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Wie wird man alt und glücklich?

Alt zu werden ist keine Kunst mehr: Im Schnitt feiert heutzutage jeder zweite Deutsche seinen 80. Geburtstag. Aber was bringt ein biblisches Alter, wenn wir es nicht mehr genießen können? Mit unserer Titelfrage machen wir uns auf die Suche nach dem heiligen Gral der persönlichen Entwicklung: Verraten Sie uns, wie man trotz morscher Knochen und grauer Haare glücklich bleibt.

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Christoph M. Ohrt, Schauspieler

Lebe das Leben

Einen Ruhestand wird es bei mir hoffentlich nicht geben. Ich habe schon einige von denen hinter mir und freue mich auf das, was noch kommt. Das Beste liegt doch immer noch vor einem. Ich habe es seit früher Jugend , wohl oft unbewusst, mit Balu, dem Bären, gehalten: Rastloses Hinterherhecheln war mir immer ein Rätsel. Es gab viele erlebte Glücksmomente. Ich hatte Glück, habe auch viel Un-Glück erfahren und kann von Glück sagen, dass ich es bis hierher geschafft habe. Aber als Dauerzustand? Ein vermessener Gedanke. Einen Traum zu verfolgen – wie bei mir die Schauspielerei – und Träume gelebt zu haben, basiert für mich auf der Einsicht, sich aufs Bauchgefühl zu verlassen, seinem Herzen zu folgen und seinen Instinkten zu vertrauen. Und öfter mal ins kalte Wasser zu springen. Sollte ich bei manchem – aus meiner Sicht – gescheitert sein: den Versuch war’s (fast immer) wert. Menschliche Enttäuschungen, Existenzängste, Verluste, Trauer, Verzweiflung und Krankheiten wurden und werden durchlebt. Ohne diese Erfahrungen könnte ich mich vielleicht glücklich nennen – aber es wäre auch Stillstand. Ich möchte das Wort Glück mit Zufriedenheit austauschen. Es war bisher ein durchaus aufregendes und bewegtes Leben, ich hoffe, es bleibt dabei. Ich freue mich auf wilde Zeiten mit meinen geliebten Kindern und alten und neuen Freunden. Denn eines ist bei mir sicher: Ich werde den Humor, den Retter, nicht verlieren.

Günter Gaupp, Leser

Des Glückes Schmied

Albert Schweitzer hat zutreffend festgestellt: „Mit den Jahren runzelt die Haut, mit dem Verzicht auf Begeisterung aber runzelt die Seele.“ Für das Lebensglück scheint mir eine positive Grundstimmung daher eine wichtige Voraussetzung zu sein. Optimismus hilft sicherlich besser über weniger glückliche Lebensphasen hinweg. Ich erinnere mich gerne an eine kleine Holztafel in der Wohnung meiner Großeltern. Dort stand: „Wie vielen wird es nie zu eigen, die es suchen in der Welt voll Streit, Glück ist das Verstehen zweier Seelen, Glück ist die Zufriedenheit.“ Seit Kindertagen ist mir Zufriedenheit ein besonders hohes Gut, mit dem sich die Mühseligkeiten des alltäglichen Lebens leichter meistern lassen. Auch bei wechselnden Gegebenheiten geht von ihr eine insgesamt positive Lebenshaltung aus, die Glück nach innen und außen ausstrahlt, das für innere Ausgeglichenheit und Wohlbefinden sorgt. Während körperliche und geistige Beweglichkeit nur bedingt in der eigenen Hand liegen, ist Glück im Sinne von Zufriedenheit weitgehend mit eigener Kraft erreichbar. Fakten lassen sich nicht immer ändern. Die Einstellung zu den Dingen zählt jedoch zu den großen Freiheiten des Menschen, über die er ganz allein verfügen kann. Alt und glücklich zu sein, ist zweifellos ein erstrebenswertes und mit Lebensvertrauen und Lebensfreude auch erreichbares Ziel. Es ist alle Anstrengungen wert.

Hermann Strasser, Leser

Gemeinsam glücklich

Die Menschen im dritten Lebensalter werden nur dann glücklich(er), wenn es eine neue Kultur der Hilfe gibt. Wir haben es nämlich mit einem neuen Muster langer Lebensläufe zu tun. Das Alter wird jünger und die Lebensphase „Alter“ differenzierter. Die Altersstruktur der Gesellschaft verschiebt sich nach oben, die Spannweite der Generationen wird größer, aber die Alterskohorten werden schmäler. Allein das Erfordernis der langen Leistungsfähigkeit macht deutlich, wie sehr wir Menschen aufeinander angewiesen sind. Deshalb sehe ich in einer neuen Generationensolidarität jenseits der Familie die soziale Frage des 21. Jahrhunderts. So wie die Jungen von den Erfahrungen der Älteren lernen können, profitieren die Älteren von der Kreativität, Energie und Risikobereitschaft der Jüngeren. Weil man zusammen weniger alt ist, wird auch die Selbstwirksamkeit und die Zufriedenheit älterer Menschen erhöht. Das Leben hält für jeden eine Renaissance bereit. Deshalb dürfen wir im Alter nicht aufhören anzufangen, aber auch darauf zu achten, dass weniger auch mehr sein kann. Indem ältere Menschen Erinnerungen aktivieren und die eigene Vergangenheit ins Bewusstsein rufen, verlangsamen sie das subjektive Zeitempfinden und sind der Gegenwart nicht hilflos ausgesetzt. Hilfsbedürftigkeit – nicht nur der Älteren – gehört ebenso zum Menschsein wie das Geben und Nehmen. Weil das Glück sich verdoppelt, wenn man es verteilt, sind wir gemeinsam glücklicher.

Jan Zänker, Leser

Wieder mittendrin

Vor ein paar Jahren habe ich mich dazu entschieden, mich meiner fortschreitenden Schwerhörigkeit zu stellen. Nicht zuletzt die Angst, durch die andauernde Stille die Sprache zu vergessen, also im Wortsinn sprachlos zu werden, trieb mich dazu an. Nun beginnt jeder Tag mit einem Griff zum Nachttisch, erst danach begrüßt mich der Morgen mit seinen Geräuschen. In den ersten Wochen mit dem Hörgerät konnte ich die Welt für mich neu entdecken: das Zwitschern der Vögel, das Radio aus der Nachbarwohnung, ein Gespräch in größerer Runde oder ein entspannter Theaterbesuch. Was vorher nur Krach war, ist jetzt ein wohltuendes Geräusch. Durch diesen Schritt konnte ich wieder am Leben teilnehmen und hatte wieder Lust, auf Menschen zuzugehen.

