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Wohin mit dem Fernweh?

„Zuhause ist es doch am schönsten“ – dieser Ausspruch dürfte spätestens seit Beginn des zweiten Lockdowns vom Aussterben bedroht sein. Dabei geht es ja nicht darum, direkt in den nächsten Flieger zu steigen: Ein ausgelassener Abend mit Freunden, ein Theaterbesuch, eine durchtanzte Nacht, mehr wünschen wir uns doch gar nicht. Weil wir das alles aber gerade nicht haben können, braucht es einen Plan B. Verraten Sie uns Ihren.

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Boris Herrmann, Professioneller Hochseesegler

Literarische Reisen

Wirklich unter Fernweh gelitten habe ich vor allem während der Schulzeit. Als Jugendlicher fühlt man sich schnell eingesperrt. In den Jahren danach stellte sich die Frage gar nicht, weil ich durch das Segeln so viel unterwegs war. Allein für die Vorbereitung auf die Vendée Globe mussten wir in die verschiedensten Ecken der Welt reisen. So gesehen ist das eigentliche Rennen derjenige Teil, bei dem man am wenigsten von der Welt erlebt: Man sieht nur den Ozean. Problematisch war da eher das Heimweh. Ich fand es wirklich schwierig, so lange alleine zu sein, die Sehnsucht nach der Familie war extrem. Generell glaube ich, dass Fernweh auch ein gutes Zeichen sein kann, weil es einem deutlich macht, wie verwurzelt man ist. Spüren kann man es nur, wenn man nicht völlig heimatlos durch die Gegend vagabundiert. Aufgrund der aktuellen Situation verbringe ich momentan viel Zeit in Hamburg, und ich bin vermutlich weniger unterwegs als ein durchschnittlicher Vertreter oder Unternehmensberater. Mein Tipp gegen Fernweh: Lesen. Es gibt nichts Schöneres, als mit einem guten Buch auf dem Sofa dem Fernweh nachzufühlen. Jack London oder Bruce Chatwin kann ich empfehlen, da kann man wirklich in andere Welten und andere Zeiten eintauchen. Erst kürzlich habe ich Stefan Zweigs biografischen Roman über Magellan gelesen. Total faszinierend, wie die damals das erste Mal um die Welt gesegelt sind. So eine Leseerfahrung ist für mich pures Fernweh.

Tina Boll, Leserin

Fast wie in Spanien

Fandango, Sardana, Paso Doble und natürlich Flamenco. Am liebsten an einem lauen Sommerabend in einer engen, verwinkelten Altstadtgasse bei einem samtig-aromatischen Tempranillo als Zuschauer genießen. Entspannt und erfüllt von den Erlebnissen des Tages. Wo? In Barcelona, laut Global Wealth and Lifestyle Report 2020 einer der weltweit beliebtesten Städte. Dorthin auswandern möchte meine Mutter mit fast 80 Jahren zwar nicht mehr, aber als Städtereiseziel möchte sie sie seit langer Zeit unbedingt erleben. Und nun hat ihr die Pandemie einen Strich durch ihre (Reiseplan-)Rechnung gemacht. Wohin also mit dem Fernweh am 80. Geburtstag? Wann wird fliegen wieder möglich sein? Wie viel Zeit bleibt noch? Also planen wir kurzerhand eine Geburtstagsüberraschungsparty mit dem Motto: Wir holen Spanien an den Niederrhein. In unserem Garten wird es eine Sandfläche mit Liegestühlen geben, Palmen, eine lange Tafel mit weißen Tischdecken, Kerzen und kleinen Schälchen mit Köstlichkeiten wie Oliven, Garnelen, Aioli, Chorizo – eben den typischen spanischen Tapas inklusive eines guten Tempranillos. Aber das Beste kommt dann als Überraschungsevent: ein Paar, dass zu einem Medley aus spanischen Hits verschiedene Tänze vorführt. Professionell, mit viel Lebensfreude und guter Laune. So, dass wir hoffentlich am Ende mit der ganzen Familie gemeinsam im Garten tanzen und das Leben genießen können.

Vera Polaschegg, Bergsteigerin, Filmemacherin und Fotografin

Sehnsuchtsorte

Weiße, scheinbar ewige erhabene Flächen. Umrahmt von spitzen, dunklen Felsen, Geröll und Gipfeln. Ich war 14, als mich das Fernweh nach einem Skiurlaub in die alpine Gletscherwelt zu einem bestimmten Berg unerwartet traf. Seitdem träumte ich mich von Deutschland aus in die Berge, las unter der Schulbank alle Abenteuer von Reinhold Messner und Co. sowie von der Grönland-Durchquerung von Arved Fuchs. Sehnsucht nach dem ewigen Eis. Aber was ich suchte, waren nicht die großen Abenteuer oder prestigeträchtige Gipfel. Es ist etwas anderes dort oben, was mir einfach guttut. Mit 25 stillte ich meine Sehnsucht zu „meinem“ Berg und verbrachte einen Sommer lang als Praktikantin im Nationalpark Hohe Tauern in Kärnten. Ich war einfach nur da, lebte dort oben und erfuhr, wie ich mich in der Nähe meines Berges endgültig von einem jahrelangen Burnout erholte. Ich bin gerne als Bergsteigerin im steilen Eis aktiv, aber auch als Fotografin und Filmemacherin zieht es mich ins nicht mehr ewige Eis. Immer wieder bleiben meine Augen an den grauweißen Flächen hängen. Ich möchte die letzten Reste des Eises dokumentieren und für die Nachwelt festhalten. Um meine Sehnsucht zu stillen, habe ich Kärnten zu meinem Lebensmittelpunkt gemacht. Von dort aus kann ich relativ einfach einen Blick auf meinen Sehnsuchtsberg werfen oder einfach einen Tagesausflug hinauf machen. Aber ich träume immer noch von Grönland. Irgendwann werde ich mit meinen Kameras dort sein.

Marius Specht, Leser

Fernweh auf Festplatte

Man kennt es. Die Bilder aus dem wenige Tage zurückliegenden Urlaub werden routiniert auf den Laptop rübergezogen und in einem Ordner abgelegt. Mit jedem Monat mehr in Richtung Weihnachten geraten die selbst geschossenen Andenken in Vergessenheit, denn der Alltag überschüttet die gewonnene Erholung schneller als erwartet. Mal wieder, wie eigentlich jedes Jahr. Keine Reise war je genug, um nach deren Ende die Bilder liebevoll zu archivieren und für einen selbst oder seine Mitmenschen zu kuratieren. Man wollte sie nur sicher wissen, auf irgendeiner externen Festplatte oder in einer Cloud. Alle Bilder wurden in der „Vor-Corona-Zeit“ kopflos in einem Ordner mit dem Versprechen an sich selbst archiviert, diesen Ordner mal an einem verregneten Sonntagnachmittag endlich zu sortieren. Nichts ist seitdem passiert. Was also tun gegen das Fernweh in der Pandemie, welches einen nun wieder schweren Herzens plagt: Räume deine Urlaubsbilder auf, es wirkt Wunder. Wer sich einmal die Mühe und gleichzeitige Freude macht, seine digitalen Fotodateien zu sortieren, wird viele wunderbare Schätze aus vergangenen Tagen ganz ohne Maske und Abstandsregeln heben können, welche einem das Fernweh mindern werden.

Susanne Schmetkamp, Philosophin

Das Fremde erkennen

Fernweh scheint das Gegenteil von Heimweh. Beim Heimweh sehnen wir uns nach dem Vertrauten, dem Zuhause, der Geborgenheit. Die Ferne lockt mit etwas anderem: dem Unvertrauten, Fremden, Neuen. Ob es mit einem Schmerz verbunden ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Jedoch verspricht die Ferne etwas, das in uns zumindest eine Unruhe auslöst, die uns dazu motiviert, zu reisen. Das Reisen in andere, fremde oder zumindest nicht mit dem Zuhause deckungsgleiche Gebiete eröffnet uns neue Perspektiven, erweitert unseren Horizont. Das lässt uns Neues sehen oder zumindest vieles in einem neuen Lichte betrachten: Andere Lebensformen, anderen Sitten ermöglichen uns, uns selbst infrage zu stellen und zu sehen, dass das Leben so, aber auch ganz anders sein kann. Das schult uns in den Ideen der Toleranz und des Pluralismus. Um das zu erlangen, muss die Reise in das Fremde, Unvertraute aber nicht zugleich eine Reise in die Ferne sein: Selbst nahestehende Menschen sind uns manchmal sehr fern und sollten es auch sein dürfen – mit ihren Gedanken, Gefühlen, Zielen, Werten. Sich dem Fernen und Fremden zu öffnen, gehört mithin zu einer auch generellen Ethik des guten Lebens und zu einer umfassenden Selbst- und Welterkenntnis: Wir sind stets aufgefordert, über den Tellerrand zu schauen und es uns nicht allzu gemütlich zu machen im Heimischen. Das Fremde und dessen Akzeptanz sind die Regel, nicht die Ausnahme. Das gehört zum menschlichen Dasein.

Jürgen Simon, Leser

Plan B

„Zu Hause ist es doch am schönsten“ oder „Warum in die Ferne schweifen, wo das Gute liegt so nah?“ klingt old fashioned – und trotzdem ist was Wahres dran. Die oberste Maxime sollte doch sein, den Fokus darauf zu richten, was geht, anstatt im Sehnen nach dem zurzeit Unmöglichen zu verharren. Und es geht so viel auch im Moment. Das Glas ist definitiv halbvoll. Der Frühling und die sonnigen und zum Teil sehr warmen Tage locken geradezu raus ins Freie. Zu zweit oder alleine die Sonne, die lauen Lüfte zu genießen, ist einfach herrlich. Und soziale Kontakte lassen sich – regelkonform – auch im Freien pflegen. So gab es selbst im Winterzauber bei Schnee und Minusgraden Kaffee aus der Thermoskanne und Gebackenes auf einer Bank mit Blick auf den See. Dazu übrigens kubanische Musik vom Smartphone. Letzteres muss aber nicht, denn auch die Stille lässt sich genießen. Und ansonsten heißt es derzeit: entschleunigen. Ein Termin jagt mal nicht den nächsten. Zeit, inne zu halten, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren und vielleicht auch gelegentlich an Plan A zu denken für die Zeit danach.

Anja Junck, Flugbegleiterin

Luftloch im Leben

26 Jahre sind vergangen, seitdem ich das erste Mal als Flugbegleiterin in die Luft gegangen bin. 26 Jahre voller bereichernder Eindrücke, interessanter Begegnungen, interkultureller Erfahrungen und herausfordernder Situationen. Flugbegleiterin zu sein, ist nicht nur eine Entscheidung für einen Beruf, es ist vielmehr die Wahl einer Lebensform. 2020 hat ein Virus mir und vielen anderen die Flügel gestutzt. Zum ersten Mal wurde der großen globalen Reisegemeinde ein Stoppschild vorgehalten, ganz plötzlich wurde die eben noch so kleine Welt auf einmal ganz groß, unerreichbar groß. Familien sind über die ganze Welt verteilt und finden nicht zueinander, Vielflieger sammeln statt Flugmeilen Punkte im heimatlichen Supermarkt und ich schlafe jede Nacht in meinem eigenen Bett. Es sind die kleinen Dinge, die mir den Verlust meines Fliegeralltags aufzeigen: der staubige Koffer im Kellerregal, die letzte Flasche meiner amerikanischen Lieblingsseife oder der letzte Rest des indischen Currypulvers, das ich in die Soße rühre. Die Welt verschwindet immer weiter aus meinem Leben. Sorgen und Gedanken über das, was kommt, treten an ihre Stelle. Menschen werden wieder reisen, sie werden wieder fliegen, aber es wird anders, es gibt kein Zurück in der Geschichte. Ich habe Hoffnung und mache aus der Not eine Tugend: Ich genieße das tägliche Zusammensein mit meiner Familie und nutze die freie Zeit für ein Studium. Aber ich vermisse die Welt.

