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Was verbindet Stadt und Land?

Hier kommt der Bus zu selten, dort verpestet er die Luft, hier sind alle offline, dort jeder mobil, hier Leerstand, dort Wohnungsnot: Ländliche und urbane Räume erscheinen oft gegensätzlich. Dabei sind beide von den Herausforderungen der Gegenwart betroffen. Wir wollen deshalb nicht das Trennende, sondern die Gemeinsamkeiten betonen. Stellen Sie uns ihre Ideen für die Verzahnung von Stadt und Land vor.

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Patrick Burghardt, Digitalstaatssekretär und Chief Information Officer, Land Hessen

Überall verbunden

Die Digitalisierung bietet nicht nur das Potenzial, Stadt und Land zu verbinden, sondern zu erreichen, dass Stadt und Land erst gar nichts trennt. Im digitalen Raum sind Begegnungen und Zusammenarbeit nämlich unabhängig davon möglich, wo Menschen leben oder arbeiten. Dafür muss dieser digitale Raum entsprechend gestaltet und genutzt werden und die technische Infrastruktur sowie digitale Kompetenzen vorhanden sein. Dafür setzen wir uns in Hessen mit der Umsetzung unserer Digitalstrategie „Digitales Hessen – Wo Zukunft zuhause ist“ ein. Als Chief Information Officer (CIO) des Landes Hessen ist mir dabei die Digitalisierung der Verwaltung ein besonderes Anliegen. Mit neuen Konzepten und integrierten Arbeitsplätzen wird Verwaltungsarbeit von jedem Ort aus gestaltbar. Behörden werden für Unternehmen wie auch für Bürgerinnen und Bürger attraktiver, die immer mehr Behördengänge einfach online vom Sofa aus erledigen können. Auch digitales Arbeiten innerhalb der Verwaltung verbindet Stadt und Land, indem Behörden oder ihre Zweigstellen verstärkt im ländlichen Raum angesiedelt werden. Die Arbeitsplätze kommen also näher zu den Menschen, was Bürobedarf und Verkehrsaufkommen in Ballungsräumen reduziert. Dies steigert nicht nur die Arbeitgeberattraktivität, sondern auch den persönlichen Freiraum eines jeden, sich für ein Leben in der Stadt oder auf dem Land zu entscheiden.

Juli Zeh, Schriftstellerin und Juristin

Über Menschen

Menschen aus urbanen und ländlichen Räumen leben aktuell in verschiedenen Realitäten, was dazu führt, dass sie sich nicht verstehen. Damit meine ich nicht, dass sie sich nicht mögen, sondern sich mitunter fremd sind. Als ich vor vielen Jahren von der Stadt aufs Land gezogen bin, wurde ich mit offenen Armen empfangen. Die Menschen dort hatten keine Angst vor der Neuen. Sie hatten Angst vor dem eigenen Aussterben. Inzwischen ist eher eine Umkehr zu spüren: von der Landflucht zur Stadtflucht. Ich persönlich begrüße eine solche Entwicklung. Zum einen, damit auf dem Land wieder das aufgebaut wird, was viel zu lange vernachlässigt wurde: die technische und soziale Infrastruktur. Zum anderen, damit sich Menschen aus Stadt und Land mehr durchmischen. Tatsächlich bemerke ich, dass gerade die jungen Leute lieber in ihren Dörfern leben wollen, um etwa dem städtischen Leistungsdruck fernzubleiben. Damit sich Stadt und Land wieder näherkommen, müssen auch Politik und Medien ländliche Diskurse viel mehr miteinbeziehen. Es kann ja nicht sein, dass eine grüne Landwirtschaft gefordert und gleichzeitig nichts getan wird, wenn internationale Investoren Agrarfläche kaufen, dort eine Scheinwirtschaft betreiben und damit die landwirtschaftliche Arbeit ganzer Generationen kaputtmachen. Darüber wird viel zu wenig gesprochen. Ich denke aber, dass uns das große Umwelt- und Klimathema, eben weil es uns alle angeht, mentalitätsmäßig zusammenbringen kann.

Lena-Sophie Müller, Geschäftsführerin Initiative D21

Digitales Arbeiten verbindet

Noch vor Kurzem waren Homeoffice und Co. oft eine Art Privileg für einige wenige und nur in besonders digitalen Berufen etabliert. Für viele Arbeitgeber war es undenkbar, die Mitarbeiter nicht vor Ort zu haben. Corona aber zeigte vielen: Arbeit aus der Ferne kann funktionieren, wenn auch naturgemäß vor allem mit Bürotätigkeit. Von 15 auf 32 Prozent stieg im vergangenen Jahr der Anteil derjenigen, die Homeoffice nutzten, und der Großteil davon möchte dies gerne auch zukünftig öfter tun – das ergab der D21-Digital-Index 2020/2021. Wenn das Vertrauen beidseitig da ist, spricht doch nichts dagegen, wenn jemand aus der hessischen Heimat arbeitet, die Firma aber in Berlin sitzt. Das hieße auch, dass man sich bundesweit auf Stellen bewerben kann, ohne umziehen zu müssen. Das gilt andersherum genauso: Auch Unternehmen können überall, auch über Grenzen hinaus, die besten Mitarbeiter finden. Die Digitalisierung bietet die Chance, Arbeit und Leben in Stadt und Land zu verbinden. Denn über 60 Prozent möchten laut einer Kantar-Umfrage in Dörfern oder Kleinstädten wohnen. Ich glaube, viele Menschen in Deutschland würden sich gerne ab und zu das tägliche Pendeln sparen. Denkt man die Möglichkeiten weiter, könnte das auch zu einer (Wieder-)Belebung ländlicher Regionen führen, weil wieder mehr Menschen dorthin ziehen und Dienstleistungen vor Ort nutzen – ob nun Geschäfte, Restaurants oder Kitas. Der digitale Wandel macht es möglich.

Simon Richter, Leser

Der Mischung macht‘s

Wir haben uns dieses Jahr entschieden, eine Rundreise durch Deutschland zu machen. Wir selbst wohnen in der größten Stadt Deutschlands, unserer Hauptstadt. Daher wollten wir bewusst die großen Städte und den Stress, den sie zwangsläufig mit sich bringen, meiden. Nach drei Wochen habe ich aber genau diesen wieder vermisst. Der Bus, der alle zehn Minuten kommt oder das Restaurant, welches nicht erst um 17 Uhr öffnet, sind Dinge, die man erst vermisst, wenn man müde in seine Unterkunft zurück möchte oder hungrig ist. Hinzu kommt das oft fehlende mobile Internet, das man vor 20 Jahren nicht gebraucht hätte, aber das Leben enorm erleichtert. Ich brauche beides von Zeit zu Zeit. Auf bald, Wald!

Clemens Bartel, Leser

Stille Reserven

Straßen, Schienen und Flüsse verbinden Stadt und Land. Diese Infrastruktur, die oft marode und überlastet ist, bietet Chance und Risiko zugleich. Wenn nur noch mehr Beton für Straßen das Konzept darstellt, ist der Verkehrskollaps der Zukunft absehbar. Kreative Lösungen sind in Zeiten der Mobilitätswende gefragt. Hier gibt es massig Chancen für das Land der Erfinder und Ingenieure, die zeigen können, wo das Potenzial von Schiene oder Wasserstraßen liegt, um nur einige Beispiel zu nennen. Das Rad muss aber nicht neu erfunden werden, in der Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken schlummert beispielsweise ein riesiges Reservoir.

Shai Hoffmann, Sozialunternehmer und Aktivist

Mehr Begegnungsräume

Nicht nur Schienen oder Straßen verbinden Stadt und Land. Es ist vor allem die Sehnsucht. Sehnsucht nach dem, was uns fehlt. Ich kenne viele Großstädter, die sich nach einem ruhigen Landhäuschen sehnen, während ich schon oft mit Leuten vom Land gesprochen habe, die sich eine bessere Anbindung an die Stadt wünschen. Durch meine Initiative „Bus der Begegnungen“ habe ich Menschen kennengelernt, die in Städten wohnen, die leer sind, was man ja eigentlich nur vom Land kennt. Und ich habe ehemalige Städter getroffen, die sich proaktiv für ein Leben auf dem Land entschieden haben. Worauf ich hinauswill: Es gibt kein Leben ohne Stadt. Und es gibt kein Leben ohne Land. Wir sind alle voneinander abhängig. Nicht im negativen Sinne, sondern im positiven. Daher sollten wir innerhalb neuer Mobilitätskonzepte auch mehr Begegnungsmöglichkeiten schaffen. Dass sich viele Leute auf dem Land „abgehängt“ fühlen, ist ja nicht nur eine Befindlichkeit, sondern durch den Strukturwandel bedingt. Und da gilt es, den Bedürfnissen dieser Menschen mehr Verständnis entgegenzubringen. Wer Verbindung möchte, eben auch zwischen Stadt und Land, muss sich treffen, um sich besser zu verstehen. So können Bekanntschaften entstehen. Das klingt jetzt vielleicht pathetisch, aber es ist wahr: Durch Begegnungen können auch Vorurteile abgebaut werden. Daher muss die Mobilitätswende neue gemeinsame Räume schaffen, die Stadt und Land letztlich auch näher zueinander rücken lassen.

