Antwort schreiben

Zum Voten von Antworten musst du angemeldet sein.

Logge dich ein oder registriere dich.

×

Was lässt Startups wachsen?

Neun von zehn Startups scheitern bereits in den ersten drei Jahren. Ist das eine ernüchternde Zahl oder nur die logische Konsequenz beim Wettlauf um exponentielles Wachstum aus dem Nichts? Schreiben Sie uns, mit welchen Maßnahmen Gründerinnen und Gründer zu den erfolgreichen zehn Prozent gehören, die ihr Unternehmen auf die nächste Stufe heben.

Antwort schreiben

Stephan Stubner, Rektor Handelshochschule Leipzig (HHL) und Business Angel

Imperfektion wagen

Unseren Studenten und Gründungsteams rate ich immer wieder: Kommt raus aus der Deckung. Geht früh raus mit eurem Produkt, eurem Service, um Erfahrungen zu sammeln und eure Kunden besser kennenzulernen. Um ein tieferes Kundenverständnis zu bekommen, das weit über die gängigen soziodemografischen Kriterien hinausgeht, muss ich mich fragen: Was ist mein Kunde eigentlich für ein Mensch, was braucht er wirklich? Anstatt zu lange zu optimieren und in Richtung Perfektion zu streben, ist es viel wichtiger, möglichst frühzeitig herauszufinden, was die Leute interessiert – und was nicht. Ein motiviertes Team, eine solide Finanzierung, wenig Bürokratie, all das braucht es natürlich auch. Aber letzten Endes ist die eigene Startup-Idee bloß eine Hypothese, bis ich sehe, wie die Menschen darauf reagieren. Das Schlüsselwort lautet daher: Imperfektion. Man muss sich einfach trauen, diesen Schritt zu machen, auch wenn das Produkt noch längst nicht perfekt ist. Der erste funktionsfähige Prototyp, das Minimal Viable Product, muss zu den Kunden gelangen, um das nötige Feedback zu bekommen – über Kunden und Produkt. Man braucht diese Iterationsschleifen einfach. Vor allem darf man keine Angst vor den Kunden haben: Gerade die ersten Interessenten antizipieren oft, dass es sich nur um einen Prototyp handelt, und können so zu Evangelists werden: Menschen, die gespannt sind auf den nächsten Schritt – und die gewillt sind, ihn mitzugehen.

Christian Miele, Vorstandsvorsitzender Bundesverband Deutsche Startups

Wettbewerb um die klügsten Köpfe

Nur mit kompetenten und engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist ein erfolgreicher Unternehmensaufbau möglich. Startups befinden sich bei der Gewinnung von Talenten in einem globalen Wettbewerb um die klügsten Köpfe. Mitarbeiterbeteiligungsprogramme sind hier ein anerkanntes und bewährtes Instrument. International wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen für Mitarbeiterbeteiligungen spielen daher eine entscheidende Rolle. Mitarbeiterbeteiligungen sind aber nicht nur ein Erfolgsfaktor für das Startup selbst, sondern sie ermöglichen auch den Mitarbeitenden eine Teilhabe am wirtschaftlichen Erfolg. Davon profitiert wiederum das gesamte Startup-Ökosystem. Denn Untersuchungen zeigen, dass Mitarbeitende mit ihren erzielten Erlösen oft selbst ein Unternehmen gründen oder in ein Startup als Business Angel investieren. In Deutschland treten daher am 1. Juli neue Regeln für Mitarbeiterbeteiligungen in Kraft. Auch wenn die neuen Regelungen in die richtige Richtung weisen, der erhoffte und erforderliche große Wurf für das Startup-Ökosystem sind sie nicht. Damit wurde eine Chance vertan, für eine der wichtigsten Herausforderungen deutscher Startups, der Talentgewinnung, zukunftsweisende Rahmenbedingungen zu schaffen. Eine neue Bundesregierung ist aufgefordert, das Thema Mitarbeiterbeteiligungen erneut aufzugreifen. Deutschland muss Magnet für internationale Top-Talente werden.

Farina Schurzfeld, Unternehmerin

Investoren 2.0

Um wachsen zu können, benötigen Startups gerade in den ersten Jahren meist zusätzliches Kapital. Allerdings fließt Venture Capital derzeit nur in einen Bruchteil der Unternehmenslandschaft, wobei diese Zusammenarbeit nach klaren Regeln erfolgt: Risikokapital wird schnell bereitgestellt, im Gegenzug zielen Investoren auf maximale Rendite und einen zeitnahen Exit ab. Das funktioniert für einige Geschäftsmodelle besonders gut, doch das Gros der Startups fällt durch das Raster der Venture Capitalists, weil viele Unternehmen kein passendes Geschäftsmodell für ein „Blitzscaling“ haben oder bewusst langfristiger planen. Meine Vision ist daher ein „Investor 2.0“: ein neuartiger Typ von Investor, der weniger auf das nächste Einhorn abzielt, sondern einen innovativen Mittelstand für Deutschland unterstützt. Ein Investor, der den Unternehmen im eigenen Portfolio zusätzlich aktive Unterstützung bietet. Ich entdecke täglich neue Firmen, die eine langfristige, renditeorientierte Unternehmung aufbauen wollen – und die natürlich auch Kapital benötigen, um die nächsten Wachstumsschritte machen zu können. Mezzanine- und Venture-Debt-Mechanismen oder Revenue-based Financing-Modelle zeigen, dass es hier erste neue Ansätze gibt, aber gerade in Deutschland sind derartige Modelle noch wenig sichtbar. Daher ist es an der Zeit, ein neues Raster zu entwerfen, das diesen anders orientierten „innovativen Mittelstand“ mit dem Investor 2.0 zusammenbringt.

Achim Gnadt, Leser

Diverses System

Bei der Frage, ob wir lieber „Zebras“ züchten sollten, statt „Einhörner“ zu jagen, fehlt mir die Option „sowohl als auch“. Ich finde, Venture Capitalists sollten weiter daran arbeiten, diversere Teams zu finanzieren. Gleichzeitig sollten „Zebras“ mehr Unterstützung erfahren. Ich würde beide nicht gegeneinander ausspielen, denn beide können dazu beitragen, unsere soziale Marktwirtschaft besser zu machen.

Erkan Ozan, Leser

Ohne Hilfe schafft es kein Startup.

Tobias Himmerich, Business Angel im Bereich Bildung

Wissen ist Zukunft

Noch vor wenigen Jahren haben sich Startups und der Bildungsbereich quasi ausgeschlossen. Zu viele bürokratische Hürden, zu wenige Erfolgsgaranten. Inzwischen aber haben große wie kleine Startups bewiesen, dass sie auch in diesem Bereich nachhaltig etwas bewirken können. Dabei kommen viele Gründer selbst aus dem Bildungsbereich, oft Lehrkräfte, die aus ihrem beruflichen Alltag heraus etwas verbessern möchten – und eben wissen, welche Innovationen benötigt werden. Gerade im Bereich Bildung sind sehr viele mit Enthusiasmus dabei. Die Leute gründen kein Startup, weil sie es für Millionen von Euro an einen Investor verkaufen möchten, sondern in der Hoffnung, die Welt damit ein bisschen besser zu machen. In meiner Funktion als Berater für Startups im Bildungsbereich muss ich daher auch mal ermahnen, dass vielleicht doch schon im ersten Schritt das Businessmodell mitberücksichtigt wird. Dennoch spielt der Faktor Geld in diesem Bereich eine deutlich kleinere Rolle als anderswo, gerade in Hinblick auf das Wachstum von Startups. Mit teurem Marketing allein lassen sich noch keine Deals mit Schulen machen. Dafür braucht es individuelle Überzeugungsarbeit und Geduld, bis ein neues Produkt alle dafür nötigen Gremien durchlaufen hat. Dennoch wird heute das Potenzial von Startups im Bildungsbereich erkannt. Und immer mehr Investoren wissen, dass ihr Geld in der Bildung gut angelegt ist. Wissen ist nicht nur Macht, sondern auch Zukunft.

Nick Martin Willer, Vorsitzender Kommission für Startups und Unternehmensgründungen, Bundesverband mittelständische Wirtschaft – Unternehmerverband Deutschlands (BVMW)

Rennpferde statt Einhörner

So schnell wie möglich, so groß wie möglich, koste es, was es wolle – das ist die amerikanische Antwort für Hyperwachstum. Im Gegensatz dazu wächst ein großer Teil der etablierten deutschen Startups eher nach mittelständischen Prinzipien und Werten. Im Kundenkontakt setzt man auf Langfristigkeit. Den Nutzen des Produkts stetig zu steigern und Features zu finden, die für die Kunden wirklich eine Verbesserung darstellen, schafft nur, wer sich ernsthaft mit den Kundeninteressen beschäftigt. Customer Centricity ist hier nicht nur ein Schlagwort, sondern gelebte Unternehmenskultur. „Move fast“ bleibt die Grundlage für wachsende Startups, aber weniger unberechenbares „break things“ führt im Kundenkontakt zu mehr Langfristigkeit. Dafür wird statt auf „hire and fire“ mehr auf die Bindung guter Mitarbeiter und auf möglichst stabile, gewachsene Teams gesetzt. Natürlich ist auch für deutsche Startups die schnelle Marktdurchdringung essenziell. Statt nur auf möglichst hohe Bewertungen wird hierzulande aber mehr auf real geschaffene wirtschaftliche und emotionale Werte gesetzt. Für diese Vorgehensweise werden deutsche Startups weltweit geschätzt. Daher stellt sich die Frage: Brauchen wir wirklich ein deutsches Amazon oder Facebook? Oder sind neue deutsche Mittelständler, die für Kunden, Mitarbeiter und Lieferanten verlässliche Partner sind, für unseren Wirtschaftsstandort nicht sogar erstrebenswerter?