Stefan Dederichs, Buchautor, Vortragsredner und Trainer

Prämie zum Glück

Angetrieben von dem Gedanken nach einem perfekten Leben, verspüren wir selten Zufriedenheit. Wir wollen immer mehr: noch besser aussehen, noch schöner gekleidet sein, noch erfolgreicher im Beruf sein. In Wahrheit zielen wir mit dieser Hetze aber am Glück vorbei. Erst wenn wir begreifen, dass das Streben nach persönlicher „Optimierung“ zwar etwas Positives ist, wir jedoch gleichzeitig eine innere Zufriedenheit mit dem Erreichten brauchen, kommen wir unserem Glück näher. Es ist nicht das perfekte Ergebnis, das uns zum Glück führt, sondern der Weg, den wir dorthin erleben. Im Alter ab 50, 60 finden wir unsere Glücksgefühle vermehrt in der Gelassenheit und dem Gefühl, in uns angekommen zu sein. Wir finden unser Glück darin, Zufriedenheit zu verspüren mit dem, was wir besitzen und erreicht haben. Uns anderen Menschen verbunden zu fühlen, rückt in den Vordergrund. Wir erkennen oftmals, dass es uns besser geht als angenommen und dass die Zukunftsaussichten auch um einiges besser sind als erwartet. Dies steigert das Zufriedenheitsgefühl – aber wir dürfen uns nicht darin einrichten. Manche Menschen geben sich im Alter regelrecht auf. Glück braucht jedoch auch Entwicklung, ist die Überwindungsprämie für bestandene Herausforderungen. Der Schlüssel zum Glück im Alter liegt in der eigenen Aktivität, nicht in der Perfektion. Wir müssen das Glück suchen gehen, es wird uns nicht die Tür eintreten. Das Glück ist ein „Muskel, der trainiert werden muss“.

Margot Hohmester, Leserin

Gelassenheit hilft

Die Frage nach Zufriedenheit würde ich lieber beantworten. Denn Glück ist für mich das Erleben von Momenten, kein Dauerzustand. Zufriedenheit ist eher eine Lebenshaltung, die ichn schon vorher trainieren kann. Natürlich habe ich es leichter, wenn ich keine Geld-, Wohnungs- oder Krankheitssorgen habe und die Töchter in der Nähe sind. Das Alter sollte gelassener machen. Wenn mich mein Schwiegersohn nur zweimal im Jahr besucht, dann freue ich mich über die zwei Male. Die Noten meiner Enkel sind mir egal, die finden schon ihren Weg. Man muss ihnen gute Gedanken schicken. Ich rufe meine Freundinnen an, wir machen lange Spaziergänge, trinken Cappuccino to go und leiden mit dem Wirt, der nicht aufmachen darf. Kleine Stimmungsbrüche darf man sich verzeihen.

Anne Meißner, Professorin für Pflege und Versorgungsorganisation, Universität Hildesheim

Unbeschwerte Technik

Digitale Technologien können dazu beitragen, die vieldiskutierten Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft zu meistern und im Alter ein zufriedenes Leben zu führen. Die Vielfalt kreativer technologischer Produkte nimmt täglich zu. Gleichzeitig finden nicht alle potenziellen Lösungen ihren Weg zu denen, die davon profitieren können. Sicher ist: Technik hat Potenzial – und ebenso Grenzen. Um diese Grenzen lebensdienlich auszuloten, bedarf es eines vorausschauenden Weitblicks einerseits und einer stabilen Bodenhaftung andererseits. Damit das zukünftig besser gelingt braucht es 1. eine Vision vom guten Leben im Alter, damit wir mit den richtigen Technologien den Weg dorthin proaktiv gestalten können, 2. eine bessere politische Koordinierung in dieser Sache, damit technologische Entwicklung nicht reaktiv und stückchenweise stattfindet und Ressourcen umfassend genutzt werden können, 3. eine unabhängige Bewertung verfügbarer Technologien, damit schlechte Investitionsentscheidungen vermieden werden können, und 4. die Sicherstellung digitaler Kompetenz, damit vorhandene Technologien dem Glück im Alter förderlich zuarbeiten können.

Sabine Girts, Geschäftsführerin Bundesverband Pflegemanagement

Beruf für’s Leben

Pflege ist ein Beruf, der ganz viel mit Berufung zu tun hat – und einer mit Perspektive für diejenigen, die ihn mit Leib und Seele ausüben. Spätestens seit Corona ist allen bewusst, dass es in der Pflege einen Spagat zwischen knappen Ressourcen und sich ändernden Bedarfen der auf Pflege angewiesenen Menschen gibt. Dessen Bewältigung braucht neben Top-Qualifikation und Kompetenzbefähigung auch Eigenschaften wie Geduld, soziales Wertebewusstsein und Mitgefühl. Kontinuierliche Qualifizierungen für Pflegefachpersonen sind unentbehrlich. In den letzten Jahren hat sich in Sachen Flexibilität der Arbeitszeit viel getan oder tun müssen. Auch die Einsatzbereiche bieten Abwechslung. Nun könnte man sagen, mit dieser Flexibilität, dem lebenslangen Lernen und dem Anspruch, Verantwortung zu übernehmen, könne man zufrieden sein. Das dem nicht so ist, sehen wir aktuell mehr denn je. Die Rahmenbedingungen für diesen Beruf müssen sich weiter verbessern, damit sich die psychische und physische Belastung für die Pflegenden verringert. Nach wie vor ist es vor allem der Glaube an eine höhere Energie, die aus jedem selbst kommt und für die nötige Kraft und Motivation sorgt. Diese Energie geht über den Intellekt hinaus. Und sie wirkt ein Leben lang. Verbunden mit der nötigen Portion Selbstachtsamkeit schafft die Berufung Pflege Zufriedenheit über die Berufstätigkeit hinaus und lehrt auch für das Privatleben einen gelassenen Umgang mit Extremsituationen.

Ingeborg Stadler, Leserin

Ein Stück vom Glück

Wie wird man alt? Das könnte schleichend gehen, doch es kommt plötzlich, wenn man zum ersten Mal gemeint ist mit „die Alte da“. Dann ist es zu spät zu merken, wie man alt wird. Wann ist der Mensch alt? Zwischen jungem Alten und Methusalem liegt eine Generationenzeit. Doch ob jung, älter oder alt: Wer zwischendurch mal anhält und feststellt, es geht ihm so gut, dass es so bleiben könnte, dass es nicht besser sein könnte, der ist unbewusst glücklich, egal wie alt er ist. Bewusst glücklich sein sollte ein Vorrecht von Alten sein: Nicht in aller Frühe aufstehen müssen, kein Stress auf dem Weg zur Arbeit, kein Ehrgeizgerangel, stattdessen gemütlich Frühstücken und Zeitung lesen, einen unendlich langen Tag vor sich haben. Doch dem einen wird das langweilig, ein anderer kann es sich schlicht nicht leisten. So bleibt die Hoffnung, dass jedem sein kleines Stück Glück bewusst ist – denn kein Tag kommt zurück.