Tobias Hipp, Referent Naturschutz, Deutscher Alpenverein (DAV)

Vor die Haustür, aber richtig

Die Reiseeinschränkungen haben dazu geführt, dass viele ihre Heimat besser kennen- und schätzen gelernt haben, zum Beispiel beim Sport in der Natur vor der Haustür, in den Alpen oder Mittelgebirgen. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt? Das ist prinzipiell eine positive Entwicklung – Stichwort CO2-Emissionen – bringt aber auch neue Herausforderungen mit sich: Autokolonnen und Parkplatz-Chaos belasten Anwohner, dauerhafte Besuchermengen stören Wildtiere, es entstehen neue Steige inklusive Erosionen im Gelände. Damit die Reise- und Abenteuerlust nicht zulasten von Mensch und Natur geht, gilt es, nach dem FUN-Prinzip – freundlich, umsichtig und naturverträglich – unterwegs zu sein. Wie das am besten geht? Mach dir Gedanken zur Anreise. Wenn möglich fahr öffentlich, zum Beispiel mit dem Bergbus. Wer mit dem Auto kommt, parkt bitte nur auf öffentlichen Parkplätzen, nicht in Vorgärten, auf Privatgrund oder auf dem Feld. Nimm bitte deinen Müll wieder mit – auch „Biomüll“ wie Bananenschalen oder Apfelbutzen. Probier’s mit nachhaltigen Zielen. Die Bergsteigerdörfer sind öffentlich erreichbar und haben Naturschutz und Nachhaltigkeit oben auf ihrer Agenda. Weitere Tipps findest du unter: alpenverein.de/Natur/Naturvertraeglicher-Bergsport

Leonard Marks, Leser

Dem Himmel so nah

Der Abend ist angebrochen und der Lift fährt ein letztes Mal den Berg hinauf. Die Wolkendecke durchbrochen, blickt man auf ein Meer aus Federn, so scheint es. Oben angekommen die restlichen Meter zu Fuß zum Gipfel gestapft. Den Blick gen Horizont gerichtet. Unendliche Weiten, dem Himmel so nah wie selten zuvor. Der Watzmann, wie sehr ich ihn doch vermisse.

Natalia Aculova, Leserin

Reich aus Fantasie

Welche Strategie habe ich, wenn nicht einmal bei Netflix eine Ablenkung auf mich wartet und die durchstöberten Filme allesamt nicht einmal als Zusatzprogramm zum Bügeln tauglich sind? Job erledigt, halbherzig Yoga gemacht, Freunde kontaktiert, schon wieder gesund gekocht – und dann? Neue Abenteuer, aber wie? Wenn jede Planung der Zukunft sinnlos ist und egal, wie vernünftig das Üben der Ambiguitätstoleranz erscheint, dreht man völlig durch. Aber jeder, der überleben will, sucht intuitiv Wege, um der Ödnis zu entkommen. Meine Rettung sind die Dinge, die ich schon immer begreifen wollte. Gerade ist es die Astrophysik. Als Laie suche ich beim Recherchieren den Zusammenhang mit dem Leben, das Übergeordnete, das Existenzielle. Schwarze Löcher und Raumzeit, Gleichgewicht in fernen Galaxien. Eintauchen – ferner kann eine Reise nicht sein. Am besten noch eine eigene Geschichte über die Expedition zum Schwarzen Loch ausdenken – bitte ein ganz großes aussuchen, die kleinen zermalmen einen. Wem das zu fern ist, kann sich mit sich selbst beschäftigen und eigene Gedanken sortieren. Hat schon jemand ernsthaft versucht, einen eigenen Gedächtnispalast anzulegen? Es geht! Erst überlegen, wie es dort aussehen kann, dann Behälter mit Erinnerungen anlegen und immer wieder weitermachen. Je visueller, desto schöner.

Karin Schneider, Leserin

Reisen im Kopf

Einmal ging ich zum Hauptbahnhof und setzte mich eine Viertelstunde auf den Bahnsteig, um die Passagiere zu beobachten und auch zu beneiden. Wie gerne würde ich verreisen, Freunde besuchen, etwas Neues entdecken oder einfach unterwegs sein. Verregnete Wochenenden verbringen wir, wenigstens in Gedanken, auf Reisen. Mit Streaming-Angeboten von Theatern und Opernhäuser, virtuellen Touren durch Museen, Dokus und landesüblichen Rezepte bringen wir die Welt zu uns nach Hause. Seit dem zweiten Lockdown sind wir so regelmäßig unterwegs. In Wien, Berlin, New York und Paris – wenn auch nur virtuell. Das alles kann eine Reisen nicht ersetzen, aber es verkürzt die Wartezeit.

Erhard Ruthner, Sommelier

Warum in die Ferne schweifen?

Natürlich ist Urlaubmachen ein starkes Bedürfnis – mal die Seele baumeln lassen, die Landschaft einer fremden Gegend genießen, die dort heimische Kulinarik erleben und mit vielen Eindrücken nach Hause zurückkehren. Heute ist es jedoch an der Zeit, den Vorzug der näheren Umgebung zu beleuchten. Kulinarisch gesehen ist man, wenn man in Wien lebt und weinaffin ist, im Vorteil auch wegen des Wiener Weins. Doch egal welche Himmelsrichtung man einschlägt, man kommt sofort in weitere gute Weingegenden. Ein Kleinod, die Thermenregion, liegt direkt im Süden der Hauptstadt. Das sogenannte Burgund Österreichs ist begünstigt durch Klima und besondere Böden. Vor allem die autochtonen Rebsorten Zierfandler und Rotgipfler ergeben großartige Weißweine, die ihren Platz in jedem gut sortierten Weinkeller verdienen. Diese gibt es nur in den nördlichen Orten dieses Gebiets. Die Winzer der südlicher gelegenen Orte hingegen haben sich den feinen Rotweinen verschrieben, neben dem heimischen St. Laurent erreicht auch der internationale Pinot Noir hier Spitzenqualität. Mit einer Flasche eines solchen Tropfens kann man sich die sonnenverwöhnte Stimmung der Heurigen in der Thermenregion nach Hause holen. Man spürt eine Tradition, die ins 12. Jahrhundert zurückreicht, ebenso viel Innovation, die von der jungen Winzergeneration ausgeht. Ein Stück Österreich im Glas. In diesem Sinne: Das Gute liegt oft näher, als man glaubt.

Norbert Fiebig, Präsident Deutscher Reiseverband (DRV)

Mit Sicherheit reisen

Die Menschen sind in Reiselaune – das zeigen derzeit viele Umfragen unter der Bevölkerung. Viele haben im vergangenen Jahr Corona-bedingt komplett auf ihren Urlaub verzichtet, daher gehen wir von einen Nachholeffekt in diesem Jahr aus. Weiter voranschreitende Impfungen und kluge Sicherheitskonzepte werden dazu beitragen, dass wieder mehr gereist werden kann. Hotels, Reiseveranstalter, Urlaubsländer und Fluggesellschaften haben Hygiene- und Sicherheitskonzepte umgesetzt, um sicheres und verantwortungsvolles Reisen zu ermöglichen. Bei der Buchung empfiehlt sich mit Blick auf die Absicherung eine Pauschalreise. Das ist die sicherste Reiseform für die Urlauber, denn sie haben rund um die Uhr einen Ansprechpartner an ihrer Seite, der sich kümmert und auch proaktiv informiert, wenn etwas nicht so läuft, wie es soll. Auch für den Fall, dass eine vorzeitige Rückreise erforderlich sein sollte, sind Pauschalreisende abgesichert: Der Reiseveranstalter kümmert sich und organisiert alles. Wenn die Reisewilligen sich dann auch noch für die Buchung im Reisebüro beraten lassen, sind sie wirklich auf der sicheren Seite, denn die Experten im Reisebüro kennen sich auch mit den jeweiligen Reisebedingungen aus, was Stornierungen und Umbuchungen betrifft. Derzeit gibt es preislich attraktive Frühbucherangebote der Veranstalter, die meist auch bis kurz vor Reiseantritt eine kostenfreie Umbuchung oder Stornierung erlauben.

Berend Hartnagel, Leser

Fernweh trifft Heimweh

Ja, die Pandemie hat viele Menschen in Krisen und Probleme gestürzt. Aber Fernweh? Ich habe kein Fernweh. Die Menschen in den Slums von Nairobi und Sao Paulo oder in den Flüchtlingslagern in Jordanien und Bangladesch haben auch kein Fernweh. Sie haben Angst und Hunger – mit und ohne Corona. Was ist Fernweh? Mehr als 500 Meter das Haus verlassen zu dürfen, zwei Wochen zwischen Hunderten von Liegestühlen in Rimini zu liegen, eine Busfahrt in die Sahara? Ich fürchte, die Frage ist suggestiv. Ich habe fast 20 Jahre meines Lebens rund um die Erde gelebt und gearbeitet. Während ich dies schreibe, blicke ich auf die Elbe und die Menschen, die auf dem Deich spazieren gehen. Corona lässt entdecken, was auch einem Fernreisenden fast verloren zu gehen drohte: durch Wälder wandern, Bäume bewundern, an Flüssen und Seen oder der Nord- und Ostsee sitzen und gen Horizont blicken. Ja, ich freue mich, wenn es wieder möglich sein wird, einige Wochen in meiner europäischen Fernheimat zu verbringen. Auf der Iberischen Halbinsel sitze ich dann und schnacke Spanisch und Portugiesisch mit Menschen, die dort Dauerheimat haben. Es mag sein, dass Corona Fernweh weckt bei Menschen, die immer in der Heimat geblieben sind – aus welchen Gründen auch immer. Menschen wie ich, die aus verschiedenen Gründen viel in der weltweiten Ferne unterwegs waren, entdecken nun Schönheit und Besonderheiten in nächster Nachbarschaft.

Petra Hofer, Leserin

Unterwegs zu Hause

Als Handelsreisende zu arbeiten, war für mich die ideale Kombination, um Reisen und unter Leuten sein zu können. Nach und nach ist man unterwegs zu Hause. Im Zug weiß man oft im Voraus, ob es eine ruhige Fahrt wird. In (fast) jeder Stadt habe ich mein Lieblingsrestaurant und einen für mich wunderbaren Flecken Erde entdeckt. Doch dann wurde es Frühling und über Nacht alles anders. Nun bin ich schon so lange am selben Ort wie lange nicht mehr. Ich darf mich nicht beschweren, mein Tagesablauf hat sich verändert, es findet alles online statt. In meinem geschäftlichen Umfeld haben sich alle daran gewöhnt. Aber doch fehlt es mir, unterwegs zu sein, Menschen zu treffen und nicht nur auf meinem Bildschirm zu sehen. Vor allem eines hat sich für mich verändert: Die Wochenenden verbringe ich ausschließlich offline.