Brigitte Köhler, Leserin

Timing ist alles

Neben der zündenden Idee, einer soliden Grundfinanzierung, dem richtigen Team und dem Einblick in den Markt ist wohl nichts wichtiger als das richtige Timing. Was nützt es, risikobereit zu sein, Durchhaltevermögen zu haben und selbstkritisch am eigenen Geschäftsmodell zu feilen, wenn man mit der Idee zur falschen Zeit oder am falschen Ort ist. Ich ziehe meinen Hut vor den Gründerinnen und Gründern, die sich in den letzten Monaten von der Pandemie nicht einschüchtern ließen und ihren Weg weitergegangen sind, um ihre Ideen voranzutreiben und unter die Leute zu bringen.

Julia Wadehn, Leserin

Fans werden Nutzer

In Zeiten, in denen auch in Deutschland junge Firmen kaum zwölf Monate nach ihrer Gründung zum Einhorn werden, stellt sich diese Frage mehr denn je. Gründer stehen auch in Europa schon in der frühen Phase ihres Unternehmens vor der Entscheidung, ob sie ihr Wachstum durch Risikokapital befeuern sollten. Häufig erliegen Startups der Versuchung, das fremde Geld in schnelles Wachstum durch teure Werbung zu investieren. So können sie die häufig hohen Erwartungen der Investoren schnell befriedigen. Gelingt es dem Startup jedoch nicht, die so eingekauften Nutzer glücklich zu machen, bleiben diese leider teure Eintagsfliegen. Langfristig ist es daher für Startups überlebenswichtig, sich intensiv mit ihren Nutzern auseinanderzusetzen und ihre Bedürfnisse genau zu kennen. Erfolgreiche Wachstumsstorys beinhalten daher auch die wenig glamouröse Investition in ein tiefes Verständnis der Mechanismen, wie aus Nutzern treue Fans werden. Echte Fans kommen wieder und bringen ihre Freunde mit. So entsteht Viralität als Motor für nachhaltiges und profitables Wachstum.

Mauricio Esguerra, Leser

Überzeugend gut

Eine Idee ist noch kein Startup. Zur Innovation gehört auch die glasklare Vermarktung, das Geschäftsmodell. Dieses muss so klar erarbeitet, dargestellt und beworben – also „gepitched“ – werden, dass man den Investoren das Geld durch Überzeugung aus den Taschen lockt. Das ist der Treibstoff, mit dem die erfolgreiche Rakete dann starten kann, vorausgesetzt, das Timing im Markt stimmt. Nicht zu früh, nicht zu spät, sondern gerade richtig. Dazu gehört Glück, aber auch Gespür sowie das richtige Netzwerk, um die richtigen Partner und Investoren zu erreichen. Und wenn es so weit ist, muss schlussendlich das Team parat stehen.

Viktor Kaufmann, Leser

Ende der Dekadenz

Ich wünsche mir von Startups, dass sie sich an Regeln, die unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft erträglich machen, halten. Wenn Unternehmen nur dadurch existieren, dass Arbeitnehmer am Rande der Legalität ausgebeutet werden, wenn betriebliche Mitbestimmung mit Füßen getreten wird und wenn etablierte Strukturen rücksichtslos zerstört werden, dann haben sie nicht verstanden, das Unternehmertum auch mit Verantwortung und Nachhaltigkeit zu tun hat. Gerade Startups, die mit Lieferdienstleistungen vormals simple Einkäufe verkomplizieren und unnötigen Verpackungsmüll produzieren, sollten sich gewahr werden, dass sie einem Lebensstil Vorschub leisten, der Menschen zur Unselbstständigkeit erzieht und spätrömisch-dekadente Strukturen etabliert.

Nicolai Nieder, Gründer und Startup-Mentor

Voneinander lernen

Mit Freunden und Kommilitonen habe ich Ende 2013 eine Plattform gegründet, die Startups in Ostafrika, mit Fokus auf Ruanda, unentgeltlich vor Ort unterstützt. Wir stehen bei der Vorbereitung auf Pitches für Investoren beratend zur Seite oder helfen beim Aufsetzen eines Marketingplans. Das Ganze läuft im Rahmen von ehrenamtlichen Mentoring-Programmen mit jungen Leuten aus Europa, die zwar keine langjährige Berufserfahrung vorweisen können, dafür aber offener für Innovationen in einem anderen kulturellen Kontext sind. Mit unserer Plattform wollen wir keine „besserwisserischen Weltverbesserer“ sein, sondern mit afrikanischen Startups auf Augenhöhe arbeiten und uns gegenseitig austauschen. Es geht um funktionale Expertise und gemeinsames Lernen. Denn natürlich können wir auch von Afrika lernen, gerade was digitalen Fortschritt anbelangt. Afrika gilt etwa als das globale Epizentrum für Mobile Money. In Sachen Startups liegt der Fokus auf der Entwicklung von technischen Lösungen, um insbesondere traditionelle Sektoren wie die Agrarkultur effizienter zu machen, etwa durch Drohnen, um Felder zu überwachen. Eines der inzwischen erfolgreichsten Startups, die wir unterstützt haben, ist „Water Access Rwanda“. Angefangen hat das lokale Unternehmen mit dem Bau von Brunnen für Frischwasser. Heute entwickelt es ganze Wasserversorgungssysteme, zum Teil solarbetrieben, um sauberes Wasser für die Bevölkerung in Ruanda bereitstellen zu können.

Klaus Sailer, Professor für Entrepreneurship, Hochschule München

Freies Spielfeld

Ihr ganzes Potenzial als Hoffnungsträger unserer Gesellschaft können Startups erst dann entfalten, wenn es uns gelingt, eine neue Kultur zu etablieren, die gesellschaftliche Innovationen grundlegend fördert. Das wäre der ideale Nährboden, und dieses Umdenken hat bereits begonnen: Längst geht es nicht mehr bloß um finanziellen Erfolg und das Schaffen von Arbeitsplätzen, denn innovative Startups ermöglichen es der jungen Generation vielmehr, die eigenen Vorstellungen und Werte proaktiv zu realisieren und nachhaltige Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen zu entwickeln. Zugleich sind Startups ein wichtiger Baustein, um etwa Europa im internationalen Wettbewerb als Innovationsvordenker zu positionieren. Um all diesen Erwartungen gerecht zu werden, müssen sie vor allem werteorientiert, global und systemisch denken. Sie müssen sich früh vernetzen, Kooperationen schließen und europäische Errungenschaften für die Entwicklung ihrer gesellschaftsrelevanten Businessmodelle nutzen. Dafür brauchen sie Unterstützung: Maßnahmen, die regionale, nationale und internationale Angebote und kulturelle Stärken strategisch so koppeln, dass angehende Entrepreneure, Startups und etablierte Organisationen ein Spielfeld vorfinden, auf dem sie durch Nutzung von Synergien ihre Innovationskraft bestmöglich entfalten können. Wir alle können etwas dazu beitragen, diese neue Kultur der gesellschaftlichen Innovation auf den Weg zu bringen.

Felix Thönnessen, Keynote Speaker, Business-Mentor und Buchautor

Mit den Tugenden eines Gründenden

Als Startup-Unternehmer oder -Unternehmerin braucht es mehr als nur den einen Faktor, der darüber entscheidet, ob das eigene Business letztendlich erfolgreich wird oder nicht. Aber unter den verschiedenen Erfolgsfaktoren halte ich einen für ganz besonders wichtig, und das ist der Gründende selbst. Nach meiner Erfahrung sind die Idee, das Marketing oder die richtige Strategie Nebensache, wenn der Gründende nicht die Tugenden mitbringt, die es braucht, um erfolgreich zu sein. Eine der wichtigsten Tugenden ist dabei die Bereitschaft, Fehler zu machen – denn die wird es unausweichlich geben. Kein erfolgreicher Unternehmer ist ohne Fehler zum Erfolg gekommen und der Lernprozess ist elementar, um zukünftig die richtigen Entscheidungen zu treffen. Eine weitere Eigenschaft ist Durchhaltevermögen. Rückschläge einzustecken und Durststrecken durchzuhalten, ist für Startups Grunddisziplin. So viele Unternehmerinnen und Unternehmer habe ich daran scheitern sehen. Die ersten Hürden haben den Turm zu Fall gebracht. Motivation ist nur dann ein nützliches Tool, wenn es mit eben diesem Durchhaltevermögen einhergeht. Zu guter Letzt ist die Lernbereitschaft ein entscheidendes Puzzlestück. Durch sie werden Unternehmerinnen und Unternehmer nicht nur besser, sondern treffen auch Entscheidungen schneller – und agieren in ganz anderer Geschwindigkeit. Unternehmensentwicklung ist schlussendlich auch Persönlichkeitsentwicklung.

Cornelius Maas, Leser

Egal ob Service oder Produkt, von unseren Portfolio-Firmen entwickeln sich diejenigen am besten, die die User Experience von Anfang an in den Fokus ihrer Aktivitäten stellen. Das gilt selbst oder sogar gerade im Healthcare-Bereich, wobei es dann eher um Patient Experience geht.

