Antwort schreiben

Zum Voten von Antworten musst du angemeldet sein.

Logge dich ein oder registriere dich.

×

Warum spielt der Mensch?

Wenn man nicht gerade zufällig den Jackpot im Lotto knackt, trägt das Spielen auf den ersten Blick wenig zu unserer Existenzerhaltung bei: ineffizient, pure Zeitverschwendung, einfach kindisch, das zumindest sagen die einen. Andere jedoch sehen im spielerischen Akt den Grundstein für zukünftig richtiges Tun, die Basis für Fortschritt, Wandel – und gute Laune. Was halten Sie von der Rolle des Spielens in unserem Leben? Spielen Sie mit und schreiben Sie es uns.

Antwort schreiben

Regine Nohejl, Slavistin, Albert-Ludwigs- Universität Freiburg im Breisgau

Freud oder Leid

Warum spielt der Mensch? Weil er nur im Spiel „ganz Mensch“ ist, meinte Friedrich Schiller, das heißt frei von äußeren Zwängen. Im Spiel erprobt und genießt der Mensch seine körperlichen, geistigen, kreativen und sozialen Fähigkeiten, um ihrer selbst willen, einfach aus Freude darüber, dass er sie hat. Spiel ist Selbstzweck. Trotzdem „trainiert“ man, wie zum Beispiel das intensive Spielen von Kindern zeigt, dabei natürlich ‒ quasi nebenbei ‒ auch fürs Leben. Eine Art des Spiels fügt sich allerdings nicht in dieses Muster: das Glücksspiel. Hier setzt der Mensch nicht auf seine eigenen Fähigkeiten, sondern unterwirft sich der unberechenbaren Macht des Zufalls. Im Englischen gibt es für diese unterschiedlichen Arten des Spielens sogar verschiedene Begriffe: „to play“ und „to gamble“. Das Glücksspiel hat seinen Ursprung wohl in magischen und kultischen Handlungen. Es bedient die Sehnsucht des Menschen nach Transzendenz, nach dem Eingreifen höherer Mächte. Doch die launische Fortuna ist keine gütige Gottheit. Sie schenkt niemals dauerhafte Seinsgewissheit, ihrer Gunst muss man sich ständig aufs Neue versichern. Deshalb kippt der freie, mußevolle Habitus des Spiels im Glücksspiel so leicht in sein Gegenteil: in Zwanghaftigkeit und Sucht. Das Schicksal berühmter Hazardspieler des 19. Jahrhunderts wie Fjodor Dostojewskij zeugt davon ebenso wie das namenlose Heer besessener Lotto- und Automatenspieler in unserer Zeit.

Klaus Teuber, Spieleautor

Urlaub vom Alltag

Es gibt viele Gründe, warum Menschen gerne spielen. Einer davon ist die Leichtigkeit des Spiels. Wenn ich nicht gerade um Geld zocke, wird der Alltag beim Spielen ausgeblendet und ich begebe mich in einen sorgenfreien Raum. Während mich im Alltag Fehler oft viele Jahre lang verfolgen und strafen können, darf ich im kleinen Leben eines Spiels ohne Konsequenzen für mein reales Leben Fehler machen oder auch mal Pech haben. Auch kann ich mich innerhalb der Regeln eines Spiels ausprobieren und mich ungestraft ganz anders verhalten, als ich es im normalen Leben tun würde. So wird man mir in der Regel eine kleine Gemeinheit verzeihen, denn sie bezog sich ja nur auf das Spiel. Wenn ich verliere, muss ich mich nicht grämen. Im nächsten Spiel verteilt der Zufall die Karten neu. Fehler, die ich gemacht, oder Pech, das ich gehabt hatte, sind für das nächste Spiel nicht bedeutsam. Dann heißt es: neues Spiel, neues Glück. Wer spielt, erfährt oft mehr über seine Mitspieler als nach stundenlangen Gesprächen. Masken fallen eher, wenn Menschen eine Rolle in einem Spiel annehmen. Gefühle wie Begeisterung und Ärger, aber auch Genugtuung oder Schadenfreude überwinden schneller die natürliche Zurückhaltung und tragen zu einem lebendigen, spannenden Spielerlebnis bei. Dieses Gefühl, im menschlichen Miteinander Spannung wie im realen Leben zu spüren und gleichzeitig entspannt sein zu können, ist einer der Gründe, warum ich gerne spiele.

Sid Meier, Videospiele-Pionier

Spaß an neuen Welten

Videospiele geben uns die Möglichkeit, etwas zu erleben, was uns auf keine andere Weise offensteht – sei es als Piratenkapitän über die Meere zu segeln oder eine Zivilisation zu Größe zu führen. Wir haben Spaß dabei, Herausforderungen zu meistern, die Spieledesigner für uns kreiert haben. Zudem kann man Spaß darin finden, über ein Spiel etwas Neues zu lernen. Über all die Jahre habe ich immer wieder Briefe von Gamern erhalten, die mir schrieben, wie sie beim Spielen von „Pirates!“ etwas über spanische Galleonen gelernt hatten, dass ihr Wissen über die sieben Weltwunder vom Spielen von „Civilization“ kommt – und dass sie so über das Spielen ganz neue Interessensgebiete für sich entdeckt hatten.

Louisa Rosenheck, Pädagogische Leiterin einer globalen Lernplattform

Gemeinschaften in schwierigen Zeiten

Wir alle spielen. Aus gutem Grund, denn das Spielen ist eine großartige Möglichkeit, bedeutsame Verbindungen zu unseren Mitmenschen aufzubauen. So lernen wir: Wenn Menschen sozial spielen, handeln sie vereinbarte Regeln aus, lernen, wie sie gemeinsam Probleme lösen können, und üben sich in Empathie. Wir alle haben ein angeborenes Bedürfnis nach sozialer Verbundenheit – gerade deshalb hat uns die Gesundheitskrise so hart getroffen. Vieles von dem, was zwischenmenschliche Interaktion in der Gemeinschaft ausmacht, ist in Isolation nur schwer möglich. Spielen und Lernen jedoch nehmen Sonderrollen in einer sich stetig wandelnden Pandemielage ein. Spiele sind flexibel und der Mensch ist erfindungsreich: Jedes Mal, wenn sich die Regeln für soziale Kontakte ändern, erfinden wir neue Spiele und andere kreative Wege, in unserer Gemeinschaft zu spielen. Einige davon finden mit gebührendem Abstand im realen Leben statt, andere gänzlich online. Wieder andere vermischen die analoge und die digitale Welt. Doch sie alle helfen uns, in einer schwierigen Zeit stark zu bleiben, unsere Persönlichkeiten zu zeigen und Verbundenheit zu spüren. Unsere Welt verändert sich. Das wurde selten so deutlich wie in den letzten zwei Jahren. Doch eines bleibt gleich: Spielen und Lernen, in seinen vielen Formen, bringen Menschen zu Gemeinschaften zusammen, egal wie weit sie auch voneinander entfernt sein mögen.

