Antwort schreiben

Zum Voten von Antworten musst du angemeldet sein.

Logge dich ein oder registriere dich.

×

Wie digital muss Bildung sein?

Lernen funktioniert auch in unserer neuen Welt, in der digitale Technologien zum Lebens- und Arbeitsalltag gehören, über die Beziehung zwischen Lehrkräften und Schülern. Doch wie digital sollte diese Beziehung inhaltlich und technisch geprägt sein, ohne dass der Lernerfolg in den Hintergrund tritt? Schreiben Sie uns, wie Lösungen für die Grundschule, die berufliche Weiterbildung und die Bildungsphasen dazwischen aussehen sollten.

Antwort schreiben

Jacob Chammon, Vorstand Forum Bildung Digitalisierung

Mehr rütteln, mehr trauen

Bevor wir uns fragen, wie Bildung digitalisiert wird, müssen wir uns fragen, was digitalisiert werden muss. Es geht nicht darum, dass Schulen vollständig digital und Lehrkräfte abgeschafft werden. Gerade die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig das soziale Umfeld zum Lernen ist. Die Pandemie hat uns dazu gezwungen, die großen Fragen der Bildung zu stellen. Wir sind immer noch in einem Bild von Schule gefestigt, das dem von vor 50 Jahren entspricht. Und genau daran müssen wir nun heftig rütteln. Im Vordergrund sollte der Lebensbezug von Schülerinnen und Schülern stehen. Die Welt besteht schließlich nicht aus Fächern, sondern aus komplexen Herausforderungen. Da hilft es auch nicht, einfach das zu digitalisieren, was gerade gemacht wird. Wer etwas digitalisieren möchte, muss es erstmal anders gestalten. Das Ziel von digitaler Bildung darf auch nicht sein, dass Schülerinnen und Schüler nur noch auf ihre eigenen Bildschirme starren und dabei die „alte Schule“ konsumieren. Stattdessen müssen wir uns fragen: Wie kann Unterricht lebensbezogener und individueller werden? Wir sollten uns viel mehr trauen, Altes aufzubrechen, um neue Experimentierräume zu schaffen. Das funktioniert aber nur, wenn wir eine Fehlerkultur in der Bildung ausbauen, neue Entwicklungen zulassen und alle Akteure – von Schulleitungen, Lehrkräften und Eltern über Zivilgesellschaft und Wissenschaft bis zu Politik und Verwaltung – zusammenarbeiten.

Ronny Röwert, Leser

Digital wie das Leben

Das Bildungssystem wurde in den letzten knapp 1,5 Jahren einer Schocktherapie unterzogen. Zwar haben sich schon zuvor einzelne Lehrende und damit auch Lernende auf den Weg gemacht, neue kreative und zeitgemäße Bildungsformate mit digitalen Möglichkeiten zu erproben. Dennoch zeigt die Corona-Pandemie, dass trotz des Erfahrungswissens in Schulen und Hochschulen die Umstellung von Unterricht und Lehre auf rein digitale Formate ein blinder Fleck ist. Für das sogenannte Emergency Remote Teaching war die deutsche Bildungslandschaft nicht gewappnet. Diskussionen zu digitaler Bildung sind aktuell geprägt durch diesen Krisenkontext. Schnell setzte sich der Irrglaube durch, der Erfolg digitaler Bildung könne auf einer Skala von null Prozent (keine Digitalisierung) bis 100 Prozent (vollständige Digitalisierung) gemessen werden. Eine zeitgemäße Bildung sollte aber nach dem erfolgreichen Beitrag digitaler Medien für die konkreten Bildungsziele in Schule, Ausbildung, Hochschule und darüber hinaus bestimmt werden. Dabei sollte in den Mittelpunkt rücken, inwiefern digitale Medien Lernende auf eine digitale Lebens- und Arbeitswelt vorbereiten, die 4K-Kompetenzen des 21. Jahrhunderts (Kommunikation, Kollaboration, Kreativität, kritisches Denken) gefördert werden und die größte Baustelle des deutschen Bildungssystems – eine chancengerechte Bildung für alle – bearbeitet wird. Die Frage müsste also lauten: „Wie muss digitale Bildung sein?“

Daniel Jung, Edtech-Entrepreneur und Mathe-Youtuber

Relevanz zählt

In einer sich exponentiell ändernden Welt gibt es kein „fertig“ gelernt für einen Job mehr. Es wird um lebenslanges Lernen für ständig neu entstehende Jobs gehen. Hierfür brauchen wir Fähigkeiten im Umgang mit dem Lernen auf digitalen Plattformen und ein grundlegendes Verständnis von Lernen. Im optimalen Fall findet Lernen als emotionaler Prozess statt – natürlich am liebsten mit einem Menschen an der Seite, der begeistert und zum berühmten Aha-Effekt hinleitet. Bildung bietet dabei die Möglichkeit, Themen in einem formelleren Ansatz, etwa in Form von einem Curriculum, bereitzustellen. Diese Themen sollten natürlich zeitgemäß gewählt sein, wie derzeit Robotik, da in der Welt um uns herum auch der Toaster und der Kühlschrank als Roboter miteinander kommunizieren und wir uns in dieser komplexen Welt doch bestmöglich orientieren können sollten. Neben der gesonderten Thematik, ab welchem Alter elektronische Endgeräte, digitaler Lern-Content oder Online-Lernen eingesetzt werden sollten, steht außer Frage, dass uns der Umgang damit in Zukunft vor allem grenzenlose Lernmöglichkeiten bietet. Es geht eher weniger darum, ob Bildung digital wird, sondern welche Themen relevant sein werden und dass das neue Lernökosystem eine Symbiose aus analogen und digitalen Räumen sein wird. Dafür brauchen wir jetzt vor allen Dingen mutige Gestalter und Pioniergeister, die neue Möglichkeiten testen und im gemeinsamen Austausch weiterentwickeln.

Michaela Buhr, Leserin

Näher ans Leben

Bildung sollte zumindest so digital sein, dass sich die Schüler nach dem Verlassen der Schule in der Arbeitswelt zurechtfinden können. Sie sollten Netzwerken lernen und wie man online Wissen teilt. Leider ist das nicht immer so und daher habe ich beschlossen, selbst aktiv zu werden. Seit einer Woche habe ich bei mir im Büro eine Schülerpraktikantin aus der neunten Klasse. Als erstes haben wir gemeinsam eine Sharepoint-Gruppe erstellt, auf der wir alle Unterlagen aus ihrem Schülerpraktikum miteinander teilen. Ich habe ihr gezeigt, wie Microsoft Office 365 aufgebaut ist und welche Möglichkeiten es bietet. Es hat mich beeindruckt, wie wissenshungrig sie ist und wie schnell sie Dinge verinnerlicht. Gezeigt und einmal selbst ausgeführt und es sitzt. Ich würde mir wünschen, dass Softwarehersteller und Hardwareproduzenten sowie deren Kunden sich mehr mit den Schulen austauschen würden, um dort die Digitalisierung dem Puls der Zeit anzupassen.

Matthias Buchwald, Leser

Revolution wagen

Im Mittelpunkt aller Entwicklung muss immer die Schülerin und der Schüler stehen. Wenn alle am Bildungsprozess Beteiligten das Lernenlernen als Schwerpunkt begreifen, wird der mühsame Weg hin zu einer Kultur der Digitalität viel Freude, Erfolg und Sicherheit als Lohn bringen. Pilotprojekte und Machbarkeitsstudien bilden wichtige Bausteine, um gute Methoden zu identifizieren und zu verifizieren. Das System Schule so zu wandeln, dass dort eine Kultur der Digitalität Einzug hält, ist eine ungleich höhere Qualität und wird ohne die erforderliche allumfassende Revolution des Bildungswesens nicht gelingen.

Dirk Rosomm, Leser

Ich glaube, dass Lernen zunächst intensiv an motorische Fähigkeiten gekoppelt ist. Das Wort „be-greifen“ ist hier ein guter Hinweis. Wenn diese Hirnareale dann „gebildet“ wurden, kann man dort digital aufsetzen.

Uta Eichborn, Leserin

Bereit für Zukunft

Möchten wir die Schüler auf eine digitale Welt und die Komplexität von ständiger Transformation vorbereiten, geht das weit über den Einsatz technischer Geräte und die Anwendung von Tools hinaus. Es geht um die Veränderung von Schule im Allgemeinen und von Unterricht im Speziellen, bei der wir die Voraussetzungen schaffen, in neuen, zeitgemäßen Lern- und Prüfungsformaten den Erwerb von Zukunftskompetenzen zu ermöglichen, die die Schüler befähigen, mit den Veränderungen durch die digitale Transformation umgehen zu können und ihre Lebens- und Arbeitswelt zu gestalten.

John Hattie, Bildungsforscher

Gemeinsam stärker

Schüler nutzen digitale Mittel für beinahe alles und Corona hat die meisten Lehrkräfte dazu gezwungen, digital zu werden. Insgesamt aber wirken sich diese Technologieeffekte nur unzureichend auf die Leistungen aus. Um uns der Kraft des Digitalen voll bewusst zu werden, müssen wir die Möglichkeiten von Social Media noch besser nutzen. Über soziale Medien fällt es Schülern leichter, nach Fehlern zu fragen, sich Hilfe zu suchen, über Dinge zu sprechen, die sie noch nicht wissen, und auf andere Schüler und Lehrkräfte zuzugehen oder Ressourcen anzuzapfen, die sie beim Lernen unterstützen. Über Social Media können wir Lerngemeinschaften erschaffen. Arbeitgeber suchen heute nach Absolventen, die in Gemeinschaften arbeiten können. Aber in den meisten Schulklassen lernen die Schüler für sich allein, erhalten ihre eigenen Noten und wetteifern darum, die Besten zu werden. Es ist an der Zeit, ihnen bewusst beizubringen, kollaborativ zu arbeiten, ihnen Fähigkeiten zu vermitteln, etwas für die Gruppe beizutragen, und die Überzeugung, dass die Gruppe bessere Lösungen entwickeln kann als eine einzelne Person. Variablen Lernstrategien gehört die Zukunft. Sie sind wirkungsvoll, wenn sie zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt werden. Kein Schüler sollte eine Lernstrategie wiederholen müssen, mit der er im ersten Versuch nicht erfolgreich war. Bei dieser neuen Art des Lernens sollten Lernerfolge nicht zufällig geschehen, sondern bewusst erzeugt werden.