Ulrike Hinrichs, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied, Bundesverband Deutscher Kapitalbe- teiligungsgesellschaften (BVK)

Auf die Finanzierung kommt es an

Mit einer Idee allein gewinnt man selten einen Blumentopf. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer besitzen einen ausgeklügelten Plan und ausgeprägten Pioniergeist, um ihre ereignisreiche Reise zu beginnen. Einzig an finanziellen Mitteln fehlt es oft. Die Sicherstellung von ausreichend Startkapital und Liquidität ist ein zentraler Aspekt für die Gründerinnen und Gründer, wenn es um die Weiterentwicklung ihres Unternehmens geht. Beteiligungskapital in seiner Ausprägung Venture Capital ist da ein wichtiger strategischer Baustein zur Verwirklichung ihrer Visionen. Aufgrund ihres Risikoprofils bleibt Startups die Finanzierung über einen klassischen Bankkredit verwehrt. Wagniskapitalgesellschaften bieten sich hier als idealer Finanzierungspartner für Unternehmensgründungen an. Sie berücksichtigen neben den Risiken auch die überdurchschnittlichen Wachstumschancen. Darüber hinaus stehen sie den Gründerinnen und Gründern mit ihrem Know-how und Netzwerk zur Seite. Mit dem von der Bundesregierung auf den Weg gebrachten Zukunftsfonds wurde ein Zeichen gesetzt und ein starkes Instrument geschaffen, um zusätzliches privates Kapital für die Startups zu mobilisieren und eine neue Gründerzeit einzuleiten. Die deutsche Volkswirtschaft kann mit Blick auf den internationalen Wettbewerb auf das Innovationspotenzial der Startups nicht verzichten. Hierfür müssen die richtigen finanziellen Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Max Karls, Leser

Teilhabe gewinnt

Vor Jahrzehnten schallte ein Spruch durch die Gassen: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst.“ Wie auch immer der Satz von John F. Kennedy gemeint gewesen ist, so ist er doch über Jahrzehnte von Unternehmen auf die eigenen Angestellten gemünzt worden, was dazu führte, dass sehr wenige sehr viel haben. Viele Konzerne entstanden auf dem Rücken der Arbeiter. Es wird Zeit, etwas zurückzugeben. Ich bin davon überzeugt, dass Wachstum heute nur durch Teilhabe gelingen kann. Startups haben hier die Chance, es besser zu machen.

Schreib' uns deine Antwort!

Welche Überschrift willst Du Deiner Antwort geben?

Wofür brauchen wir E-Health?

Anfang des Jahres wurde die elektronische Patientenakte eingeführt. Sie soll das deutsche Gesundheitssystem aus der digitalen Steinzeit führen und Patienten, Arztpraxen, Krankenhäuser und Apotheken besser miteinander vernetzen. Aber ist E-Health tatsächlich ein Baustein auf dem Weg in eine gesündere Zukunft? Verraten Sie uns, wo ihr Einsatz Sinn macht – und wo nicht.

Antwort schreiben

Sebastian Zilch, Geschäftsführer Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg)

Besser digital versorgt

E-Health tut unserem Gesundheitssystem gut – in vielen Bereichen: So ermöglichen telemedizinische Lösungen eine bessere medizinische wie pflegerische Versorgung. Mit digitalen Services wie dem elektronischen Rezept oder einer Online-Terminvergabe schließt das Gesundheitswesen zu anderen Gesellschaftsbereichen auf. Gespannt darf man auf die Apps auf Rezept sowie die digitale Patientenakte blicken, in der alle Versicherten freiwillig Zugriff auf ihre Gesundheitsdaten haben. Viele der digitalen Angebote kommen Patientinnen und Patienten zugute, doch auch die Ärzteschaft profitiert. Sie kann sicherer miteinander kommunizieren sowie Medikation und Vorerkrankungen ihrer Patientinnen und Patienten besser im Blick behalten. Zusätzlich stehen ihnen zunehmend Entscheidungs- oder Assistenzsysteme für ihre tägliche Arbeit zur Verfügung. Ohne digitale Lösungen wäre unsere Versorgung schon heute undenkbar, aber es ist noch Luft nach oben. Gerade in den vergangenen Monaten wurde die zentrale Bedeutung von Gesundheit deutlich. Im März sprach sich der Sachverständigenrat Gesundheit in seinem Gutachten für mehr Digitalisierung in Deutschlands Gesundheitswesen aus. Dessen zentralen Botschaft lautete: „Daten teilen, heißt besser heilen“. Wir sollten sie uns zu Herzen nehmen, denn digitale Lösungen sind unerlässlich für ein zukunftssicheres Gesundheitssystem, das Gesundheit besser versteht, bewahrt und befördert.

David Matusiewicz, Professor für Gesund- heitsmanagement, FOM Hochschule für Oekonomie und Management

Der neue Standard

Durch das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) sind rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen worden, um Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) in die Versorgung zu bekommen. Als DiGA wird ein Medizinprodukt bezeichnet, dessen Hauptfunktion auf einer digitalen Technologie beruht. DiGA sind keine theoretischen Modelle mehr, sondern verändern jetzt gerade die Versorgungsrealität des Gesundheitswesens in Deutschland. Die derzeit mehr als ein Dutzend DiGA für Indikationen wie Depressionen, Tinnitus, Migräne oder Adipositas bedeuten einen Meilenstein für die Innovationsfähigkeit des Gesundheitswesens und werden im Laufe der Zeit weiter ausgebaut. Beim sogenannten Fast-Track-Verfahren wird das Beste aus zwei Welten vereint: der Wert der Schnelligkeit, das „Startup-Tempo“, für Innovationen mit der „Sorgfalt von Studien“, um das Nutzen- und Schadenpotenzial abwägen zu können. So kommen Innovationen in Zukunft schneller bei den Patienten an und Deutschland avanciert zum weltweiten digitalen Vorreiter. Doch was bedeutet dies für den Patienten? DiGA werden in ein paar Jahren zum neuen Standard in der Versorgung und die neue Formel lautet: zu Hause vor ambulant vor stationär. Hierbei ist es wichtig, dass die Ärzte auf dieser digitalen Reise nicht abgehängt, sondern mitgenommen werden, da diese zunehmend mit einem Engaged Patient und Expert Patient konfrontiert werden und sich die Arzt-Patienten-App-Beziehung in einem Dreierverhältnis verändert.

Maike Henningsen, Juniorprofessorin für Digital Health, Universität Witten-Herdecke

Besser vorsorgen

E-Health hat viele Facetten. Für den einen ist es die Übertragung von Gesundheitsdaten über die Telematik-Infrastruktur, für mich ist es vor allem eine raum- und zeitunabhängige Form der Wissensvermittlung zwischen den Akteuren des Gesundheitssystems. E-Health kann für Deutschland neben vielen anderen Dingen eine Steigerung der Health Literacy, also der Gesundheitskompetenz, bedeuten. Diese steht für eine aktive und informierte Auseinandersetzung mit der eigenen Gesundheit und eine höhere Lebensqualität während des ganzen Lebens. Etwa jeder zweite Deutsche verfügt über eine reduzierte Gesundheitskompetenz, was im europäischen Vergleich gering ist. Hier kann die konsequente Nutzung von E-Health-Angeboten wie Apps oder Tracker, kombiniert mit der auf die einzelne Person zugeschnittenen Wissensvermittlung, helfen. Die Vorsorgeprogramme der gesetzlichen Krankenkassen sind ein Beispiel dafür. Nur knapp ein Drittel der Deutschen nutzen sie. Hier besser zu informieren, zu erinnern und über den Nutzen aufzuklären, das könnten digitale Lösungen ganz hervorragend leisten. Ziel könnte es sein, auf digitale Prävention zu setzen und den Arztbesuch dafür zu nutzen, einen komplizierten Krankheitsfall zu erörtern. Diese Vision erfordert allerdings ein Umdenken: Weder das Abrechnungssystem der Ärzte noch die Vergütung von präventiven Leistungen machen es derzeit attraktiv, diesen Weg einzuschlagen und die präventiven Potenziale von E-Health zu heben.

Christine Badke, Leserin

Digitale Brücken bauen

Als erfahrene Physiotherapeutin erlebe ich seit Jahren, wie oft zeitfressende Besprechungen geführt werden müssen, gerade an den Schnittstellen. Berichte an Ärzte oder andere Entscheidergruppen werden gefordert, damit Therapien weitergeführt und übernommen werden. Aktuell erlebe ich, wie Physiotherapiepraxen meistens ausgelastet sind. Patienten pendeln und nehmen weitere Wege auf sich, um einen Termin in einer anderen Praxis zu bekommen. Das Corona-bedingte digitale Angebot wird meines Wissens wenig genutzt. Die schwache digitale Infrastruktur und Ausstattung in therapeutischen Einrichtungen ist ein Grund dafür. Hinzu kommt eine gewisse Angst vor der digitalen Technik auf beiden Seiten, sowohl bei den vor allem älteren zu behandelnden Patienten und als durchaus auch bei den wenig digital und technisch vorbereiteten Therapeuten. Zudem sind in Deutschland immer noch Regionen digital nur sehr weitmaschig verbunden. Sicherlich liegt auf dem Gebiet E-Health viel Potenzial. In einigen Bereichen mag es da schneller vorangehen als in anderen. Der Prozess läuft mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten in den verschiedenen medizinischen und therapeutischen Bereichen. Meines Erachtens sollten zuerst digitale Brücken für den im Mittelpunkt stehenden Patienten gebaut werden. Oder anders gesagt: Zuerst brauchen die Dörfer mehr digitalen Anschluss, damit die weiten Wege, die derzeit nur offline zu gehen sind, weniger Energie und Zeit einnehmen.

Gerald Gaß, künftiger Vorstandsvorsitzender Deutsche Krankenhaus- gesellschaft (DKG)

Nutzen kostet

Wir versprechen uns von E-Health-Anwendungen, dass sie das Personal im Krankenhaus entlasten sowie die Patientenversorgung und die Effizienz der Prozesse verbessern. Hierzu müssen sie auf die Behandlungsprozesse abgestimmt werden. Die Beschaffung der Anwendungen, Mitarbeiterschulungen und vor allem die Integration in die Krankenhausprozesse erfordern hohe Investitionen in Personal und Technologie. Der Krankenhauszukunftsfonds unterstützt die Krankenhäuser, diese Investitionen zu tätigen. Erste Meldungen zeigen, dass der Investitionsbedarf der Krankenhäuser jedoch viel höher ist als die bereitgestellten Fördermittel. Auch wenn wir diese Förderung ausdrücklich begrüßen, ist es erforderlich, Digitalisierung und E-Health-Anwendungen nachhaltig zu finanzieren. Krankenhäuser, wie jetzt vorgesehen, zu sanktionieren, wenn sie digitale Dienste nicht erbringen, geht vom vollkommen falschen Grundverständnis aus, dass die Krankenhäuser nicht wollen würden. Tatsächlich können sie nicht, da bislang die erforderlichen Investitionsmittel und in Teilen auch die Telematikinfrastruktur nicht verfügbar waren. Statt einem negativen Anreizsystem benötigen wir eine nachhaltige Finanzierung. Daher fordern wir auch einen dauerhaften Digitalisierungszuschlag von zwei Prozent. Nur so können die Krankenhäuser in E-Health-Anwendungen investieren, damit die Mitarbeiter entlastet werden und die Patienten von einer noch besseren Versorgung profitieren.

