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Was kann die Telemedizin?

In ländlichen Gebieten, bei Zeitnot oder eingeschränkter Mobilität: Die Telemedizin bietet viele Anwendungsmöglichkeiten, wenn der nächste Arzt weit entfernt ist. Berichten Sie uns von Ihren Erfahrungen mit der Telemedizin und welche Potenziale Sie in ihr sehen.

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Jens Spahn, Bundesminister für Gesundheit

Netzwerk der Zukunft

Telemedizin wird ein immer wichtigerer Teil unserer Versorgung: für Patienten, Pflegekräfte, Ärzte und Rettungssanitäter. Telemedizin verändert aber auch die medizinische Behandlung selbst und sorgt dafür, dass Austausch und Zusammenarbeit zwischen den Fachrichtungen besser funktionieren. Mit Telemedizin können wir den Graben zwischen der Gesundheitsversorgung in Arztpraxen und Krankenhäusern sowie regionale Grenzen besser überwinden. Sie hilft, dass nicht der Patient zu verschiedenen Experten reisen muss, sondern das Wissen der Spezialisten zum Patienten kommen kann. Ich denke dabei nicht nur an Videosprechstunden, die Patienten helfen können, weite Wege zu vermeiden. Mit Telemedizin können sich zum Beispiel Mediziner kleinerer Krankenhäuser mit Spezialisten eines Universitätsklinikums über die für den Patienten sinnvollen nächsten Schritte abstimmen. Telemedizin erleichtert den professionellen Austausch zwischen allen an der Behandlung Beteiligten. Die Vorteile für die Patienten: schnellere Diagnosen und eine zielgerichtete Behandlung. Mit Telemedizin können wir damit über Digitalisierung im Gesundheitswesen nicht nur sprechen, sondern ihre Vorteile praktisch erlebbar machen. Sie ermöglicht es, die Versorgung in ländlichen Regionen auch in Zukunft auf hohem Niveau sicherstellen zu können. Ich setze ich mich deshalb dafür ein, dass mehr sinnvolle telemedizinische Leistungen schnelleren Einzug in die praktische Versorgung halten.

Ulrich Clever, Präsident Landesärztekammer Baden-Württemberg

Im Heute ankommen

Seit jeher verbietet die ärztliche Berufsordnung die ausschließliche Fernbehandlung von Patienten mittels Telemedizin. (Video-)Telefonie durfte bislang nur mit Bestandspatienten erfolgen. Den Vätern der Berufsordnung ging es dabei nicht darum, die Ärzteschaft zu maßregeln, sondern um den Schutz und die Sicherheit der Patienten. Inzwischen ist diese restriktive Regelung überholt, denn die Medizin hat sich weiterentwickelt. Deshalb gibt es heute die „ausschließliche ärztliche Fernbehandlung“ schon vielerorts im Ausland. Sie ist fester Bestandteil des Gesundheitsmarkts und macht in Zeiten der uneingeschränkten Telefonie und des weltumspannenden Internets an Deutschlands Grenzen natürlich nicht Halt. In Baden-Württemberg haben wir daher schon 2016 einen weitreichenden Beschluss getroffen: Als erste und einzige Ärztekammer in Deutschland öffneten wir unsere Berufsordnung für die ausschließliche Fernbehandlung im Rahmen von Modellprojekten. Inzwischen haben wir sieben Modellprojekte genehmigt. Unser Weg überzeugte im Mai 2018 auch den Deutschen Ärztetag. Er empfahl den übrigen Landesärztekammern, die ausschließliche ärztliche Fernbehandlung auch in deren Berufsordnungen aufzunehmen. Dies geschieht seither sukzessive in den meisten Bundesländern. Ganz wichtig ist uns: Jeder darf, aber keiner muss diese Form der Behandlung in Anspruch nehmen. Denn digitale Techniken unterstützen die Ärzte, ersetzen aber nicht die persönliche Zuwendung.

Friedrich Koehler, Leiter Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin

Rundum besser betreut

Die Telemedizin hat für Diagnostik und Therapie verschiedene Facetten.Bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz soll sie die ambulante Therapie beim betreuenden Haus- und Facharzt – insbesondere auch in ländlichen Regionen – unterstützen, um frühzeitig eine beginnende Verschlechterung der Erkrankung zu erkennen und entsprechend intervenieren zu können. Zum Betreuungskonzept zählen die tägliche Messung und Übertragung verschiedener Vitalparameter wie Blutdruck und EKG durch die Patienten an ein fachärztlich und fachpflegerisch rund um die Uhr besetztes Telemedizinzentrum. Aber auch eine strukturierte Patientenedukation und der enge Kontakt zwischen den primär betreuenden Ärzten und dem Telemedizinzentrum sind wichtig für eine effektive Betreuung. In einer international vielbeachteten klinischen Studie konnten wir erstmalig nachweisen, dass Telemedizin bei Hochrisikopatienten mit Herzschwäche zu einer Lebensverlängerung und zu weniger Krankenhausaufenthalten führt - unabhängig davon, ob der Patient im strukturschwachen ländlichen Raum oder in einer Metropolregion lebt. Telemedizin ist damit auch geeignet, regionale Versorgungsunterschiede zwischen Stadt und Land zu kompensieren und die Versorgungsqualität insgesamt zu verbessern. Eine nächste wichtige Aufgabe besteht nun darin, ein Alltagsmodell zu entwickeln, damit möglichst viele von den rund 200.000 betroffenen Patienten in Deutschland davon profitieren können.

Markus Lindlar, Expertise am Point of Care - ASYSTED Telesonographie - Leiter Arbeitsgruppe eHealth, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)

Der Experte ist überall

Bei bemannten Raumfahrtmissionen wie auf der Internationalen Raumstation ISS wird bei gesundheitlichen Routinechecks der Astronauten oder bei Notfällen Telemedizin zur Unterstützung durch Experten am Boden eingesetzt. Aber auch auf der Erde kann Telemedizin helfen: Auf See, in schwer zugänglichen oder entlegenen, unterversorgten Regionen, bei Einsätzen in Krisengebieten und natürlich im heimischen Umfeld immobiler Menschen können Experten auch über große Entfernungen hinweg vor Ort unterstützen. Mit Hilfe von mobilen Ultraschallgeräten können zum Beispiel Sanitäter vor Ort schnell Aufnahmen erzeugen. Für die Diagnostik bedarf es aber medizinischer Experten. Dafür hat das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt kürzlich mit einem österreichischen Partner das weltweit einsetzbare Tele-Ultraschallsystem ASYSTED entwickelt. Über dieses System ist ein Experte für Ultraschall virtuell präsent und leitet den Untersucher am Einsatzort bei der Sonographie an. Ultraschallvideo und -bilder werden zur Diagnostik live zum Experten übertragen. Dadurch kann die Qualität der Ultraschalluntersuchung deutlich verbessert werden. Vor allem in kritischen Fällen wird es so möglich, frühzeitig eine Diagnose zu stellen und die Entscheidung für oder gegen einen Notfalltransport treffen zu können. Erste Feldtests bei der Bundeswehr verliefen bereits sehr vielversprechend und werden demnächst ausgeweitet.

Vera Pieper, Leserin

Seriöse Informationen

Ich wundere mich schon manchmal, warum es nicht schon längst viel mehr Telemedizin gibt. Die technischen Möglichkeiten gibt es doch bereits und wir alle nutzen sie im Alltag. Der Computerarzt ist zum Beispiel eigentlich schon im Einsatz, wenn Menschen ihre Beschwerden im Internet in die Suchmaske eingeben. Nur bekommt man da natürlich keine qualifizierte Ersteinschätzung angezeigt, sondern nur die Ergebnisse, auf die besonders oft draufgeklickt wird. Und das ist nun mal oft die schlimmstmögliche Diagnose, also irgendetwas, dass definitiv zum Tod führt. Hier wäre es wünschenswert, in Deutschland zugelassene und geprüfte professionelle Angebote zur Verfügung zu haben. Letztlich geht es für eine allererste Einschätzung ja erstmal darum, die richtigen Fragen zu stellen und dann die Antworten von einer Fachkraft auswerten zu lassen. Die Antwort kann meinetwegen auch gern erst am nächsten Tag kommen. Hauptsache ich kann seriös einschätzen, ob ich zu einem Facharzt muss – und am besten noch, zu welchem.