Beate von Koschitzky, Leserin

Spielen ist wichtig

Wer nicht spielt, kann nicht gewinnen. Etwas auszuprobieren, führt zu neuen Erkenntnissen. „Es kommt nicht nur auf die Karten an, sondern auch darauf, wie man spielt“, pflegte mein Vater zu sagen. Als Mitspieler war er gnadenlos. Gut zu spielen und dabei gegen diejenigen zu verlieren, die radikal auf das bloße Gewinnen aus sind, ist eine Einübung in die unzweifelhaft drohenden Gemeinheiten des Lebens. Im Spiel kann ich ein anderer sein und mich rausziehen aus meinem Kontext. Zur Ablenkung und Erholung, aber auch, um neue Spannkraft zu gewinnen. Ich kann ein Sieger sein, wo ich mich sonst eher als Verlierer fühle. Spielen kann dann auch gefährlich sein und führt unter Umständen zu Realitätsverlust, insbesondere wenn man es rein maschinell oder vor dem Computer macht. Ein gutes Spiel hat daher Regeln und stellt hohe Anforderungen an Kombinationsgabe, Reaktionsfähigkeit, Geschicklichkeit und Entschlusskraft. So werden die grauen Zellen gejoggt. Die Einfühlung in die Mitspieler und ihr Verhalten spielt dabei eine ebenso große Rolle wie die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und Chancen. Spielregeln sind dazu da, das Verhalten zu kanalisieren und Ziele zu setzen. Sie bieten einen gemeinsamen Maßstab, der in Absprache mit den Mitspielern verändert werden kann. Die Diskussion um das Für und Wider solcher Veränderungen ist eine Einübung in Demokratie und fördert den Zusammenhalt in der Gesellschaft.

Felix Falk, Geschäftsführer game – Verband der deutschen Games-Branche

Ein Universum an Möglichkeiten

Games erreichen so viele Menschen wie noch nie. Weltweit spielen derzeit mehr als 2,5 Milliarden Menschen Computer­ und Videospiele – unabhängig von Alter, Geschlecht und Nationalität, Religion oder sexueller Orientierung. Nirgendwo sonst treffen mehr Menschen unterschiedlicher Hintergründe direkt aufeinander wie in der Welt der Computer- und Videospiele. Doch warum spielen Menschen Computer- und Videospiele? Weshalb greifen allein in Deutschland rund sechs von zehn Menschen zu Controller, Tastatur und Co., um Games zu erleben? Frauen dabei ebenso häufig wie Männer, Junge ebenso wie Alte. Weil digitale Spiele drei Dinge mitbringen, die sie von anderen Medien maßgeblich unterscheiden: das Spielerische, das Soziale und das Interaktive. Games sprechen unseren Spieltrieb an, der uns als Menschen schon immer innewohnt. Sie lassen uns miteinander Abenteuer erleben – nicht nur nebeneinander. Und sie binden die Spielenden aktiv in ihre Geschichten ein. Das Spielerische macht Games zu mehr als einem Unterhaltungsmedium. Sie sind Lehrmittel, Therapiebegleiter und Problemlöser. Games sind Treffpunkt für Freunde und Familien, Innovationstreiber, Pop- und auch Hochkultur, Spiegel der Gesellschaft sowie Tür zur digitalen Welt. Wer Computer- und Videospiele spielt, nutzt also nicht nur ein Medium, sondern betritt ein Universum an Möglichkeiten. Und spricht dabei eine Sprache, die alle Menschen verstehen.

Timo Zett, Pädagoge, Grafikdesigner und Spieleautor

Nimmerland auf Zeit

Warum setzt man sich an einen Tisch, schiebt Figuren, liest Karten, wirft Würfel? Vielleicht steht meine Antwort exemplarisch für viele Spiele-Enthusiaten. Denn wenn ich ein Spiel finde, dass mir gefällt, will ich es wieder und wieder spielen. Ich liebe Spiele, bei denen man besser werden kann. Ich will dann das System verstehen, verschiedene Strategien testen. Ich will gewinnen. Eigentlich genau wie beim Sport. Auf der anderen Seite liebe ich Spiele, die mich mit ihrer Atmosphäre einfangen. Mir geht es da wie mit Filmen oder Büchern. Aber im Spiel habe ich direkten Einfluss auf das Geschehen: Ich lebe dann für kurze Zeit im kreativen Feuerwerk einer anderen Person. Ein gutes Spiel ist wie eine kleine, wohlstrukturierte Welt in der großen, komplizierten. Es ist wie ein Nimmerland, in das man abtauchen kann, eine kurze Weigerung, Erwachsen zu sein. Dass sich jemand anderes diese Welt für uns ausgedacht hat, gibt mir ein starkes Gefühl von Gemeinschaft. Mindestens genauso magisch fühlt es sich an, wenn andere die Welten beleben, die meiner Fantasie entspringen. Für die Zukunft glaube ich, dass es Brettspielen genauso gehen wird wie allen Genres: Durch Digitalisierung und Globalisierung wird der Markt immer ausdifferenzierter, immer mehr Nieschen finden ihre Berechtigung durch spezialisierte Fan-Gemeinden. Wir werden Spielkonzepte, Medien und Erzählstrukturen immer weiter kombinieren. Ich freue mich auf das, was noch in uns schlummert.

Martina Maciejewski-Hofmann, Leserin

So macht Lernen Spaß

Spielen beim Lernen ist auch für Erwachsene wichtig und so gibt es Edutainment als spielerische Vermittlung von Wissen. Mit Spaß fällt das Lernen nämlich leichter. Studien belegen, dass die Stimmung, die wir beim Lernen empfinden, dafür verantwortlich ist, wo die Information im Gehirn gespeichert und verarbeitet wird. Das hat erheblichen Einfluss darauf, wie wir theoretisches Wissen im Alltag nutzen können. Zum Beispiel kann man mit unter Stress Erlerntem kaum kreativ weiterarbeiten. Mit Edutainment bringt man Spaß und Freude in jede Lerngruppe, steigert die Motivation mit spielerischen Formaten und Werkzeugen und stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Vorlesung, bei Seminaren oder in Workshops.