Dominik Pförringer, Leser

Smarter Copilot

Digitalisierung in der Medizin ist kein Selbstzweck, sondern ein Katalysator. Sie ist auch keine Option mehr, sondern eine Selbstverständlichkeit. In direkter Parallele zu einer Taxi-App ist die Digitalisierung der Medizin zu sehen. Ja, theoretisch geht es auch ohne, praktisch ist das jedoch eher unrealistisch geworden. Die Digitalisierung erleichtert den Alltag für Patienten und Ärzte, sie optimiert das Matchmaking, beschleunigt und sichert Diagnose, Therapie und Nachsorge. Es geht nicht mehr ohne die Digitalisierung, die uns nach Kräften unterstützt, ohne dabei zu ermüden. Digital ist die Zukunft.

Irene Meyer, Leserin

Lerneffekt Pandemie

Die Digitalisierung ist auch für unser Gesundheitssystem notwendig und wurde zu lange stiefmütterlich behandelt. Die digitale Patientenakte sollte dabei helfen, Patienten schneller und besser behandeln zu können. Auch neue Kommunikationswege wie die Videosprechstunde und der schnelle Datenaustausch über digitale Kanäle sind logische und vor allem nicht zu ignorierende Schritt in die Zukunft der Gesundheitsversorgung. So pervers der Gedanke auch ist, aber ich frage mich schon, inwieweit die Pandemie uns gezeigt hat, wie wichtig digitale Infrastrukturen sind. Können wir hier davon sprechen, das Gute im Schlechten zu sehen? Ich hoffe zumindest, dass wir daraus lernen.

Klaus Lindinger, Leser

Nur kein Datenmüll

Meine „digitale Kompetenz“ entsprang vor 35 Jahren in der elektronischen und betrieblichen Datenerfassung und Sensorik. Vor einigen Jahren landete ich im Feld der sogenannten Big-Data-Anbieter und mit diesem Erfahrungsschatz, einigen Medical-Kunden und meinem familiär bedingten Interesse am Gesundheitswesen kann ich hierzu nur sagen: So zäumt ihr das Pferd gezielt von hinten auf und werdet in kürzester Zeit mit dem Problem konfrontiert, das Unternehmenssoftware und stark digitalisierte Branchen wie die Automobilindustrie und die Telekommunikation heute haben. Sie stecken in ihrem eigenen Datengrab fest und schütten täglich mehr und mehr Datenmüll obendrauf. Wer Gesundheit mit der Digitalisierung fördern will, der sollte bei den Gesunden ansetzen, da sitzt der größte Hebel.

Peter Bobbert, Mitglied im Bundesvorstand, Marburger Bund

Fragt die Anwender

Das deutsche Gesundheitswesen ist robust und leistungsfähig. Aber es ist eines der am wenigsten digitalisierten Gesundheitssysteme Europas. Das am 29. Oktober 2020 in Kraft getretene Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) bietet die Chance, den deutschen Krankenhäusern ein digitales Update zu verschaffen. Mit dem Zukunftsprogramm zur Modernisierung der Krankenhaus-IT werden den Krankenhäusern in den Jahren 2022 bis 2024 Fördermittel in Höhe von insgesamt 4,3 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Jetzt kommt es darauf an, dass die neuen Fördermittel zur digitalen Infrastruktur so eingesetzt werden, dass die Nutzer tatsächlich davon profitieren. Deshalb müssen Ärzte und Pflegende bei der Verteilung dieser Mittel ein gewichtiges Wort mitreden können. Der Marburger Bund hat in einer Handreichung für seine Mitglieder fünf prioritäre Felder der Digitalisierung ausgemacht, die jeweils Fördertatbeständen des KHZG entsprechen: Notaufnahme, Behandlungsdokumentation, Medikationsmanagement, Betten- und Ressourcenplanung sowie Telemedizin. In all diesen Bereichen brauchen wir digitale Innovationen – zur Entlastung des Personals und zur Verbesserung der Patientenversorgung. Der Erfolg neuer IT-Lösungen hängt wesentlich davon ab, ob die Anwender darin tatsächlich einen Fortschritt erkennen können. Insofern tun die Geschäftsführungen der Krankenhäuser gut daran, die Expertise und Anregungen ihrer Ärztinnen und Ärzte in den Modernisierungsprozess einzubinden.

Chenchao Liu, Unternehmensberater für den chinesischen Gesundheitsmarkt

Digitale Gesundheit als Zukunftsperspektive

Angetrieben durch die alternde Bevölkerung und das digitale Nutzerverhalten ist der chinesische Gesundheitsmarkt mit einem jährlichen Durchschnittswachstum von zwölf Prozent nach Ausgaben bereits 2018 zum zweitgrößten Markt nach den USA aufgestiegen. So sieht China Digital-Health-Projekte als zentralen Baustein, um das bevölkerungsreichste Land der Erde mit einer effizienten Gesundheitsversorgung auszustatten und dem globalen Wettbewerbsdruck standzuhalten. Als Bestandteil der Strategie, das Gesundheitssystem bis 2030 grundlegend zu modernisieren, erhofft sich die chinesische Regierung – in enger Kooperation mit der Privatwirtschaft – durch Digital-Health-Angebote eine erhöhte Effizienz, Kostentransparenz sowie die bessere Auslastung der bislang ungleich verteilten Kapazitäten zwischen den ländlichen und urbanen Regionen des Landes. Während der Hochphase der Covid-19-Pandemie wurden telemedizinische Konsultationen und Verschreibungen von Online-Rezepten maßgeblich zur Stütze der medizinischen Versorgung. Durch die jedoch nach wie vor sehr geringe Ärztedichte mit zwei Ärzten auf 1.000 Einwohner werden trotz des bereits hohen Ausgangsniveaus Digital-Health-Angebote wie etwa die elektronische Patientenakte, Regeln für Internetkrankenhäuser, Erstattungen von Digital-Health-Dienstleistungen oder KI in der Medizintechnik in Zukunft starken Einfluss auf die Entwicklung der Gesundheitsversorgung in China nehmen.

Stefan Neumann, Leser

Potenzial vs. Risiko

Die Digitalisierung prägt unsere Gesellschaft schon im Heute und keine belastbare Zukunftsvision kann darauf verzichten, die Folgen der Digitalisierung auszuklammern. Für das Gesundheitswesen ergeben sich hier sehr spannende Perspektiven und Möglichkeiten, um Prozesse verlässlich zu automatisieren und so klassische menschliche Fehler zu eliminieren. Ich denke beim Thema E-Health an Probleme bei der Medikation, die automatisiert gelöst und (in der Theorie) ausgeschlossen werden können. Ich denke hier in fernerer Zukunft auch an die automatisierte Diagnose, die einen Großteil der alltäglichen Arbeit von Ärzten übernehmen kann. Sobald der zugrundeliegende Datensatz groß genug ist, sollten sich hier auch Muster ergeben, aus denen man ableiten kann, wann ein menschlicher Arzt die Arbeit übernehmen und sich den Patienten genauer anschauen sollte. Unangenehm ist allerdings der Blick auf den Prozess dorthin, denn auf dem Weg zu einer fertigen und optimalen Lösung werden zwangsläufig Fehler gemacht werden, aus denen wir lernen müssen. Im Gesundheitswesen können Fehler für Patienten allerdings lebensverändernde Folgen haben. Der Spagat zwischen individuellem und gesellschaftlichem Nutzen wird die größte Herausforderung.

Felix Möller, Leser

Weltweit vernetzt

Aus den gleichen Gründen, warum wir E-Mail in der Kommunikation und E-Commerce im Handel brauchen: um weltweit das große Potenzial der Branche für den individuellen Nutzen zu entfalten. Heutzutage kann ich eine E-Mail von einem Ende der Welt zur anderen in Sekunden schicken. Dank E-Commerce kann ich mein Bio-Fleisch direkt beim Bauern bestellen und kostengünstig nach Hause geliefert bekommen – dank Cloud-Technologie sogar Tausende von Bestellungen gleichzeitig. Mit E-Health könnten wir in den Industrieländern die medizinische Versorgung verbessern, dank Vernetzung von Spezialisten verschiedener Disziplinen, E-Akte und personalisierter Medizin. In den Entwicklungsländern könnten wir bei der Bekämpfung von Neglected Tropical Diseases (NTD) helfen, indem wir medizinische Expertise aus verschiedenen Ländern miteinander vernetzen. Wir könnten somit nicht nur Krankheiten besser bekämpfen und Kosten sparen, sondern auch Barrieren brechen, Distanzen überwinden und die ganze Welt gesünder machen. Die individuelle Gesundheit sollte mindestens genauso wichtig sein wie Kommunikation und Handel. Alle auf der Welt sollten davon profitieren dürfen.

