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Was ist die Zukunft des Journalismus?

Als das Internet zur Jahrtausendwende richtig groß wurde, prophezeiten Medienwissenschaftler den baldigen Tod des klassischen Journalismus. 20 Jahre später kann davon zwar keine Rede sein, die Transformation ist aber trotzdem in vollem Gange. Schreiben Sie uns, was für Sie guten Journalismus von morgen ausmacht und von wem er gemacht werden sollte.

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Heribert Prantl, Journalist, Kolumnist und Autor

Raum für neues Denken

Es wäre bitter, wenn das Wort Zukunft zum Drohwort würde. Der Niedergang des Journalismus, den manche vorhersagen, kommt ja nicht schicksalshaft auf uns zu. Zukunft ist nichts Festgefügtes. Für gute Veränderung zu werben, ist die demokratische Aufgabe von Journalismus. Presse in allen ihren Erscheinungsformen ist das Forum dafür, über die Zukunft der Gesellschaft zu diskutieren. Wir brauchen eine neue Utopie. Das ist wichtig für die Zukunft unserer Gesellschaft. Seitdem nach 1990 der Tod der Utopien verkündet wurde, erleben wir den Aufstieg des extremistischen Populismus und der politischen Dummheit. Die Menschen spüren, wie sich der innere Zusammenhalt der Gesellschaft auflöst. Und weil es noch keine neuen großen Ideen gibt, suchen die Menschen im Abfall der Geschichte nach den alten. Das ist ein Grund für die neuen politischen Schwarzmarktfantasien. Was hilft dagegen? Es hilft Denken. Und das Denken braucht den Raum, in dem man es ausbreiten kann. Diesen Raum bietet die Medien. Daraus folgt: Das beste Rezept für ihre gute Zukunft ist verlegerische und journalistische Leidenschaft. Natürlich hat das Internet viel verändert. Aber ein Journalismus, der Angst vor Veränderungen hätte, wäre erbärmlich. Pressefreiheit braucht Journalisten, die neugierig, unbequem, urteilskräftig und integer sind. Ein solcher Journalismus wird das böse Wort von der Lügenpresse abschütteln. Die Zukunft des Journalismus liegt im Journalismus.

Christopher Buschow, Juniorprofessor für Organisation und vernetzte Medien, Bauhaus-Universität Weimar

Organisierte Vielfalt

Als Organisationsforscher interessiert mich vorrangig, wie journalistische Zusammenarbeit funktioniert. Die klassische Redaktion, die mehr als 100 Jahre der vorherrschende Arbeitsort des Journalismus war, ist heute ein Auslaufmodell. Ihre Kostenstruktur passt nicht mehr zu den stark gesunkenen Erlösmöglichkeiten im digitalen Journalismus. Es ist absehbar, dass sie bald nur noch als Ausnahme fortbestehen wird – dort, wo man sie sich weiterhin leisten kann und will. An die Stelle der konventionellen Redaktion tritt eine Vielzahl und Vielfalt anders organisierter Produktionsstätten. Die Riff Reporter etwa entwickeln eine genossenschaftliche Gründungsinfrastruktur für ihre mehr als 100 beteiligten Journalisten – eine Plattform als Verlag für das 21. Jahrhundert. Das gemeinnützige Science Media Center Germany produziert selbst keine journalistischen Endprodukte, sondern unterstützt den Journalismus durch Dienstleistungen und Technologieentwicklung – und kompensiert damit in den letzten Jahren entstandene Defizite. Rechercheverbünde wie die Panama Papers schaffen den Handlungsrahmen für grenzüberschreitenden investigativen Journalismus – und verhelfen so Recherchen zu globaler Wirkkraft. Diese Beispiele deuten an, wie der Journalismus in Zukunft organisiert werden kann. Sie geben Hoffnung, verlässliche Organisationsformen zu finden, die den Journalismus auch künftig in einer Qualität ermöglichen, die wir uns als Gesellschaft wünschen.

Walter Hömberg, Leser

Der Anspruch bleibt

Neue Medien und neue Techniken verdrängen die alten Medien nicht, sondern ergänzen und verändern sie. Schon heute und noch mehr in der Zukunft haben wir nicht zu wenig Informationen, sondern eher zu viel. Gerade deshalb brauchen wir kompetente Journalisten, die die Spreu vom Weizen trennen. Sie sollten sich als Lotsen in der Informationsflut begreifen und für Orientierung sorgen. Schon im Jahre 1695 hat sich der Privatgelehrte Kaspar Stieler mit Fragen der journalistischen Qualität befasst. In seinem Buch „Zeitungs Lust und Nutz“ fordert dieser welterfahrene Mann von den Medien seiner Zeit einen engen Bezug zur Wirklichkeit: Der Journalist solle über Zustände und Ereignisse berichten, ohne überall seinen „Senf darüber her [zu] machen“. Er dürfe keine Lügen und eigene Erfindungen verbreiten, sondern nur, was „alles sich so und anders nicht begeben habe“. Er müsse „das Wichtige und Weitaussehende von Lappalien zu unterscheiden“ wissen, also die Relevanz von Nachrichten richtig einschätzen. Er hätte seine Quellen kritisch zu prüfen und „unparteyisch“ zu sein. Und er solle die Informationen in einem flüssigen, verständlichen Stil vermitteln: „Wortwandlungen oder Blumwerk gehören in die Zeitungen nicht – so wenig wie Poetische Grillen und neu erfundene Worte.“ Diese Ratschläge für guten Journalismus haben auch nach mehr als 300 Jahren nichts an Aktualität verloren.

Angela Josephs, Leserin

Ordnende Hand

Guter Journalismus zeichnet sich durch die Trennung von Nachricht und Meinung aus – das gilt auch in Zukunft. Allerdings wird die Analyse von Nachrichten wichtiger werden. Analysen, plausibel begründet, bieten Lesenden Orientierung. Es geht darum, das Bedürfnis nach Einordnung von Ereignissen zu befriedigen. Bei dem Überfluss von Meldungen auf Kanälen aller Art ist der Einzelne überfordert, zu bewerten, was substanzielle Information ist und was diese bedeutet. Zudem sind Hintergrundrecherchen, die jenseits der Tagesaktualität Zusammenhänge erläutern, wertvoll – diese Leistung kann der einzelne Lesende nicht erbringen. Last, but not least sind Geschichten von Menschen, in denen Ereignisse auf konkrete Schicksale heruntergebrochen werden, wichtig, um anonymen Geschehnissen ein Antlitz zu verleihen. Von wem diese journalistischen Formate erstellt werden sollten? Die Autoren sollten ein analytisches Vermögen besitzen, die Kodizes des professionellen Journalismus kennen und weniger an der heißen Story als an der Vermittlung von Erkenntnis interessiert sein. Ich bin überzeugt, dass Menschen dafür auch oder wieder Geld bezahlen werden. Zu viel Fake und Nonsens wird im Netz verbreitet, sodass das Bedürfnis nach Orientierung wachsen wird.

Richard Gärtner, Leser

Leuchtturm im Meer der Informationen

Guter Journalismus braucht eine hochethische Gemeinschaft, effiziente Werkzeuge und vielfältige, sichere Kanäle. Nur so kann man bei gewohnt schneller und umfassender Information dem mit den Möglichkeiten der Digitalisierung einhergehenden Vertrauensverlust in die Medien Herr werden. Journalismus darf nicht versuchen, dem Leser eine Meinung zu bilden, sondern muss ihm untendenziöse, umfassende und – soweit möglich – nachprüfbare Informationen auf verschiedenen Kanälen zur Verfügung stellen, damit er sich seine Meinung selbst bilden kann. Dazu gehört idealerweise auch eine Förderung der Medienkompetenz der Leserschaft, damit diese die Inhalte verschiedener Quellen qualifiziert beurteilen kann. Damit sind nicht nur die diversen Qualitätsmedien gemeint, sondern auch die Informationen und Meinungen aus den sehr unterschiedlich qualifizierten „Quellen“ im Internet. Auf diese Weise kann der Qualitätsjournalismus sicher noch lange eine Leitfunktion in der immer komplexer werdenden Medienlandschaft behalten. Allerdings sollten dazu die Leserbedürfnisse auch nicht Moden oder artfremden Verhaltensweisen, etwa aus dem Marketing, untergeordnet werden. Exemplarisch seien nur zwei Beispiel dafür genannt: die zunehmende Verwendung des Präsens bei Prozessen in der Vergangenheit sowie die „Leserbindung“ dergestalt, dass das im Titel genannte Thema erst im letzten Drittel des Artikels wirklich angesprochen wird.

