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Wie finden wir zusammen?

In Zeiten der Abgrenzung ist es wichtig, Zeichen für Gemeinschaft zu setzen. Berichten Sie uns von ihren Projekten und Orten, an denen Begegnungen und das tägliche Miteinander zur Völkerverständigung beitragen.

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Raul Krauthausen, Aktivist für Inklusion und Barrierefreiheit

Anders wird normal

Wenn die persönliche Begegnung fehlt, entstehen Vorurteile, das weiß jeder aus eigener Erfahrung. Um Begegnung zu schaffen, braucht man eine Gesellschaft, die nicht selektiert, denn Selektion verhindert Begegnung. Heute nehmen sich aber zum Beispiel viele Politiker oder Entscheidungsträger das Mandat heraus, zu selektieren: Dieser Ausländer hat die Chance auf Integration, der andere nicht. Das körperlich behinderte Kind darf in die Grundschule gehen, das geistig behinderte nicht. Wir haben aber ein Grundgesetz, in dem steht: Niemand darf aufgrund seiner Andersartigkeit benachteiligt werden. Durch Selektion entstehen auch Mythen. Zum Beispiel der Mythos, dass Kinder mit Behinderung in der Regelschule gemoppt werden. Aber wer sagt denn, dass das in der Sonderschule nicht auch passieren kann? Es kann überall Mobbing geben. Das ist also ein Schutzargument. Es meint aber nicht den Schutz der Minderheiten, sondern den der Mehrheitsgesellschaft – und zwar davor, sich mit der Situation auseinanderzusetzen. Wir müssen schon im Kindergarten die Vielfältigkeit und Andersartigkeit der Menschen zulassen und ihr Raum geben. Kinder sind neugierig und die Neugier darüber, warum ein Kind eine andere Hautfarbe oder einen Rollstuhl hat, dauert einige Minuten, danach geht es um die Lieblingseissorte. Kinder erkennen schnell das Andere als normal an. Um heute zusammenzufinden, müssen vor allem Erwachsene lernen, ein neues „Normal“ anzuerkennen.

Burkhardt Engelke, Leserin

Jeder Beitrag zählt

Seitdem ich mich mit den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung der UN beschäftige – und das ist die Grundlage für unsere Arbeit im Weltladen – kommen wir zusammen, um uns für eine bessere und gerechtere Welt einzusetzen. Dabei ist es unser Wunsch, dass Menschen aller Hautfarben und jeder Herkunft ein Leben in Freiheit führen können. Wir bieten Waren aus der südlichen Welt an, nehmen Teil an Aktionen wie „Ahlen zeigt Flagge“ und unterstützen mit unseren Möglichkeiten Organisationen, die sich mit Städten aus Afrika zusammengeschlossen haben. Wir klären über die unterschiedlichen Herangehensweisen von Industrieunternehmen und der Fairhandelsgesellschaften auf und sorgen dafür, dass viele Menschen sich in Kooperativen zusammenschließen, um ihre Produkte zu fairen Preisen anzubieten. Wir bieten Menschen Perspektiven, in ihrem Land zu bleiben, und schaffen vor Ort die Bedingungen dafür. Und wir stehen über Fairhandelsgesellschaften in Kontakt zu den Bürgern der südlichen Welt. Ich weiß, dass unsere ehrenamtliche Arbeit nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, die Supermarktmacht ist groß. Es wäre schön, wenn sich noch mehr Menschen für den fairen Welthandel einsetzen und sich von den gewohnten Strukturen verabschieden. Damit können die Menschen überall in der Welt ohne Hunger, mit sauberem Wasser und mit Bildung, um nur einige der UN-Ziele zu nennen, ihr Leben gestalten. So möchte ich gern mit Menschen aus aller Welt zusammenkommen.

Firaas A., Geflüchteter aus Syrien, heute Anlagenführer in einem Stuttgarter Familienunternehmen