Alexander Schachinger, Marktforscher im Bereich Digitaler Gesundheitsmarkt

Wie die App zum Patienten kommt

Das Arztgespräch über das Handy, Apps als Therapiebegleitung oder welche, die Krankheiten diagnostizieren können: Solche und viele weitere digitale Anwendungen sind seit rund zehn Jahren am Entstehen und der Lockdown hat deutlich zur Verbreitung dieser Anwendungen geführt. Aber nicht alle Menschen können mit diesen Gesundheits-Apps gleichermaßen souverän und von selbst aus umgehen. Gerade ältere Patienten oder Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen haben Schwierigkeiten mit den neuen Möglichkeiten der Internetmedizin. Beispielsweise hat bisher nur einer von zehn Deutschen mit dem Arzt online live gesprochen. Eine Webseite oder eine Broschüre allein werden da nicht weiterhelfen, um auch und gerade bedürftige Gruppen digital abzuholen. Die Forschungsergebnisse aus dem Ausland zu digitaler Medizin, die gegenüber Deutschland oft viele Jahre voraus ist, zeigt folgendes: Eine App zur Therapie sollte am besten von der Arztpraxis oder der Apotheke vor Ort erklärt und ausgehändigt werden. Dann verstehen und nutzen es auch Menschen, die nicht zu den digitalen Pionieren gehören. Auch Krankenkassen können hier sehr gut helfen, allerdings nicht mit einer Broschüre als Postsendung. Es müssen schon zugeschnittene Hilfestellungen sein, die die Menschen direkt ansprechen. Ein gutes Video oder ein ruhiges Telefonat zum Beispiel. Oder warum nicht gleich mit der medizinischen Versorgung vor Ort zusammenarbeiten?

Annemarie Fajardo, Stellvertretende Vorsitzende Bundesverband Pflegemanagement

Bei Anruf Hausarzt

Mit den smarten Anwendungen auf unseren Smartphones können inzwischen viele Bürgerinnen und Bürger umgehen, gerade weil Smartphones auch bei älteren Menschen immer mehr an Beliebtheit gewinnen. Es verwundert daher kaum, wenn der digitale Kalender auf dem Smartphone genutzt wird, um sich leicht einen neuen Termin einzutragen. Der nächste Arztbesuch wird direkt digital abgespeichert. Aber wie ist es eigentlich, wenn man nicht persönlich zum Arzt gehen kann, weil zum Beispiel die Mobilität stark eingeschränkt ist? Im Gesundheitswesen ermöglicht inzwischen Telemedizin die Überwindung von räumlichen oder auch zeitlichen Distanzen. Die immobile Patientin bleibt in ihren eigenen vier Wänden, eine ambulante Pflegefachkraft ist vor Ort und überprüft eben noch schnell die Vital- und Blutzuckerwerte. Dann stellt sie digital die Verbindung zur behandelnden Hausärztin über eine eigens dafür installierte App her, weil sich die Werte der Patientin verschlechtert haben. Sowohl Pflegefachkraft als auch Hausärztin haben im Moment der digitalen Zusammenschaltung Zugriff auf den digitalen Medikamentenplan. Bei all der Erfahrung mit Smartphones erscheint die digitale Zusammenschaltung zwischen Pflegefachkraft und Hausärztin irgendwie „normal“. Vielleicht so normal wie die Videotelefonie mit einem nahen Verwandten? Eine fachpflegerische und fachärztliche Beratung auf dem eigenen Smartphone sollte in jedem Fall zur Selbstverständlichkeit werden.

Bernd Ganser, Leser

Damit Arzt und Patient zum Team werden können, das sich um Genesung und Behandlung kümmert, müssen sie kommunizieren können und dies möglichst auf Augenhöhe. Dazu braucht es den informierten Patienten.

Johannes Wimmer, Mediziner und TV-Moderator

Mehr wissen

Wir alle haben das Recht auf die beste Medizin. Doch das wird spätestens dann schwierig, wenn wir irgendwann mal in der Notaufnahme landen und niemand weiß, welche Vorerkrankungen wir haben. Solche Informationen stehen leider nicht bzw. nicht ausreichend auf unserer Versichertenkarte. Und Laborbefunde oder Röntgenbilder schon gar nicht. Was wir brauchen, ist ein digitaler Patientenbrief, der unseren aktuellen Gesundheitszustand anzeigt. Das sollte uns wichtiger sein als das Schützen von Daten. Im schlimmsten Fall können diese geklaut werden. Aber das ist doch deutlich weniger schlimm, als aufgrund einer falschen Behandlung Schaden zu erleiden. Ich sage immer: Daten retten Leben. Und: Digitale Medizin soll nicht funkeln, sondern funktionieren. Denn was bringt irgendeine Health-App, wenn Ärzte in der Notaufnahme keinen Zugriff auf unser Smartphone haben? Es braucht also eine einheitliche Lösung, mit der all unsere Gesundheitsdaten an einem digitalen Ort abgelegt und aktualisiert werden können und die so simpel wie effizient sein sollte. Diesem Credo folgen auch meine Videos, die ab Herbst gesammelt auf einer digitalen Plattform zu finden sein werden. Mein Ansatz war und ist es immer noch, medizinische Sachverhalte einfach, einprägsam und nahbar zu erklären – zumal Studien belegen, dass nur 28 Prozent der Patienten wiedergeben können, was Ärzte ihnen gesagt haben. Das liegt nicht nur an medizinischem Fachvokabular, sondern auch daran, dass oft die Zeit fehlt, um alles zu erklären. Dabei ist Wissen die beste Medizin.

Joachim Maurice Mielert, Leser

Balance finden

Landwirtschaft braucht eine Zukunft in Deutschland. Diese wird sie nur haben, wenn unsere Bauernfamilien, die unsere Gesellschaft mit Lebensmitteln versorgen, davon auch selbst gut leben können. Gleichzeitig müssen wir die Erzeugung mit so viel Artenvielfalt, Klima- und Umweltschutz verbinden wie möglich. In unserem Zukunftskonzept und in unseren Kernanliegen zur Bundestagswahl schlagen wir vor, den Schutz der Grundlagen der menschlichen Ernährung und des Klimas ins Grundgesetz aufzunehmen. Auch wollen wir Tierwohl nach vorne bringen. Der Umbau der Tierhaltung ist angestoßen, diesen Zukunftsweg gehen wir mit. Jetzt ist die Politik am Zug und muss die rechtlichen Grundlagen schaffen. Entscheidend sind eine konkrete Finanzierung und das passende Bau- und Genehmigungsrecht. Wir stehen zu höheren Standards, zu denen in Deutschland produziert wird. Diese hochwertigen Erzeugnisse müssen für jeden erkennbar sein und einen höheren Preis haben. Daher setzen wir auf eine verpflichtende Haltungs- und Herkunftskennzeichnung. Den Weg einer klima- und umweltschonenden Landwirtschaft wollen wir weiterentwickeln – etwa mit Digitalisierung oder neuen Züchtungstechniken. Die Fortschritte bei Düngung und Pflanzenschutz müssen weitergehen. Unser Ansatz ist und bleibt der kooperative Naturschutz. Bei aller Bereitschaft zur Veränderung muss allen bewusst sein: Wirklich zukunftsfähig ist unsere Landwirtschaft am Ende nur, wenn sie auch wettbewerbsfähig ist.

Martin Stockburger, Kardiologe und Sprecher Arbeitsgruppe Telemonitoring, Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK)

Früh gegensteuern

Telemedizin hat erwiesene positive Effekte auf das Überleben und die Therapie chronisch kranker Herzpatienten. Darüber hinaus kann sie Patienten und Ärzte sowie Ärzte untereinander über räumliche Distanzen und Disziplinen hinweg verbinden und so eine ganzheitliche Versorgung ermöglichen. Ein sehr wichtiger Teilbereich ist das Telemonitoring. Es erlaubt die kontinuierliche Erfassung und Übermittlung von Vitalparametern mithilfe von externen oder implantierten Sensoren, zum Beispiel aus Rhythmusimplantaten oder Ereignisrekordern. Diese telemedizinischen Daten lassen sich online jederzeit abrufen und liefern wertvolle Hinweise auf gesundheitliche Veränderungen. Das ermöglicht es uns, frühzeitig gegenzusteuern, die Medikation anzupassen oder rhythmuserhaltende Maßnahmen zu ergreifen. Durch das engmaschige Telemonitoring gelingt es uns häufig, die Lebensqualität der Patienten zu verbessern, Klinikaufenthalte zu vermeiden und Leben zu verlängern. Daher hat der Gemeinsame Bundesausschuss, das oberste gesundheitspolitische Entscheidungsgremium Deutschlands, im Dezember 2020 bestimmt, dass schwerkranken Herzschwächepatienten künftig eine reguläre telemedizinische Betreuung durch die Krankenkasse ermöglicht werden muss. Die Telemonitoring-Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie erarbeitet derzeit konkrete Qualitätskriterien, um der Umsetzung der telemedizinischen Betreuung im klinischen Alltag einen strukturierten Rahmen zu geben.

Lea Winter, Leserin

Virtuelle Couch

Als Digital Native bin ich es gewöhnt, vor dem Rechner zu sitzen, den Bildschirm anzustarren und virtuell zu kommunizieren. Während des Studiums hauptsächlich, um mit meinen Eltern und Freunden zu Hause zu skypen, später auch für Vorstellungsgespräche oder Videokonferenzen. Nach Ausbruch der Pandemie und plötzlicher Arbeitslosigkeit hatte ich eine depressive Episode und begann eine Therapie per Videosprechstunde. Ich war schon vor der Sitzung hellauf von der Idee begeistert, meine Therapie fortsetzen zu können, ohne Ansteckungsgefahr auf beiden Seiten. Technische Schwierigkeiten traten selten auf, tatsächlich fiel es mir anfangs aber schwer, Vertrauen in mein Gegenüber zu fassen. Nach einem Jahr Sitzungen per Videosprechstunde war ich zum ersten Mal bei meiner Therapeutin in der Praxis. Uns beiden ist klar, dass eine Videosprechstunde den direkten Kontakt nicht ersetzen kann. So erzählte sie zum Beispiel, dass ihr bei den Online-Sitzungen der Gesamteindruck fehle. Mir hingegen fiel es anfangs schwer, mich zu öffnen. Ich bin heilfroh, dass ich während der Pandemie auf dieses Instrument zurückgreifen konnte.