Andreas Last, Leser

Bedrohtes Kulturgut

In meiner Kindheit habe ich meinen Vater immer dabei beobachtet, wie er am Samstagmorgen hinter seiner Zeitung und nach dem Frühstück in seiner eigenen Welt verschwunden ist. Heute weiß ich, dass er in Welten wanderte, die andere für ihn gezeichnet haben. Menschen in Wort und Schrift zu erreichen, war seit Anbeginn der Zeit jenen vorbehalten, die Macht hatten und diese durch das Privileg der Kommunikation sogar noch steigern konnten. Über Jahrhunderte hat sich dieses Privileg gewandelt und der Journalismus entstand. Mit der Möglichkeit, Dinge anzusprechen, war man in der Lage, das Machtgefüge zu beeinflussen, indem man Informationen streute und die Wahrheit ans Tageslicht brachte und bis heute bringt. Mittlerweile kann jeder Dinge ansprechen und durch das Internet viele Menschen erreichen. Das Problem ist nur der Wahrheitsgehalt. Leider weigern sich Plattformen, die sich auf Meinungsfreiheit berufen, ihrer Pflicht nachzukommen, Kommentare auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Ohne, dass sich Unternehmen dieser Pflicht stellen, sehe ich die Zukunft des Journalismus arg bedroht.

Tanjev Schultz, Professor für Journalistik, Johannes-Gutenberg- Universität Mainz

Die Welt ergründen

Im Zeitungskopf des Berliner „Tagesspiegel“ steht ein großer Leitsatz: Rerum cognoscere causas. Das bedeutet: die Ursachen der Dinge erkennen, den Dingen auf den Grund gehen. Sind die Journalisten übergeschnappt? Wollen sie den Doktor Faust spielen? Allerdings: Was wäre der Journalismus ohne ernsthafte Wahrheitssuche? Was wäre er ohne das wahrhaftige Bemühen um treffende Beschreibungen und Erklärungen? Ein trostloses, sogar gefährliches Treiben, das wäre er. Journalisten dürfen nicht so tun, als seien sie in einen Weisheitstopf gefallen und hätten sich in der Wahrheit gewälzt. Sie dürfen sich nicht berauschen an ihrer (angeblichen) Bedeutung. Der Presseausweis gibt ihnen keinen exklusiven Zugang zur Welt. Schon gar nicht in einer Welt, in der so viele Menschen im Internet selbst das Wort ergreifen und ihre Sicht der Dinge darlegen können. Auch guter Journalismus ist fehlbar. Dennoch würde er sehr fehlen, wenn es ihn nicht gäbe. Auch in Zukunft braucht es ihn als eine Kraft, die beharrlich berichtet, fragt und zweifelt. Als Macht, die unabhängig agiert und gegen Widerstände recherchiert. Welche Zukunft hätte der Journalismus, würde er nicht hinter die Kulissen blicken? Welche Berechtigung hätte er, ließe er sich vom Glanz der Oberfläche blenden? In der digitalen Dauerkommunikation ist mehr denn je ein Journalismus gefordert, der geduldig die Welt ergründet. Bescheiden und ohne Dünkel muss er sich die höchsten Ziele setzen.

Benjamin Fredrich, Herausgeber Katapult Magazin

Wegweiser im Diskurs

Für die Zukunft bin ich optimistisch: Die Bild wird ihren Trend fortsetzen und irgendwann abkratzen, weil man für selbsterfundene Geschichten angereichert mit Stereotypen heute keine große Redaktion mehr braucht. Das können die Leute im Netz alleine und das tun auch ziemlich viele. Die sozialen Medien machen den Boulevardjournalismus insgesamt überflüssig. Promis auf der Suche nach Aufmerksamkeit brauchen die Bild heute nicht mehr. Das war vor zehn Jahren noch anders. Was bleibt also übrig? Was können die sozialen Medien nicht leisten? Saubere Recherche und journalistische Standards. Es gibt wenige Projekte, die in den sozialen Medien gestartet wurden und am Ende für verlässliche Quellen und korrekte Einordnungen abgefeiert wurden. Dass die neuen Medien erstmal sehr viele Menschen in den Diskurs geholt haben, ist ein demokratischer Fortschritt. Wie bei jedem Fortschritt gibt es aber auch Risiken und Nachteile: Die Quote der ungecheckten Infos und Falschmeldungen ist durch diese kommunikative Demokratisierung enorm gestiegen, weil nun mal jeder Klotzkopf richtigerweise was sagen oder auch ins Netz schreien darf. Guter Journalismus wird dadurch immer wichtiger. Nicht nur die Information an sich wird zukünftig nachgefragter sein, auch die gesellschaftliche Einordnung wird wichtiger, weil man im Wald der Falschaussagen von Dirk Müller, Alice Schwarzer und Ken Jebsen irgendwann wieder gesicherte Nachrichten haben möchte.

Thorsten Fabian, Leser

Gute Tradition

Guter Journalismus muss vor allem glaubwürdig sein und erzielt dies nach meiner Einschätzung durch Wahrhaftigkeit und Unabhängigkeit, sowohl wirtschaftlich als auch politisch. Außerhalb dieser Vorgaben findet schlichte Meinungsmache statt und darunter krankt unsere Gesellschaft aktuell, bemerkenswerterweise, ohne daran zu leiden. In unserer schnelllebigen Zeit genieße ich diesen Journalismus sehr traditionell mit einem Rascheln im Ohr und schwarzen Fingern und hoffe inständig, dass das noch lange so bleibt.

Uwe Möller, Leser

Schreib, was du denkst

Journalismus sollte die Meinung vieler in alle Richtungen abbilden. Jeder von uns hat eine Meinung zu irgendeinem Thema und viele hinterlassen diese mal ausführlicher, mal kurz und knackig in den sozialen Netzwerken. In Zukunft lautet die Frage: Wird Meinung von wenigen großen Firmen so beeinflusst, dass es keine Vielfalt mehr in der Meinungsbildung gibt? Journalismus sollte seine Selbstständigkeit und seine Freiheit nicht aufgeben. Unsere Gesellschaft lebt von unterschiedlichen Meinungen und entwickelt sich dadurch weiter.

Thomas Fix, Leser

Bewährte Werte

Der Journalismus kann nur überleben, wenn er sich mehr noch den Hintergründen widmet, authentisch bleibt und seriös hinterfragt. Dann haben auch Print und Radio eine Chance, zu überleben. Außerdem soll er den Blick in die Zukunft werfen und Perspektiven aufzeigen, an denen sich die Gesellschaft ausrichten kann. Weiterhin muss er den Spagat schaffen, alle Altersgruppen, Milieus und Interessen im Blick zu behalten. Der Kampf um die Demokratie wird in den kommenden Jahren sicher ein weiterer wichtiger Aspekt für die Medien sein, die sich immer mehr unterscheiden in schnelle und tiefgründige Medien. Marshall McLuhans Satz „Das Medium ist die Botschaft“ erhält dann eine so große Aktualität wie niemals zuvor.

Udo Goldstein, Leser

Mitdenken

Guter Journalismus macht einen deutlichen Unterschied zwischen der Wiedergabe von Meinungen und Inhalten und kennzeichnet dies auch. Die Inhalte sollten auf nachweisbaren Fakten beruhen. Wenn es dazu inhaltliche Einschränkungen gibt, muss das auch klar kommuniziert werden. Die Fakten-Effizienz ist im Einzelfall durch wissenschaftliche Hinterlegungen mit Links nachzuweisen. Die Pandemie hat gezeigt, dass dieser Nachweis in den seriösen Medien in aller Regel vorhanden war. Dies gilt uneingeschränkt sowohl in den klassischen Printmedien als auch in den digitalen Medien. Wobei der Unterschied zwischen Print und Digital auch darin zu sehen ist, dass umfangreiche Recherchen zu einem aktuellen Sachverhalt einen inhaltlichen Unterschied ausmachen können. Das Wichtigste bleibt aber, dass der Leser die Informationen für sich selber einordnet. An dieser Stelle entscheidet sich, ob Fake News oder Verschwörungstheorien auf einen fruchtbaren Boden fallen.

Vojislav Miljanovic, Leser

Qualität bleibt

Die einen debattieren über das Ende der gedruckten Zeitung, die anderen verteufeln alles, was digital daherkommt. Doch die Qualität des Inhalts schert sich nicht um das Medium, um den Datenträger. Die Zukunft des Journalismus ist und bleibt daher qualitativ hochwertiger Journalismus, der erläutert, einordnet, kritisch nachfragt, sich nicht einlullen lässt und überparteiisch ist – ein Leuchtturm im Meinungsmeer, ein Verteidiger der Grundrechte. Hart in der Sache, aber stets sachlich. Beleuchtet er eine Fragstellung umfassend? Macht er sich nicht gemein mit einer Seite? Werden PR-Verlautbarungen und inhaltsleeres Polit-Blabla eins zu eins wiedergegeben? Die Zukunft des Journalismus ist und bleibt Qualität. Statt zu lamentieren, dass früher alles besser war – ist Druckerschwärze an den Fingern wirklich ein must have? – nutzt der Journalismus der Zukunft die digitalen Tools für die Arbeit, um Unstimmigkeiten in Sachverhalten herauszufinden, um Zusammenhänge und Zahlungsströme zu rekonstruieren und den Mächtigen, Schummlern und Verbrechern auf die Schliche zu kommen. Die Zukunft des Journalismus ist … Journalismus.