Zweites Leben

Für mich war es nicht einfach, meine Heimat Syrien zu verlassen. Ich bin Ende 2014 vor dem Krieg geflohen. Ich wollte unbedingt Jura studieren und Richter werden. Doch als ich hier in Deutschland ankam und Sprachkurse belegte, merkte ich schnell, dass das sehr lange dauern würde. Aber ich wollte nicht warten. Ich wollte lernen und mich entwickeln. Wenn nicht als Richter, dann eben in einem anderen Beruf. Dass ich eine Ausbildungsstelle gefunden habe, war daher für mich ein großes Glück. Dadurch konnte ich mir hier in Deutschland ein selbständiges Leben aufbauen. Ich arbeite jetzt seit drei Jahren in einem Unternehmen in Stuttgart, das einer der führenden Anbieter von integrierten Lösungen und Markenprodukten im Bereich der Kabel- und Verbindungstechnologie ist. Meinem Arbeitgeber ist sehr wichtig, geflüchteten Menschen wie mir eine Chance zu geben. Er engagiert sich auch im Netzwerk „Wir zusammen“. Gemeinsam setzen sich darin Unternehmen für uns Geflüchtete ein, helfen sich gegenseitig und entwickeln Projekte, durch die wir uns hier in Deutschland besser einfinden können. Dafür bin ich sehr dankbar, denn es ist gar nicht leicht, in einem fremden Land Fuß zu fassen. Meine Ausbildung habe ich diesen Sommer erfolgreich abgeschlossen und wurde von meinem Arbeitgeber übernommen. Ab November werde ich mich nebenberuflich bei einem IHK-Industriemeisterlehrgang in der Fachrichtung Metall weiterbilden.

Dr. Motte, DJ und Musiker

Musik vereint

Wenn ich mich umblicke, bin ich oft ganz schockiert davon, auf welcher inhumanen Welt wir eigentlich leben. Als hätten wir die Frage danach, wer wir eigentlich sind und wie wir leben und zusammenleben wollen, vergessen. Dabei hängt davon alles ab. In welcher Beziehung stehen wir zueinander? Gibt es ein Verständnis für das Miteinander? Wenn man in der Musik an den Ursprung zurückkehrt, landet man beim Urklang, dem göttlichen Om, das mit allem verbunden ist. Dieser Urklang weckt die Sehnsucht aller Menschen, sich mit dem Klang zu vereinen. Menschen werden durch Klänge magisch angezogen – das spürt jeder, der irgendwo einen Straßenmusiker sieht und dort alle stehenbleiben. Die Musik spricht etwas an, was man nicht in Worte fassen kann. Ich entwickelte die elektronische Tanzmusik in den 1990ern mit und auch die Loveparade, weil ich wollte, dass das alle wissen sollten. Wir sahen Tanzen als neue nonverbale Kommunikationsform. Worte können oft missverstanden werden, Musik nicht. Ich wollte mit der Loveparade Einfluss nehmen für Tugenden wie Menschlichkeit und Freude. Das will ich heute noch vorleben. Und wenn ich sehe, wie viele Musikfestivals es gibt, macht mich das glücklich. Wir sollten alle zusammenkommen und miteinander tanzen, denn darüber werden wir Freunde. Das Gute an der Musik ist, dass sie alle Sprachen spricht. Toleranz reicht nicht. Wir müssen akzeptieren, dass der andere anders ist. Dann finden wir zusammen.

Monika Scheddin, Networking-Coach und Business-Speaker

Aufeinander bezogen

Networking heißt: man kennt Sie, man vertraut Ihnen und die Chemie stimmt. Es geht bei echten Verbindungen nie um Plattformen wie Facebook, Instagram und Co., denn „a fool with a tool is still a fool“. Und eine Adresse ist noch keine Verbindung. Qualitätsnetworking heißt, zu investieren, sich Zeit zu nehmen, die Person hinter der Funktion kennenzulernen. Es heißt aber auch, um Unterstützung zu bitten und sie annehmen zu können. Denn am liebsten wären wir jederzeit stark und autark. Doch gerade dann, wenn das Leben uns Zitronen serviert, entstehen die wertvollsten Beziehungen. Die Voraussetzung hierfür ist, dass wir Schwächen zulassen, Persönliches preisgeben und um Hilfe bitten. Qualitätsnetworking bedeutet auch, Anspruchsdenken aufzugeben. Das Gefühl, ich hätte das Recht auf irgendwas, ist ein fieser Verbindungskiller. Wer freundlichen Service schätzt, tut gut daran, zunächst ein freundlicher Kunde zu sein. Es bedeutet Augenhöhe: Wer die Kellnerin mies behandelt, mit dem will ich keine Geschäfte machen. Und nicht zuletzt das Würzen: Grüßen, Blickkontakt, ein Lächeln, Komplimente, eine gute Tat, ein Dankeschön, ein tolles Feedback nicht nur zu denken, sondern auch mitzuteilen – all das ist niemals ein Fehler. Kein Mensch bekommt zu viel Wertschätzung. Je digitaler die Welt um uns herum wird, desto mehr sehnen sich Menschen nach Menschlichkeit. Sie wollen nicht von Algorithmen berechnet, sondern sich wirklich gemeint fühlen.