Dagmar Hirche, Gründerin Wege aus der Einsamkeit e. V.

Das Netz versilbern

Gerade alte Menschen tun sich oft schwer mit der digitalen Welt. Und nicht selten fehlt es in Seniorenheimen oder im eigenen Heim an WLAN – die Grundvoraussetzung, um an eben dieser digitalen Welt teilzunehmen. Dabei bietet das Internet unzählige Möglichkeiten, wie etwa die Vernetzung von älteren Menschen zwischen ländlichem und urbanem Raum. Unser Verein Wege aus der Einsamkeit setzt sich seit acht Jahren dafür ein, dass auch ältere und alte Leute aktiv an der Digitalisierung teilnehmen können. Seit Frühjahr 2014 haben wir mit knapp 14.000 Teilnehmern zwischen 65 und 95 Jahren erste und weitere Schritte in die digitale Welt gesetzt. Das hat sich besonders während der Corona-Pandemie bewährt: Seit März 2020 haben wir mehrere hundert Zoom-Gespräche gestartet. In unseren „Versilberer-Runden“ können ältere und alte Menschen digitale Schulungen oder Lesungen besuchen, im Sitzen gemeinsam Yoga machen oder tanzen. Im Gegensatz zu analogen Aktivitäten spielt es keine Rolle, wo jemand wohnt oder ob jemand mobilitätseingeschränkt ist. Wichtig ist nur, dass man Neuem gegenüber offen ist. Dabei ist auffällig, dass unsere Gäste zu 90 Prozent Frauen sind. Für die Zukunft wünschen wir uns, dass mehr Männer unser Angebot annehmen – und die Politik sicherstellt, dass Wohnanlagen, Krankenhäuser und Heime, egal ob in der Stadt oder auf dem Land, mit WLAN ausgestattet werden. Eine digitale Teilhabe soll schließlich nicht an finanziellen Mitteln scheitern.

Reinhold Gütter, Leser

Steter Austausch

Im 19. Jahrhundert hieß es, die Städte fräßen die Kinder des Lands. Tatsächlich suchten die ein besseres Leben. Im 20. Jahrhundert flohen die Städter aufs Land, kamen aber meistens nur bis zum Zwischenland der Vorstädte, also ins Suburbane. Bis heute liefert das Land den Städten Energie, Erholungsraum und Nahrung. Sollte sich das Arbeiten im Homeoffice tatsächlich durchsetzen, wird das Land für manche Städter zum Lebensraum. Digitalisierung schafft Spiel-Räume.

Manfred Hampel, Bauteilentwickler und Präsident Institut für Nachhaltigkeit

Nachhaltige Pendler

Horrende Baupreise, astronomische Mieten und unerträglicher Berufsverkehr: das sind die Randerscheinungen einer Arbeitswelt, wie sie sich in den Ballungsgebieten zu fast unlösbaren Problemen auftürmen. Eine Wohnung in der Nähe der Arbeitsstelle ist dort nur mit höheren Einkommen möglich. Eine Wohnung auf dem Land zwingt einen auf eine tägliche Karawane, immer genau zur selben Zeit in den gleichen Nadelöhren. Wie schön wäre es, in der Stadt eine Wohnung und auf dem Land ein Haus im Grünen zu haben. Die meisten werden diesen Gedanken schnell verwerfen, aber genau dort setzt ein neuer Gedanke an, der mit Hilfe der Sonne ermöglicht wird: energieautarkes modulares Wohnen. Mikroapartments in mit Solarpanels verkleideten Häusern ermöglichen auch auf den teuren Stadt- und Stadtrandgrundstücken eine bezahlbare Wohnung. Die Wohnfläche ist reduziert, wächst aber durch multifunktionale Möbel wieder künstlich. Eine Photovoltaik-Anlage erzeugt den notwendigen Strom, überschüssige Wärme wird in Pufferspeichern gespeichert. Das hält die Kosten niedrig. E-Cars im Sharing sorgen für flexible Mobilität. Das Wohnen in der Stadt reduziert sich nur auf die Arbeitstage. Homeoffice und Freizeit verbringt man im Solarhaus-Modul im Umland der Stadt und genießt dort die höhere Lebensqualität. Ein Leben in Stadt und Land ist also möglich und nicht teurer als etwa eine Münchener Neubauwohnung – und das bei geringeren Unterhaltskosten und CO2-Emissionen.

Markus Epha, Leser

Zwei Sphären einer Welt

Das zentrale Element der Verbindung von Stadt und Land ist der öffentliche Nahverkehr. Seit der Wiedervereinigung wurden vielerorts Regionalbahnen eingestellt oder die Frequenz minimiert, was der Abwanderung aus ländlichen Gebieten Vorschub leistete. Dies betrifft nicht nur das stadtnahe Umland, sondern auch das weiter entfernte Land, wo die Bewohner häufig auf Zweitjobs und das Pendeln zwischen Wohnort und Arbeit angewiesen sind. Ein wichtiger Aspekt, um das Land jenseits des Wochenendausflugs attraktiv zu halten, ist die ausreichende Versorgung mit Ärzten, Lehrern, kulturellen Einrichtungen und kleinen Läden für den täglichen Bedarf. Es gilt, Anreize zu schaffen für Arbeitssuchende in den genannten Berufen. Die Verzahnung von Stadt und Land kann nur gelingen, wenn ihre verschiedenen Qualitäten erhalten bleiben und nicht versucht wird, beide Lebenssphären einander gleichzumachen. Austausch setzt Verschiedenheit voraus, auf Augenhöhe. Digitale Nomaden, die abgeschottet in entlegenen Gegenden ihrem Beruf nachgehen, sind so wenig die Lösung wie polternde Heranwachsende, die sich am Wochenende lautstark in der Stadt austoben. Wichtig wäre es, beide Sphären füreinander zu sensibilisieren. Vielleicht hilft es, daran zu erinnern, dass viele Städte aus ehemaligen Dörfern hervorgegangen sind und das Land mit seiner Ruhe und Verlangsamung die Gesundheit der Städter fördert.

Elke Sanders, Leserin

Digital vereint

Niemand stellt gerne Anträge. Weder in der Stadt, noch auf dem Land. Dies als verbindendes Element zu sehen, ist schlicht zu profan. Und dennoch, alle Menschen landauf, landab, haben das irgendwann vor der Brust. Und dann geht’s los. Geht man zum Amt? Die Zeit kann man sinnvoller nutzen. Findet man den Antrag im Internet? Suchmaschinen halten auch nicht immer, was ihr Name verspricht. Aber was ist mit den smarten Online-Dienstleistungen, die Kommunen nun mehr und mehr anbieten? Nutzerfreundlich sollen sie sein. Das wäre mal was. Kein Mensch meldet ja sein Auto an, weil Anmelden so viel Spaß macht. Nein, man tut es, weil man fahren will, und ohne Anmeldung darf man nicht. So geht es im Grunde mit allen Anträgen. Man muss, bevor man darf. Also tut man’s. Wird die Sache schöner durch Digitalisierung? Sie ist jedenfalls kein Papiertiger und kommt mit hohem Anspruch daher. Mantel und Schuhe können künftig zur Antragstellung im Schrank bleiben, denn es soll, so munkelt man, nicht mehr lange dauern, bis der Bauantrag vom Sofa ausgestellt werden kann. Und zwar mit dem Smartphone. Oder Elterngeld beantragt, ein Gewerbe angemeldet, eine Liegenschaftskarte angefordert oder was auch immer man gerade braucht. Stadt und Land lassen die Zukunft zur Gegenwart werden. Mit Hyperspeed. Verwaltungstechnisch gesehen.

Christoph Verenkotte, Präsident Bundesverwaltungsamt (BVA)

Lohnende Investition

Verwaltung findet überall statt, in den Städten wie auf dem Land. Früher war es für Beschäftigte sicher oft attraktiver, in der Stadt zu arbeiten und auf dem Land zu leben. Aber die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung ist unumkehrbar und wenn es mit dem Netzausbau auch schneller vorangeht, werden wir tatsächlich von überall aus arbeiten können. Bei uns im Bundesverwaltungsamt ist Homeoffice bei vielen Aufgaben bereits problemlos möglich. So entfallen Anfahrtswege zum Arbeitsplatz, der Verkehr zwischen Stadt und Land wird entlastet und die Work-Life-Balance gestärkt. Mehr Beschäftigte aus ländlichen Regionen erleichtern auch die Personalgewinnung, denn in den Metropolen ist die Konkurrenz schon heute auf Arbeitgeberseite stark. Es bleibt aber noch viel zu tun. Hauptaufgabe wird es sein, die Verwaltungsprozesse überall digital neu zu gestalten. Wir brauchen: E-Akte, E-Rechnung, elektronische Signaturen und den digitalen Transfer von Bescheiden, beleglose Einreichung von Anfragen und Anträgen und vieles mehr. Vor allem brauchen wir es schneller als bisher und flächendeckend. Dann spielt die Frage nach Stadt oder Land keine Rolle mehr. Was fehlt, ist nicht ein Kulturwandel, der oft politisch angemahnt wird. Die Beschäftigten der öffentlichen Verwaltung wollen die Digitalisierung und sie wollen sie mitgestalten. Die Politik muss jetzt strategisch investieren: Das Zusammenwachsen von Stadt und Land kostet Geld, aber es lohnt sich.