Manfred Schneider, Leser

Freude an Neuem

Beruflich, aber auch privat habe ich auf allen Kontinenten sehr viel von diesem Planeten sehen und kennenlernen können. Und dennoch: Bei jeder Rückkehr erfasste mich Traurigkeit. Ich wollte sofort wieder weg. Und das lag nicht an der Familie, Freunden oder Mitarbeitern in Deutschland. Nein, das war Fernweh, wirkliches Fernweh. Das hat mich immer unterschieden von denjenigen, die sich darüber freuten, wieder zu Hause zu sein, geprüft zu haben, ob alles noch so ist wie im Jahr zuvor. Für mich muss eine Reise verbunden sein mit Neuem. Fernweh und Neues, das gehört zusammen. Meine drei Punkte für einen Plan B sind also: Nie zweimal an denselben Ort oder in dieselbe Region fahren. Kein Pauschalurlaub, Überraschungen, auch Katastrophen sind angesagt. Mithilfe des Internets planen, aber wissen, dass es dann sowieso ganz anders kommt. Dabei kann man auch jetzt gerade auf eine kleine Gedankenreise gehen und zugleich sein Fernweh befriedigen.

Michael Kirchner, Leser

Nase im Wind

Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten daran gewöhnt, in viele Ecken dieser Welt vorzudringen, von denen unsere Vorfahren noch nicht einmal zu träumen wagten. Triebfeder dieser mit Fernweh umschriebenen Erscheinung war häufig die Neugier auf die soziokulturellen Lebensumstände in anderen Ländern, Abenteuerlust, aber auch das Gefühl, sich ein wenig mit kosmopolitischem Flair zu umgeben. Sollte die Pandemie weltweit nicht wirksam und nachhaltig eingedämmt werden können, engt sich der Kreis der Möglichkeiten stark ein. Neugier und Abenteuerlust kann man aber auch stillen, ohne mit dem Flugzeug in ferne Länder reisen zu müssen. Der in den letzten Jahren zu beobachtende Trend zur Nutzung des Fahrrads auch im Freizeitbereich hat sich gerade in Zeiten der Pandemie verfestigt. Sollten Pensionen und Hotels im Sommer wieder geöffnet sein, kann man Fahrradtouren als Sternfahrt oder als Rundreise unternehmen. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, wie viel mehr man bei Fahrradtouren, aber auch bei Wanderungen von einer Region mitbekommt. Positiver Nebeneffekt ist die Bewegung an der frischen Luft, die das Wohlbefinden fördert. Ein wenig mehr Bescheidenheit kann uns darüber hinaus nicht schaden.

Irina Krüger, Juristin Verbraucherzentrale Berlin

Erhöhtes Risiko

Ob und unter welchen Voraussetzungen das Reisen im Sommer möglich sein wird, kann derzeit niemand genau sagen. Deshalb ist eine Reisebuchung mit Risiken verbunden. Wer aktuell die Frühbucherrabatte nutzen möchte, sollte sich für eine Pauschalreise entscheiden. Bei diesen ist der gesetzliche Schutz in der Regel besser als bei Individualreisen. Sollte Ihr Reisegebiet wider Erwarten im Sommer zum Corona-Risikogebiet erklärt und eine Reisewarnung durch das Auswärtige Amt erfolgen, können Sie kostenfrei stornieren. Eine Reisewarnung ist aber nicht immer notwendig. Das Auftreten von unvermeidbaren außergewöhnlichen Umständen am Urlaubsort, die Ihre Reise erheblich beeinträchtigen, reicht aus, zum Beispiel Bewegungseinschränkungen oder Gesundheitsrisiken vor Ort. Diese Umstände müssen im Einzelfall geprüft werden. Bekommen Sie später ein ungutes Gefühl und ist die Reise noch einige Zeit entfernt, wird es schwieriger, diese kostenfrei zu stornieren. Möchten Sie Kosten vermeiden, sollten Sie abwarten und beobachten, wie sich die Situation entwickelt. Haben Sie sich nach der Buchung dazu entschieden, nicht zu reisen, sollten Sie frühzeitig stornieren, da bei frühen Stornierungen geringere Kosten anfallen. Die genaue Höhe ist den Stornobedingungen zu entnehmen. Zwar werben die Veranstalter mit großzügigen Stornomöglichkeiten, diese gelten aber oft nicht für alle Tarife und Reisearten. Lesen Sie das Kleingedruckte vor der Buchung deshalb genau.

Dieter M., Leser

Auf zum See

Das Fernweh hat Pause. Der Blick richtet sich in die Nähe. Das scheint überschaubar, bei aller Unsicherheit auch planbar. Der See ist jetzt das Ziel. Wenn denn die Unterkünfte und wieder beherbergen können, dann geht es auf den SeeGang von Überlingen auf Schusters Rappen nach Konstanz, immer den See im Blick. Eine Sehnsucht.

Tina Boll, Touristikerin, Trainer & Coach

Flamenco am Niederrhein!

Fandango, Sardana, Paso doble und natürlich Flamenco! Am liebsten an einem lauen Sommerabend in einer engen, verwinkelten Altstadtgasse bei einem samtig-aromatischen Tempranillo als Zuschauer genießen. Entspannt und erfüllt von den Erlebnissen des Tages. Wo? In Barcelona – der zweitgrößten Stadt Spaniens und laut Global Wealth and Lifestyle Report 2020 einer der weltweit beliebtesten. Dorthin auswandern möchte meine Mutter mit fast 80 Jahren zwar nicht mehr, aber die Destination als Städtereiseziel möchte sie seit langer Zeit unbedingt erleben. Und nun hat ihr die Pandemie einen Strich durch ihre (Reiseplan-)Rechnung gemacht! Wohin also mit dem Fernweh am 80. Geburtstag? Wann wird fliegen wieder möglich sein? Wieviel Zeit bleibt noch? Also planen wir kurzerhand eine Geburtstags-Überraschungsparty mit dem Motto: Wir holen Spanien an den Niederrhein! In unserem Garten wird es eine Sandfläche mit Liegestühlen geben, Palmen, eine lange Tafel mit weißen Tischdecken, Kerzen und kleinen Schälchen mit Köstlichkeiten wie Oliven, Garnelen, Aioli, Chorizo – eben den typischen spanischen Tapas inklusive eines guten Tempranillos. Aber das Beste kommt dann als Überraschungsevent: Ein Paar, dass nach einem Medley aus spanischen Hits, verschiedene Tänze vorführt. Professionell, mit viel Lebensfreude und guter Laune. So, dass wir hoffentlich am Ende mit der ganzen Familie gemeinsam im Garten tanzen und das Leben genießen können.

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Welche Verantwortung haben Unternehmen?

Rauchen macht gesund, schlank und glücklich. Jedenfalls, wenn man den Zigarettenherstellern bis weit in die 1980er-Jahre glaubte – zu einer Zeit, als die tödlichen Folgen des Schmökerns längst wissenschaftlich belegt waren. Dabei sollte Geldverdienen und der Wunsch nach größerer Verantwortung doch irgendwie zusammengehen. Verraten Sie uns, wie viel Verantwortung Unternehmen tatsächlich tragen müssen – und ob es eine Grenze dafür gibt.

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Siegfried Russwurm, Präsident Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI)

Nachhaltig vertrauen

Die Erwartung der Gesellschaft an Unternehmen hat sich gewandelt, mit einem stärkeren Fokus auf deren moralische Verantwortung. Gerade deshalb stehen Vertreter der Wirtschaft, ihre Manager und Unternehmer, in der Pflicht, für einen rationalen Diskurs zu kämpfen und sich dem Dialog mit der Öffentlichkeit zu stellen: sachlich und unaufgeregt, aber leidenschaftlich und hartnäckig. Gut gefällt mir das Bild der ehrbaren Kaufleute. Sie kümmern sich um ihre Mitarbeiter und übernehmen Verantwortung auch für deren Umfeld. Sie liefern, was sie versprechen, sie rechnen ab, was sie leisten. Sie schaffen Vertrauen. Ich weiß, dieses Bild wird heutzutage mitunter etwas romantisierend, teilweise auch falsch eingesetzt. Im Kern hat es mit seinem Fokus auf Anstand und Respekt, Verantwortung und Rechtschaffenheit nach wie vor Geltung. Unternehmen in dieser Tradition handeln entlang gesamtgesellschaftlicher Werte. Sie verknüpfen die betrieblichen Erfordernisse Erfolg, Gewinn und Wachstum mit den gesellschaftlichen Bedürfnissen nach Wohlstand, sozialen und ökologischen Arbeitsbedingungen sowie stetigen Innovationen. In diesem Verständnis müssen wir das Konzept der sozialen Marktwirtschaft entlang moderner Herausforderungen weiterentwickeln, hin zu einer umfassend nachhaltigen Marktwirtschaft, die nicht nur eindimensional ökologisch ist, sondern auch sozial und ökonomisch – und den Herausforderungen eines hochentwickelten Industrielandes gerecht wird.

Harald Schill, Professor für Forstbotanik, Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE)

Unverzichtbares Reservoir

Wald ist wichtig. Diese fast schon schlichte These umschreibt die seit Jahrzehnten vielfach besprochene Multifunktionalität der weltweiten Waldökosysteme. Sie ist weniger eine Feststellung als vielmehr Herausforderung für uns alle, Verantwortung zu übernehmen und uns um ein ernst gemeintes Verständnis verwickelter Zusammenhänge zu bemühen. Die nachhaltige Bereitstellung des Rohstoffes Holz, die Erhaltung der Artenvielfalt wie auch die Sicherung sauberen Grundwassers oder der Kohlenstoffspeicherung zur CO2-Entlastung der Atmosphäre sind wenige Beispiele für Anforderungen und Erwartungen, die dem Wald angetragen werden. Lösungen sind nur aus der Gemeinschaft aller Beteiligten und Betroffenen möglich. Jeder kann in seinem Bereich dazu beitragen. Nachdenken und Kreativität lohnen allemal. Waldschutz im Klimawandel ist dabei vorrangig Energieverzicht – von der Handy-Nutzung bis zur Flugreise. Die alte Weisheit „Was immer du tust, tue es klug und bedenke das Ende“ reicht damit über symbolische Baumpflanzungen, großflächigen Nutzungsverzicht oder wissenschaftsbefreite Emotionalisierung hinaus. Jene die aus Passion und beruflicher Verpflichtung dem Wald zugetan sind, arbeiten ohne Medienlärm seit fast einem halben Jahrhundert am Waldumbau. Nachhaltige Waldbewirtschaftung und Waldschutz sind dabei auf forstlich kompetente und umfassend ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewiesen – dies gilt heute mehr denn je.

Christian von Heymann, Leser

Regeln des Systems

Wer was verantwortet, entscheidet die Gesellschaft auf Basis ethischer, moralischer und wirtschaftlicher Vorstellungen. In der Demokratie übergibt das Volk die Entscheidungshoheit an gewählte Politiker. Sie entscheiden, was erlaubt und was verboten ist. Und sie regeln gesetzlich die Verantwortlichkeiten des Einzelnen sowie der Unternehmer. Wenn der Wertewandel in einer Gesellschaft Dinge nicht mehr gutheißt, die in der Vergangenheit von der Mehrheit als gut und richtig getragen wurden, muss also eine Mehrheit im Volk die Politik beauftragen, notwendige Veränderungen vorzunehmen. Ein Unternehmer ist ein Mensch, der für ein festgestelltes Bedürfnis eine Idee und einen Umsetzungsplan hat. Und natürlich muss die Umsetzung Gewinn erwirtschaften. Seine Verantwortung begründet sich zunächst auf den gesetzlichen Rahmenbedingungen des Staates, in dem und für den er produziert. Dazu gehören im Besonderen die Einhaltung der Normen und Gesetze, der Schutz seiner Mitarbeiter und ihrer Arbeitsplätze, aber auch der Schutz der Ressourcen und der Umwelt. Die Frage nach den moralischen Grenzen ist einem ständigen Wandel unterworfen. Es steht dem Unternehmer frei, ob er als Vorreiter solche Grenzen auch in seiner Verantwortung sehen will.