Frank Warstat, Leser

Das richtige Maß

Nicht das Gerät ist das „Problem“, sondern der Content. Viel Content spricht durch schnelle Video- und Soundeffekte direkt die Sensorik des Menschen an, bei Kindern noch mehr. Dieser Effekt ist sehr mächtig und wirkt wie eine Droge. Kinder sind dagegen wehrlos, manche Erwachsene anscheinend auch. Aus meiner Sicht können vor allem Kinder einige Dinge nur durch echte physische und soziale Erfahrung richtig verinnerlichen. Digitale Geräte bieten das zum einen nicht (in gleichem Maße), zum anderen rauben sie die Zeit für eben solche Erfahrungen. Ein sinnvolles Heranführen an Medien und ihre Nutzung sollte daher durchaus schon vor der Schule beginnen. Die Schule kann dies sicher geschickt fortführen.

Gerlind Große, Leserin

Kultur entscheidet

Digitalität ist weder Ziel noch Qualität noch Lösung für die Probleme des Bildungssystems. Es geht um eine Veränderung der Lehr-Lern-Kultur hin zu sinnhaftem, phänomen- und interessebasiertem Lernen in Settings, die mit der Community verbunden sind, die inklusiv sind im weitesten Sinne und in denen Wohlbefinden, Verantwortung für die Gemeinschaft, die Gesellschaft und die Welt im Fokus stehen – und zwar nicht durch Slogans, sondern durch gelebte Partizipation und selbstbestimmtes Lernen.

Dennis Eichler, Leser

Das Problem ist, dass wir digitale Bildung mit Hardware gleichsetzen. Wir kaufen Tablets für die Schule und denken dann, etwas für die Digitalisierung getan zu haben – mit Hardware, die ohne Anleitung ausgeliefert wird, weil sie praktisch jeder bedienen kann. Es kommt darauf an, was wir damit machen. Wir sollten die Lust auf Programmieren, Entdecken und Gründen fördern, dann wird was draus.

Verena Pausder, Unternehmerin und Gründerin der Initiative „Digitale Bildung für Alle“

Für mehr Mündigkeit

Seien wir mal ehrlich: Digitale Konsumenten werden unsere Kinder sowieso. Das können wir auch nicht verhindern, indem wir weiter auf einen vollständig analogen Unterricht setzen. Wir reden nicht davon, menschliche Lehrkräfte aus dem Klassenzimmer zu verbannen. Ein Tablet kann keinen Lehrer ersetzen. Und rein digitaler Unterricht nicht den Präsenzunterricht. Genau das hat die Pandemie auch gezeigt: Kinder brauchen das soziale Umfeld, etwa um mehr Teamfähigkeit zu entwickeln. Wir wollen sie ja nicht zu Robotern heranziehen, die Kommunikation nur mit ihrem Laptop beherrschen. Andererseits leben wir in einer digitalen Welt. Da sollte es im Interesse aller sein, dass unsere Kinder in ihr nicht nur Anwender, sondern auch Gestalter werden. Dass sie nicht nur digitale Inhalte konsumieren, sondern auch verstehen und hinterfragen. Es geht also auch um die Vermittlung von mehr Realitätsbezug. Wer Schülern analog beibringen möchte, wie man in einem Youtube-Video Meinungen von Fakten unterscheidet, geht an der Lebensrealität der Kinder vorbei. Ist es da nicht besser, ein solches Video an die Klassenzimmerwand zu beamen und anschließend Meinungen und Fakten gemeinsam herauszuarbeiten? Medienkompetenz ist in unserer heutigen Zeit ein wichtiger Schlüssel zur Mündigkeit aller Bürger geworden. Und die Fähigkeit, Fake News von echten Nachrichten zu unterscheiden, eine wichtige Stütze unserer Demokratie.

Lea Schulz, Studienleiterin Digitale Medien und Inklusion, Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein

Digital und inklusiv

Bei der Debatte um digitale Bildung in der Schule werden häufig der Aspekt der Bildungsbenachteiligung sowie die Chancen einer digitalen Bildung für die Umsetzung der Inklusion außer Acht gelassen. Diklusion – ein Neologismus aus „digitale Medien“ und „Inklusion“ – stellt einen innovativen Impuls für die schulische Praxis zur strukturellen Verbindung der digitalen Bildung mit dem Ziel einer Bildung für alle dar. Ausgehend vom weiten Inklusionsbegriff kann jede Schülerin und jeder Schüler von einem guten digital-inklusiven Unterricht profitieren. Hierfür muss Diklusion als nachhaltiger Wert in der Schulkultur verankert werden. Bisher werden diese beiden Aspekte nur selten gemeinsam gedacht. Digitale Medien können bei guter didaktischer Planung und geschultem Personal zur Individualisierung, zur Unterstützung der Lehrkraft für einen adaptiven Unterricht, zur Verbesserung der Kooperation und Kollaboration sowie zur Chancengerechtigkeit etwa durch assistive Medien beitragen. Somit stellt sich vielmehr Frage, wie wir digital und analog so miteinander in Einklang bringen, dass alle Schülerinnen und Schüler in ihrem individuellen Lernprozess unterstützt werden und an Bildung teilhaben können. Digitale Bildung leistet zudem einen wesentlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Partizipation aller und sollte ein selbstverständlicher Bestandteil schulischer Bildung sein, um die soziale Schere in diesem Bereich zu reduzieren.

Thomas-Gabriel Rüdiger, Leiter Institut für Cyberkriminologie, Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg

Medienkompetenz kann man lernen

Manche Eltern vertrauen darauf, dass Kinder im Netz auch ohne Kontrolle schon das Richtige tun. Die Essenz davon ist, dass viele Erwachsene offenbar mit der Mediennutzung von Kindern so überfordert sind, dass sie einfach hoffen, es wird schon nichts passieren – dass Kinder also nicht mit problematischen Inhalten und Nutzern konfrontiert werden und nichts „Verbotenes“ machen. Nach den KIM-Studien haben bereits 33 Prozent der Acht- bis Neunjährigen ein Smartphone – in der zweiten Klasse. Das solche Konstellationen nicht gut gehen können, ist offensichtlich. So steigen in den letzten Jahren die digitalen Risiken für Kinder an, während gleichzeitig bei digitalen Sexualdelikten mittlerweile fast jeder zweite Tatverdächtige selbst minderjährig ist. Die Pandemie wird diese Situation noch weiter verschärft haben. Zurückzuführen ist dies offenbar auch auf mangelnde Vermittlung von Medienkompetenz – nicht nur darin, wie man das Netz nutzt, sondern auch, was man nicht machen darf. Woher sollen Kinder das auch wissen, wenn sie schon so früh ein Smartphone bekommen und nicht darauf vorbereitet werden. Es gibt nur eine Institution, über die alle Kinder erreicht werden könnten: die Schule. Leider gibt es in Deutschland noch immer keine verpflichtende Vermittlung von Medienkompetenz ab der 1. Klasse an jeder Schule. Eine solche Umsetzung erfordert Willen, Zeit und Geduld, die digitale Lebenswirklichkeit lässt es aber unumgänglich erscheinen.

Sarah Hofmann, Leserin

Schauen, was geht

Natürlich ist das eine sehr individuelle Sache. Je nach Alter und Lerntyp muss jeder selbst herausfinden, wie er mit digitalem Lernen umgeht. Nach mehreren Monaten Unterricht via Zoom kann ich sagen, dass digitales Lernen nicht mit traditionellem Lernen zu vergleichen ist. Viele Methoden sind in einer Online-Konferenz unmöglich oder nur schwer umsetzbar. Es können nur schwer Tests geschrieben werden, da die Lehrkraft keine Möglichkeit hat, auf Spicken zu kontrollieren. Andere Teile des Unterrichts, wie Vorträge mit Powerpoint-Präsentationen, sind genau so einfach, wenn nicht sogar einfacher. Außerdem schafft das Online-Lernen viele Möglichkeiten für Weiterbildung und Weiterentwicklung, sowohl aufseiten der Schulen und Lehrer als auch auf der der Schüler. Meiner Meinung nach muss jede Schule einen Weg finden, der für ihre Schüler funktioniert. Lehrkräfte sollten im Unterricht den Schülern die Möglichkeit geben, individuell Fragen zu stellen. Vielen fällt das Lernen von zu Hause aus schwer, sei es, weil sie den direkten Bezug zum Lehrer brauchen oder weil das geeignete Umfeld fehlt. Lehrkräfte sollten deshalb bereit sein, ihren Schülern unter die Arme zu greifen. Online-Unterricht wird höchstwahrscheinlich keine Dauerlösung, zumindest nicht nach aktuellem Stand der Technik an deutschen Schulen. Aber die Pandemie hat uns auf den richtigen Weg zu digitalem Fortschritt gebracht.

Dejan Mihajlović, Referent und Fachberater, Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung Baden-Württemberg

Offene Lernkultur

Digitales ist kein Zusatz, weder methodisch noch strukturell: Digitalität verändert die Welt, die Kultur und damit die Bildung grundsätzlich. Wer Unterricht hingegen nur digital abzubilden versucht, ignoriert diese Transformation – und sieht in Erklärvideos die Zukunft der Bildung. Dabei werden die wesentlichen Fragen verfehlt: Wie verändern sich Gesellschaft und Zusammenleben in einer Kultur der Digitalität? Wie lassen sich die daraus resultierenden Probleme erfassen und lösen? Und wie könnten junge Menschen zu einem erfüllten Leben in dieser vernetzten Welt befähigt werden? Somit darf Lernen nicht auf die Reproduktion von Lösungsmustern reduziert werden, sondern muss als Denken und Handeln verstanden werden, das global und lokal zugleich über das Arbeiten an und Lösen von echten Problemen erfolgt. Die zunehmende Komplexität der Welt erfordert eine kollaborative, multiperspektivische und interdisziplinäre Arbeits- und Lernkultur, die maximal offen und partizipativ gestaltet ist. Das Netz kann genau das leisten. Bildung muss also gerade dort digital sein, wo die Herausforderungen der digitalen Transformation angenommen und bearbeitet werden. Dabei helfen Akteure, die über vertiefte Kenntnisse zum kulturellen Wandel und Bildungsfragen verfügen und nachhaltige Formen der Zusammenarbeit pflegen. Digitalwashing durch pressewirksame Hackathons, Leuchtturmprojekte und Youtube-„Rockstars“ braucht Bildung hingegen nicht.