Frank Sommer, Präsident Deutsche Gesellschaft für Mann und Gesundheit (DGMG)

In jedem Alter glücklich sein

Die Aktivität nimmt ab, der Bauch nimmt zu und die Erektion wird schwächer. Ab dem 30. Lebensjahr setzt bei Männern langsam der altersbedingte Abbau ein. Das Männerhormon Testosteron sinkt dann jährlich um etwa ein Prozent, das Gewebe der Penisschwellkörper verändert sich. Doch Achtung: Solche Veränderungen können auch Vorboten gefährlicher Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein. Daher gilt: Erektionsstörungen immer abklären lassen. Erektionsprobleme können bereits beim jüngeren Mann ein Hinweis auf Gefäßveränderungen sein. So kündigen Potenzprobleme einen möglichen Herzinfarkt oder Schlaganfall etwa fünf bis acht Jahre im Voraus an. Ärzte für Männergesundheit können mithilfe einer speziellen Untersuchung am Penis feststellen, ob ein Herzinfarkt oder Schlaganfall droht. Das ist proaktive Gesundheitsvorsorge. Auch Stress und Störungen der nervalen Kontrolle können die Manneskraft schwächen. Ärzte für Männergesundheit messen daher ebenso die Nervenaktivität, die Zusammensetzung des Penis und die Potenzmuskulatur. Denn erst wenn man die Ursachen kennt, kann auch eine langfristige Heilung der Erektionsstörungen erfolgen. Zusätzlich sollten Männer auf eine gesunde Ernährung, körperliche Aktivität und mentale Stärke achten.

Barbara Bitzer, Geschäftsführerin Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG)

Gesund als Kind – gesund im Alter

„Du bist, was du isst.“ Was wir essen und wie wir leben, prägt uns und unsere Gesundheit von Kindesbeinen an. Chips, Pommes und Cola legen bei vielen Kindern bereits frühzeitig die Grundlagen für Übergewicht und Diabetes mellitus. Wer als Kind übergewichtig ist, ist es zumeist auch als Erwachsener – mit gravierenden Folgen für die Gesundheit. Folge- und Begleiterkrankungen wie etwa Herzkreislaufbeschwerden oder ein diabetisches Fußsyndrom mindern die Lebenserwartung und die Lebensqualität im Alter deutlich. Und Hand aufs Herz: Wer dick, unbeweglich und gesundheitlich eingeschränkt auf dem Sofa sitzt, wird nicht glücklich alt. Allein auf die Selbstverantwortung Betroffener zu setzen, greift zu kurz. Die Politik muss endlich Rahmenbedingungen schaffen, die es allen Menschen erleichtert, sich gesund zu ernähren. Nur so können wir Neuerkrankungen verhindern und das Bewusstsein für ein gesundes Leben schärfen. Wir brauchen ein umfassendes Maßnahmenbündel: von einem verpflichtenden Nutriscore für alle Lebensmittel über eine nach Nährwerten gestaffelte Mehrwertsteuer mit einer Steuerentlastung für gesunder Produkte, ein Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel, die sich an Kinder richten, bis hin zu einer verpflichtenden Stunde Bewegung pro Tag in Kita und Schule. Ein gesundes Leben und bewusste Ernährung sollten zur Normalität werden – die Grundlagen hierfür müssen schon im Kindesalter gelegt werden.

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Wieviel Tier braucht der Mensch?

57,3 Kilogramm Fleisch haben die Deutschen 2020 im Schnitt pro Kopf verspeist. Das ist nicht nur mehr als das Doppelte der empfohlenen Menge, sondern entspricht auch etwa dem Gewicht von 16 Katzen. Und obwohl in jedem vierten deutschen Haushalt ein Stubentiger zu finden ist, würde wohl niemand auf die Idee kommen, ihn zu Hackfleisch zu machen. Das gesamtgesellschaftliche Verhältnis zu Tieren ist also reichlich schizophren. Schreiben Sie uns, wie es besser geht.

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Steffen Augsberg, Professor für Öffentliches Recht, Justus-Liebig-Universität Gießen und Mitglied Deutscher Ethikrat

Würdiges Leben

„Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos“, hat Loriot uns einst belehrt. Ein menschliches Leben ganz ohne Tiere ist in der Tat kaum vorstellbar. In nahezu allen Bereichen menschlicher Kultur finden sich Bezugnahmen auf die jahrtausendealte, teilweise sehr enge Koexistenz und Interdependenz von Mensch und Tier. Indes handelt es sich eindeutig um ein asymmetrisches (Macht-)Verhältnis: Dementsprechend hat sich der Mensch weniger den Tieren angepasst als diese nach seinem Willen geformt – durch Erziehung, Züchtung, gezielte genetische Eingriffe. Die Folge sind zahlreiche Haus- und Nutztiere, die mit ihren ursprünglichen Vorfahren nur noch wenig gemein haben und für ein Leben in freier Wildbahn nicht geeignet sind. Diese Tiere existieren um der Menschen willen – dennoch oder gerade deshalb besteht ihnen gegenüber eine besondere menschliche Verantwortung. Das quantitative Element des „Wie viel“ steht damit in direkter Verbindung zu einem qualitativen Kriterium: der tierethisch fundierten Forderung, den Eigenwert des tierlichen Lebens anzuerkennen. Tiere sind demnach prinzipiell in jeder Phase ihres Lebens so zu behandeln, dass ihr Wohlergehen gewährleistet ist. Abweichungen bedürfen valider Begründungen, bloße ökonomische Zweckmäßigkeiten genügen hierfür nicht. Aus dieser Einsicht ergibt sich zwangsläufig eine Antwort auf die Ausgangsfrage: Der Mensch braucht nur so viele Tiere, wie er tierwohlkonform halten kann.

Roswitha Dannenberg, Pressereferentin Verein für Deutsche Schäferhunde

Treuer Gefährte fürs Leben

Das Hunde im Zusammenleben eine wohltuende Wirkung auf uns Menschen haben, ist unumstritten. Daher ist es wohl kein Zufall, dass in Corona-Zeiten, die geprägt sind von der Minimierung sozialer Kontakte, die Nachfrage nach Hunden geradezu explodiert ist. Meine dringende Bitte an diejenigen, die aufgrund der jetzigen Situation mit der Anschaffung eines vierbeinigen Familienmitglieds liebäugeln: Prüfen Sie genau, ob Sie Ihrem Kumpel auf vier Pfoten auch nach Corona noch das bieten können, was er zum Glücklichsein braucht. Und schauen Sie nach seiner Herkunft. Fallen Sie nicht auf Angebote unseriöser Anbieter herein, für deren Vermehrer-Strategie die Tiere unendliches Leid ertragen müssen. Manchmal ist ein Hund weit mehr als ein Hobby. Das trifft auf Assistenzhunde zu wie Blindenführhunde, Diabetiker- und Epilepsie-Warnhunde, PTBS-Assistenzhunde, um nur einige Beispiele zu nennen. Auf die speziellen Bedürfnisse eines Menschen ausgebildet, sind sie unverzichtbare Helfer bei der Bewältigung des Alltags. Sie geben Sicherheit und schaffen Unabhängigkeit. Was diese Tiere im Dienste ihres Menschen leisten, ist mit Worten kaum zu beschreiben. 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Sie verdienen höchsten Respekt und vielleicht einen Moment unserer Zeit, um gedanklich einmal Danke zu sagen. Es sind Eigenschaften wie diese, die Hunde für uns zu etwas ganz Besonderem machen.