Michael Marsand, Leser

Die simple Verbindung ist die Straße, die aus der Stadt aufs Land führt. Viele Städter, die der Verkehr plagt, ziehen in die Ruhe aufs Land und tragen alsdann selbst zum Verkehrschaos in der Stadt bei.

Barbara Fischer, Leserin

Bauer sucht Städter

Eines der wichtigsten Bindeglieder zwischen Stadt und Land ist die Landwirtschaft. Das sieht man schon aus der Luft, wenn die Peripherie von Siedlungen immer mehr von Agrarflächen aufgelockert wird. Auch wenn die Zahl der Höfe zurückgeht und in vielen Dörfern nur noch ein Bauer übriggeblieben ist, ist es doch die Landwirtschaft, die dafür sorgt, dass die Menschen tagtäglich mit Lebensmitteln im Überfluss versorgt werden. Aber die Bedeutung der Bauern ist noch viel größer. Sie sind ein Bindeglied zwischen Mensch und Natur. Sie pflegen Landschaften und schaffen Erholungsräume, sie bauen nachwachsende Rohstoffe an und schützen, wenn sie verantwortungsvoll und nachhaltig arbeiten, Arten und Naturräume.

Ralf Resch, Geschäftsführer Vitako – Bundesarbeits- gemeinschaft der Kommunalen IT-Dienstleister

Digital verbindet

Die digitaltechnische Entwicklung wird künftig dazu führen, dass sich die dualistische Perspektive Stadt oder Land weniger nach klassisch infrastrukturellen Gesichtspunkten ausdifferenziert. Schon heute rangieren Mobilfunk- und Festnetzanbindung unter den Standortfaktoren immer dichter hinter der bisherigen Grundversorgung aus Strom, Wärme und Wasser. Mehr noch: Das Internet der Dinge schafft bereits smarte Dienste, die zahlreiche Leistungen kommunaler Daseinsvorsorge integrieren und deren Effizienz und Effektivität stark erhöhen können. Ob sehr dicht oder gering bevölkerter Raum: für die künftige Verbindung ist die digitale Anbindung ausschlaggebend. Stadt und Land sind dort immer stärker verbunden, wo es immer weniger Unterschied macht, wie weit und über welche Straßen das nächste Amt, der Arbeitsplatz, die nächste Einkaufsmöglichkeit oder medizinische Einrichtung entfernt und zu erreichen sind. Für die digital-unterstützte Daseinsvorsorge wird es darauf ankommen, wie wir moderne Technologien technisch handhaben und für das gegenseitige Miteinander nutzen. Die Entwicklung digitaler Dienste gibt Gelegenheit, das im Grundgesetz festgelegte Ziel gleichwertiger Lebensbedingungen noch stärker mit Leben zu füllen. Als Föderalstaat mit starker dezentraler (Wirtschafts-)Struktur sollten wir die konkrete Ausgestaltung niemand anders überlassen, sondern als Gemeinwesen durch Kommunen, Bund und Länder selbst in die Hand nehmen.

Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer Deutscher Städtetag

Nachhaltig mobil

Wir brauchen eine Mobilität, die klimaschonender und attraktiver wird, aber fair bezahlbar bleibt. Außerdem muss der Verkehr sicherer werden. Diese Ziele sind unstrittig. Damit sie gelingen, brauchen die Städte aber die breite Unterstützung von Bund und Ländern. Egal, wer mit wem nach der Bundestagswahl regiert: Die nächste Bundesregierung muss eine nachhaltige, digitale und klimaneutrale Mobilität stärker und dauerhaft fördern. Sie muss den ÖPNV nach Corona finanziell stabilisieren und seinen weiteren Ausbau unterstützen. Und sie muss interessierten Städten mehr Handlungsspielräume für Mobilitätsprojekte geben, zum Beispiel für Bürgertickets. Die Städte wollen Neues unter Realbedingungen erproben können. Ein Wechsel von Großprojekten im Straßenbau hin zu klimafreundlicheren ÖPNV-Vorhaben muss ebenfalls möglich sein. Um Schadstoffe und CO2-Ausstoß zu verringern, setzen die Städte auf einen leistungsstarken umweltfreundlichen ÖPNV. Das Ideal sind gut vernetzte Busse und Bahnen mit sauberen Antrieben, möglichst dicht getaktet. Außerdem einheitliche Standards bei Fahrplanauskunft, Buchung und Bezahlung. Hinzukommen muss der weitere Ausbau von Rad- und Fußverkehr, ergänzt durch Sharing-Angebote und Elektromobilität. Da haben wir vielfach schon Erfolge. Es gibt aber auch noch gut Luft nach oben. Und wir wollen bessere Verbindungen zwischen Stadt und Umland. Damit das Auto auch dort nicht mehr unbedingt nötig ist.

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Wie verlässlich sind erneuerbare Energien?

Der Klimawandel stellt auch erneuerbare Energien auf die Probe. Denn die Energieversorgung muss jederzeit für die gesamte Bevölkerung sichergestellt sein. Doch welche technischen Lösungen zum Netzausbau oder zur dezentralen Erzeugung von Energie sind notwendig? Wie kann etwa die Windenergie aus dem Norden zur Industrie in den Süden gelangen? Verraten Sie uns, wie unser Energiehunger auch klimaneutral zuverlässig gestillt werden kann.

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Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW) Berlin

Der Star ist die Mannschaft

Erneuerbare Energien sind extrem verlässliche Teamplayer, wenn wir sie wie im Fußball gut aufeinander abstimmen. Das Tor hütet Biogas, eine stets verfügbare Energie. Auf ihr basierende Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen sichern zusammen mit Wasserkraftanlagen den eigenen Strafraum. Wind- und Solarenergie sind die flexiblen Feldspieler, immer in Bewegung und gelegentlich schnelle Stürmer. Ihre Schwankungen lassen sich durch effektives Energie- und Lastmanagement auffangen. Als intelligenter „Sechser“ im Mittelfeld kommen digitale Technologien ins Spiel und erhöhen die Versorgungssicherheit gleich mehrfach: Sie liefern zuverlässige Prognosen zum Aufkommen von Wind und Sonne, zugleich verknüpfen sie alle Komponenten zu einem „virtuellen Kraftwerk“. Zudem liefern sie Preisinformationen in Echtzeit, sodass wir auch Angebot und Nachfrage ideal aufeinander abstimmen können. Ein E-Auto etwa wird genau dann vollgetankt, wenn der Strom gerade günstig ist. Das wiederum hilft bei der dezentralen Energiespeicherung: Hier kommen neben Pumpspeicherkraftwerken, Wasserstofftanks und Power to Gas auch große und kleine Batterien samt Elektrofahrzeugen vernetzt zum Einsatz. Wenn wir obendrein die großen Potenziale Europas ausschöpfen, steht fest: Das junge, dynamische Team aus erneuerbaren Energien ist versorgungssicher, emissionsfrei und deutlich billiger als die fossile Altherrenmannschaft aus Kohle, Öl und Atom.

Andreas Kühl, Blogger und Autor im Bereich Energie

Günstig wie nie

Die Funktionen und Rechenleistungen von Smartphone, Tablet oder Notebook sind riesig – das konnten wir uns vor 25 Jahren nicht vorstellen. Genauso rasant verläuft die Entwicklung von erneuerbaren Energien und Batteriespeichern. Photovoltaikmodule werden immer effizienter und leistungsfähiger. Neue Technologien ermöglichen eine Integration in Dach, Balkon oder Fassade. Innovative Lösungen sind schwimmende Solaranlagen, überdachte Parkplätze oder Photovoltaik in der Landwirtschaft. Diese Entwicklungen ermöglichen neue Anwendungen und Geschäftsmodelle, die vor wenigen Jahren noch undenkbar waren – wegen ungünstiger Ausrichtung oder hoher Kosten. Die Preise für Solarstrom fallen – eine erfreuliche Entwicklung für Investoren, Anlagenbetreiber und Nutzer. Seit 2008 sind die Investitionskosten für eine komplette Photovoltaikanlage um 75 Prozent gesunken. Heute kostet Solarstrom zwischen elf Cent bei einer kleinen Aufdachanlage und drei Cent bei einer großen Freiflächenanlage pro Kilowattstunde. Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich auch bei Stromspeichern ab. So wird die Kombination Photovoltaik und Speicher innerhalb weniger Jahre wirtschaftlich. Die Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Energien wird immer zuverlässiger, da sich die Stromerzeugung heute gut planen lässt. Dank günstigerer Preise und neuer Einsatzmöglichkeiten: Erneuerbare Energien vollziehen eine Entwicklung, die vor Jahren nicht vorstellbar war.

Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energien, Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin

Schluss mit der Panikmache

Seit Jahrzehnten wird mit der Angst vor dem Blackout Stimmung gegen den Ausbau erneuerbarer Energien gemacht. Dabei ist unsere klassische Energieversorgung alles andere als ausfallsicher. Wenn drei systemrelevante konventionelle Großkraftwerke oder Übertragungsleitungen gleichzeitig ausfallen, ist es in Europa dunkel – im Zeitalter zunehmender Cyberkriminalität und internationaler Spannungen kein völlig unrealistisches Szenario. Dezentrale erneuerbare Energien mit verteilten Speichern reduzieren das Risiko. Wollen wir die Folgen der Klimakrise noch irgendwie beherrschbar halten, muss unsere Energieversorgung in den nächsten 15 Jahren ohnehin vollständig auf erneuerbaren Energien, im Wesentlichen auf Photovoltaik und Windkraft, basieren. In der Kombination mit Speichern können sie Deutschland vollständig und sicher mit klimaneutraler Energie versorgen. Das zeigen zahlreiche wissenschaftliche Studien. Dafür müssen wir das Ausbautempo der Erneuerbaren um den Faktor sechs steigern und gleichzeitig die nötigen Speicher sowie intelligente Netze installieren. Wenn wir unseren Kindern und Enkelkindern die Zukunft nicht völlig zerstören wollen, muss die Politik dafür die richtigen Rahmenbedingungen setzen. Dann sollten wir unsere gut ausgebildeten Ingenieurinnen und Ingenieure einfach ihren Job machen lassen und endlich die sinnlose Panikmache mit der angeblich so schrecklichen Dunkelflaute beenden.

Günter Ferch, Leser

Erneuerbare Energien sind für die Fortdauer der Menschheit unabdingbar. Getan wird meines Erachtens dafür aber zu wenig. Oft hieß es, es gäbe kein Geld. Diese Ausrede wurde aber für viele Bereiche genutzt. Es wird Zeit, dass wir die brachliegenden Flächen endlich sinnvoll nutzen.

Joachim Schubert, Leser

Stoff mit Zukunft

Der meiste Strom wird in Deutschland mittlerweile aus Wind- und Sonnenenergie erzeugt. Selbst wenn Anlagen und Netze dafür weiter ausgebaut werden, treten hierzulande zwei Lücken auf: Die eine nachts, wenn in lauen Sommernächten beide Energiearten praktisch ausfallen und der Nachtstrom durch fossile Kraftwerke, Stromimporte und Pumpspeicher erzeugt werden muss. Die zweite Lücke entsteht ganztags während Dunkelflauten, die – wie im Januar 2017 – bis zu zwei Wochen anhalten können. Wenn dann Kohle- und Kernkraftwerke abgeschaltet sind, würden tagsüber rund 50 Gigawatt an Leistung fehlen, denn Stromspeicher wie Pumpspeicher und Batterien wären nach wenigen Stunden leer. E-Autos und Wärmepumpen werden den Leistungsbedarf künftig um mindestens zehn Gigawatt steigern. Also müsste künftig eine Lücke von ungefähr 60 Gigawatt witterungsunabhängig abgedeckt werden, am besten durch gasbefeuerte flexible Heizkraftwerke. Das wären dann 120 neue Kraftwerksblöcke in den nächsten 17 Jahren. Diese würden nicht nur das Stromnetz stabilisieren, sondern auch weiterhin die bestehende Fernwärmeversorgung absichern. Sie können mit Erdgas und zunehmend mit Biogas sowie mit „grünem“ Wasserstoff betrieben werden.

Yvonne Zwick, Vorsitzende Bundesdeutscher Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management (B.A.U.M.)

Mission global

Sicher ist: Erneuerbare Energien sind ein elementarer Baustein für Klimaneutralität, die Deutschland bis 2045 in allen Bereichen erreichen will. Sicher ist, dass wir dieses Ziel erreichen können, wenn wir den Ausbau entfesseln. Das DIW rechnet in einer aktuellen Studie vor, dass bis 2040 die Vollversorgung mit Erneuerbaren zuverlässig möglich ist – inklusive der vollständigen Elektrifizierung in den Bereichen Wohnen, Verkehr und Industrie sowie der Anforderung grünen Wasserstoffs, womit eine Verdopplung des Strombedarfs einhergeht. Voraussetzung ist die Verdreifachung des Ausbautempos in den nächsten zehn Jahren, die Steigerung der Effizienz und die Erhöhung von Wirkungsgraden. Dieser Zeithorizont geht auf das Beste konform mit der Agenda 2030, dem Zeithorizont der globalen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Erneuerbare sind verlässlich, wenn wir die Energiewende einbetten in die Agenda 2030 und die UN Sustainable Development Goals, die ganz bewusst multidimensional sind. Sie verbinden die Energiewende mit gesellschaftlichen Zielstellungen wie weniger Ungleichheiten in der Gesellschaft und verknüpfen sie industriepolitisch mit Innovation und Infrastruktur. „In, mit und durch Deutschland“ ist ein geflügeltes Wort der Agenda 2030. Ja, wir müssen in Deutschland handeln – und, weil wir auf keinem Mini-Planeten mit Namen „Deutschland“ leben, auch im Verbund der Staatengemeinschaft, in Europa und weltweit.

Doc. Schmitt, Leser

Wollen muss man

Wasserstoff ist das Mittel der Wahl. Zum Beispiel könnte man die Sahara mit Solaranlagen bestücken, große Wasserentsalzungsanlagen an den Küsten bauen und mit dem Strom und entsalztem Wasser dann riesige Mengen Wasserstoff generieren, die durch Pipelines unter dem Mittelmeer oder mit Tankgasschiffen zu den Verbrauchern befördert werden. Das ist kosten- und umweltfreundlich. Jeder hätte etwas davon – die Sahara-Anlieger und die Hersteller- und Wartungsfirmen wie auch die Verbraucher. Unsere schöne Welt ist also recht einfach zu retten, nur wollen muss man es eben.

Veronika Grimm, Wirtschaftswissenschaft- lerin und Mitglied im Sachverständigenrat („Wirtschaftsweisen“)

Kombinierte Strategie

Bis zum Jahr 2045 soll Deutschland klimaneutral sein. Die Art, wie wir wirtschaften und leben, wird sich entscheidend verändern. Der Weg in die Klimaneutralität führt über die Sektorenkopplung: Der zunehmend erneuerbare Strom wird genutzt, um die Sektoren Wärme und Mobilität sowie die Industrie zu dekarbonisieren. An vielen Stellen ist die direkte Elektrifizierung möglich, zum Beispiel durch Wärmepumpen oder batterieelektrische Fahrzeuge. Teile der Industrie oder der Mobilität sind aber nicht oder nur schwer elektrifizierbar. Deshalb wird grüner Wasserstoff zum Einsatz kommen, der zudem als Grundstoff in der Industrie gebraucht wird. Für all das benötigen wir viel grünen Strom. Der Ausbau der Erneuerbaren muss daher erheblich beschleunigt werden. Die Erhöhung der Ausschreibungsvolumina, die Ausweitung der Flächenkulissen und Teilhabemöglichkeiten von Kommunen sind wichtig. Auch die europäische Perspektive muss gestärkt werden, etwa durch grenzüberschreitende Ausschreibungen. Selbst wenn wir den Ausbau der Erneuerbaren deutlich beschleunigen, werden wir weiter auf Energieimporte angewiesen sein. Heute importiert Deutschland 70 Prozent seiner Primärenergie in Form von Kohle, Öl und Gas. Im Jahr 2040 werden es Strom- und Wasserstoffimporte sein, aus dem europäischen Ausland, aber auch aus Ländern wie Chile oder Australien. Das Zusammenspiel von Strom und Wasserstoff wird 2045 die Grundlage einer nachhaltigen Wirtschaft sein.

Manfred Jost, Präsident Verband Wohneigentum

Einfach lohnenswert

Für die vielen selbstnutzenden Wohneigentümer ist es wichtig, Wege aufgezeigt zu bekommen, wie der klimapolitische Umbau gestaltet werden kann. Mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gab es hier zur Jahrtausendwende erstmalig einen rechtssicheren Rahmen für 20 Jahre. Die dezentrale Energieerzeugung spielt dabei eine wichtige Rolle: Am Eigenheim sorgt sie mittels Photovoltaik (PV) oder in Kombination mit Wärmepumpe für lokale und regionale Sicherheit und Stabilität im System, wenn sie mit Speichersystemen ausgestattet ist und/oder ins örtliche Netz einspeist. Die fehlende Anschlussregelung führte bis Jahresbeginn zu großer Verunsicherung. Mittlerweile ist dies geregelt. Anlagen, deren Förderungszeit abgelaufen ist, können weiterhin einspeisen, allerdings zu einer deutlich niedrigeren Vergütung. Bis zu einer Leistung von 30 Kilowatt-Peak bleiben sie von der EEG-Umlage befreit, der Einbau intelligenter Messsysteme gilt für Anlagen ab sieben Kilowatt-Peak. Der Gesetzgeber hat also Klarheit geschaffen. In Anbetracht der zu erwartenden Energiekosten durch steigende CO2-Bepreisung lohnt sich der Einbau von PV-Anlagen im Wohneigentum mehr denn je. Günstige Beschaffungspreise für Kollektoren und Anlagen unterstützen dies. Die Bedachung in eine PV-freundliche Richtung beim Neubau oder eine nachträgliche Verbesserung bei Dachsanierungen im Bestand sollten obligatorisch sein. Denn Investitionen in den Klimaschutz sind Investitionen in die Zukunft unserer Kinder.