Gerald Köhler, Computerspiele-Designer

Schule fürs Leben

Die Gründe, warum wir spielen, sind so vielfältig wie die Spiele. Das kann die Herausforderung sein, eine schwierige Aufgabe zu lösen. Der Reiz des Wettkampfs gegen andere Spieler oder gegen den Computer. Das Durchdringen eines komplexen Systems in einem Strategiespiel. Das Gemeinschaftserlebnis mit Freunden und der Familie. Die Zusammenarbeit mit anderen Spielern. Das Entspannen bei einer Runde Solitaire. Die Lust an der Bewegung. Die Möglichkeit, in neue Rollen zu schlüpfen und Dinge auszuprobieren. Das Erlernen und Erproben von Fähigkeiten wie Kommunikation, fair gewinnen und verlieren können, sich an Regeln halten. Besonders viel Spaß macht es auch, sich eigene Spiele auszudenken und diese dann auszuprobieren. Was macht Spaß und warum? Gefährlich werden kann Spielen leider auch, vor allem wenn das Leben eines Menschen zu langweilig oder zu stressig ist. Viele moderne Spiele sind immer verfügbar und erfordern keinen menschlichen Kontakt mehr. Den Gelangweilten wird ein Strom endloser Aktivität mit überwiegend positiven Erlebnissen geboten. Die Gestressten werden beruhigt – und da das Spiel so gestaltet ist, dass es ihren Kopf vollkommen auslastet, können sie sich für einige Stunden vollkommen ausklinken. Beides ist in Maßen natürlich vollkommen ok, aber man muss auf sich und andere aufpassen. Shigeru Miyamoto, vielleicht der größte Videospiel-Designer aller Zeiten, hat das auf den Punkt gebracht: „On a sunny day, play outside.“

Thomas Schindler, Direktor Casino Baden-Baden

Natürlicher Trieb

Wer einmal in einer Spielbank war, kann zwar nicht die Frage „Warum spielt der Mensch“ beantworten. Er ahnt aber, darum spielt der Mensch im Casino: Er lässt sich an einem Ort vom Charme des Spielens einfangen. Das Casino hat das Glück institutionalisiert und demokratisiert. Früher rollte die Roulettekugel nur für die Haute volée. Heute kann jeder sein Spiel machen. Nicht von ungefähr heißt es: „Faites votre jeu“ – Machen Sie Ihr Spiel. Wer auf Rot oder Schwarz setzt, will sich einfach in ein anderes Spannungsfeld hineintasten, sein Glück versuchen – und möglichst gewinnen. Gespielt wird in einer Atmosphäre, die nicht ganz so ernst ist wie das wirkliche Leben. Im Casino findet das Spiel nicht auf einem Monitor statt, sondern live, in Gesellschaft. Dabei gehörte Glücksspiel zum sozialen Alltag, lange bevor es sich als Entertainment übersetzte. Der Urahn ist der Würfel: das Mobile Gaming der Antike. Wer die Zahlen seiner gegenüberliegenden Seiten addierte, kam auf sieben. Man bekam die angsteinflößende Zahl in den Griff. Spielerisch. Heute ist manches anders: Dem Glück wird auf die Sprünge geholfen. Gefragt sind Ratgeber der Psychologie: Für sie ist Spielen menschlich wie die Neugier. Der Mensch hat einen natürlichen Spieltrieb. Da kommt die Spielbank ins Spiel: Sie nimmt diesen Trieb unter ihre Fittiche und gibt ihm einen sicheren Ort, sich zu entfalten. Aristoteles war nie im Casino. Aber er schrieb: Spiel, damit du ernst sein kannst.

Schreib' uns deine Antwort!

Welche Überschrift willst Du Deiner Antwort geben?

Woran erkennt man Genuss?

„Der Kluge isst den Braten sofort und das Brot später“, behauptet ein Sprichwort, das vermutlich nicht von einem Vegetarier stammt. Überhaupt ist es ein veritables Minenfeld, wenn man sich aufmacht, die Genusswelt zu kartografieren: Was einer ungenießbar findet, ist einem anderen ein Hochgenuss – und was dazwischenliegt, ist manchmal ganz schön fad. Woran erkennen Sie Genuss und welche Sinne muss er kitzeln, damit das große Schwärmen beginnt? Schicken Sie uns Ihr Rezept für Genuss und schwärmen Sie mit uns.

Antwort schreiben

Dieter Meier, Konzeptkünstler, Musiker und Schokolade-Produzent

Lebenslange Aufgabe

Genuss ist ein sehr weites Feld. Es reicht vom süchtigen Golfspiel, dem einzig Zen-buddhistischen Vorgang, den der Westen erfunden hat, bis hin zu sorgfältig gedünsteten Karotten. Großen Wert lege ich auf Natürlichkeit beim Kochen. Echter Genuss ist nichts Oberflächliches, sondern ein allmähliches Verstehen der verschiedenen Aromen. Genuss ist aber auch ein Geheimnis, das man pflegt, vertieft und dem man ein Leben lang näherkommt: Genuss ist Arbeit, beim Betrachten eines Bildes von Rembrandt, dem Lesen eines Textes von Robert Walser oder dem Sich-Ausliefern eines Streichquartetts von Beethoven. Doch auch der scheinbar profane Genuss von Wein oder einer gut gelagerten Zigarre eröffnet sich erst allmählich, wenn er geliebt ist. Genuss ist aber auch das sich mühsame Herantasten an einen Philosophen, den man als Dilettant, der ich bin, ein ganzes Leben lang nie verstehen wird. Der größte Genuss ist das Sich-Fallenlassen in das Nichts unseres verrückten Planeten. Die Welt ist eine Wundertüte, die mich lebenslang verzaubert, die ich aber nie nach Hause tragen kann, auch wenn ich mir manchmal einbilde, den Irrsinn auf unserer Welt zu verstehen. Tatsächlich bin ich nur ein Zufall: Nur für Sekunden heiß ich Dieter und freue mich als Untermieter, hier auf unserem Kleinplaneten fröhlich eine Spur zu treten, auf die ich weiter gar nichts gebe, weil ich sonst nur an ihr klebe – was auf keine Weise dem wahren Genuss entgegenkäme.