Jan Neuhaus, Geschäftsführer Dezernat „IT, Datenaustausch und eHealth“, Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG)

Der 24-Stunden-Experte

Telemedizin beschreibt eine Menge von Verfahren, die alle eines gemeinsam haben: Im Rahmen der Diagnostik oder Therapie werden technische Mittel eingesetzt, um Raum oder Zeit zu überbrücken. Dies kann von einem Telefon bis zur komplexen Infrastruktur gehen, die einen Operationsroboter steuert oder einem Arzt die virtuelle Präsenz bei einem Intensivpatienten ermöglicht. Telemedizin ist schon heute fester Bestandteil der Krankenhausversorgung. Im Bereich der Schlaganfallzentren muss schnell entschieden werden, um welche Schlaganfallform es sich handelt und welche Soforttherapie notwendig ist. Über eine Bildübertragung kann ein Experte die Entscheidung treffen, auch wenn der Patient nicht vor Ort ist. Damit werden die Auswirkungen eines Schlaganfalls deutlich gemindert. Beim hohen Grad der heutigen Spezialisierung in der Medizin können Experten nicht in allen Krankenhäusern vorgehalten werden. Hier kann die Telemedizin die Verlegung des Patienten ersetzen. Dies optimiert die Versorgung und hilft, Expertenwissen weiterzuvermitteln. Krankenhäuser begleiten heute Patienten mit Hilfe der Telemedizin nach Hause, um den Arzt vor Ort auf Basis entsprechender Sensordaten zu unterstützen. Patienten profitieren von der Sicherheit der 24-Stunden-Überwachung durch das Krankenhaus und bei Bedarf kann der Arzt vor Ort alarmiert werden. Einziger Nachteil ist heute noch, dass Krankenhäuser dafür Einzelverträge mit Krankenkassen schließen müssen.

Maria Pahmayer, Leserin

Der autonome Patient

Telemedizin kann helfen, den Menschen ein Stück Verantwortung für ihre Gesundheit zurückzugeben. Mit Hilfe von Technik kann jeder ein Stück weit selbst entscheiden, ob er zum Arzt geht oder ob es andere Möglichkeiten gibt. Diese Autonomie entlastet das Gesundheitssystem und hilft Ärzten, sich auf Patienten zu konzentrieren, die wirkliche Probleme haben. Ein Traum wäre eine Gesundheitsampel, bei der Grün bedeutet: „Alles in Ordnung, stell dich nicht so an.“ Gelb heißt dann: „Mach ein bisschen langsamer und versuch es mit Hausmitteln.“ Bei Rot sollte man zum Arzt gehen, idealerweise hat das System schon einen Termin gebucht und der Arzt hat die Daten auf seinem Bildschirm, damit er sich dem widmen kann, was im Mittelpunkt steht: der Gesundheit seiner Patienten.

Britta Henke, Leserin

Internet-Sport

Wir haben neulich in einer netten Runde über das Fitnessprogramm aus dem Fernsehen von früher gesprochen, als man den Frühsport „gemeinsam“ mit der auftretenden Fitnessgruppe gemacht hat. Heute gibt es ja mit dem Internet theoretisch die Möglichkeit, dass man wirklich miteinander Sport machen kann, ohne dass sich alle Teilnehmer für die Rückenschule an einem Ort treffen müssen. Da haben wir uns gedacht, dass wir sowas gerne mal machen würden: gemeinsam als Gruppe mit einem Lehrer zusammen einmal die Woche Stabilisationsübungen von zuhause – aber mit der Möglichkeit, den Lehrer vor der Übung Fragen zu stellen.

Helmut Lingen, Leser

Zukunft auf Rezept

Bis dato habe ich noch nicht viel von dem Thema Telemedizin mitbekommen. Wie so oft werden innovative Ideen von der Politik – vielleicht aus Angst vor Veränderung – gerne zurückgehalten. Für mich als Patient ergeben sich wohl eher Vorteile als Nachteile und der Arztbesuch wird vereinfacht beziehungsweise verkürzt. Lange Wartezeiten trotz Termin könnten so auch der Vergangenheit angehören. Oftmals geht man aus diesem Grund ja gar nicht erst zum Arzt. Gerade wenn man eine Erkältung hat, kennt man den Krankheitsverlauf ja schon vorher und kann sich die Zeit sparen. Ich würde es begrüßen, wenn die Telemedizin diesen Prozess beschleunigen würde und wir nicht wieder als letzte von den Vorzügen einer ortsunabhängigen medizinischen Versorgung Gebrauch machen können. Denn wenn man krank ist, dann sollte man am besten im Bett bleiben.

Jérôme Singer, Leser

Beschwerlicher Pfad

Ich hoffe wirklich sehr, dass mir die Telemedizin in naher Zukunft den umständlichen Arztbesuch ersparen kann. Nichts finde ich grauenvoller, als mich mit einer fiesen, aber dennoch ganz gewöhnlichen Grippe bei Wind und Wetter auf den Weg zum Hausarzt zu begeben und mich für oft länger als eine Stunde in ein schlecht gelüftetes Zimmer mit anderen wartenden, keuchenden, teilweise schwerkranken Patienten pferchen zu lassen, die mich womöglich mit Schlimmerem anstecken könnten. Und wenn ich dann endlich drangekommen bin, kann der Arzt sowieso nicht mehr tun, als mich für ein paar Tage krank zu schreiben und mir vielleicht noch die überflüssige Empfehlung auszusprechen, die üblichen rezeptfreien Pillen zu schmeißen. Das ginge auch per kurzem Videochat und mit viel weniger Aufwand. Die technischen Rahmenbedingungen sind schon längst gegeben. Ich kann nicht verstehen, warum eine zeitgemäße und effizientere Patientenversorgung nicht möglich ist und so viel diskutiert werden muss. In anderen Ländern ist man schon viel weiter.

Julian Klodmann, Teamleiter Medizinrobotik, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)

Die helfende Hand

Der Einsatz von Robotertechnologie in der medizinischen Diagnose und Intervention unterstützt den behandelnden Arzt bei komplexen Prozeduren, beispielsweise in der minimalinvasiven Chirurgie. Ziel ist es, derartige Eingriffe einfacher für den Chirurgen und dabei sicher und schonend für den Patienten durchzuführen. Wir vom MIRO Innovation Lab im DLR-Institut für Robotik und Mechatronik forschen mit dem Roboterarm MIRO, den wir speziell für den Einsatz im Operationssaal entwickelt haben. MIRO ist ein Leichtbauroboter mit einem Eigengewicht von zehn Kilogramm. Es war uns bei der Entwicklung wichtig, dass MIRO in Aufbau, Größe und Beweglichkeit dem menschlichen Arm ähnelt. Dadurch kann er intuitiv, feinfühlig und sicher bedient werden und – direkt am OP-Tisch befestigt – dort assistieren, wo der Platz knapp ist. Zudem kann MIRO in vielen unterschiedlichen Bereichen der Chirurgie verwendet werden. Diese Vielseitigkeit und Flexibilität erreichen wir durch den Einsatz von spezialisierten Instrumenten und durch die Anpassung der Anwendungssoftware. Aktuell konzentrieren wir uns darauf, wie wir die Assistenz während realer Prozeduren verbessern können. Dabei arbeiten wir an wissenschaftlichen Fragestellungen, die sich mit der Digitalisierung des Operationssaals beschäftigen. Mit Partnern aus Kliniken und Industrie evaluieren wir neue robotische Technologien für den kurzfristigen Transfer in den OP zum Wohl des Patienten.

Gerrit Schulz, Leser

Arztbesuch? Nicht nötig

Zu meiner Schulzeit waren meine Eltern beim Thema „Krankheitsbedingter Ausfall“ sehr streng. Ich musste also schon richtig krank sein. Unter 38 Grad Fieber ging es rigoros zur Schule. An einen Arztbesuch aus dieser Zeit kann ich mich noch sehr genau erinnern. Ich hatte eine ordentliche Grippe und daher erstmal sehr lange ausgeschlafen. Mittags kämpfte ich mich zum Arzt, obwohl klar war, dass ich eigentlich nur ein paar Tage Bettruhe brauchte. Im Wartezimmer passierte dann das Unvermeidliche: Mein Zustand wurde innerhalb von 30 Minuten immer schlechter. Irgendwann schleppte ich mich aufs Klo und klappte fast zusammen, wobei mir der Wohnungsschlüssel aus der Tasche fiel. Als mein Körper kurze Zeit später wieder hochgefahren war, machte ich mich etwas frisch, setzte mich zurück in das Wartezimmer und kam auch ziemlich schnell dran. Die Behandlung beim Arzt ging dann ganz schnell, weil es ganz offensichtlich war: Ich hatte eine Grippe. Der Arzt verschrieb mir irgendein Rezept und verordnete Bettruhe. Vor der Haustür dann der Schock: Wo ist der Schlüssel? Ich schleppte mich zurück zum Arzt und fand den Schlüssel direkt neben der Toilette liegen – Glück gehabt. Was hat das mit der Telemedizin zu tun? Ich hoffe, dass solch unsinnige Arztbesuche in Zukunft nicht mehr nötig sind. Das Treffen aller Kranken im Wartezimmer können wir uns und den Helfern in den Praxen oft wirklich sparen.

