die Lage ist dramatisch, wir berichten davon seit 20, 30 Jahren.“ Damals ist mir bewusst geworden, dass für politische Veränderungen reine Fakten nicht ausreichen. Was wir brauchen, ist radikaler Protest. Und das Engagement von allen. Gerade unterstütze ich die Besetzung des Dannenröder Waldes. Dort sollen Bäume gerodet werden für eine Autobahn, die schon vor vierzig Jahren geplant wurde. Das ist doch blanker Irrsinn, die Klimakrise spitzt sich immer mehr zu. Statt an veralteten Plänen festzuhalten, sollten wir Infrastrukturpläne auf Vereinbarkeit mit dem Pariser Klimaabkommen prüfen. Ein radikaler Protest wie die Besetzung des Waldes braucht eine breite Masse. Wir alle müssen für die Klimakrise Verantwortung übernehmen. Als ich im Juni 2019 als Kapitänin der Sea Watch 3 einspringen sollte, dachte ich kurz, dass das andere doch besser können, aber dann sah ich die Not der Geflüchteten – und die war deutlich größer als meine Bedenken. Auch die Bewegung Fridays for Future wäre nicht so groß geworden, wenn freitags nicht gestreikt worden wäre. Es reicht aber nicht, wenn nur die Schülerinnen streiken. Wir alle müssen endlich handeln.

Siegfried Kärcher, Leser

Wähle 50 15

Der Anruf ist kostenlos, aber verbindlich und erreicht auch ohne Netzempfang immer den Empfänger. Sofortige Hilfe ist garantiert, oft völlig anders als erwartet. Nur ernst gemeinte Anrufe kommen an. Manchmal ist zu vermuten, dass bereits das Verschicken der Meldung die Rettung bringt, weil die Blickrichtung geändert wurde. Profis sollen als Absendergruß die Floskel „nicht mein Wille, sondern dein Wille“ gewählt haben. Das soll aber auch ohne die Floskel öfters geschehen. Menschen berichten von wunderlichen Reaktionen. Anwendung ohne Nachfragen beim Arzt oder Apotheker zum Beispiel bei folgenden Beschwerden: Angst, Liebeskummer, Lampenfieber, Kinderwunsch, Krankheiten aller Art, Geldsorgen. Große Verhaltensveränderungen wurden öfters bei den Nutzern der Notrufnummer festgestellt: innere Ruhe, Freigiebigkeit, Barmherzigkeit, Urvertrauen, Kontoabbuchungen als Spenden an fremde Notleidende, Ansteckungsgefahr für andere. Alles, was man dafür braucht, ist ein Bibel. Den passenden Text findet man dort in Psalm 50, Vers 15: „Und rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten.“

Antonia Rados, Fernsehjournalistin und Autorin

Einfach da sein

Helferinnen und Helfer in Kriegsgebieten sind nicht alle gleich. Einige sind grauhaarig, andere mit faltenlosen Gesichtern. Obwohl, wenn ich darüber nachdenke, verwenden alle dieselben dramatischen Worte: „Winter is coming. Der Tod kommt mit ihm.“ Mitglieder von NGOs wissen, warum Appelle aufrütteln müssen. Während ich das aufschreibe, sehe ich die dürren Kinderkörper am Stadtrand der jemenitischen Stadt Aden, wo ich vor zwei Jahren war, vor mir. Hoffentlich sind einige Samariter, egal wie sie reden, noch in dem Armenhaus der Arabischen Halbinsel, um sich um die Menschen zu kümmern. Denn alleingelassen werden Länder wie Jemen zum Spielplatz für „Bestien mit Prinzipien“, wie der russische Reporter Isaac Babel die Herren der Kriege nannte. Andererseits: Es gibt auch Helfer ohne Drama. Wie der Diplomat, den ich vor einigen Jahren kontaktierte. Eine syrische Familie, vom IS bedroht, brauchte dringend ein Schengen-Visum. Der Beamte erledigte alles. Die Familie wurde gerettet. Er wollte aber keine Öffentlichkeit. Er war ein gesichtsloser, zuverlässiger Gutmensch. Anonym spenden ist ja bei vielen üblich. Anonym handeln ist sicher um einiges schwieriger. Man gibt gerne. Wenn andere davon erfahren, umso besser. So kann man Vorbild sein. Trotzdem, mir geht der Diplomat nicht aus dem Kopf. Wenn man ihn brauchte, war er erreichbar. Alles andere scheint mir – nach Jahren in Kriegsgebieten – zunehmend zweitrangig. Für jemanden da sein, reicht.