Tony Wheeler, Gründer Lonely Planet

Einfach nur wow

Die Abflughalle eines Flughafens ist für mich immer wie ein Tor zum Genuss – denn hier zu sein bedeutet, dass ich mich irgendwohin aufmache. Dort angekommen, freue ich mich jedes Mal auf die Wow-Momente, eben darauf, Dinge zu sehen, die einen in Erstaunen versetzen. Zum Beispiel an einem Morgen im Himalaya die Zeltklappe zu öffnen und zu entdecken, dass es bis zum Horizont nur schneebedeckte Gipfel gibt, die am Abend noch von dichten Wolken verhüllt waren. Oder hinauf zum Kraterrand des Vulkans Nyiragongo in der Demokratischen Republik Kongo zu klettern, der zischt und Lava spuckt. Auch das Tauchen am Durchlass eines Atolls in Polynesien ist so ein Wow-Moment. Man schaut nach oben und bemerkt eine Gruppe Haie über sich, die darauf warten, dass ihnen herausschwimmende Fische in die offenen Mäuler geschwemmt werden. In der Nähe meines Wohnortes in Australien gibt es am Ufer eines Flusses eine riesige Kolonie Flughunde. Jeden Tag bei Sonnenuntergang gehen sie auf Nahrungssuche. Eines Abends bei einem Spaziergang verdunkelte sich plötzlich über mir der Himmel – er war übersäht von Flughunden. Was kann man da anders sagen als: wow. Solche Wow-Momente findet man nicht nur in der Natur, sie können auch menschengemacht sein. Sie finden sie, wenn sie auf die Skyline von Manhattan schauen, ihren Blick über das blaue Häusermeer von Jodhpur in Indien schweifen lassen – oder auf einer der vielen Brücken über die Kanäle von Venedig stehen.

Roland Mary, Gastronom

Welten mit vielen Facetten

Genießen kann man vieles, nicht nur Essen, aber Essen ist eine breite Seite des Genusses. Genuss kann sehr teuer sein, genießen ist umsonst. Es braucht dafür die Sinne, aber wohl auch den Kopf. Auf jeden Fall braucht Genuss Erinnerung, braucht die Kindheit, die Kultur. Er braucht Akzeptanz, der eine kann Schwein, der andere kann Pferd nicht essen, geschweige denn genießen. Genuss hat seine Grenzen, wir essen uns nur selten gegenseitig auf. In jedem Fall: Genuss braucht Zeit und er braucht viel Aufmerksamkeit. Er braucht Gewohnheit und Abwechslung gleichermaßen. Wenn dann alles so schön beisammen ist, ist es egal, ob es der perfekte Alba-Trüffel oder der Schluck frisches natriumarmes, mineralhaltiges, ein doch nicht so gewöhnlicher gewöhnlicher Schluck Wasser ist – oder gar der letzte Atemzug. Manche behaupten, das ganze Leben sei ein Genuss, jeder Atemzug, jede Bewegung, die man tut, ja sogar, wenn man eine Lieferpizza isst, wenn es nur bewusst erlebt wird. Mag tatsächlich so sein. Es hat weniger mit dem Objekt zu tun, sondern mit dem Erleben, welches man ihm zugesteht. So hat jeder seine Genusswelt und viele dieser Welten sind uns allen gemein. Mein Genuss ist in einem Restaurant, neben dem Essen selbst die Gemeinschaft, in der man isst. Alleine genießen erscheint unvollständig und das ist so unerklärlich wie schön.

Barbara Landauer, Leserin

Genuss ist eine sehr subjektive Sache. Man sollte aber offen und neugierig auf fremde Genüsse bleiben. Dogmatismus beim Essen ist wie in vielen andern Lebenslagen eine grundlegend falsche Einstellung.

Andrea Zietzschmann, Intendantin Berliner Philharmoniker

Tönender Atem

Genuss – woran denkt man da zuerst? An Essen, Trinken, einen besonderen Duft? Das Eintauchen in Bilder und Empfindungen? Für mich zählt auf jeden Fall die Musik dazu, das Genießen mit den Ohren, das so viele andere Sinne mit ansprechen kann. Claudio Abbado, der ehemalige Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, hat dazu einmal sehr schön formuliert: „Die Musik ist nicht nur irgendwie bewegte Luft, sondern tönender Atem, der von einem Körper erzeugt wird und auf einen anderen Körper trifft, der ihn fühlt und der deshalb antwortet.“ In meinem Beruf als Intendantin der Stiftung Berliner Philharmoniker habe ich das große Glück, mehrmals in der Woche in den Genuss des Klanges der Berliner Philharmoniker zu kommen. Die Philharmonie Berlin bietet dafür die perfekte Umgebung. Als sie 1963 eingeweiht wurde, war sie der erste Konzertsaal, der um ein Orchester und einen Dirigenten herum erbaut worden war. Wie Weinberge an den Hängen eines breiten Tales steigen die Sitzreihen des Publikums rund um das Orchesterpodium empor. Diese „demokratische“ Anordnung ermöglicht es allen Anwesenden, von überall gleichwertig in den akustischen Genuss der Konzerte zu kommen. Den Gipfel des Genusses erlebt man in den Momenten, in denen Orchester und Publikum in einen gemeinsamen „Flow“ kommen, gemeinsam atmen und sich von der Musik in andere Welten tragen lassen. Gerade jetzt, in einer so herausfordernden Zeit, ist dieser Genuss für mich lebensnotwendig.

Sabine Keggenhoff, Innenarchitektin, Architektin und Hochschulrätin

Gelebte Kultur

Genuss. Kultur. Das sind zwei Begriffe, die wir in unserer Arbeit gerne verwenden. Sie beschreiben gut, womit wir uns tagtäglich beschäftigen: mit gebautem Raum, das heißt individueller, atmosphärischer, zielorientierter Architektur und Innenarchitektur. In unserem Verständnis gehen dabei Genuss und Kultur Hand in Hand. Es lässt es sich als Kreislauf beschreiben: Genuss bewirkt Kultur bewirkt Genuss. Gebauter Raum an sich ist etwas, dass sich vorteilhaft auf seine jeweiligen Nutzerinnen und Nutzer auswirken kann und sollte. Im Privaten wie auch in öffentlichen Umgebungen, im Detail und im großen Ganzen. Verantwortliche aller Gestaltungsdisziplinen verknüpfen im Idealfall ihre Projekte nicht nur mit einem funktionalen und ästhetischen Zweck, sondern auch mit sozialen, ökologischen und gesellschaftlichen Nutzen. Gebauter Raum kann mehr, wird zur Baukultur. Diese Verknüpfungen lassen sich über alle Sinne erfahren, beleben, genießen. Idealerweise festigen sie sich als Qualitäten, schreiben sich durch ihren Erfahrungswert nachhaltig und zukunftsfähig in unser Werteverständnis als Gesellschaft ein. Neue Ausgangspunkte für Strategien, die Lebensqualität und Wertschöpfung steigern, gleichzeitig Authentizität und Einzigartigkeit wahren und neu interpretieren, werden definiert. Wir sind der Überzeugung, dass diese Idee von qualifiziertem Bauen positiv und identitätsstiftend auf uns alle wirkt. Verankert im Kopf, im Herzen und als gelebte Kultur.