Clara Zander, Leserin

Richtig dosiert

Im Sommer war ich mit Familie in Griechenland. Auf der Insel, wo wir zwei Wochen lang blieben, gab es keine einzige Arztpraxis. Man musste erstmal mit dem Auto zum nächsten Hafen, dann weiter mit dem Schiff und wieder mit dem Auto fahrend bis zur benachbarten Stadt Stunden verlieren. Der Vater meines Mannes leidet an schwerer Herzinsuffizienz und brauchte schnell Hilfe und Rat. Zum Glück hatten wir mit seinem Arzt telefoniert und dann einen Termin über Whatsapp vereinbart. Dieser „digitale“ Arztbesuch hat ihm nicht nur seelisch beruhigt, sondern auch echt geholfen. Eine leichte Veränderung in der Dosierung seiner Medikamente und am nächsten Tag ging es schon wieder gut. Es war ja, Gott sei Dank, kein schwerer Fall. Der Arzt hatte seine Patientendaten und konnte schnell agieren. Fernbehandlung sollte man ernst nehmen und richtig einführen.

Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung

Telemedizin wirkt

Telemedizin kann unser Leben unabhängiger und sicherer machen. Sie bringt Arzt und Patient trotz räumlicher Entfernung zusammen. So können Patienten unabhängig davon, ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben, mit einem Arzt oder einem Therapeuten in Kontakt treten. Sie können gute Beratung erhalten und medizinische Werte wie ihren Blutdruck übermitteln und überprüfen lassen. Auch die Ärzte profitieren davon: Sie können ihre Fachkollegen hinzuziehen, wenn sie Spezialwissen benötigen. Telemedizin kann so Leben retten. Das hat eine klinische Studie der Charité eindrucksvoll belegt. Patienten mit Herzschwäche wurden darin telemedizinisch mitbetreut. Das Ergebnis: Sie lebten länger und verbrachten weniger Zeit im Krankenhaus als Patienten, bei denen keine Telemedizin eingesetzt wurde. Weniger Krankenhausaufenthalte und ein längeres Leben – an dem Ort, an dem man leben möchte. Dazu kann Telemedizin beitragen. Was sie nicht kann: den persönlichen Kontakt mit dem Arzt ersetzen. Dieser bleibt wichtig. Viele Anwendungen der Telemedizin sind bereits im Versorgungsalltag angekommen. Das Bundesforschungsministerium setzt sich mit seiner Förderung dafür ein, dass weitere Innovationen entwickelt und schnell in der Praxis eingesetzt werden. Im nächsten Schritt gilt es, dafür zu sorgen, dass diese telemedizinischen Anwendungen möglichst flächendeckend zur Verfügung stehen und so allen Patienten zugutekommen.

Klaus Reinhardt, Vorstandsvorsitzender Hartmannbund – Verband der Ärzte Deutschlands

Alle profitieren

Telemedizin wird die Möglichkeiten der medizinischen Versorgung in bisher noch nicht quantifizierbarem Umfang erweitern. Sie wird Ärztinnen und Ärzten, aber auch ihren Patienten, mit Blick auf die Parameter Expertise, Zeit und Raum ganz neue Optionen eröffnen. Telemedizin überwindet Entfernungen und wird zeitnah auch dort (begrenzt) ärztliche Expertise ermöglichen, wo die Distanz zwischen Arzt und Patient größer geworden ist und noch größer werden wird. Sie wird dort nicht den Arzt ersetzen, sondern den Radius seiner Aktionsmöglichkeiten erweitern und Ressourcen effektiver nutzen. Telemedizin wird auch dem Patienten Wege eröffnen und seine Versorgung zuverlässiger machen – auch unabhängig von seiner Mobilität. Kurz gesagt: Die Präsenzmedizin, also das orts- und zeitgleiche Zusammentreffen von Arzt und Patient, kann nun auch von Prozessen unterstützt werden, die Zeit und Ort der Leistungserbringung voneinander trennen. Ein weiterer wichtiger Aspekt darf bei der Telemedizin nicht aus dem Blick geraten: Sie wird künftig dem behandelnden Arzt – oder zum Beispiel auch der Pflege – im gebotenen Einzelfall immer häufiger über alle ärztlichen Fachgruppen hinweg auch das kurzfristige Heranziehen spezifischen Fachwissens ermöglichen. Die Entscheidung, wann und in welchem Umfang telemedizinische Leistungen eingesetzt werden, sollte stets in der Verantwortung von Ärzten bleiben – gerne auch in Kooperation mit anderen Gesundheitsberufen.

Inga Osmers, Chirurgin und Leiterin Berlin Medical Unit, Ärzte ohne Grenzen

Brücke in ferne Orte

Telemedizin ist ein sehr modernes Werkzeug. Aber wie eigentlich alle Werkzeuge kann auch die Telemedizin selber nichts. Ihr Potenzial liegt bei ihren Anwendern. In den Projekten von Ärzte ohne Grenzen sind die Ressourcen knapp und die Sicherheitslage ist oft angespannt. Wenige Ärzte müssen viele Patienten versorgen und die Krankheitsbilder sind vielfältig. Wir sehen Erkrankungen, die es in Deutschland nicht oder nicht mehr gibt. Die Behandlung von seltenen Tropenkrankheiten oder auch Tuberkulose wird plötzlich zur medizinischen Routine – und das bei Patienten jeden Alters, Lebensabschnitts und Umstandes, egal ob Neugeborene oder Kinder, Erwachsene oder Alte, Mangelernährte oder chronisch Kranke. Ohne die Möglichkeit vor Ort, besondere Fälle mit einem Spezialisten besprechen zu können, greifen wir mithilfe der Telemedizin auf ein internationales Netzwerk von mehr als 350 Kollegen zurück. Dazu gehören etwa Internisten und Kinderärzte mit einer besonderen Spezialisierung, zum Beispiel auf Infektionskrankheiten. 2.550 Mal konnten wir so im Jahr 2017 nicht nur den einzelnen Patienten, sondern auch den behandelnden Ärzten helfen. Denn nichts ist befriedigender und motivierender, als den Patienten ein guter Arzt zu sein. Dann lassen sich auch der wenige Schlaf, die heißen Nächte unter dem Moskitonetz und die hohe Arbeitsbelastung besser ertragen und man kehrt zwar müde, aber zufrieden aus dem Projekt nach Hause zurück.

Maximilian Stelzer, Leser

Helfer in der Not

Meine Tochter war noch keine vier Jahre alt. Es gab noch kein Internet und auch noch keine Telemedizin, jedoch die „Telefonmedizin“. Am späten Nachmittag, wilde Aktion und zack, Arm der kleinen Wilden verdreht, Radiusköpfchen raus. Ich besorgt, quasi alleinerziehend, rufe abends meinen Spezl Adam an, Mediziner, 300 Kilometer weg. Er erklärt mir, was zu tun sei, ich übe mit meinen Händen, wiederhole, schlafe drüber. Morgens in der Garderobe bin ich der Mediziner und korrigiere den Arm meiner Tochter. Dann gehen wir unnötigerweise, aber eben „zur Sicherheit“ zum Arzt. Der fragt, warum wir denn hier seien. Telefonmedizin hatte Erfolg. Danke, Adam!

Till Hartmann, Leser

Sinnvolle Ergänzung

Was kann Telemedizin? Jetzt schon mehr als manche wissen. In Krankenhäusern mit ihren chronisch dünnen Personaldecken hilft schon seit Jahren die Teleradiologie. Bildgebende Untersuchungen wie Röntgen, CT oder MRT werden hierbei vom Radiologen nicht direkt vor Ort befundet, sondern, zum Teil komplett ausgelagert, von räumlich unabhängigen externen Auftragnehmern. Doch kann die Telemedizin auch für mich als Landarzt und meine Patienten hilfreich sein? Das kommt ganz stark darauf an, wie sie implementiert wird. Oberflächlich betrachtet verbessert sich durch den vereinfachten Arzt-Patienten-Kontakt der Zugang zur ärztlichen Versorgung. Doch ob sich die ärztliche Versorgung selbst verbessert und vereinfacht, bleibt offen und ist derzeit auch Diskussionsthema in der hausärztlichen Verbandspolitik. So lehnt die Mehrzahl der jungen Hausärzte einen rein digitalen Erstkontakt mit einem Patienten ab. Zu wichtig zur Entscheidungsfindung sind das Einbeziehen aller Sinne und die körperliche Untersuchung. Zudem steht die Frage im Raum, ob der niedrigschwellige Zugang zu ärztlichen Leistungen über digitale Wege nicht zur Vervielfachung der Patientenkontakte für den Arzt führt. Dies hätte, neben einer noch weiter sinkenden Attraktivität des Landarztberufs, dann doch wieder eine schlechtere individuelle Versorgung zur Folge. Die Telemedizin wird Einzug halten, wir müssen nur sehen, wie wir sie zum Wohle der Bevölkerung sinnvoll einsetzen.