Kerstin Andreae, Vorsitzende Hauptgeschäftsführung, Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW)

Neues Leitsystem

Wir stehen vor einen Paradigmenwechsel: Es geht nicht mehr darum, erneuerbare Energien in das bestehende, auf konventionellen Energieträgern basierende Energiesystem zu integrieren. Vielmehr werden die Erneuerbaren das neue Leitsystem sein, die durch Reservekraftwerke ergänzt werden. Damit im klimaneutralen Energiesystem der Zukunft die sichere Versorgung gewährleistet bleibt, müssen wir auf verschiedene Technologien setzen. Dazu gehören zunächst noch flexible Gaskraftwerke und Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, die perspektivisch mit Wasserstoff betrieben werden und Schwankungen ausgleichen können. Das neue Energiesystem wird aber gekennzeichnet sein durch deutlich mehr Flexibilitäten – auf der Angebots- wie auf der Nachfrageseite. Dazu gehören etwa das Nutzen statt Abregeln von erneuerbarer Energie oder der Einbezug von abschaltbaren Lasten der Industrie in Phasen hohen Systemstresses. Ein Ausgleich kann auch durch jede Art von Speichern geschaffen werden. Volatile Erzeugung, flexible Nachfrage, Sektorkopplung und eine wachsende Zahl von Marktteilnehmern führen zu mehr Komplexität, die von den Strom- und Gasnetzen bewältigt werden muss. Hinzu kommt eine stärkere europäische Vernetzung, um regionale Schwankungen auszugleichen. Um die Netzinfrastruktur für das neue Energiesystem fit zu machen, brauchen wir einen zügigen Ausbau und eine vorausschauende Digitalisierung der Netze – damit eine verlässliche Energieversorgung klimaneutral gelingt.

Harri Dittmar, Leser

Energie aus der Kommune

Die Frage macht in der Form aus meiner Sicht nur im ersten Augenblick Sinn. Das Kernproblem ist doch, dass wir als Gesellschaft wesentlich mehr erneuerbare Energie erzeugen müssen – und das am besten dort, wo sie benötigt wird. Also müsste die Frage eher lauten: Wie kommen wir zu einer verstärkten Produktion von erneuerbarer Energie vor Ort? Während sich bei der Solarenergie ein Umdenken abzeichnet – zu erkennen auch anhand der neuen Vorgaben in Baden-Württemberg – geht es bei der landgestützten Windenergie nicht voran. Schlimmer noch: Das Ersetzen von Altanlagen durch neue stockt gewaltig. Warum ist das so? Gerade hier in Bayern, wo ich wohne, herrscht die Meinung vor, Windräder würden die Landschaft verschandeln. Das Gefühl, das aus meiner Sicht dahintersteckt, ist: Da kommt eine mir fremde Firma daher und stellt uns so Monsterdinger in die Landschaft, mit denen wir nichts zu tun haben. Die Firmen verdienen damit und für mich wird der Strom immer teurer. Wozu soll das gut sein? Hier liegt meiner Meinung nach schon die Lösung: Windenergieanlagen müssen Teil der kommunalen Struktur, also im Rahmen von gemeindebasierten Genossenschaften geplant, finanziert und umgesetzt werden. Wenn den Bürgern und Bürgerinnen die Gelegenheit gegeben wird, durch niedrigere Stromkosten an der lokalen Produktion zu partizipieren, wird aus dem „die da“ ein „wir“ – ganz abgesehen von den finanziellen Anreizen.

Sven Bauer, Unternehmer im Bereich Energiespeicher

Dezentral verfügbar

Die Energiewende ist richtig und wichtig. Die Uhr tickt, der Klimawandel gibt uns regelmäßig eine neue Kostprobe seiner Unerbittlichkeit. Die einzige Chance auf eine langfristig gute Zukunft ist eine wahrhaft nachhaltige Energiewende. Ohne fossile Brennstoffe und ohne Atomkraft muss das Ziel Zero Emission heißen – Zero Emission als Basisgedanke bei jeder Produktentwicklung und der Energiegewinnung selbst. Grenzenlos. Kompromisslos. Erneuerbare Energien aus Solar- und Windkraft sind optimal geeignet zur zuverlässigen Deckung des Energiebedarfs. Damit das funktioniert, müssen wir lediglich im Bereich dezentrale Infrastruktur optimieren. Grüne Energiegewinnung muss dezentral stattfinden, nicht nur auf vereinzelten Dächern von Einfamilienhäusern, sondern auch auf Industrieparks, an Hochhausfassaden und auf Straßen oder Parkplätzen. Ideen für neue Technologien wie etwa Straßenbeläge, die zur Solarstromgewinnung dienen, gibt es bereits. Und dann kommt die zweite, noch wichtigere Komponente: Damit die Energie stets da verfügbar ist, wo sie auch gebraucht wird, ohne Zukauf unsauberer Energie aus dem Ausland und ohne einen massiven Ausbau von Stromleitungstrassen, müssen dezentral massive Investitionen in Lithium-Ionen-Energiespeicher getätigt werden. Wir brauchen Speicher überall dort, wo die Energie gewonnen wird.

Norbert Lindner, Leser

Gut investiert

Für den Klimaschutz ist der Ausbau der erneuerbaren Energien zweifelsfrei notwendig. Allerdings wird er als Nebeneffekt voraussichtlich auch einen beträchtlich höheren Stromverbrauch bis 2030 mit sich bringen. Da Deutschland bei den Strompreisen seit Jahren im europäischen Spitzenfeld liegt und bislang keine konkreten Anzeichen dafür erkennbar sind, dass sich daran etwas ändern wird, besteht folglich Grund zu der Befürchtung, dass insbesondere immer mehr Privathaushalte von ihren Stromkosten überfordert werden. Zur Sicherstellung der ausreichenden Energieversorgung der gesamten Bevölkerung könnte der Staat und/oder die Kommunen deshalb zum Beispiel auch die Anschaffung und fachgerechte Installation von Photovoltaik-Kleinstanlagen mit integriertem Netz- und Anlagenschutz für Balkone und Terrassen so bezuschussen, dass sie sich für die jeweiligen Haushalte bezahlt machen – einen Beitrag zur dezentralen und klimaneutralen Energieerzeugung leisten jedenfalls auch PV-Kleinstanlagen.

Florian Kässens, Referent Volkswirtschaft, Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW)

Wandel als Chance

Die Energiewende, mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und dem Ausstieg aus der Kernkraft, hat die Stromversorgung in Deutschland radikal verändert. Die Kohleverstromung wird in absehbarer Zeit beendet. Aus Kernkraft erzeugter Strom hat hierzulande keine Perspektive. Die letzten Kernkraftwerke gehen bis 2022 vom Netz. Stattdessen prägen Windparks, Biogas- und Photovoltaikanlagen zunehmend das Landschaftsbild. Die Energiewende verursacht hohe Kosten, birgt aber auch beträchtliche Geschäftspotenziale für innovative Mittelständler. Elektrische Kraft durch Wasser oder Sonnenwärme zu erzeugen, verringert nicht nur Emissionen, sondern schafft auch Wettbewerbsvorteile für deutsche Unternehmen. Der Ausbau erneuerbarer Energien und die Steigerung der Energieeffizienz führen bei mittelständischen Unternehmen zur Entstehung neuer Jobs, neuer Produkte, neuer Technologien und neuer Exportmöglichkeiten. Und: Je mehr Strom, Kraftstoffe und Wärme aus eigenen alternativen Quellen kommen, desto weniger fossile Energieträger müssen eingeführt werden. Energie muss für die Unternehmen bezahlbar bleiben. Dem dient das Ziel, die EEG-Umlage im Jahr 2025 abzuschaffen und über den Bundeshaushalt zu kompensieren. Zudem muss die Stromsteuer auf das europäische Mindestniveau gesenkt werden. Schon jetzt zahlen unsere Verbraucher europaweit die höchsten Strompreise. Sinken die Stromkosten, steigt die Akzeptanz der Energiewende.

Michael Kirchner, Leser

Globale Lösung

Zurzeit sind die erneuerbaren Energien noch nicht verlässlich, um jederzeit eine sichere und bezahlbare Versorgung der Bevölkerung und der Industrie zu gewährleisten. Angesichts des neuesten Weltklimaberichts müssen die Länder dieser Welt aber alle Anstrengungen unternehmen, damit die erneuerbaren Energien grundlastfähig werden. Da das Problem global gelöst werden muss, bietet sich nicht nur ein schnellerer Ausbau von Energietrassen innerhalb Deutschlands für den Transport von Windstrom von Norden nach Süden an. Vielmehr sollte das schon diskutierte Modell einer transnationalen Süd-Nord-Transportlösung für Strom aus Sonnenenergie neu angegangen werden. In Nordafrika und Südeuropa kann relativ unproblematisch Solarstrom in großem Umfang produziert werden. Wenn es gelingt, diesen Strom ohne erheblichen Verlust in die nordeuropäischen Regionen zu leiten, wäre das ein Gewinn für alle. Anderenfalls sollten Speichertechniken wie Power to Gas für das Energiemanagement genutzt werden. Wir haben keine Zeit zu verlieren.

Gerhard Neuss, Leser

Licht an, Licht aus

Erneuerbare Energien werden noch verlässlicher, wenn wir daran denken, Energie zu sparen. Eine Binsenweisheit, aber das gute alte „Licht aus“ hilft wie alle anderen Sparmaßnahmen, den Energiebedarf vor allem in den verbrauchsintensiven Zeiten zu senken. So wird dem grünen Strom eine gleichmäßige Abnahme ermöglicht, die die Verbrauchsspitzen, welche die Notwendigkeit ergänzender Reservekraftwerke erfordert, abmildert.