Marco Müller, Sternekoch und Küchenchef

Das Gute liegt so nah

Wir alle sind geprägt von unserer Herkunft. Wie und wo wir aufgewachsen sind, bestimmt daher auch unser Genussempfinden. Und genau damit liebe ich es, als Koch zu spielen. Mit unseren Menüs konfrontieren wir Menschen mit ihrer Vergangenheit. Da gibt es etwa den Rosenkohl, der nicht bei allen die beste Erinnerung hervorruft. Vielleicht weil es ihn zu oft bei Oma gab. Oder weil die Zubereitung nicht ganz stimmte. Für mich gibt es kaum etwas Spannenderes, als Produkte zu verwenden, die kein Everybody’s Darling sind. Umso schöner ist es dann, wenn ich meine Gäste damit begeistern kann. Ein anderer Aspekt ist Regionalität. Genuss entsteht auch über das Wissen, woher die verwendeten Lebensmittel stammen. Ein Apfel schmeckt besser, wenn er nebenan gepflückt wurde, als wenn er einen langen Weg hinter sich hat. Darum arbeiten wir sehr eng mit Betrieben der Region zusammen. Außerdem ist es sehr spannend, welche in Vergessenheit geratenen Produkte wir vor der Haustür haben. Kennen Sie zum Beispiel den japanischen Knöterich? Mit meinem Küchenteam bin ich viel im Wald unterwegs, um Zutaten für unsere Menüs zu sammeln. Im Frühjahr gehen wir etwa Zapfen und Blütenstämme von Kiefern sammeln. Im Herbst schneiden wir Johannisbeeren kurz und nehmen das Holz, um aus ihm den floralen Geschmack zu ziehen. Es gleicht also einem großen Abenteuer, sich durch die Natur zu essen. Und wer am Ende dieses Abenteuers glücklich ist, weiß, was Genuss bedeutet.

Matthias Buschmann, Leser

Way of Life

In dieser schnelllebigen und von Konsum überlagerten Zeit frage ich mich oft, warum immer mehr Menschen sich ihren angeborenen Instinkt, Genuss wahrzunehmen und wertzuschätzen, durch vorgesetzten Unsinn so leicht nehmen lassen. Jeder kennt doch dieses Gefühl, diese den ganzen Körper erfassende Leichtigkeit, diese unbeschreibliche Fähigkeit, jede einzelne Zelle des Körpers darauf auszurichten, als würden die Gedanken willenlos einem Urtrieb folgen. Für mich ist Genuss mittlerweile mehr als ein Moment, ausgefüllt mit Eindrücken und Erlebnissen, sondern eine Lebensweise, die eine unerschrockene Ehrlichkeit sich selbst gegenüber erfordert. Wie bei vielen anderen Dingen auch ist Achtsamkeit und die Wahrnehmung des eigenen Inneren der Schlüssel dafür, um einen Moment genussvoll werden zu lassen. Weniger Gedanken machen, mehr auf das Gefühl hören. Traut euch. Mein Tipp: Achtet darauf, eure Umgebung und euer Umfeld glücklich zu machen – und genießt es.

Baris Toker, Künstlermanager und Konzertveranstalter

Mit offenen Herzen

Genuss ist ein Phänomen, das durch verschiedene physische Faktoren entsteht und so unser psychisches Wohlbefinden erzeugt. Das, was Genuss bei uns auslöst, muss uns vertraut sein – also eine Erfahrung in uns ansprechen – und uns gleichzeitig überraschen, aber dabei auch harmonisch wirken. Wie bei einem ganz präzisen Rezept für ein besonderes Gericht. Wir leben in einer immer schneller und lauter werdenden Gesellschaft, die uns wenig Raum zum Genießen lässt. Genuss braucht ohne Zweifel Raum und Zeit, akustischer Genuss braucht dazu auch die Stille, aus der die Musik entstehen kann. Wenn wir uns die Zeit nehmen, finden wir den nötigen Raum und die nötige Stille in den Konzertsälen, wo wir mit anderen Musikliebhabern zusammenkommen, um gemeinsam eine Sternstunde zu genießen. Als Artist Manager bin ich an den Reaktionen des Publikums während der Konzerte sehr interessiert. Menschen mit geschlossenen Augen und einem Buddha-Lächeln auf den Lippen, sitzend Tanzende, sitzend Dirigierende, „Bravo“-Rufende und so weiter. Das sind all die verschiedenen Gesichter der akustischen Genießer, die an einem Ritual teilnehmen und durch dieses gemeinsame Erlebnis den Genuss sogar noch steigern. Was während eines Konzerts auf der Bühne geschieht, ist eng mit der Stimmung des Publikums verbunden, denn ob die Künstler beim Spielen oder Singen auch zum Genuss kommen, ist sehr von dieser Stimmung abhängig, zumindest in einem höheren Maß, als man vermutet.

Schreib' uns deine Antwort!

Welche Überschrift willst Du Deiner Antwort geben?

Wie konsumieren wir richtig?

Mit Tipps zum richtigen Konsum hat in dieser Ausgabe schon der Wiener Sternekoch Paul Ivić seinen Beitrag gewürzt – und wir nehmen seine Worte gerne als Anstoß für eine größere Diskussion: Gibt es einen richtigen Konsum im falschen? Ist „Less is more“ der einzige Weg zu einem besseren Konsumverhalten? Und mal ehrlich: Muss ein Durchschnittshaushalt wirklich 18 elektronische Geräte haben – und sich jeder von uns im Schnitt alle sechs Tage ein neues Kleidungsstück kaufen? Also: Wie macht man’s richtig? Verraten Sie es uns.