Martin Lang, Bayerischer Vorsitzender der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ)

Für Arzt und Patient

Die Telemedizin ist eine große Herausforderung für viele Ärzte in Deutschland. Viele Praxen sind am Rande ihrer Kapazität und können neue digitale Anwendungen nur schwer implementiert. Wir Pädiater nutzen das System des Telekonsils, das allgemeinärztlich tätige Kinder- und Jugendärzte mit pädiatrischen Fachärzten vernetzt. So kann ich bei Patienten, die sich mit unklaren Symptomen vorstellen, innerhalb von 24 Stunden die Meinung eines Experten einholen, um etwa eine Verdachtsdiagnose abzusichern oder eine Therapieempfehlung zu erhalten. Statt die Patienten zu überweisen, können wir in den meisten Fällen den Sachverhalt online klären. Das stärkt auch das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient und spart unnötige Arztbesuche. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Eltern diese neuen Angebote gerne nutzen. Aus meiner Sicht können telemedizinische Angebote nur dann erfolgreich sein, wenn sie asynchron funktionieren, also nicht alle Teilnehmer gleichzeitig online sein müssen. Viele der neuen digitalen Anwendungen richten sich aber nur direkt an den Patienten. Medizinische Algorithmen sollen den Arzt ersetzen, um Kosten einzusparen und sich von der ärztlichen Expertise unabhängig zu machen. Ich bin skeptisch, ob dieser Ansatz erfolgreich sein wird. Die Interaktion zwischen Arzt und Patient besteht eben nicht nur aus Zahlen und Fakten. Insofern muss die Digitalisierung im Gesundheitswesen von Ärzten mitgestaltet werden.

Esmeralda Hardny, Leserin

Daten in Gefahr

Ich stehe der ganzen Thematik doch äußerst skeptisch gegenüber. So ein Telearzt kann sich doch nicht ansatzweise vergleichbar um seinen Patienten kümmern und den Termin in der Praxis ersetzen. Der gläserne Patient, dessen Daten sicherlich auch irgendwo gespeichert werden, wäre zudem ein Schreckensszenario. Von Datendiebstählen hört man doch jede Woche.

Gernot Marx, Vorsitzender Deutsche Gesellschaft für Telemedizin (DGTelemed)

Versorgung wird Alltag

Aus vielen Bereichen wie Diagnostik, Therapie und Rehabilitation ist die Telemedizin heute nicht mehr wegzudenken. Einige aktuelle Entwicklungen, beispielsweise die Lockerung des Fernbehandlungsverbotes, die Planung eines zweiten E-Health-Gesetzes oder das Gesetz zur Stärkung des Pflegepersonals, haben dazu geführt, dass die Telemedizin immer mehr in den Fokus aller rückt, die an der Gesundheitsversorgung beteiligt sind. Die DGTelemed trägt ihren Teil dazu bei, Akteure aus Politik und Wirtschaft, Versorgung und Wissenschaft zusammenzubringen, um die telemedizinische Entwicklung im deutschen Gesundheitswesen aktiv voranzutreiben. Die Zeit drängt, das Potenzial der Telemedizin für die Patienten konsequenter zu nutzen, denn telemedizinische Anwendungen werden in vielen medizinischen Feldern immer wichtiger. Was noch fehlt, damit Telemedizin im Versorgungsalltag ankommt, sind zum einen Anpassungen in der Vergütungsstruktur, damit etwa die Personalkosten in telemedizinischen Zentren der Krankenhäuser aufgefangen werden können. Zum anderen muss die Interoperabilität der Systeme – also ihre Fähigkeit, miteinander zu kommunizieren und Daten auszutauschen – dringend optimiert werden. Mit unseren Veranstaltungen wie dem Nationalen Fachkongress Telemedizin, der gerade zum neunten Mal stattfand, oder dem „Netzwerk Innovationsfondsprojekte“ möchten wir den Diskurs rund um die Entwicklungen in der Telemedizin weiter vorantreiben.

Sebastian Zilch, Geschäftsführer Bundesverband Gesundheits-IT

Digitale Lebensretter

Während in vielen Gesellschaftsbereichen der digitale Wandel deutlich erkennbar ist, sind die bestehenden politischen und rechtlichen Strukturen oftmals noch nicht für die digitale Realität ausgelegt. So findet auch die Gesundheitsversorgung in Deutschland für die Patienten noch weitestgehend analog statt. Wenn diese mit einer Grippe am liebsten im Bett bleiben würden, müssen sie die nächste Arztpraxis aufsuchen, um dort nach langer Wartezeit persönlich einen ausgedruckten Krankenschein entgegenzunehmen. Während die Digitalisierung administrativer Prozesse also schon spürbare Mehrwerte schaffen würde, kann die Telemedizin Leben retten. Ein Potenzial, das inzwischen auch die Ärzteschaft erkannt hat: Auf dem Deutschen Ärztetag wurde in diesem Jahr beschlossen, eine ausschließliche Behandlung aus der Ferne grundsätzlich zu ermöglichen. So können etwa Patienten mit chronischen Herzerkrankungen durch die Fernüberwachung ihrer Vitaldaten vor schweren kardiologischen Ereignissen bewahrt werden. Damit telemedizinische Leistungen zur Selbstverständlichkeit werden, müssen zügig entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden: Ärztinnen und Ärzte müssen bereits in der Ausbildung im Umgang mit telemedizinischen Möglichkeiten geschult, die Leistungskataloge der Krankenkassen angepasst und die Patienten über ihre telemedizinischen Optionen informiert werden. Sicher ist: Telemedizinische Versorgung wird künftig die Gesundheitsversorgung prägen.

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Was macht Kinder glücklich?

Oft sind es die kleinen Dinge, die Kindern ein Funkeln in die Augen zaubern. Doch was können und sollten wir unseren Kindern mit- geben, damit sie nicht nur heute, sondern auch in ihrem späteren Leben glücklich sind? Wir sind gespannt auf Ihre Antworten.

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Kieran Egan, Bildungsphilosoph

Türen öffnen

Wenn man glückliche Kinder haben möchte, sollte man ihnen am besten eine Ideologie und damit verbundene religiöse Überzeugungen beibringen, diese als zentrale Stütze ihres Handelns festigen, jedwede Zweifel zerstreuen und sicherstellen, dass sie unter Gleichgesinnten leben. Denn zahlreiche Studien legen nahe, dass gläubige Menschen, egal welch unsinniger Idee sie auch anhängen, zu den glücklichsten Gruppen in der Bevölkerung zählen. Aber ist das nicht ein zu hoher Preis für das Glück? Grundsätzlich ist es erstrebenswert, glücklich zu sein, und jeden Menschen machen unterschiedliche Dinge glücklich. Wer sich mit Bildung beschäftigt, weiß, dass fehlende Bildung nicht das eigene Unglück bedeuten muss. Denn das Gegenteil von Bildung wäre Ignoranz. Der Erwerb von Kenntnissen ist ein oft mühsamer und manchmal schmerzhafter Prozess. Und er trägt oft nicht dazu bei, glücklicher zu werden. Er kann Momente der Ekstase hervorbringen, aber das ist eine andere Sache. Dabei ist es relativ einfach, bei vielen Kindern die Unzufriedenheit, die mit ihren Schulerfahrungen verbunden ist, zu reduzieren, wenn man ihre Fantasie und Emotionalität in die Gestaltung des Lehrplans einbezieht. Die Welt ist voller Wunder und leider findet davon nur ein kleiner Teil seinen Weg in den Unterrichtsalltag. Unnötige Unzufriedenheit zu reduzieren, klingt wie ein zu bescheidenes Ziel, aber es scheint dafür leichter erreichbar zu sein. Und es scheint sich zu lohnen.

Jürgen Maeno, Leser

Mehr Musik, bitte

Kleinkinder wissen: Musik macht Spaß. Erklingt der Lieblingssong, wird „Widdewiddewitt bumm bumm“ mitgesungen, mitgehüpft, hingefallen, aufgestanden und auf die Töpfe geschlagen. Das ist laut und steigert sich, bis die Kleinen lieber mit den Klötzen spielen möchten. Als Vater muss man lernen, dieses ekstatische Glück zuzulassen und nicht mit dem Satz „Sei jetzt bitte still.“ zu zerstören. Es ist später dieses Glücksempfinden, weshalb Kinder ein Instrument erlernen wollen. Hier aber erwartet sie zuerst harte Arbeit. Finger werden trainiert, eine neue Schrift gelernt und schön klingen soll es auch noch. Das könnte die Kleinen verzweifeln lassen, doch die Belohnung kommt sofort. Sobald die Töne im richtigen Moment gespielt werden, hören sie tatsächlich die Melodie zu „Ihr Kinderlein, kommet …“ – welch ein Glück! Gleich weitermachen bis „… für Freude uns macht“. Auf diesem Weg ein paar Mal sich verspielen, bis es endlich klappt. Das ist die Belohnung – nicht durch eine andere Person, sondern durch die eigene Leistung. Daraus entsteht der Flow des zufriedenen Musizierens. Und weil das so schön ist, hören Kinder auch gerne zu. Mit ihren Eltern gehen sie in Kinderkonzerte, später kaufen sie sich ein Jugendabo und werden Teil einer blühenden Kulturlandschaft. Diese zu pflegen, ist Aufgabe der heutigen Elterngeneration. Das fängt bei den Musikerziehern an und hört einfach nie auf. Glück kann man nicht kaufen, aber Kultur stetig fördern.