Bettina Sarnes, Leserin

Schöne neue Welt

Digitale Bildung muss und wird sich mit analoger Bildung verbinden müssen. Ein Beispiel: Ein Kind fotografiert mit dem Handy eine Pflanze und bestimmt sie mit der App. Zu Hause schlägt es das Pflanzenbestimmungsbuch auf und liest weiter. Dann spricht sie mit ihren Eltern: „Die Pflanze ähnelt einer anderen, wie kann ich sie unterscheiden?“ Dann googelt es im Netz und findet eine Antwort. In der Schule wird daraus ein Projekt. Lernen und Bildung der Zukunft ist Dialog zwischen analoger und digitaler Bildung. Wir werden individuell zwischen beiden switchen und erschaffen somit eine neue Lernwelt: die di(g)aloge Welt.

Udo Beckmann, Bundesvorsitzender Verband Bildung und Erziehung (VBE)

Nah am Leben

Durch den Ausstattungsschub in der Corona-Zeit wird es immer realistischer, in der Schule digitale Endgeräte einsetzen zu können. Endlich wird die Vision wahr, selbstverständlich zwischen verschiedenen Methoden zu wechseln – immer darauf fokussiert, wie das jeweilige Lernziel am besten erreicht werden kann. Mal ist das die Debatte in der Gruppenarbeit, mal das stille Lesen im Buch und mal eben die Recherche im Internet oder das Nutzen digitaler Programme. Diesen Fortschritt brauchen wir, um von den Mehrwerten der Digitalisierung auch an Schule profitieren zu können. Was dabei aber nicht aus dem Blick geraten sollte: Entscheidend für den Lernerfolg ist die Beziehung zwischen der Lehrkraft und den Schülerinnen und Schülern. Die Kommunikation auf Augenhöhe, die Wertschätzung für das Lernen und Lehren sowie Empathie und Sympathie sind es, die eine gelingende Zusammenarbeit ausmachen. In Zeiten der Digitalisierung heißt das aber auch, dass die Lehrkraft die Möglichkeit haben muss, die Kinder und Jugendlichen in ihrer Lebenswelt abzuholen. Digitale Spiele, die in aller Munde sind, können auch im Unterricht thematisiert werden. Dafür jedes Mal einen Antrag zu schreiben, damit man die gleiche App herunterladen kann, geht aber zu weit. Um also in digitalen Zeiten mithalten zu können, braucht es flexible Budgets für die Schulen, um genau solche „Späße“ mitzumachen – und nah an der Realität der Schülerinnen und Schüler zu bleiben.

Philippe Wampfler, Leser

Mittel zum Zweck

Bildung muss nicht digital werden, Bildung muss besser werden. Sie muss jungen Menschen helfen, sich zu entwickeln, zu lernen, sich in der Gesellschaft zu orientieren und zu positionieren. Das gelingt ihnen, wenn sie sich intensiv mit Problemen beschäftigen, mit anderen Interessierten austauschen und reiben, eigenen Fragen nachgehen und Grundkompetenzen trainieren können. Wer sich in diesem Sinne bildet, ist auf zwei Dinge angewiesen: eine gute Infrastruktur und Menschen, die einen unterstützen, begleiten, inspirieren. Hier zeigt sich dann, dass gute Bildung selbstverständlich digitale Anteile enthält: Die Infrastruktur umfasst Netzanschluss und Geräte, die Vernetzung und Wissensarbeit erleichtern. Pädagogische Begleitung betrifft auch das Verständnis von Digitalität und deren produktive Nutzung. Schulen müssen nicht digitaler werden, sie werden es automatisch, wenn sie ihre Aufgaben besser wahrnehmen. Sobald sich Kinder und Jugendliche mit Gesellschaft und Wissen auseinandersetzen, nutzen sie digitale Verfahren. Sie eigenen sich digitale Arbeitstechniken an, recherchieren im Netz, vernetzen sich mit Profilen auf digitalen Plattformen. Gute Bildungsprozesse sehen das Potenzial, das in diesen Aktivitäten steckt, ermöglichen sie, senken für alle Schülerinnen und Schüler die Schwellen für die Nutzung.

Ali Mahlodji, Startup-Gründer, Keynote-Speaker und Autor

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

Die durch Covid-19 ausgelöste Krise hat uns aufgezeigt, was in unserer Gesellschaft schon lange schiefläuft. Dort, wo Beziehungen zwischen Lehren und ihren Schülerinnen und Schülern stark waren, hat das auch mit dem Distance Learning besser geklappt. Die Grundbausteine für die Digitalisierung sind nämlich nicht Tablets oder Laptops für jedes Kind – auch wenn das natürlich wichtig ist – sondern die Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden. Jugendliche sind auf Tiktok unterwegs, haben Gruppen auf Whatsapp und verstecken sich vor ihren Bezugspersonen auf Snapchat. Bei der Digitalisierung muss es darum gehen, dem Lehrpersonal die Möglichkeit zu geben, sich mit diesen Lebensrealitäten von Jugendlichen auseinanderzusetzen. Sogenannte bildungsferne Schichten werden nur so erreicht werden können. Denn nur über den Aufbau von Beziehungen können die individuellen Ansprüche und Herausforderungen der Kinder und Jugendlichen Gehör finden. Erst dann kann an digitalen und menschlichen Lösungen für eben jene Herausforderungen gearbeitet werden. Damit das klappen kann, muss unser Lehrpersonal in anderen Bereichen entlastet werden. Denn eins ist klar: Wenn wir nicht wissen, was eine Jugendliche oder ein Jugendlicher braucht, um lernen zu können, dann kann ein Laptop nicht die Lösung darstellen.

Inga Höltmann, Transformations- begleiterin, Wirtschaftsjournalistin und Speakerin

Kreativer Formatmix

Bildung kann fast nicht digital genug sein. Doch sie sollte in zweierlei Perspektiven digital sein: In ihr sollten wir unerschrocken und experimentierfreudig digitale Tools und Technologie einsetzen, um den Umgang mit ihnen zu erlernen und Berührungsängste abzubauen. Zugleich sollte Bildung aber auch digitale Themen und den Umgang mit der digitalen Transformation zum Thema haben. Statt Tools und Technologie um der Technik willen einzusetzen, sollten wir im Blick behalten, worum es eigentlich geht: Der Mensch steht im Mittelpunkt und er lernt am besten, wenn er Lust auf Lernen hat und man ihm verschiedene Methoden und Wege anbietet. Digitale Bildung sollte vor allem vielfältig und abwechslungsreich sein und Menschen in Kontakt und in den Austausch bringen – vor Ort genauso wie virtuell. Für Unternehmen heißt das in ihren Bemühungen zu Aus- und Fortbildung: Sie sollten einen kreativen Formatmix einsetzen, der nicht nur den altbekannten Workshop anbietet, sondern auch die kreative Nutzung digitaler Plattformen ermöglicht. Und sie sollten versuchen, am Ball zu bleiben, welche digitalen Themen aktuell sind. Die Zeiten der einmal im Jahr aktualisierten Fortbildungskataloge sollten passé sein. Solche Angebote sind viel zu träge und spiegeln die Rasanz der Entwicklung nicht annähernd wider. Ich empfehle auch: Binden Sie Ihre Mitarbeitenden in diesen Prozess ein. In vielen Organisationen schwirrt Wissen herum, das gar nicht adäquat genutzt wird.

Sebastian Zwingmann, Leser

Augen auf

Gegenfrage: Ist Bildung nicht schon digital? Es gibt seit Jahren Angebote, Modelle und engagierte Communitys, die sich diesem Thema widmen. Einen großen Teil davon trägt die Open-Sour- ce-Szene bei. Hier gibt der Anspruch der Kollaboration die Notwendigkeit vor, digital zu werden. Wieso gibt es einen Unterschied der Bildungsme- thode in den verschiedenen Systemen? Weil etwa die einen Pläne erstellen und die anderen sich Ziele ausdenken. Wieso meinen wir, Individuen mittels Bildungsplänen von vor 20 Jahren auf das Jetzt vorzubereiten? Ich wünsche mir mehr Open-Source- und Commu- nity-Denken in Schulen.

Jörn Saak, Leser

So digital wie möglich

Die Corona-Krise hat leider gezeigt, wie rückständig das deutsche Bildungssystem ist. Was lernen wir hoffentlich daraus? Gerade in den ländlichen Gegenden muss für flächendeckendes Hochleistungsinternet gesorgt werden. Jedes Kind sollte ein Anrecht auf ein digitales Endgerät haben, das vom Land oder Bund finanziert wird. Aber auch Lehrkräfte müssen unbedingt auf digitale Endgeräte und digitale Unterrichtsformen geschult werden. Nichts ersetzt den Präsenzunterricht. Aber es muss rein technisch sofort die Möglichkeit geben, auf Homeschooling umsteigen zu können. Zu überlegen wäre vielleicht ein Unterricht wie das Homeoffice im Beruf: mit Präsenzunterricht an zwei oder drei Tagen pro Woche, der Rest des Unterrichts findet zu Hause statt. Auch digitale Klausuren und Prüfungen sind kein Fremdwort mehr. Dennoch bin ich persönlich im Regelfall für die Prüfung der Leistung vor Ort. Über verschiedene Funktionen in den Apps kann man aber auch die Mitarbeit im Unterricht digital bewerten. Ein Punkt ist mir aus eigener Erfahrung noch wichtig: In meiner Funktion als Schulsprecher habe ich Kinder gesehen, die unter der Last der Schulranzen nahezu zusammenbrachen. Auch hier ist eine digitale Lösung hilfreich. Dennoch bin ich so konservativ zu sagen: Jeder Schüler soll den Umgang mit Lehrbüchern, Atlanten und Lexika in der „guten alten“ Form lernen – aber vielleicht, ohne jeden Tag sechs Bücher mit zur Schule schleppen zu müssen.