Antwort schreiben

Alexander Herrmann, Sternekoch und Gastronom

Von früher lernen

Für mich ist es ein Dilemma: Das, was wir tun, um richtig zu konsumieren, kann sich auch negativ auswirken. Wer sich zum Beispiel entschieden hat, vegan zu leben, um dadurch die Abholzung des Regenwaldes zu verhindern, weil weniger Weidefläche gebraucht wird, muss sich der Situation stellen, dass weiterhin abgeholzt wird, etwa für Avocado-Plantagen. Nichts gegen Veganer. Ich will damit nur illustrieren, dass es beim Thema Konsum kein Richtig und kein Falsch mehr gibt. Ich handhabe es in meinen Restaurants so, wie wir es noch von unseren Großeltern kennen. Wir machen Lebensmittel haltbar, indem wir sie einmachen. Durch den Reifeprozess entstehen sogar gesteigerte Geschmackskomponenten. Allerdings ist ein solcher Prozess auch sehr zeitaufwendig: Bis zu zwei Jahre kann es dauern, bis ich ein Produkt von der Küchentheke in der Speisekarte habe. So wie wir früher die Lebensmittel in die Hände der Industrie gegeben haben, so sehe ich es heute als meine Aufgabe, diese möglichst selber vorzubereiten. Seit diesem Frühjahr machen wir auch die Sojasoße selbst – aus heimischen Sojabohnen und Getreidesorten. Sowieso ist es wichtig, nach Möglichkeit immer regional einzukaufen. Nicht nur wegen des Geschmacks und der Umwelt, sondern auch um unsere Landwirte zu unterstützen. Da lohnt es sich schon, im Supermarkt die Etikette von Obst und Gemüse nach ihrer Herkunft zu studieren. Nachhaltiges Konsumieren bedeutet heute, selbst viel dafür zu tun.

Fynn Kliemann, Startup-Unternehmer und Musiker

Bessere Alternative

Es gibt diesen sogenannten „No-Brainer“ nicht. Gab es nie. Genauso wenig wie kostenlosen Versand und viele weitere Werbeversprechen. Irgendwer bezahlt immer dafür und sei es unser Planet. Jede noch so kleine Konsumentscheidung muss vorher abgewogen und am besten bis hinter die Kulissen recherchiert werden. Je eher man dabei zu dem Entschluss kommt „Ach, brauch ich eigentlich nicht wirklich“, desto besser. Passiert ja oft, wenn man nicht impulsiv kauft. Die Verantwortung aber nur auf die Konsumenten abzuwälzen, hat noch nie funktioniert. Als Hersteller kann man mithelfen, weniger scheiße zu sein und den kleinstmöglichen Schaden anzurichten, aber man muss sich eben im Klaren sein, dass die effektivste CO2-Einsparung das Nichtproduzieren wäre. Ich rechtfertige mein Handeln bei der Sanierung von Immobilien, Möbelrestauration und Klamottenproduktion bisher damit, dass ich eine Alternative bieten möchte, solange es keine gibt. Durch Cradle-to-Cradle und Shared-Ownership-Ansätze bei LDGG und Re- beziehungsweise Upcycling-Prozesse im Kliemannsland, sowie konkrete Experimente wie den Transport mit einem Segelschiff und der Nutzung von ungefärbter Biobaumwolle machen wir das, was wir tun, so nachhaltig wie möglich. Je erfolgreicher wir damit sind, desto eher werden wir von den Tankern der jeweiligen Industrien kopiert und dann tut sich noch mehr. Am Ende bleibt jedoch der einzig richtige Konsum: der Verzicht darauf.

Hannes Jaenicke, Schauspieler und Umweltschützer

Folge deinem Gewissen

Die Antwort scheint mir relativ einfach: Vor „Inbetriebnahme“ des Geldbeutels beziehungsweise der Kreditkarte zuallererst das Hirn einschalten: Wie nachhaltig oder umweltverträglich ist das gewünschte Produkt? Wie ist dessen CO2-Bilanz, welchen Transportweg hat es hinter sich, wo wurde es produziert, unter welchen sozialen und ökologischen Bedingungen? Das gilt für den Autokauf genauso wie für den Kauf von Klamotten, Möbeln, Kaffee oder Lebensmitteln. Des Weiteren sollte man sich fragen, wie haltbar das Produkt ist, ob man es auch gebraucht erwerben kann und wer der Hersteller ist. Die Liste der multinationalen, ausschließlich renditegetriebenen Konzerne, die man boykottieren sollte, ist lang. Ansonsten meide ich „Made in China“, jede Form von Black Friday, versuche regional und saisonal zu konsumieren und halte mich an die simple Regel der drei R: Reduce, Re-Use, Recycle. Und wer genug Geld hat, um es zu investieren, sollte dies als Impact Investment oder zumindest sozial, ökologisch und nachhaltig tun, auch wenn einem Anlageberater zwecks Gewinnmaximierung die Aktien von Öl-, Rüstungs-, Pharma-, Chemie-, Energie- und Konsumgüterkonzernen empfehlen. Unser Geldbeutel ist eine mächtige Waffe, wir sollten ihn entsprechend einsetzen.

Ruth Schledorn, Leserin

Kultur des Teilens

Konsum war in Deutschland meiner Erfahrung nach lange ein zumeist positiv gesehener Begriff. Wir alle tun es ständig. Allerdings hat er, wie wir mittlerweile wissen, sehr üble Konsequenzen für unsere Umwelt – und somit auch für uns selbst negative Auswirkungen. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Ideen, wie man Konsum verringern kann, zum Beispiel, indem man Dinge, die zwar notwendig sind, aber nicht häufig gebraucht werden, mit den Nachbarn oder Freunden zusammen nutzt. Willi hat eine Waschmaschine, Dora hat einen mit allen wesentlichen Werkzeugen ausgestatten Bastelraum, also bastelt Willi in Doras Bastelraum, und Dora wäscht ihre Wäsche bei Willi. So etwas gibt es wirklich. Als bei uns wegen einer Reparatur das Wasser abgestellt wurde, bot mir unsere Nachbarin an, ihre Waschmaschine zu benutzen. Als ich mich begeistert bedankte, meinte sie, das sei doch kein großes Ding, ich könne ihr ja vielleicht mal irgendwann mit etwas anderem helfen. Das hat mich sehr daran erinnert, dass solche Nachbarschaftshilfe in meiner Kindheit durchaus normal war. Alle kannten sich, mochten sich nicht unbedingt, aber halfen, wenn nötig. So kann man Konsum einschränken. Auch Dinge wie Brautkleider lassen sich inzwischen ausleihen und mit dem gesparten Geld kann man die Hochzeitsreise leichter finanzieren. Vielleicht ist dies der Weg zu einer anderen Einstellung zu Konsum: less is more.