Thomas Stellmach, Trickfilmregisseur und Oscar-Preisträger

Anerkennung finden

Schon in frühen Jahren habe ich gemerkt, wie gut es tut, gelobt oder bewundert zu werden. Das kam zunächst durch das Reparieren von Spielsachen im Kindergarten, das Malen einer endlosen Prozession für den Pfarrer oder das Zeichnen eines Buchstabenzugs für den Grundschulunterricht meiner Mutter. Positive Feedbacks sind wichtig. Sie zeigen, dass ich wahrgenommen werde. Ich fühle mich gefordert und nützlich und bin stolz. Ich tue gerne Dinge, die für Aufmerksamkeit sorgen. Daher war ich auch der Kasperl im Kindergarten oder brachte das Publikum bei internationalen Schultheatertreffen zum Lachen. Ich gewann europaweite Malwettbewerbe und erhielt viele Filmpreise bei Schülerfilmtagen oder internationalen Amateurfilmfestspielen. Wettbewerbe spielen für mich noch heute eine wichtige Rolle. Sie sorgen für Aufmerksamkeit, ermöglichen Feedbacks, geben Anregungen, erteilen Aufgaben oder lösen einfach etwas aus. Der internationale Jugendwettbewerb „jugend creativ“, bei dem ich 1985 als bayerischer Sieger gekürt wurde und für den ich nun als Jurymitglied und Werkstattleiter tätig bin, hat sich das zur Aufgabe gemacht. Er fördert die Kreativität junger Menschen. Es ist ein großes Glück, das tun zu können, was ich schon als Kind gerne tat. Bestimmen, was passiert. Geschichten zu erfinden, deren Ablauf und Ende man zu hundert Prozent unter Kontrolle hat. So wie es zum Beispiel bei der Herstellung eines Trickfilms möglich ist.

Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Autor

Im Alltag wachsen

Was Kinder glücklich macht? Sie wollen sich sicher fühlen, sie wollen dazugehören, sie wollen anerkannt sein. Das kommt Ihnen bekannt vor? Genau, es ist auch unser Erwachsenenprogramm. Wer sich in Beziehungen wohlfühlt und etwas zu sagen hat, hat gute Voraussetzungen, um zufrieden und lebendig zu sein. Das bedeutet nicht immer Glück, aber immerhin, dass wir unser Leben mit guten Möglichkeiten bestreiten. Mehr ist nicht im Angebot. Nur, wie entsteht bei Kindern das Gefühl von Sicherheit, von Zugehörigkeit, von Anerkennung? Es entsteht im Alltag, in den tagtäglichen Beziehungen und Erfahrungen. Von Anfang an. Ich habe Schutz gefunden, wo ich in Not war. Ich bedeute den mir wichtigen Menschen etwas – nämlich die ganze Welt. Sie nehmen mich ernst. Ich kann mich einbringen und die Welt erkunden. In einem solchen Rahmen werden Kinder selbstbewusst, stark und beziehungsfähig. So wachsen sie. Gar nicht so einfach, ihnen das alles zu geben. Denn das gelingt ja umso besser, je sicherer wir Eltern selbst im Leben stehen. Und vielleicht ist das der Grund, warum auch die besten Eltern kein Anrecht auf glückliche Kinder haben. Denn ob unsere Liebe ankommt, liegt ja auch daran, ob wir selber leuchtende oder matte Augen haben, ob wir mit Freude auf die Welt blicken oder mit Unbehagen. Alles Dinge, die wir selbst nicht bestimmen können. Wir Eltern können nur das Beste aus dem Blatt machen, das wir auf der Hand haben. Und jeden Tag dazulernen.

Sabine Claßnitz, Forschungsgruppe „Creative Media“, Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (htw)

Spielerisch lernen

Kinder verfügen über eine wunderbare Eigenschaft: die Neugier. Sie möchten die Welt um sich herum entdecken, verstehen und darin einen Platz und Erfüllung finden. Zum Glücklichsein gehört für mich, dass man etwas tun kann, was einen interessiert, Spaß macht und zugleich fordert. Dies sind auch Aspekte, die vielen Spielen innewohnen. Als Folge erfahren Spielende häufig den sogenannten Flow – einen positiv wahrgenommenen Zustand, in dem man in der gegenwärtigen Tätigkeit völlig aufgeht. Ähnliches erleben Menschen, wenn sie einer Beschäftigung nachgehen, die sie stark interessiert oder fasziniert, sei es ein Hobby oder idealerweise der Beruf. Interaktive spielerische Lernformate mit digitalen Inhalten können zum Glück der Kinder beitragen, sofern ihr Rahmen den Kindern genug Freiheit lässt, Sachverhalte unvoreingenommen zu entdecken, auszuprobieren und gemeinsam etwas zu erschaffen. Gerade der Aspekt, mit anderen zusammen etwas entstehen zu lassen, sich im Entwicklungsprozess zu reiben, Diskussionen zu führen und Kompromisse einzugehen, um ein Ziel anzusteuern, ist dabei wichtiger Bestandteil der Lern- und Glückserfahrung. Wurde die Herausforderung bewältigt oder ist am Ende gar etwas Kreatives entstanden, selbst wenn es etwas anderes ist als ursprünglich erwartet, kann Glück empfunden und darüber hinaus die Selbstwirksamkeit gestärkt werden. Seid also neugierig, probiert aus, lernt und macht dies zusammen mit anderen.

Udo Kords, Leser

Werte fürs Leben

Es gibt unendlich viele Dinge, die Kinder glücklich machen können. Das ist vermutlich ihr größtes Glück. Ich wollte es aber genauer wissen und habe nachgefragt. Meine Tochter brauchte keine zwei Sekunden für die Antwort: „1) Wenn du mich morgens um vier von einer Party abholst. 2) Wenn du mir eine Schokolade auf den Schreibtisch legst. 3) Wenn du dich mit mir auch über eine nicht wirklich gute Zensur freust, die aber viel besser ist als erwartet.“ Ich glaube, hinter allen drei Beispielen stehen Glücksgefühlauslöser, die nicht nur für Kinder gelten. Es macht glücklich, wenn ich weiß, dass jemand für mich da ist, den ich immer anrufen kann. Wenn jemand an mich denkt und das zum Ausdruck bringt, indem er mir eine Freude macht. Wenn jemand nicht nur nach seinen eigenen Wertmaßstäben urteilt, sondern andere Maßstäbe respektiert. Nach meiner Erfahrung kann man diesen Befund eins zu eins ins Berufsleben übertragen. Vertrauen und gute Beziehungen sind ein zentraler Erfolgsfaktor für Unternehmen, in denen es immer mehr darauf ankommt, dass Menschen zusammenarbeiten, gemeinsam nach Lösungen suchen, Partnerschaften zu anderen Unternehmen aufbauen und enge Beziehungen zu Kunden entwickeln und pflegen. Gegenseitig entgegengebrachte Wertschätzung und Vertrauen sind Merkmale nicht nur intakter Familien, sondern gesunder Organisationen generell. Vielen Eltern ist das klar. Den meisten Managern noch nicht.

Ursula Heller, Journalistin und Fernsehmoderatorin

Zusammen helfen

Ein Selfie schießen? Normalerweise bin ich da sehr zurückhaltend. Aber Gesicht zeigen für eine segensreiche Stiftung: das macht Sinn. „Yes, we care!“ ist eine schöne und wichtige Solidaritätskampagne für Kinder mit seltenen Krankheiten. Sehr oft sind es Gendefekte, unter denen sie leiden. Zumeist ist ihr Leiden lebensgefährlich. Die rätselhaften Krankheiten sind noch nicht erforscht. Es dauert lange und ist sehr teuer, die richtige Diagnose zu stellen und eine wirksame Therapie zu finden. „Waisen der Medizin“, so werden die Patienten mit mysteriösen Krankheiten genannt, denn sie führen ein Schattendasein. Sie fallen durchs Raster. Die Krankenkasse zahlt ihre langwierigen Behandlungen oft nicht. Wo es geht, springt die Stiftung Care for Rare ein. Aber das allein reicht noch nicht. Grundsätzlich brauchen die betroffenen Kinder mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung. Viele Kinder könnten überleben, wenn es mehr exzellente Forschung gäbe. Dafür braucht es Unterstützer, die solidarisch sind und Gesicht zeigen. Eltern mit gesunden Kindern wie ich können sich nur annähernd vorstellen, wie den kleinen tapferen Patienten und ihren Familien zumute ist. Wir wollen sie nicht alleinlassen. Zusammen kann man viel bewegen, wenn sich Menschen zusammentun, mit offenem Herzen, wachen Verstand und viel Leidenschaft. Wir kümmern uns. „Yes, we care!“ Und wenn wir gemeinsam anpacken, wird daraus hoffentlich ein „Yes, we can!“

Burkhard Wilke, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter, Deutsches Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI)