Levin Walter, Leiter Fachgruppe Development, Bundesverband der Personalmanager (BPM)

Der Bedarf wächst

Keine Frage: Corona war und ist eine gigantische Belastungsprobe für uns alle. Doch wir haben in der neuen hybriden Arbeitswelt gelernt, dass das mobile Arbeiten viel produktiver sein kann als das Absitzen der Arbeitszeit im Büro. Und der Schritt in die digitalen Lernwelten, der viele neue Chancen bietet, wurde kleiner. Jede und jeder hat unabhängig vom Alter heute viele neue Möglichkeiten der Aus-, Fort- und Weiterbildung. Digitales Lernen passt inzwischen auch häufig viel besser in einen Arbeitsalltag. Es ist machbar, wann man will. Digitale Lernformen sind auch meist deutlich effizienter. Demgegenüber stellen viele Unternehmen fest, dass der Wissenserhalt deutlich höher ist, wenn mit spielerischen oder erfahrungsbasierten virtuellen Fortbildungsmedien gearbeitet wird. Der Lernerfolg ist oft größer als bei der verschulten Seminar-Vermittlung. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollten sich intensiv mit ihrem eigenen Bedarf an Bildung beschäftigen. Sie sollten die digitalen Bildungsmöglichkeiten kennenlernen wollen. Messen oder Austauschplattformen bieten heute komplett neue Formate. Vielen scheinen diese noch nicht bewusst zu sein. Personalerinnen und Personaler können bei Entwicklungsgesprächen konkret und individuell besprechen, wo die herkömmlichen Lernwelten mit Präsenz und all den Vernetzungsmöglichkeiten zwischen den Beschäftigten weiterhin die bessere Wahl sind und wo digitale Bildung besser geeignet oder gar notwendig ist.

Thomas Weidauer, Leser

Natürlicher Weg

Jegliche Tätigkeit erzeugt eine Stimulation im Gehirn, verbunden mit einer Vernetzung der stimulierten Bereiche. Um es mal ganz plastisch auszudrücken: Jede Bildschirmzeit stimuliert mehr unseren linken präfrontalen Kortex. Das ist der Bereich, in dem sich unser „Ich“ befindet, die lineare Logik und weiteres mehr. Ihn kann man als Gaspedal des Gehirns bezeichnen. Im Alter bis zu drei Jahren muss aber mehr die rechte Gehirnhemisphäre wachsen. Dort liegen Funktionen wie das „Wir“, wie emotionale und Impulskontrolle, nonverbale Kommunikation, abstraktes Denken und Fantasie. Diesen Bereich kann man damit als Bremspedal des Gehirns bezeichnen. Wenn nun vor dem dritten Lebensjahr die Kinder zu stark ihre linke Hemisphäre stimuliert bekommen, reift die rechte Hemisphäre nicht dem Alter entsprechend aus. Resultat sind Kinder mit einem überstarken „Ich“ und zu schwachem „Wir“-Gefühl, die sich nicht bremsen können und nicht besonders gut in nonverbaler Kommunikation sowie in abstraktem Denken sind. Sie entwickeln oftmals Konzentrationsprobleme und eine mangelnde Impulskontrolle. Als Faustregel kann man also sagen: vor der Trotzphase, mit zwei bis drei Jahren, null Bildschirmzeit, bis zu einem Alter von fünf bis sechs Jahren so wenig wie möglich. Und in der Schule denke ich, können Kinder, die vorher gut fühlen, fantasieren und sich bewegen gelernt haben, ab der Sekundarstufe an kindgerechte digitale Themen herangeführt werden.

Ronny Fürst, Vizepräsident Digitale Bildung, Bundesverband der Fernstudienanbieter

Digital lernen, digital prüfen

Lernen, wann und wo wir wollen, liegt im Trend. Digitale Angebote erobern den Weiterbildungsmarkt. Online-Prüfungen komplettieren diese Angebote, denn wer flexible Bildung schätzt, möchte auch Klausuren orts- und zeitunabhängig ablegen. Die Fernstudienbranche ist seit Jahren Vorreiter in Sachen digitale Bildung. Das gilt vor allem für das Thema individualisierte Prüfungen. Online-Proctoring ist zum neuen Schlagwort geworden: Studierende können Prüfungen online unabhängig von Ort und Zeit ablegen, die Prüfungsaufsicht erfolgt virtuell und Betrugsversuchen wird mittels digitaler Tools entgegengewirkt. Bereits vor der Pandemie haben Fernstudienanbieter digitale Klausurkonzepte entwickelt, um speziellen Zielgruppen wie Berufstätigen und Spitzensportlern eine gesellschaftliche Teilhabe an (akademischer) Bildung zu ermöglichen. Evaluationen zeigen: Die Zielgruppe schätzt das Format und nutzt es zu Zeiten, an denen Präsenzangebote nicht durchführbar sind. Aufkeimenden Datenschutzbedenken stehen Rechtsprechungen gegenüber, die bei einer Aufzeichnung der Prüfung aufgrund der Freiwilligkeit weder einen Eingriff in die Privatsphäre noch den Schutz der privaten Wohnung verletzt sehen. Was fehlt, sind bundeseinheitliche Standards für Online-Prüfungen und deren rechtssichere Durchführung, um digitale Bildung nicht zu verhindern, sondern für alle noch erfolgreicher zu gestalten.

Anja Bensinger-Stolze, Leiterin Organisationsbereich Schule, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)

Einsatz mit Sinn

Die Pandemie hat einen wahren Digitalisierungsschub in den Schulen ausgelöst. Allerdings von einem niedrigen Niveau aus. Es fehlen weiterhin digitale Geräte für Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler sowie sichere Schulclouds und flächendeckendes WLAN in den Schulgebäuden. Ein zentrales Problem bleibt zudem die Fortbildung. In einer repräsentativen GEW-Befragung an Schulen kurz vor dem ersten Lockdown im Februar 2020 bemängelten 82 Prozent, dass es keine ausreichenden Fortbildungsangebote für Digitalisierungsthemen gebe. Dabei geht es weniger um technische Schulung denn um pädagogische Konzepte. Nicht nur für den Mix aus Präsenz- und Fernunterricht, auch insgesamt brauchen Schulen ein gutes medienpädagogisches Konzept. Offene und flexible Unterrichtsformen, die das eigenständige Lernen fördern, werden hierbei immer wichtiger. Vor allem im Hinblick auf das neue Schuljahr sollten Schulen zudem besonderen Wert auf Lernfreude, soziales Lernen und das Gemeinschaftsgefühl legen. Dabei sollte das „Primat der Pädagogik“ gelten. Das heißt, dass es nicht nur um immer mehr und immer leistungsfähigere Technik gehen kann. Studien belegen, dass auch gut ausgestattete Schulen nicht unbedingt zu besseren Lernerfolgen führen. Zum Beispiel ist ein negativer Zusammenhang zwischen ausgeprägtem Mediengebrauch und Lesekompetenz festzustellen. Es kommt also nicht nur darauf an, dass wir Technologien einsetzen, sondern auch, wie sinnvoll wir das tun.

Rolf Illenberger, Virtual-Reality- Unternehmer

Nicht immer auf die Politik warten

Tech-Kompetenz will genauso wie Medienkompetenz früh erlernt sein. Ich erinnere mich noch gut an meine eigene Schulzeit, als ich im Rahmen von Projekten wie „Schule und Zeitung“ die „Süddeutsche“ kennenlernen und so den Grundstein für meine tägliche Zeitungsroutine legen konnte. Die Tech-Branche und die Schulen sollten sich solche Projekte zum Vorbild nehmen. Über neue Technologien wie Virtual Reality kann man schließlich noch so viel reden, nichts ersetzt aber das Erlebnis, ein VR-Headset aufzusetzen und selbst durch die virtuelle Realität zu spazieren. Und weil digitale Bildung an der Basis stattfindet, sollte sie dort auch organisiert werden, statt immer auf landespolitische Reformen zu warten. Auch pragmatische Ansätze führen ans Ziel: Im Rahmen unseres Modellprojektes „Virtual Classroom Bayern“ fanden wir zum Beispiel im Bundesverband Deutscher Realschullehrer einen Partner, der direkte Klassenbesuche organisierte, um Virtual Reality vor Ort vorzustellen. Mehrere Realschulklassen an zwei Schulen bekommen so eine Woche lang die Gelegenheit, die Technologie selbst zu testen. Lehrerinnen und Lehrern eröffnen sich unzählige neue Ideen für die didaktische Nutzung von VR-Anwendungen. Und wir als Hersteller erhalten das denkbar unmittelbarste Feedback für unsere Technologie.

Christian Stähler, Leser

Lasst uns Schule als attraktiven Lern- ort gestalten, an dem junge Menschen zu mündigen Weltbürgern werden.

Uta Eichborn, Leserin

Mit Zukunftskompetenzen die Lebens- und Arbeitswelt gestalten

Um das zu beantworten, sollten wir nicht auf die Digitalisierung, sondern vielmehr auf die Digitale Transformation gucken. Die digitale Transformation im Sinne der vierten industriellen Revolution ist zwar ein durch digitale Technologien ausgelöster Veränderungsprozess, die Veränderungen gehen aber mit einem umfassenden kulturellen Wandel der gesamten Lebens- und Arbeitswelt einher. Sie unterscheidet sich von der Digitalisierung durch ein deutlich größeres Ausmaß der Veränderung. Diese Differenzierung ist nicht nur in Unternehmen, sondern auch in der Schule wichtig. Möchten wir die Schüler auf eine digitale Welt und auf die Komplexität von ständiger Transformation vorbereiten, geht das weit über den Einsatz technischer Geräte und die Anwendung von Tools hinaus. Es geht um die Veränderung von Schule im Allgemeinen und von Unterricht im Speziellen, bei der wir Möglichkeiten schaffen, in neuen, zeitgemäßen Lern- und Prüfungsformaten den Erwerb von Zukunftskompetenzen zu ermöglichen, die die Schüler befähigen, mit Veränderungen, die die digitale Transformation mit sich bringt, umgehen zu können und ihre Lebens- und Arbeitswelt zu gestalten. Zukunftskompetenzen, das sind Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken aber natürlich auch Selbstorganisation und Selbstreflexion. Die Nutzung digitaler Endgeräte und der Einsatz von Tools ist dann nicht mehr Selbstzweck, sondern dient lediglich diesem Ziel.