Hannes Jaenicke, Schauspieler und Umweltschützer

Auf einem Auge blind

Wenn man den deutschen Fleisch- und Fischkonsum und deren Konsequenzen für die Umwelt betrachtet, brauchen wir offenbar mehr Tier als vertretbar ist. Kaum etwas ist schizophrener als unser Verhältnis zu Tieren. Wir geben Milliarden für Hundefutter und -Accessoires aus, kaufen aber Billigfleisch und Zuchtlachs beim Discounter. Wir sehen weitgehend tatenlos zu, wie ein Drittel der einheimischen Tierarten ausstirbt, bezeichnen uns aber gern als natur- und tierfreundlich. Wir sorgen uns um den Zustand unserer Wälder, kaufen aber am liebsten SUVs, buchen Kreuzfahrten und Billigflüge und schreien „Öko-Diktatur!“, wenn von Tempolimit, Veggieday oder höheren Spritsteuern die Rede ist. Theoretisch brauchen wir also sehr viel Tier, in der Praxis tun wir alles, um es loszuwerden. Wir erleben gerade nicht nur das größte und schnellste Artensterben der Erdgeschichte. Trotzdem wollen über die Hälfte der Deutschen im September Parteien wählen, denen Wirtschaftswachstum, Rendite und Konsum wichtiger ist als konsequenter Tier- und Naturschutz. Was sie vergessen: Wir alle sind Lebewesen auf demselben Planeten und teilen dieses Nest mit Millionen anderer Spezies. Dieses Nest braucht nicht uns zum Überleben, sondern wir das Nest. Früher nannte man es „Mutter Erde“. Das nordamerikanische Volk der Cree hatten recht: „Erst wenn der letzte Baum gefällt und der letzte Fisch gefangen ist, wird der weiße Mann verstehen, dass er Geld nicht essen kann.“

Svenja Schulze, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit

Insekten schützen – Vielfalt bewahren

Schmetterlinge, Hummeln, Libellen und Co. sind für uns und unsere Ökosysteme unverzichtbar. Sie bestäuben Pflanzen und sorgen so für Nahrungsvielfalt. Sie halten unser Wasser sauber und die Böden fruchtbar. Sie bekämpfen Schädlinge und zersetzen als natürliche Müllabfuhr organische Abfälle. Doch diese Leistungen drohen verloren zu gehen. Gesamtmenge und Vielfalt von Insekten sind in den letzten Jahren dramatisch zurückgegangen. Ursachen dafür gibt es viele: Die Zerstörung ihrer Lebensräume, zu viele Pflanzenschutzmittel und zunehmende Lichtverschmutzung sind nur einige davon. Um diese Ursachen noch besser zu verstehen und vor allem zu bekämpfen, hat die Bundesregierung ein Maßnahmenpaket geschnürt – das Aktionsprogramm Insektenschutz. Der Insektenschutz soll jetzt auch gesetzlich festgelegt werden. Aber auch jede und jeder Einzelne kann etwas tun. Wer einen Garten oder Balkon hat, kann mit heimischen Stauden, Blühpflanzen und Obstbaumsorten für mehr Vielfalt sorgen. Heimische Wildpflanzen mit ungefüllten Blüten sind eine wichtige Nahrungsgrundlage für viele Insekten. Es sollte Nistmöglichkeiten und Überwinterungsquartiere geben, das geht auch in Form von Insektenhotels. Und Insekten mögen Unordnung: Brennnesseln, die in wilden Ecken im Garten wachsen dürfen, sind gutes Raupenfutter für viele verschiedene Falterarten. Jeder kleine Beitrag lohnt sich. Denn Insekten gehen uns alle an.

Aljosha Muttardi, Arzt und veganer Aktivist

Verlernen lernen

Der Mensch braucht viel Tier. Aber nicht, um Tiere zu konsumieren und auszubeuten, sondern um sich einen moralischen Spiegel vorzuhalten. Tiere sind viel dankbarer, als wir Menschen es sind. Jedes Tier ist anders, genau wie wir. In einer Sache wäre es mir aber lieber, wir Menschen wären einander ähnlicher: in unserem Konsumverhalten. Auch ich habe 26 Jahre lang Fleisch gegessen. Nicht, weil ich ein schlechter Mensch war, sondern weil ich eben in diesem System aufgewachsen bin, in dem es normal ist, Tiere zu töten, um sie zu essen. Wir haben es so gelernt. Nun müssen wir es verlernen. Eine Studie aus Oxford hat gezeigt, dass eine rein pflanzliche Ernährung der einfachste und effektivste Weg ist, unseren Planten zu schützen. Beim Einkaufen bestimmen wir selbst, ob wir ein ausbeuterisches und klimaschädliches System unterstützen oder eben nicht. Denn wir in Europa haben das Privileg, entscheiden zu können, was auf unserem Teller landet. Und dafür braucht es kein veganes Schnitzel. Besser ist es, auf eine gesunde und gewaltfreie Ernährung zu achten, wie etwa durch den Konsum von Reis, Gemüse, Hülsenfrüchten und Getreideprodukten. Sowieso sollten wir uns viel mehr mit gesunder Ernährung auseinandersetzen. Auch schon in der Schule. Das kapitalistische System ist nicht auf Ethik ausgelegt. Nur wir als KonsumentInnen können etwas ändern: Eine vegane Nachfrage sorgt dafür, dass das vegane Angebot zunimmt und das Tierleid abnimmt.