Helmut Karas, Leser

Strategie entscheidet

E-Health-Anwendungen können noch so sinnvoll oder wünschenswert sein: Nur wenn ein hohes Maß an digitaler Kompetenz bei den Anbietern besteht, werden die Angebote von den Kunden gewollt, gesucht, gefunden und verstanden. Denn diese suchen nach ihrer eigenen Logik. Wer Erfolg mit seinem Angebot in der Gesundheitswelt haben möchte, muss über dieselben Touchpoint Experiences kompetent Bescheid wissen, wie in jeder anderen Branche. Denn die Kunden wählen ihren Weg. Ist der Weg unattraktiv, wird er nicht genutzt. Digitale Technologien müssen dort, wo die Entscheidungen getroffen werden, die richtigen Eindrücke erzeugen, sonst wird das so erfolglos wie Appelle an „mehr Bewegung“ oder Hinweise zu „gesünderer Ernährung“. In der breiten Masse ist die Beschreibung des richtigen Weges keine effektive Strategie. In Branchen mit riesigen Budgets ist Strategie mehr als die halbe Miete.

Ulla Herrmann, Leserin

Vorsicht Falle

Neben all den Vorteilen, die E-Health bietet, dürfen auch die Schattenseiten nicht vergessen werden. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Arbeitsmoral in Deutschland nachgelassen hat und der Weg zum Arzt schnell mal eingeschlagen wird. Wie läuft das dann digital? Wird es noch einfacher gemacht, blau zu machen, um sich das Wochenende zu verlängern?

Anke Diehl, Leiterin Stabsstelle Digitale Transformation, Universitätsmedizin Essen

Mehr Zeit für Patienten

In Summe geht es darum, die Digitalisierung dazu zu nutzen, die Medizin wieder empathischer zu gestalten. Wir müssen dafür sorgen, dass das Personal im Gesundheitswesen von administrativen Aufgaben entlastet wird und wieder mehr Zeit für den direkten Patientenkontakt hat. Hierin besteht eine große Chance digitaler Technologien. Wenn mehr Arbeitszeit wieder dem Menschen statt dem hohen Verwaltungsaufwand gewidmet werden kann, könnte auch der Pflegeberuf wieder attraktiver für potenzielle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden, die nah am Menschen und nicht nah am Papier arbeiten möchten. Zugleich stehen immer mehr Gesundheitsdaten zur Verfügung, deren enormes Potenzial zur Verbesserung der Patientenversorgung noch nicht genutzt wird. Intelligent ausgewertet, lässt sich mithilfe dieser Daten eine personalisierte gesundheitliche Früherkennung, Diagnostik, Behandlung und Nachsorge entwickeln. Die Corona-Pandemie hat uns sehr deutlich vor Augen geführt, wie wichtig eine gute Telematikinfrastruktur doch ist. Sie hat aber leider auch gezeigt, dass Deutschland hier noch hinterherhinkt. Noch immer ist das Papierrezept der Standard – selbst für die Verschreibung von Gesundheits-Apps und telemedizinischen Angeboten. Es gibt also noch einiges zu tun. Aber es steht völlig außer Frage, dass in Digital Health der Schlüssel zur empathischen Zukunftsmedizin des 21. Jahrhunderts liegt.

Irene Mahr, Leserin

Viele Fragezeichen

Auf den ersten Blick eine großartige Idee: Alle wichtigen Angaben sind in einer elektronischen Patientenakte zusammengeführt, keine zeitraubende Mehrfacherhebung ist mehr nötig. Aber welchen Umfang werden die gespeicherten Daten haben? Ich finde es eine unbehagliche Vorstellung, dass sensible Gesundheitsdaten irgendwo in einer Cloud herumgeistern, dem Zugriff von Hackern ausgesetzt und von Datenpannen bedroht. Man könnte hier einwenden: Wer sollte sich schon für Krankheiten unbedeutender Bürgerinnen und Bürger interessieren? Denkt man aber etwa an die Versicherung, die Bank, die Hausvermietung, den Arbeitgeber, schürt das Ängste. Fürs Erste, denke ich, sind Befunde im Stahlschrank des Hausarztes sicherer aufbewahrt.

Maria Sievert, Gründer und CEO der inveox GmbH

Denkt mutig, offen, vernetzt und interdisziplinär - zum Besten für die Patient:innen!

Im Gesundheitsbereich stehen wir noch am Anfang der Digitalisierung. Das gibt uns alle Möglichkeiten, groß zu denken und Prozesse völlig neu zu definieren. Wir können die Transformation der Branche so formen, dass sie nicht nur den absehbaren Anforderungen entspricht, sondern Raum für künftige Meilensteine eröffnet. Ziel ist ein nachhaltiges und ausbaubares Setting mit dem zentralen Kriterium: Was ist das Beste für die Patient:innen? Interdisziplinarität spielt hier eine wichtige Rolle. Es genügt nicht mehr, gute Mediziner:innen auszubilden. Für intelligente, leistungsstarke Zukunftslösungen müssen Ingenieur:innen, Informatiker:innen, Prozessexperten und Ärzt:innen einander verstehen und Hand in Hand arbeiten. Ein im Kontext Digitalisierung zu Recht vieldiskutiertes Thema ist der Datenschutz. Unwissenheit und mangelnde Aufklärung beeinflussen die konstruktive Auseinandersetzung mit den eigentlichen Inhalten. „Datenschutz ist für gesunde Patient:innen“, lautet häufig die Botschaft. Doch ein kranker Mensch wird seine Daten gerne weltweit in der Hoffnung teilen, dass aus Datensätzen anderer Patient:innen bessere Therapieoptionen abgeleitet werden können. Datenschutz ist zweifelsohne eine wichtige Anforderung. Es ist elementar, sich damit intensiv und aufgeschlossen zu beschäftigen. Dies öffnet Innovationen die Tür, das zu bewirken, wofür sie gemacht sind: Menschen zu helfen.

Monika Menzel, Leserin

Im letzten Jahr hatte ich drei Eingriffe am Herzen, da ist E-Health so selbstverständlich wie der morgendliche Kaffee –also für die Ärzte, nicht für mich. Die OP-Säle schienen direkt aus einem SciFiFilm. Ich konnte bei vollem Bewusstsein am Großildschirm verfolgen, wie der Elektrophysiologe eine Schneise ins eigene Herz fräst. Der Sitz der Persönlichkeit und der Liebe ist hier runtergebrochen auf Gefäße, elektrische Parameter, Erregungsleitung. Bei meiner Entlassung legte die Ärztin ein Gerät auf die Brust, klappte das Laptop auf und verband sich mit meinem frisch implantierten Schrittmacher. Die Werkseinstellungen wurden per Tastatur auf mich angepasst, man könne bei auch eine Nachtabsenkung reinprogrammieren -wie bei einer Heizung. Gleichzeitig war es eine Krankenschwester, die nach der Visite, bei der man mir nüchtern alles erklärt und genauso nüchtern einen weiteren Eingriff am Herzen vorgeschlagen hatte, in mein Zimmer zurückkehrte. Sie hatte meinen nicht so guten Gemütszustand wahrgenommen und fragte ganz einfach: Haben Sie Angst? Und wie mein Herz Angst hatte. Es fing an zu weinen und die Schwester sprach mir Mut zu und vermittelte Zuversicht, so dass ich die nächste Etappe in Angriff nehmen konnte. E-Health ist der Klinikalltag. Ich bin dankbar für die Möglichkeiten, die sie bietet. Und genauso wichtig ist es, einen Menschen zu haben, der sich Zeit nimmt und mit einem spricht, so ganz analog, von Herz zu Herz

Schreib' uns deine Antwort!

Welche Überschrift willst Du Deiner Antwort geben?

Wie sieht die Zukunft der Landwirtschaft aus?

In Kalifornien pflückt ein Salatroboter so schnell wie 20 menschliche Erntehelfer zusammen und mithilfe automatischer Lenksysteme fahren Traktoren heute akkurater über die Felder, als Menschen das je könnten. Gleichzeitig verlangt der Klimawandel ein gewaltiges Umdenken bei den Landwirten. Malen Sie uns Ihre Vorstellungen von der Agrarwirtschaft der kommenden Jahrzehnte aus.

Antwort schreiben

Urs Niggli, Agrarforscher und Mitglied wissen- schaftliche Gruppe UN-Ernährungsgipfel 2021

Ohne Schablone

Die Landwirtschaft produziert das wichtigste tägliche Gut jedes Menschen. Nach meinem Verständnis von Wirtschaft braucht es dafür keine staatliche Einkommensstützung. Eine einleuchtende Erklärung dafür gab mir Tim Lang, Professor für Lebensmittelpolitik der Universität London: Erstmals wurden Bauern in Manchester subventioniert, damit sie dem Arbeiter-Prekariat der Industriellen Revolution billige Lebensmittel lieferten. Es war Wirtschaftsförderung. Von billigen Lebensmitteln profitieren heute Konsumgüter und Dienstleistungen. Weil sie billig sind, werden sie verschwendet und ungehemmt gegessen. Die Landwirtschaft wird in Zukunft Methoden praktizieren, die die Naturgüter Boden, Wasser, Luft und biologische Vielfalt zwar intensiv nutzen, aber nicht verbrauchen. Dazu nutzt sie das Erfahrungswissen von Generationen und den Erfindergeist der Hightech-Generation. Nur so schaffen wir eine Welt ohne Armut und Hunger, sodass die Weltbevölkerung ab Mitte des Jahrhunderts wieder abnehmen kann. Dank guter Preise werden viele junge unternehmerische Menschen mit neuen Ideen in die Landwirtschaft einsteigen. Sie können 100 Prozent der Agrarbudgets für den schonenden Umgang mit dem Naturkapital einsetzen, nicht nur knausrige 25 Prozent. Umweltbelastung kostet in Zukunft, das beschleunigt den Wandel. Unzählige bäuerliche Startups machen die Wertschöpfungskette wieder durchlässig und die Konfliktzonen zwischen Stadt und Land verschwinden.