Holger Kraft, Leser

Wollen wollen

Richtiger Konsum fängt im Kopf an. Leider schalten viele Mitmenschen den gesunden Menschenverstand aus und klicken, bevor sie nachdenken. Über die Folgen eines Onlinekaufs sind sich die Wenigsten bewusst. Nicht nur, dass hier viel schneller Sachen gekauft werden, die man eigentlich gar nicht braucht. Viel gravierender sind die Auswirkungen auf Mensch, Natur und unsere Umgebung. Innenstädte veröden, weil Fachhändler und Kaufhäuser den Onlinetod sterben. Hoffnungsvolle Arbeitskräfte werden zu modernen Dienstboten, die den bewegungsunlustigen Konsumenten das Konsumprodukt zu liefern haben. Verpackungsmüll und Lieferverkehr quälen unsere Umwelt. Nur wer sich genau überlegt, was er wirklich konsumieren will, trifft bewusste Kaufentscheidungen.

HA Schult, Objekt- und Aktionskünstler

Der Tod durch Konsum

1972, auf der legendären Harald-Szeemann-documenta, ließ ich in meiner „Biokinetischen Landschaft“ 100 Tage einen US-Vietnam-Veteranen einen Berg leerer Cola-Flaschen bewachen. Es war die Hohe Zeit der Pop Art. Andy Warhol, Claes Oldenburg und James Rosenquist machten Coca Cola und Heinz Ketchup zu Ikonen des Konsums. Konsum, das schweißte die westliche Gesellschaft zusammen. Gemeinsam stimmte man ein in das hohe Lied des Verbrauchens. Und die Konsumliteraten sangen lautstark mit: „Er läuft und läuft und läuft.“ 1985 sagte ich auf der Chinesischen Mauer zu meinen Begleitern: „Eines Tages wird die Mauer leerer Cola-Flaschen höher und länger sein als eure Große Mauer.“ Heute, 2021/2022 ist es so weit. Auf einer Straße, in Peking allein, sind 80 McDonald’s. Der Müll ihrer Verpackungen türmt sich täglich bis in die ersten Etagen. Wir sind es. Jeder Einzelne von uns ist es, der die Vermüllung unseres Planeten verursacht. Jeder Einzelne ist es, der das ändern kann, ändern muss. Als dank Corona der stoßweise Atem der Weltgemeinschaft innehielt und Times Square, Roter und Potsdamer Platz sich gleichzeitig leerten, sahen wir, wie’s geht. Unsere Kiddis haben das verstanden. Es ist an uns, ihnen zu folgen. P.S.: Während ich das soeben auf dem Weg von Barcelona nach Köln schreibe, wünscht der Flugbegleiter: „Ein schönes Einkaufserlebnis an Bord.“ Es ist der alltägliche Wahn, den es gilt, zu besiegen.

Karsten Schuster, Leser

Aufklärung statt Werbung

Wir werden durch Werbung zum Konsum verleitet, denn Konsum ist wichtig für unsere Wirtschaft. Aber brauchen wir den Konsumwahnsinn wirklich? In vielen Bereichen könnten wir sparen und für die Umwelt was Gutes tun. Oft heißt es, es liegt am Verhalten der Konsumenten und wenn sich das ändert, würde sich auch die Wirtschaft ändern. Klar, wenn wir morgen alle verstanden haben, dass wir Fleisch nur einmal die Woche essen müssen und dann auch nur Fleisch ohne Antibiotika-Fütterung kaufen, kann das einen Effekt haben. Vielleicht ist der schnellere Weg aber, nicht zum Massenkonsum durch Werbung zu verleiten und mehr Aufklärung zu leisten.

Stephanie Otto, Vorsitzende des Vorstands, Berliner Stadtreinigung (BSR)

Alles im Kreislauf

Ich freue mich, dass nachhaltiger Konsum Einzug hält in unser Denken und Handeln. Wir merken das auch bei unserem immer beliebteren Zero Waste Future Festival, das zu Beginn der Europäischen Woche der Abfallvermeidung Mitte November stattgefunden hat. Gemeinsam mit Partnern setzen wir so ein sichtbares Zeichen gegen übermäßigen Konsum, Ressourcenverschwendung und zu viel Abfall in der Stadt. Anderes Beispiel: Möglichst viele regionale und saisonale Lebensmittel zu verwenden und Transportwege zu reduzieren, ist gut, geht aber nicht immer. Aus dem nicht essbaren Rest dann noch das Beste zu machen, versteht sich von selbst. Da wird Kreislaufwirtschaft konkret: In unserer Vergärungsanlage stellen wir aus Biomüll unter anderem Biogas her und betanken damit 160 unserer Müllsammelfahrzeuge. Um unsere Erde zu schützen, bedarf es aber einer gemeinschaftlichen Anstrengung von Wirtschaft, Politik, Initiativen und Bürgern. Von der Produktion über die Wiederverwendung bis zur Entsorgung, im Sinne einer umfassenden Kreislauf- und Ressourcenwirtschaft. Auch da sind Impulse wichtig: Nicht alles neu kaufen, sondern Dingen ein weiteres Leben geben. Wie in unserem Gebrauchtwarenkaufhaus. Dort verkaufen wir Artikel, die auf den Recyclinghöfen abgegeben werden. Und wir regen zu nachhaltigem Konsum an, bieten Workshops und Repaircafes an, um Re-Use erlebbar und diskutierbar zu machen. Nachhaltiger Konsum und Ressourcenschonung geht uns alle an – machen Sie mit.