Katharina Reuter, Geschäftsführerin Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft (BNW)

Boost für mehr Transparenz

Haben Sie sich auch schon gefragt, warum um alles in der Welt die unternehmerische Verantwortung am eigenen Werkstor enden sollte? Ich habe mich das mitten im Gezerre um das Lieferkettengesetz oft gefragt. Wenn klassische Industrieverbände und Arbeitgeberorganisationen jammerten, die Betriebe wären überfordert, menschenrechtliche Sorgfaltspflichten entlang ihrer Lieferkette einzuhalten. Denn: Man wüsste doch ganz oft gar nicht, wer die Vorprodukte oder einzelne Komponenten herstellt. Aber genau das ist ja das Problem. Darum brauchen wir ein ambitioniertes Lieferkettengesetz so dringend. Nicht mal zehn Prozent der Beschaffungsleiter in der Wirtschaft gaben 2019 in einer Deloitte-Umfrage an, volle Transparenz über ihre gesamte Lieferkette zu haben. 37 Prozent der CEOs betrachten daher Risiken aus der Lieferkette als eine der größten Bedrohungen für ihre Reputation. Jüngste Beispiele von deutschen Unternehmen wie Tönnies, Volkswagen oder Wirecard zeigen, wie die gesellschaftlichen Kosten durch unethisches Wirtschaften in die Höhe getrieben werden. Hier besteht Handlungsbedarf. Wir haben doch Praxisbeispiele von verantwortungsvollen Unternehmen, die zeigen: Es funktioniert. Neben Nachhaltigkeitspionieren zählen dazu inzwischen auch große, namhafte Unternehmen. Gemeinsam fordern sie ein Level-Playing Field, also faire Marktbedingungen und gleiche Regeln für alle. Davon profitiert nicht nur die Wirtschaft, sondern auch Mensch, Klima und Natur.

Boris Kreb, Leser

Wer kauft, stimmt ab

Schlussendlich haben Unternehmer für ihre Kunden die gleiche Fürsorgepflicht wie für ihre Mitarbeiter. Über bekannte Gefahren und Risiken, die ein Produkt aufweist, muss der Verbraucher informiert werden. Beziehungsweise dürfen nur Produkte vertrieben werden, bei denen keine mittel- oder unmittelbaren Gesundheitsgefahren bestehen. Der Verbraucher muss über das Gefährdungspotenzial informiert werden, um sich entscheiden zu können, ob er das Produkt erwirbt oder nicht. Über diesen Weg ist der Konsument gezwungen, sich Gedanken über den Kauf zu machen und gegebenenfalls Alternativprodukte anzufragen. Die Unternehmer haben die Möglichkeit oder sind demzufolge sogar dazu gezwungen, sich über Alternativprodukte Gedanken zu machen, zum Beispiel über alkoholfreie Weine oder Aceton-freie Nagellackentferner. Schlussendlich bleibt es beim Konsumenten, sich zu entscheiden, ob die Risiken, die vom Hersteller zwingend bekannt gegeben werden müssen, akzeptierbar sind oder nicht. Im Idealfall reguliert der Markt sich selbst und Produkte mit Gesundheitsgefährdung werden wegen mangelnder Nachfrage vom Markt genommen.

Ulf Sieberg, Leiter Public Affairs, CO2 Abgabe e. V.

Anreize stellen die Weichen

Unternehmen haben Verantwortung für die Folgen ihrer Produktion und ihrer Produkte. Sie beeinflussen 77 Prozent aller in Deutschland verursachten CO2-Emissionen. Das schreiben die fünf „Wirtschaftsweisen“. CO2-Preise sollen lenken. Produzenten haben so verstärkt Anreize, in klimafreundliche Technologien zu investieren. Das tun sie, wenn CO2-Preise bei ihnen ankommen. Einerseits als Teil der Betriebskosten. Denn wer klimaschädlich produziert und ebensolche Produkte herstellt, der zahlt. Auch dann, wenn Teile der Unternehmen CO2-Preise an Endkunden weitergeben. Weil klimaschädliche Produkte weniger konkurrenzfähig sind. Andererseits beeinflussen CO2-Preise die Investitionsplanung. Insbesondere, wenn sie planbar ansteigen. Ausnahmen für Unternehmen schaden der Wettbewerbsfähigkeit. Denn wer keine Anreize hat, seine Geschäftsmodelle auf Klimaschutz auszurichten, bewegt sich weniger und verliert alsbald den Anschluss. Abwanderung verhindert die Politik nicht durch Ausnahmen, sondern durch verursacher- und klimagerechte Preise sowie gezielte finanzielle Unterstützung zur Deckung hoher CO2-Vermeidungskosten. Ohne eine wirksamere CO2-Bepreisung und einen beschleunigten ökologischen Umbau der Industriegesellschaft wird sie auf Dauer in der Klimakrise nicht überlebensfähig sein. Die Bundestagswahl stellt die Weichen. Klimaschutz durch Produzenten ist wählbar.

Steven Strehl, Strategischer Geschäftsführer, Mein Grundeinkommen e. V.

Mit offenen Karten

Die meisten Menschen in unserer Gesellschaft verbringen einen großen Teil ihrer Lebenszeit am Arbeitsplatz. Dort steigen die Kosten für psychisch-bedingte Krankschreibungen und die damit verbundenen Produktionsausfälle von Jahr zu Jahr. Viele der fast 800 Menschen, die von uns ein monatliches Grundeinkommen ausgezahlt bekommen, berichten davon, dass sie weniger Stress in Bezug auf die Arbeit empfinden. Symptome chronischer Krankheiten nehmen deutlich ab. Und fast niemand hört auf, zu arbeiten. Im Gegenteil: Die finanzielle Sicherheit führt zu mehr Selbstwertgefühl, persönlichem Wachstum und Mut. Da es Grundeinkommen noch nicht für alle gibt, bedeutet unternehmerische Verantwortung, herauszufinden, welche Dynamiken zu Unsicherheit am Arbeitsplatz führen, und diese zu minimieren. Wir haben deshalb in den letzten sieben Jahren insgesamt 15 New-Work-Projekte gestartet. Unsere komplette Gehaltstransparenz ermöglicht zum Beispiel eine lösungsorientierte Auseinandersetzung mit dem Gender Pay Gap. Außerdem ist die Höhe unserer Löhne nicht an Positionen gebunden. So gibt es keinen Anreiz, um Führungspositionen zu konkurrieren – allein die Passung entscheidet. Umgekehrt muss niemand finanzielle Einbußen befürchten, wenn er oder sie von einer Führungsposition zurücktritt. Zudem arbeiten wir mit verteilter Personalführung: jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter wird von Fachkollegen eingestellt und geführt – nicht von der Geschäftsführung.

Andreas Buhr, Unternehmer, Vortragsredner und Sachbuchautor

Werte leben

Im Wort „Verantwortung“ steckt die „Antwort“: Unternehmer müssen nicht nur Antworten geben auf Kundenwünsche, Trends und Marktentwicklungen, sondern auch auf die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Fragen unserer Zeit. Die wachsende Globalisierung der Märkte erfordert grenzüberschreitende Verantwortungsübernahme. Das verlangt, die politischen Rahmenbedingungen mitzutragen. Unternehmer müssen über Begrenzungen hinweg die Zukunft mitgestalten – und ihr Wissen in die politische Meinungsbildung einbringen. Daneben haben sie die gesellschaftspolitische Verantwortung, das Leben der Menschen zu verbessern. Dazu gehört, Gewinne zu erwirtschaften, um Arbeitsplätze, Gehälter, Sozialleistungen und Steuern zu erbringen – und so den Staat dabei zu unterstützen, seiner Verantwortung gerecht zu werden und für die Gemeinschaft zu sorgen. Nicht zuletzt tragen Unternehmer Verantwortung für die Entwicklung von Geschäftsmodellen, die eine bessere Vision dieser Welt haben. Die Wertschöpfung emissionsfrei, CO2-neutral, abfallfrei und (nahezu) frei vom Verbrauch weiterer Rohstoffe zu gestalten. Es geht um disruptive Ideen und Modelle, um sinnvolle und ressourcenschonende Produkte. Mithin tragen Unternehmen die Verantwortung für die Umsetzung ethischer Werte in gelebtes Handeln. Der Lohn: Studien beweisen klare Zusammenhänge zwischen ethischen Werten, Wertschöpfung und positiver Unternehmenswertentwicklung – Post-Corona noch stärker als je zuvor.

Christoph Zischgl, Leser

Jenseits aller Gesetze

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ So formulierte Immanuel Kant 1785 in der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ ein Kriterium, ob eine Handlung moralisch gut sei. Mit seinem „kategorischen Imperativ“ forderte er, dass man nach einer Maxime handle, also nach einer obersten Lebensregel des Wollens und Handelns, der alle ohne Ausnahme jederzeit und uneingeschränkt zustimmen können. Der kategorische Imperativ ist auf Individuen genauso anwendbar wie auf Unternehmen. Betrachtet man die derzeit häufig diskutierten Cum-Ex-Geschäfte mancher Banken, hört man häufig, dass diese durchaus nach Recht und Gesetz gehandelt hätten und nichts Verbotenes taten. Durch allerlei Kniffe und Tricksereien, die jeweils für sich genommen nicht verboten sind, haben sie sich mehrfache Steuererstattungen erschlichen, die ihnen jeweils nur einmalig zugestanden hätten. Die Verantwortung von Unternehmen beschränkt sich eben nicht darauf, allen Gesetzen Genüge getan zu haben. Im Sinne Kants tragen sie auch die Verantwortung dafür, dass das Resultat ihres Handelns so ausfällt, als hätte es speziell für diesen Einzelfall ein Gesetz gegeben. Fintenreiches Aufspüren von Schlupflöchern zählt nicht dazu. Dies schränkt die Freiheit unternehmerischen Handelns nicht ein. Aber es fordert eine Moral ein, die universal ist jenseits aller detailliert formulierten Gesetze.