Markus Gerlach, Leser

Täglicher Begleiter

Die Medienbranche befindet sich schon länger inmitten eines grundlegenden Wandels. Auch wenn lineare Angebote immer noch stark nachgefragt werden, nutzen gerade junge Menschen die digitalen Verbreitungswege. Die digitale Nutzung – vor allem im Bereich der Nachrichten – nimmt exponentiell zu. Die Hauptaufgabe des Journalismus von morgen wird es sein, mehr Menschen auf mehr Wegen zu erreichen und dabei gleichzeitig die journalistische Qualität zu erhalten. Große nationale und internationale Themen bleiben wichtig, Berichten über das, was die Menschen in der eigenen Region bewegt, aber wird zunehmend wichtiger. Das stärkt auch die Glaubwürdigkeit der Zeitungsmacher. Mit eigenen Recherchen immer wieder wichtige Impulse setzen und Hintergründe erläutern, das macht für mich einen guten Journalismus aus. Journalismus nicht nur als Informationsvermittler, sondern auch als Tagesbegleiter, der auf verschiedene Weise hilft, mit den unterschiedlichsten Situationen im Alltag umzugehen. Guter Journalismus analysiert, ordnet ein, hinterfragt, bietet neue Zugänge zu Themen, liefert Hintergründe und das jeden Tag aufs Neue.

Tilo Jung, Journalist und Podcaster

Schwimmen lernen

Die Zukunft des Journalismus ist ungewiss. Aber das war sie schon immer: Tageszeitung, Radio, TV schufen Umbrüche. Dann kam das Internet. Dieser Verbreitungsweg unterscheidet sich fundamental von allen bisherigen journalistischen Produktionsformen. Er hebt die kategorische Trennung von Sendern und Empfängern auf: Jeder kann nun selbst produzieren und publizieren. Dass Menschen, die nun selbst senden können, mit Skepsis auf die früheren Monopolisten blicken, ist selbstverständlich und auch gut: Entzauberung falscher Autorität hat noch nie geschadet. Für klassische Medien ist das eine ungeheure Lernprovokation. Sie müssen zeigen, dass sie mehr drauf haben. Dazu bedarf es keines besonderen Mutes, aber der ständigen Verbesserung handwerklicher Fähigkeiten: Recherche, Sprache, Gründlichkeit und Einordnung. Wer diese Fähigkeiten besitzt, kann sich als Journalist im Netz sehr gut etablieren – befreit vom traditionellen Korsett der Zeilenvorgabe, des Sendeplatzes und der Perspektivverengung. Nirgendwo lässt es sich tiefer, gründlicher und präziser eintauchen als im Ozean Internet. Ich habe mich vor acht Jahren für diesen Weg entschieden und es nie bereut. Dass in diesem Informationsozean auch Dreck und Desinformation rumschwimmen, gehört einfach dazu. Im Netz müssen wir die Auseinandersetzung mit dem Müll führen – mit neuen professionellen Werkzeugen. Wer sich da die Finger nicht schmutzig machen will, sollte über einen anderen Beruf nachdenken.

Claudia Busch, Leserin

Helfer der Demokratie

Wir brauchen Journalismus, um bei der Auswahl und Sortierung relevanter Nachrichten in Zeiten medialer Informationsflut Hilfe zu haben. Darüber hinaus ist guter Journalismus vor allem von nicht zu unterschätzender Relevanz als Basis einer demokratischen Gesellschaft, die Entscheidungen auf fachlicher Grundlage trifft. Deshalb ist es wünschenswert, dass auch Journalisten selbst und viel mehr als aktuell strenge Maßstäbe an ihre Tätigkeit anlegen: Die Prüfung von Quellen, die Nutzung von mindestens zwei unabhängigen Quellen, die strikte Trennung von Information und Meinung. Da mit modernen Medien viele Manipulationsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, muss guter Journalismus umso strengere Kriterien für die eigene Arbeit anlegen – und diese nicht aufweichen, was eine ökonomische Herausforderung sein kann. Der Boulevardjournalismus verkauft sich leider besser, sodass auch seriöse Verlage und Medienanstalten immer wieder der Versuchung reißerischer Überschriften und emotionalisierter Berichterstattung unterliegen.

Katja Gloger, Journalistin und Vorstandssprecherin Reporter ohne Grenzen

Der Wahrheit verpflichtet

Presse- und Meinungsfreiheit gehören seit 73 Jahren zu den unveräußerlichen Menschenrechten. Aus gutem Grund. Es braucht unabhängigen Journalismus für ein einvernehmliches Miteinander, für den demokratischen Diskurs und für die stete Kontrolle der Regierenden. Es ist ja kein Zufall, dass Diktatoren und autoritäre Präsidenten, Populisten und Pseudodemokraten die freie Presse mundtot machen. In vielen Ländern der Welt riskieren Journalisten ihr Leben, wenn sie ihrem Beruf nachgehen. Denn sie informieren und erklären, stellen die Zusammenhänge her, aus denen man sich eine eigene Meinung bildet. Sie stellen die wichtigen Fragen. Sie dürfen immer wieder neu zu Expeditionen in die vielfältigen Realitäten aufbrechen, aus denen das Leben besteht. Sie sind Wahrheitssammler – und müssen sich das in sie gesetzte Vertrauen immer wieder neu erarbeiten, verlässlich, verantwortungsvoll und fair. Die Zukunft dieses Berufs ist digital. Darin liegen große Chancen für Sichtbarkeit und Verbreitung, für Transparenz und die Auseinandersetzung mit eigenen Fehlern. Aber zugleich gilt es, der Versuchung zu widerstehen, den eigenen „Markennamen“ zum Maß aller Klicks und Tweets zu erheben. Unabhängiger Journalismus bleibt unverzichtbar. Und ist nicht umsonst zu haben. Als Dienstleistung für die Demokratie muss er fair bezahlt und darf niemals staatlich finanziert werden. Man muss ihn sich leisten wollen. Ein Abo ist ja auch nur einen Klick entfernt.

Jeff Jarvis, Journalist und Leiter Tow-Knight Center for Entrepreneurial Journalism, City University of New York

Zukunft beginnt jetzt

In Amerika hat der Journalismus versagt. Beweise dafür gibt es reichlich: die Wahl Donald Trumps, die lange unzureichende Berichterstattung über soziale Ungleichheit, die zunehmende Ignoranz und Feindseligkeit gegenüber Wissenschaft und Medizin bei Covid-19, das Scheitern der Nachrichtenmedien dabei, online innovativ zu sein. Aber ich bin hoffnungsvoll. Aus der Asche des alten kann ein neuer Journalismus entstehen. Ich habe für mich neu definiert, was ich unter Journalismus verstehe. Seine Aufgabe sollte sein, Gemeinschaften zu respektvollen, informierten und produktiven Gesprächen zusammenzuführen. Die Möglichkeiten dafür sind so zahlreich wie die Anforderungen: Das Internet in seinem ursprünglichen Sinn nutzen, um endlich Gespräche zu ermöglichen, in denen neben Sprechen auch Zuhören stattfindet. Auf konstruktive Weise über Themen debattieren und für Lösungen zusammenarbeiten. Menschen dabei unterstützen, sich gegenseitig besser zu verstehen und Fremde weniger fremd werden zu lassen. Ein wahrhaftigeres Abbild der Gesellschaft zeichnen. Menschen nicht als öffentliche Masse, sondern als Individuen und Mitglieder von Gemeinschaften betrachten und sie mit einer menschlichen statt einer institutionellen Stimme ansprechen. All das ist mit dem Internet möglich. Nach Gutenberg dauerte es 150 Jahre, bis Zeitungen aufkamen. Wir stehen noch am Anfang. Wir wissen noch nicht, was das Internet ist. Wir wissen noch nicht, was Journalismus sein kann.