Udo Kopernik, Vorstand Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) und Leiter VDH-Akademie

Bewusst entscheiden

In dieser Corona-Zeit, in der wir auf uns selbst zurückgeworfen sind und soziale Nähe meiden müssen, ist ein Hund ein willkommener Gefährte. Den dürfen wir nah an uns heranlassen, streicheln und gemeinsam mit ihm etwas unternehmen. Hunde machen da gerne mit und draußen gefällt ihnen das besonders gut. Lüften wird doch ständig empfohlen. Warum also nicht gleich sich selbst. Und dort lässt sich gut beobachten: Menschen mit Hund, denen man begegnet, wirken entspannter, gelöster und fröhlicher als Zeitgenossen, die allein unterwegs sind. Da können Wünsche entstehen. Seit dem ersten Lockdown im vergangenen Jahr reißt das Interesse und die Nachfrage nach Hunden nicht ab. Nicht jeder spontane Wunsch, den man sich bei der Anschaffung eines Heimtieres selber erfüllt, hat aber das Zeug, sich zu einer guten Beziehung zu entwickeln. Wie das in Beziehungen so ist, braucht es Verständnis füreinander auf beiden Seiten. Das kommt von Verstehen. Und im Team Mensch-Hund tragen wir die Verantwortung für den Begleiter mit. Fehlen Kenntnisse oder lassen räumliche Verhältnisse eine Tierhaltung nicht zu, ist es für Mensch und Hund besser, zu entscheiden: lieber nicht, oder auch: später vielleicht. Nicht jeder ist in seiner Lebenssituation in der Lage, einen Hund verantwortungsvoll zu halten. Man sollte aber jemanden kennen, der einen hat. Auch die Hunde der anderen können fröhlich machen. Wie viel Tier braucht der Mensch? Die richtige Dosis entscheidet.

Nick Lin-Hi, Professor für Wirtschaft und Ethik, Universität Vechta

Fleisch ohne schlechtes Gewissen

In pandemiefreien Zeiten gehört ein gemeinsamer Grillabend zu den schönen Dingen im Leben. Diejenigen, die gerne auch mal Steak und Würstchen verzehren, müssen allerdings am Tisch die dunklen Seiten des Fleischkonsums ausblenden, um es sich schmecken lassen zu können. Unser hoher Fleischkonsum ist nicht nur eine Belastung für die Umwelt, sondern bedingt auch eine Nutztierhaltung, die viele ethische Fragen aufwirft. Natürlich könnte man jetzt fordern: Esst einfach weniger Fleisch und zahlt zugunsten von mehr Tierwohl bitte einen Preisaufschlag für Bratwürste und Nackensteaks. Indes zeigt die Realität, dass moralinsaure Appelle wenig ändern. Zwar wollen alle Nachhaltigkeit und Tierwohl, aber bezahlen sollen dann doch besser die anderen. Verzicht funktioniert nicht. Die Lösung bietet kultiviertes Fleisch. Das Fleisch der Zukunft wächst nicht mehr am Tier, sondern umweltfreundlich und ohne Tierleid in einem Bioreaktor. Kultiviertes Fleisch ist kein Imitat, kein Ersatzprodukt und auch kein Gen-Food. Es ist echtes Fleisch, das lediglich anders erzeugt wird. Es braucht weder Intensivtierhaltung noch Schlachtung. Der Fleischgenuss bleibt der gleiche: Es sieht, riecht und schmeckt genauso wie das heutige Fleisch. Und langfristig wird es sogar billiger sein. Kultiviertes Fleisch ist eine Revolution, die nachhaltigen Fleischkonsum ohne Tierleid ermöglicht – und damit einen Grillabend ohne schlechtes Gewissen.

Karin Schlemm, Leserin

Mit gutem Gewissen

Der Mensch braucht kein Fleisch. Gesünder ist es, sich vegetarisch oder vegan zu ernähren. Jeder kann sich heute über gesunde Ernährung informieren. Die unhaltbaren Zustände in den Tierställen sollten inzwischen auch bekannt sein. Würden Hunde und Katzen so gehalten, würde ein Aufschrei der Empörung losbrechen. Wenn dann noch über Schlachthöfe und Tiertransporte berichtet wird, dreht sich mir der Magen um. Und wer je erlebt hat, was es für ein Drama ist, wenn einer Kuh mal wieder das Kalb weggenommen wurde, um immer mehr Milch zu erzeugen, dem dürfte auch eigentlich keine Milch und kein Käse mehr schmecken. Ich kann mich noch gut erinnern, was es in den 1960er-Jahren in den Läden zu kaufen gab. So eine Fülle von Milch- und Fleischprodukten gab es nicht. Ich bin seit über 30 Jahren Vegetarierin und seit vier Jahren Veganerin. Das geht wunderbar. Ohne den Verzehr von Fleisch und tierischen Fetten lebt es sich viel besser. Wie kann man Tiere unterteilen in Hausund Nutztiere? Jedes Tier ist individuell, hat einen eigenen Charakter, Vorlieben, kann Freude und Schmerz empfinden. Jedes Tier hat ein Recht auf ein artgerechtes Leben.

Gaby Neumann, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Ärzte gegen Tierversuche e. V

Sackgasse Tierversuch

Tierversuche sind nicht, wie häufig behauptet, wichtig für den medizinischen Fortschritt, sondern halten ihn auf. Denn Ergebnisse aus Tierversuchen sind nachgewiesenermaßen nicht auf Menschen übertragbar. Kein Wunder, denn der Mensch ist eben keine Maus. Zwischen Tier und Mensch bestehen vielfältige physiologische Unterschiede. Was für Menschen schädlich ist, kann für ein Tier harmlos sein oder umgekehrt. So scheitern über 90 Prozent der Medikamente, die bei Tieren wirksam und verträglich waren, in den nachfolgenden Tests an Menschen, vor allem weil sie nicht wirken oder starke Nebenwirkungen zeigen. Tierversuche sind wie eine Lotterie, die eine falsche Sicherheit vorspiegelt. Heutzutage gibt es etliche moderne Methoden, die im Gegensatz zu Tierversuchen menschenrelevante Ergebnisse liefern, zum Beispiel Computerprogramme mit Künstlicher Intelligenz oder hochsensible Analyseverfahren.Mit der Stammzelltechnologie ist es zum Beispiel möglich, aus Hautzellen von Patienten verschiedene dreidimensionale Mini-Organe wie Mini-Nieren oder Mini-Herzen herzustellen. Auf sogenannten MultiOrgan-Chips über einen künstlichen Blutfluss miteinander verbunden, lässt sich an diesen Organen individuell die Wirkung von Medikamenten für den Patienten testen, dessen Zellen genutzt wurden. Solche Methoden sind schneller und günstiger als Tierversuche und ermöglichen personalisierte Medizin, die den Menschen und nicht das „Versuchstier“ im Fokus hat.