Nikolas Samios, Leiter Arbeitsgruppe ESG, Bundesverband Deutsche Startups (BVDS)

Kein Widerspruch mehr

Unternehmen, ob groß, ob klein, haben vielschichtige Verantwortung. Und bei Startups trifft diese Verantwortung nicht nur Gründer, sondern auch deren Investoren wie Business Angels oder Venture-Capital-Investoren. Zugleich rumort es gewaltig in Politik und Regulierung unter der Überschrift „ESG“ – kurz für: Environmental, Social, Governance – nicht erst seit Fridays for Future. Bisher konnte man in der Startup-Szene zwei Lager beobachten, die sich oft feindselig beäugten: Auf der einen Seite angloamerikanisch-geprägte, „pure“ Kapitalisten, die allein die Gewinnmaximierung in den Vordergrund stellen und reflexartig ESG als „Gedöns“ abtun. Auf der anderen Seite Leuchtturmprojekte wie Ecosia, die aus dem wirtschaftlichen Hamsterrad komplett aussteigen und Erfolg nicht länger in Umsatz und EBIT messen, sondern in gepflanzten Bäumen. 2021 ist das Jahr, in dem hoffentlich auch mit einem kleinen Beitrag unserer Arbeitsgruppe im BVDS der vermeintliche Widerspruch zwischen den Lagern aufgelöst werden kann. Denn modernes ESG-Management ist weniger „Tree Hugging“ als ein gesamtheitliches Risikomanagement, eine Gender- und Diversity-Agenda für ein Unternehmen nicht eine Charity-Aktion, sondern schlicht wirtschaftlich gewinnbringend. So entsteht eine Brücke in den Mainstream: Denn auch der konservativste Kapitalist kann steigende ESG-Risikoprämien bis hin zur mittelfristigen Verknappung von Kapital für nicht ESG-konforme Projekte ignorieren.

Albrecht Thomas Haller, Leser

Das Beste für alle

Keine Verantwortung – das ist so in einem Unternehmen angelegt. Ein Unternehmen ist zunächst eine Funktionseinheit. Produzieren. Dienstleisten. Verkaufen. Wachsen. Dafür hat das Unternehmen maximal Verantwortung. Vielleicht noch für ein bisschen Qualität. Eine tiefer verstandene Verantwortung hat etwas mit den Werten der Betreiber zu tun. Wer Werte hat, fällt richtig auf. Dienen diese dem Gemeinwohl und sehen die Belange aller Beteiligten – vom Lieferanten und dem Personal bis zu Kunden, Gesellschaft und Umwelt – kommt Verantwortung auf. „Gemeinwohl-Ökonomie“ ist ein Begriff, der für mich hier passt. Ein Beispiel gewünscht? Eine Genossenschaft, in der Produzenten südlicher Länder, Kunden und Mitarbeitende aktiv Mitbestimmende sein können. Seit über 30 Jahren kommen die Produkte aus fairem und ökologischem Handel. Selbstverständlich werden Preise über dem Weltmarkt an die Produzenten in Übersee bezahlt. Auf Wunsch wird im Anbau beraten und die Produktion vorfinanziert. Arbeitsplätze vor Ort in Deutschland für Geflüchtete oder Menschen mit Einschränkungen gehören ebenso ins Bild wie die ökologische Ausrichtung des Neubaus der Firma. Und die Geschäfte laufen gut. Verantwortung funktioniert mit tragenden Werten. Ein ordentlicher Schuss Konsequenz und Durchhaltevermögen gehören dazu. Dann klappt das mit der Verantwortung im Unternehmen und für das Gemeinwohl. Und das hat dann richtig Qualität.

Klaus Amberger, Leser

Vertrauen erlaubt

Unternehmen tragen für ihre Produkte Verantwortung. Und diese Verantwortung muss nicht von außen an sie herangetragen werden, sondern ergibt sich automatisch als lebenserhaltender ökonomischer Reflex: Taugen die Produkte nichts, gehen am Bedarf vorbei oder wecken keine Bedürfnisse, bleiben Unternehmen nicht am Markt. Dass Unternehmer auch moralisch und ethisch verantwortlich agieren sollen, wie immer wieder gewünscht, geht zu weit. Warum? Erstens gibt es Rahmenbedingungen wie Grenzwerte oder DIN-Normen, die die Firmen im Sinne der Verbrauchersicherheit flankieren. Zweitens sind Unternehmen keine „seelsorgerischen“ Einrichtungen, sondern sind per wirtschaftlicher DNA verpflichtet, Mehrwert zu erwirtschaften, um zu reinvestieren und Arbeitnehmer zu bezahlen. Drittens bringen moralisch-ethische Forderungen Betriebe in Bedrängnis, sodass eine freie Wirtschaft beschädigt wird. Die Marktwirtschaft gerät durch solche Übergriffe in Erosion, weil ihr der Nährboden entzogen wird. Wenn Innovationen und Ideen weniger beklatscht werden als etwa Bekenntnisse zu Diversität, schafft das schleichenden Misserfolg am Markt. Die Tugend von Unternehmen manifestiert sich in Kundenfreundlichkeit. Verlangen (informierte) Konsumenten etwa nachhaltige Produkte, wird die Wirtschaft genau solche liefern. Der Markt selbst ordnet in den meisten Fällen die Moral und die Ethik, ergo die Verantwortung von Unternehmen.

Henrike Luszick | CEO (& Founder) Bridgemaker, Leserin

Los geht’s!

Natürlich und sehr dringend müssen wir uns Gesundheitssystem digitalisieren. So wie wir eigentlich alle Bereiche digitalisieren müssen, um Deutschland fit für die Zukunft zu machen. Dafür brauchen wir die politischen Rahmenbedingungen und den Mut von Unternehmerinnen und Unternehmern, neue Weg zu gehen. Wie dringend das notwendig ist, führt uns die Pandemie vor Augen. Gesundheitsämter können Corona-Meldungen nicht digital abwickeln. In der Apotheke eines Bekannten werden Online-Bestellungen ausgedruckt, weil Mitarbeiter mit den digitalen Prozessen nicht zurechtkommen. Die Corona-Warnapp, ein sehr teures Projekt, das viel Kritik bekommt. Wir stehen hier vor einer strukturellen Herausforderung. Es geht nicht darum, einzelne Prozesse zu ändern, sondern in unserer Gesellschaft ein digitales Grundverständnis zu etablieren. Dies ist eine enorme Kraftanstrengung, an der die Öffentlichkeit aber vor allem auch Firmen arbeiten müssen. Ja, es gibt erste Schritte wie die digitale Patientenakte oder Apps auf Rezept. Wir brauchen aber insgesamt mehr Start-up-Mentalität! Mehr Unverkrampftheit! Firmen, Verwaltung, auch Krankenhäuser, Krankenkassen, Versicherungen in Deutschland müssen lernen, wie sie neuen Ideen Raum schaffen können. Es muss ihnen gelingen, sich selbst zu verjüngen. Company Building ist hier ein Lösungsansatz, der solche veraltete Strukturen lösen kann.

C. Faber, Leser

Mitarbeiterpflege

Unternehmen haben vielfältige Aufgabenbereiche, ich beschränke mich hier auf den Bereich der Personalentwicklung. Zunächst sei noch darin erinnert, dass Unternehmen immer von konkreten Menschen geführt und entwickelt werden. Menschen setzen die Maßstäbe, die Ziele, die Inhalte, Methoden und auch Werte. Und zwar immer noch von oben nach unten, also klar hierarchisch. Verantwortung wird also von oben nach unten gereicht, im besten Falle auch gelebt. Die PE hat die Verantwortung, diese vom bloßen Verwalten zum Gestalten weiter zu entwickeln. Es beginnt langsam, aber unumgänglich, dass eine moderne PE auch Angebote zur Entwicklung des ganzen Menschen anbieten wird. Nicht mehr bloß auf den Bereich der Fachkompetenzen beschränkt, zu denen man ja auch die sogenannten soft skills zählt. Oder durch einmalige Bespaßung durch ein Teamevent oder Weihnachtsfeiern. Es werden künftig die Unternehmen von Mitarbeitern favorisiert, die freilassend ein Angebot durch externe Mitarbeiter anbieten, in dem Beratung, Coaching und Therapie gleichermaßen zur freien Verfügung stehen. Das Budget dafür hat einen Return on invest, der sich nicht nur zahlentechnisch rechnet, sondern menschlich lohnt und das ganze Unternehmen aufwertet.

Elena Trautmann, Leserin

Feste Bindungen

Soziale Verantwortung ist für große Unternehmen schon immer ein wichtiges Thema gewesen. So ist es zum Beispiel der Familie Krupp zu verdanken, dass kostengünstige Wohnungen neben der Fabrik entstanden sind und wir dadurch heute unsere Sozialsysteme haben. Krupp war es wichtig, dass sich seine Mitarbeiter wohlgefühlt haben und die Firma wie eine Familie sahen. Heutzutage gehen manche Unternehmen sogar noch etwas weiter, was mich manchmal eher an eine Sekte erinnert. Aber alles in allem ist es wichtig, dass sich Unternehmen um ihre Mitarbeiter kümmern, denn das Humankapital wird in Zukunft über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.

Klaus Dieter Kunze, Leser

Auch im Ernstfall

Eine große Verantwortung, die ein Unternehmen zu tragen hat, ist für mich der Arbeitsschutz. Ich habe 28 Jahre lang als Dachdecker gearbeitet und bin letztes Jahr im Oktober bei der Arbeit verunglückt. Mein ehemaliger Arbeitgeber hatte es mit den Schutzmaßnahmen nicht so genau genommen. Das Gerüst, von dem ich gestürzt bin, hätte gar nicht mehr verwendet werden dürfen. Ich kämpfe bis heute noch vor Gericht, um meine Existenz sichern zu können. Leider nimmt mein ehemaliger Chef es mit der Verantwortung nicht so ernst.

Klaus Dieter Kunze, Leser

Auch im Ernstfall

Eine große Verantwortung, die ein Unternehmen zu tragen hat, ist für mich der Arbeitsschutz. Ich habe 28 Jahre lang als Dachdecker gearbeitet und bin letztes Jahr im Oktober bei der Arbeit verunglückt. Mein ehemaliger Arbeitgeber hatte es mit den Schutzmaßnahmen nicht so genau genommen. Das Gerüst, von dem ich gestürzt bin, hätte gar nicht mehr verwendet werden dürfen. Ich kämpfe bis heute noch vor Gericht, um meine Existenz sichern zu können. Leider nimmt mein ehemaliger Chef es mit der Verantwortung nicht so ernst.

Susanne L., Leserin

Der Teufel im System

Ich erwarte von einer Unternehmensphilosophie, dass Wert auf einen würdevollen Umgang mit den Angestellten gelegt wird. Gespräche müssen freundlich und sachbezogen verlaufen. Der in der Hierarchie Unterstellte darf nicht ausweglos den Launen des Vorgesetzen ausgeliefert werden. Kein leichtes Vorhaben in einer Unternehmensstruktur, die durch starke Hierarchie und Abhängigkeit geprägt ist.

B. Kreb, Leser

Die Wahl haben !

SCHLUSSENDLICH haben Unternehmer für Ihre Kunden die gleiche Fürsorgepflicht wie für Ihre Mitarbeiter. Über bekannte Gefahren und Risiken, die ein Produkt aufweist, muss der Verbraucher informiert werden. Beziehungsweise dürfen nur Produkte vertrieben werden, die keine mittel- oder unmittelbaren Gesundheitsgefahren aufweisen. Der Verbraucher muss über das Gefährdungspotential informiert werden, um sich entscheiden zu können, ob er das Produkt erwirbt oder nicht. Über diesen Weg ist der Konsument gezwungen, sich Gedanken über den Kauf zu machen und ggf. Alternativprodukte anzufragen. Die Unternehmer haben die Möglichkeit bzw. sind demzufolge gezwungen sich über Alternativprodukte Gedanken zu machen z.B. alkoholfreie Weine, Aceton freie Nagellackentferner. Schlussendlich bleibt es beim Konsumenten sich zu entscheiden, ob die vom Hersteller zwingend notwendig bekannt gegeben Risiken akzeptierbar sind oder nicht. Im Idealfall reguliert der Markt sich selber und Produkte mit Gesundheitsgefährdung werden wegen mangelnder Nachfrage vom Markt genommen.