André Miegel, Strafverteidiger

Starker Partner

Der Strafverteidiger als Helfer in der Not ist vielleicht auf den ersten Blick widersprüchlich. Jedoch werden wir oft in Notlagen tätig und sind deshalb nicht nur ein obligatorisches Organ der Rechtspflege, sondern auch wesentlicher und unabkömmlicher Teil des Rechtsstaats. Als Verteidiger bin ich häufig der einzig noch verbliebene vertrauliche Ansprechpartner für Betroffene, die von jetzt auf gleich inhaftiert werden und deren Leben – zumindest außerhalb der Justizvollzugsanstalt – abrupt stehen bleibt. Es sind regelmäßig auch Eltern, Ehepartner und Kinder, die mich aufsuchen und bitten, ihrem Liebsten zu helfen. Der Verteidiger ist dann der Hoffnungsschimmer im Dickicht der strafrechtlich-juristischen Verflechtungen. Vergessen wir nicht: Wir müssen uns – ganz unabhängig von der Tat – jederzeit auf die Pfeiler unseres Rechtsstaates verlassen können. Deshalb sieht das Gesetz vor, dass in bestimmten Fällen, zum Beispiel bei einer Verhaftung, niemand dem Gericht ohne Anwalt gegenübertreten darf. Als Verteidiger muss man dann zu 100 Prozent hinter seinem Mandanten stehen. Loyalität ist das Wichtigste in diesem Beruf. Dies ist auch der Grund, weshalb ich keine Sexualstraftaten verteidige. Strafverteidiger prüfen mit Argusaugen vom Start des Verfahrens an bis zum Urteil, ob sämtliche Gesetze und Vorschriften eingehalten werden. Das ist unser Job. Und glauben Sie mir, viele meiner Mandanten dachten, sie bräuchten mich niemals.

Gundi Günther, Leserin

Jeder kann helfen

Die Frage, wer in der Not hilft, haben wir uns immer mal wieder in unserem Team gestellt und kurzerhand eine Fortbildung daraus gemacht. Das Angebot eines Erste-Hilfe-Kurses klang nicht allzu verlockend, aber nach Statusfeststellung war klar, dass bei fast allen Kolleginnen der Erste-Hilfe-Kurs aus den Zeiten der Führerscheinprüfung stammte. In einer Corona-freien Umgebung, mit einem äußerst ambitionierten und leidenschaftlichen Unfallsanitäter, haben wir dann einen Tag lang sämtliche Notfälle durchgespielt und uns mit einer optimalen, auch für alle anwendbaren Hilfeleistung beschäftigt. Allein die Angst vor einem Defibrillator zu verlieren, war die Sache wert. Alle waren sich einig, dass es schon ein gutes Gefühl macht, wenn man sich traut, Menschen in der Not zu helfen. Deshalb kann ich nur jedem raten, sich mal wieder mit den Thema 112 zu beschäftigen und das eigene Wissen um die Hilfe in der Not aufzufrischen.

Thorsten Müller, Leser

Herz für Tiere

Mir stellt sich hier vor allem die Frage: Wer hilft Tieren in der Not? Unzähliges Leid wird jeden Tag aufs Neue weltweit verursacht – und das, weil es uns schmeckt oder gut an uns aussieht. Es ist erschreckend, wie selbstverständlich wir unseren Blick abwenden, wenn die Konsequenz heißt, selbst aktiv zu werden. Denn eigentlich kann jeder Tieren helfen.

Regina Scholten, Leserin

Du bist nicht allein

Für mich ist Aufmerksamkeit ein ganz wichtiger Begriff. Erkenne ich in meinem Umfeld, wer Hilfe braucht? Es sind oft die kleinen Dinge – zum Beispiel die Einkaufshilfe im Krankheitsfall, Zeit zum Zuhören, ein letztes Blumensträußchen aus dem Garten vorbeibringen – die besonders den Alleinstehenden das Gefühl geben, da denkt noch einer an mich.

Niklaus Hilber, Filmregisseur

Sinn für Gemeinschaft

Bei dieser Frage muss ich als erstes an den Schweizer Umweltschützer Bruno Manser denken. 15 Jahre lang hat er sich ohne persönlichen Nutzen für die Penan, eine indigene Volksgruppe auf Borneo, eingesetzt. Ihre Existenz war bedroht, weil sie durch die Abholzung des Regenwaldes ihr Nomadentum aufgeben mussten. Mansers Beharrlichkeit hat mich am meisten fasziniert. Mehrfach hat er sein Leben für die Penan aufs Spiel gesetzt. Dabei ist er schlichtweg dem christlichen Gedanken der Nächstenliebe gefolgt: Man respektiert einander und hilft selbstlos in der Not. In der heutigen Zeit ist uns diese Denke leider abhandengekommen. Um Mansers Einsatz zu würdigen, entschloss ich mich, einen Film über ihn zu machen. Für die Recherche und während der Dreharbeiten habe ich selbst mehrere Monate im Urwald gelebt, bin Mansers Spuren gefolgt. Nomaden wie die Penan leben heute ein sehr einfaches Leben in rudimentären Siedlungen. Es fehlt ihnen an Geld und Perspektiven – aber nicht am Sinn für Gemeinschaft. Als wir nach einem langen Drehtag alle zusammen am Lagerfeuer saßen, ging es irgendwann um die große Frage, was ein erfülltes Leben bedeutet. Während ich und mein Team an Selbstverwirklichung, an eine Familie oder an ein eigenes Haus dachten, ging es den Penan einstimmig um das Wohl der Gemeinschaft. Die Geschichte von und über Manser zeigt im Grunde genommen die Mentalität, die uns Individualisten heute fehlt: Einer für alle und alle für einen.

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