Karin Schlemm, Leserin

Mit gutem Gewissen

Der Mensch braucht kein Fleisch. Gesünder ist es, sich vegetarisch oder vegan zu ernähren. Jeder kann sich heute über gesunde Ernährung informieren. Die unhaltbaren Zustände in den Tierställen sollten inzwischen auch bekannt sein. Würden Hunde und Katzen so gehalten, würde ein Aufschrei der Empörung losbrechen. Wenn dann noch über Schlachthöfe und Tiertransporte berichtet wird, dreht sich mir der Magen um. Und wer je erlebt hat, was es für ein Drama ist, wenn einer Kuh mal wieder das Kalb weggenommen wurde, um immer mehr Milch zu erzeugen, dem dürfte auch eigentlich keine Milch und kein Käse mehr schmecken. Ich kann mich noch gut erinnern, was es in den 1960er-Jahren in den Läden zu kaufen gab. So eine Fülle von Milch- und Fleischprodukten gab es nicht. Ich bin seit über 30 Jahren Vegetarierin und seit vier Jahren Veganerin. Das geht wunderbar. Ohne den Verzehr von Fleisch und tierischen Fetten lebt es sich viel besser. Wie kann man Tiere unterteilen in Hausund Nutztiere? Jedes Tier ist individuell, hat einen eigenen Charakter, Vorlieben, kann Freude und Schmerz empfinden. Jedes Tier hat ein Recht auf ein artgerechtes Leben.

Peter-René Becker, Leser

Biologisch gesehen braucht Mensch genauso viel Tier wie jeder Löwe und jede Libelle, denn wir alle teilen uns das Ökosystem Erde. In Europa essen wir vorwiegend Haustiere, daher haben Katze, Hund und Papagei als Heimtiere Glück. Aber haben wir zu Haustieren wie Kuh und Schwein ein persönliches Verhältnis aufgebaut, sind sie vom Speisezettel gestrichen.

Niko Rittenau, Ernährungswissenschaftler

Vollwertig vegan

Obwohl wir Kuhmilch mit Kalzium, rotes Fleisch mit Eisen und Fisch mit Omega-3-Fettsäuren assoziieren, ist es wichtig zu wissen, dass all diese Lebensmittel kein Monopol auf diese oder andere Nährstoffe haben. Alle für den Menschen überlebensnotwendigen Nährstoffe stammen nicht ursprünglich aus dem Tier, sondern reichern sich lediglich im Laufe der Nahrungskette dort an. Wir können die Zwischenkuh und den Mittelfisch streichen und durch die richtigen Anbau- und Verarbeitungsmethoden sämtliche Nährstoffe in guter Bioverfügbarkeit auch abseits von Tierprodukten zuführen. Es gibt in einer veganen Ernährungsweise zwar einige potenzielle Stolpersteine und man benötigt ein gewisses Grundwissen zur Nährstoffbedarfsdeckung. Es ist aber keine Raketenwissenschaft, sich das anzueignen und in jeder Phase des Lebenszyklus im Alltag umzusetzen. Die Machbarkeit belegen nicht nur zahlreiche groß angelegte Studien sowie die Positionspapiere internationaler Fachgesellschaften, sondern auch die weltweit über 70 Millionen vegan lebenden Menschen. Viele von ihnen leben bereits mehrere Jahrzehnte vegan und auch zahlreiche Sportler zeigen, dass man mit einer veganen Ernährung ebenso leistungsfähig wie mit mischköstlicher Ernährung sein kann. Wenn also keine gesundheitliche Notwendigkeit für den Konsum von Tierprodukten besteht, haben wir die Entscheidungsfreiheit und sollten auch ethische Überlegungen in unsere Essensentscheidungen miteinbeziehen.

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Wie sicher sind unsere Infrastrukturen?

Im vergangenen Herbst, überdeckt von Corona, geschah in der Düsseldorfer Uniklinik das Unvorstellbare: Hacker übernahmen die Server des Krankenhauses und legten den Betrieb lahm – in der Folge starb eine Frau, die nicht rechtzeitig behandelt werden konnte. Nur wenige Wochen zuvor drangen Unbekannte in das Netzwerk des Ludwigshafener Energieversorger TWL ein. Einzelfälle oder eine echte Gefahr für die kritische Infrastruktur? Verraten Sie uns Ihre Gedanken zum Thema.

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Kay Mitusch, Professor für Netzwerkökonomie, Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

Sicherheit mit Netzwerken

Infrastruktur ist das, was drunter liegt, das Kellergeschoss unserer Wirtschaft: Straßen, Gleise, Kabel und so weiter. Ihre Erdnähe und Schwere machen Infrastrukturen relativ sicher. Das ist gut, denn alles ruht oder bewegt sich auf ihnen. Wir merken es, wenn sie punktuell doch mal betroffen sind und dann lange ausfallen. So wie die Eisenbahnbrücke bei Stendal 2013 oder die Autobahnbrücke bei Kufstein 1990. Der schlechte Zustand vieler Brücken birgt Risiken. Infrastrukturen schaffen Sicherheit und sollten deshalb gut ausgebaut, instandgehalten und gesichert sein. Das engmaschige Straßennetz ist ein Sicherheitsnetz, auf dem im Ernstfall schnell evakuiert oder Hilfe vor Ort gebracht werden kann. Kommunikationsnetze geben Orientierung und Handlungsfähigkeit. Eisenbahn- und vor allem Energienetze brauchen wir, um den Bedrohungen des Klimawandels entgegenzutreten. Nordstream 2 mag man nicht mögen, aber Strom aus Gas ermöglicht früheres Abschalten von Kohlekraftwerken, die viel mehr CO2 emittieren. Und er sichert die Energiewende ab, indem er die Schwankungen der erneuerbaren Energien auffängt. Auch „Südstream 1 und 2“ brauchen wir: Stromleitungen mit hoher Gleichspannung nach Spanien zum Beispiel, wo es Sonne und Wind im Übermaß gibt und auch Marokko nicht weit ist. Denn bei der Energiewende allein auf Ausbau, Akzeptanz, Verhaltens- und Technikwandel im eigenen Land zu hoffen, ist riskant. Europäische Infrastruktur ist sicherer.

Volker Wagner und Christian Endreß, Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer, Allianz für Sicherheit in der Wirtschaft (ASW Bundesverband)

Schutz für unsere Lebensadern

Nahrungsmittel- und Energieversorgung, Transport, öffentliche Verwaltung, Gesundheitswesen und, und, und: Diese Infrastrukturen, ob privatwirtschaftlich oder öffentlich-rechtlich organisiert, sind die zwingend notwendigen Lebensadern für die Versorgung der Bevölkerung und bedürfen eines besonderen Schutzes. Vor allem Cyberangriffe wie Sabotage, Diebstahl und Erpressung stellen eine große Bedrohung für Unternehmen und Organisationen der Kritischen Infrastrukturen dar. Daher ist die generelle Zielsetzung der Bundesregierung mit dem IT-Sicherheitsgesetz 2.0 zu befürworten: Eine erhöhte Resilienz ist ein absolutes Muss für den zukünftigen Erfolg und die Sicherheit des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Dazu reichen jedoch rein technische Maßnahmen nicht aus. Von besonderer Bedeutung ist die enge Abstimmung und Koordination aller beteiligten Partner, um auch die personellen und organisatorischen Schutzmaßnahmen im Sinne eines integrierten Wirtschaftsschutzes sicherzustellen. Im Fokus steht die Vernetzung der öffentlichen Hand, der Sicherheitsbehörden sowie der Unternehmen und Verbände, damit ein kontinuierlicher Informationsaustausch und die gemeinsame Ressourcennutzung sichergestellt werden. Erfolgreicher Wirtschaftsschutz bedeutet, Gefährdungslagen professionell zu begegnen und umfassende Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen.