Daniela Schubert, Leserin

Falsche Anreize

Wir konsumieren den ganzen Tag. Ob Zigaretten, Bier oder Lebensmittel. Der Konsum bestimmt in allen Facetten unser tägliches Leben. Was der Nachbar hat, möchte ich auch haben. Ob es Sinn macht, ob es für ihn nun notwendig war? Interessiert doch keinen. Nehmen wir mal als Beispiel Zigaretten. Sie haben absolut keinen positiven Effekt. Sie sind schädlich für die Gesundheit und der Tabakanbau ist bekannt für Ausbeutung und Kinderarbeit. Oder hat jemand mal Fair-Trade-Zigaretten entdeckt? Wenn man sich dann die ganzen Stummel am Boden anschaut, die zehn bis 15 Jahre brauchen, um in der Natur ganzheitlich zu verrotten, dann können wir uns doch sicher sein, das Konsum reguliert sein müsste. Aber das geht im Kapitalismus nicht auf.

Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer Lebensmittelverband Deutschland

Bewusst handeln

Diese Frage ist im Bereich Ernährung einfach zu beantworten: Es gibt nicht den einen richtigen Weg, sondern allein in Deutschland über 83 Millionen Wege. Ernährung ist etwas Individuelles und Persönliches. Nährstoffbedarf, Geschmacksvorlieben, Wertvorstellungen und der Lebensstil im Allgemeinen sind ausschlaggebend für den richtigen Konsum des Einzelnen. Das, was wir als Lebensmittelwirtschaft leisten können: die entsprechenden qualitativ hochwertigen Angebote zur Verfügung stellen. Und das, was wir alle als Gesellschaft leisten können: aufklären und informieren über Auswirkungen unseres Konsums, seien es jetzt die Auswirkungen von dem „Zuviel“ bestimmter Nährstoffe oder bestimmter Lebensmittelgruppen. Es mag Pläne geben für eine optimale Ernährung für die Gesundheit der Menschen und der Umwelt wie der Planetary Health Diet. Aber Verbraucherinnen und Verbraucher wollen und sollen die Wahl haben. Zum Beispiel, ob sie klassische Produktvarianten konsumieren oder mit weniger Zucker, Fett und Salz. Ob sie mehr pflanzenbasierte Zutaten, alternative Proteinquellen, Bio-Fleisch, Fleisch mit bester Haltungskennzeichnung oder Fleisch aus der Petri-Schale haben wollen. Ob Lebensmittel frisch oder fertig zubereitet sind. Ob kleine oder große Verpackung – so kann effektiv Lebensmittelverschwendung vermieden werden. Oder unverpackt mit eigenen Mehrwegbehältnissen, um Kunststoffabfälle zu reduzieren. Der richtige Konsum ist ein bewusster Konsum.

Meike Gebhard, Geschäftsführerin Utopia

Einfach mal anfangen

Siegel vergleichen, Inhaltsstoffe studieren, den Energieverbrauch checken und am besten auch auf faire Produktion achten. Nachhaltig zu leben, klingt kompliziert. Muss es aber nicht sein. Zunächst einmal gilt: Nicht für jedes Problem sind Konsumentinnen und Konsumenten verantwortlich. Dass Menschenrechte in Lieferketten eingehalten werden, dass für Soja und Palmöl keine Regenwälder abgeholzt werden, dass der Ausbau der Erneuerbaren vorankommt, das liegt zuallererst in der Verantwortung von Politik und Unternehmen. Aber auch wir alle sind in der Pflicht. Wer verantwortungsbewusst konsumieren möchte, ohne dafür ein „Umweltdiplom“ abzulegen, der sollte auf seinen gesunden Menschenverstand hören und ein paar einfache Grundsätze beherzigen. Am Anfang von nachhaltigem Konsum steht die Frage: Brauche ich das wirklich? Brauche ich noch ein weiteres T-Shirt? Brauche ich wirklich ein so dickes Auto? Und: Nicht alles, was wir brauchen, müssen wir auch besitzen. Vieles können wir auch leihen oder teilen. Wenn wir etwas neu kaufen, dann möglichst nachhaltig. Dabei helfen die bekannten Siegel und der Fokus auf die großen Hebel: Lebensmittel am besten bio und regional kaufen. Weniger Fleisch essen. Zu Ökostrom wechseln. Zu einer grünen Bank wechseln. Damit unser Geld Gutes bewirkt. Weniger fliegen – und wenn, dann kompensieren. Weniger und emissionsarm Autos fahren. Es sind wenige Dinge, mit denen wir Großes bewirken können. Anfangen lohnt sich.

Mathias John, Sprecher Koordinations- gruppe Wirtschaft, Rüs- tung und Menschenrechte, Amnesty International Deutschland

Auf Menschenrechte verpflichtet

Unternehmen müssen alle Menschenrechte respektieren. Das fordern die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte. Die Verpflichtung zu menschenrechtlicher Sorgfalt geht in der arbeitsteiligen Welt weit über den Kern der eigenen Geschäftstätigkeit hinaus: Unternehmen müssen entlang ihrer gesamten Wertschöpfungsketten vom Rohstoff oder Ausgangsprodukt bis hin zu den Endkundinnen und -kunden prüfen, ob an irgendeiner Stelle Menschenrechte gefährdet werden. Und sie müssen bei Risiken transparent und nachvollziehbar Maßnahmen zum Schutz der Menschenrechte ergreifen. Da Freiwilligkeit hier bisher nur wenig bewirkt hat, müssen jene Staaten, die völkerrechtlich an die Menschenrechte gebunden sind, per Gesetz verbindliche menschenrechtliche Sorgfaltspflichten für die Wirtschaft verankern. Diese Gesetze müssen für alle Unternehmen und für alle Schritte der globalen Wertschöpfungsketten gelten, effektive Sanktionen bei Verstößen enthalten und dabei von ihrer Geschäftstätigkeit Betroffene einbeziehen. Sie müssen bei Verstößen zur Rechenschaft gezogen werden und für Menschenrechtsverletzungen haften. Betroffene müssen dafür Klagerechte erhalten. Die Zeit drängt, zumal das deutsche Lieferkettengesetz unzureichend ist. Wir brauchen endlich einheitliche, verbindliche und wirksame Standards, um Menschenrechtsverstöße von Unternehmen zu stoppen.

Viola Schuster, Leserin

Faire Rechnung

Man kann eigentlich nur richtig konsumieren, wenn man dabei an die Auswirkungen auf den Klimawandel achtet. Hierbei wäre ein System extrem hilfreich, das bei der Preisgestaltung einen Klimapreis für jedes Produkt und jede Dienstleistung mit einberechnet. Damit könnte man Konsum gezielter steuern, denn klimagerechte Produkte werden günstiger als solche, die dem Klima nicht gut tun.

Schreib' uns deine Antwort!

Welche Überschrift willst Du Deiner Antwort geben?