Antje von Broock, Geschäftsführerin Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)

Keine Zukunft ohne Energiewende

Starkregen, Hochwasser, Hitzewellen, Flächenbrände: Die Klimakrise bedroht Menschenleben und die Umwelt. Wir müssen endlich handeln. Zentral ist nun ein Umstieg auf 100 Prozent erneuerbare Energien bis spätestens 2040. Das geht mit verbrauchsnaher Erzeugung, flexiblen Abnehmern sowie kurzfristigen und langfristigen Speicheroptionen, zum Beispiel in Form von Batteriespeichern und grünem Wasserstoff. Viel wichtiger als die technische Dimension ist es jedoch, die Energiewende als gesamtgesellschaftliches Projekt zu gestalten. Erneuerbare Energien können überall erzeugt werden, sei es auf den vielen Dächern unserer Städte oder in Form von Windenergieanlagen auf dem Land. Es können also auch viele partizipieren – dazu zählen Energiegemeinschaften, Kommunen, Stadtwerke und die Bürgerinnen und Bürger selbst. Ein dezentral organisiertes Energiesystem in Bürgerhand fördert regionale Wirtschaft und ökonomisch stabile Kommunen. Es trägt auch zu mehr Gerechtigkeit bei Produktion und Verbrauch des Allgemeingutes Energie bei. Wer selbst Verantwortung trägt, wird sorgsamer mit diesem Gut umgehen. Und nur mit einem drastisch reduzierten Energieverbrauch kann die Energiewende natur- und sozialverträglich gelingen. Für eine erfolgreiche Energiewende in Deutschland müssen wir alle Akteure befähigen, die erneuerbaren Energien auszubauen. Danach müssen in Zukunft die politischen Weichen gestellt werden.

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Wer forscht zu seltenen Krankheiten?

Corona hat bewiesen, wie schnell selbst komplexe Impfstoffe entwickelt werden können, wenn staatliche und private Initiativen sich ergänzen. Bei seltenen Krankheiten sind die Ressourcen aber oft knapp. Trotzdem investieren Forschende und Unternehmen viel Zeit und Geld, um Menschen zu heilen, von deren Gebrechen die meisten noch nie gehört haben. Schreiben Sie uns, was Ihrer Meinung nach den Kampf gegen seltene Krankheiten noch effektiver machen würde.

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Eva Luise Köhler, Vorsitzende des Stiftungsrats Eva Luise und Horst Köhler Stiftung für Menschen mit Seltenen Erkrankungen

Immenser Bedarf

Unsere Stiftung vergibt seit 2008 einen Forschungspreis für seltene Erkrankungen. Das Preisgeld wollen wir als Anschubfinanzierung für aussichtsreiche Forschungsvorhaben mit besonderer Patientenrelevanz verstanden wissen. Wobei ich mich nicht erinnern kann, dass uns jemals ein Projekt vorgestellt worden wäre, das nicht relevant war. Der Forschungsbedarf zu seltenen Erkrankungen ist angesichts der Vielzahl und Schwere der Krankheitsbilder immens. Jedes Jahristesschwierig,ausDutzenden vielversprechender und dringender Projekte das eine herauszufiltern, das wir auszeichnen. Bei der Bewertung schauen unsere Gutachterinnen und Gutachter aber nicht nur auf die wissenschaftliche Tätigkeit der Bewerber, sondern auch, wie das Zusammenspiel von Forschung und Patientenversorgung funktioniert: Bestehen Kooperationen mit der Selbsthilfe? Unterhält das Klinikum eine Spezialambulanz und wie eng ist die Zusammenarbeit? Spitzenforschung ist heutzutage nur im Team möglich. Das gilt insbesondere für Erkrankungen, die so selten sind, dass sie nur wenige, oft weit verstreut lebende Patienten betreffen. Deshalb initiiert unsere Stiftung derzeit gemeinsam mit Partnern aus Zivilgesellschaft und Medizin die Alliance4Rare. Das Ad-hoc-Forschungsnetzwerk bündelt die Expertise forschungsstarker Universitätskliniken erstmal entlang einer gemeinsamen Strategie, die die dringendsten medizinischen Bedarfe mit den aussichtsreichsten Forschungsansätzen abgleicht.

Helene Saal, Leserin

Späte Gewissheit

In einer aufregenden Situation fiel ich auf der Treppe und brach mir das rechte Handgelenk. Vor der Operation kam die Röntgenassistentin aufgeregt zurück und röntgte mein Herz noch einmal sehr gründlich. Vor der Chefvisite lag die Akte auf meinem Bett. Als ich darin las, erfuhr ich endlich, dass mein Herz sehr weit nach links verlagert ist und sich ständig mit dem Magen quetscht. So konnte ich mit 63 Jahren endlich die großen Schwierigkeiten verstehen, die mich mein Leben lang sehr belastet hatten. Als Volksschullehrerin hatte ich täglich in den letzten Unterrichtsstunden keine Kraft mehr. Als Vertretung in der Schule einer orthopädischen Klinik sah ich sofort den richtigen Beruf. Mit schwerst mehrfach behinderten Kindern und Jugendlichen arbeitete ich bis zur Rente in verschiedenen Einrichtungen mit viel Freude und viel Musik. 1974 heirateten wir. Fredi Saal, ein Jahr und einen Tag älter als ich, veröffentlichte im Rundfunk und in zwei Büchern seine Erfahrungen als Spastiker. Er animierte mich, ebenfalls zu schreiben. 2010 starb er. Nach seinem Tod blieb mir dann Zeit, kontinuierlich zu schreiben. Meine Autobiografie ist 2013 erschienen.

Veronika Wagner, Leserin

Ich finde es wichtig, dass einerseits niemand aus Kostengründen von einer Therapie ausgeschlossen wird, anderseits aber auch Unternehmen nicht auf ihren Kosten sitzen bleiben.

Jürgen R. Schäfer, Leiter Zentrum für unerkannte und seltene Erkrankungen (ZusE), Universitätsklinikum Marburg

Forschung nutzt allen

Wissen aus der medizinischen Forschung kann oftmals auch in Bereichen, die für die Forschenden so initial nicht intendiert waren, zum Tragen kommen. Dadurch wird die Forschung zu seltenen Erkrankungen oftmals zum Innovationstreiber auch für häufige Erkrankungen. Ein beeindruckendes Beispiel ist aktuell die Entwicklung der mRNA-Impfstoffe. Als erste Targets für die mRNA-Technologie wurde der Einsatz als Therapeutikum bei Mukoviszidose, einer seltenen Lungenerkrankung, und als Impfstoff im Rahmen von hochpersonalisierten Tumortherapien erforscht. Beides keine häufigen Erkrankungen. Diese Forschung führte zu einem revolutionären Impfansatz, der dabei ist, die Welt zu retten. Es ist fast schon peinlich, dass diese Innovation nicht von den Big Playern der Impfstoffhersteller, sondern von kleinen Startups aus der Rare-Disease-Szene entwickelt wurde. Durch die Aufklärung zahlreicher seltener Erkrankungen wurden darüber hinaus auch viele neuartige Therapieansätze entwickelt. So verhalf etwa die Kenntnis von sehr seltenen Defekt-Mutationen des PCSK-9-Proteins bei der Entwicklung einer innovativen Medikation zur Bekämpfung von Atherosklerose und Herzinfarkten. Die forschende Pharmaindustrie wäre gut beraten, wenn sie sich intensiver mit den Seltenen beschäftigen würde – sowohl zum Wohle der von einer seltenen Erkrankung Betroffenen als auch im Interesse der Häufigen. Denn Krankheiten fragen nun mal nicht danach, ob sie häufig oder selten sind.

Gertrud Obstl, Leserin

Immer weiter

Es wird oft unterschätzt, welchen maßgeblichen Vorteil die Forschung zu seltenen Erkrankungen mit sich bringen kann. Ich verstehe natürlich, dass es aus rein monetärer Sicht keinen Sinn ergibt und der wirtschaftliche Aspekt leider im Vordergrund für Unternehmen stehen muss. Aber nur, wenn wir unseren Körper und damit auch alle nicht nach „Plan“ verlaufenden Reaktionen verstehen, kommen wir in der Medizin voran. Wie häufig sind bahnbrechende Resultate zu Tage getreten, obwohl man nach etwas ganz anderem gesucht beziehungsweise geforscht hat? In meinen Augen müssen wir den Mut besitzen, Aktionäre auch mal enttäuschen zu dürfen.

Rainer Claß, Leser

Wer forscht findet

Meiner Meinung nach sind hierfür die Universitäten prädestiniert. Einem Lehrstuhlinhaber lässt es keine Ruhe, dass auf seinem Gebiet eine seltene Erkrankung existiert, für die es noch keine Lösung gibt. Er spricht das Problem zum Beispiel in einem Seminar oder in einer Vorlesung an und stellt in Aussicht, darüber eine Dissertation anzubieten. Schon hat er wahrscheinlich mehrere junge Studenten, die mit Elan und frischen Ideen sich in das Thema vertiefen würden. An Forschungsgeldern wird es in unseren Breiten nicht mangeln, hier kommt ebenfalls die Überzeugungskraft des Initiators zum Tragen. Schlussendlich bin ich der Auffassung, dass nahezu alles von der Motivation der jungen Wissenschaftler abhängig ist.