Sven Herpig, Leiter Internationale Cybersicherheitspolitik, Stiftung Neue Verantwortung (SNV)

Bedingt aussagefähig

Die Frage „Wie sicher ist Deutschland im Cyberraum?“ gehört vermutlich zu den meistgestellten Fragen in unserem Metier. Und trotzdem tut man sich mit ihrer Beantwortung schwer. Beim Cyberraum handelt sich um ein heterogenes Gebilde. Risiken, Ressourcen und rechtliche Rahmenbedingungen unterscheiden sich je nach Blickwinkel. Aus dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hieß es 2020, die Gefährdungslage sei weiterhin auf einem sehr hohen Niveau angespannt, jedoch spricht es nur für den Teilbereich in seiner Verantwortung. Das BSI bringt jährlich einen Bericht zur „Lage der IT-Sicherheit in Deutschland“ heraus. Das Bundeskriminalamt veröffentlicht sein eigenes „Bundeslagebild Cybercrime“ und Erkenntnisse aus der Spionageabwehr fließen beim Bundesamt für Verfassungsschutz in den Verfassungsschutzbericht ein. Die Bundeswehr veröffentlicht dazu nichts, aber sendet ihre Informationen zur Gefährdungslage an das BSI. Informationen über Gefährdungen anderer Sektoren sind spärlich, da es nur eine Meldepflicht für ausgewählte kritische Infrastrukturen gibt. Ein gemeinsames öffentliches Gesamtlagebild zur Gefährdung im Cyberraum? Fehlanzeige. Die Analyse der Cybergefährdungslage in Deutschland ähnelt daher ein wenig dem Gleichnis von den blinden Männern und dem Elefanten: Jeder kennt die Gefährdungslage im eigenen Verantwortungsbereich, aber niemand überblickt das große Ganze.

Stefan Scheidmantel, Leser

Bedingt einsatzbereit

Beruflich beschäftige ich mich seit mehreren Jahren mit der Einsatz- und Alarmplanung für Krankenhäuser. Bund und Länder stellen dazu verschiedene Vorlagen zur Verfügung, da eine Planung oft bereits verpflichtend durch die Länder eingeführt worden ist. Inhalt der Einsatz- und Alarmplanung für die Krankenhäuser sind zum Beispiel Brände, ein Massenanfall von Verletzten oder Erkrankten und der Ausfall von lebenswichtiger Infrastruktur wie die Strom-, Wasser- oder IT-Versorgung. Grundsätzlich sind die Krankenhäuser sehr an dieser Thematik interessiert, da es für sie einen erheblichen Vorteil bietet, auf solche Lagen gut vorbereitet zu sein. Letztendlich rettet eine gute Einsatz- und Alarmplanung das Leben von Patienten, und gegebenenfalls auch das des Personals. Probleme bereitet dabei oft die Finanzierung der Maßnahmen, die sich in der Kostenstruktur nur schwer darstellen lassen. Anreize könnten eine verstärkte Förderung durch die Länder oder eine Berücksichtigung etwa bei Versicherungspolicen darstellen. Ich wünsche diesem Thema für die Zukunft die Aufmerksamkeit, die es tatsächlich verdient hat. Die Sicherheit unserer Krankenhäuser geht uns alle an.

Armin Schuster, Präsident Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK)

Gut vorbereitet sein

Die Versorgungssicherheit in Deutschland liegt im weltweiten Vergleich auf einem Spitzenplatz. Unsere Kritischen Infrastrukturen (KRITIS) sind funktionsfähig und zuverlässig. Ihre Betreiber und öffentliche Stellen arbeiten dafür eng und kooperativ zusammen. Sie planen voraus und passen sich ständig an. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) steht hierbei unterstützend und beratend zur Verfügung. Allerdings gibt es in Deutschland – wie überall – immer wieder neue oder gewandelte Herausforderungen für die Sicherheit von KRITIS: die Energiewende, terroristische und hybride Bedrohungen, Naturkatastrophen, der Klimawandel oder die Digitalisierung sind Beispiele hierfür. Und die aktuelle pandemische Lage zeigt, wie sich Ereignisse auf die Versorgungssicherheit auswirken können, obwohl sie auf den ersten Blick gar nichts damit zu tun haben. Corona hat die KRITIS-Betreiber, allen voran im Gesundheitswesen, aber auch in der Energieversorgung, Logistik und IT oder im Lebensmittelbereich enorm herausgefordert. Die Erkenntnisse aus der Pandemie und eine neue Ernsthaftigkeit im Nachdenken über systemrelevante Infrastrukturen machen das BBK gerade jetzt zu einem gefragten Ansprechpartner für die Krisenvorsorge. Unser Ziel ist es, dass der Betrieb von KRITIS und auch die Gesellschaft insgesamt noch widerstandsfähiger werden. Die nächste Krise kommt bestimmt, dann wird es darauf ankommen, gut vorbereitet zu sein.

Steffen Bilger, Parlamentarischer Staatssekretär, Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur

Chance für den ÖPNV

Entspannt nach oben kommen, den Ausblick genießen und auf direktem Weg das Ziel erreichen – Seilbahnen machen es möglich. Wir kennen Gondeln vor allem aus dem Urlaub. Dabei können Seilbahnen mehr als nur spektakuläre Aussichten bieten. Sie sind eine echte Chance für eine klimafreundliche städtische Mobilität. Warum? Weil sie im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln viele Vorteile haben: Sie sind klimafreundlich, preiswert, schnell realisierbar und zuverlässig. Seilbahnen haben großes Potenzial – wenn sie in das bestehende Verkehrsnetz eingebunden werden. Sie können Lücken im ÖPNV schließen, Innenstädte und Vororte noch besser miteinander vernetzen oder den ländlichen Raum anbinden. Sie können Flüsse, Berge oder Schienen überwinden. Zahlreiche Städte in Deutschland haben diese Möglichkeiten erkannt und interessieren sich bereits für urbane Seilbahnen. Im Bundesverkehrsministerium diskutieren wir deshalb mit Kommunen, Landesvertretern und Wissenschaft, wie Seilbahnen vor Ort realisiert werden können. Auch finanziell bringen wir die innovativen und umweltfreundlichen Verkehrssysteme voran: Im Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz haben wir Seilbahnen als förderungsfähige Vorhaben aufgenommen. In Süd- und Nordamerika, in London und New York werden urbane Seilbahnen bereits erfolgreich betrieben. Im französischen Brest werden Gondeln etwa genutzt, um zwei Stadtteile über einen Fluss zu verbinden. Warum also nicht auch in Deutschland? Eben!