Existenzielle Hilfe

4,4 Millionen Kinder sind in Deutschland nach Angaben des Kinderschutzbundes von Armut betroffen. Weltweit starben im Jahr 2017 laut den Vereinten Nationen 5,4 Millionen Kinder vor ihrem fünften Geburtstag. 250.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren werden weltweit als Soldaten missbraucht, meldet terre des hommes Deutschland. Sind das die Zahlen, die uns Auskunft geben über Glück und Unglück von Kindern? Ja und nein. Natürlich ist etwa die hohe Kindersterblichkeit in vielen Ländern eine Zahl des Schreckens, es gibt aber auch gute Nachrichten: Seit 1990 wurde sie mehr als halbiert und die Weltgemeinschaft hat sich das Ziel gesetzt, das Überleben von Neugeborenen und Kleinkindern ab 2030 weltweit zu sichern. In Deutschland sind 71 Prozent aller Organisationen, die als Zeichen besonderer Förderungswürdigkeit das DZI Spenden-Siegel tragen, ganz oder teilweise in der Kinder- und Jugendhilfe engagiert. Jeder von uns hat die Möglichkeit, gerade jetzt zu Weihnachten mit einer Spende unmittelbar dazu beizutragen, dass existenzielle Bedrohungen von Kindern genommen werden. Und doch: Kinder sind nicht schon dann glücklich, wenn sie nicht arm oder unmittelbar in ihrem Leben bedroht sind. Denn völlig unverzichtbar für das Glück der Kinder bleibt die Liebe ihrer Eltern oder der Menschen, die deren Platz einnehmen. Die sich in Liebe für das Kind interessieren, ihm Zeit schenken, Mut zusprechen und in seinem Wollen und Können unterstützen.

Christine Grieshaber, Leserin

Die ideale Kinderwelt

Als Lehrkraft an einer Fachschule für Sozialwesen, die seit fast 20 Jahren Erzieherinnen und Erzieher ausbildet, möchte ich gerne einen kleinen Beitrag zu diesem Thema leisten, denn das ist eine der Fragestellungen, mit der wir uns immer wieder beschäftigen. Meiner Meinung nach sind drei Dinge essenziell, damit Kinder zu glücklichen Menschen heranwachsen können. 1) Kinder brauchen Zeit. Zeit, sich mit sich selbst, der Welt und anderen Menschen zu beschäftigen. Zeit, die nicht verplant ist, die nicht effizient genutzt werden muss. Sie brauchen und sie wollen Zeit, die sie selbst füllen dürfen mit dem, was ihnen im Moment wichtig erscheint. Denn das ist etwas, was Kinder den Erwachsenen voraushaben: sich mit Muße einer Sache ganz hingeben und darin aufgehen zu können. 2) Kinder brauchen andere Kinder. Kinder wollen die Gemeinschaft mit anderen Kindern erleben. Gemeinsam die Welt zu entdecken. Andere Kinder sind die besten Lehrmeister in Sachen „die Welt verstehen“, „Konflikte lösen“ oder „endlich auch auf den zweithöchsten Ast klettern zu können“. 3) Kinder brauchen Erwachsene, die sie ernst nehmen und ihnen etwas zutrauen. Die in der Lage sind, die Welt so zu gestalten, dass Kinder darin ihre Potenziale ausschöpfen können. Das gelingt nur, wenn sie Kindern Raum und Zeit geben, ihre Wünsche und Vorstellungen zu äußern und wenn sie sie dabei unterstützen, ihre eigenen Interessen zu erkennen und gegebenenfalls auch umzusetzen.

Christiane Raabe, Vorstand Stiftung Internationale Jugendbibliothek

Lesen macht glücklich

Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, so gehörten die Stunden zu den glücklichsten, in denen ich in ein spannendes Buch abtauchte und lesend alles um mich herum vergaß. Lesen weckte in mir einen unbändigen Wunsch nach Freiheit und danach, die Welt kennenzulernen. Beides ist mir bis heute geblieben. Damals gab es noch keinen Pisa-Schock und Lesen galt nicht als „Kompetenz“, die man mit Leseförderung herstellen kann. Kindern und Eltern wurde auch nicht bei Eintritt in die Schule eingebläut, wie wichtig es sei, eine hohe Lesekompetenz als Voraussetzung für schulischen Erfolg zu entwickeln. Ich befürchte, dass das zweckfreie, beglückende Lesen dadurch beschädigt wurde. Lesen ist heute für viele Kinder eine lästige Pflicht. Dabei werden sie einer beglückenden Erfahrung beraubt, lesend aus ihrem durchgetakteten, oft stressigen Alltag auszusteigen. Gerade Eltern wünsche ich daher den Mut, Lesen nicht nur mit Lernen zu verbinden. In der Internationalen Jugendbibliothek versuchen wir, Kinder spielerisch an das Geheimnis des Lesens heranzuführen. Wir lesen Geschichten vor, zu denen Kinder dann Theaterstücke, Kurzfilme oder Comics entwickeln, die sie weiterschreiben oder bebildern. Wir reden mit ihnen über Geschichten und bringen sie mit Autoren zusammen. Wir versuchen, Kindern zu zeigen, dass Lesen auch vom Lernen losgelöst werden kann und ein zweckfreies Spiel mit der Fantasie ist.

Susanne Mierau, Kleinkindpädagogin, Fachbuchautorin und Bloggerin

Bedürfnisse erkennen

Was Kinder glücklich macht, klingt so einfach und dennoch so kompliziert zugleich: das feinfühlige Eingehen auf ihre Bedürfnisse nach Sicherheit, Ernährung, Schlaf, soziales Miteinander, Wertschätzung, Selbstverwirklichung. Dies sind Aspekte, die für alle Kinder gleichermaßen wichtig sind. Wenn Kinder sich verstanden fühlen - – oder uns Eltern zumindest um Verständnis bemüht erleben - – legen wir damit einen wichtigen Grundstein für die ihre gesamte weitere Entwicklung. Als Eltern ist es unsere Aufgabe, die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen und feinfühlig darauf zu reagieren. Das bildet die Basis für eine sichere Bindung. Dabei stehen die Bedürfnisse nicht im luftleeren Raum: Wir müssen sie abwägen mit unseren eigenen Bedürfnissen, denn unsere Zufriedenheit steht im Wechselspiel mit dem kindlichen Wohlergehen. Und nicht nur das: Bedürfnisorientierung richtet den Blick immer auch auf die gesamte Gesellschaft. Denn nur wenn wir die Grundbedürfnisse aller sicherstellen, können wir die Grundbedürfnisse einzelner wahren, beispielsweise in Hinblick auf Sicherheit und Ernährung. Nachhaltigkeit, Chancengleichheit und soziale Verantwortung sind deswegen ebenfalls Aspekte, die sich langfristig auf das Glück unserer Kinder und ihre Bedürfnisbefriedigung auswirken. Bedürfnisorientierung sollte nicht nur individuell, sondern gesamtgesellschaftlich und global gedacht werden.

Maja Lunde, Kinderbuchautorin

Zauberwelt der Bücher

In meiner Kindheit war eines der Dinge, die mich am glücklichsten machten, das Gefühl, mich in Geschichten zu verlieren und meine eigene Welt zu kreieren. Ich wünsche es jedem Kind, dieses Gefühl auch zu erleben. Ich kann mir nur wenige Dinge vorstellen, die lohnender wären, als Kinder an das Lesen von Büchern heranzuführen. Denn Literatur kann mehr als Freude zu vermitteln und Vorstellungskraft zu entfachen. Ich bin davon überzeugt, dass sie bei Kindern auch den Glauben an die eigenen Instinkte und Fähigkeiten stärkt. Sie gibt ihnen eine Vorstellung davon, selbst auch handlungsfähig zu sein, gehört zu werden und die eigene Realität mitgestalten zu können. Ich denke, dass es in einer Zeit, in der Kinder immer häufiger auf Bildschirme starren, wichtiger denn je ist, als Familie zusammenzusitzen, sich gegenseitig etwas vorzulesen und über die Geschichten, die man gelesen hat, zu sprechen. Als ich begann, mein neuestes Buch „The Snow Sister“ zu schreiben, hatte ich die Intention, eine Geschichte zu erschaffen, die ich auch meinen Kindern vorlesen würde. Ich glaube, dass diese gemeinsamen Momente, wenn wir ihnen etwas vorlesen, Kinder glücklich machen. Sie vermitteln ihnen das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Sie fühlen sich verbunden, nicht nur mit ihrer Familie, sondern auch mit der Geschichte selbst. Und dieses Zusammengehörigkeitsgefühl ist sehr wichtig für das Glücklichsein – bei Kindern wie auch bei uns Erwachsenen.

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Was gibt uns mehr Sicherheit?

So wie sich das Bedürfnis nach Sicherheit von Mensch zu Mensch unterscheidet, so unterschiedlich sind auch die Ansätze, mit Risiken und Gefahren umzugehen. Schreiben Sie uns, wo Sie sich mehr Sicherheit wünschen und welche Lösungen Sie für sich gefunden haben oder noch suchen.