HP Karl Dimke, Leser

Frage nach Wahrheit

Sie sagten, wir werden uns nach der Krise viel verzeihen müssen – aber warum? Haben wir uns nicht die Wahrheit gesagt? „Also, wie steht es nun um die Wahrheit?“ fragt der Künstler als Journalist. Landläufig meint man oft, etwas als wahr oder falsch erkennen zu können, aber so einfach ist es nicht. Von Aristoteles über Kant zur Kohärenztheorie, die in ihrer einfachsten Form besagt, dass die Wahrheit oder Richtigkeit einer Aussage darin besteht, ob sie sich widerspruchslos in ein System von Aussagen einfügen lässt. Der Ökonom Otto Neurath meinte einst: „Was man nicht eingliedern kann, wird als unrichtig abgelehnt. Statt die neue Aussage abzulehnen, kann man auch, wozu man sich im Allgemeinen schwer entschließt, das ganze bisherige Aussagensystem abändern, bis sich die neue Aussage eingliedern lässt.“ Wollen wir die Wahrheit verifizieren (bestimmen) – oder sie falsifizieren (einkreisen), um immer näher an die Wahrheit heranzukommen, sie aber nie direkt zu treffen. Ohne sagen zu können „Das ist wahr“, müssen wir wohl oder übel ohne die bestimmende Bedeutung der Wahrheit auskommen. In Zusammenhang mit der Frage nach Wahrheit fällt mir wieder ein: „Die Antwort ist das Unglück der Frage.“

Thomas Schulze, Leser

Schnelle Brüter

Die Zukunft des Journalismus sind die Redaktionen, die agile Produkti- onsbedingungen und eine eigene Distribution mit schlanken Kosten verbinden. Großverlage sind das Gegenteil.

Walter Hömberg, Kommunikationswissenschaftler, Leser

Lotsen der Information

Neue Medien und neue Techniken verdrängen die alten Medien nicht, sondern ergänzen und verändern sie. Schon heute und noch mehr in der Zukunft haben wir nicht zu wenig Informationen, sondern eher zu viel. Gerade deshalb brauchen wir kompetente Journalistinnen und Journalisten, die die Spreu vom Weizen trennen. Sie sollten sich als Lotsen in der Informationsflut begreifen und Orientierung geben. Schon im Jahre 1695 hat sich der Privatgelehrte Kaspar Stieler mit Fragen der journalistischen Qualität befasst. In seinem Buch „Zeitungs Lust und Nutz“ fordert dieser welterfahrene Mann von den aktuellen Medien seiner Zeit einen engen Bezug zur Wirklichkeit: Der Journalist solle über Zustände und Ereignisse berichten, ohne überall seinen „Senf darüber her [zu] machen“. Er dürfe keine Lügen und eigene Erfindungen verbreiten, sondern nur, was „alles sich so und anders nicht begeben habe“. Er müsse „das Wichtige und Weitaussehende von Lappalien zu unterscheiden“ wissen, also die Relevanz von Nachrichten richtig einschätzen. Er müsse seine Quellen kritisch prüfen und „unparteyisch“ sein. Und er solle die Informationen in einem flüssigen, verständlichen Stil vermitteln: „Wortwandlungen oder Blumwerk gehören in die Zeitungen nicht – so wenig wie Poetische Grillen und neu erfundene Worte.“ Diese Ratschläge für guten Journalismus haben auch nach mehr als dreihundert Jahren nichts an Aktualität verloren.

Claudia Busch, Leserin

Guter Journalismus ist die Basis einer Demokratie

Wir brauchen Journalismus, um bei der Auswahl und Sortierung relevanter Nachrichten in Zeiten medialer Informationsflut zu helfen. Darüber hinaus ist guter Journalismus vor allem von nicht zu unterschätzender Relevanz als Basis einer demokratischen Gesellschaft, die Entscheidungen auf fachlicher Grundlage trifft. Deshalb ist es wünschenswert, dass auch Journalistinnen und Journalisten selbst und viel mehr als aktuell strenge Maßstäbe an ihre Tätigkeit anlegen: Die Prüfung von Quellen, die Nutzung von mindestens zwei unabhängigen Quellen, die strikte Trennung von Information und Meinung. Da mit modernen Medien viele Manipulationsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, muss guter Journalismus umso strengere Kriterien für die eigene Arbeit entwickeln. Und diese nicht aufweichen, was eine ökonomische Herausforderung sein kann. Der Boulevardjournalismus verkauft sich leider besser, so dass auch seriöse Verlage und Medienanstalten oftmals der Versuchung reißerischer Überschriften und emotionalisierter Berichterstattung unterliegen.

Michael Ehrmann, Dipl.-Ing.

Ohne Journalismus kein intelligentes Leben

Der Journalismus wird uns auch ohne bedrucktes Papier die Denkanstöße geben, die wir als Hirnnahrung brauchen werden

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Wie digitalisiert man eine Schule?

Satte fünf Milliarden Euro an Fördergeldern stellte die Bundesregierung im Rahmen des Digitalpakts Schulen vor anderthalb Jahren zur Verfügung, abgerufen wurde davon bisher nur ein Bruchteil. Geld scheint also nicht das Problem bei der schleppenden Digitalisierung der Schulen zu sein. Aber was braucht es dann? Erzählen Sie uns, wie Sie den Prozess voranbringen würden.

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Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik, Universität Augsburg

Fallstricke der Ferne

Aktuell werden Lernende weltweit im Fernunterricht beschult und es wird heftig über die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme diskutiert. Aus pädagogischer Sicht stellt sich vor allem die Frage: Kann Fernunterricht gelingen? Damit nicht Mythen dominieren, ist der Blick auf die Empirie unerlässlich. Die Studie „Visible Learning“, die größte Synthese an Ergebnissen der Bildungsforschung, berichtet einen geringen Effekt auf die Lernleistung und belegt: Präsenz ist besser als Distanz. Aber die Empirie zeigt auch: Fernunterricht kann gelingen und ein Notprogramm sein, wenn bestimmte Aspekte berücksichtigt und Fallstricke vermieden werden. Die Technik ist dabei nicht das Entscheidende, sondern nur Mittel zum Zweck. Allen voran brauchen Lernende ein hohes Maß an Selbststeuerung – leider stand das bisher nicht im Zentrum des Bildungssystems. Sodann erfordert Fernunterricht Regeln und Rituale, Klarheit in der Zielsetzung und den Arbeitsaufträgen, umfassende Feedbackschleifen, Kooperation und Austausch zwischen allen Beteiligten. All das ist wichtig, weil Lernende und Lehrende sich nicht unmittelbar sehen können. Die Anforderungen an einen gelingenden Fernunterricht sind hoch. Wünschenswert wäre daher eine ministerielle Unterstützung nicht nur auf technischer Ebene, sondern auch auf inhaltlicher, damit nicht jede Schule das Rad der Digitalisierung neu erfinden muss. Lernende bekämen so Halt in dieser Notlage und Eltern eine ebenso wichtige Entlastung.

Walter Scharl, Leser

Auf die Füße stellen

Die Digitalisierung bayerischer Schulen krankt an zwei Stellen. Problem eins: die Finanzierung des Sachaufwands durch die Kommune sowie Vorgaben wie Lehrpläne, Dienstanweisungen und Schulordnungen durch den Freistaat. Problem zwei: Jede Schule soll ein eigenes Digitalisierungskonzept aufstellen, dabei fehlen dafür sowohl klare Zielvorgaben durch das Ministerium als auch gleichmäßig verteilte Fachkompetenz in den Lehrerkollegien. Lösung: Notwendig wäre eine Finanzierung des gesamten Sachaufwands durch den Freistaat, um eine einheitliche Ausstattung aller Schulen zu erreichen. Die unterschiedlichen Vergaberichtlinien der Kommunen bremsen nicht nur das Vorhaben, sondern verwandeln es in einen Flickenteppich. Das Ministerium muss klare Ziele vorgeben: Jeder Schüler und jede Lehrkraft erhalten einen Laptop mit einheitlicher Konfiguration. Eine zentrale Ausschreibung garantiert die gleiche Ausstattung an allen Schulen und erleichtert auch die Wartung. Die Datenleitungen müssen für den enormen Datentransfer nach einheitlicher Vorgabe ertüchtigt werden. Alle Lehrkräfte müssen verpflichtend fortgebildet werden, um den digitalen Unterricht in die Tat umsetzen zu können. Dies kann nicht der einzelnen Lehrkraft überlassen werden. Software muss von renommierten Firmen erstellt werden, um Pannen zu vermeiden. Die Software-Ersteller brauchen von vornherein klare Vorgaben, die nicht nachträglich wieder geändert werden dürfen.