Nadine Großmann, Biochemikerin Forschungsgruppe Knaus – Signal Transduktion, Freie Universität Berlin

Fluch und Segen

Weltweit bin ich die einzige Patientin mit Fibrodysplasia Ossificans Progressiva (FOP), die gleichzeitig auch FOP-Forscherin ist. Einerseits empfinde ich es als ein großes Privileg, den wissenschaftlichen Hintergrund zu haben und von meiner Mobilität her noch nicht so eingeschränkt zu sein, dass ich im Rahmen meiner Doktorarbeit an meiner eigenen seltenen Erkrankung forschen kann. Andererseits ist es emotional eine Belastung, ständig mit FOP konfrontiert zu werden und in jeder Publikation zu lesen, dass FOP eine der schlimmsten Erkrankungen ist. In meiner Forschung war es mir immer wichtig, patientenbezogen zu arbeiten und mit meiner Arbeit anderen zu helfen. Deswegen habe ich auch nicht aus Eigennutz mein Schicksal selbst in die Hand genommen, sondern hoffe, dass ich mit meiner Forschungsarbeit ein Puzzleteil zum ganzen Bild beitragen kann. Der Vorteil, als Betroffene auch daran zu forschen, ist, dass man einen anderen Blickwinkel auf die Fragestellungen und einen guten Einblick hat, welche Bedürfnisse die Gemeinschaft der FOP-Erkrankten hat. Die FOP-Forschung ist schon so weit gekommen, dass verschiedene potenzielle Therapieansätze getestet werden. Nichtsdestotrotz verstehen wir noch nicht alle Aspekte dieser Erkrankung. Jede neue Entdeckung wirft auch wieder neue Fragen auf. Was mich jeden Tag aufs Neue motiviert und inspiriert, auch wenn es immer wieder Rückschläge gibt, sind ganz klar die Gesichter hinter dieser Erkrankung.

Thomas Klopstock, Neurologe und Vorsitzender Sprecherrat der Forschungsverbünde für seltene Erkrankungen „Research for Rare“

Gemeinsam Wissen schaffen

Seit 2003 fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) Verbünde, die sich den seltenen Erkrankungen widmen. Hier vernetzen sich Ärzte und Wissenschaftler in Konsortien, um unter Beteiligung der Patientenverbände die jeweiligen Erkrankungen zu erforschen sowie Diagnostik, Therapie und Versorgung zu verbessern. Nur so kann bei seltenen Erkrankungen eine ausreichend große Zahl von Patientendaten in Registern zusammengeführt werden, um das komplette Spektrum der Krankheits-Manifestationen zu erfassen, den Krankheitsverlauf zu verstehen und Therapiestudien vorzubereiten. Zudem können Forschungsfragen aus verschiedenen Blickrichtungen gemeinsam adressiert werden. Die deutschen Forschungsverbünde für seltene Erkrankungen haben in den letzten Jahren hervorragende Arbeit geleistet und sind auch international wichtige Akteure in diesem forschungsintensiven Gebiet. Es ist zu wünschen, dass dieser Förderschwerpunkt des BMBF auch in Zukunft erhalten bleibt, um weiterhin die dringend benötigte Expertise bereitstellen zu können. Auch die Arbeitsgrundlage der Verbünde, die Patientenregister, die klinische Studien erst ermöglichen, müssen eine strukturierte Förderung erhalten, damit wir auch in Zukunft einen entscheidenden Beitrag zu Diagnose und Therapie für Menschen mit seltenen Erkrankungen leisten können. Mehr Informationen unter: research4rare.de

Pam Cusick, Vizepräsidentin Rare Patient Voice

Wichtige Stimme

Weltweit sind 300 Millionen Menschen von seltenen Krankheiten betroffen. Weil aber die Zahl derjenigen, die an einer bestimmten Erkrankung leiden, klein sein kann, kann auch medizinisches Wissen limitiert sein, die Suche nach einer Diagnose für die Patienten zur Odyssee werden und damit auch ihr Leben zu einer Herausforderung. Zum Glück gibt es Forscher und Firmen, die an Therapien und Heilmitteln arbeiten. Neue Medikamente müssen ein Zulassungsverfahren durchlaufen und Unternehmen können mit Marketing und Vertrieb starten, sobald sie die Zulassung haben. Patienten spielen in diesem ganzen Prozess eine entscheidende Rolle über ihre Teilnahme an klinischen Tests und an der Marktforschung. Meine Motivation ist es, dass sie von denen gehört werden, die die Produkte entwickeln, damit diese ihr Leben auch wirklich verbessern. Wir von Rare Patient Voice bieten Patienten und ihren Angehörigen die Möglichkeit, sich zu vernetzen und ihre Perspektiven mit Forschern und Unternehmen zu teilen – weil deren Produkte und Dienstleistungen sie betreffen. Unser Netzwerk zählt mehr als 100.000 Menschen aus den USA, Kanada, Großbritannien, Italien, Deutschland, Frankreich und Spanien, die sich für die Teilnahme an Studien angemeldet haben und für ihre Zeit bezahlt werden. Meine Hoffnung ist, dass Politiker, Pharmaunternehmen und die Akteure des Gesundheitssystems die Erfahrungen und Sichtweisen von Patienten bei ihren Entscheidungsprozessen berücksichtigen.

Marcos Mengual Hinojosa, Syngap Elternhilfe

Steiniger Weg

Vier Jahre haben wir benötigt, um für unseren Sohn Lucas die Diagnose für Syngap1 zu bekommen. Für ein hochmodernes Industrieland wie Deutschland ist das beschämend. Am Anfang war das Krankheitsbild bei Lucas sehr diffus und man konnte es nicht einer bestimmten Krankheit eindeutig zuordnen. Einige Ärzte vermuteten einen genetischen Grund. Aber die Krankenkassen in Deutschland erlauben nur die Untersuchungen von einzelnen Genen. Ein Trio-Exom-Test durfte aus Kostengründen nicht gemacht werden. Es gibt 20.000 relevante Gene beim Menschen und es wird nur ein medizinisch begründeter Test mit wenigen Genen bezahlt. Das ist die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Und obwohl im zweiten Anlauf zufälligerweise auf Syngap1 getestet wurde, war das Resultat negativ. Wir hatten noch das Pech, dass der Krankenkassentest zu ungenau ist und die Mutation von Lucas nicht erkannt hat. Auf unser Drängen wurden wir später in eine Studie aufgenommen, die uns im Dezember 2019 die Diagnose Syngap1 brachte. Bedauerlicherweise hat sich bis heute nichts Wesentliches an der Vorgehensweise geändert. Die meisten Eltern mit entwicklungsgestörten Kindern müssen immer noch den gleichen Weg wie wir damals gehen. Viele geben auf und arrangieren sich damit, niemals die Ursache zu kennen. Damit verbaut man den Kindern den Weg zu zielgerichteten Therapien und sie haben keine Möglichkeit, von neuen Erkenntnissen aus der Forschung zu profitieren.

Annette Grüters-Kieslich, Kinderendokrinologin Charité Berlin und Vorstandsvorsitzende Eva Luise und Horst Köhler Stiftung

Untrennbar verbunden

Seltene Erkrankungen haben meistens eine genetische Ursache, weshalb schwerwiegende Symptome bereits bei Kindern auftreten. Für die Forschung sind deshalb wissenschaftlich interessierte Pädiater, die den Spagat zwischen Krankenbett und Labor nicht scheuen, unabdingbar. Sie sind für die Durchführung von Studien mit Kindern ausgebildet, genießen das Vertrauen der betroffenen Familien und sind durch ihre klinische Erfahrung in der Lage, die medizinisch relevanten Fragestellungen zu formulieren. Für junge Kolleginnen und Kollegen ist es jedoch zunehmend schwierig, Forschungsaktivitäten mit der verdichteten klinischen Tätigkeit in Einklang zu bringen. Weil langfristige Perspektiven fehlen, orientieren sich manchmal ganze Forschergruppen um. Trotz der strukturellen Mängel haben die Universitätskinderkliniken in der Vergangenheit zahlreiche international anerkannte Fortschritte erzielt. Damit das so bleibt, braucht die Forschung zu seltenen Erkrankungen gezielte und nachhaltige Förderung. Clinician-Scientist-Programme, die klinisch tätigen Pädiatern geschützte Forschungszeiten ermöglichen, sind ein vielversprechender Ansatz, um dem „Aussterben“ dieser essenziellen Spezies entgegenzuwirken. Es werden aber auch Strategien und Strukturen benötigt, um die standortübergreifende Vernetzung der Expertise voranzutreiben und langfristige Perspektiven für diejenigen zu eröffnen, die sich mit Passion den Herausforderungen in Klinik und Forschung stellen.

Frank Leypoldt, Arzt Universitätsklinikum Schleswig-Holstein und Sprecher GENERATE e.V.