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Weshalb digitalisieren wir das Gesundheitssystem?

93 Prozent der niedergelassenen Ärzte kommunizieren überwiegend in Papierform mit Krankenhäusern. Das soll sich mit der Einführung der elektronischen Patientenakte ändern. Aber wollen wir das? Welche Probleme könnten wir digital besser lösen? Und was ist mit ethischen Fragen und dem Datenschutz, wenn der gläserne Patient Realität wird? Schreiben Sie uns, wie unser Gesundheitssystem im digitalen Zeitalter aussehen sollte – und warum.

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Volker Nürnberg, Gutachter im gemeinsamen Bundesausschuss

Für die Patienten

Mit der Einführung der elektronischen Patientenakte zu Jahresbeginn wird der Patient in den Mittelpunkt gestellt. Ähnliche Projekte wie die App auf Rezept gibt es bereits, der E-Impfpass und das E-Rezept werden folgen und lassen den Patienten an Entscheidungen über seine Behandlung partizipieren. Allerdings sind bestimmte Akteure wie niedergelassene Ärzte und Apotheken noch zurückhaltend. Bei ihnen dominiert oft noch das Faxgerät, die Datensicherheit digitaler Anwendungen wird kritisch gesehen. Deutschland ist hier im Vergleich mit anderen Industrieländern ein Entwicklungsland. So belegen wir im Digital Health Index der Bertelsmann-Stiftung den vorletzten Platz. Und dort, wo ethische Aspekte hineinspielen, etwa bei Robotik, Blockchain oder der personalisierten Prognosen von Krankheitsverläufen über Big Data und Künstliche Intelligenz oder Gen(om)analysen, bestehen regulatorische Grenzen. Die interoperable Telematik-Infrastruktur soll alle Beteiligten vernetzen, Datenschutz und Datensicherheit haben hier oberste Priorität. Auch der Personalmangel im Gesundheitsbereich kann durch E-Triage und Telemedizin abgemildert werden, besonders in schlecht versorgten ländlichen Regionen. Skalierung, die Unabhängigkeit von Zeit und Raum und das synergetische Nutzen von Mensch und Maschine könnten ein Quantensprung für die Medizin bedeuten. Denn die großen Techkonzerne haben den europäischen Gesundheitsmarkt längst im Fokus.

Andrea Schindler, Leserin

Sehnsüchtig erwartet

Als betroffene Ärztin, die jeden Tag viel Zeit damit verbringt, in Warteschleifen von Hausärzten oder anderen Krankenhäusern zu hängen, um eventuell alte Arztbriefe, Vorbefunde oder Informationen zu Vergleichslaborwerten, Medikationslisten oder ähnlich wichtigen Informationen zu bekommen, muss ich sagen, dass ich mir sehr wünschen würde, dass wir die elektronische Patientenkarte schon hätten. Schließlich könnte der Patient selbst entscheiden, wenn besonders sensible Daten, wie zum Beispiel eine HIV-Erkrankung, nur an bestimmte, autorisierte Ärzte freigegeben werden dürfen. Auch hat sich die Patientensicherheit durch die fortschreitende Digitalisierung erhöhen lassen. Wir benutzen hier an der Uniklinik ein elektronisches Medikationssystem, welches automatisch Wechselwirkungen, Dosierungsfehler und Laborwerte, etwa erhöhte Nierenwerte als Kontraindikation für manche Medikamente, mit der Medikation abgleicht. Das bedeutet einen enormen Zugewinn an Sicherheit.

Karl Weber, Leser

Lange Wunschliste

Mir fallen viele Gründe ein: Wartezeiten beim Arzt, Papierkram bei der Aufnahme, Medikationsfehler, die technisch verhindert werden können. Krankheiten, die noch besser erforscht werden müssen. Versorgungsengpässe auf dem Land und Fachkräftemangel.

Gerald Gaß, künftiger Vorstandsvorsitzender Deutsche Krankenhaus- gesellschaft (DKG)

Neue Möglichkeiten in der Versorgung

Digitalisierung ist ein zentrales Zukunftsthema, auch für Krankenhäuser. Das ist nicht zuletzt während der Corona-Pandemie deutlich geworden. Sie hat – wie in anderen Bereichen auch – in vielen Kliniken digitale Projekte enorm beschleunigt. So haben digitale Verfahren die Patientenversorgung teils sehr schnell unterstützt und ergänzt. Die Potenziale der Digitalisierung sind verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, die Krise hat diesen Prozess noch verstärkt. Diese Chance gilt es zu nutzen, um die Voraussetzungen für eine breite Digitalisierungswelle zu schaffen. Der Aufbau regionaler Versorgungsnetzwerke mit auch sektorenübergreifend abgestimmten Versorgungsaufgaben wird durch die digitale Vernetzung ermöglicht. Zentral ist auch der weitere Ausbau telemedizinischer Initiativen in der Versorgung, zum Beispiel bei Tumorboards und bei Nachsorge und Überwachung im Anschluss an die stationäre Versorgung. Beispiele für Innovationen, die künftig eine Rolle spielen werden, sind die personalisierte Medizin, etwa die Gensequenzierung in der Onkologie, die Robotik-Unterstützung der Pflege, die vollautomatisierte Medikation oder der Einsatz von Spracherkennungssystemen für medizinische Dokumentation. Letztlich stehen aber all diese Projekte unter dem Vorbehalt der Bereitstellung ausreichender Investitionsmittel.

Pawel Nowak, Leser

Digitalisierung heißt, Profis an Technik und Workflows zu lassen. Das steigert die Effizienz. Die entscheidende Frage ist: Lesson learned? Fehlt Respekt vor dem Know-how, folgt die interne Verschlimmbesserung. Im Gesundheitswesen mein Alptraum.

Ruth Hecker, Vorsitzende Aktionsbündnis Patientensicherheit

Schäden minimieren

Das medizinische Wissen wächst exponentiell. Genauso wachsen die Anforderungen an fächer- und berufsgruppenübergreifende Kooperation und Kommunikation. Die Gründe für vermeidbare Patientenschäden liegen mehrheitlich in Kommunikationsdefiziten. Patientensicherheit bedeutet, Menschen vor vermeidbaren Schäden zu schützen. Dies ist eine enorme Herausforderung im immer komplexer werdenden Geflecht der Behandlungsmöglichkeiten und Versorgungsangebote. Das Wissen und die Anstrengung jeder einzelnen Person reicht nicht mehr aus. Wir müssen auch die Patientinnen und Patienten unterstützen, ihren Weg im Gesundheitswesen zu finden und gesundheitskompetent zu handeln. Genau für diese Prozessunterstützung ist Digitalisierung wichtig. Mit ihrer Hilfe können Sicherheitsbarrieren geschaffen werden, die Patientinnen und Patienten wie Behandelnde davor schützen, dass unsichere Handlungen in Patientenschäden resultieren. Damit aber Digitalisierung diese Wirkung hat, muss von Anfang an bei allen digitalen Angeboten und Prozessen mit Risikomanagementmethoden die Patientensicherheit an zentraler Stelle mitgedacht und zum Leitprinzip erhoben werden. Mit anderen Worten: Genauso wie der Datenschutz oder die technische Funktionalität vorab geprüft und gewährleistet werden müssen, muss das auch für Patientensicherheit gelten. Und wir müssen während der Anwendung fortlaufend nach neuen oder bisher unbekannten Risiken Ausschau halten und aktiv angehen.

Ömer Zeytin, Leser

Fakt ist: Die Zukunft wird kommen, ob man will oder nicht. Es wird keinen gläsernen Patienten geben, wenn die Rahmenbedingungen gut geregelt sind, etwa beim Datenschutz. Die elektronische Patientenakte ist nicht nur klimafreundlicher als in Papierform, sondern auch viel schneller – zumindest, wenn endlich das Glasfasernetz in Deutschland ausgebaut ist.

Christian Koch, Leser

Vision für die Praxis

Es ist fast unglaublich, mit welcher Geschwindigkeit die Menschheit Wissen in den verschiedensten Bereichen produziert. Da macht auch das Gesundheitswesen keine Ausnahme, im Gegenteil. Ich stelle mir vor, dass es für Ärzte eine enorme Herausforderung darstellen muss, mit dem steten Wissenszuwachs zu Krankheitsverläufen, Symptomen und Behandlungsansätzen Schritt zu halten. Gleichzeitig muss ich sagen, dass es nicht akzeptabel ist, dass vorhandenes Wissen um eine Krankheit und die effektivsten Behandlungsmethoden nicht angewendet werden, weil die Information (noch) nicht bei dem behandelnden Arzt angekommen ist. Hier erwarte ich mir von der Vernetzung eine hochgradige qualitative Aufwertung der Behandlungen. Leider kommen wir unseren Innovationen nicht mehr hinterher. Wir können all die guten Ideen und Visionen eigentlich gar nicht alle in der Praxis anwenden und erproben, um sie mal auszuwerten und zu besprechen und uns auf der Basis dieser Erfahrungen zu überlegen, wie das große Ganze eigentlich aussehen sollte. Dabei gibt es genügend Gründe, warum wir unser Gesundheitssystem digital weiterentwickeln sollten.

Günter Nützel, Leser

Viel zu unsicher

Wunderbar: Wenn ich jetzt zum Arzt gehe, wird er alle Ergebnisse seiner Untersuchung auf meine Gesundheitskarte speichern und bei einem anderen Arzt brauche ich nur die Karte hingeben und er hat alle Daten, die er braucht. Diese Karte muss ich sowieso dabei haben. Oder irre ich mich? Tatsächlich, so soll es nicht gehen. Alle wollen mein Daten sehen und dazu müssen sie im Netz gespeichert werden. Will ich das? Um Gottes Willen, bitte nicht. Warum macht man das System so kompliziert und fehleranfällig? Mit riesigen Kosten und allen möglichen Missbrauchsmöglichkeiten. Es wäre doch so einfach, wie oben beschrieben. Ich werde das „neue“ System nicht nutzen und nicht nutzen lassen. Gesundheitsdaten haben meiner Meinung nach im Internet nichts zu suchen – denn Sicherheit im Internet gibt es nicht.

Farina Schurzfeld, Unternehmerin

Apps auf Rezept

Seit dem 19. Dezember 2019 gibt es ein Gesetz, das für eine bessere Versorgung von Patienten durch innovative Digitalisierungskonzepte sorgen soll: das Digitale-Versorgung-Gesetz, kurz DVG. Schon heute nutzen viele Patienten Gesundheits-Apps, die digitalisierte Therapien anbieten oder dabei unterstützen, Arzneimittel regelmäßig einzunehmen oder Blutzuckerwerte zu dokumentieren. Seit Ende 2020 können sogar solche Apps von Ärzten verschrieben werden. Die Kosten übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung. Um digitale Gesundheitsanwendungen bestmöglich nutzen zu können, können Patienten mit dem Arzt oder Therapeuten gemeinsam entscheiden, ob eine digitale Therapie für sie infrage kommt. Neben einem nutzerfreundlichen Design ist es wichtig, dass persönliche Erfolge aufgezeigt werden und Inhalte individualisiert sind, damit man sich auch persönlich abgeholt fühlt und motiviert bleibt. Da digitale Gesundheitsanwendungen einen extensiven Prüfprozess durchlaufen, ist Nutzern garantiert, dass Themen wie Datensicherheit gesetzliche Standards erfüllen und auch eine Evidenz bewiesen wurde. Anhand dieser Faktoren können Patienten eine App bewerten und anschließend für sich entscheiden, ob eine digitale Therapie überbrückend oder in Einzelfällen sogar ersetzend passt. Ein ärztlicher Rat kann in jedem Fall hilfreich sein. Letztendlich ist es eine individuelle Entscheidung, da sich eine App für Therapiezwecke nicht für jeden Patienten eignet.