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Julia Berkic, Bindungsforscherin

Innere Stärke

Warum sind manche Menschen sich und dem Leben gegenüber positiver eingestellt und tragen scheinbar mehr Sicherheit in sich als andere? Was die einen besitzen und anderen fehlt, haben Bindungsforscher in den letzten Jahrzehnten ausgiebig erforscht und herausgefunden: Die Substanz der psychischen Sicherheit, die immer auch Autonomie und Unabhängigkeit einschließt, wird zu großen Teilen in den ersten Lebensjahren gelegt. Allerdings sind diese Zusammenhänge nicht im Sinne einer unumkehrbaren Prägung zu verstehen. Sie bedeuten vielmehr Weichenstellungen, die eine psychisch gesunde oder ungesunde Entwicklung einleiten können, aber ein Leben lang offen sind für Veränderungen. Richtig ist jedoch: Wer in seiner Kindheit das Glück hatte, in liebevollen und kontinuierlichen Beziehungen zu lernen, seine eigenen Gefühle wahrzunehmen, einzuordnen und zu regulieren, der hat gute Chancen, auch später im Leben tragfähige Beziehungen einzugehen, sich Hilfe bei Überforderung zu holen oder in Krisenzeiten eine Art inneren Kompass zu besitzen. Wer dieses Glück nicht hatte, kann jedoch zu jedem Zeitpunkt im Leben seine eigene Geschichte ansehen und reflektieren – alleine, mit einem Partner oder auch mit einem Therapeuten. Denn durch die Erkenntnis, was man eigentlich gebraucht hätte als Kind, kann man seine heutigen Bedürfnisse klarer sehen und bestenfalls nun erfüllen. Zudem sinkt das Risiko, die Unsicherheit an die eigenen Kinder weiterzugeben.

Werner Schönenkorb, Leser

Innere Sicherheit

Jeder Mensch strebt nach Sicherheit und möchte Anerkennung und Lebenssinn erfahren. Unsere Wahrnehmungssysteme sind so ausgelegt, dass wir permanent nach körperlicher und psychischer Sicherheit streben. Falls wir gefestigte positive Bindungserfahrungen in den ersten Lebensjahren erfahren, dürfen wir uns glücklich schätzen. Dies ist eine Energiequelle für Selbstsicherheit. Ansonsten heißt es: Ärmel hoch und ran an die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, was eine spannende Aufgabe sein kann. Eine positive Grundeinstellung und ein gesunder Umgang mit Stress sind hilfreich. Ganz nach dem Motto: „Kannst du an der Situation nichts ändern, so ändere deine Einstellung zu der Situation.“ Das Minimieren von Stressoren wie sozialen Medien, E-Mails und anderen Wegbeamerei-Arien kann zu mehr psychischer Widerstandskraft führen. Sehr spannend finde ich die Erkenntnisse zu posttraumatischem Wachstum. Menschen, die sich in großer psychischer Unsicherheit bewegten, zum Beispiel in existenziellen Krisen, beziehen gerade daraus neue Kräfte. Ich arbeite mit Führungskräften, deren psychisches Sicherheitsbedürfnis oftmals mangelhaft ist. Sie versuchen – meist unbewusst – diesen Mangelzustand durch überhöhte Macht- und Kontrollmechanismen gegenüber ihren Mitarbeitenden auszugleichen. Gleiches wird in Familien von Eltern oder in der Schule gegenüber Kindern praktiziert. Dies führt zu Unsicherheit, Druck und mangelnder Selbstsicherheit.

Günther Ohland, Vorstandsvorsitzender SmartHome Initiative Deutschland

Tatsächlich sicher

Selten waren wir in Deutschland so sicher wie heute, doch die gefühlte Unsicherheit ist groß. Sie ist jedoch entscheidend dafür, ob man sich zuhause sicher fühlt. Sicher vor Einbrüchen, Feuer und Wasser. Smart Home kann tatsächlich und gefühlt viel zum inneren Frieden beitragen. Eine Standardaufgabe von Smart Home ist es daher, ein Haus oder eine Wohnung immer so erscheinen zu lassen, als wäre jemand zuhause. Potenzielle Einbrecher suchen sich eher einfache Objekte ohne anwesende Bewohner aus. Smarte Häuser können sich sogar gegen Einbruchsversuche verteidigen. Etwa durch das Herunterfahren von Außenrollläden, wenn smarte Sensoren Manipulationen an Fenstern entdecken. Größere Schäden als Einbrüche verursachen allerdings Brand und Wasser. Rauchmelder sind inzwischen Plicht, doch smarte Rauchmelder können mehr als durch Lärm alarmieren. Sie fahren im Brandfall sofort alle Rollläden hoch, um Fluchtwege zu öffnen, und schalten überall das Licht ein, damit sich die Bewohner orientieren können. Natürlich informieren die smarten Hausassistenten die Bewohner auch bei Abwesenheit. Auf Wunsch mit Bild und Video. So lässt sich ein Alarm aus der Ferne sofort verifizieren und die Polizei oder die Feuerwehr rufen. Selbst für die Erkennung von kleinsten Leitungswasserleckagen gibt es inzwischen Sensoren und Aktoren, die den Zulauf unterbrechen. Von so cleverem und smartem Hauspersonal beschützt, kann man sich zuhause wirklich sicher fühlen.

Florian Lehmann, Leser

Kenne dich selbst

Ich glaube, das Bedürfnis nach Sicherheit ist sehr subjektiv und bei jedem Menschen ganz unterschiedlich ausgeprägt. Der Klassiker ist eigentlich die finanzielle Sicherheit, die bei einigen Menschen erst bei einer ganz bestimmten Summe auf dem Konto als Notnagel beginnt. Manche Menschen verspüren Sicherheit, wenn sie den kommenden Tag bereits durchgeplant haben, vielleicht sogar schon in groben Zügen die kommenden Wochen, Monate oder sogar den kompletten Lebensabschnitt. Hier besteht natürlich die Gefahr, dass bei Veränderungen ganz schnell ein Gefühl der Unsicherheit einsetzt. Dieses Gefühl kann ganz unterschiedliche Auswirkungen haben, es kann lähmen oder auch antreiben. Ich bin sehr glücklich, dass mein Sicherheitsgefühl nicht so sehr von solchen äußeren Faktoren abhängig ist. Und das ist auch meine Antwort auf die Frage, was uns mehr Sicherheit gibt: Man muss Vertrauen in sich selbst und in seine Fähigkeiten haben. Dazu gehört auch, dass man wissen muss, was man nicht kann. Man sollte sich selbst kennen und versuchen, sich auch immer weiter kennenzulernen. Dann kann man mit allen Situationen umgehen und weiß, was man braucht und wie man sich selbst helfen kann, wenn man mal unsicher ist.

Cornelia Uckermann, Leserin

Gesunde Skepsis

Ich bin immer skeptisch, wenn ich höre, dass mehr Sicherheit versprochen wird. Denn wirklich garantieren kann man Sicherheit nicht. Es kann immer etwas passieren. Das muss aber jeder selbst irgendwann lernen. Früher war ich ein sehr unbedarftes Mädchen. Doch jede Mutter wird verstehen, was ich meine, wenn ich sage, dass sich das mit der Geburt meines Sohnes sehr verändert hat. Mit der Verantwortung kam plötzlich die Unsicherheit. Und mit der Unsicherheit kamen die Verbote. Das hat sich auch auf meinen Sohn ausgewirkt. Bei meiner Tochter habe ich darauf geachtet, dass ich nur bei den ganz großen „Gefahren“ einschreite. Und das Ergebnis sehe ich jeden Tag, denn die Kleine ist viel mutiger als der Große.

Sebastian Fiedler, Bundesvorsitzender Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK)

Kräfte bündeln

Nach wie vor weist unsere Sicherheitsarchitektur eine zu wackelige Statik auf. In Deutschland wie in Europa. BKA-Präsident Holger Münch hat Recht: „Nicht jeder muss alles können.“ Das gilt vor allem mit Blick auf die Bundesländer, in denen jeder Innenminister noch immer sein eigenes Süppchen kocht. Es gibt kaum Standards bei der Verbrechensbekämpfung, dafür über 2.000 Softwareanwendungen und fehlende Regeln für neue Formen der Zusammenarbeit. Es müsste nicht jedes Land einen eigenen Messenger-Dienst für Polizei-Smartphones anschaffen.16 unterschiedliche Polizeigesetze behindern unsere Arbeit. 16 Cybercrime-Kompetenzzentren mit identischen Fähigkeiten machen wenig Sinn. Das alles gebietet der deutsche Föderalismus nicht. Es ist vielmehr Ausdruck politischer Kurzsichtigkeit und ausgiebiger Pflege von Länderegoismen, die in Kleinstaaterei münden. Auch die EU muss sich weiterentwickeln. Unsere Forderung nach einem Europäischen FBI verweist nicht auf die USA, sondern darauf, dass Europol nicht nur Daten sammeln und analysieren, sondern auch selbst ermitteln sollte. Die Ende 2020 entstehende Europäische Staatsanwaltschaft soll nur für Zoll- und Umsatzsteuervergehen zuständig sein. Bedeutsam wäre jedoch, dass sie sich auch um Terrorismus, Organisierte Kriminalität und Cyberattacken kümmert. Das wäre ein echter Mehrwert. Ich bin sehr gespannt, wer hier im Europawahlkampf Farbe bekennt. Wir müssen europäische Kriminalität europäisch bekämpfen.