Klaus Plischke, Leser

Zurück zur Basis

Es ist schon seltsam, wie sich viele Menschen die Zukunft vorstellen: Neue Roboter und automatisierte Traktoren ersetzen die menschliche Arbeitskraft, sind deutlich schneller und genauer und mithilfe der Gentechnik werden die Pflanzen effektiver, benötigen weniger Pestizide und werden trockenresistenter. Ich glaube, dieser materialistische Denkansatz ist sehr kurzsichtig. Wenn ein Großteil der menschlichen Kreativität in die Entwicklung von Software und Maschinen fließt und Pflanzen und Tiere im Labor gezüchtet werden, dann werden wir kaum wirklich gesunde und vitale Pflanzen erhalten. Tatsächlich ist die Entwicklung neuer Pflanzen durch Bio-Züchter mit ihren „herkömmlichen“ Methoden erheblich kostengünstiger ist als die aufwändigen „modernen“ Labor-Züchtungen. Was ist zu tun? Hier ist sicher der Qualitäts-Biolandbau – also deutlich über dem EU-Standard – eine sinnvolle Richtschnur. Aber natürlich gehört viel mehr dazu, zum Beispiel die Forschung wieder auf die Höfe zu bringen, wieder näher zu den Menschen und Tieren, an die Böden, raus aus den Laboren. Damit wir nicht weiter unsere wesentlichen Lebensgrundlagen, den Boden und die Biodiversität sowie das Klima so gnadenlos zerstören. Dann könnte es vielleicht doch noch gelingen, mit den aktuellen Folgen der Erderwärmung zu leben und wirklich nachhaltige Wege in die Zukunft zu finden.

Miriam Staudte, agrarpolitische Sprecherin Landtagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen Niedersachsen

Wandel der Prioritäten

Landwirtschaftliche Betriebe arbeiten seit Jahren auf Abrieb. Notwendige Investitionen werden verschoben, Familienmitglieder müssen einspringen, Depressionen nehmen zu. Das Höfesterben wird von Agrarfunktionären als bedauerliche, aber sinnvolle Marktbereinigung hingenommen. Die Ursache sind die niedrigen Erzeugerpreise. Statt zum Beispiel die Überkapazitäten im Milchmarkt abzubauen und so Dumpingpreise zu verhindern, wie es der Bund der Milchviehhalter fordert, wird von der bisherigen Agrarpolitik weiter auf Masse gesetzt. Noch immer ist nicht verboten, dass der Preis für abgelieferte Milch erst im Nachhinein festgelegt wird. Es wird versucht, notwendige Umweltauflagen als Ursache für die prekäre Situation in der Landwirtschaft darzustellen. Wir brauchen aber regionalere Vermarktungs- und Verarbeitungsstrukturen, die der Landwirtschaft eine größere Teilhabe an der Wertschöpfung ermöglichen. Wir brauchen eine Abkehr vom ruinösen Weltmarkt und keine neuen Freihandelsabkommen. Wir brauchen einen Tierschutz-Cent auf tierische Produkte, sodass der Umbau der Tierhaltung und deren Reduktion finanziert werden können. Wir brauchen eine verpflichtende Haltungskennzeichnung auf tierischen Produkten, damit sich das Kaufverhalten ändert, wie durch den Eier-Stempel geschehen. Die EU-Fördermilliarden müssen an Umweltziele gekoppelt werden. Dann gibt es auch mehr Wertschätzung und Planungssicherheit.

Joachim Rukwied, Präsident Deutscher Bauernverband (DBV)

Balance finden

Landwirtschaft braucht eine Zukunft in Deutschland. Diese wird sie nur haben, wenn unsere Bauernfamilien, die unsere Gesellschaft mit Lebensmitteln versorgen, davon auch selbst gut leben können. Gleichzeitig müssen wir die Erzeugung mit so viel Artenvielfalt, Klima- und Umweltschutz verbinden wie möglich. In unserem Zukunftskonzept und in unseren Kernanliegen zur Bundestagswahl schlagen wir vor, den Schutz der Grundlagen der menschlichen Ernährung und des Klimas ins Grundgesetz aufzunehmen. Auch wollen wir Tierwohl nach vorne bringen. Der Umbau der Tierhaltung ist angestoßen, diesen Zukunftsweg gehen wir mit. Jetzt ist die Politik am Zug und muss die rechtlichen Grundlagen schaffen. Entscheidend sind eine konkrete Finanzierung und das passende Bau- und Genehmigungsrecht. Wir stehen zu höheren Standards, zu denen in Deutschland produziert wird. Diese hochwertigen Erzeugnisse müssen für jeden erkennbar sein und einen höheren Preis haben. Daher setzen wir auf eine verpflichtende Haltungs- und Herkunftskennzeichnung. Den Weg einer klima- und umweltschonenden Landwirtschaft wollen wir weiterentwickeln – etwa mit Digitalisierung oder neuen Züchtungstechniken. Die Fortschritte bei Düngung und Pflanzenschutz müssen weitergehen. Unser Ansatz ist und bleibt der kooperative Naturschutz. Bei aller Bereitschaft zur Veränderung muss allen bewusst sein: Wirklich zukunftsfähig ist unsere Landwirtschaft am Ende nur, wenn sie auch wettbewerbsfähig ist.

Paulina Brüling, Mitinitiatorin Projekt „Saatgutbibliotheken Niedersachsen“, Leuphana Universität Lüneburg

Gefährlicher Trend

In den letzten Jahrzehnten ist die Vielfalt an Saatgut immens gesunken, da der Fokus auf ertragreiche, häufig hybride Hochleistungssorten gelenkt wurde, für die von Großkonzernen Patente eingereicht werden. Dadurch entstehen nicht nur Abhängigkeiten für Landwirte, die versuchen, mitzuhalten. Es geraten auch weiterhin Sorten in Vergessenheit und Saatgutresistenzbildungen werden verhindert. Dies ist besonders fatal für Kleinbetriebe. Denn: je einfältiger die Aussaat, desto anfälliger sind die Betriebe für drastische Ernteausfälle. Der Großteil der Bevölkerung schenkt dem Thema kaum Aufmerksamkeit, sodass die großen Saatguthersteller unangefochten Saatgut privatisieren können. Um dem entgegenzuwirken und unseren Mitbürgern zu zeigen, dass Gemüse nicht gleich Gemüse ist, haben zwei Kommilitoninnen und ich das Konzept der Saatgutbibliotheken nach Lüneburg gebracht. Diese funktionieren so: Man leiht sich sortenreines, samenfestes Saatgut aus, pflanzt dieses zu Hause ein, achtet dabei darauf, dass es sich nicht kreuzt, und bringt nach der Ernte Saatgut getrocknet zurück. Durch den wiederholten Anbau passen sich die Sorten an die lokalen Bedingungen an, das Saatgut vermehrt sich in der Zahl und wird somit erhalten. Saatgutbibliotheken sind nur ein Anfang, um die Bevölkerung auf das Problem aufmerksam zu machen. Der Schritt hin zum Verbot von Patenten ist ein viel größerer, der erst gemeinsam mit den Landwirten getan werden kann.

Astrid Becker, Leserin

Traumberuf Bäuerin

Seit meiner Kindheit wollte ich auf dem Land leben und konnte mir auch nie vorstellen, einen anderen Beruf zu wählen. Das selbstbestimmte Arbeiten, die Verbundenheit zu Land und Tier und die Lebensqualität lassen mich die anfänglichen Herausforderungen vergessen. Wie jede Existenzgründung ist auch die Hofübernahme ein langwieriger Prozess, für den es von beiden Parteien viel Fingerspitzengefühl braucht, um die rechtlichen, ökonomischen, und persönlichen Aspekte zu berücksichtigen. Immerhin gibt man sein Lebenswerk in fremde Hände. Nach vielen Gesprächen im Vorfeld wurden wir uns einig und für mich ging ein Traum in Erfüllung.

Hartmut Matthes, Geschäftsführer Bundesverband Lohnunternehmen (BLU)

Teil der Lösung

Bauern werden in erster Linie als Produzenten von Lebens- und Futtermittel wahrgenommen. Das war früher anders, denn es gab noch keine synthetischen Fasern für die Produktion von Funktionsbekleidung oder Erdgas zum Heizen. Heute dagegen erleben Rohstoffe vom Acker eine Renaissance. Naturfasern für Textilien, Pflanzen für die chemische und pharmazeutische Industrie oder Bioenergie erweitern das Spektrum der Kulturarten auf den Feldern. Doch damit nicht genug, denn auch die aktuellen Herausforderungen fordern die Kreativität der Landwirtschaft. Klimawandel, eine abnehmende Biodiversität, die Belastung der natürlichen Ressourcen und so weiter wirken sich zunehmend nachteilig auch auf die Landwirtschaft aus. Damit ist sie nicht nur Teil des Problems, sondern sicher auch Teil einer Lösung. Maßnahmen zu Verbesserung der Grundwasserneubildungsrate, Aufbau und Erhaltung von Naturräumen für mehr Artenvielfalt oder das Binden von Kohlendioxid durch Humusaufbau in den Böden gehören zukünftig vermehrt zum Aufgabenspektrum. Das hat die Landwirtschaft erkannt und stellt sich diesen neuen Zielen. Deren Erreichen ist aber fast schicksalhaft an die Frage gekoppelt, wie die Gesellschaft zukünftig leben und konsumieren will. Dies hat die Diskussion um „Teller oder Tank“ der letzten Jahre deutlich gemacht. Eine Agrarwende wird nur funktionieren, wenn sie nicht Umkehr bedeutet und sich die gesamte Gesellschaft daran beteiligt.

Dietmar Scholz, Leser

Bauernschlau

Die Zukunft der Landwirtschaft ist gesichert, denn essen müssen die Menschen immer und eine wachsende Erdbevölkerung verheißt glänzende Absatzmärkte. Aber das ist natürlich reine Theorie und zu kurz gedacht. Der Umgang mit den natürlichen Ressourcen, die Grundlage allen Lebens und der Ernährung sind, erfordert Intelligenz, Kreativität und ein großes Bewusstsein für Nachhaltigkeit. Und genau diese Eigenschaften haben Bauern über die Jahrtausende immer ausgezeichnet und durch Krisen gebracht.