Schreib' uns deine Antwort!

Welche Überschrift willst Du Deiner Antwort geben?

Wie lebt man mit der Diagnose?

Diabetes, Schwerhörigkeit, Bluthochdruck, Krebs – grundverschiedene Krankheiten, die eines gemeinsam haben: Sind sie einmal festgestellt, ändert sich die Sicht auf das eigene Leben. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen, doch eine der entscheidenden Fragen bleibt stets dieselbe: Wie kann ich als Betroffener oder Angehöriger damit umgehen? Verraten Sie uns Ihre Gedanken und Erfahrungen zum Thema.

Antwort schreiben

Dietrich Grönemeyer, Arzt und Initiator eines Gesundheitsfonds

Wille zur Veränderung

Unser Herz ist nicht nur eine Pumpe. Als ein psychosomatisches Organ reagiert es auf seelische Erschütterungen, auf positiven oder negativen Stress. Wenn bei einem Menschen eine Herz-Kreislauf-Erkrankung diagnostiziert wird, braucht es Fürsorge, Hoffnung und Mut. Unabdingbar ist der Wille, den eigenen Lebensstil der Erkrankung anzupassen. Regelmäßiger Sport und gezielte tägliche Bewegung unter sporttherapeutischer Anleitung trainiert Muskeln und Gefäße, das Herz-Kreislauf-System wird leistungsfähiger. Vegetarische oder vegane sowie zuckerarme Speisen mit vielen Vitaminen und Mineralien gehören auf den Teller. Das Mikrobiom des Darmes sollte gut mit Ballaststoffen, natürlichen Präbiotika und Probiotika gepflegt werden. Das alles ist leichter gesagt als getan, und es setzt die Bereitschaft voraus, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Leider erwarten wir zu oft, dass andere uns „gesund machen“. Wenn unser Körper erkrankt, ist auch oft unser seelisches Wohlbefinden betroffen. Ängste und negativen Stress zu reduzieren ist nicht einfach, aber kann mit liebevoller und professioneller Unterstützung gelingen. Innere Ruhe und Balance (wieder)finden – das kann bei jedem anders aussehen. Wenn Sie bei einem Waldspaziergang Kraft tanken, bei Ihrer Lieblingsmusik abschalten oder bei einem guten Film oder Buch in eine andere Welt abtauchen: Gönnen Sie sich diese kleinen Auszeiten öfter. Es hilft und schafft persönliche Glücksmomente.

Samira Mousa, Autorin und Bloggerin

Teil meines Lebens

Ich war gerade 24, als 2013 die Multiple Sklerose in mein Leben einschlug. Der erste Schub war kein schwerer, aber die bohrende Angst, dass ich in wenigen Wochen ein Pflegefall sein würde, ergriff mich von diesem Tag an und ließ mich lange nicht los. Es fehlten mir das Wissen und auch der Mut, mich mit meiner Krankheit und meiner Psyche auseinanderzusetzen. Statt auf die Warnsignale meines Köpers zu hören, malträtierte ich ihn mit beruflichem und privatem Dauerstress. Das Umdenken fand etwa drei Jahre später statt, als ich meinen Blog über MS launchte. Langsam begann ich, mich mir selbst wieder anzunähern. Ich machte eine Psychotherapie, fing an, Sport zu treiben, und entwickelte ein immer feineres Gespür für mich und meinen Körper. Kurz danach machte ich mich selbstständig. So viele Träume, die ich zugunsten vermeintlicher Sicherheit verschoben hatte, wollten noch gelebt werden. Der Plan: Ein Buch schreiben und die Welt bereisen. Mittlerweile bin ich seit vier Jahren unterwegs und schubfrei, es geht mir gut. Ich habe drei Bücher veröffentlicht und lebe mein Leben nach meinen eigenen Regeln. Die MS zeigt mir natürlich, wenn es Zeit ist, eine Pause zu machen. Vorher fiel mir das schwer – nun ist diese Pause eben nicht mehr optional. Das ist okay. Auch wenn es mir nicht jeden Tag gut geht, schaffe ich es, täglich Dankbarkeit für meinen ganz eigenen Weg zu empfinden. Und die MS, die gehört nun mal dazu.

Maite Kelly, Sängerin und Botschafterin Stiftung Deutsche Krebshilfe

Der Umgang zählt

Als ich zwei Jahre alt war, starb meine Mutter mit 36 Jahren an Brustkrebs. Ich habe mich also schon sehr früh mit dieser Krankheit auseinandersetzen müssen. Heute ist es eine bewusste Entscheidung, denn jeder Mensch hat ein gewisses Risiko, an Krebs zu erkranken. Der Kampf gegen Krebs ist leider noch nicht vorbei. Nicht alle Tumorarten sind heilbar. Aber dank der Wissenschaft kommen wir dem Ziel näher. Als ich noch ein Kind war, rief mein Onkel meinen Vater an und sagte, dass er Krebs habe. Das klang wie: „Ich werde bald sterben“. Heute sind die Chancen auf Heilung viel größer. Auch das Bewusstsein, sich vorsorglich auf Krebs untersuchen zu lassen, ist gewachsen. Doch wie lebt man mit einer solchen Diagnose? Und wie gehen Angehörige am besten damit um? Oft ist es ja für Familie und Freunde schwieriger, über die Krankheit zu sprechen, als für den Erkrankten selbst. Besonders, wenn es um das Thema Tod geht. Gerade arbeite ich an einem Buch, das sich mit Vergänglichkeit auseinandersetzt. Auf diesem Wege möchte ich Angehörigen von Krebserkrankten helfen, mit der Trauer besser umzugehen und diese auch zu bewältigen. Ich bin sehr froh, dass ich als Botschafterin ein Thema ansprechen kann, über das nicht gerne geredet wird. Dabei ist Aufklärung durch die richtigen Informationsquellen so wichtig. Gerade beim Thema Krebs ist das ständige Dramatisieren nicht hilfreich, aber das gilt auch für das Tabuisieren.

Jana Maurer, Leserin

Gefährliche Untiefen

Nichts sorgt für mehr Unruhe als Hobbydiagnostiker, die bei jeder Unpässlichkeit das Werk eines vermeintlich kompetenten Populärmediziners wälzen. Das Opfer wird dann mit der schlimmsten Diagnose konfrontiert und gleichzeitig mit der Hoffnung abgespeist, dass es auch etwas ganz anderes sein kann. Das ist aber nichts gegen das Diagnosefegefeuer des Internets, wo auf den buntesten Seiten die schlimmsten Leiden beschrieben werden und dem Zweifelnden schon von vornherein die kleinste Hoffnung genommen wird. Die Diagnose einer Krankheit sollte man tunlichst einem Arzt vor Ort überlassen und nicht auf Ferndiagnosen hören, das spart Nerven und vermeidet Panik. Oft hilft aber auch schon, ein bisschen zu warten und seinem Körper zu vertrauen, dass er Alltags-Wehwehchen allein in den Griff bekommt. Das entlastet auch das Gesundheitssystem und verschafft den Menschen mit einer ernst zu nehmenden Diagnose die Zeit und Aufmerksamkeit, derer sie bedürfen.

Judith Haas, Neurologin und Vorsitzende Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG)

Hoffnung nach dem ersten Schock

15.000 Menschen erhalten in Deutschland im Jahr die Diagnose Multiple Sklerose (MS). Ein Schock, der zahlreiche Fragen aufwirft – und zunächst mit vielen Ängsten verbunden ist. Wer sich dann aber unabhängig über die Erkrankung informiert, stellt schnell fest: MS ist nicht tödlich und führt auch nicht zwangsläufig in den Rollstuhl. Zwar ist MS noch immer nicht heilbar, in der Forschung sind allerdings in den letzten 30 Jahren große Fortschritte erzielt worden. Wichtig ist, dass Betroffene die Diagnose MS annehmen. Denn MS, auch die fortschreitende Form, ist heute eine behandelbare Erkrankung. Mehr als 20 verschiedene Medikamente stehen zur Verfügung. Ein gutes Leben mit MS bedeutet aber nicht nur Freiheit von Krankheitsaktivität. Dazu gehört auch die bestmögliche symptomatische Therapie, eine Anpassung des Lebensstils und die sozialmedizinische Unterstützung zum Erhalt der Lebensqualität. Eine lebensbegleitende Erkrankung erfordert einen kontinuierlichen empathischen Austausch zwischen Arzt und Patient. Gemeinsam können die individuell passenden Entscheidungen zu Therapie und Lebensplanung getroffen werden. Persönliche Beratung und Hilfe in Notlagen finden MS-Betroffene in den Landesverbänden der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft. Für einen geschützten Austausch steht die Online-Plattform MS Connect bereit. Helfen Sie, MS-Betroffenen neue Perspektiven zu eröffnen. Mehr Infos finden Sie unter: dmsg.de

Detlef Detjen, Geschäftsführer Aktion Gesunder Rücken (AGR)

Linderung ist möglich

Rückenschmerzen sind die Volkskrankheit Nummer eins. Kein anderer Bereich des Körpers bereitet uns so viele Probleme wie unser Rücken. Vier von fünf Menschen in Deutschland haben im Laufe ihres Lebens mit Rückenschmerzen zu kämpfen. Bei circa 20 Prozent sind diese sogar akut und der Großteil erlebt dabei einen von wiederkehrenden Beschwerden geprägten Verlauf. Die Ursachen können dabei vielfältig sein. Neben Bewegungsmangel – heutzutage sitzen die Menschen wesentlich mehr als noch vor ein paar Jahrzehnten – bleibt uns im stressigen (Berufs-)Alltag oft kaum Zeit für sportliche Aktivitäten und der innere Schweinehund zieht Relaxen auf der Couch vor. Die gute Nachricht ist: Rückenschmerzen kann man verringern oder besser noch vorbeugen, indem man viele Dinge des alltäglichen Lebens rückenfreundlicher gestaltet. Sei es am Arbeitsplatz, im eigenen Zuhause oder für die Zeit unterwegs: Neben dem eigenen bewussten und achtsamen Verhalten gibt es viele Möglichkeiten, das persönliche Umfeld rückenfreundlich zu gestalten. Doch ist die Produktauswahl groß und die Entscheidungsmöglichkeiten zahlreich. Eine Orientierungshilfe bietet hierbei das Gütesiegel der Aktion Gesunder Rücken (AGR). In Zusammenarbeit mit einem interdisziplinären Expertenrat aus Ärzten und Therapeuten empfiehlt es nur Produkte, die nachweislich rückengerecht sind. So können Sie sich immer sicher sein, dass Sie Ihrem Rücken etwas Gutes tun.