Nur im Netzwerk

Stellen Sie sich vor, Sie verlieren Ihr Gedächtnis, haben Wahnvorstellungen und entwickeln epileptische Anfälle. Ein echter Alptraum für Patient und Angehörige. Und dann stellen Sie auch noch fest, dass sich keiner der Ärztinnen und Ärzte aufgrund der Seltenheit mit der Erkrankung auskennt: Autoimmune Enzephalitis. Unser Verein German Network for Research on Autoimmune Encephalitis (GENERATE) und der derzeit noch vom Bundesforschungsministerium geförderte Forschungsverbund CONNECT-GENERATE schaffen Netzwerke von Behandelnden, forschen zu Ursachen und Therapien und helfen bei der Entwicklung von Leitlinien. Zusammen mit vielen weiteren Ärzten und Forschern in Deutschland und international engagieren wir uns für die Verbesserung der Behandlung und Versorgung betroffener Menschen. Aber warum? Ergibt das überhaupt Sinn, wo doch diese Erkrankung so selten ist? Diese Frage beantworten uns die mehreren Tausend Betroffenen und Angehörigen in Deutschland immer wieder aufs Neue mit einem klaren „Ja“. Außerdem lassen sich essenzielle Ergebnisse unserer Forschung rasch auf häufigere Erkrankungen übertragen. Forschung an und für seltene Erkrankungen braucht Netzwerke, Engagement und insbesondere im heutigen Krankenhausumfeld auch strukturelle und finanzielle Unterstützung. Lesen Sie also erneut die ersten drei Sätze. Und dann stellen Sie sich die Frage, ob die Forschung an seltenen Erkrankungen wichtig und unterstützenswert ist. Ich meine: ja.

Robert E. Bopp, Vorstand CFD Foundation

Mit den Augen der Betroffenen

Selten und außergewöhnlich ist vieles, was uns umgibt – bis wir davon betroffen sind. Diese Erfahrung macht jeder, der sich mit seltenen Erkrankungen beschäftigt. Daher ist es umso wichtiger, transparent und faktenbasiert auf betroffene Personen, behandelnde Ärzte und engagierte Wissenschaftler zuzugehen und Neugier zu wecken. Als Initiator, Mitbegründer und Vorstand der Patientenorganisation CFD Foundation, einem gemeinnützigen Verein, der seit 2015 zu der sehr seltenen autosomal-rezessiv vererbte Stoffwechselerkrankung Cerebrale Folattransportdefizienz (CFTD) informiert, kenne ich das aus eigener Erfahrung. Wird die CFTD nicht rechtzeitig erkannt, so trägt ein Kind schwerste cerebrale Schäden davon oder stirbt. Bei frühzeitiger Diagnose und einer entsprechenden Therapie hat das Kind ein weitgehend symptomfreies Leben vor sich. Dazwischen liegt ein schmaler Grat, der durch engagierte Wissenschaftler seit der Entdeckung von CFTD durch den Kinderneurologen Robert Steinfeld im Jahr 2009 kontinuierlich verbreitert wird. Heute wissen wir, dass die Erkrankung bereits bei Neugeborenen erkannt werden kann – rechtzeitig genug, um Symptome mildern zu können oder im Idealfall gar nicht erst ausbrechen zu lassen. Daher setzen wir uns durch die Organisation internationaler Fachkongresse für Wissenschaftler und behandelnde Ärzte und in der Öffentlichkeitsarbeit für Betroffene dafür ein, CFTD in das Neugeborenen-Screening aufzunehmen.

Josef Schepers, Koordinator für Medizininformatik Bereich E-Health und Interoperabilität, Berlin Institute of Health (BIH)

Geteiltes Wissen

Forschung zu seltenen Erkrankungen erfordert wegen der an einzelnen Standorten regelmäßig niedrigen Fallzahlen die Zusammenarbeit mehrerer Zentren. Fachleute und Politik sind sich einig, dass dabei eine harmonisierte Dokumentation und die digitale Vernetzung der Zentren für Seltene Erkrankungen von großem Vorteil sein werden. Der Verbund CORD-MI (Collaboration on Rare Diseases) ist in der Medizininformatik-Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gebildet worden, um Versorgung und Forschung im Bereich der seltenen Erkrankungen zu verbessern. Im Projekt CORD-MI arbeiten 20 Universitätskliniken, die ACHSE als Patientendachorganisation für seltene Erkrankungen und einige weitere Einrichtungen zusammen. CORD-MI unterstützt die beteiligten Universitätskliniken darin, Diagnosen mit den international gebräuchlichen Orpha-Kennnummern eindeutig zu kodieren, wie auch im neuen Digitale-Versorgung-und-Pflege-Modernisierungs-Gesetz ab 2022 verankert. Darüber hinaus sollen nach und nach auch Symptome, Beschwerden, Befunde, therapeutische Maßnahmen und Verläufe so dokumentiert werden, dass sie als Forschungs- und Versorgungsdaten einrichtungsübergreifend genutzt werden können. Die lokale Digitalisierung und die datenschutzkonforme Vernetzung sind für die „Waisenkinder der Medizin“ besonders wichtig, um die Diagnosestellung zu beschleunigen, die krankheitsspezifische Versorgung zu verbessern und die Therapieforschung zu befördern.

Kristin Eichhorn, Wissenschaftlerin und Mitinitiatorin der Twitter-Kampagne #IchbinHanna

Fehler im System

Forschung zu seltenen Krankheiten ist notwendig. Sie kann nur stattfinden, wenn Wissenschaft nicht rein marktwirtschaftlichen Interessen überlassen bleibt. Denn aus dieser Perspektive gilt nur das als wertvoll, was einen unmittelbaren (monetären) Nutzen verspricht. Aus diesem Grund ist Wissenschaft in Deutschland zu einem großen Teil öffentlich finanziert. Der Twitter-Hashtag #IchBinHanna macht aber deutlich, dass Wissenschaft mittlerweile zu Bedingungen stattfindet, die nicht nur eine enorme Belastung für die Forschenden darstellt, sondern die Unabhängigkeit von Wissenschaft gefährdet. Dank des Sonderbefristungsrechts des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes können wissenschaftlich Angestellte sehr viel länger befristet werden als in anderen Branchen – mit der Folge, dass sie sich oft bis ins fünfte Lebensjahrzehnt von einem (kurzen) Vertrag zum anderen hangeln. Überdies ist die Finanzierung der Wissenschaft in Deutschland stark von Drittmitteln abhängig; selbst Steuergelder werden als „Drittmittel“ wettbewerblich vergeben, statt zuverlässig zu fließen. Forschende müssen erst umfassende Anträge für ihre eigene Weiterbeschäftigung schreiben und sind entsprechend angehalten, ihre Forschung danach auszurichten, was gerade als „förderwürdig“ gilt. Damit wird die Erforschung von Themen abseits des aktuellen Mainstreams erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht. Wie lange können und wollen wir uns das noch leisten?

Nicole Hegmann, Patientenvertreterin im Gemeinsamen Bundesausschuss

Für die Patienten

Wenn man an einer seltenen Erkrankung leidet, ist es sehr schwer, den passenden Arzt zu finden. Hier kann hilfreich sein, sich als Betroffener mit einer Selbsthilfegruppe oder einem Selbsthilfeverein in Verbindung zu setzen. Im Fall der Mastozytose gibt es aktuell acht Universitätskliniken, die sich mit diesem doch sehr seltenen Thema beschäftigen und auch dazu forschen. Jedoch kann es auch vorkommen, dass Selbsthilfevereine aus der Sicht der Patienten hier Studien zur Erforschung eines Krankheitsbildes gemeinsam mit Ärzten entwickeln und diese dann als Projekte sowohl in den entsprechenden Kliniken als auch über Websites und soziale Medien betreiben. An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass es immer ratsam ist, gemeinsam mit den entsprechenden Forschenden diese Studien auszuarbeiten und durchzuführen. Leider gerät bei der Erforschung seltener Erkrankungen der Patient nicht selten aus dem Fokus. Die Forschung und das Leben mit einer seltenen Erkrankung befinden sich oft im Widerspruch zueinander. Es gibt auch Probleme aufseiten der Forschung zu verstehen, wie ein Patient die Entwicklung einer seltenen Erkrankung bei sich wahrnimmt oder was er hier tatsächlich durchmacht. Die Forschung berücksichtigt nicht immer die Bedürfnissen, die ein Patient mit dieser Erkrankung hat. Neben diesen Versorgungsproblemen entstehen so auch Probleme mit Behörden, da ein Beschwerdebild nicht gut erklärt oder auch belegbar gemacht werden kann.

Frank Paulsen, Leser

Forscher von morgen

Um erfolgreich zu seltenen Krankheiten forschen zu können, vor allem auch in der weiteren Zukunft, ist ein wichtiger Baustein, Kinder und Jugendliche für Naturwissenschaften zu begeistern. Schulen und auch schon Kindergärten sind gefordert, übergroßen Respekt vor Zahlen und Formeln gar nicht erst aufkommen zu lassen. Hier sollte schon bei der universitären Bildung der künftigen Lehrkräfte für die MINT-Fächer angesetzt werden, um moderne Methoden zu etablieren und den alten Frontalunterricht in die Besenkammer der Bildungsgeschichte zu verbannen. Praktiker aus Forschung und Medizin sollten bei der Entwicklung moderner Lernangebote einbezogen werden. Führungen und Praktikumsplätze in Forschungseinrichtungen und Pharmaunternehmen können helfen, die faszinierende Welt der Forschung für die Gesundheit zu öffnen.

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