Ilka Hoffmann, Leiterin des Organisationsbereichs „Schule“, Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW)

Noch kein Land in Sicht

Zusätzliche 500 Millionen Euro für die IT-Administration an den Schulen – das hört sich zunächst einmal gut an. Aber der Teufel steckt wie immer im Detail. Bislang ist an den Schulen noch nicht viel von der Unterstützung durch zusätzliche IT-ler zu spüren. In manchen Fällen werden sich Land und Kommunen nicht über die Finanzierung einig, anderswo gibt es keine Fachleute, die für die Stellen infrage kommen. Und wenn es tatsächlich kommunale Administratoren gibt, kommt es nicht selten zu Verständigungsproblemen: Die IT-Experten kennen sich mit IT aus, aber nicht mit Pädagogik. Und die Lehrkräfte stellen pädagogische Anforderungen an Endgeräte und Tools, die nicht immer zu erfüllen sind. Einstweilen arbeiten meist technisch versierte Lehrkräfte nebenbei als Administratoren. Zusätzlich geben sie Unterricht und führen Gespräche mit Eltern und Lernenden. Diese Aufgaben sind für die Lehrkräfte kaum zu stemmen. Es reicht nicht, digitale Endgeräte zu haben, diese müssen auch eingerichtet und gewartet werden. Das Personaltableau der Schulen war und ist auf diesen durch die Pandemie beschleunigten digitalen Ausbau nicht ausgelegt. Die Probleme müssen dringend gemeinsam mit den Schulen analysiert und gelöst werden. Die Schulen halten die Bildung mit Bordmitteln am Laufen. Jetzt muss Politik die Schulen auf allen Ebenen tatkräftig unterstützen.

Thomas Gottfried, Leser

Sozial vor digital

Eine Schule ist nie digitalisierbar, weil darin Menschen analog zusammen leben und lernen. Man kann aber Rahmenbedingungen schaffen, damit Kinder und Jugendliche die Kompetenz erwerben, souverän mit digitalen Medien umzugehen. Hierzu braucht es ein vorrangiges Bedürfnis in unserer Gesellschaft, sodass die Bildungspolitik diese Aufgabe den Schulen über die Lehrerbildung und die Lehrpläne überträgt. Digitalisierung von Schule ist natürlich ein aktuelles Thema, steht auf der bildungspolitischen und schulpädagogischen Agenda aber nicht ganz oben. Die Schulleistungsstudien IGLU, PISA und TIMSS weisen auf noch drängendere Aufgaben für Schulen hin: Das Leistungsniveau in Deutsch, Mathematik und Naturwissenschaften muss gesteigert werden und Chancengleichheit für alle Schüler unabhängig von Geschlecht sowie nationaler, sozialer und wirtschaftlicher Herkunft gewährleistet sein. Noch vor einer digitalisierten Schule braucht es eine menschliche und soziale Schule, die alle Kinder und Jugendlichen begabungsgerecht fördert und fordert.

Christian Theilen, Leser

Ein Level höher

Als Plattform kommt für die Masse an Schülern nur die Public Cloud infrage. Bei manchen Anbietern gibt es das Konzept der Regionen: Die Daten könnten datenschutzkonform in Deutschland gespeichert werden, ohne Verbindung ins Ausland. Schüler und Lehrer können eigene Geräte verwenden und nicht-private Inhalte mithilfe von Container-Software verschlüsseln und absichern. Lerninhalte sind heute überwiegend auf Bücher zugeschnitten. Davon sollte man sich lösen und Formate wie Videos, interaktive Bereiche, Hörbeiträge und Online-Recherchen einbinden. Computer, Tablets und Smartphones sind die Werkzeugkoffer, Apps die Werkzeuge und das Internet ein gigantischer dynamischer Speicher an Wissen. Der kritische und kenntnisreiche Umgang damit sollte erstes Lernziel sein – und die Basisgrundlage jedes Lehramtsstudiums, denn man muss die Grundlagen des Internets einfach verstehen, damit man dessen Vorteile auch sinnvoll mitgestalten kann. Eine weitere Perspektive bildet auch die Loslösung vom starren Präsenzunterricht hin zu offeneren Formen der Unterrichtsgestaltung: Stichwort Distanzunterricht. Digitalisierung ist nicht nur Technik, sondern in erster Linie die Chance, Prozesse und Inhalte zu optimieren und auf ein höheres Niveau als heute zu bringen.

Mandy Schiefner-Rohs, Professorin für Schulpädagogik, Technische Universität Kaiserslautern

Mitten im Kulturwandel

Eines ist während der Schulschließungen deutlich geworden: Schule ist mehr als Unterricht, Lehrer wie Schüler vermissen das Soziale der Schule. Bisher traf man sich zu Unterricht, Arbeitsgemeinschaften oder Elternabenden persönlich oder zu Dienstkonferenzen im Lehrerzimmer. Schulveranstaltungen fanden auf dem Schulgelände statt. Kommunikationsmittel waren Schwarze Bretter oder Elternbriefe, dienstliche Mailadressen von Lehrkräften nicht Usus. Diese Kommunikations- und Interaktionsformate haben sich nun im Eiltempo verändert: von Videokonferenzen über soziale Medien bis hin zum Materialaustausch über digitale Medien. Dabei tritt deutlich zutage, dass solche Interaktionsformen Teilhabemöglichkeiten verbessern können, etwa die Kommunikation mit Schülern oder Eltern über soziale Medien vereinfachen oder die Teilnahme an Schulveranstaltungen durch Online-Angebote breiteren Gruppen ermöglichen. Gleichzeitig zeigen sich auch Limitationen: Klassenfahrten, Schulfeste oder Arbeitsgemeinschaften fallen immer noch aus und können eben nicht durch digitale Formate aufgefangen werden. Somit ist es wichtig, im aktuellen (kulturellen) Transformationsprozess nicht nur Unterricht, sondern alle Funktionen von Schule in den Blick zu nehmen. Denn die eigentliche Herausforderung liegt nicht in der Integration digitaler Technik, sondern in der Veränderung der „Grammatik“ von Schule, also ihrer sozialen, strukturellen und auch kulturellen Bedingungen.

Gundi Günther, Leserin

Wir helfen mit

Vielleicht könnte man ein Schulprojekt mit externer Expertenbeteiligung daraus machen und in diesem Rahmen nach freiwilligen Ehrenamtlern suchen. Menschen, die sich gern engagieren, in ihrem Arbeitsleben vielleicht mit dem Antragswesen zu tun hatten, heute als Rentner über Zeit verfügen und Lust auf eine neue Herausforderung haben, gern helfen und sich einbringen würden. Für meine baldige arbeitsfreie, dann quasi selbstbestimmte Zeit als Rentnerin hatte ich, bedingt durch meine drei Enkelkinder, schon solch eine Idee, mich vielleicht im Ehrenamt sinnvoll zu engagieren.

Birgit Scholz, Leserin

Fokus aufs Lehren

Eine digitalisierte Schule funktioniert nur, wenn sich die Lehrer auf ihre Kernaufgabe konzentrieren können. Immer mehr Evaluierungen, Konzepte und Dokumentationen werden an sie delegiert. Alles Dinge, die in der Theorie entstanden sind und in der Praxis wenig Nutzen stiften, aber viel Zeit kosten. Vielleicht sollte auch die Stelle eines Klassenmanagers geschaffen werden, der für einen Jahrgang zuständig ist und Verwaltungsaufgaben, die bisher an den Klassenlehrern hängen bleiben, übernimmt. Dann haben die auch die Zeit, sich in Ruhe mit digitalen Tools zu beschäftigen. Viele Vorbehalte, die durch die zwangsweise Digitalisierung aufgekommen sind, ließen sich so abbauen.

Matthias Schellenberger, Leser

Mit Plan und Geduld

Zunächst die Grundlagen: Digitalisierung der Schule bedeutet WLAN, Whiteboard sowie mobile Endgeräte in der Schule und für jeden Schüler zu Hause, aber auch die Präsentation digitaler Inhalte, digitale Kommunikation und Distanzunterricht. Dafür müssen die Bedarfe bei Hardware, Software und Lizenzen ermittelt und technische Voraussetzungen, Stichwort Breitbandverbindung, geschaffen werden. Mit Fördergeldern können schon mal Hardware und Beratungsleistungen bezahlt werden. Für die Planung braucht es engagierte Lehrer, unabhängig von Alter und Affinität zu neuen Medien, die mit der Schulleitung ein Projekt-Team bilden und sich regelmäßig treffen, um den Digitalisierungsprozess steuern zu können. Auch interessierte Schüler sollten mit ins Boot genommen werden. Kontakte oder Kooperationen mit Schulen, die in Sachen Digitalisierung als Best-Practice-Beispiele gelten, bieten Orientierung – nicht jede Schule muss jede Erfahrungen selbst machen. Und da Schulen den digitalen Wandel nicht allein schaffen, sollten sowohl die Eltern als auch die lokale Politik miteinbezogen werden. Externe IT-Berater mit Erfahrung in digital gestütztem Lernen helfen bei der Umsetzung von Maßnahmen. Am Ende steht und fällt das Vorhaben mit dem Kollegium. Die Lehrkräfte müssen intern wie extern Schulungsangebote erhalten, benötigen Anleitung für die Umstellung auf digitale Schule im Alltag und Hilfe beim Abbau von Angstschwellen. Das alles braucht Zeit.