Andreas Dinkel, Leiter Psychosoziale Onkologie, Klinikum rechts der Isar München

Plötzlich Krebs

Die Krebsdiagnose kommt für viele Patienten aus heiterem Himmel. Sie sind zunächst geschockt, fühlen sich hilflos, reagieren ängstlich oder verzweifelt. Oft gelingt es ihnen dann, aus eigener Kraft oder mithilfe von Angehörigen und Freunden nach einer Weile wieder Fuß zu fassen. Im weiteren Verlauf können eine reduzierte Leistungsfähigkeit, Änderungen in der beruflichen Situation, eine notwendige Anpassung von persönlichen Zielen oder Belastungen in der Familie zu einer niedrigeren Stresstoleranz, depressiven Zuständen oder Ängsten führen. Die stärkste emotionale Belastung von Krebspatienten ist die Angst vor dem Fortschreiten oder Wiederauftreten der Erkrankung, was als Progredienzangst bezeichnet wird. Etwa 50 Prozent leiden daran oder einem allgemeinen Belastungserleben, dem Distress. Ihnen stehen vielfältige psychosoziale Versorgungsangebote zur Verfügung. In zertifizierten Krebszentren ist eine psychoonkologische Versorgung verpflichtend. Krebsberatungsstellen halten verschiedene Angebote für Patienten und Angehörige vor. Für manche Patienten stellen Selbsthilfegruppen eine wichtige Unterstützung dar. Leiden Patienten an einer psychischen Störung, können sie eine ambulante Psychotherapie in Anspruch nehmen. Seit der Corona-Pandemie sind einige Versorgungsangebote in reduziertem Umfang verfügbar. Patienten und Behandlern haben aber auch mit Telefon- und Onlinetherapie gute Erfahrungen gemacht – was viele positiv überrascht hat.

Martin Kriegelstein, Leser

Wenn ich mich so umschaue, hat jeder in meinem Umfeld irgendeine Diagnose. Die Frage ist, wie man sein Leben trotzdem weiterlebt.

Thomas Bucher, Leser

Auf Nummer sicher

Ich habe meine erste ernsthafte Diagnose vor über zehn Jahren bekommen: Herzrhythmusstörungen. Das wurde aber vom Hausarzt als Lappalie abgetan und nicht ernst genommen. Als ich dann ein Jahr später beim Treppensteigen keine Luft mehr bekam, habe ich eingesehen, dass ich der Sache auf den Grund gehen muss. Über mehrere Fachärzte ging die Diagnosereise, bis ich im Herzzentrum kompetent behandelt wurde. Leider hat die lange Untätigkeit schon dafür gesorgt, dass das Herz dauerhaft geschädigt war und eine Prognose, wie weit sich die Herzleistung wieder regenerieren kann, hat niemand gewagt. Nach drei Eingriffen, bei denen Nervenbahnen, die für den falschen Rhythmus verantwortlich waren, isoliert wurden, habe ich jetzt seit einigen Jahren Ruhe. Rückblickend kann ich sagen, dass nicht die Eingriffe das Schlimmste waren, sondern die anfängliche Unsicherheit, wie das Leben mit der Diagnose weitergeht. Es macht einem auch bewusst, dass jede Kreatur sterblich ist und man nicht jeder Diagnose blind vertrauen sollte.

Karin Unkrig, Leserin

Frage des Geldes

Bei Schwerhörigkeit akzentuiert sich, was auch bei anderen Diagnosen hineinspielt und den weiteren Krankheitsverlauf wie auch die Behandlungen entscheidend beeinflusst: die finanziellen Mittel. Wer sich einen guten Akustiker suchen und ein unsichtbares Hörgerät leisten kann – das kostet so viel wie ein Kleinwagen – dessen Gehör wird optimal eingestellt und die Person weniger stigmatisiert. Er oder sie kann weiterhin Kopfhörer aufsetzen, mit der Bürste durchs Haar fahren oder eine Mütze abnehmen, ohne dass einem das kassenfinanzierte Gerät um die Ohren fliegt. Die anderen hören immer schlechter, bei eingeschränkter Hirnaktivität und sinkender Lebensqualität.

Philip O. Jones, Healthcare-Entrepreneur

Authentisches Wissen

Für viele Patienten ist das Internet häufig die erste Anlaufstelle nach einer Diagnose, was oftmals dazu führt, dass Betroffene durch unvollständige oder falsche Informationen verunsichert werden. In den sozialen Medien hingegen liefern Patienten-Influencer spitze Informationen und bieten eine Anlaufstelle, hinter der eine große, vertrauenswürdige Community steht, die sich auch häufig selber reguliert. Durch den langen Leidensweg haben vor allem chronisch Erkrankte einen großen Erfahrungsschatz im Umgang mit ihrer Erkrankung und liefern therapierelevante Informationen. Durch das Teilen von Erfahrungen auf Instagram und Co. erhalten andere eine wichtige Stütze für den täglichen Umgang mit ihrer Erkrankung. Auch kann dadurch die Suche nach relevanten Experten beschleunigt werden, die für den erfolgreichen Therapieverlauf wichtig sind. Der regelmäßige und direkte Austausch der Community hilft den Betroffenen durch schwierige Zeiten. Die Identifikation mit dieser Art von Influencern, die sich nicht selten am gleichen Punkt der Patient Journey befinden, ist also sehr hoch. Außerdem kommt die emotionale Komponente im Gegensatz zum medizinischen Alltag auf Social Media nicht zu kurz. Die authentischen, sehr persönlichen, meist ungefilterten Inhalte liefern einen großen Mehrwert für Betroffene und das familiäre Umfeld. Der Content macht ihnen Mut, da flankierend zur ärztlichen Behandlung Erfahrungen aus dem Alltag geteilt werden.

Sandro Michels, Leser

Jetzt oder nie

Je länger wir leben, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir irgendwann eine Diagnose bekommen, die unserer bisheriges Leben auf den Kopf stellen wird. Eine Angst, die uns täglich begleitet, doch erst wirklich real wird, wenn es so weit ist. Warum leiten wir nicht jetzt schon die Schritte ein, die uns später vor dem Schlimmsten bewahren? Ob es nun Sturheit oder Desinteresse ist, sei dahin gestellt. Sofern Sie die Diagnose, vor der Sie sich so lange gefürchtet haben, noch nicht bekommen haben, ist es vielleicht genau jetzt der richtige Moment, um einiges zu verändern.

Thomas Bieber, Direktor Klinik und Poliklinik für Dermato- logie und Allergologie, Universitätsklinikum Bonn (UKB)

Mehr Lebensqualität ist das Ziel

Aufgrund ihrer Sichtbarkeit für die Mitmenschen, werden Hauterkrankungen stets von vielen betroffenen Patienten als Stigmatisierung wahrgenommen. Dies gilt insbesondere für chronisch-entzündliche Krankheiten wie die atopische Dermatitis (Neurodermitis) oder die Psoriasis (Schuppenflechte). Sehr oft leiden nicht nur die Patienten, sondern auch die Angehörigen unter diesen Krankheiten. Dies gilt insbesondere für Familien mit Kindern, die an Neurodermitis erkrankt sind und bei denen schlaflose Nächte sowie mangelnde Konzentration in der Schule zum Alltag gehören. Darüber hinaus werden chronische Hauterkrankungen oft von anderen Erkrankungen begleitet. Diese sogenannten Komorbiditäten, wie allergisches Asthma bei der Neurodermitis oder Gelenkbeteiligung bei der Schuppenflechte, haben ebenfalls einen signifikanten Einfluss auf den Alltag der Patienten und gegebenenfalls der Personen in ihrem direkten Umfeld. Neben den reinen Symptomen und dem objektivierbaren Schweregrad einer Erkrankung wird die Auswirkung einer chronischen Krankheit auf die Lebensqualität zunehmend in den Fokus der modernen Arzneimittelentwicklung gestellt. Dies gilt sowohl für die formale Zulassung als auch für die Frage der Erstattung der Kosten neuer Medikamente im Gesundheitssystem.

Jennifer Nickel, Leserin

Nie wie Tabuthema

Krebs ist eine Diagnose, die das Leben verändert. Doch wie spricht man mit Freunden und Familie darüber und wie möchte man überhaupt behandelt werden? Viele Menschen reagieren bei dem Thema getreu dem Motto: Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Kommt es dann aber zu offenen und ehrlichen Gesprächen, dann reden alle nur von den Nebenwirkungen der Chemotherapie und wie sie die Lebensumstände beeinflussen können. Hier zeigt sich oft das gefährliche Halbwissen, was durch fehlende Aufklärung und mangelhafte Berichterstattung in Funk und Fernsehen entsteht. Mir fielen die Haare aus und ich sah mich zum ersten Mal mit Glatze, war ständig müde, nichts schmeckte und selbst 50 Meter Gehen fühlte sich wie ein Marathon an. Das Äußerliche ist für deine Mitmenschen sichtbar, aber niemand erkennt den innerlichen Schmerz und die nagenden Schuldgefühle, die dich auch weit nach Therapieende noch verfolgen. Hätte ich mal auf mein Bauchgefühl und „Dr. Google“ gehört und wäre früher zum Arzt gegangen. Hätte ich nur nicht die Augen vor den eindeutigen Symptomen verschlossen, denn tief in meinem Inneren wusste ich, dass ich krank bin. Nur das Wörtchen Krebs wollte mir nicht über die Lippen gleiten. Und was nehme ich aus dieser Erfahrung mit? Einen offeneren Umgang mit Krankheiten und eine Enttabuisierung des Themas Krebs.