Monika Menzel,

Gelebte Nachbarschaft

Über Twitter, Whatsapp und Co. Und indem wir nebeneinander und umeinander herum wohnen. Meine Freundin von ein paar Straßen ums Eck klopft ans Küchenfenster und fragt, ob ich mit eine Runde Gassi übers Feld gehe. Meine Nachbarin zwei Häuser weiter ruft laut und gartenübergreifend zu mir rüber und lädt zu einem kurzen Gartenplausch. Die Grundstücksnachbarin direkt neben uns werkelt im Garten, während wir zu Abend essen. Ich höre ein leises Fluchen. Mit dem Kopf deute ich in ihre Richtung und lächele dabei meinem Mann zu. Wieder flucht sie, diesmal jedoch anders. Ich rufe über die grüne Grenze ihren Namen und frage: „Brauchst du Hilfe?“ Ja. Sie muss verbunden und zum Unfallarzt gefahren werden, die Nachbarin hintendran übernimmt derweil das Abholen ihrer Tochter. So finden wir zusammen: im Garten, beim spontanen Grillen, in der WM-Garage oder einfach „uff de Gass“. Whatsapp-Gruppe ganz analog.

Arnold Kitzmann, Diplom-Psychologe und Management-Trainer

Im Sog der Masse

In der jetzigen Zeit treten zunehmend psychologische Massenphänomene auf, die die Integration und das Zusammenleben innerhalb unserer Gesellschaft erschweren. Menschen als soziale Wesen richten sich nach anderen Menschen aus, suchen Leitfiguren, schwimmen häufig mit dem Strom und Vorurteile werden schwer abgebaut. Ein starkes Individuum macht sich die Verhaltensweisen innerhalb der Massen bewusst und wehrt sich gegen Beeinflussung. Massen dagegen (re-)agieren häufig irrational und entscheiden sich gefühlsmäßig. Das sieht man zum Beispiel in den sozialen Medien, die mit ihrer Meinungsmacht Massenphänomene auslösen können. Sie können ein Meinungsbild emotional stark formen und hochschaukeln. In der Masse verändern sich Reaktionen und Bewusstsein. Die intellektuellen Funktionen werden reduziert und unbewusste Elemente kommen stärker an die Oberfläche. Es entsteht ein Gefühl unüberwindbarer Macht. Dagegen werden Verantwortungsgefühl, Wille und Urteilsfähigkeit gemindert. Die Masse steckt auch emotional an. Jedes Gefühl, jede Handlung ist in hohem Maße übertragbar und Suggestion und Nachahmung spielen eine große Rolle im Verhalten innerhalb der Masse. Wenn wir eine größere Bewusstheit für Massenphänomene entwickeln und uns dem Sog der Masse als Individuum widersetzen, verbessern wir unser Zusammenleben. Wenn wir diese Mechanismen durchschauen, kann Integration gelingen und gegenseitiger Respekt und Kompromissfähigkeit entstehen.

Sascha Ellinghaus, Leiter Katholische Circus- und Schaustellerseelsorger, Deutsche Bischofskonferenz

Tradition trifft Welt

Rund 6,2 Millionen Menschen besuchten 2017 das Münchener Oktoberfest als größtes Volksfest der Welt. Dass die Wiesn solche Massen von Menschen aus aller Welt anzieht, ist gewiss auch seiner vielschichtigen Feierkultur geschuldet. Es ist keine uniforme Partyszene, die dieses außergewöhnliche Fest prägt. Vielmehr gibt es ein breites Angebot für Menschen aller Altersstufen und Interessen, das sich unter dem Mantel des großen bayrischen Heimatfestes mit den ureigenen bayrischen Traditionen vereint. Ob ich Marschmusik oder die neuesten Charts bevorzuge, ob ich ins Festzelt gehe oder mit meinen Kindern über die Schaustellerstraße flaniere, ob ich das Backhendl oder die gehobene Küche suche, ich kann verschiedene Angebote nach meinem Gusto auswählen und nehme doch an dem einen großen Fest teil. So ist das Oktoberfest für viele Menschen vielleicht deshalb so anziehend, weil es hier immer neu gelingt, Verschiedenes in einer Art „versöhnter Verschiedenheit“ mit der Klammer der bayrischen Tradition, die weit über das Land hinaus bekannt ist, zu etwas Großem zusammenzufügen. Zu dieser Vielfalt gehört auch die Feier des Gottesdienstes im Festzelt des Oktoberfestes am ersten Wiesn-Donnerstag, der für Zeltwirte und Schausteller wie für viele Besucher aus der Region bei aller Betriebsamkeit ein Ort der Ruhe und Besinnung im Trubel des großen Festes darstellt und gerne angenommen wird – um Kraft zu tanken und 16 Tage Wiesn-Rummel zu bestehen.