Annemarie Fajardo, Stellvertretende Vorsitzende Bundesverband Pflegemanagement

Mehr Zeit fürs Wesentliche

Die Digitalisierung kann aus zwei unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden: aus der der Pflegenden, die täglich mit zunehmender Arbeitsdichte zu kämpfen haben, und aus der der Pflegemanager, die alle Arbeitsprozesse in einer Pflegeeinrichtung koordinieren müssen. In beiden Fällen kann die Digitalisierung unterstützen. Bei den Pflegenden können digitalisierte Prozesse zu einer deutlichen Arbeitsentlastung führen, etwa bei der Dokumentation von Pflegeleistungen. Bei den Pflegemanagern sorgt die Digitalisierung von Dokumentationsprozessen für mehr Transparenz der Pflegeleistungen. In vielen Arbeitsbereichen muss noch überwiegend analog dokumentiert werden, zum Beispiel wenn ein Patient aus einem Krankenhaus in eine Pflegeeinrichtung entlassen wird. Eine verpflichtende Anbindung an die Telematik-Infrastruktur gibt es für Pflegeeinrichtungen noch nicht, sodass die manuelle Dokumentation durchaus breite Akzeptanz findet. Durch zahlreiche Modellprojekte von Startups ist den Pflegemanagern aber bewusst, dass es digitale Lösungen für die Optimierung von Dokumentationsprozessen gibt. Diese haben das Bedürfnis wachsen lassen, entsprechende Lösungen für den eigenen Betrieb umzusetzen, um dadurch Effizienzen herbeizuführen, die die Pflegenden in ihrem Arbeitsalltag entlasten. Davon profitieren auch die Pflegemanager, da freigewordene Ressourcen etwa für die intensivere Versorgung der zu Pflegenden eingesetzt werden können.

Vincent Lentzsch, Leser

Digital, aber sicher

Wenn man sich die Zettelwirtschaft und die damit verbundene Ineffizienz in den Gesundheitsämtern gerade zu Beginn der Corona-Pandemie vor Augen führt, ist dies sicherlich eines der populärsten und auch überzeugendsten Argumente für eine fundamentale Digitalisierung des Gesundheitssystems. Denn hier geht es nicht nur um das Aufspüren von Infektionsketten, sondern letztendlich um den Schutz der Menschen. Reibungslose Abläufe sind dann hier kein Ausdruck von Technokratie oder Digitalisierungswahn, sondern entspringen vielmehr einem ethischen Motiv. Wir kommen in diesem Sinne früher oder später sowieso nicht um die elektronische Patientenakte herum. Gleichwohl steigen damit auch die Anforderungen hinsichtlich des Datenschutzes. Es wäre aber nun dystopisch, wenn allein durch die Einführung der E-Akte gleich der gläserne Patient Realität wird. Um dem entgegenzuwirken – und das wird hier eine der größten Aufgaben sein – braucht es einen professionellen Datenschutz, der auch laufend vor neuen Gefahren, ähnlich einem Antivirenprogramm, auf der Höhe der Anforderungen gehalten wird. Denn die Cyberkriminalität wird sich hinsichtlich der E-Akte gewiss schon in Stellung bringen, um hier an die sensiblen und lukrativen Daten zu kommen.

Jochen A. Werner, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender Universitätsmedizin Essen

Ohne Alternative

Die Antwort ist kurz und eindeutig: Weil wir keine Wahl haben. Denn die Qualität eines Gesundheitssystems bemisst sich künftig immer weniger nach der Anzahl der Intensivbetten oder dem Vorhandensein medizinscher Geräte. Diese Grundtugenden bleiben wichtig, sind aber Parameter einer auslaufenden Epoche. Entscheidend für die Leistungsfähigkeit der medizinischen Versorgung wird neben der Qualität des medizinischen Personals vor allem der Grad der Digitalisierung und die Verfügbarkeit von Daten sein. Nur mit der Nutzung von Algorithmen und Künstlicher Intelligenz nutzen wir die Chancen des medizinischen Fortschritts in vollem Umfang für unsere Patientinnen und Patienten, etwa bei personalisierten Therapien in der Onkologie. Nur auf digitaler Grundlage optimieren wir die Kommunikation zwischen den Akteuren im Gesundheitssystem. Und vor allem: Nur mit digitalen Lösungen entlasten wir unsere Beschäftigten von patientenfernen Tätigkeiten, schaffen mehr Zeit für die Kommunikation und machen damit die Medizin menschlicher und empathischer. Die schmerzhafte Erkenntnis des tiefgreifenden digitalen Defizits ist hoffentlich ein Weckruf für eine innovative, zukunftsfähige Gesundheitswirtschaft, in der Digitalisierung nicht als Gegenpol eines überzogenen Datenschutzes gesehen wird, sondern als historische Chance, den Menschen eine bessere Gesundheitsversorgung anzubieten und die Medizin insgesamt humaner und zugleich dauerhaft finanzierbar zu machen.

Gundi Günther, Leserin

Jede Menge Vorteile

Vielleicht stehen wir uns mit unserem Wahn nach Datenschutz auch selber im Weg. Es macht doch Sinn, die Gesundheits- und Krankheitsdaten eines Menschen zu bündeln, zu zentralisieren und schnellstmöglich zur Verfügung zu haben, um eine genaue Diagnose erstellen und den Heilprozess optimieren zu können. Dafür bedarf es selbstverständlich eines idealen und somit digitalen Gesundheitssystems. Ich kann doch nur damit einverstanden sein, dass jeder Arzt, den ich konsultiere, meine Anamnese kennt. Vielleicht gibt es irgendwann den einpflanzten Chip, der Auskünfte über meine Körpergeschichte gibt. Auch das wäre meines Erachtens im Sinne der Medizin und der Menschen begrüßenswert.

Dilek Gürsoy, Herzchirurgin, Forscherin und Autorin

Jede Stimme zählt

Fortschritt funktioniert nur, wenn nicht ausschließlich diejenigen miteinbezogen werden, die am Schaltknüppel sitzen. Sprich: Deutschland muss endlich anfangen, sich auch die Stimmen anzuhören, die normalerweise erst gar nicht berücksichtigt werden. Das Gleiche gilt für die Digitalisierung im Gesundheitswesen: Wer dabei erfolgreich sein will, muss endlich auch die Menschen ernst nehmen, die weit unterhalb der Geschäftsführung arbeiten. Außerdem sollten nicht die Befindlichkeiten der Führung im Fokus stehen, sondern immer das Medizinische und das Patientenwohl. Sonst verkommt Digitalisierung mehr und mehr zum Modewort, das zwar gut klingt, aber in der Praxis nicht ankommt. Als ich ein Jahr intensiv versucht habe, eine für mich adäquate Stelle in der Herzchirurgie zu finden, habe ich gemerkt, dass es selbstbewusste und erfolgreiche Frauen mit mutigen Ideen in Bereichen wie der Chirurgie nach wie vor sehr schwer haben, Fuß zu fassen. Hinzu kommt, dass das Gesundheitswesen viel zu sehr in festgefahrenen Strukturen klebt, dass Menschen mit anderen Visionen, die vielleicht nicht den typischen Karriereweg gegangen sind, kaum eine Chance haben. Wir müssen also hinsichtlich der Digitalisierung viel offener werden für andere Ideen. Auch für welche, die von außen kommen. Gerade deswegen ist es in diesem System sehr wichtig, niemals aufzugeben und für seine Ziele zu kämpfen. Sonst bauen sich die Visionäre eben ein eigenes System auf.

Sebastian Zilch, Geschäftsführer Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg)

Feuertaufe bestanden

Die vergangenen Monate haben gezeigt: Vieles geht auch digital und oft sogar besser als von vielen erwartet. Eines der besten Beispiele dafür sind Videosprechstunden, die 2020 ihren Durchbruch feierten: Während es 2019 bundesweit davon knapp 1.700 gab, waren es Ende Mai 2020 schon 200.000. Die Selbstverständlichkeit, mit der telemedizinische Lösungen in den vergangenen Monaten zum Einsatz kamen, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Rahmenbedingungen hierzulande alles andere als optimal sind: Erst 2018 wurde das Fernbehandlungsverbot gelockert. Die seitdem geltenden Obergrenzen für solche Behandlungen sind derzeit nur pandemiebedingt ausgesetzt, also noch längst nicht aufgehoben. Maximal 20, bald 30 Prozent ihrer Patientenkontakte dürfen Ärztinnen und Ärzte pro Quartal normalerweise als Videosprechstunde abrechnen. Hinzu kommt, dass Videosprechstunden noch immer bis zu 30 Prozent schlechter vergütet werden. Wir müssen endlich anfangen, die Telemedizin als gleichwertigen Teil der Patientenversorgung anzuerkennen und ihr den Entfaltungsraum zuzugestehen, den sie verdient. Von den Vorteilen wie kurze Wege, geringere Wartezeiten sowie Vermeidung des Infektionsrisikos konnten sich Patientinnen und Patienten sowie Ärztinnen und Ärzte bereits zu Genüge überzeugen – worauf warten wir also noch?

Andrea Vogel, Leserin

Fachleute aufgepasst

Die Digitalisierung soll Effizienz ins Gesundheitswesen bringen, dazu Ärzten mehr Zeit für den Patienten und bessere Behandlungen, in der Wissenschaft innovative Forschungsergebnisse. Aktionen wie die CoronaApp zeigen aber, dass es auch um den gläsernen Bürger gehen könnte, wenn die Fachleute nicht aufpassen.

Dr. med. Christian Jacobi, Leser

Das „gute Gefühl“ vermitteln im Arzt-Patientenkontakt

In der Corona-Pandemie wird symptomatisch, was seit langem in der täglichen Patientenversorgung im Argen liegt: die Digitalisierung bietet effektive und effiziente Lösungen für eine moderne Evidenz-basierte Medizin, nur bleiben diese aus verschiedenen - mal mehr mal weniger nachvollziehbaren – Gründen häufig auf der Strecke. Dabei sehe ich das Potential nicht nur im Bereich der Prozessoptimierung und Kostenreduktion, vielmehr geht es um die Chancen und Möglichkeiten zur stetigen Optimierung der Versorgungs- und Behandlungsqualität der Patienten. Insoweit stellt sich eine Investition in die digitale Infrastruktur - solange diese einen messbaren Mehrwert zur Steigerung der Patientensicherheit liefern kann - nicht nur als sinnvoll sondern als ethisch geboten dar und es gilt diese dem Patienten nicht weiter vorzuenthalten. Die Herausforderung besteht insbesondere darin, sich im klinischen Alltag nicht im Dickicht digitaler Insellösungen zu verlieren und somit die Praktikabilität auf Spiel zu setzen. Vielmehr müssen im \"durchregulierten\" Gesundheitsmarkt alle Beteiligten abgeholt werden und es bedarf großer Würfe, was viel Überzeugungsarbeit und Mut abverlangt. Letztlich sollen die durch digitale Konzepte freiwerdenden Ressourcen dazu dienen, den zwischenmenschlichen Arzt-Patientenkontakt wieder in den Vordergrund zu stellen und das „gute Gefühl“ durch ein Mehr an Zuwendung und Aufklärung zu stärken.