Manfred Witten, Leser

Von Beginn an digital

Als erste Maßnahme sollten alle Lehrkräfte einer verbindlichen Fortbildung unterzogen und mit einem Digital-Führerschein ausgestattet werden. Die Lehramtsstudierenden müssen in ihrem Studium eine adäquate und verpflichtende Lehrveranstaltung mit Leistungsschein nachweisen. Jede Schule muss Zugriff auf einen IT-Fachmann haben, der vom Schulträger bezahlt und bestellt wird. Die zumindest in Sachsen gängige Praxis, eine Lehrkraft mit drei Abminderungsstunden vom Unterrichtsdeputat dafür zu verpflichten, ist keine Lösung für die vielen auftretenden Probleme, die meist ad hoc behoben werden müssen. Dass jede Schule ein umfangreiches Konzept zur Digitalisierung ausarbeiten muss, sollte meiner Meinung nach der Vergangenheit angehören. Eine Schule benötigt vor allem ein stabiles und schnelles WLAN in jedem Winkel des Schulgebäudes. Schulbuchverlage müssen ihre Lehrbücher digitalisieren. Die Schulen erwerben dann, ähnlich wie die öffentlichen Bibliotheken, die notwendigen Lizenzen für die Übernahme auf die eigene Hardware. Außerdem bekommt jeder Schüler bereits ab der ersten Klasse ein robustes und aufrüstbares Tablet mit Open-Source-Betriebssystem und Open-Source-Software. Denn beim digital gestützten Lernen muss das Prinzip der Lernmittelfreiheit gelten.

Tim Engartner, Mitglied des Direktoriums Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung, Goethe-Universität Frankfurt/Main

Mehr als moderne IT

Wenn uns Bildungspolitiker glauben machen wollen, mit dem milliardenschweren Digitalpakt Schule sei der Weg aus der Bildungsmisere gefunden, irren sie. Schon jetzt surfen Jugendliche hierzulande durchschnittlich knapp 3,5 Stunden täglich im Internet – Tendenz steigend. Analoge Kommunikation und die Ausbildung von kritischem Medienbewusstsein fallen unter den Tisch, während die Digitalkonzerne ihre Marketingaktivitäten im einst werbefreien Erfahrungs-, Schutz- und Sozialisationsraum namens Schule entfalten. Denn natürlich verkaufen diese ihre Hard- und Software dort nicht nur mit dem Ziel, sich langfristige Wartungsverträge und kurzzyklische Neuanschaffungsintervalle zu sichern. Zugleich zielen sie auf die Konsumgewohnheiten der Kinder im Klassenzimmer. Der „digital turn“, der nach den Erfahrungen mit dem Corona-Lernen mit Verve umgesetzt werden wird, droht zum trojanischen Pferd zu werden. Wir untergraben das finanzielle Fundament unseres Bildungssystems, wenn wir Unternehmen mit großzügigen Aufträgen bedenken. Wollen wir wirklich US-amerikanische Digitalkonzerne aus unseren Steuereinnahmen finanzieren, die seit Jahren ihre Steuerlast mittels ausgeklügelter Sparmodelle drücken? Um zu erfolgreichen Bildungsnationen aufzuschließen, braucht es mehr als moderne IT. Die weltbesten Schulen verfügen über eigene Bibliotheken, Theater, Sportstätten und Gärten. Das sollten wir bei aller Digitalisierungseuphorie nicht vergessen.

Christian Rose, Leser

Ohne Umwege

Wenn alles erst mit einem Antrag um Fördermittel beginnt, scheint es nicht zu funktionieren. Was aber, wenn die finanziellen Mittel den Schulen direkt und ungefragt zur Verfügung gestellt werden? Die Schulen müssen dann erst später aufzeigen, wie diese eingesetzt wurden. Mit dem Geld vor der Tür kann dann keiner klagen, es hätte an der fehlenden Finanzierung gelegen. Die Einbeziehung von Schülervertretern und der Elternschaft kann hilfreich sein, um etwas Druck von unten aufzubauen. Nach der Umsetzung wird der digitale Fortschritt evaluiert und je nach Erfolg bekommt die Schule weitere Mittel zugewiesen, quasi als großen oder kleinen Bonus.

Udo Beckmann, Bundesvorsitzender Verband Bildung und Erziehung (VBE)

Wandel braucht Zeit

In allen Lebensbereichen nutzen wir ganz selbstverständlich die Annehmlichkeiten, welche die Digitalisierung mit sich bringt. Dort, wo das digitale Angebot im Vorteil ist, wird es eher genutzt als das analoge. Genau das wünschen wir uns auch für die Schule. Wo der Einsatz digitaler Endgeräte einen Mehrwert hat, sollte es möglich sein, diese zu nutzen. Damit sich Lehrkräfte ganz alltäglich digitaler Methoden bedienen können, bedarf es jedoch zweierlei: zum einen müssen sie und ihre Schützlinge ausgestattet werden. Hier bringt die aktuelle Krise einen Ausstattungsschub – aber wohlgemerkt keinen Digitalisierungsschub. Denn den wiederum kann es erst geben, wenn auch dafür gesorgt wird, dass der Umgang damit flüssig, auf pädagogischer Basis und rechtlich sicher geschieht. Und so braucht es zum zweiten eine Fortbildungsoffensive. Nicht an alten Computern, die selbst Windows 95 verweigern, sondern mindestens in Blended Learning, also einem guten Anteil E-Learning, müssen die Lehrkräfte selbst die Vorteile spüren können. Denn immer noch gilt: Für einige ist das Internet Neuland, für andere das Handy nur ein Freizeitbegleiter. Hier einen Wandel im Denken hinzubekommen, geht aber schneller, als manche Unkenrufer ihre Vorurteile aufwärmen können. Wichtig ist, jetzt nicht von Null auf 200 gehen zu wollen. Ja, die Zeit drängt. Trotzdem müssen wir sie uns nehmen, um mit guter Vorbereitung neue Wege auszuprobieren.

Joachim Paul, Medienpädagoge und Blogger

Labore der Zukunft

„Lernen ist Vorfreude auf sich selbst.“ Der Aphorismus von Peter Sloterdijk beschreibt das schöne Gefühl einer Zukunftserwartung. Vorfreude auf das, was ich noch nicht, aber vielleicht sehr bald kann. Die freudige Vorahnung von dem, was mir einmal möglich sein wird. Schule sollte der Ort sein, an dem diese Vorfreude zum Schwingen gebracht wird. Und weiter noch: Sie sollte – nimmt man das „wir“ hinzu – ein Labor für die Gesellschaft von morgen sein, in dem mit Lust und Erkenntnisgewinn experimentiert werden kann. Ach, wenn es doch nur so wäre. Denn damit dies möglich wird, müssen sich Schulen verwandeln – von Inseln, die sie leider immer noch sind, zu Knoten im Netz. Dazu bedarf es einer digitalen Bildungsinfrastruktur aus horizontal miteinander verknüpften Medien- und Methodenregal-Servern, Kommunikationskanälen, realen und virtuellen Lernräumen, in denen gemeinsames Wahrnehmen und Handeln gleichermaßen stattfinden kann. „Heute fotografieren wir, malen ein Bild, lesen einen Text, machen ein Experiment, drehen einen Film und erzählen dazu eine Geschichte ...“ Politiker wissen, was dazu notwendig ist, theoretisch. Aber Politik ist vertikal organisiert. Um Schulen zu Laboren und Knoten im Netz zu machen und diese Prozesse zu moderieren, muss Politik lernen, horizontal und in Netzen zu denken. Der Lockdown hat gezeigt, dass viele Lehrkräfte das schon können. Man muss nur den Mut haben, zu fragen, was sie wirklich brauchen.

Julian Becker, Leser

Wille und Motivation

Die Devise lautet: weniger quatschen, mehr machen, wie in anderen Lebensbereichen auch. Wenn es darum geht, in der digitalen Gegenwart anzukommen, dann braucht man Lernwille, Motivation und den Wille zum Schaffen. Wenn das in einer Schule fehlt, kann man sie gleich zumachen, weil Schüler unterrichten ist dann offensichtlich auch nicht die Kernkompetenz.