Gundi Günther, Leserin

Allseits willkommen

Mich faszinieren Begegnungen mit Menschen. Oft ist es die Musik oder der Sport, was Gleichgesinnte zusammenführt, aber auch Familienfeste. Im Vordergrund steht der Wunsch, sich zu treffen, zusammenzukommen und gemeinsam etwas Schönes zu erleben. Manchmal braucht es nur eine Initialzündung, einen Gedanken und die Idee für ein Familienfest entsteht. Gerade im Zeitalter der Patchwork-Familien etwas ganz Besonderes. Da kann es durchaus sein, dass ganz neue Familienkonstellationen entstehen. Und dann bietet sich die Gelegenheit, neue Familienmitglieder kennenzulernen. Man redet und lacht miteinander und verbringt einen ganzen Tag zusammen. Der Familienstammbaum weitet sich und jeder findet sich dort wieder. Es ist schön, zu etwas so Großartigem wie Familie zu gehören.

Leonard Grosch, Landschaftsarchitekt

Soziale Stadträume

Ich wohne am Görlitzer Park in Berlin. Es herrscht dort oft eine aufgeladene Atmosphäre. Vor einiger Zeit sah ich, organisiert vom neuen Parkwächter, Schwarze und Araber zum ersten Mal zusammen Fußball spielen. Mich berührte dies sehr. Ich konnte spüren, wie Spannungen sich milderten und sich eine Verbindung zwischen diesen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen bildete. Solche Erlebnisse und meine Erfahrungen aus Projekten haben mich und meine Sicht auf die Landschaftsarchitektur grundsätzlich verändert. Der Fokus hat sich verschoben: weg vom kreativen Entwurf als Selbstzweck hin zur daraus sich ergebenden gesellschaftlichen Verantwortung. Bei der Gestaltung des Parks am Gleisdreieck habe ich realisiert, welche Möglichkeiten ich als Planer habe, gezielt auf die Begegnung und die Kommunikation der Nutzer hinzuwirken. Ich sehe in den Planungen eine stärkere soziale Verantwortung. Die Möglichkeiten von Landschaftsarchitekten, soziale Heilungsprozesse in Städten positiv zu beeinflussen, sind nicht zu überschätzen, aber sie sind da. Ich würde mir wünschen, dass mein Berufsstand dieses Potenzial der gesellschaftlichen Mitgestaltung erkennt und noch stärker ausschöpft. Nur so kann auch Druck auf die Politik ausgeübt werden. Auf dass es eines Tages Common Sense wird, dass ein paar Millionen für einen Park und dessen Pflege nachhaltig angelegtes Geld im Sinne eines friedlichen und freudvollen Zusammenlebens in der Bevölkerung sind.

Malte Hübner, Veranstalter Critical Mass Hamburg

Die neue Rad-Bewegung

In beinahe jeder größeren Stadt lässt sich am letzten Freitag im Monat ein einzigartiges Phänomen namens Critical Mass beobachten: Mitten in der Stadt sammeln sich scheinbar zufällig Radfahrer an einer Straßenecke, auf einem Platz oder in einem Park. Binnen kürzester Zeit werden es mehr und mehr Menschen, die sternförmig einen Treffpunkt ansteuern. Scheinbar plötzlich setzen sich die Räder in Bewegung, eine teilweise kilometerlange Schlange von Radfahrern schlängelt sich bis zu drei Stunden lang kreuz und quer durch die Häuserschluchten. Die Critical Mass ist für alle etwas anderes: Die einen möchten für den Radverkehr demonstrieren, die anderen ihre Freunde treffen, manche einfach nur die Straßen aus einer neuen Perspektive kennenlernen. Die Masse funktioniert auf ihre ganz eigene Weise, jede Stadt hat ihre Eigenheiten. In der Regel gibt es keine vorgegebene Route, keine festgelegten Ziele. Die Richtung geben jene Teilnehmer vor, die gerade vorne fahren. Es gibt keine übergeordnete Autorität, keinen Anführer. Die Critical Mass definiert sich allein durch ihre Teilnehmer. Jeder kann etwas beisteuern und eigene Visionen einbringen. So strahlen aus dem Umfeld einer Critical Mass immer wieder innovative Projekte aus – sei es eine kleine Selbsthilfewerkstatt zur Fahrradreparatur oder eine der unzähligen Radentscheid-Bewegungen, die ihre Stadt vom Auto weg wieder auf das Miteinander zwischen Menschen ausrichten wollen.

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