Julia Wagner, Leserin

Alte Schätze

Elefantenrüssel und die blaue Anneliese kommen bei uns regelmäßig auf den Tisch. Natürlich nur, wenn Saison ist. Hinter diesen Namen verbergen sich alte Gemüsesorten, genauer gesagt Peperoni und Kartoffeln, die ich letztes Jahr auf dem Wochenmarkt entdeckte. Ein findiger Landwirt aus unserer Umgebung bietet alte – und für mich unentdeckte – Gemüsesorten an. Auf Wunsch gibt er Tipps für die Zubereitung. Für ambitionierte Kleingärtner gibt es auch Samen und Setzlinge. Damit holt er altes Wissen in unsere moderne Welt und öffnet für uns die Schatzkiste der Natur.

Kathrin Muus, Vorsitzende Bund der Deutschen Landjugend (BDL)

Die Zukunft ist bunt

Wer genau wissen will, wie viele Milchkühe künftig auf der Weide stehen, welche Getreidesorten in der Zukunft auf deutschen Äckern wachsen und wie Junglandwirtinnen und -wirte das Klima schützen, dem kann ich keine Antwort liefern. Aber eins steht für die nächste Landwirtschaftsgeneration fest: Die eine Landwirtschaft wird es nicht geben. Die Landwirtschaft ist plural: Sie ist spezialisiert und dabei diversifiziert, sie ist global und regional, sie ist nachhaltig und produziert gutes Klima. Die Details werden von den künftigen Landwirtinnen und Landwirten selbst entschieden. Denn bei aller Leidenschaft, die sie mitbringen, ist ihr Beruf kein reiner Selbstzweck. Die Menschen der Branche haben Verantwortung für ihren Betrieb. Sie wissen, was funktioniert und wie sie wirtschaften müssen, um von ihrer Arbeit leben zu können und Freude daran zu haben. Sie werden gute, fachliche und zukunftsorientierte Praxis umsetzen und dafür sorgen, dass diese wissenschaftlich sinnvoll, umwelt- und klimaschützend angepasst wird. Das geht, wenn die Gesellschaft quasi „bezahlt“, was sie bei der Landwirtschaft „bestellt“. Darüber haben wir auch in der von der Bundesregierung initiierten Zukunftskommission Landwirtschaft gestritten. Trotz aller Unterschiede ist es der jungen Generation dort gelungen, eine gemeinsame Zukunftsvision der Landwirtschaft auszuhandeln, der auch jungen Landwirtinnen und Landwirten eine gute Perspektive aufzeigt.

Jörn Stumpenhausen, Professor für Nachhaltige Agrar- und Energiesysteme, Hochschule Weihenstephan-Triesdorf

Ställe voll Hightech

Neue Milchviehställe müssen gestiegenen Anforderungen hinsichtlich Arbeitswirtschaft, Ethologie, Ökologie und Ökonomie gerecht werden. Dieses führt in der Praxis zu einem hohen Maß an Automatisierung. Bei Stallneubauten oder -modernisierungen werden inzwischen zu über 75 Prozent Automatische Melksysteme (Melkroboter) und vermehrt auch Fütterungsroboter, automatisierte Entsorgungstechnik sowie tiergerecht gesteuerte Beleuchtungs- und Klimaregelungen eingebaut. Gleichzeitig ist die landwirtschaftliche Tierhaltung prädestiniert für die Erzeugung erneuerbarer Energien. Allein durch die konsequente Nutzung der Dachflächen von Milchviehställen für den Einsatz von Photovoltaik-Anlagen kann zwei- bis dreimal mehr elektrische Energie erzeugt werden, als für die Milchproduktion nötig ist. In einem ganzheitlichen und nachhaltigen, vom Bundesminsterium für Ernährung und Landwirtschaft geförderten Forschungsansatz erarbeiten die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf und die Technische Universität München Grundlagen zur weiteren technologischen Systemoptimierung zukunftsgerechter Milchviehställe. Mit „Stall 4.0“ wird weltweit erstmalig unter Berücksichtigung von Tierverhalten und Tierwohl ein On-Farm-Energie-Management-System realisiert, das eine weitestgehende Stallautomatisierung mit dezentraler regenerativer Energieproduktion und intelligenter Netzanbindung einschließlich bedarfsgerechter Einspeisung optimal verknüpft.

Marie Saudhof, Bio-Landwirtin

Mut zu neuen Wegen

Landwirtschaft geschieht nicht in vierjährigen Amtsperioden, sondern wächst und gedeiht über Generationen. Wir sollten immer danach streben, unseren Boden in einem besseren Zustand an unsere Nachkommen abzugeben, als wir ihn selbst erhalten haben. Dies können wir durch den Aufbau von Humus, Fruchtfolgegestaltung und unsere Bearbeitungsweisen im Alltag beeinflussen. Doch auch der Konsument trägt dafür einen gewissen Anteil an Verantwortung durch sein Kaufverhalten. Wir Landwirte dürfen uns nicht als Eigentümer unserer Flächen ansehen, sondern nur als Verantwortliche für einen gewissen Zeitraum. Dabei gilt nicht: „Nach uns die Sintflut!“ Wir müssen Handeln und Umdenken für eine bessere Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder. Hierbei dürfen wir nicht auf neue Verordnungen aus der Politik warten, sondern müssen selbst die Initiative ergreifen und den Mut haben, neue Wege zu gehen. Es bleibt unsere Pflicht, verantwortungsvoll mit unseren Ressourcen umzugehen. Dafür legen unsere Ausbildung und Weiterbildung den Grundstein. Wir alle müssen unseren Konsum und unsere Landwirtschaft an die Natur anpassen – nicht umgekehrt. Das bedeutet für uns Landwirte die Anpassung an die stark veränderten klimatischen Bedingungen durch die Etablierung neuer Kulturen in unserem Land.

Sigrid Welsing, Leserin

Brot und Wissen

Die Zukunft der Landwirtschaft beginnt in den Mündern, Mägen und Köpfen unserer Kinder. Wenn diese wissen, woher das tägliche Essen kommt, wie Nahrungsmittel wachsen und verarbeitet werden, dann entwickeln sie ein Bewusstsein und Interesse für Ernährung und Landwirtschaft. Damit schließt sich die Kluft und die Entfremdung zwischen Konsumenten und Bauern. Die Arbeit und das Können der Landwirte erfahren die Wertschätzung, die diese verdienen. Hier können Schulen und Kindergärten, aber vor allem die Eltern täglich Wissen vermitteln – beispielsweise bei den Mahlzeiten.

Johann Lafer, TV-Koch und Autor

Innovativer denken

Das Produkt ist immer die Grundvoraussetzung für eine gesunde Ernährung. Je frischer und unbehandelter, desto besser ist es für uns. Wer also direkt vom Bauernhof oder vom Markt seine Lebensmittel bezieht, tut nicht nur seiner Gesundheit etwas Gutes, sondern auch der Landwirtschaft. Ich bin selbst auf einem Bauernhof groß geworden. Ich weiß, wie viel Arbeit ein Acker macht. Und ich weiß, dass auch der beste Koch ohne Landwirtschaft nicht kochen kann. Dennoch wünsche ich mir, dass bei den jungen Landwirten wie bei den jungen Winzern ein Aufbruch entsteht, hin zu einer Spezialisierung auf Produkte einer modernen Küche. Für die Zukunft braucht es mehr Innovation und Selektion. Denn das, was auf unseren Tellern landet, ist nicht mehr das, was wir aus unserer Kindheit kennen. Die Zeiten von Sahnesaucen und Fleischbergen sind vorbei. Das Proportionsverhalten hat sich geändert. Gesunde Beilagen spielen eine größere Rolle. Gemüse spielt eine größere Rolle. Und ich erzähle ja nichts Neues, wenn ich sage, dass weniger Fleisch auch gut ist für unseren Planeten. Ich predige ja schon seit langem die Kombination aus Genuss und Gesundheit. Als ich an einer Arthrose erkrankt bin, habe ich mich vegan ernährt. Verzicht ist immer so negativ konnotiert. Dabei schmeckt eine Bolognese köstlich, die nicht komplett aus Hack besteht, sondern zur Hälfte aus Linsen. Ja, unsere Zukunft, auch die der Landwirtschaft, sollte abwechslungsreicher sein.

Markus Epha, Leser

Viele offene Fragen

Meiner Ansicht nach gibt es nicht eine Zukunftsvision, sondern mehrere Entwicklungen, die gleichzeitig und regional spezifisch stattfinden werden. Wünschenswert wäre es, dass wir uns von der profitorientierten Planwirtschaft, der Flurbereinigung und der exzessiven Nutzung von Pestiziden verabschieden. Kleinere Flächen mit vielfältiger Nutzung könnten das stellenweise von Raps und Mais verödete Land für Menschen und Tiere lebenswerter machen. Das Feigenblatt des Urban Gardening wird uns zwar als Freizeitaktivität erfreuen, aber die Zukunft nicht nennenswert gestalten. Wichtig ist es, die Frage des Grundwassers, die Wiederbelebung alter Sorten und das Konsumverhalten der Käufer in den Blick zu nehmen. Die Lösung der vielfältigen Probleme, zum Beispiel der Bodenauslaugung infolge von Überdüngung, ist nur unter Berücksichtigung des Gesamtzusammenhangs möglich. Mein Fazit: Wenn viele Einzelne sich der Erde wieder verbunden fühlen, wird sich ihr Verhalten auch ohne gesetzliche Vorgaben verändern. Noch nie gab es so viel Wissen über alternative Anbaumöglichkeiten wie heute. Ich bin verzweifelt optimistisch.

Schreib' uns deine Antwort!

Welche Überschrift willst Du Deiner Antwort geben?