Julia Gruber, Leserin

Aus der Not geboren

In den letzten Monaten haben viele Schüler und nicht zuletzt auch deren Eltern das Lernen neu gelernt, neu lernen müssen. Homeschooling ist für viele mittlerweile ein Reizwort. Als Elternteil muss man Strukturen für erfolgreiches Lernen schaffen und diese aufrechterhalten. Neben Beruf und Haushalt kann ich mich zum Glück auf motivierte und motivierende Lehrkräfte verlassen. Erklärvideos, Arbeitsblätter und Videokonferenzen bestimmen den Tagesablauf und Schulstunden fallen aus, wenn der Schulserver in die Knie geht. Corona legt einige der Defizite des Bildungssystems offen bei der digitalen Infrastruktur, der technischen Ausstattung und auch bei der fehlenden Fortbildung von Lehrern. Es bleibt zu wünschen, dass die Digitalisierung im Unterricht mehr Raum einnimmt und den Geschmack einer Notlösung verliert.

Christoph Klimmt, Professor für Kommunikationswissenschaft, Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover

Ertrag vs. Aufwand

Schulisches Lernen lässt sich psychologisch als lange Reihe von Denkaufgaben der Sorten Verstehen/Verknüpfen, Memorieren/Trainieren und Anwenden/Produzieren begreifen. Solche Aufgaben sinnvoll zu planen, stellt schon seit analogen Zeiten eine sehr anspruchsvolle Wissensarbeit von Lehrkräften dar, weil die Schülerinnen und Schülern in jeder Klasse so unterschiedlich sind. Angesichts dieser Komplexität werden Lehrkräfte ihren Alltagsbetrieb nur digitalisieren, wenn sie darin einen sicheren pädagogischen Mehrwert erkennen – den sie mit machbarem Aufwand erreichen können. Ohne reibungslos funktionierende digitale Infrastruktur, um die sich jemand anderes als man selbst kümmert, fehlt jedoch oft diese Machbarkeit. Im Corona-Schuljahr bewegt sich gleichwohl vieles im Bereich Digitales. Gerade für „Memorieren“ und „Anwenden“ eignen sich Smartphones und Co. hervorragend. Gegenwärtig sehe ich jedoch die Herausforderung vor allem darin, den analogen Unterricht zur Stärkung des sozialen Miteinanders einzusetzen. Nur wenn sich Schülerinnen und Schüler positiv als Gruppe erleben, bringen sie auch die Energie auf, sich – auch daheim und digital – mit dem Lernstoff zu befassen. Für die Home School sind viele digitale Methoden hilfreich, aber nur, wenn sich Lehrkräfte im analogen Unterricht zuerst um die sozialen und emotionalen Belange ihrer Schülerinnen und Schüler kümmern.

Marie Wolfbauer und Ulrike Dietrich, Mitarbeiterinnen beim UfU e.V., Leserin

Mit außerschulischen Bildungspartner*innen

Digitales Lernen und außerschulische Bildungspartner*innen passen gut zusammen, finden wir. Besonders momentan verlangt Corona den Lehrenden viel ab, wenn es darum geht die standardisierten Schulfächer ins Onlineformat zu übersetzen. Denn neben dem Erlernen neuer Inhalte aus den Schulfächern Mathe, Deutsch und Geographie ist es ebenso wichtig, dass die Schüler*innen ihre eigene Lebenswirklichkeit, die Auswirkungen ihrer alltäglichen Handlungen und aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen kritisch reflektieren können. So auch im Bereich Umwelt und das sich verändernde Klima, denn es betrifft diese Generation von Anfang an. Warum dann nicht auch diese Inhalte mehr in den Unterricht einbinden? Genau hier können außerschulische Partner mitwirken. Deshalb ist unsere Antwort bei SMART macht Schule auch, neben der technischen Ausstattung von Smart-Metern an Schulen mit Solaranlagen, Lernmaterialien zu entwickeln und die Lernmodule in einer App den Lehrenden ganz einfach zur Verfügung zu stellen. In unserem Projekt erhoffen wir uns davon bspw. eine erhöhte Auseinandersetzung mit dem Thema Energie, Sonnenenergie, den kleinen Energiefresserchen und Energieeinsparungsmöglichkeiten im Alltag. Gleichzeitig ist es uns ein Anliegen das technische Know-how der Schüler*innen zu fördern, indem sie auch ganz praktisch mit smarter Energietechnik umgehen lernen.

Michael Ehrmann, Dipl.-Ing.

Ohne engagierte Eltern geht nichts

Engagierte Eltern müssen den Lehrern und Schlulleitern bei der Digitalisierung beistehen

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Wer elektrisiert den Verkehr?

Eine Million Ladesäulen soll das Bundesverkehrsministerium bis 2030 realisieren, beschloss das Klimakabinett im Herbst 2019 – also etwa 100.000 Stationen pro Jahr. In 2020 sind allerdings gerade mal gut 3.200 neue Ladesäulen ans Netz gegangen. Richtig rund läuft es mit der Elektrifizierung also noch nicht. Verraten Sie uns, wer hier Abhilfe schaffen könnte.

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Adina Vălean, EU-Kommissarin für Verkehr

Zusammen ans Ziel

Auf diese Frage gibt es nur eine Antwort: Wir alle werden es tun. Sie, die Leser dieses Magazins, wenn Sie ein Elektroauto benutzen. Ich, die EU-Verkehrskommissarin, bei der Überarbeitung der Richtlinie zum Aufbau der Infrastruktur für alternative Kraftstoffe im Laufe dieses Jahres. Die Autoindustrie, indem sie zuverlässige Elektrofahrzeuge auf den Markt bringt. Die lokalen Behörden, indem sie in saubere Busflotten für ihre Städte investieren. Die nationalen Behörden, indem sie gemeinsam mit Energieversorgern, Transporteuren, Innovatoren, Bankern und vielen anderen die Ladeinfrastruktur aufbauen. Die Liste ist lang und führt uns zur Frage, wie wir den Verkehr elektrifizieren werden. Was muss zuerst kommen: die Infrastruktur oder mehr Elektrofahrzeuge? Meine Antwort lautet: beides. Und zwar gleichzeitig und gleich schnell. Wir sind entschlossen, bis 2025 in der EU mindestens eine Million öffentliche Ladestationen einzurichten. Wir legen aber nicht nur die Ziele auf den Tisch, sondern auch die Finanzierung durch verschiedene Instrumente. Das kann in Verbindung mit Gesetzesänderungen, wie der Überarbeitung der CO2-Standards für Pkw und Kleintransporter, dazu führen, dass wir bis 2030 mindestens 30 Millionen emissionsfreie Autos auf der Straße haben. Die Elektrifizierung ist eine der größten Herausforderungen, mit denen wir je konfrontiert wurden, aber sie ist definitiv eine, die wir bewältigen können, wenn wir alle zusammenarbeiten.

Stefan Bratzel, Direktor Center of Automotive Management (CAM), Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW) Bergisch Gladbach

Mehr Elektro wagen

Das Mobilitätssystem ist derzeit im Wandel. Zum einen befinden wir uns in einer Phase der Dekarbonisierung zugunsten des Klimas, zum anderen ist Multimodalität gefragter denn je. Das bedeutet, dass wir für verschiedene Wege zunehmend verschiedene Verkehrsträger nutzen. Dieser Mix aus Mobilitätsmöglichkeiten bietet viel Potenzial, birgt aber auch Chaos. Gerade in Städten brauchen wir daher eine politische Orchestrierung. Außerdem ist ein Wechsel hin zu umweltfreundlicheren Verkehrsträgern notwendig. Dabei war das Jahr 2020 ein Wendepunkt für die Elektromobilität, denn die Zahl der Neuzulassungen von E-Autos hat sich im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht. Aktuell liegen wir bei 13,5 Prozent. Damit die Zahlen auch 2021 weiter steigen, muss die Politik noch mehr in landesweite Schnell- und Normalladestationen investieren und für deren ständige Verfügbarkeit sorgen. Die Bonus-Malus-Rechnung sollte dabei noch höher werden: Während die Kosten für E-Autos weiter sinken, müssen die Kosten für Autos mit Verbrennungsmotor weiter steigen. Die CO2-Steuer auf Sprit war schon ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Bis wir aber flächendeckend nur noch E-Autos kaufen, vergehen sicher noch zehn bis 15 Jahre. Womit wir aber schon früher rechnen können, ist der Highway-Pilot, mit dem das Fahren ab der Autobahn automatisch abläuft. Das ist gerade für Langstrecken nicht nur ein riesiger Komfortgewinn, sondern bringt auch mehr Sicherheit in den Verkehr.