Davide, an Demenz erkrankt

Leben mit Demenz

Davide ist Berliner und lebt seit einigen Jahren mit der Diagnose Frühe Demenz: „Ich habe Menschen nicht mehr erkannt, die gute Bekannte, ja Freunde waren. Da steht jemand vor einem, der freudig strahlt, mich zu treffen und … ich schaute in ein mir völlig fremdes Gesicht.“ Dann: „Mitten in einem gesprochenen Satz sucht man … das Wort, das man gerade sagen wollte. Gerade hatte man es noch gedacht, schwups ist es weg und kommt nicht so schnell wieder.“ Auch die Orientierung wird schwieriger: „In meinem Kopf drehte sich alles. Namen, Straßenverläufe, Richtungen. Die Panik saß mir im Nacken, krallte sich fest. Nach einer Stunde des Umherirrens, fuhr ich zurück nach Hause, während mir unentwegt die Tränen übers Gesicht liefen. Heute weiß ich, dass solche Situationen immer wieder passieren können (und daher) verlasse ich nur gut vorbereitet das Haus.“ Es braucht Strategien, um der Demenz „mit Selbstbewusstsein, Stolz und gern auch Eigensinn“ zu begegnen. Davide weiß inzwischen: „Wir können gegen die Demenz ankämpfen und werden verlieren und kostbare Lebenszeit vertrödeln. Wir können uns aber auch mit der Demenz anfreunden, sie zu unserer Begleiterin machen und noch viele gute Tage, Monate, Jahre erleben.“ Menschen mit Demenz wünschen sich eins: „Dass ich so sein kann, wie ich bin (...). Dass man mir mit Achtung und Würde begegnet, dass meine Angehörigen für mich da sind, aber auch gut für sich schauen.“ Die Zitate stammen aus Davides Buch „Miss Demenzia und ihr demenzielles Herrchen – Ein Früh-Demenz-Betroffener berichtet.“ Eigenverlag, Berlin 2021.

Annemarie Reinhard, Leserin

Ritardando...

Vor fünf Jahren, mit 27, bekam ich die Diagnose Herzinsuffizienz. Die Ursache: ARVC (arrhythmogene rechtsventrikuläre Kardiomyopathie), eine seltene Krankheit, bei der sich Herzmuskelzellen nach und nach zu Fett- und Bindegewebe umbauen. Folge sind Rhythmusstörungen und manchmal, wie in meinem Fall, auch eine nachlassende Herzleistung. Sollte es zu lebensbedrohlichen Arrythmien kommen, gibt mir ein unter dem Brustbein eingesetzter Defibrillator Sicherheit. Ich funktioniere nicht mehr wie früher. Das ist von außen nicht unbedingt sichtbar. Meinen Beruf als Apothekerin sowie einige Hobbys musste ich aufgeben. Das Leben ist langsamer und weniger planbar geworden. Es hat allerdings auch neue Qualitäten gewonnen: mehr Zeit für Musik, Zeit, den Alltag ganz bewusst zu erleben. Zeit für einzelne Menschen und ehrenamtliche Tätigkeiten, z.B. für die ARVC-Selbsthilfe, die sich für von der Krankheit Betroffene einsetzt. Die Herausforderung liegt für mich darin, Prioritäten zu setzen und immer wieder Ansprüche zu senken, ohne dabei zu resignieren. Projekte zu verfolgen, ohne 200% zu geben - und trotzdem Freude zu empfinden. Sozial eingebunden zu bleiben, auch wenn Freunde oft ganz andere Lebensthemen haben. Zu akzeptieren, dass alles nur im eigenen Tempo geht. Die Endlichkeit im Blick zu haben, aber trotzdem in die Zukunft zu sehen. Und: dankbar zu sein für jeden Tag.

Schreib' uns deine Antwort!

Welche Überschrift willst Du Deiner Antwort geben?

Wie schützt man sich vor Datenklau?

Früher konnte man einen Diebstahl daran erkennen, dass etwas weg war. Im heutigen Datenzeitalter reicht schon eine Kopie sensibler Daten, um einen folgenschweren Missbrauch zu ermöglichen. Doch wie kann man sich dagegen schützen? Wir suchen nach Lösungen gegen die kriminelle Energie von Betrügern und die Datensammelwut von Unternehmen und Staat. Haben Sie Ideen? Dann teilen Sie diese mit uns.

Antwort schreiben

Paula Januszkiewicz, Cybersecurity- Unternehmerin

Fünf Schritte zu mehr Sicherheit

Als Unternehmen, das sich vor Datenklau schützen möchte, sollten Sie sich zunächst darüber im Klaren sein, dass wir uns aufgrund des immensen Tempos der Digitalisierung in einem globalen Wettlauf befinden. Diese Entwicklung erzeugt neue Herausforderungen für die Sicherheit unserer Daten. Welche Schritte können Sie also tun, um die Wahrscheinlichkeit eines Datenlecks zu minimieren? Zuallererst sollten Sie sicherstellen, dass all Ihre Systeme auf dem neuesten Stand und adäquat abgesichert sind – also sowohl mit Software zur intelligenten Erkennung von Bedrohungen, vielleicht bereits basierend auf maschinellem Lernen, als auch mit Software zur Vorbeugung vor Schadprogrammen. Geht es um die Prävention von Datenklau bei Ihren Mitarbeitern, dann sind Zugriffsbeschränkungen der zweite Schritt. Hier geht es einfach darum, eine Verwaltung der Zugriffsrechte vernünftig zu implementieren. Schritt drei ist die Nutzung der Zwei-Faktor-Identifizierung – inzwischen ein Muss, um den derzeitigen Gefahren, die von einfachen Passwörtern ausgehen, zu begegnen. Der vierte Schritt ist die Überarbeitung der Informationssicherheitsrichtlinien für Mitarbeiter. Sie sollten nicht nur Schulungsmaßnahmen enthalten, sondern auch gute Praktiken, die die IT-Sicherheit fördern, verankern. Schritt Nummer fünf schließlich ist zu vermeiden, dass sich Software, die Sie nicht kennen, nicht benötigen oder gar nicht verwenden, auf ihren Systemen befindet.

Manuel Atug, Gründer und Sprecher AG KRITIS

Datenklau ist Datengau

Daten, die nicht vorhanden sind, können nicht gestohlen, oder besser gesagt, kopiert und abgegriffen werden. Sind sie nicht ohne Weiteres aus dem Internet erreichbar, wird es für Angreifer ebenfalls schwer, diese abzugreifen. Datenreichtum ist das neue Los, welches für Digital Natives scheinbar zum Alltag werden muss. Tatsächlich aber darf man immer noch datensouverän und selbstbestimmt entscheiden, welche Daten man über sich preisgeben möchte und an wen. Insofern lohnt es sich immer, einmal kurz innezuhalten, bevor Daten eingegeben oder freigegeben und verteilt werden. Ein Indikator für eine Früherkennung ist etwa, dass die Daten offenbar das Ziel und die Bezahlung waren, wenn der Social-Media-Account, die App oder auch der Cloudspeicherdienst nichts kosten soll. Generell hilft es natürlich auch, die Daten auf möglichst wenig Systemen abzulegen und diese nicht permanent mit dem Internet zu verbinden oder einen Weg hinein zu konfigurieren. Es ist eben immer die Abwägung Datensicherheit versus Benutzerkomfort, welche wie ein Pendel eben nur eher in die eine oder die andere Richtung ausschlagen kann. Wenn es zu gemütlich ist, sollte die Effektivität der Datensicherheit zumindest hinterfragt werden. Wenn dann festgestellt wird, dass alles gut ausschaut, ist das Restrisiko offenbar auf ein akzeptables Maß gesunken. Denn 100-prozentige Sicherheit gibt es auch in 2021 noch nicht.

Keren Elazari, Gründerin der israelischen Hacker-Community BSidesTLV

Wehrhafte Nutzer

Die erste Lektion in digitaler Selbstverteidigung ist zu verstehen, dass Cybersicherheit in der persönlichen Verantwortung jedes Einzelnen liegt. Viele Unternehmen haben einen Sicherheitsbeauftragten, der die digitalen Ressourcen vor unerlaubtem Zugriff sichert. Zu Hause muss man sein eigener Sicherheitsbeauftragter sein, seine digitalen Aktivitäten selbst managen. Fünf Prinzipien helfen dabei, ein aktiver Verteidiger des eigenen digitalen Reiches zu werden: 1) Sichern Sie Ihre Endgeräte ab und verwenden Sie Accounts mit einmaligen Passwörtern oder Kennwörtern mit Zwei-Stufen-Authentifizierung. 2) Halten Sie Betriebssysteme von Computern, Smartphones, digitalen Gadgets und Routern auf dem neuesten Stand. 3) Sichern Sie wichtige Daten, entweder auf der Cloud eines vertrauenswürdigen Providers oder auf einer externen Festplatte. 4) Seien Sie wachsam bei einkommenden Nachrichten, E-Mails, Links und Anfragen. Angreifer versuchen sich gern als jemand anders, als sie sind, auszugeben. Riecht es für Sie nach Betrug, ist es womöglich auch Betrug. 5) Überprüfen Sie planmäßig den Stand Ihrer Online-Sicherheit. Löschen Sie Accounts, die Sie nicht mehr nutzen, entfernen Sie Ordner, die Sie geteilt haben, und kontrollieren Sie alle Account-Zugänge. In meinen 20 Jahren im Bereich Cybersicherheit habe ich gelernt, dass wir alle unseren Teil beitragen müssen, um sicher zu sein. Vielleicht wird ja die digitale Selbstverteidigung Ihr neues Hobby.

Julia Schuetze, Projektleiterin Internationale Cyber-Sicherheitspolitik, Stiftung Neue Verantwortung

Überblick behalten

Das Internet ist voll von technisch-organisatorischen Informationen darüber, wie man am besten seine Daten schützt. Dennoch fällt es oft schwer, einzuschätzen, welche die richtigen für die eigene Situation sind. Am besten startet man mit einem Blick auf den individuellen Datenschatz und setzt sich zuallererst mit folgenden Fragen auseinander: Was für Daten gibt es von mir und welche Informationen geben sie über mich preis? Chat-Nachrichten können wertvoll sein, weil sie viel über die eigene Persönlichkeit und Beziehungen offenbaren sowie private Bilder und Videos beinhalten. Wichtig ist dann, herauszufinden, wo sich die sensiblen Daten befinden: lokal auf dem Handy, auf dem Computer, in der Cloud oder in den sozialen Medien. Durch die Ortsbestimmung wird eingegrenzt, wo Schutzmaßnahmen vorgenommen werden können. Dann sollte man den persönlichen Schaden bewerten, falls diese Daten unrechtmäßig kopiert oder veröffentlicht werden. Mit diesen Erkenntnissen kann man die für einen persönlich wichtigsten Daten priorisieren und sich auf deren Schutz konzentrieren. Ist einem wichtig, dass alte Nachrichten, die man früher Liebespartnern über soziale Medien schickte, nicht veröffentlicht werden, dann sollte man dort Schutzmaßnahmen erwägen – beispielsweise die Nutzung von Zwei-Faktor-Authentifizierung und das Herunterladen, die lokalen Speicherung und anschließende Beantragung der Löschung der Daten auf der Plattform.