Ina Goller, Professorin für Innovationsmanagement, Berner Fachhochschule

Produktive Sicherheit

Wozu brauchen Menschen überhaupt Sicherheit? Verrückterweise brauchen wir sie immer dann, wenn wir Neues wagen, kreativ und innovativ sein wollen oder komplexe Entscheidungen fällen müssen – also in unsicheren Situationen. Sei es im Operationssaal bei einer Herztransplantation, bei der Schaffung eines neuen Blockbusters oder bei der Leitung eines Unternehmens. Psychologische Sicherheit wird von Wissenschaftlern immer mehr als die eigentliche Grundlage für erfolgreiche Teams entdeckt. Sie entsteht, wenn alle Teammitglieder das Gefühl haben, es ist sicher, ihre Meinung einzubringen, Fehler einzugestehen oder anzusprechen und um Hilfe zu bitten. Die anfängliche Skepsis gegenüber solchen soften Faktoren als Grundlage für Erfolg und das Belächeln von Wohlfühloasen im Arbeitsumfeld verschwindet meist, wenn Menschen direkt erleben, welche enorm positiven Auswirkungen psychologische Sicherheit hat und wie hart Teammitglieder miteinander diskutieren, um die beste Lösung zu finden, wenn sie sich sicher fühlen. Egal wo ich bin, versuche ich psychologische Sicherheit mitzugestalten. Mich begeistert, dass psychologische Sicherheit sehr gut und relativ schnell über Kommunikationsmuster trainiert werden kann. Achten Sie mal darauf, dass jeder im Team gleich häufig zu Wort kommt – also nicht nur die üblichen Verdächtigen reden. Das ist ein guter erster Schritt und jeder kann ihn umsetzen, noch heute. Warum also bis morgen warten?

Stefan Lorenz, Leser

Akzeptierte Regeln

Der Begriff der Sicherheit ist sehr subjektiv und in der Tat eher als eine Abwesenheit von Gefahr, insbesondere dem subjektiven Gefühl von Gefahr, zu verstehen. Daraus ergeben sich gleich mehrere Möglichkeiten, um als Individuum und als Gemeinschaft mehr Sicherheit zu verspüren. Als Einzelperson kann man direkt mit dem eigenen Verständnis von Sicherheit beginnen und hier überprüfen, inwieweit man eine komplette Absicherung benötigt, um sich sicher zu fühlen. Grundsätzlich sollte man sich auch damit abfinden, dass es die absolute Sicherheit nie geben kann. Ein wichtiger Faktor für das individuelle Sicherheitsempfinden ist zudem das Gefühl der Absicherung innerhalb einer Gemeinschaft. Gibt es hier einheitliche Regeln, die das Individuum innerhalb einer Gemeinschaft schützen und von allen Mitgliedern respektiert und berücksichtigt werden, so zahlt dies direkt in das Sicherheitsempfinden der Einzelpersonen ein. Daher ist der regelkonforme Umgang miteinander die beste Grundlage für ein sicheres Gefühl.

Sebastian Linde, Leser

Eigentlich sicher

Um ehrlich zu sein, fühle ich mich sehr sicher in diesem Land. Klar bekomme ich viel Spam und habe manchmal Bedenken, auf einen Link zu klicken, danach erpresst zu werden und mit Bitcoins meine Daten freizukaufen, doch ist es im Großen und Ganzen und nach meinem Verständnis extrem sicher in Deutschland. Unser Sicherheitsverständnis mündet eher in Bauverzögerungen von gefühlt zehn Jahren, wenn es um Brandschutz geht. Aber: Safety first!

Katharina Nocun, Autorin und Bürgerrechtlerin

Nur in Freiheit

„Der Schutz Ihrer Privatsphäre ist uns wichtig.“ Datenschutzerklärungen beginnen oft mit einer Lüge. Bei der Recherche zu meinem Buch erfuhr ich, dass mein Amazon-Clickstream des letzten Jahres 15.365 Einträge mit bis zu 50 zusätzlichen Angaben pro Klick umfasst. Laut Facebook gehöre ich zur Werbegruppe „Stress“. Das Unternehmen weiß, wie es um die Psyche unserer Kinder bestellt ist. Google verfolgt, wo App-Nutzer letzte Nacht waren. Krankenkassen bieten Prämien, wenn wir Daten des Fitness-Trackers freigeben. Diese Zukunft macht mir Angst. Wie konnte es nur so weit kommen, dass Konzerne mehr über uns wissen, als wir engsten Freunden anvertrauen würden? Woher nehmen wir die Sicherheit, dass diese Daten nicht eines Tages gegen uns verwendet werden? Unternehmen haben ein Interesse daran, uns glauben zu machen, das alles sei alternativlos. Dabei liegt es an uns zu entscheiden, welche Geschäftsmodelle uns schaden. Für Google Maps und Whatsapp gibt es gute Alternativen. Wer auf Bonusprogramme verzichtet, spart am Ende meist sogar Geld. Bei vielen Onlinediensten habe ich die Wahl. Das gilt aber nicht für staatliche Datensammlungen. Egal ob Vorratsdatenspeicherung, Geheimdienstüberwachung oder Staatstrojaner – autoritäre Parteien bekämen heute einen Überwachungsstaat auf dem Silbertablett serviert. Ich frage mich bei neuen Datensammlungen mittlerweile: Was würde eine AfD-Regierung damit anstellen? Sicher fühle ich mich dadurch nicht.

Dennis Wachowski, Leser

Sicherheit gewinnen

Das beste Rezept für mehr Sicherheit ist Erfolg und das gilt für jedes Alter. Dafür ist es nie zu früh – und vor allem nie zu spät. Am Anfang steht immer das Machen. Wer nichts anfängt, kann auch nichts erfolgreich zu Ende bringen. Da müssen Sie mal drauf achten: Unsichere Personen sind meist die, die besonders wenig selbst machen. Letztlich geht es darum, irgendwann mal was zu wagen. Mit Erfolg wird die nächste Hürde kleiner, man traut sich immer mehr und gewinnt an Sicherheit.

Friedrich Schönhoff, Leser

Warum nicht wagen

Als ich mich mit der Frage beschäftigte, kam ich immer mehr zu der Gegenfrage: „Will ich mehr Sicherheit?“ Somit verfehlt dieser Beitrag vielleicht das Thema, erweitert andererseits aber auch den Themenkomplex. Im Internet las ich ein Interview, mit Antje Steinhäuser, einer der Autorinnen des Buches „Wir.: Aalles was man über uns Deutsche wissen muss.“ Sie wurde gefragt: “was als typisch deutsch gelte.?“ Sie antwortete: „Bestimmte Klischees wie die Zuverlässigkeit, das Sicherheitsdenken – das ist schon eindeutig deutsch. „Auf der anderen Seite“, zählen junge Deutsche zu den Unerschrockensten. Sie fahren zwei Monate mit dem Fahrrad durch Indien. Das würde man nicht als typisch deutsch betrachten.“ Während ich das las, blinkten mich ständig Werbebanner von Lebens-, Haushalts-und Haftpflichtversicherungen an. Unser Sicherheitsbedürfnis scheint also für viele auch ein gutes Geschäft zu sein, was wenig verwundert; denn laut Maslowscher Bedürfnispyramide folgt die „Sicherheit“ direkt auf die „körperlichen Grundbedürfnisse.“ Doch während das Gefühl von Sicherheit den einen ruhig schlafen lässt, empfindet es der andere als Inbegriff von Spießigkeit und Stagnation. Wo ständen wir heute, ohne die vielen Menschen, deren Risikobereitschaft uns voranbringt, Lebensverhältnisse verbessert und Menschenleben rettet. Schon heute weiß ich: am Ende werde ich eher das bereuen, was ich vor lauter Sicherheitsdenken nicht erlebt habe, als dass es mir vielleicht vergönnt war, in Sicherheit alt zu werden.

Mario Berger, Leser

Schütz deine Daten

Wenn man Sicherheit im Internet haben will, ist am wichtigsten, dass man bewusst mit seinen Daten umgeht und nicht überall seine Spuren hinterlässt. Man sollte sich freimachen von dem Gedanken, dass alles im Internet, was man nicht bezahlen muss, auch umsonst ist. Man zahlt mit seinen Daten, die im besten Fall nur für kommerzielle Zwecke verkauft und ausgewertet werden. Im schlechtesten Fall werden sie kriminell genutzt. Der bewusste Umgang mit seinen persönlichen Daten sollte ganz selbstverständlich dazugehören, wenn man im Netz unterwegs ist. Das Sichersten wäre natürlich ein großer roter Knopf, auf dem steht: „Meine Daten Löschen“. Ein adäquates Mittel ist auch, einfach irgendeinen Quatsch einzugeben, wenn man nach seiner Adresse oder anderen Daten gefragt wird. Beispielsweise wäre die Google-Zentrale ein idealer Ort, um ungewollte Werbepost loszuwerden.

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