Knut Arild Hareide, Verkehrsminister von Norwegen

Die Richtung stimmt

Der Ausbau emissionsfreier Mobilität ist für die Reduzierung von Treibhausgasemissionen wichtig. Zwischen den Länder gibt es in dieser Hinsicht Unterschiede, was Wettbewerbsvorteile, Know-how und geleistete Beiträge betrifft. Norwegen etwa hat eine lange Geschichte als Seefahrernation. 2022 werden 70 Fähren mit Elektro- oder Hybrid-Antrieb an seiner Küste operieren und auch der Start einer Wasserstoff-betriebenen Fähre in Westnorwegen ist dann geplant – ein Meilenstein für die Nutzung von Wasserstoff im maritimen Verkehr. Für uns ist klar: Unser zentrales Ziel muss in den nächsten Jahren die Reduzierung von Emissionen sein, die von Fahrzeugen erzeugt werden. Seit der frühen Einführung von E-Autos existiert in Norwegen der politische Wille, die Elektromobilität mit einem breiten Paket an Anreizen zu fördern. Heute sind bereits mehr als zwölf Prozent aller Pkws in Norwegen Null-Emissions-Fahrzeuge. Ab 2025 sollen dann alle neu zugelassenen Autos und Kleintransporter emissionsfrei sein. In den kommenden zehn Jahren könnte auch der Betrieb von Flugzeugen, die keine oder nur geringe Emissionen ausstoßen, für Kurzstreckenflüge technisch möglich und wirtschaftlich werden. Das sind tolle Neuigkeiten und wir sollten auch weiterhin neue Wege finden, klimaschädliche Emissionen zu reduzieren. Ich glaube, dass die Halbierung der CO2-Emissionen im Verkehrssektor bis 2030 möglich ist. Es ist keine einfache Aufgabe, aber wir können sie meistern.

Karin Unkrig, Leserin

Erstmal weiterfahren

Sobald der Benzinpreis massiv ansteigt und ein neu eingeführtes Tempolimit nur noch für Benzin- und Dieselfahrer gilt, wechseln viele zu einem Elektro-Auto. Am umweltfreundlichsten ist es jedoch, das bisherige Modell solange zu behalten, wie es noch funktioniert und erst dann zu wechseln.

Wolfgang Sohn, Leser

Keine falschen Anreize

Die Elektrifizierung wird sich nur durchsetzen, wenn die Produktion von Fahrzeugen und Batterien tatsächlich mit erneuerbarer Energie erfolgt und wenn die Sanktionen gegen Verstöße spürbar sind. Werden Hybrid-SUV und E-Fahrzeuge mit 600 PS gefördert, gibt es keine erfolgreiche Verkehrswende.

Marc-Oliver Prinzing, Vorstandsvorsitzender Bundesverband Fuhrparkmanagement (BVF)

Hürden abbauen

Die Frage danach, wer denn nun den Verkehr elektrisiert, ist spannend. Ist es der Staat durch Subventionen, die die Nutzer motivieren sollen, ihre Einkaufs- und Nutzungsgewohnheiten durch finanzielle Anreize zu ändern? Oder sind es die Hersteller, die durch eine verbesserte Angebotspalette von Elektromobil-Modellen die Nachfrage schaffen? Oder sind es die Stromanbieter in Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden, die durch den Ausbau der Ladeinfrastruktur und schlanke Abrechnungssysteme ein Stück mehr Attraktivität für die Elektrifizierung des Verkehrs schaffen? Nein, das alles reicht alleine nicht, sonst hätten wir bereits mehr E-Fahrzeuge auf den Straßen. Unser Tipp: Möglichst viele Hürden für die Umstellung der Unternehmensfuhrparks beseitigen. Damit würde ein wichtiger Hebel beim Umstieg zu neuen Technologien aktiviert, denn Betriebe sind mit mehr als 60 Prozent aller Neuzulassungen die wichtigsten Autoeinkäufer. Elektroautos würden also attraktiver werden, mit positiven Auswirkungen auf das Klima – spätestens, wenn sich die Ökobilanz der Fahrzeuge auch auf Langstrecken gegenüber modernen Dieselmotoren weiter verbessert. Zudem kommen dann zügig attraktive Gebrauchtfahrzeuge für Privatkäufer auf den Markt. Damit die Verantwortlichen in den Unternehmen über die komplexen Dimensionen der Elektromobilität im Fuhrpark Bescheid wissen, gibt es nun den umfassenden Fleetricity-Kurs beim Fuhrparkverband. Das erleichtert einiges.

Reiner Waldhaus, Leser

Systemisch denken

Die angestrebte Wende hin zur E-Mobilität im Individualverkehr kann meine Ansicht nach nur schneller gelingen, wenn die Lademöglichkeiten im öffentlichen Raum schnell und in großer Anzahl ausgebaut würden. Zudem sollten die verschiedenen Ladesysteme möglichst vereinheitlicht sowie die Abrechnungssysteme einfach und transparent gestaltet werden. Der Gesetzgeber sollte dies durch entsprechende Verordnungen einfordern oder durch finanzielle Anreize fördern. Die finanzielle Förderung der Ladestationen im privaten Bereich durch KfW-Mittel ist ein gutes Mittel, um die Kapazitäten auszubauen. Generell halte ich die E-Mobilität nur für sinnvoll, wenn nachhaltig erzeugter Strom geladen wird. Dieser Bereich ist daher zwingend weiter auszubauen, um die Klimaziele zu erreichen. Wichtig finde ich aber auch, dass bei der Produktion der E-Autos auf soziale und ökologische Standards in der gesamten Lieferkette, also vom Abbau aller benötigten Rohstoffe bis zur Montage, größter Wert gelegt wird.

Steffen Bengel, Mobility Ecosystems Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO)

Riesiges Potenzial

Im privaten Bereich sind E-Fahrzeuge längst angekommen. Das zeigt nicht zuletzt die Zahl der Neuzulassungen hybrider und rein elektrisch betriebener Fahrzeuge. Daneben gilt es aber auch, die Einflussnahme des Wirtschaftsverkehrs zu betrachten, auf den immerhin ein Drittel der Gesamtfahrleistung entfällt. Gerade bei der Elektrifizierung von Zustellflotten der Kurier-, Express- und Paketlogistik (KEP) besteht ungemeines Potenzial, doch der Weg dahin ist durch zahlreiche Hindernisse erschwert. Faktoren wie die Anschlussleistung und die bauliche Ausstattung vieler älterer Depots, die Planungssicherheit von Zustelltouren hinsichtlich der Reichweite oder der Reparaturaufwand an defekten Fahrzeugen lassen bislang viele KEP-Dienstleister davor zurückschrecken, elektrisch betriebene Zustellflotten in spürbarem Umfang auszurollen. Aus diesem Grund werden in bundesweiten Forschungsprojekten Elektrifizierungspotenziale bislang überwiegend dieselbetriebener Zustellflotten ermittelt. Demnach weisen insbesondere kurze Innenstadttouren mit einer hoher Empfängerdichte in relativer Nähe zum Paketzentrum vielerlei Möglichkeiten zur Elektrifizierung auf. Je nach Standort lassen sich schätzungsweise 20 bis 70 Prozent aller gefahrenen Zustelltouren durch am Markt verfügbare elektrische Nutzfahrzeugmodelle ersetzen. Eine umfängliche Flottenelektrifizierung ist demnach kurz- bis mittelfristig nur durch Fortschritte in der Batterietechnologie möglich.

Günter Schwarzenberg, Leser

Nicht laden sondern wechseln.

Eine flächendeckende Versorgung mit dezentralen Ladesäulen erscheint wenig zukunftsträchtig und verhaftet in der Logik eines anachronisten Konzeptes von Individualverkehr. Eine Alternative steht zur Verfügung in Form von Batterie Wechselstationen. Dort werden normierte und für alle Kfz kompatible Batterien ständig geladen, gewartet und von Robotern innerhalb von 20 Sekunden selbsttätig am Fahrzeug ausgetauscht. Tankstellen ließen sich hierfür umrüsten; das Laden der Batterien erfolgt langsam, was deren Lebensdauer beträchtlich erhöht. Wartezeiten entfallen vollständig. Man kauft Batterie Abos, keine Batterien. Das endlose Verlegen von Ladekabeln zu Parkplätzen kann man sich so sparen. Voraussetzung: Die europäischen Autobauer einigen sich auf wenige einheitliche Standartbatterien. Diese Technologie wird bereits im großen Stil besonders für Taxi und Logistik Flotten in chinesischen Metropolen angewendet. Wer macht sowas? Ein deutsch-chinesisches Joint-Venture in Berlin, die Firma Infradianba arbeitet bereits an der Implementierung dieser Technologie für Deutschland.

Michael Ehrmann, Dipl.-Ing.

nicht alle Eier in einen Korb legen

Indem man nicht alle Eier in einen Korb legt und auch E-Fuels, Methanol Brennstoffzelle und weitere Antriebsarten in Betracht zieht

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