Jochim Selzer, Netzaktivist und Mitglied Chaos Computer Club

Einfache Prinzipien für mehr Datenschutz

An Ihren Passwörtern hängt Ihre digitale Identität. Wählen Sie deshalb für jedes Online-Konto ein eigenes, schwer zu ratendes Passwort. Je länger, desto besser. Um die Übersicht zu behalten, gibt es Passwortmanager. Wenn ein Webdienst eine Zwei-Faktor-Authentifizierung, zum Beispiel über SMS oder eine App, anbietet, ist Ihr Zugang deutlich besser gesichert als nur über ein Passwort. Auf Seiten wie Have I been pwned? oder dem HPI Identity Leak Checker können Sie nachsehen, ob eines Ihrer Konten von einem Sicherheitsleck betroffen ist. Informieren Sie sich über ein Programm, bevor Sie es installieren. Je penetranter Ihnen jemand eine App aufdrängt, desto misstrauischer sollten Sie sein. Öffnen Sie Mailanhänge nur, wenn Sie sich deren Harmlosigkeit sicher sind. Gleiches gilt für Links in Mails. Ihre Hausbank wird Ihr Konto nicht auf einmal auf Google Drive verwalten. Verschlüsseln Sie Ihre Festplatte und Ihr Smartphone, damit im Fall eines Verlusts die gespeicherten Daten nicht unbefugt gelesen werden können. Halten Sie Ihren Rechner und Ihr Smartphone softwareseitig auf dem aktuellen Stand. Der wichtigste Tipp lautet: Nicht vorhandene Daten können nicht verloren gehen. Überlegen Sie sich, ob Sie einem Webdienst wirklich alle angeforderten Informationen geben wollen. Insbesondere Gratis-Dienste müssen sich irgendwie finanzieren, und oft genug sind das Ihre Daten.

Bettina Uhlich, Vorsitzende des Präsidiums, VOICE – Bundesverband der IT-Anwender

Anbieter in der Pflicht

Für Unternehmen und Privatleute gibt es keinen 100-prozentigen Schutz vor Datendiebstahl oder Datenmissbrauch. Beiden Nutzergruppen hilft Awareness und für Unternehmen mindestens das Einhalten der IT-Grundschutz-Regeln des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik. Sonst gilt für alle die Faustregel: Je sensibler die Daten, desto stärker müssen sie abgesichert sein. Doch der Schutz vor Datenklau liegt auch in der Verantwortung des Staates sowie der Soft- und Hardware-Anbieter. In der Ära der Digitalisierung, in der kritische Infrastrukturen wie Energieversorgung oder Gesundheitswesen durch Datenklau erpressbar werden, müssen gerade Softwareanbieter qualitativ bessere Produkte anbieten, die das Eindringen in Unternehmens- und Behördennetze verhindern können. Zudem darf es nicht sein, dass Sicherheitslücken zum Teil Monate lang nicht geschlossen werden. Die Einführung einer Produkthaftung für Software, auch im B2B-Bereich, würde hier enorm weiterhelfen. Dann müssten Anbieter für direkte und indirekte Schäden durch Produktmängel haften. Qualitätsmängel bei IT-Security-Produkten würden als besonders schwerwiegend bewertet. Das würde deren Qualität automatisch verbessern, was Hackern das Leben schwerer macht. Außerdem plädieren wir dafür, Produktsicherheit zur Pflicht für Anbieter zu machen. Wenn Software- und Internetanbieter ihre Produkte nicht mit aktuellen Techniken schützen, müssen sie vom Gesetzgeber bestraft werden.

Peter Vahrenhorst, Kriminalhauptkommissar Prävention Cybercrime, Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen

Kritisch bleiben

Zunächst einmal muss man sich darüber im Klaren sein, dass unsere IT-Welt ohne Daten überhaupt nicht funktioniert. Datenspuren sind allgegenwärtig. Digitale Teilhabe funktioniert also nur, wenn man auch Daten preisgibt. Folglich muss man sich fragen, was vertrauenswürdig ist und einen Nutzen hat. Oft ist Datensparsamkeit der bessere Weg, schließlich muss nicht jeder bei jedem Gewinnspiel mitmachen. Generell hilft es schon, einfach kritisch zu bleiben: Warum braucht diese App Zugriff auf meine Kontakte? Und brauche ich diese App wirklich? Man muss sich immer fragen, wie viel Mehrwert und wie viel Risiko in der Preisgabe liegt. Ein weiterer Aspekt ist das Umfeld, in dem ich mich bewege: In einem freien WLAN sollte man zum Beispiel besonders vorsichtig sein. Auch ist es oft besser, Dinge bloß zu lesen, sie aber nicht herunterzuladen, schließlich trage ich sonst auch nicht ordnerweise Daten mit mir herum. Wird man doch Opfer einer Straftat, wäre es wünschenswert, wenn diese auch vermehrt zur Anzeige kämen. Abschließend hätte ich noch einen Tipp, der womöglich etwas antiquiert wirkt, weil er früher als „Ego-Surfen“ verschrien war: Geben Sie einfach mal den eigenen Namen in eine Suchmaschine ein und schauen Sie, ob da Dinge dabei sind, die Sie gar nicht veranlasst haben. Auch beim Identity Leak Checker des Hasso-Plattner-Instituts kann man mal die eigene E-Mail eingeben, um zu sehen, ob eigene Daten von größeren Leaks betroffen sind.

Elke Meincke, Leserin

Letzter Ausweg

Meinem Mann ist das gerade passiert, aber er konnte es doch noch stoppen. Die Stimme am Telefon und die gestellten Fragen waren klar ein Versuch, die Daten seiner Kreditkarte zu klauen. Es gibt dann nur eine Lösung: sofort zur Bank gehen und das Konto sperren. Er bekam dann eine neue Kreditkarte. Er hatte Glück und ist sofort zur Bank gegangen, bevor die Datendiebe die Karte benutzen konnten. Bemerkt man so einen Betrug zu spät, gibt es keine bessere Lösung.

Dominik Trövers, Leser

Der Tag, an dem ich von „Cybercrime as a Service“ gelesen habe, hat mich anfangen lassen, anders zu denken.

Martin Kuppinger, Principal Analyst, Cybercrime

Ransomware:

Ransomware-Angriffe gibt es schon seit Jahren. Sie haben aber eine neue Qualität sowohl in Anzahl als auch Auswirkungen erreicht. Kriminelle Organisationen verdienen damit mittlerweile Milliarden. Jedes Unternehmen und selbst jeder private Nutzer kann Opfer eines Ransomware-Angriffs werden. Damit stellt sich die Frage, wie man sich schützen kann. Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit in der IT. Drei Maßnahmen können aber helfen. Die wichtigste ist MFA, die Mehrfaktorauthentifizierung. Es ist für Angreifer relativ einfach, mit Phishing Zugriff auf ein Kennwort zu erlangen. Wenn aber die Geräte-ID auch zu einem Faktor wird, ist die Hürde viel höher. Und wenn dann noch Anomalien in der Nutzung erkannt werden, ist schon viel erreicht. Der zweite Schritt ist eine konsequente Sicherung von Daten – in der Cloud, für die besonders sensitiven Daten auch regelmäßig offline. Dazu gehört dann auch ein Plan für die schnelle Wiederherstellung von Systemen und Daten. Wer schnell wiederherstellen kann, muss kein Lösegeld zahlen. Zudem bieten, zumindest aktuell, Cloud-Dienste wie Microsoft 365 und die Google Cloud eine höhere Sicherheit, da die dort liegenden Daten nicht, wie auf einem lokalen System, ohne Weiteres vollständig verschlüsselt werden können. Das mag sich ändern, aber derzeit ist es der bessere Weg. Ransomware wird eine Bedrohung bleiben. Aber schon Standardmaßnahmen bieten einigen Schutz.

Diana Scholl, Leiterin Mittelstandsallianz, politische Netzwerke und Strategie, Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW)

Essenziell für Erfolg

Datensicherheit genießt im Mittelstand (noch) einen unterschiedlichen Stellenwert. Manche Unternehmer gehen eher mit einem USB-Stick auf Reisen, um Firmendokumente zu übermitteln, bevor sie diese versenden. Andere Betriebe sind sich der Sensibilität ihrer Daten nicht bewusst. Da werden Besuchern, ohne zu zögern, Geräte mit vollem Systemanschluss zur Verfügung gestellt. In den vergangenen Jahren haben sich mehr und mehr Klein- und Mittelbetriebe des Themas Datenschutz angenommen. Dennoch bleibt viel zu tun: Laut einer Umfrage des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik investieren Mittelständler im Schnitt ein bis zehn Prozent ihres IT-Budgets in Cybersicherheit – notwendig wären jedoch 20 Prozent. Mit der Datenschutz-Grundverordnung nahm die Sensibilität für Daten zu, weil Sanktionen drohten. Mittelständische Betriebe haben das Thema somit in erster Linie als Belastung wahrgenommen. Erst allmählich reift die Einsicht, dass der Schutz ihrer Daten essenziell für den Geschäftserfolg und die Entwicklung des Unternehmens sein kann. Datenschutz ist zudem mehr als ein sicheres Passwort. Gerade im digitalen Bereich gibt es viele potenzielle Lecks im Unternehmen, von Datenträgern bis hin zu eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Hundertprozentigen Schutz wird es nie geben. Durch regelmäßige Schulungen und Updates lässt sich aber ein Optimum an Datensicherheit erreichen. Das haben die meisten Mittelständler verstanden.

Schreib' uns deine Antwort!

Welche Überschrift willst Du Deiner Antwort geben?