Lars Jensen, Experte des Frachtschiffverkehrs Asien und Europa

Krisenfestes System

Die Blockierung des Suez-Kanals hat gezeigt, wie vitale Lieferketten plötzlich zum Stillstand kommen können – und wie abhängig wir von unsicheren maritimen Transportwegen sind. Ja, 33 Millionen Container, die Europa jährlich über die Seewege erreichen, spielen eine wichtige Rolle. Tatsächlich sind unsere Lieferketten aber extrem resilient. The Suez-Kanal wird als kurze und billige Route für den Warentransfer genutzt. Güter um Afrika herum zu transportieren, dauert eine Woche länger und erzeugt etwas höhere Kosten, ist aber genauso gut möglich. 2015 etwa wurden mehr als 100 große Containerschiffe auf diese Route geschickt, weil sie aufgrund des niedrigen Ölpreises kosteneffizienter war als jene durch den Suez-Kanal. Die Blockierung hat zwar zu Lieferverzögerungen bei manchen Waren geführt, gemerkt haben das am Ende aber nur wenige Konsumenten. Die maritimen Lieferketten haben nicht nur die Pandemie-bedingten Probleme gut gemeistert, sondern in den letzten Jahren auch zahlreiche große Cyberattacken und 2017 die Pleite des siebtgrößten Frachtunternehmens überstanden – ohne wesentliche Auswirkungen auf die Stabilität der Lieferketten. Der Schlüssel für diese Widerstandsfähigkeit liegt in zwei Faktoren: zum einen in der Fähigkeit, Schiffe und Container nach Bedarf schnell zwischen verschiedenen Orten hin- und herzubewegen, und zum anderen in permanenten Überkapazitäten, mit denen plötzliche Engpässe aufgefangen werden können.

Christa Werth, Leserin

Unsere Infrastrukturen sind so sicher wie die Computerprogramme, die sie lenken. Solange veraltete Betriebssysteme verwendet werden, bleiben die Infrastrukturen unsicher.

Ina Müller, Leserin

Goldene Zukunft

Bei Infrastrukturen denke ich immer an riesige Rechenzentren und große Datenmengen – besonders wenn ich über digitale Infrastrukturen und neue Technologien wie Blockchain lese. Die komplexen Zusammenhänge zwischen unseren Infrastrukturen, etwa bei Energie und Verkehr, bringen mich zum Träumen, aber machen mir gleichzeitig etwas Angst – gerade wenn man über die Gefahren von Cyberangriffen liest. Am Ende bin ich aber der festen Überzeugung, dass wir uns zu einer nachhaltigen, sauberen und digitalen Welt entwickeln. Wir sollten die Gefahren nicht vergessen, dürfen uns aber auch nicht der Angst hingeben.

Dominik Schiener, Mitgründer und Co-Direktor, IOTA Foundation

Weitblick wagen

Durch Covid-19 werden uns schlagartig Probleme bewusst, die sich zwar im Vorfeld am Horizont gezeigt haben, nun aber auf der Türschwelle stehen, in unsere Infrastrukturen und Leben eintreten. Nie dagewesene Datenmengen, Lieferkettenprobleme diverser Wertschöpfungsketten, Flaschenhälse in mobilen oder digitalen Infrastrukturen: Die Welt ist im Wandel. Plötzlich wird uns durch Hacks von zentralisierten IT-Systemen und die Frage nach adäquater Verwaltung zum Beispiel von Patientendaten bewusst, wie fragil große Teile unserer Infrastruktur sind. Strukturwandel brauchen Zeit. Treffend formulierte Bill Gates 2005: „Wir überschätzen stets die Veränderung, die in den nächsten zwei Jahren stattfindet, und unterschätzen die Veränderung, die in den nächsten zehn Jahren stattfindet.“ 2011 waren vier von zehn der teuersten Unternehmen Öl- und Gaslieferanten, der Rest Finanzinstitute, heute kommen sie aus den Bereichen Technologie und Kommunikation. Digitalisierung wird durch die heutigen Bedingungen stark beschleunigt, die Frage des Umgangs mit zentralisierten Infrastrukturen, die oft mit Schwachstellen behaftet sind, dadurch aber umso wichtiger. Distributed-Ledger-Technologien wie IOTA setzen hier an, um Defizite heutiger Strukturen zu innovieren: Sichere digitale Verträge – sogenannte Smart Contracts – sowie Werte- und Datentransaktionen in dezentralen Netzwerken werden beim nächsten Evolutionsschritt der Digitalisierung Abhilfe schaffen.

Jörg F. Debatin, Chairman Health Innovation Hub (hih) des Bundesgesundheitsministeriums

Faktor Mensch

Die Frage nach der IT-Sicherheit im deutschen Gesundheitswesen wurde lange damit kommentiert, dass es dort keine IT gäbe. Begründet wird das häufig mit Sicherheits- und Datenschutzanforderungen, denn Patientendaten sind unbedingt schützenswert. Das Verschlüsselungsniveau wurde dank Telematik-Infrastruktur (TI) maximiert. Doch noch immer fehlt vielen Nutzern das Bewusstsein für die Fehleranfälligkeit des eigenen Handelns sowie die Schutzbedürftigkeit ihres Arbeitsumfeldes. Technisch hat Deutschland zum Schutz medizinischer Daten keine Mühen gescheut. Mit der TI wurde eine sichere Struktur zum interprofessionellen Datenaustausch geschaffen. Über diese läuft jede Kommunikation zwischen Leistungserbringern im Gesundheitswesen – mit oder ohne Einbeziehung der Patienten. Die Sicherheit im medizinischen Umfeld wird vor allem durch den Faktor Mensch gefährdet. Hier muss das Bewusstsein dafür geschärft werden, dass Phishing Mails oder das Öffnen externer E-Mail-Anhänge ganze Kliniken lahmlegen und das Vertrauen in einen ganzen Berufsstand erschüttern können. Die Verantwortung für Patienten erstreckt sich eben auch auf den Schutz medizinischer Daten. Dies zu Schulen, ein Bewusstsein für die Tragweite etwaiger Fehler zu schaffen, ist die aktuelle Aufgabe. Die Corona-Pandemie hat der Digitalisierung des Gesundheitswesens einen Schub verliehen. Nun gilt es, das noch zarte Pflänzchen „digitale Medizin“ durch ausgewogene Sicherheitskonzepte zu pflegen.

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