Dr. Ursula Mühle, Leserin

Digital Health Literacy – wie wir gemeinsam eine bessere und schnellere Versorgung durch digitale Prozesse erreichen

Die COVID-19 Pandemie hat uns wie ein Brennglas vor Augen geführt, wie wichtig eine schnelle medizinische Versorgung bei der Eindämmung der Pandemie ist. Besonders wichtig ist es schnell zu handeln. Wir müssen herauszufinden, wo genau Infektionen auftreten, um eine weitere Verbreitung möglichst sofort zu unterbrechen. Leider funktionieren viele Melde-Prozesse nach wie vor Papier- oder Fax-basiert. In meiner aktuellen Funktion als Leiterin der Task Force Pflege am Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit bin ich sehr froh, dass wir mit meinem Team ein neues Online Portal Pflege entwickeln und einführen konnten. Dieses hat uns in den letzten Wochen sehr geholfen, durch ein tagesaktuelles Monitoring der Ausbruchsgeschehen in Alten- und Pflegeheimen, individuelle Empfehlungen zur Eindämmung der Pandemie in die Wege zu leiten. Bis heute lernen wir dabei täglich wahnsinnig viel Neues im Bereich Digitaler Versorgung hinzu und viel erfahren wir dank internationaler Vernetzung. Dieses Wissen will ich weiter bündeln und habe mit ein paar internationalen Partnern den DigitalHealthCampus.eu ins Leben gerufen: eine Plattform zur Stärkung der Digital Health Literacy. Denn nur, wenn wir alle an dem selben Strang ziehen und gemeinsam, in kreativer Zusammenarbeit digitale Prozesse und Anwendungen verstehen, entwickeln und anwenden, können wir ein Ziel erreichen: eine bessere & schnellere Gesundheitsversorgung für uns alle.

Johannes Schmidt, Leser

Digitalisierung - Chance für mehr Empathie im Gesundheitswesen

Das deutsche Gesundheitssystem ist auf Grund seiner Komplexität gespickt mit Ineffizienzen. Manche dieser Ineffizienzen sind sinnvoll, weil sie zum Wohle der Patienten geschehen, viele allerdings nicht. Dass ein Arztbrief zur Überweisung eines Patienten vom Krankenhaus zurück zum Hausarzt immer noch individuell erstellt, gedruckt und per Post verschickt oder dem Patienten mitgegeben wird, ist nicht zeitgemäß, kostet sehr viel Zeit, wenn es umfassend erledigt wird, und verwehrt dem niedergelassenen Arzt im Zweifelsfall trotzdem wichtige Informationen. Ärzte im Krankenhaus verbringen mittlerweile mehr Zeit mit administrativen Tätigkeiten, als mit der direkten Arbeit am und mit Patienten, wofür sie ursprünglich teuer ausgebildet wurden. Dies führt zunehmend zu einer Arbeit am Fließband, in der Patienten Nummern werden, die abgearbeitet werden müssen. Hier bietet die Digitalisierung unglaubliche Potentiale, in dem wiederkehrende, zeitintensive Arbeiten abgenommen und dem medizinischen Personal mehr Zeit mit dem Patienten gegeben wird. Dadurch rückt das eigentlich wichtige in der Gesundheitsversorgung wieder in den Mittelpunkt, der Patient. Die Digitalisierung nimmt daher dem Arzt nicht die Arbeit weg, sondern ermöglicht sie.

Alexander König, Leser

Robotik als Teil der Digitalisierung

Mittels Robotik können repetitive Vorgänge teilautomatisiert oder körperliche Belastung reduziert werden. Robotische Lösungen können in manchen Anwendungen sogar die medizinische Dokumentation übernehmen. Die gewonnen Zeit können die Menschen sinnvoller einsetzen: zum Beispiel für menschlichen Zuwendung zum Patienten, anstatt von A nach B zu laufen, sich den Rücken kaputt zu machen oder zu dokumentieren. So kann Robotik als Teil der Digitalisierung des Gesundheitswesens dazu beitragen, dass beispielsweise Pflege sogar menschlicher wird.

Stefan Seyler, Leser_In

„Online finden - Offline binden“

Ich bin fest davon überzeugt, dass alles was digitalisiert und automatisiert werden kann, auch digitalisiert und automatisiert wird. Ebenso wird die Künstliche Intelligenz einen enormen Einfluss auf die Prozessketten in allen Bereichen haben. Daher sehe ich zum einen die Chance darin, in diesen Bereichen enorme Effizienz zu ermöglichen. Zum anderen sehe ich eine große Chance darin, dass alles, was nicht digitalisiert und automatisiert werden wird und dort wo Künstliche Intelligenz nur ergänzend und nicht ersetzend eingebracht wird, an enormer Bedeutung gewinnt – Und damit meine ich speziell die zwischenmenschlichen Beziehungen, die für das Arzt-Patienten-Verhältnis elementar und nahezu unersetzbar sind. Weiterhin großes Marktpotenzial sehe ich in der technischen Ausstattung, sowohl in den Praxen, als auch in den Krankenhäusern, in der Verbesserung der Kommunikation der Mediziner untereinander und natürlich auch in der Verbesserung der Kommunikation mit den Patienten. Der Fokus sollte sich daher sehr stark auf die Verbesserung der Prozesse sowohl in der ambulanten, als auch in der stationären Versorgung richten.

Veronika Schweighart, Leserin

Die letzte Meile: Die Gesundheitsbranche als Nachzügler in Sachen Digitalisierung

COVID-19 war ein wahnsinniger Katalysator und Weckruf für digitale Prozesse in unserem Gesundheitssystem. Während andere Branchen, wie etwa der Finanzsektor oder der Einzelhandel längst in der digitalen Ära angekommen sind, verlassen sich zahlreiche Gesundheitsbehörden noch auf Briefe oder Fax-Geräte. Ein ähnliches Bild sehen wir in der Industrie: Rund 50% aller klinischen Studien werden noch mit Papier durchgeführt. Diese relativ “manuellen” Methoden sind unsicher, fehleranfällig und führen zu großen Verzögerungen. Wir bei Climedo Health sind froh, dass wir mit unserem digitalen Patiententagebuch einen entscheidenden Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie leisten konnten. Und auch in der Industrie sehen wir bereits große Fortschritte bei Unternehmen, die sich für eine digitale Lösung entscheiden, mit welcher Ärzte und Patienten nahtlos und sicher eingebunden werden können. Dies beschleunigt die Bereitstellung digitaler Innovationen für Patienten und hilft, die neuen Therapien und Produkte fortwährend auf ihre Sicherheit und Leistung zu überprüfen. Wenn uns das Coronavirus eines gelehrt hat, dann, dass wir das Unerwartete erwarten und jederzeit auf plötzliche Veränderungen vorbereitet sein müssen. Ohne digitale Lösungen ist dies unvorstellbar. Aus diesen Gründen haben wir es uns zur Mission gemacht, das Gesundheitssystem grundlegend zu verändern und zu digitalisieren.

Rafael Hostettler, Leser

Mehr Mut zur einfachen Langeweile!

Während es natürlich extrem sexy ist an künstlicher Intelligenz z.b. in der Radiologie zu arbeiten oder mit Augmented Reality zu operieren und sich dadurch einen allgemein anerkannten Stempel der Innovation zu geben, brauchen wir in der Digitalisierung der Medizin mehr Mut die langweiligen Themen einfach umzusetzen. D.h. einfachere Schnittstellen, einfachere Nutzerinterfaces, einfachere Datenübertragung (z.b. mit HL7 FHIR), Entlastung der Pfleger durch automatisiertes Erfassen aller im Kontext bereits vorhandenen Informationen, dadurch mehr Zeit für den Patienten, weniger Zeit mit Dokumentation verbringen und automatisiertes Erkennen von Fehlern, z.b. bei der Medikamentengabe. Digitalisierung hat das Zeug zur radikalen Vereinfachung, nutzen wir sie - die drunterliegende Materie ist schon komplex genug.

Marina Leonie Moskvina, Leserin

Weiterentwicklung der Effektivität und Patientenorientierung

Das Gesundheitswesen erhält durch den Einzug der Digitalisierung die Chance, sich patientenorientierter und zielorientierter weiterzuentwickeln. So können bspw. Apps und weitere digitale Anwendungen Arztpraxen wie auch Krankenhäuser zielgerichtet ergänzen, ablösen und unterstützen, zur Genesung beitragen und das Gesundheitssystem finanziell wie auch personell entlasten. Für die Patienten eröffnet sich die Möglichkeit, mehr Nachhaltigkeit und Selbstverantwortung im Umgang mit der eigenen Gesundheit sowie der nachhaltigen Stärkung weiterzuentwickeln. Digitalisierung bedeutet auch, Bedarfe und Lösungen in Einklang zu bringen. Es braucht einen Anfang vom Faden der realistisch ist: in zu vielen Kliniken hapert es immer noch am WLAN und an E-Mailadressen. Aber man muss mehrere Zugänge finden und parallele Fadenanfänge, um das Gesamtkonstrukt nachhaltig zu verbessern und zu bewegen - unter respektvollem Einbezug der Mitarbeitenden, denn ohne Beteiligte statt Betroffene wird nichts funktionieren.

PD Dr. med. Dominik Pförringer, Leser

Digitalisierung - der intelligente Copilot des modernen Arztes

Medizin, der kurative Ansatz, dem Patienten zu helfen, entwickelt sich laufend weiter. Das Wissen wächst, die Technik wird intelligenter. Zunehmend stützen sich umfassende Diagnostik und die daraus resultierende adäquate moderne Therapie auf Daten. Zur Analyse und somit Verarbeitung dieser Daten digitale Hilfe hinzuzuziehen ist unausweichlich. Dadurch erhält der Patient ein deutlich breiteres Wissens- sowie ein aktuelleres Therapiespektrum. Essenziell ist es zu begreifen, dass der menschliche Austausch zwischen Mediziner und Patient niemals digitalisiert werden kann. Jeder Mensch wünscht sich menschliche Ansprache, ein Kranker in der Regel noch deutlich mehr als ein Gesunder. Da die Menschheit älter und gleichzeitig die Medizin komplexer wird, kommen auf Ärzte mehr Aufgaben zu. In diesem Kontext müssen vor allem bürokratische Tätigkeiten technisch gelöst werden, da sie dem Arzt wertvolle Zeit für Diagnostik und Therapie seiner Patienten rauben. Ein Arzt, der Zeit darauf verschwendet, Technologie zu bedienen ist fehlallokiert. Die Technik muss den Arzt bedienen, seinem Patienten und ihm dienen. Um sinnvolle Lösungen zu entwickeln, die realistisch und zeitnah Anwendung finden bedarf es der Ausbildung, der sogenannten Digital Health Literacy sowie der Zusammenarbeit, der Co-Creation zwischen Ärzten und Technikern. Erfolgreiche Lösungen entstehen aus aktuellem Bedarf, aus akuten Problemen und Engpässen in der Medizin.

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